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Yes, No, Maybe

von mairio
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
Chiaki Nagoya Hijiri Shikaido Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
29.09.2018
15.02.2019
20
86.699
17
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01.01.2019 6.417
 
Chapter 14: Confused Feelings

„I-Ich…uhm…“
Ein paar Male machte Maron den Mund auch und versuchte was zu sagen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Wie eingefroren stand sie vor Hijiri, der ihr immer noch kniend die Box mit dem goldenen Ring entgegenhielt. Mit einem hoffnungsvollen Lächeln wartete er auf ihre Antwort.
Wie viele Sekunden waren nun vergangen? Für Maron fühlte es sich wie Stunden an.
Ihr Verstand schrie förmlich danach „Ja“ zu sagen. Doch sie konnte es nicht.
Wieso kann ich es nicht sagen?!, ging es ihr frustriert durch den Kopf.
„Maron?“
Hijiri’s Stimme ließ sie zusammenzucken. Maron sah, wie er sich aufrichtete und sie verwundert und besorgt zugleich anblickte.
Schweigend ließ sie ihren Blick zu Boden sinken. Sie sollte glücklich sein. Ihr Herz sollte bei dem Antrag vor Freude zerspringen. Dem war jedoch nicht so.
Maron verstand sich selbst nicht mehr. Schließlich liebte sie ihn doch. Oder?
Wieso brachte sie dieses eine simple Ja-Wort nicht zustande?
Hijiri, der ihr Schweigen beobachtete, zog irritiert die Brauen zusammen und ging einen Schritt auf sie zu. „Bitte sag et-“
„Nein.“, sagte sie leise.
Ihr Gegenüber hielt abrupt inne, die Augen ungläubig geweitet. „W-Was?“
„Nein.“, wiederholte Maron, die Stimme klar und deutlich. „Das ist meine Antwort…“ Sie sah mit traurigen Augen zu Hijiri auf. „E-Es tut mir leid…“, fügte sie hinzu.
Der Rothaarige brauchte einige lange Augenblicke, um zu verstehen, was soeben passiert war. Resigniert klappte er die Box zu und streckte sie sich in die Hosentasche.
Enttäuschung und Verwirrung waren in seinen Augen abzulesen. Maron sah, wie sich seine Gesichtszüge verhärteten und seine Lippen sich zu einem dünnen Strich zusammenpressten.
Sie ließ ihre Augen in die andere Richtung schweifen.
„… Kann ich wenigstens fragen, wieso?“, hörte sie ihn in einem monotonen Ton schließlich sagen. Hijiri wandte sich ihr wieder zu. Die dunklen Augen mit einem ernsten Blick versehen.
Maron musste schwer schlucken.
Ja, wieso? Wenn sie es selbst doch wüsste!
„I-Ich liebe was wir jetzt haben.“, begann sie zu sagen, versuchte so ruhig wie möglich zu klingen und schaute ihn direkt an. Nervosität stieg in ihr auf. „U-Und ich bin wirklich -wirklich- glücklich über den Antrag-…“ Sie stoppte sich mitten im Satz und biss sich auf die Lippe.
„Komm mir jetzt bitte nicht mit einem ‚aber‘.“, warf Hijiri ein, die Arme vor sich verschränkt. „Ich will keine halbherzigen Ausreden hören.“
Verzweifelt sah Maron kurz zur Seite. „… Können wir später darüber reden?“
„Ich bezweifle, dass ich fähig bin über was anderes jetzt reden zu wollen.“
„O-Okay.“ Sie lächelte nervös. „Nun… Ich- Ich bin wie gesagt glücklich mit allem und ich bin glücklich über den Antrag und dass du dir Gedanken über unsere Zukunft gemacht hast…“
„Wenn du so glücklich bist, wie du sagst… Dann sollte der nächste Schritt für eine offizielle Bindung doch kein Problem für dich sein.“
„D-Doch! Ist es...“
„Wieso?“
„... Ver-Vergiss es!“, schüttelte sie mit den Kopf und hob frustriert die Hände in die Höhe. „Vergessen wir die Sache einfach!“
„Nein, Maron!“, sprach er auf sie ein, „Wieso kannst du mir nicht einfach sagen, wieso-...“
In dem Moment verlor Maron ihre Beherrschung.
„Hör zu, ich will dich nicht heiraten!!! Ich will und kann es einfach nicht!!“, platzte es ihr laut und panisch heraus. Erschrocken hielt sie sich die Hände vor den Mund, nachdem die Worte ausgesprochen waren.
Hijiri starrte sie fassungslos und schockiert an.
Beschämt drehte Maron sich abrupt weg und ging mit schnellen Schritten davon, ließ ihn an Ort und Stelle stehen.
***

„Hast du nicht eine Freundin, der du auf den Keks gehen kannst?!“, brummte Chiaki genervt, während Shinji lässig einen Arm über seine Schultern platziert hat und mit ihm durch die Straßen schlenderte.
„Die ist noch in Okayama bei ihrer Familie. Außerdem brauchst du Ablenkung!“
„Brauche ich nicht!“
„Doch!“
„Du suchst auch nur nach Gründe, um mit mir einen Trinken gehen zu wollen.“
„Das streite ich nicht ab.“, grinste Shinji.
„Such dir andere Hobbies.“, rollte sein blauhaariger Freund mit den Augen und entfernte den Arm von seinen Schultern.
Eigentlich wollte Chiaki den Abend zu Hause verbringen und Trübsal blasen. Leider wurden diese Pläne zunichte gemacht, als sein bester Freund unangekündigt vor seiner Tür stand und ihn nach draußen zerrte.
Gerade betraten die beiden jungen Männer einer ihrer Stammbars, als sie merkten, dass diese von hinten nach vorne voll war und keine freien Plätze aufwies.
„Gehen wir woanders hin.“, sagte Chiaki zu Shinji und ging wieder Richtung Ausgang.
„Hey, Chiaki!“, ertönte von hinten urplötzlich Hijiri’s Stimme. Der Angesprochene drehte sich um.
„Wa-“ Bevor Chiaki irgendwas sagen konnte, spürte er wie eine Faust seine linke Gesichtshälfte traf. Einige Leute drehten sich mit verstohlenen Blicken um.
„Wowowow!!“ Shinji stellte sich sofort dazwischen, hielt beide jeweils mit einer Armlänge Abstand voneinander fern. „Keinen Schritt weiter, Freundchen!“
Hijiri blieb zähneknirschend vor dem Lilahaarigen stehen und stierte Chiaki wütend an.
„Wofür zum Teufel war das denn?!“, fragte Shinji entsetzt.
Hijiri ignorierte ihn.
„Etwas in mir sagte, dass du es verdient hast.“, sagte er an Chiaki gerichtet.
Dieser rieb sich perplex seine schmerzende Gesichtshälfte. Er versuchte zu verstehen, wieso war der Kerl überhaupt hier war. Und das allein, wie es schien.
Automatisch stellte sich in ihm die Frage wo Maron war, wenn nicht bei ihrem Freund?
„Wenn ihr euch prügeln wollt, dann erledigt das draußen! Gerne schmeiß ich euch persönlich raus!”, kam es als Warnung vom Barkeeper.
Damit machte Hijiri mit erhobenen Händen zwei langsame Schritte zurück und kehrte den beiden Freunden den Rücken zu.
„W-Warte.“ Chiaki erholte sich von seinen minimalen Schock. „Wo ist Maron?“
Hijiri versteifte sich bei der Erwähnung ihres Namens. Er drehte sich nicht um.
„…Keine Ahnung.“, antwortete er, die Stimme tonlos. „Ist vor einer Weile weggelaufen, nachdem sie meinen Antrag abgelehnt hat.“ Damit verschwand er schließlich unter der Menge.
„W-Was…“ Irritiert sah der junge Arzt ihm hinterher.
„Arsch.“, fluchte Shinji, als er Chiaki nach draußen dirigierte. Beide entfernten sich einige Meter von der Bar.
„Hast du gehört was er gesagt hat?“ Erfreut grinste Shinji seinen besten Freund an. „Sie hat ‚Nein‘ zum Antrag gesagt, Kumpel!“
Chiaki brauchte einige Momente, um die Worte auf sich wirken zu lassen. Bei der Realisation machte er großen Augen.
Sie hatte ‚Nein‘ gesagt!
Eine schwere Last fiel ihm von den Schultern. Nahezu befreit atmete Chiaki tief ein und wieder aus.
Sie hatte ‚Nein‘ gesagt…, ging es ihm immer und immer wieder durch den Kopf.
„Unglaublich…“, brachte er leise hervor.
„Ich dachte, du würdest glücklicher aussehen.“, merkte Shinji an.
„… Mein Gesicht tut noch zu sehr weh, um glücklich zu sein.“ Chiaki strich sich mit beiden Händen durch die Haare und zog scharf Luft ein. „Ich glaub, ich muss das erstmal sacken lassen…“
Shinji nickte verstehend und klopfte ihm auf die Schulter. „Glaube ich dir, Kumpel. Wir können später anlässlich dessen eine Party schmeißen!“
Daraufhin konnte Chiaki nur Lachen und die kurzweiligen Schmerzen waren vergessen. Sein Grinsen verschwand in der nächsten Sekunde jedoch wieder.
„Da fällt mir ein… Maron ist weggelaufen, hat er gesagt…“, stellte er bestürzt fest.
Shinji zog argwöhnisch die Augenbrauen hoch. „Ich denke, unser Schläger da drüben war ein bisschen melodramatisch und hatte eindeutig einen Bier zu viel gehabt. Bestimmt ist sie schon zu Hause.“
Ehe man sich versah, hatte Chiaki schon sein Handy rausgeholt und rief Maron’s Nummer an. Sofort kam die automatische Ansage, dass die Nummer nicht erreichbar war.
Ist ihr Handy aus?, fragte er sich, als er auf das Display blickte, die Brauen besorgt zusammengezogen.
Dann rief der Blauhaarige bei den Kusakabes an.
„Kusakabe?“, ertönte am anderen Ende Korron’s Stimme.
„Hallo, hier ist Chiaki. Uhm… Ich wollte fragen, ob Maron da ist…“
„Sie ist nicht hier. Vor ein paar Stunden hatte sie mir eine SMS geschrieben, dass sie nach der Arbeit den Abend mit Hijiri verbringen würde.“
„Oh… Okay.“
„Ist was passiert?“, fragte Korron besorgt.
„Ach, ehm, Nein, nein, nein. Keine Sorge.“, log Chiaki und fügte schnell hinzu, „Ich wollte nur fragen. Ehm… Tut mir leid, dass ich noch so spät störe. Kommt nicht wieder vor.“
„Chiaki, warte!“, warf Maron’s Mutter ein, bevor er auflegen konnte.
„J-Ja…?“
Es dauerte fünf stille Sekunden, bis Korron weitersprach. „Pass auf sie auf.“ Ein sanftes Lächeln war in ihrer Stimme zu hören.
„…Werde ich.“, versprach er ihr. Damit beendete Chiaki das Telefonat.
„Maron ist nicht zu Hause.“, wandte er sich an Shinji, „Und ihr Handy ist auch aus.“
Sein Gegenüber machte ein bestürztes Gesicht.
„Und was willst du jetzt machen?“, kam es als Frage zurück. „Ich meine, es ist zehn – fast elf Uhr in der Nacht, es ist arschkalt und bis auf Pubs haben nichts mehr auf.“
„Deswegen werde ich nach ihr suchen gehen. Am Ende passiert ihr noch was!“
„Willst du ganz Momokuri auf den Kopf stellen, um nach ihr zu suchen?!“
„Klar! Und du hilfst mir!“
„O-Okay, ab-…“
„Ich geh in die eine Richtung und du in die andere. Wenn was ist, dann ruf an!“ Und schon war Chiaki verschwunden. Shinji sah im verdattert hinterher.
„Da geht der Prinz, auf der Suche nach seiner Prinzessin…“ Schließlich setzte er sich ebenfalls in Bewegung setzte.

Unterdessen lief Maron durch die Straßen Momokuris.
Der Kopf abgeschaltet. Den Blick zu Boden gesenkt.
Ihre Beine trugen sie wie von selbst.
Sie wusste nicht wohin sie lief. Es war ihr auch egal. Auf keinen Fall wollte sie jedoch nach Hause. Ihr Handy hatte sie bewusst ausgeschalten.
Sie wollte ihre Ruhe. An nichts denken.
Weder an Hijiri, den Antrag oder an sonst irgendwas!
Ein starker Windzug kam ihr entgegen und Maron war gezwungen für einen Moment stehen zu bleiben. Mit zitternden Händen zog sich den Schal etwas hoch.
Wieder kam ihr Chiaki’s Parfüm in die Nase. Wieder verspürte sie dieses irritierend warme Gefühl in ihrer Brust.
Chiaki…, ging es ihr betrübt durch den Kopf.
Schwer seufzend blickte Maron sich um. Sie kannte die Gegend nicht. Diverse Hochhäuser und Geschäfte waren in Sichtweite.
Eine weitere kalte Brise ließ sie frösteln.
Vielleicht sollte ich mich irgendwo ins Warme reinsetzen…, dachte sie sich und betrat das erstbeste Lokal, was sie sah.
Es war eine kleine, gemütliche Bar. Maron sah sich vorsichtig um. Die Gäste darin bestanden hauptsächlich aus Frauen. Auch die Angestellten waren alle weiblich. Mit eine Hand konnte Maron förmlich abzählen, wie viele Männer sie vorfand.
Gerade lief im Hintergrund Ariana Grande’s „Thank u, next“.
Vage erinnerte sich die junge Journalistin daran, dass vor geraumer Zeit eine Bar für
Frauen in Momokuri eröffnet wurde und schnell an Beliebtheit gewann.
Sie ging zur Theke und ließ sich auf einem Hocker nieder.
Hinter ihr stießen eine Gruppe junger Frauen mit Sekt an und lachten lautstark. Die Wörter „Bachelorette-Party“, „Braut“ und „Hochzeit“ kamen ihr zu Ohren.
Kurz schielte Maron zu ihnen rüber. Alle hatten knallpinke Federschals um ihre Hälse und die zukünftige Braut erkannte man an der verspielten Prinzessinnenkrone auf dem Kopf.
Na toll… Jungesellinnen… Entnervt verzog Maron ihr Gesicht und wandte sich wieder um.
„Was kann ich dir bringen?“, fragte die Barkeeperin freundlich.
Gerade als Maron sich was Alkoholfreies bestellen wollte, unterbrach sie das schallende Gelächter der Junggesellinnen-Gruppe. Die Braut war dabei von ihren Freundinnen abgefüllt zu werden. Das Gelächter hallte im gesamten Lokal und zerrte an ihren Nerven. Sie konnte nicht einmal ihre eigenen Gedanken hören!
Maron würde noch einen Anfall bekommen, wenn das den ganzen Abend so weiter ging. Dabei wolte sie doch nur ihre Ruhe!
„Etwas zum Abschießen.“, antwortete sie der Barkeeperin.

Chiaki rannte durch die Straßen und suchte alle Gegenden nach seiner besten Freundin ab.
Plötzlich meldete sich sein Handy. Ein Anruf von Shinji.
„Hey… Ich hab sie gefunden.“, kam es von seinem besten Freund direkt.
„Wirklich?! Wo ist sie?“, fragte er aufgeregt.
„Kennst du diese Frauen-Bar? Ich stehe davor und sehe sie durch das Fenster.“
„Okay. Geh schon mal rein, ich bin gleich da.“
Sofort lief Chiaki los.
Zehn Minuten später war er in der besagte Bar angekommen. Er brauchte nicht lange zu suchen, um seine beiden besten Freunde zu erblicken. Was Chiaki sah, hatte er in gar keiner Weise erwartet.
Maron saß heiter lachend mit einer Krone auf dem Kopf an einem Tisch mit einer Gruppe Frauen, die lächerliche Federschals trugen und amüsierte sich herrlich.
Junggesellinnen…?, stellte der Blauhaarige direkt fest. Innerlich fragte Chiaki sich, wie sie bei denen gelandet war. Und wie viel Maron getrunken hatte, denn sie war eindeutig betrunken.
Währenddessen stand Shinji neben ihr und versuchte verzweifelt auf sie einzureden, doch Maron schien ihn zu ignorieren. Stattdessen war sie in einem lauten Gespräch mit einer der Frauen -womöglich die Braut- vertieft.
„Er ging auf die Knie und du hast ohne Probleme JA gesagt?!?“, fragte die Braunhaarige mit Unglauben in der Stimme. Ihr Gesicht war stark gerötet.
„JA!“, sagte ihre Gesprächspartnerin, die wohl auch zu tief ins Glas geschaut zu haben schien.
„Und das ging einfach so??“
„Ja!“
„Wow! Respekt! Ganz ehrlisch!“ Maron schnappte sich die Flasche Tequila auf den Tisch und füllte die umstehenden Gläser auf. „Darauf trinken wir!“
Die Junggesellinnen stimmten jubelnd darauf ein.
Mit einem verstörten Gesichtsausdruck steuerte Chiaki auf Shinji zu.
„Chiaki! Da bist du ja endlich!“, stöhnte Shinji erleichtert auf. Er wirkte sichtlich überfordert.
Bei der Erwähnung von seinem Namen drehte Maron sich in seine Richtung um.
„HII!!“, grinste sie Chiaki an, „Ladies, das ist Chiaki Nagoya! Mein aller, aller, aller beste Freund!“, stellte sie ihn vor und hielt ihr Glas hoch.
„Der ist ja noch süßer als der andere!“, sagte eine der Junggesellinnen.
„Ist er Single? Kannst du ihn mir vorstellen?“, fragte eine andere.
„Ich warte immer noch auf den Stripper! Kann sich einer von beiden ausziehen??“, kam es von der nächsten.
„Hey!“ Maron knallte ihre Hand auf die Tischoberfläche und verengte leicht ihre Augen. Für einen Augenblick hatte sich ihre Stimmung um 180 gedreht. „Finger weg, Ladies! Er ist meiner!“, sprach sie in einem ernsten Unterton. „Mein. Bester. Freund.“
In der nächsten Sekunde fing sie wieder an breit zu grinsen und lachte sorglos auf. Mit einem Zug trank sie ihr Glas leer. Die Gruppe stimmte in ihr Lachen unbekümmert mit ein.
Chiaki brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen.
„Was zum Teufel ist passiert?!“, fragte er Shinji entgeistert.
Dieser hob unschuldig die Hände in die Höhe „Schau mich nicht an! Eben war sie noch nüchtern!“
„Was ist für dich nüchtern?!“
„Ganz leicht beschwipst…??“
Chiaki schlug sich die Hand auf die Stirn.
Aus Erfahrung weiß er, dass Maron und Alkohol nie eine gute Kombination war. Da wurden in Nullkommanichts völlig fremde Menschen ihre neuen besten Freunde und ihre Hemmschwelle sank auf null.
Er warf seinem besten Freund einen scharfen, vorwurfsvollen Blick zu.
„Du hättest wenigstens was unternehmen können!“
Sorry, Mann! Es fing mit einem Glas an und sie hörte nicht auf!“, entschuldigte Shinji sich „Außerdem war ich beschäftigt damit den Damen klar zu machen, dass ich kein Stripper bin! Ich hatte mich schon fast belästigt gefühlt…“
Seufzend fuhr sich Chiaki kurz über das Gesicht, packte Maron anschließend am Arm und zog sie vom Stuhl hoch.
„Komm wir gehen nach Hause, Prinzessin.“, sagte er ruhig, nahm ihr die Krone vom Kopf und gab sie der Besitzerin zurück. Gleichzeitig schnappte er sich ihre Sachen.
Ohne große Proteste, willigte seine beste Freundin ein.
„Yeayyy!! Ich bin eine Prinzessin!“, kicherte Maron. Sachte legte Chiaki ihr eine Hand auf den Rücken und führte sie aus der Bar raus.
Draußen wandte er sich Shinji zu. „Ich kümmere mich um sie. Danke, dass du sie gefunden hast.“
„Brauchst du keine Hilfe?“, fragte der Dunkelhaarige, sah besorgt zwischen den beiden hin und her.
Chiaki schüttelte mit einem kleinen Lächeln den Kopf. „Mein Wohnblock ist nicht weit von hier. Da geht’s schon. Danach kann ich sie nach Hause fahren.“
Shinji nickte einmal und verabschiedete sich schließlich von den beiden.
Dann wandte Chiaki sich an Maron, die immer noch vor sich her grinste und kicherte. „Kannst du laufen?“
Als Antwort bekam er ein energisches Nicken sowie zwei Daumen hoch. „Immer ein Bein nach dem anderen. Hihihi.“
„Okay…“ Vorsichtshalber stützte Chiaki sie noch. Ihre Tasche hatte er über seine Schulter gehangen.
Die ersten paar Meter liefen wacklig und unbeholfen ab, bis Maron auf einmal stehen blieb.
„Isch will nischt nach Hause.“, nuschelte sie und lehnte sich an Chiaki leicht an.
„Wieso nicht?“, fragte er verwundert.
„Isch will niiischt.“
„…Wo willst du dann hin?“
„Keine Ahnuuung…“
Chiaki kniff sich angestrengt zwischen die Nase. „Willst zu mir nach Hause?“, fragte er.
Maron legte nachdenklich den Kopf schief, grinste und nickte im Anschluss.
Wieder stieß er einen resignierten Seufzer aus. „Okay…Los gehen wir weiter.“
Doch Maron rührte sich nicht vom Fleck.
„Nimm mich Huckepack!“, verlangte sie plötzlich.
„Was?“, entgegnete Chiaki irritiert.
„Nimm mich Huckepaaaack.“, wiederholte sie und hüpfte einige Male auf der Stelle.
„Du kannst doch laufen.“
„Ich will nischt laufeeen.“
Gerade benahm die 25-jährige sich wie ein kleines, trotziges Kind und verzog eine Schnute. Unter Umständen hätte Chiaki es als süß empfunden.
Schließlich tat er wie ihm geheißen und trug sie auf den Rücken.
***

Zu seinem Erstaunen war Maron den restlichen Weg über relativ still. Chiaki spürte, wie sie ihren Kopf auf seine Schulter ruhen ließ.
„Du riechst so gut…“, wisperte sie kaum hörbar.
„…Du hast eindeutig zu viel getrunken, Maron.“, murmelte er.
„Nur ein… zwei Tequila…“
Wenig später konnte man ihren ruhigen Atemrhythmus vernehmen, wodurch Chiaki davon ausging, dass sie eingenickt war. Kurze Zeit später hatte sie sein Wohnblock erreicht und fuhren den Aufzug hoch. In der Zwischenzeit wurde Maron wieder wach.
Vorsichtig setzte er sie im Flur ab und half ihr Schal und Mantel auszuziehen.
„Chiaki…“, flüsterte Maron mit schwacher Stimme.
„Brauchst du was?“ Chiaki sah besorgt zu ihr herab. Sie war leichenblass und wirkte komplett kraftlos.
„Ich…urgh…“ Maron hielt sich mit einem unterdrückten Würgelaut eine Hand vor dem Mund. „Ich glaub,…urgh…Ich glaub, ich kotz gleich...“
Sofort brachte er sie ins Badezimmer, wo sie sich direkt über die Toilettenschüssel beugte und ihren Magen entleerte. Ihre langen Haare hielt Chiaki mit einer Hand zusammen und strich ihr mit der anderen Hand über den Rücken.
Nach einigen Minuten hatte Maron’s Magen sich beruhigt. Sie betätigte die Spülung, klappte den Sitz zu und ließ sich darauf nieder. Den Kopf in ihre Hände vergraben, blickte sie zu Boden.
Chiaki sah besorgt zu ihr herab und holte ein Handtuch aus dem Regal.
„Du wusstest es, oder…?“, durchbrach Maron die Stille zwischen ihnen, richtete sich etwas gerade und strich sich ein paar Strähnen, die ihr auf der Stirn klebten, weg. „Du wusstest von dem Antrag…“ Sie vermied seinen Blickkontakt.
„Ja…“, antwortete Chiaki wahrheitsgemäß und sah auf das Handtuch in seiner Hand herunter.
Verbittert lachte Maron auf. „Ich habe ‚Nein‘ gesagt...“
Er nickte kurz.
„Ich verstehe es nicht…Ich konnte einfach nicht ‚Ja‘ sagen…Wie als wollte alles in mir mit aller Macht verhindern, dass ich den Antrag annehme.“, sprach sie eher zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber gerichtet. „Vielleicht sollte es einfach nicht sein…“
„…Du solltest mit ihm nochmal reden.“, schlug Chiaki vor. „Bestimmt habt ihr einiges auszusprechen.“
Die Braunhaarige nickte kaum merklich, das Gesicht eine ausdruckslose Maske.
Chiaki seufzte, hockte sich zu ihr runter und hielt ihr freundlich lächelnd das Handtuch entgegen.
Maron blickte das Tuch an und zog ihre Augenbrauen verärgert zusammen.
„Warum…“, murmelte sie.
Irritiert zog der ihr bester Freund eine Braue hoch. „Warum was?“
Frustriert schnaubte sie auf und funkelte ihn an. Chiaki konnte ihren plötzlichen Emotionswandel nicht verstehen. Verwirrung spiegelte sich in seinem Gesicht wider.
„Warum bist du immer so nett zu mir? Du weißt, dass ich deine Gefühle nicht erwidern werde! Egal, wie nett du zu mir bist!“
„…Das ist der Alkohol, der da aus dir raus spricht-“
„Nein, ich meine das hundertprozentig ernst!“
„Maron…“
„Ich liebe dich nicht, okay!!“, schrie sie ihm wütend entgegen. Die Worte ließen ihn zusammenzucken. Sie trafen ihn hart. Wie als hätte sie ihm das Herz aus der Brust gerissen und darauf getreten.
„Und dennoch…“, sprach Maron leiser weiter -nahezu kaum hörbar- und lehnte sich zu ihm nach vorne. „Dennoch verwirrst du mich…Du verwirrst mich sogar sehr. Manchmal wünsche ich mir, du hättest mir nie deine Gefühle gestanden!“
„Maron…,“, wisperte Chiaki, wagte es nicht sich von der Stelle zu bewegen.
Dann begann sie mit einer Hand sachte sein Gesicht zu berühren, strich ihm mit den Fingerspitzen über die Wange. Er fuhr leicht zusammen. Sein Herz begann lauter zu schlagen.
Ihre federleichten Berührungen brannten wie Feuer auf seiner Haut.
Sie beugte sich weiter zu ihm nach vorne, bis ihre Gesichter wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Ihre Hand umfasste sanft sein Gesicht. Leise seufzend schloss sie ihre Augen und lehnte ihre kalte Stirn an seiner warmen an.
„Entschuldige…“ Maron entfernte sich langsam von Chiaki und sah beschämt weg. „Das waren sehr verletzende Worte… Ich hätte das nicht sagen sollen.“ Ein paar Tränen rollten ihr die Wangen herunter und ein leises Schluchzen entkam ihr. „Jetzt habe ich schon zwei Leuten das Herz gebrochen…“
Für eine Weile sagte niemand mehr was, bis Chiaki ihr fürsorglich mit dem Handtuch das Gesicht abtupfte. Mit großen Augen blinzelte Maron ihn überrascht an.
„…Dass ich nett zu dir bin, hat nichts mit meinen Gefühlen zu tun.“, sagte er mit einem sanften Lächeln. „Wir sind Freunde. Das Nett-sein gehört zum Freunde-sein dazu.“ Zärtlich wischte er ihr mit dem Finger die Tränen weg.
Ihre braunen Augen weiteten sich noch mehr. Sie schniefte kurz und nickte.
Dann schlang sie wortlos ihre Arme um Chiaki und drückte ihn fest an sich heran, ihr Gesicht an seinen Bauch geschmiegt. Er legte ihr einen Arm auf den Rücken und den anderen auf den Kopf. Sachte strich er ihr durch die Haare.
Eine Weile verweilten beide in der Position, bis sich Maron allmählich von ihm löste.
„Danke…“, flüsterte sie und stand mit etwas Mühe auf. Chiaki half ihr dabei.
Mit einem schüchternen Lächeln sah Maron zu ihm auf. „Kann ich deine Dusche benutzen?“
„Oh, eh, klar! Warte kurz, ich hol dir ein paar Sachen zum Anziehen.“

Chiaki hatte eine Weile gebraucht, bis er für Maron einen sauberen Pullover und eine Shorts fand, da er festgestellt hatte, dass die meisten seiner Sachen in der Wäsche waren.
Als er zum Bad zurückkehrte, blieb er wie erstarrt vor der Tür stehen.
Seine Augen rissen sich erschrocken weit auf. Fast hätte er die Sachen in seiner Hand zu Boden fallen lassen.
Maron stand in ihrer weißen Unterwäsche bekleidet vor dem Badezimmerspiegel. Ihre Klamotten lagen auf der Waschmaschine. Um ihren Hals hing ihre allbekannte Engelskette.
In ihrer Hand befand sich eine Schere. Ihre braunen Haare, die einst ihren gesamten Rücken bedeckten, lagen verstreut auf dem Boden. Nun waren sie nur noch maximal kinnlang.
„Was?“, fragte Maron irritiert, legte die Schere weg und sah Chiaki mit hochgezogener Augenbraue an.
„Uhm…“ Verunsichert fuhr er sich über die untere Gesichtshälfte, nicht wissend was er sagen sollte. Unbeholfen sah er zur Seite.
Daraufhin sah sie auf sich herab und stemmte schnaubend ihre Hände an die Hüften.
„Ach komm, stell dich nicht so an! Als ob du das nicht schon von anderen Frauen kennst, was du hier siehst!“
„...D-Darum geht’s nicht-“
„Außerdem hast du mich schon oft genug in Bikini gesehen.“
„Bikinis bestehen nicht aus Spitze.“, entgegnete Chiaki.
„Denk an pinke Elefanten!“, konterte Maron augenrollen.
Mittlerweile waren seine Wangen rosarot angelaufen.
„Eigentlich bin ich überrascht wegen den Haaren…“, sagte er und rieb sich verlegen den Nacken.
„Oh.“ Maron strich sich durch die frischgeschnittenen Haare, nahm eine Strähne zwischen ihre Finger und blickte auf ihre kurzen Spitzen. „Sieht es schlimm es?“
Chiaki sah zu ihr rüber und schüttelte den Kopf.
„Wirklich?“, hakte sie nach.
„Ja…“ Er schenkte ihr ein ehrliches Lächeln. „Der Schnitt steht dir sehr gut.“
Nun konnte Chiaki seine Augen nicht mehr von ihr abwenden. Mehr als gut sogar…, fügte er gedanklich hinzu.
Es war unglaublich, was ein Haarschnitt ausmachen konnte!
Es war wie, als würde sein Blick nicht mehr von den langen Haaren abgelenkt werden und sich direkt auf ihr schönes Gesicht fokussieren. Ihre Züge wirkten markanter, definierter. Die braunen Rehaugen kamen noch mehr zur Geltung als vorher.
Doch egal, ob lang oder kurz – in Chiaki’s Augen war sie immer noch wunderschön und strahlte eine atemberaubende Ausstrahlung aus.
Maron’s Mundwinkel zogen sich bei dem Kompliment noch oben.
„Da bin ich froh… Meine Mutter müsste mir eventuell die Spitzen ordentlich nachschneiden.“, kicherte sie, „Um ehrlich zu sein, wollte ich schon immer einen Haarschnitt. Und wie sagt man so schön… Ein neuer Haarschnitt ist der Anfang eines neuen Lebens?“
„Anfang eines neues Lebens?“
„Ja…“, zuckte sie mit den Schultern und sah sich im Boden um. „Sorry, für die Sauerei.“
„Schon okay! Ich mache das später sauber.“, winkte Chiaki ab und gab ihr schließlich seine Sachen sowie ein paar Badetücher. „Hier.“
Nickend nahm Maron seine Sachen dankend an und verschloss die Badezimmertür.
Draußen lehnte der Blauhaarige sich an der nebenstehenden Wand an und atmete tief durch.
Was für ein Tag…, ging es ihm leicht erschöpft durch den Kopf.

Eine halbe Stunde später kam Maron in aus dem Bad raus. Im Flur kam Chiaki ihr mit einem Glas Wasser und Aspirin-Tabletten entgegen.
Er musterte sie flüchtig. Der Pullover war ihr zu groß und die Shorts darunter schmeichelte ihre langen Beine. Überhaupt sah das Outfit süß an ihr aus. Chiaki versuchte nicht rot zu werden. Vergeblich.
„Ehm…Nimm am besten die Tabletten und leg dich dann drüben schlafen.“, sagte er und deutete aufs Schlafzimmer. Maron nickte träge und schenkte ihm ein kraftloses Lächeln.
„Ich glaub, ich muss mir für Morgen frei nehmen...“, sagte sie, als sie sich im Bett gemütlich machte und zwei Aspirin-Tabletten nahm. „Vor sieben schaffe ich es garantiert nicht raus.“
„Das schaffst du auch so nur mit Mühe.“, scherzte Chiaki, worauf er ein Augenrollen von ihr erntete.
„Was ist mit dir? Muss du morgen früh ins Krankenhaus?“
„Erst mittags.“
„Okay…“ Maron ließ sich gähnend ins Kissen fallen und sah mit müden Augen zu Chiaki auf.
Dieser zog ihr sachte die Decke hoch. „Ich lass dich jetzt schlafen.“
Plötzlich streckte sie eine Hand nach ihm aus und hielt ihm am Ärmel fest. Überrascht sah er zu Maron runter. „Bleibst du bis ich eingeschlafen bin…?“, fragte sie.
Sanft lächelnd blickte Chiaki zu ihr herab und nickte. In Schneidersitz saß er neben dem Bett auf dem Teppichboden.
„Wir haben jetzt Rollen getauscht.“, grinste Maron in sich hinein.
Chiaki runzelte fragend die Stirn. „Was meinst du?“
„Na, das letzte Mal lagst du im Bett und ich habe mich um dich gekümmert. Ich war auch bei dir, als du eingeschlafen bist.“
„Ach…“ Verlegen von den Erinnerungen, sah Chiaki auf seine Hände herunter, die auf dem Schoß ruhten.
„Eine Sache fehlt noch.“, sagte sie, ein geheimnisvolles Lächeln bildete sich auf ihren Lippen.
Verwundert zog er die Brauen zusammen. „Was?“
Maron biss sich zögernd auf die Lippe, setzte sich etwas auf und stützte sich mit einen Ellenbogen auf der Matratze ab.
„Komm mal her…“, winkte sie Chiaki zu sich heran.
Er rückte näher zu ihr ans Bett ran.
Zu seiner großen Überraschung nahm Maron sein Gesicht in beide Hände, beugte sich zu ihm nach vorne und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Seine Augen wurden riesengroß.
Ihm stockte der Atem.
Fast blieb ihm das Herz stehen.
Leise kicherte Maron über seine Reaktion und kuschelte sich wieder in die Bettdecke rein.
Langsam drehte Chiaki sich um, den Rücken an das Bett angelehnt. Perplex hob er seine Hand und betastete mit den Fingern seine Stirn.
Noch immer spürte er das elektrisierende Kribbeln auf seiner Haut.
In seinem Kopf war das Chaos ausgebrochen.
Was war das denn?! Chiaki verstand gar nicht, wofür der Kuss war und was er zu bedeuten hatte. Innerlich ging er alle möglichen Erklärungen durch. Vielleicht lag es am Alkoholeinfluss? Obwohl – sie wirkte die letzten vierzig Minuten relativ ausgenüchtert…
Ratlos fasste er sich den Kopf. Er konnte noch nicht einmal einschätzen, ob so ein Stirnkuss von ihr freundschaftlicher Natur war, oder nicht.
Unwillkürlich ließ Chiaki die letzten zwei Stunden sowie die letzten Monate mit ihr gedanklich Revue passieren.
Sie hatte ihm mehr als einmal deutlich gemacht, dass sie nicht dieselben Gefühle empfand wie er. Allerdings ließ ihr Verhalten manchmal vom Gegenteil andeuten. (Besonders heute, was womöglich auch am Alkohol liegen konnte.)
Auch ihr Vater hatte Chiaki gesagt, dass Maron ihn tief in ihrem Inneren liebte.
Doch solange sie es ihm nicht selbst sagte, würde er es nicht glauben können.
„K-Kann ich dich was fragen?“, fragte er schließlich, ohne sich umzudrehen.
„Hmm? Was denn…?“, fragte Maron leise zurück, bewegte sich etwas hinter ihm.
„Das was du vorhin gesagt hast…Dass du mich nicht liebst...“ Er hielt für einen Moment inne und sah zu Boden. „Hast du das wirklich ernst gemeint?“
„Hmmm…“ Geduldig wartete Chiaki auf eine Anwort. Doch nach dem es für eine ganze Weile still war, drehte er sich doch um, um festzustellen, dass Maron tief und fest eingeschlafen war.
Seufzend senkte Chiaki niedergeschlagen den Kopf.
Mit einem matten Lächeln sah er Maron kurz beim Schlafen zu, strich ihr liebevoll ein paar Strähnen von der Stirn. Leise flüsterte er ihr ein „Schlaf gut“ zu, stand auf und verließ das Schlafzimmer.
***

„Ugh…“ Stöhnend wachte Maron am nächsten Morgen auf und rollte sich auf dem Bett.
Ihr Kopf dröhnte. Ihre Glieder schmerzten. Alles in ihr tat weh.
Müde öffneten sich ihre Lider, setzte sich auf und sie sah sich um.
Es brauchte einige Augenblicke, bis sie ihre Umgebung als Chiaki’s Schlafzimmer wiedererkannte.
Angestrengt versuchte sie sich zu erinnern, was passiert war.
Ein Handstrich durch ihre kurzgeschnittenen Haare, ließen alle Erinnerungen des gestrigen Abends wieder hochkommen.
Der Antrag. Die Bar. Ihr Alkoholexzess. Alles.
Besonders die Erinnerungen mit Chiaki sah sie klar und deutlich vor Augen. Angefangen von ihrem emotionalen Ausraster im Bad bis zu dem Stirnkuss.
Mit einem ächzenden Geräusch ließ Maron sich rückwärts wieder ins Bett fallen und wickelte sich in die Decke ein.
Gottverdammt - Was zum Teufel war nur los mit ihr?! Am liebsten würde sie sich eine Ohrfeigen.
Ein Klopfen ließ sie aufschrecken. Maron warf einen Blick auf die Tür und sah Chiaki schmunzelnd darin stehen.
„Guten Morgen.“, lächelte er. Sofort wurde die Braunhaarige bei seinem Anblick rot und versteckte sich wieder unter der Bettdecke.
Ihr Herz raste wie verrückt.
Wiedermals überkam sie das warme Gefühl in ihrer Brust.
„Wie geht es dir?“, hörte sie ihn fragen.
Maron spürte, wie sich das Gewicht auf der Matratze etwas verlagert. Zögernd lugte sie ihren Kopf raus und sah zu ihrem besten Freund rüber, der auf der Bettkante saß.
„Beschissen. Alles fühlt sich beschissen an.“, antwortete sie, die Stimme heiser. Sie setzte sich langsam auf und lehnte sich ins Kissen rein. „Bietet euer Krankenhaus Entgiftungen an? Ich glaube, ich brauch eine...“
Daraufhin musste Chiaki amüsiert auflachen. „Du bist nur verkatert.“
„… Ich hab’s gestern etwas übertrieben mit dem Alkohol.“
„‚Etwas‘ ist eine deutliche Untertreibung!“
„Kommt nicht nochmal wieder vor, versprochen.“
„Ich sorge dafür, dass du keinen Tropfen mehr Alkohol anrührst.“, sagte er augenzwinkernd, worauf sie ebenfalls lachen musste.

Nach zwanzig Minuten hatte Maron es aus dem Bett geschafft und saß mit Chiaki in der Küche, der Brötchen aufbackte und Kaffee kochte.
„Hattest du schon auf der Arbeit angerufen?“, fragte er, während er das Frühstück vorbereitete.
Maron nickte. „War kein Problem gewesen. Habe einfach gesagt, dass es mir heute nicht gut ging und dass ich morgen wieder da wäre.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Solange ich morgen für dieses dämliche Interview da bin...“
„Verstehe.“ Chiaki reichte ihr eine Tasse Kaffee und setzte sich ihr gegenüber hin.
Das Frühstück verlief relativ ruhig ab. Jeder war in seinen eigenen Gedanken vertieft. Im Hintergrund lief das Radio und füllte die Stille im Raum.
Maron warf -nachdem sie fertig gegessen hatte- einen Blick auf die Uhr. Viertel vor zehn.
„Du musst mittags zur Arbeit, richtig?“, fragte sie ihren besten Freund, der an seiner Tasse nippte und bejahend nickte. „Könntest du mir einen Gefallen tun, bevor du mich nach Hause fährst?“
Neugierig zog Chiaki eine Augenbraue hoch. „Was für einen Gefallen?“

„Du bist dir sicher, dass ich hier warten soll?“ Chiaki warf Maron einen prüfenden Seitenblick zu. Diese saß auf dem Beifahrersitz und biss sich zögernd auf die Lippe.
Dann nickte sie ernst. „Ich werde nicht lange brauchen.“
„Pass auf dich auf.“, seufzte er. Schließlich stieg sie aus.
Maron nahm kurz tief Luft und steuerte auf ein Hochhaus vor ihr zu. Hinter ihr konnte sie seine besorgte Blicke auf ihren Rücken spüren.
Keine fünf Minuten später, fand sie sich vor einer Wohnungstür und klingelte. Nervös zupfte sie an Chiaki’s Schal um ihren Hals herum, den sie sich für einen weiteren Tag auslieh.
Nach zehn langen Sekunden öffnete Hijiri die Tür.
Wie vom Blitz getroffen erstarrte er, als er Maron sah. Seine Augen wurden erschrocken groß. Seine Kinnlade fiel auf.
Maron konnte nicht einschätzen, ob es an ihrem unerwarteten Erscheinen lag oder am Haarschnitt. Womöglich eine Mischung von beidem.
„Hi.“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln.
„Uhm…H-Hi!“ Hijiri blinzelte sie einige Male verdutzt an. „W-Was machst du denn hier?“
„Ich wollte reden.“
„O-Okay…“ Er trat unbeholfen zur Seite. „Ehm- Willst du reinkommen?“
Maron blickte durch die Tür in seine Wohnung und sah wieder zu ihm auf. Bestimmt schüttelte sie den Kopf.
„Nein.“
Daraufhin musste Hijiri verbittert auflachen. „Ist wohl dein neues Lieblingswort…“
Maron’s Lächeln verschwand. Seufzend schaute sie ihn mit ruhiger Miene an, steckte sich ihre Hände in die Manteltasche.
„Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass ich weiß, wieso ich deinen Antrag nicht annehmen konnte.“
Hijiri zog hellhörig eine Augenbraue hoch und lehnte sich mit verschränkten Armen am Türrahmen an.
„Mir wurde bewusst, dass du nicht der bist, den ich vor dem Altar an meiner Seite sehe…“, gestand sie. „Deshalb… kann ich diese Beziehung auch nicht mehr weitermachen.“
Hijiri’s Gesicht war eine ausdruckslose Maske.
„Verstehe.“, nickte er einmal mit dem Kopf und lachte bitter. „Ich bin nicht der, den du vor dem Altar siehst.“, wiederholte er ihre Worte ungläubig.
Kurz war es still zwischen den beiden, bis Hijiri wieder das Wort ergriff: „Es liegt an Chiaki, oder?“
Maron versuchte ihre neutrale Miene beizubehalten, doch ihre großen, überraschten Augen verrieten sie. „D-Das stimmt nicht… D-Das hier ist eine Sache zwischen dir und mir!“
„Maron, ich habe viel über uns nachgedacht.“ Seine dunklen Augen blickten sie wissend an. „Und in dieser Beziehung gab es von Anfang an drei Leute: dich, mich und Chiaki.“ Maron wollte wieder etwas einwenden, doch er fiel ihr schon ins Wort: „Ich meine, ich wusste, dass er Gefühle für dich hat…Habe es die ganze Zeit über gewusst. Ich hatte es nur so gut es ging ignoriert und gehofft, dass das zwischen uns stärker wäre als zwischen dir und ihm… Anscheinend hatte ich falsch gehofft.“
Sprachlos starrte Maron ihn an.
„Wenn ich ehrlich sein muss, habe ich ihn aus Eifersucht gestern geschlagen.“, offenbarte er ihr.
„D-Du hast was??“, fragte sie entsetzt und verärgert zugleich.
Hijiri ignorierte sie mit einer Gegenfrage: „Sei ehrlich: Liebst du ihn?“
Maron zögerte einige Momente, ehe sie antwortete:
„…Ich weiß es nicht.“, gab sie ehrlich zu und blickte nachdenklich zur Seite. „E-Es ist alles sehr verwirrend…“ Dann sah sie ihren Ex-Freund mit einem traurigen Lächeln wieder an. „Ich möchte es allerdings herausfinden.“, fügte sie entschlossen hinzu.

Gelangweilt hatte Chiaki sich über sein Lenkrad gebeugt und wartete auf Maron. Mit einem ungeduldigen Blick starrte er auf die Uhr.
Immer wieder sah er zu dem Gebäude rüber, in das sie verschwunden war. Er wusste mit wem sie sich treffen wollte und dies bereitete ihm ein unwohliges Gefühl in den Magen.
In dem Moment als er Maron vorsichtshalber anrufen wollte, kam sie raus und stieg in sein Auto ein.
„Wir können fahren.“, sagte sie und schnallte sich an. Sie wirkte ziemlich ruhig. Chiaki sah seine beste Freundin fragend an, startete jedoch den Motor und fuhr los.
„Es ist aus zwischen mir und Hijiri.“, platzte es aus Maron heraus, bevor Chiaki irgendwelche Fragen stellen konnte.
Der junge Arzt machte erstaunt große Augen. „O-Okay…?“
„Bevor du fragst, mir geht es gut.“, warf sie ein und sah aus dem Fenster. „Im Großen und Ganzen beruhte es auf Gegenseitigkeit.“, zuckte sie mit den Schultern.
Chiaki musste sich zusammenreißen, um sich ein glückliches Grinsen zu verkneifen. Innerlich machte sein Herz Freudensprünge.
„Dass es dir gut geht, freut mich.“, brachte er entgegen.
Maron warf ihm einen schmunzelnden Seitenblick zu.
„Ab heute werde ich mich vor Männer und Dates fernhalten und mich auf die wichtigeren Dinge im Leben konzentrieren.“, kündigte sie an.
Ihr bester Freund musste bei dem Vorsatz kurz auflachen. „Muss ich mich als Mann auch vor dir fernhalten?“
Sie rollte mit den Augen. „Du bist mein bester Freund. Natürlich gehörst du zur Ausnahme.“
„Da bin ich mehr als erleichtert.“ Er warf ihr einen neugierigen Seitenblick zu. „Auf was für wichtige Dinge willst du dich denn konzentrieren?“
Kurz zuckte Maron mit den Schultern. „Keine Ahnung… Hobbies, Arbeit, Familie, Freunde…“, zählte sie auf und hielt kurz inne. „Menschen, die mir Nahe stehen.“, fügte sie hinzu und sah Chiaki eindringlich an.
„…Wie nah?“, fragte er.
„Sehr, sehr nah.“
Chiaki sah, wie ihr Blick immer noch auf ihn haftete und Maron ihn warm anlächelte.
Er lächelte zurück und nickte.
***

Chiaki lief durch die Korridore des Krankenhauses, auf dem Weg zu seinem nächsten Patienten. Kurz blieb er stehen, als er sein Handy in der Hosentasche vibrierte.
Eine Nachricht von Maron. Es waren einige Stunden vergangen, seit er sie nach Hause gefahren hatte.
„Meine Eltern hatten eben den Schock ihres Lebens bekommen, als sie heim kamen und meine Haare sahen :D“
Ein amüsiertes Grinsen entkam ihm und er tippte direkt eine Antwort zurück.
„Wussten bestimmt erstmal nicht, wer du warst :b“
„Glaub ich auch :b“
Kurz tauschten beiden sich noch ein paar Nachrichten aus, bis Chiaki sein Handy wieder wegpackte.
Etwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Chiaki konnte nicht einschätzen was, doch es fühlte sich auf jeden Fall gut an.
Zwar schwebte ihm immer noch die Frage im Kopf, wie Maron’s Gefühle zu ihm standen, doch das würde er womöglich zu einem späteren Zeitpunkt, zu einer besseren Gelegenheit ins Gespräch bringen.
So gelassen sie auch nach der Trennung wirkte, so war er sich sicher, dass sie erstmal Zeit für sich brauchte.
Während Chiaki durch die Gänge lief, kam ihm auf einmal eine vertraute Gestalt mit langem türkisenem Haar entgegen.
Hisae Sazanka’s Enkelin.
„Guten Tag, Dr. Nagoya!“, kam es von ihr als Begrüßung.
Er lächelte trocken zurück. „Hi.“
„So sieht man sich wieder.“, grinste sie ihn schief an. „Einen schönen Tag haben wir heute, nicht?“
Chiaki rollte innerlich mit den Augen. „Tu nicht so als würden wir uns nicht kennen, Yashiro.“, sagte er.
„Was?“ Yashiro’s Grinsen wurde breiter. „Ich freu mich nur einen alten Freund aus Kindheitstagen wiederzusehen!“
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