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Yes, No, Maybe

von mairio
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
Chiaki Nagoya Hijiri Shikaido Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
29.09.2018
15.02.2019
20
86.699
17
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25.11.2018 3.677
 
Chapter 10: To Be Honest

„Was ist los mit dir?“, fragte Maron ihren Freund, der soeben seinen Kaffee fertig trank. Sie räumte unterdessen das Frühstücksgeschirr weg.
„Was soll los sein?“, fragte Hijiri neutral zurück und blickte sie mit hochgezogener Augenbraue an.
Maron rollte schnaubend mit den Augen.
„Seit dem wir gestern den Freizeitpark verlassen haben, hast du nicht einen Mucks von dir gegeben und gibt’s mir die kalte Schulter.“ Sie ging auf Hijiri zu und setzte sich vor ihm an der Tischkante hin. „Habe ich irgendwas getan?“, fragte sie, die braunen Augen mit Sorge gezeichnet.
Hijiri nahm kurz Luft und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
„Mir gefiel es nicht, dich zusammen mit Chiaki zu sehen.“, offenbarte er und sah sie mit einem ersten Blick an.
Maron seufzte. Darum geht es ihm also…, dachte sie sich.
„Hijiri…“, setzte sie an, „Wir hatten das doch schon mal geklärt. Chiaki ist mein bester Freund und er ist wie-…“
„Wie Familie. Ich weiß.“, wendete Hijiri seufzend. „Und ich weiß, ihr kennt euch um weiteres länger als wir beide uns kennen.“
„Dann müsstest du auch wissen, dass Chiaki immer ein wichtiger Teil meines Lebens sein wird.“
„Ich weiß. Ich versteh das auch.“, entgegnete er, stand auf und verließ die Küche, um seine Jacke von der Garderobe zu holen. Maron folgte ihm.
„Allerdings bist du meine Freundin, Maron.“, sprach Hijiri weiter, „Und hoffentlich… eines Tages auch mehr. Unter den Umständen sollte ich nicht derjenige sein, der sich wie ein fünftes Rad am Wagen fühlen muss.“
Daraufhin machte Maron große Augen. „D-Das tut mir wirklich leid…! Ich wollte nicht, dass du dich wegen uns schlecht fühlst. Entschuldige.“ Sie legte ihm zärtlich eine Hand auf die Wange. Hijiri atmete hörbar aus und nickte einmal.
„Entschuldigung angenommen.“ Er schenkte ihr ein kleines Lächeln.  
Maron lächelte ebenfalls, ließ erleichtert die Hand sinken und nahm seine Hand in die ihre.
„Weißt du, ich habe auch nicht gegen Chiaki. Er ist ein guter Kerl…“, sagte Hijiri. „Bloß denke ich, dass Miyako und ich uns gestern in gewisser Weise fehl am Platz gefühlt haben. Womöglich wäre ihr es auch lieber gewesen mit Chiaki allein den Tag verbracht zu haben.“
Maron biss sich beschämt auf die Unterlippe und nickte.
„Mit ihr werde ich auch reden. Und mich entschuldigen.“
„Ja, tu das.“
„Dann ist alles wieder gut zwischen uns?“
„Ja, alles gut.“ Hijiri strich ihr liebevoll eine Haarsträhne hinters Ohr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„War das vorhin eigentlich ein Antrag?“, fragte Maron belustigt grinsend.
„Du wirst schon merken, wenn ich einen Antrag mache.“
Beiden entkam ein Kichern.
„Ich liebe dich.“, sagte Maron leise.
„Ich dich auch.“, entgegnete Hijiri zurück.
Das Paar gab sich einen liebevollen Kuss, bevor sie sich zur Arbeit begaben.

Chiaki saß im Büro seines Vaters und half ihm bei der Datenverarbeitung. Nachdem sie fertig waren, kam Kagura noch rein und besprach mit Kaiki diverse organisatorische Angelegenheiten des Krankenhauses.
Indessen sah Chiaki gedankenverloren aus dem Fenster und grübelte.
Immer wieder dachte er an den gestrigen Tag im Freizeitpark zurück. Besonders die gemeinsamen Momente mit Maron ließen ihn nicht los.
Er seufzte schwer. Ihm brummte langsam der Schädel.
„Kann ich dich was fragen?“, fragte Chiaki seinen Vater, der sich ihm gegenüber auf die zweite Couch hinsetzte, nachdem der Krankenhaussekretär aus dem Raum war.
Kaiki sah seinen Sohn kurz verwundert an und blickte wieder auf seine Unterlagen in der Hand. „Worum geht’s, Sohnemann?“, fragte er zurück.
„Nun ja…“ Chiaki sah verlegen weg. „Beziehungs- und Liebeskram…“, brachte er kleinlaut hervor. Kaiki machte ein überraschtes Gesicht und sah zu ihm auf. Noch nie hatte sein Sohn ihn nach Beziehungstipps gefragt!
„Brauchst du Rat bezüglich Miyako?“, fragte er ungläubig und schrieb sich nebenbei was auf.
Chiaki brauchte einen Moment, bis er reagierte.
Wer- Was? Eh, Nein…!“ Fluchend kniff er sich die Nase.  
Sein Vater sah von den Unterlagen wieder auf und blickte ihn irritiert an. Nun hatte Chiaki seine vollkommene Aufmerksamkeit.
„Es… geht um Maron.“
Kaiki zog fragend beiden Brauen hoch. „Okay…?“
Chiaki rieb sich stöhnend die Stirn. „Es ist…kompliziert.“
Zu seiner eigenen Verwirrung fing sein Vater auf einmal an zu lachen. Papiere und Stift hatte Kaiki beiseitegelegt.
„Lass mich das bitte kurz klarstellen: Du, der eigentlich eine feste Freundin hat, fragst mich - deinen Vater um Rat, weil du immer noch in die Tochter seines besten Freundes verliebt bist, die wiederum mit dessen Angestellten zusammen ist.“
Kaiki kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein. Chiaki rollte genervt mit den Augen und seufzte auf. Er bereute es, diese Konversation angefangen zu haben.
„Sag Bescheid, wenn’s noch komplizierter wird.“, kicherte der Ältere.
„Manchmal haben Maron und ich solche Momente…und, naja, die fühlen sich komplett anders an, als wenn ich mit Miyako beispielsweise zusammen bin.“, versuchte Chiaki die Sachen zu erläutern, wusste mit seinem Vokabular jedoch nicht mehr weiter. „Keine Ahnung wie ich es Beschreiben soll…“
„Anders im Sinne von die Welt bleibt für einen Moment stehen, das Herz klopft dir bis zum Hals und alles andere ist wie vergessen?“
„…Ich red nicht mehr mit dir.“
Hab wohl ins Schwarze getroffen…, dachte sich Kaiki.
Frustriert fuhr Chiaki sich durch die Haare, stützte seinen Ellenbogen auf die Armlehne ab, das Kinn in die Hand gelegt und sah aus dem Fenster wieder raus. Kaiki lächelte ihn mit väterliche Fürsorge an.
„Weißt du, Sohn. Es ist mehr als klar, dass du deine Gefühle für Maron nicht abschalten kannst. Egal, wie oft du es die letzten Jahre schon versucht hattest.“, sagte er ruhig. Noch immer hatte Chiaki das Fenster im Blick, doch er hörte seinem Vater zu. „Du solltest ehrlich mit dir selbst sein. Mit Miyako auch. Schließlich ist es ihr gegenüber nicht fair, wenn dein Herz sich insgeheim nach einer anderen Frau sehnt.“
Kaiki sah, wie Chiaki ihm einen kurzen Seitenblick zuwarf und kaum merklich nickte. Zufrieden legte er die Beine übereinander und lehnte sich schmunzelnd zurück.
„Ich würde dir auch raten, Maron ebenfalls die Wahrheit zu sagen, aber das wäre für dich wahrscheinlich schon zu viel des Guten.“
„Ich geh jetzt.“ Chiaki stand auf und ging zur Tür.
„Warte!“, rief sein Vater mit ausgestreckter Hand aus. Mit hochgezogener Augenbraue drehte Chiaki sich zu ihm um. „Ich werde am Donnerstag auf Geschäftsreise ein, da werden wir uns leider nicht sehen und-…“
„Schon okay.“, stoppte der Jüngere ihn. „Ich bin an dem Tag sowieso mit Miyako verabredet.“
„Ach so. Verstehe.“
Peinlich berührt verzog Chiaki das Gesicht, die Wangen leicht rosa angelaufen. „Danke für den Rat übrigens.“, sagte er. Kaiki grinste erfreut.
„Wenn du wieder Liebestipps von deinem alten Herrn brauchst, gib Bescheid.“
Kopfschüttelnd lachte Chiaki in sich hinein. „Einmal und nie wieder.“
„Und noch etwas!“
„Was?“
„Ich bin stolz auf dich, mein Junge.“
„… Danke, Vater.“
Damit verließ Chiaki das Büro.

„Dann haben wir alle Einzelheiten für die nächste Ausgabe durch.“
„Alles klar, Frau Amamiya. Ich kümmere mich darum.“, grinste Maron ihre Abteilungsleiterin an. Die zierlich blonde Frau nickte zufrieden und widmete sich wieder ihrem Computerbildschirm.
Maron lief mit einer Mappe in der Hand zu ihrem Tisch zurück. Auf dem Weg dahin lief sie an die Getränke- und Snack-Ecke der Agentur vorbei und sah wie Miyako sich einen Kaffee machte.
„Hey Miyako.“, begrüßte Maron ihre Kollegin, stellte sich links von ihr hin und lächelte freundlich. Die Angesprochene sah kurz von der Kaffeekanne auf.
„Hey.“, kam es von Miyako knapp zurück und wandte ihren Blick von der Braunhaarigen wieder ab. Ungestört schenkte sie sich Kaffee in ihre Tasse ein und stellte die Kanne an die Maschine zurück.
Der kühle Unterton in der Stimme entging Maron nicht. Sofort dachte sie an ihr Gespräch mit Hijiri zurück.
„Gestern war doch ziemlich lustig, oder?“, fragte sie weiterhin freundlich lächeln.
„Mhm-Hm.“ Ohne Maron eines Blickes zu würdigen, drängte Miyako sich an ihr vorbei, ging den Tisch entlang und suchte nach Zucker und Kaffeesahne.
Ohje…sie scheint wohl ziemlich sauer zu sein…, ging es Maron durch den Kopf. Ein schlechtes Gewissen überkam sie.
„Ehm... Ich wollte mich bei dir entschuldigen!“, sagte sie.
„Entschuldigen…für…?“ Miyako hatte ihr weiterhin den Rücken zugewandt und war mit der Zubereitung ihres Kaffees beschäftigt.
Verunsichert strich Maron sich eine lange Strähne aus dem Gesicht. „Nun…Dafür dass ich dich und Chiaki bei eurem Date gestört habe. Dass ich -mehr oder weniger- indirekt euch zu diesem Doppeldate gedrängt habe.“
Daraufhin drehte Miyako sich zu ihr um, ihr Gesicht war eine ausdruckslose Miene.
„Das war auf jeden Fall sehr taktlos von mir und ich hätte das nicht machen sollen. Das tut mir leid.“, vollendete Maron schließlich.
Für einige Augenblicke schaute Miyako ihre hübsche Kollegin an und blickte nachdenklich wieder auf ihren Kaffee in der Hand herunter.
„Sag mal, Maron, was bedeutet dir Chiaki?“, fragte sie plötzlich.
„Er ist ein guter Freund.“, antwortete Maron ihr nach einen Moment der Verwirrung.
„Nur ein guter Freund?“
„Mein bester Freund. Er ist Familie.“
„Das war’s?“
„Ja!“
Seufzend fing Miyako an ihren Kaffee mit dem Löffel einige Male umzurühren. Maron konnte in keinerlei Weise einschätzen, was in ihrem Kopf vorging. Dies verunsicherte sie noch mehr.
„Falls du irgendwie sauer wegen mir und Chiaki sauer bist… Nun, dafür müsste ich mich auch entschuldigen.“, versuchte Maron auf Miyako einzureden, „Ich hatte heute Morgen mit Hijiri schon darüber geredet und… Es tut mir leid, falls du dich wie ein fünftes Rad am Wagen gefühlt hast. Ich verspreche dir, sowas wird nicht wieder vorkommen.“
Miyako nahm die Worte mit einem stummen Nicken zur Kenntnis, die Augen immer noch auf ihren Kaffee fixiert. Maron wusste nicht, ob sie ihr überhaupt zugehört hatte.
„Seit einigen Monaten verfolgt mich so ein komisches Gefühl…und als ich dich gestern mit Chiaki zusammen sah, dann wurde dieses Gefühl intensiver und lässt mich seitdem nicht mehr los.“, sagte Miyako plötzlich und sah mit einem ernsten Blick in den Augen wieder auf. „Und dich jetzt zu sehen, macht’s nicht besser.“
Maron blinzelte sie verwirrt an.
„Ich fang an zu verstehen, was diese Mayuri für ein Problem mit euch hatte.“, fügte Miyako mit tonloser Stimme hinzu, drehte sich abrupt weg und ging davon. Zurück blieb eine Maron, die ihr mehr als verdutzt nachblickte.
„Hmpf.“ Man kann mir nicht nachsagen, dass ich nicht mit ihr geredet habe…, stöhnte sie innerlich auf. Was sie mit ihrer letzten Bemerkung meinte…?, fragte sie sich, die Arme vor die Brust verschränkt.
„Naja. Was soll’s…“, murmelte sie leise zu sich selbst, zuckte mit den Schultern und hakte das Thema für sich ab.
Kopfschüttelnd ging Maron schließlich zu ihrem Platz zurück.
***

Erschöpft ließ sich Chiaki in seinen Bürosessel fallen. Die letztens zwei Tage hatte er ziemlich stressige 24-Stunden-Schichten hinter sich gehabt und ab heute Abend konnte er wieder sich zurücklehnen und durchatmen.
Bevor er sich nach Hause begeben wollte, schloss Chiaki kurz die Augen und ruhte sich für ein paar Minuten in seinem Büro aus. Im nächsten Moment hört er jedoch, wie sein Handy auf dem Schreibtisch vibrierte. Stöhnend nahm er es in die Hand.
Eine Nachricht von Miyako.
„Hey. Schon Feierabend? Kannst du in 15 Min. zum Stadtpark kommen?“
Chiaki zog stutzig eine Augenbraue hoch. Ein ungutes Gefühl überkam ihn.
Mit einem simplen „OK“ schrieb er seiner Freundin zurück, schnappte sich seine Sachen und machte sich auf dem Weg nach draußen.

„Hey! Tut mir leid, dass du warten musstest.“, entschuldigte Chiaki sich bei Miyako, als er auf sie zugelaufen kam.
Miyako sah schmunzelnd auf ihre Armbanduhr.
„20 Minuten zu spät. Ich glaube, du müsstest deinen Spitznamen ‚Mr. Pünktlich‘ ablegen.“, sagte sie und schenkte ihm ein schiefes Lächeln, welches jedoch nicht ihre Augen erreichte.
„Der Verkehr war die Hölle und überall waren rote Ampeln. Ich habe mich nach der Arbeit beeilt, als ich deine Nachricht sah.“ Chiaki steckte sich die Hände in die Jackentaschen und sah Miyako verwundert an. „Ich dachte, wir wollten uns morgen sehen?“
Bestimmt schüttelte sie den Kopf und nickte Richtung Stadtpark.
„Vertreten wir uns kurz die Beine.“, entgegnete sie und lächelte schwach.
„Okay.“, nickte Chiaki und folgte ihr ohne weiteren Fragen.

Schweigend lief das Paar mit ein wenig Abstand nebeneinander her. Die Stille zwischen ihnen war bedrückend. Unter einer Laterne blieb Miyako schließlich stehen und wandte sich Chiaki zu. Er blieb ebenfalls stehen, schaute sie an.
„Was ist los mit dir in letzter Zeit?“, durchbrach sie schließlich das Schweigen.
„Wovon redest du?“, fragte Chiaki zurück und schüttelte leugnend den Kopf, „N-Nichts ist los.“
Miyako lächelte ihn ungläubig an.
„Chiaki… Ich kenne dich nicht erst seit gestern.“, rollte sie mit den Augen. „Bis eben hattest du all meine Nachrichten unbeantwortet gelassen. Selbst in deinen stressigsten Tagen meldest du dich normalerweise immer zurück. Anrufe hattest du auch nicht abgenommen…“
Der Angesprochene seufzte und sah betreten zu Boden.
„Es ist wie, als würdest du mir aus dem Weg gehen.“, schlussfolgerte Miyako in einem ruhigen Ton. „Was wohl auch der Fall ist.“
Zögernd presste Chiaki die Lippen zusammen und blickte sie wieder an.
„Ich… weiß nicht, wie es dir sagen soll.“, setzte er an, „Ich mag dich, Miyako. Du bist eine tolle Frau und wir verstehen uns super-…“
„Beziehungen sollten aber mehr sein, als sich nur super zu verstehen.“, unterbrach Miyako ihn. „Du sagst, du magst mich, aber du liebst mich nicht… oder liege ich falsch?“ Bei der Frage sah sie Chiaki sowohl ernst als auch betrübt an.
Er machte den Mund auf und schloss ihn wortlos wieder, wandte den Blick beschämt von ihr ab. Sein Schweigen reichte Miyako als Antwort.
Niedergeschlagen nickte sie mit dem Kopf. „Schon gut. Ich verstehe schon.“
Chiaki fuhr sich mit einer Hand über den Nacken, nicht wissend was er ihr noch sagen konnte. „Ich empfinde viel für dich, Miyako-…“
„Nur leider nicht so viel wie für jemand anderes.“, warf sie ein und neigte mit einem wissenden Blick leicht den Kopf. „Maron.“ Ihre Mundwinkel zogen sich traurig nach oben.
Chiaki’s Schuldgefühle wuchsen. Er fühlte sich elend.
Miyako ging einen Schritt auf Chiaki zu und legte ihm sachte eine Hand auf die Schulter.
„…Bist du sauer auf mich?“, fragte er mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck. Sie schüttelte den Kopf.
„Niemand hat was falsch gemacht.“, sagte sie sanft. Trotzdem fühlte Chiaki sich mehr als schuldig.
„Es tut mir wirklich leid.“
Miyako nahm die Entschuldigung mit einem Nicken an und ließ ihre Hand von seiner Schulter sinken. Tränen schimmerten in ihren Augen, die sie geschickt wegblinzelte.
„Mir tut es auch leid…“, brachte sie entgegen und blickte zur Seite. „Ich habe mir wahrscheinlich den schlimmsten Zeitpunkt zum Schluss machen ausgesucht…“ Sie schniefte kurz. „Aber… ich konnte keinen Tag mehr länger weitermachen.“
„Nein, ist schon okay!“, winkte Chiaki sorglos ab, „Wirklich. Mir macht das nichts aus. Ich… Ich bin schließlich das Arsch, der dir Unrecht getan hat.“ Er zuckte mit der Schulter und schenkte ihr ein schiefes Grinsen. Miyako lachte daraufhin kurz auf.
„Okay. Da bin ich erleichtert.“, sagte sie und sah ihn für einen Moment ernst an. „Tu mir den Gefallen und sag es ihr. Sag ihr, wie du für sie empfindest. Sei ehrlich zu ihr und dich selbst. Je länger du es für dich behältst, desto mehr schadest du dir selbst… und anderen auch.“
Chiaki nahm die Worte nickend zur Kenntnis. Er wusste, dass sie Recht hatte mit dem was sie sagte. Und den Gefallen war er ihr nach all dem Herzschmerz, dass er ihr zugefügt hatte, definitiv schuldig. „Ich versprech es.“
„Danke…“ Miyako lächelte gequält.
„Können wir immer noch Freunde bleiben?“, fragte er sie.
Wieder musste Miyako lachen und nickte zustimmend. „Klar!“
Sie stellte sich auf Zehenspitzen und gab Chiaki einen Abschiedskuss auf die Wange. Eine kleine Träne entkam ihr, die sie sich schnell mit der Hand weg wischte.
Letztlich verabschiedeten beide sich voneinander und gingen getrennte Wege.

Auf dem Weg zu seinem Auto, zückte Chiaki sein Handy aus der Tasche und rief Maron an.
„Hey Chiaki!“, nahm sie ab.
„Hey…“, brachte Chiaki hervor und biss sich auf die Lippe.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie besorgt. „Ist zwischen dir und Miyako was vorgefallen?“
„Eh… Nun,… Es ist aus.“
„Oh… D-Das tut mir furchtbar leid.“, sagte Maron in einem mitfühlenden Ton und fügte erstaunt hinzu: „Und das ein Tag vor deinem Geburtstag?!“
„Nein, keine Sorge. Ist schon okay! Wir bleiben Freunde und-… Ja, alles wird super!“, wendete Chiaki schnell ein und lachte sorglos auf.
„Okay…“, kam es skeptisch zurück. „Wenn du reden willst, dann kannst du ruhig vorbei kommen.“, schlug Maron vor. „Meine Eltern sind gerade zu einem Geschäftsessen losgefahren.“
„Oh, ehm…“ Chiaki sah sich flüchtig um, atmete kurz ein und wieder aus, ehe er weitersprach: „Ja, ich würde gern mit dir reden… Ich bin in ein paar Minuten bei dir.“
„Okay. Bis gleich.“
„Okay…“
Mit den Worten legten sie auf. Chiaki stieg in sein Wagen ein und spürte wie sich seine Nervosität und sein Herzschlag erhöhte. Tief durchatmend fuhr er schließlich los.  
***

Eine halbe Stunde später stand er bei den Kusakabes vor der Haustür und klingelte. Maron öffnete sie ihm sofort. Sie stand in einer gemütlichen, schwarzen Leggings und einem großen, grauen Strickpullover vor ihm. Ihre Haare fielen locker über ihre Schulter. Ein warmes zugleich besorgtes Lächeln haftete auf ihrem Gesicht.
„Wie geht es dir?“, fragte sie ihn, als sie sich ins Wohnzimmer begaben. Das orangefarbene Licht einer Zimmerlampe erhellte den Raum schwach. Der Rest des Hauses blieb im Dunkeln.
„Gut.“, antwortete Chiaki ihr.
„Sicher?“
„Ja. Wirklich.“
„Hm…“ Maron blickte ihn ungläubig an und drehte sich kurz um. Chiaki sah zu, wie sie die Treppen zu ihrem Zimmer hochging und keine Minute später wieder zurückkehrte. Etwas befand sich in ihrer Hand.  
„Eine Trennung ist immer schwierig…aber ich hoffe, dass das dich etwas aufmuntern kann.“, sagte sie und hielt ihm mit beiden Händen etwas Viereckiges entgegen, was in Geschenkpapier eingewickelt war. „Auch wenn es vier Stunden zu früh dafür ist… Alles Gute zum Fünfundzwanzigsten.“, fügte sie in einen warmen Ton hinzu.
Chiaki sah mit großen Augen zwischen dem Päckchen und Maron hin und her. Nach kurzen Zögern, nahm er das Geschenk in die Hand und packte es aus.
Seine braunen Augen weiteten sich noch mehr als er sah, dass er ein Bilderrahmen in den Händen hielt. Darin befand sich ein Foto von ihm, Maron und zwischen ihnen - seiner Mutter. Alle lächelten breit in die Kamera. Vor ihnen befand sich ein Tisch und darauf war ein Geburtstagskuchen zusehen.
Er erinnerte sich. Es war ein Bild von seinem achten Geburtstag. Der letzte Geburtstag, den seine Mutter noch erleben dürfte.
Chiaki musste schwer schlucken. Wie eingefroren stand er da und starrte auf das Foto in seiner Hand.
„Ich hatte das Foto zufällig in der Speicherkarte unserer alten Kamera gefunden.“, hörte er Maron sanft sagen. „Bestimmt haben du und dein Vater es noch nicht…“ Sie warf einen traurigen Blick darauf. „Deine Mutter wäre garantiert stolz auf dich. Egal was du machst.“
Wäre sie das?, ging es Chiaki durch den Kopf. Was hätte sie wohl zu der ganzen Situation gesagt? Seine Finger verkrampften sich etwas um den Bilderrahmen.
„Danke, Maron….“, sagte er, die Stimme ein heiseres Flüstern und sah wieder zu ihr auf.
Maron sah ihn besorgt an.
„Alles okay, Chiaki…?“, fragte sie leise. „Du hast doch was…“
Chiaki ging auf sie zu und nahm sie in seine Arme. Maron erwiderte die Umarmung mit leichter Verwunderung.
Ein letztes Mal nahm er tief Luft, rang kurz mit sich selbst und sprach schließlich das aus, was er für Jahre nicht aussprechen konnte:
„Ich liebe dich, Maron...“
„Aw… Ich hab dich auch lieb.“, erwiderte sie gerührt, strich ihm über den Rücken.
Chiaki löste sich von ihr.
„Das meinte ich nicht.“
Maron’s Lächeln verschwand. Die Verwirrung in ihren braunen Augen wandelte sich langsam in Realisation um.
„Schon als wir klein waren, bevor ich überhaupt wusste was das Wort Liebe bedeutet…da habe ich mich wahrscheinlich schon in dich verliebt.“, gestand Chiaki schließlich und lächelte gequält. Sprachlos und mit großen Augen blickte Maron ihn an.
Langsam bewegten sie sich zum Sofa und setzten sich mit ein wenig Abstand hin. Chiaki legte das Foto beiseite und wandte sich Maron zu.
„Hör zu…“, sagte er, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und sah sie eindringlich an. „Es gab so viele Momente, wo ich es dir sagen wollte. Zu unserem Abschluss, bevor ich fürs Studium wegzog, nachdem ich vom Studium wieder zurückkam. All die Geburtstage, all die Weihnachten, all die Nächte in der wir beide einfach stundenlang wach blieben, durch die Stadt wanderten oder am Strand saßen und miteinander redeten… So viele Momente und Möglichkeiten!“ Die Worte sprudelten nun förmlich aus ihm heraus.
„Und ich habe es dennoch nie getan und behielt es für mich. Ich hatte Angst dich zu verlieren, wenn du meine Gefühle nicht erwiderst. Ich dachte, ich könnte diese Gefühle verdrängen…mir selbst und anderen was vormachen.“ Er hielt kurz inne. „Die Ironie ist jetzt, dass ich womöglich dabei bin dich zu verlieren.“
Währenddessen rollte Maron eine stumme Träne die Wange herunter, ihre Hände hielten sich am Stoff des Sofapolsters fest. Ihre braunen Augen ließen nicht von ihm los, sahen ihn traurig an. Ihr Blick allein zerriss ihm das Herz.
„I-Ich weiß, ich hatte mein ganzes Leben lang Zeit, dir das zu sagen. Und du bist nun mit Hijiri zusammen, mir ist das durchaus bewusst. Und ich weiß, dass ich keinen beschisseneren Zeitpunkt hätte aussuchen können als jetzt… aber ich konnte nicht mehr so weitermachen. Ich konnte dich nicht mehr weiter anlügen.“
Nachdem Chiaki zu Ende sprach, atmete Maron tief durch und schloss für einen Moment ihre Augen. Sie presste sich ihre zittrigen Lippen zusammen und sah ihn an. Mehr Tränen liefen ihr still das Gesicht herunter. Schwach und dennoch bestimmt schüttelte sie den Kopf.
„Es tut mir leid…“, wisperte sie kaum hörbar.
Resigniert ließ Chiaki den Kopf sinken. Auch wenn er solch eine Antwort von ihr erwartet hatte, so spürte Chiaki trotzdem wie sein Herz in tausende Einzelteile zerbrach. Der Schmerz war kaum in Worte zu fassen.
„Mir tut es auch leid...“, erwiderte er leise, stand auf und ging zur Tür.
Ein letztes Mal drehte Chiaki sich zu Maron um. Sie saß weiterhin noch auf dem Sofa und hatte ihm den Rücken zugewandt.
Ohne weiteres verließ er schließlich das Haus. Eine Träne rollte ihm stumm über die Wange.

Zurück blieb eine Maron, die ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.
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