Eragon Band 6: Schatten über Alagaësia

GeschichteFantasy / P16
28.09.2018
11.07.2019
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Murtagh erwiderte Jocys Kuss und legte seine Hände zärtlich an ihre Oberarme. Einen Moment lang verharrten sie in dieser Position und vertieften sich in den Kuss. Einen Moment voller Gefühle und Leidenschaft. Einen Moment, der vor allem was Jocy anging, nie hätte enden brauchen. Doch kurz darauf löste Murtagh sich aus dem Kuss und trat einen Schritt zurück.
"Ich hätte das nicht tun sollen" sagte er, während er einen weiteren Schritt zurück machte.
"Was ist los?" fragte Jocy daraufhin verwirrt und verunsichert zugleich "Habe ich etwas falsch gemacht?".
"Nein, hast du nicht. Du bist wirklich eine wunderbare Frau" erwiderte Murtagh, wandte sich jedoch ab "Es ist einfach nicht richtig.".
Daraufhin brach Jocy in Tränen aus, drehte sich ebenfalls um und rannte zurück in das Anwesen. Murtagh rief ihr zwar zaghaft hinterher, dass sie stehenbleiben solle, doch sie hörte ihn gar nicht mehr.
"Das hast du ja toll hinbekommen, du Holzkopf" schimpfte plötzlich Dorn "Musstest du das arme Mädchen so herzlos behandeln?".
"Nein, natürlich nicht" antwortete Murtagh verzweifelt "Es wäre einfach nicht richtig. Auch ihr gegenüber.".
"Was ist dein Problem?" wollte Dorn wissen.
"Das weißt du doch am besten" gab Murtagh zurück "Das Problem ist Nasuada. Ich habe sie geliebt, ich war bereit alles für sie zu opfern. Ich weiß, dass ich niemals mit ihr zusammen kommen werde, zumindest nicht so lange sie Großkönigin ist, aber ich kann mich nicht auf eine andere Frau einlassen, so lange ich immer noch derartige Gefühle für Nasuada habe.".
"Dann musst du das Jocy aber auch genau so sagen und sie nicht erst nach ermutigen" sagte Dorn "Du hast sie geküsst und es hat dir auch gefallen, es ist also nicht fair, sie einfach so wegzustoßen. Ich finde sie hat es verdient, dass du ehrlich zu ihr bist. Egal ob du sie jetzt liebst oder nicht, oder ob du Zeit brauchst um dir über deine Gefühle im klaren zu werden, aber lass sie nicht einfach so hängen.".
"Was würde ich nur ohne einen derart weisen Seelenpartner wie dich tun?" fragte nun wieder Murtagh.
"Hör auf abzuschweifen und sprich mit ihr" antwortete der rote Drache "Wofür hast du denn sonst deinen weisen Seelenpartner, wenn nicht um auf ihn zu hören.".
"Gut, ich werde morgen mit ihr sprechen" bestätigte Murtagh. Anschließend streichelte er Dorn nochmals über die Schnauze, woraufhin der Drache sanft knurrte und begab sich ebenfalls wieder in das Anwesen der Familie Montrillon. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen dem was Dorn gesagt hatte. Er sah ein, dass er sich gegenüber Jocy unfair verhalten hatte. Er hatte sie geküsst und er hatte es genossen, aber er wusste genauso, dass er sich zumindest vorerst nicht auf eine feste Bindung einlassen konnte und dass er Jocy sicher nicht als Lückenfüllerin missbrauchen wollte. Er mochte sie schließlich und sie konnte vermutlich am allerwenigsten dafür, dass er regelmäßig schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hatte, sie hatte es nicht einmal vollständig gewusst, dennoch hatte er ihr Hoffnungen gemacht, die es zumindest für den Moment nicht gab. Er würde auf jeden Fall mit ihr sprechen und ehrlich zu ihr sein. Und er würde sich bei ihr entschuldigen, da es ihr vermutlich mindestens genauso schlecht ging, wie ihm selbst.
Am nächsten Morgen hatten sich Nasuada, Murtagh, Jocy und Derron Montrillon schon früh im Arbeitszimmer des Herzogs versammelt. Der Anlass dazu waren zwei Boten gewesen, die noch früher am Morgen eingetroffen waren, jeweils eine Nachricht überbracht hatten und anschließend sofort wieder abgereist waren. Der eine Bote war aus Teirm gewesen, der andere war ein Bote des Hauses Trevellos aus Surda.
"Wie seht ihr beiden denn aus?" fragte Nasuada an Murtagh und Jocy gewandt, als diese kurz nacheinander als letztes den Raum betraten "Ihr seht beide aus, als hättet ihr heute Nacht kein Auge zugetan.".
"So kann man es sagen, Majestät" antwortete Jocy, während Murtagh stumm blieb und zu Jocy hinüber sah, was die ehemalige Botschafterin jedoch nicht zu bemerken schien.
"Guten Morgen zusammen" begrüßte nun Derron Montrillon die übrigen anwesenden "Ich habe euch alle schon so früh rufen lassen, da heute morgen zwei Boten mit Nachrichten an das Haus Montrillon bei uns eingetroffen sind, was ich dringend mit euch allen besprechen möchte.".
"Worum geht es bei diesen Nachrichten?" wollte nun Nasuada wissen.
"Die erste Nachricht stammt aus Teirm und ist eine Bekanntmachung an alle Adelshäuser, dass Fürst Risthart sich zum neuen Großkönig erklärt hat und die Gefolgschaft des Adels erwartet" berichtete Derron.
"Was für ein ungeheuerlicher Verrat" platzte es plötzlich aus Murtagh, der bisher eher ein wenig abwesend gewirkt hatte, hervor.
"Beruhige dich, Murtagh" sagte Nasuada mit einem leichten Lächeln im Gesicht, welches überhaupt ihr erstes Lächeln seit der Zerstörung Ilieras gewesen war "Der werte Fürst von Teirm hat uns damit unbeabsichtigt einen riesigen Gefallen getan. Einerseits hat er sich als Verräter offenbart und unseren Verdacht bestätigt, außerdem wird die Reaktion der anderen Adelshäuser uns zeigen, wer auf unserer Seite steht und wer nicht. Denn jedes Adelshaus, welches Fürst Risthart nicht seine Unterstützung zusagt, was sich ja nun recht leicht erkennen lässt, kommt als Verbündeter für uns in Betracht.".
"So kann man das natürlich auch sehen" antwortete Murtagh und nickte anerkennend.
"Eine geniale Idee, Majestät" lobte nun auch Jocy die Großkönigin "Jetzt wissen wir auf jeden Fall, wie wir in dieser Hinsicht weiter vorgehen können.".
"Worum geht es bei der zweiten Nachricht die ihr erhalten habt, Herzog Montrillon? " fragte nun wieder Nasuada.
"Die zweite Nachricht stammt von Haus Trevellos aus Surda und ist eigentlich eher an meine Schwester als an unser Haus adressiert" sagte der Herzog.
"Ich habe damals, als ich zu der Konferenz nach Iliera aufgebrochen bin veranlasst, dass alle meine vertrauenswürdigen Kontakte in Surda jegliche Botschaften für mich sowohl an das Haus meiner Familie als auch an mich direkt senden sollen, dass wir zur Sicherheit immer eine zweite Version einer jeden Nachricht zur Verfügung haben" erklärte Jocy an Nasuada gewandt, da ihr Bruder und Murtagh bereits davon wussten "Du kannst jetzt fortfahren, Bruderherz.".
"Danke, meine liebe Schwester" fuhr Derron fort "Bei der Nachricht von Haus Trevellos handelt es sich um eine Art Statusbericht. Der erste Teil handelt davon, dass die Städte Melian und Cithrí von einer Armee unter imperialem Banner erobert worden sind und dass diese Armee sich nun aufgeteilt hat und zum Teil nach Norden in Richtung Dras-Leona marschiert und zum Teil nach Süden in das restliche Surda marschiert. Und da die surdanische Armee bei Iliera fast vollständig vernichtet wurde, kann Surda kaum Gegenwehr leisten.".
"Das ist doch völlig absurd" sagte nun wieder Jocy "Das Imperium ist vernichtet worden und selbst wenn nicht alle imperialen Sympathisanten gefasst werden konnten, so hätten diese doch nirgendwo eine derartige Armee aufbauen können.".
"Seid ihr euch sicher, dass das Haus Trevellos eine verlässliche Informationsquelle ist, Jocy?" fragte nun Nasuada.
"Das bin ich" antwortete Jocy "Haus Trevellos ist eigentlich schon immer verlässlich gewesen.".
"Vielleicht haben Sie doch recht" warf nun Murtagh ein "Ich hatte dich ja nach der Schlacht von Iliera gewarnt, dass Galbatorix noch mir unbekannte Anhänger haben könnte, die ihm aus Überzeugung heraus dienen. Und außerdem passt dieser Bericht mit dem Totalverlust sowohl unserer Armee als auch der surdanischen Armee bei Furnost zusammen, da beide Armeen möglicherweise in eine Falle gelockt worden sind. Und wenn diese neo-imperialen auch für die Zerstörung Ilieras verantwortlich sind, müssten sie ihren Stützpunkt in der Hadarac-Wüste haben, da der Energiestrahl der Iliera zerstört hat, aus östlicher Richtung kam. Ich hätte es wissen müssen. Galbatorix schadet uns auch noch nach seinem Tod und ich habe das ganze derart unterschätzt. Ich habe ihn unterschätzt. Ich bin auch ohne seine Kontrolle immer noch für seine Verbrechen mitverantwortlich.".
"Nein, dass bist du nicht" versuchte Jocy ihn zu beruhigen und legte ihre Hand auf seinen Arm "Du hättest das doch nicht wissen können und einen derart kranken Verstand wie den von Galbatorix kann niemand begreifen.".
"Du hast neben Eragon vermutlich den größten Anteil daran, dass Galbatorix Herrschaft über Alagaësia überhaupt ein Ende gefunden hat. Ich bin selbst dabei gewesen und ich bezweifle, dass es Eragon ohne deine Hilfe gelungen wäre, Galbatorix zu vernichten. Und du hast sicher keine Schuld daran, dass Galbatorix anscheinend eine magische Massenvernichtungswaffe entwickelt hat.".
"Aber ich hätte es ahnen können, dass er etwas derartiges vor hat" sagte Murtagh betrübt "Schließlich habe ich ihn trotz allem besser gekannt, als jeder von euch."! .
"Vermutlich hat er schon damit begonnen, bevor du ihm überhaupt gedient hast, wenn überhaupt Galbatorix und nicht dieser Erzschatten hinter der Vernichtung von Iliera steckt" entgegnete Nasuada und sagte nun weiter in die Runde "Wir kennen jetzt also unsere Hauptfeinde, den Erzschatten, Risthart und die neo-imperialen, zwischen denen es zweifelsfrei eine Verbindung gibt. Wir warten nun also auf Eragon und werden dann konkreten Kontakt zu den Feinden unserer Feinde aufnehmen. Worum geht es bei dem zweiten Teil der Botschaft von Haus Trevellos?".
"Der verbliebene Adel von Surda hat Dyneria Langfeld zur neuen Königin von Surda und damit zur Nachfolgerin ihres Onkels Orrin erklärt" berichtete nun wieder Derron Montrillon "Kennt ihr diese Dyneria Langfeld, Majestät? Oder du, Jocy?".
"Ich habe sie zwar kennengelernt, aber ich kann sie kaum einschätzen" antwortete Nasuada "Ich habe nur mitbekommen, dass sie als kleines Mädchen von Sklavenhändlern entführt worden ist und anschließend einige Jahre in imperialer Gefangenschaft gelebt hat, bis sie sich befreien konnte und nach Surda zurückgekehrt ist. Neben unserem Sieg über Durza bei Farthen Dur soll das einer der Hauptgründe dafür gewesen sein, dass sich König Orrin damals dazu entschlossen hat, das offene Vorgehen der Varden zu unterstützen.".
"Ich habe sie in meinem Jahr als Botschafterin in Surda ein wenig besser kennengelernt" fügte Jocy hinzu "Sie hat zwar keine große Rolle am surdanischen Hof gespielt, weshalb ich vermute, dass der Name Ihrer Familie der einzige Grund dafür ist, warum der Adel sich auf sie festgelegt hat, aber sie ist scharfsinnig, klug und hat einen starken Gerechtigkeitssinn. Man sollte sie nicht unterschätzt.".
"Denkt ihr, dass wir sie als Verbündete in Betracht ziehen könnten?" wollte nun Nasuada wissen "Oder wird sie Orrins krankhaftes Streben nach einer vollständigen Unabhängigkeit Surdas fortführen?".
"Ich bezweifle, dass sie uns an diese neo-imperialen verraten würde" vermutete Jocy "Ich denke, wir sollten es zumindest versuchen, Surda und das Großkönigreich wieder zu versöhnen und uns gegen den gemeinsamen Feind zusammentun. Die Frage ist nur, wie viel Macht sie wirklich hat um etwas derartiges durchzusetzen.".
"Also werde ich ihr eine Einladung hierher von Königin zu Königin zukommen lassen" sagte nun wieder Nasuada "Ich werde mich umgehend selbst darum kümmern und das ganze später noch einmal mit euch besprechen, Jocy.".
"Eine ausgezeichnete Idee" kommentierte Derron "Ich muss euch dann übrigens ebenfalls alleine lassen, ich muss in dem Anwesen nach dem rechten sehen.".
Daraufhin verließen Nasuada und Derron das Arbeitszimmer des Herzogs. Auch Jocy machte Anstalten, den Raum zu verlassen, doch Murtagh stellte sich ihr in den Weg.
"Ich möchte noch kurz mit dir sprechen" begann der junge Drachenreiter, woraufhin Jocy stehen blieb "Wegen dem was gestern Abend passiert ist.".
"Ich sehe ein, dass ich dich gestern anrufen vielleicht überrumpelt habe" antwortete Jocy "Aber ich wollte dir wirklich nur helfen. Warum hast du mich so plötzlich abgewiesen?".
"Ich möchte ehrlich zu dir sein" sagte nun wieder Murtagh und sah Jocy direkt in die Augen "Wie du weißt, habe ich in meiner Vergangenheit nicht gerade gute Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht, zuerst wegen meines Vaters, dann wegen Galbatorix, weshalb ich mir immer selbst der Nächste gewesen bin, vor allem nachdem Dorn bei mir geschlüpft war. Und dann gab es Nasuada. Obwohl Galbatorix mich regelmäßig gezwungen hat, sie zu foltern, habe ich ein besonderes Verhältnis zu ihr aufgebaut. Sie hat mich trotz dem was ich ihr antun musste, verstanden und nach und nach bin ich dazu bereit gewesen, mich zu verändern. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich für eine andere Person bereit gewesen, meine Freiheit und möglicherweise sogar mein Leben zu opfern. Aber obwohl ich alles geopfert habe, habe ich nichts gewonnen. Trotz allem sehen die meisten Leute in mir immer noch nur Galbatorix Schlächter und mit Nasuada habe ich ebenfalls nie eine Zukunft gehabt, spätestens seit sie Königin geworden ist.".
"Warum erzählst du mir das alles?" fragte Jocy daraufhin mit Tränen in den Augen.
"Dass du mich besser verstehen kannst und dass du begreifst, dass ich dich nicht verletzen wollte" antwortete Murtagh "Es tut mir Leid, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, die zumindest zurzeit nicht existieren. Ich mag dich wirklich sehr gerne, aber ich brauche Zeit.".
"Ich gebe dir alle Zeit die du brauchst" bestätigte Jocy und umarmte Murtagh, was dieser seinerseits erwiderte.
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