Irgendwann... // Irgendwie...

GeschichteAllgemein / P16
Ziva David
28.09.2018
15.09.2019
48
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Staffel 17//August 2020
Monster

Ein letztes Mal flog ihr Blick über die Regale des inzwischen leeren Ladens, bevor sie die Lampen ausschaltete. Seit gut eineinhalb Monaten arbeitete sie nun nachmittags und abends in dem kleinen Supermarkt, der einige Blocks von ihrem Haus entfernt lag. Sie hatte es einfach nicht mehr ausgehalten sich nur mit dem Haushalt zu beschäftigen und irgendwie den Tag herum zu bekommen. Zudem wollte sie ebenfalls ein wenig Geld verdienen, damit sie sich vielleicht irgendwann ein Haus in einer ruhigen Gegend leisten konnten. Irgendwann, wenn das alles vorbei war.
Sie schloss die Türe hinter sich und drehte den Schlüssel im Schloss um. An zwei Abenden in der Woche musste sie abends nochmal durch die Gänge wischen und schlussendlich abschließen. Und heute war wieder einer dieser Abende.
Nun nur noch nach Hause, ging es ihr durch den inzwischen müden Kopf, während sie den Schlüssel in ihre Tasche gleiten ließ und ihre Schritte die Straße runter lenkte.
Der kühle Wind pfiff ihr durch die Haare, während sie vom Licht einer Laterne in das der nächsten trat. Irgendwann ist das alles vorbei, ging es ihr unwillkürlich lächelnd durch den Kopf, als sie um die nächste Ecke bog.
Autos kamen hier um diese Zeit nur noch selten vorbei und auch sonst war so spät mitten in der Woche in dem kleinen Vorort nichts mehr los.
Nur noch drei Blocks, dachte sie, während sie um die nächste Ecke bog. Unwillkürlich flog ihr Blick über die Schulter zurück als ein mulmiges Gefühl begann sich in ihr breit zu machen. Irgendwas stimmt hier nicht. Doch die Straße hinter ihr war leer und auch vor ihr war niemand zu sehen. Das bilde ich mir bestimmt nur ein, ging es ihr durch den Kopf, während sie das Gefühl versuchte fort zu drücken. Ich sollte aufhören so paranoid zu sein, es ist seit Monaten nichts passiert, es ist alles ruhig. Mach dir nicht so einen Kopf, genieß‘ es einfach mal.
Doch immer wieder schaukelte sich das Gefühl in ihr hoch, selbst als sie um die nächste Ecke bog – noch zwei Blocks – ihr Blick erneut nach hinten fiel und ihr noch immer eine leere Straße präsentierte. Komm runter, beruhig dich, es wird nichts passieren, ging es ihr immer wieder durch den Kopf, doch ihre Schritte wurden dennoch schneller.
Sie spitzte die Ohren und ließ den Blick über die Häuser gleiten. In einiger Entfernung konnte sie ein Auto hören, hier und da war in einigen Fenstern noch Licht zu sehen, doch die meisten lagen im Dunkeln.
Ein Block noch. Sie ging über die Straße und folgte den letzten Häuserreihen, die in einigen hundert Metern in den kleinen Vorstadthäusern enden und sie damit nur noch zwei Straßen von zuhause trennen würden.
Gleich geschafft, niemand zu sehen, nichts passiert, dachte sie im selben Moment in dem sie jemand erst am Arm, dann am Kragen packte und in eine Gasse zog. Sie wollte aufschreien, doch im Bruchteil einer Sekunde hatte sich bereits eine Hand auf ihren Mund gedrückt.
„Ruhig!“ In der Dunkelheit, in der die Gasse lag, konnte sie nur eine Gestalt erkennen. Und die Waffe, die diese auf sie richtete.
Verdammt!, ging es ihr durch den Kopf, während sie auf die Schnelle versuchte ihre Lage einzuschätzen. Ihre Angreifer waren mindestens zu zweit, es könnten aber auch noch welche außerhalb ihres Blickfeldes stehen. Zumindest einer der beiden hatte eine Waffe. Ich hätte besser aufpassen müssen. Aber vielleicht war ich auch einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Arm des Mannes, der sie festhielt, legte sich stärker um ihre Körpermitte.
„Hat sie irgendwas dabei?“
„Nur ihre Tasche.“
Plötzlich lief es ihr kalt den Rücken runter. Sie kannte diese Männer, die kannte diese Stimmen, da war sie sich sicher. Und diese Tatsache ließ die Angst in ihr steigen. Die beiden wollten auf keinen Fall ihr Geld.
„Wir hatten beim letzten Mal schon so viel Spaß.“ Sie spürte seine Hand an ihrem Kinn entlang streichen und konnte im schwachen Licht gerade so das hämische Grinsen auf seinen Lippen aus machen.
Aaron Abbot, ging ihr der Name des Mannes angewidert durch den Kopf. Und Milton Novak. Die beiden hatte damals die Akten aus dem Farmhaus geholt und anscheinend waren sie es noch nicht leid ihr hinterher zu jagen. Vielleicht war auch einfach nur die Bezahlung gut.
„Schade, dass wir den heute nicht…“ Stimmen wurden auf der Straße lauter und unterbrachen ihn damit. Sein Blick flog über die Schulter zur Straße. „An die Wand!“
Sie wollen nicht entdeckt werden, ging es ihr durch den Kopf, als sie zur Wand geschoben wurde. Der Arm um ihre Körpermitte lockerte sich leicht. Irgendwas muss ich tun. Ihr Blick fiel kurz hinter Milton, der sie noch immer festhielt. Außer ihnen dreien war keiner in der Gasse. Sie lauschte. Die Stimmen wurden lauter. Schritte näherten sich der Gasse. Sie spürte wie sich etwas in ihre Seite drückte. Es bedurfte keiner Worte um ihr klar zu machen, dass sie ruhig bleiben sollte, das war ihr auch so klar.
Die Schritte kamen an der Gasse vorbei, die Stimmen wurden kurz lauter, doch sehen konnte sie nichts, Abbot versperrte ihr die Sicht. Kurz überlegte sie irgendwie auf sich aufmerksam zu machen, doch damit würde sie nicht nur sich selbst sondern auch die Passanten gefährden.
Bleib ruhig, bleib einfach ruhig, ging es ihr immer wieder durch den Kopf, als sich die Schritte langsam entfernten und sie versuchte die Angst in sich runter zu kämpfen. Sie haben nur mich, Tali und Tony sind sicher, zumindest gerade.
„Hat sie einen Ausweis mit?“ Abbot unterbrach die Stille.
„Sieh‘ doch nach.“
Sie spürte wie ihr die Tasche von der Schulter gerissen wurde. Nein, dachte sie, ich habe keinen Ausweis mit. Sie hatte sich vor genau solch einer Situation gefürchtet. Auf dem Ausweis stand ihre Adresse. Reden würde sie nicht. Der einzige Weg, wie die beiden Tony und Tali finden könnten wäre ihr Ausweis, oder die beiden hatten sie beobachtet. So oder so, sie musste es ihnen ja nicht leichter machen als nötig.
Sie beobachtete wie Abbot begann in ihrer Tasche zu kramen. Du wirst nichts finden. Die Waffe hatte er inzwischen von ihr abgewandte, konnte diese nicht gleichzeitig auf sie richten und die Tasche halten.
Er hielt inne. Auf der Straße wurde der Motor eines Wagens lauter.
Warum habt ihr mich nicht einfach umgebracht?, ging es ihr plötzlich ungewollt durch den Kopf. Das einzige, was sie sich dabei denken konnte war, dass die beiden wissen wollten, wo Tony und Tali waren, auch wenn ihr das nicht wirklich logisch erschien.
Abbots Blick wanderte erneut zur Straße.
Jetzt oder nie!, schrie es in ihrem Kopf, dann ging alles ganz schnell. Unter etwas Mühe biss sie in einen der Finger Miltons. Leise schrie er auf. Seine Hand schnellte von ihrem Mund weg, der Arm um ihre Körpermitte lockerte sich. Ihr Ellenbogen grub sich in seinen Magen. Sein Arm ließ von ihr ab. Ihre Hand schnellte nach vorne und schob die Waffe in der Sekunde zur Seite, in der sich ein Schuss löste. Laut hallte dieser in ihren Ohren wider. Ihre Hand brannte an der Stelle, an der sie den Lauf berührt hatte. Sie ignorierte es, sie musste hier weg. Mit der freien Hand schlug sie nach seiner Nase. Er taumelte zurück. Seine Hand legte sich auf seine Nase. Sie riss ihm ihre Tasche weg, dann nahm sie ihre Beine in die Hand. Hinter ihr hallte ein weiterer Schuss durch die Gasse, als sie in die Straße einbog.
Lauf!, schrie es in ihrem Kopf. Nicht nach Hause, werd‘ sie erst los. Sie hörte Schritte hinter sich her hallen, sah den Wagen, dessen Motor sie zuvor gehört hatten, vor ihr in die nächste Straße einbiegen.
„Hey!“
Lauf! Lauf einfach! Sie bog in die nächste Gasse ab. Werd‘ sie los! Nächste Straße. Sie wagte es nicht den Blick nach hinten zu werfen. Der kühle Wind strich ihr weiterhin durch die Haare. Das Adrenalin ließ den Schmerz in ihrer Hand verschwinden. Ob eine der Kugeln sie getroffen hatte konnte sie im Moment nicht sagen, dafür war später noch genug Zeit.
Nächste Gasse. Ihr Herz pochte wie wild, ließ das Blut durch ihre Adern rasen. Sie musste sich ihre Kräfte eigentlich einteilen. Die beiden waren zu zweit und sie wusste nicht, ob sie nicht sogar einen Wagen hatten.
„Stehen bleiben!“
Nächste Straße. Unwillkürlich flog ihr Blick nach hinten als sie einige Meter auf dem Bürgersteig hinter sich gelegt hatte. Gut fünfzig Meter hinter ihr bogen die beiden in die Straße ein.
Sie bog um die Ecke. Ihr Blick richtete sich wieder nach vorne. Wohin? Wohin, verdammt? Nach Hause? Noch nicht. Zurück zum Laden? Zu gefährlich. Die beiden erstmal abhängen, anders geht es nicht.
Nächste Gasse. Hinter ihr hallte ein Schuss durch die Dunkelheit. Sie rannte schneller, die Angst in ihr stieg. Sie wusste gerade nicht, wie nah die beiden waren. Vielleicht waren sie gerade erst um die Ecke, vielleicht schon näher als sie es wollte.
Zurück auf die Straße. Wie lange halte ich das noch durch?, ging es ihr durch den Kopf. Der Schweiß lief ihr den Rücken hinab, der kühle Wind ließ sie frieren. Ihr Blick flog zurück. Noch waren die beiden nicht zu sehen. Sie war schon fast hundert Meter von der Gasse entfernt, der Abstand wurde zumindest größer. Lange halten sie das nicht mehr durch, dachte sie, als die beiden aus der Gasse auftauchten.
Im nächsten Moment bog sie in die nächste Straße ein. Ihre Lungen begannen langsam zu brennen. Sie ging joggen, aber nie in dieser Geschwindigkeit. Sie wollte anhalten, doch ihre Angst und die Sorge um ihre Familie ließen sie weiterlaufen. Blende es einfach aus, lauf weiter, trieben ihre Gedanken sie weiter an.
Nach kurzem gucken über die Straße, kein Auto kam, alles war still. Blick nach hinten, während ihre Gedanken weiter ihrer Angst folgten. Sie dürfen sie nicht bekommen, lieber gehe ich selber drauf als das meiner Familie etwas passiert. Fast zwei Blocks lagen inzwischen zwischen ihr und ihren Verfolgern als diese an der Ecke auftauchten. Nur noch ein kleines Stück, dann sollte der Abstand groß genug sein um sie abzuschütteln.
Sie bog in die nächste Straße ein. Ob die beiden sie dabei gesehen hatten wusste sie nicht, sie lief einfach weiter. Ihre Beine schmerzten, lange würde auch sie nicht mehr durchhalten. Noch trieb die Angst sie an, doch wie lange dem noch so sein würde wusste sie bei bestem Willen nicht. Ihr Blick flog zurück. Niemand zu sehen, die Straße war leer. Sie erkannte die Häuser. Sie war ein ganzes Stück weiter in die Stadt gelaufen, also weit genug von zuhause weg um den beiden gleich nicht zufällig in die Arme zu laufen.
Sie bog in die nächste Gasse ein. Einige Meter vor ihr tauchte ein Zaun auf, der dieses Ende der Gasse vom anderen trennte. Kletter‘ drüber, hielt ihr Kopf sie an als sie kurz innehielt. Sie konnte nicht zurück auf die Straße, sie wusste nicht, ob die beiden nicht schon längst so nah gekommen waren, dass sie sie direkt greifen konnten.
Kurz atmete sie durch, dann griffen ihre Finger auf den Holzlattenzaun. Die Hand, mit der sie die Waffe beiseite geschoben hatte, brannte. Ignorier es, mach weiter. Ihr Überlebensinstinkt hatte ihre Gedanken übernommen. Du kannst dich später darum kümmern.
Sie zog sich an dem Zaun hoch. Auf der Straße konnte sie leise Schritte lauter werden hören. Nun mach schon! Sie schwang ein Bein über die Latten, dann das andere. Ein letztes Mal fiel ihr Blick auf die Straße. Noch hatten die beiden sie nicht eingeholt, der Klang der Schritte war noch weit genug von der Gasse entfernt.
Sie ließ sich auf die andere Seite des Zauns fallen. Kurz lehnte sie sich gegen die Holzlatten und atmete durch. Ihre Hand brannte, doch sie ließ keinen Blick darauf fallen, das würde es gerade wahrscheinlich schlimmer machen, als es ohnehin schon war. Sie musste erstmal in Sicherheit kommen, dann konnte sie sich darüber Gedanken machen.
Lauf weiter, schoss es durch ihren Kopf.
„Hast du sie gesehen?“
„Wir haben sie wohl verloren.“
„Weit kann sie nicht sein, wir finden sie!“
Die Stimmen der beiden Männer hallten unheimlich durch die Gasse während sie sich langsam in Richtung Straße entfernte um kein Geräusch zu machen. Noch hatte keiner der beiden über den Zaun geguckt. Gut für sie.
Sie wechselte die Seite, als sie an der Straße angekommen war und verschwand in der nächsten Gasse, bevor sie wieder schneller zu laufen begann. Sie musste so schnell wie möglich Strecke zwischen sich und die beiden Männer bringen. Und sie musste Tony warnen. Sie konnten auf keinen Fall hierbleiben, sie mussten weg.
Sie griff nach ihrer Tasche und holte ihr Handy hervor. Zwei Blocks, ging es ihr durch den Kopf, dann mache ich kurz Pause. Weiter trugen ihre Schritte sie schnell über den Gehsteig. Ihre Ohren waren gespitzt, doch sie konnte weder die Stimmen noch die Schritte ihrer beiden Verfolger hören.
Ein Block noch, dachte sie, als sie die Straße überquerte. Fast geschafft. Das Handy hielt sie noch immer fest in der Hand. Sie musste Tony warnen und zwar so schnell wie möglich. Sie mussten hier weg, die beiden Männer hatten sie gefunden, hier waren sie nicht mehr sicher.
Ihr Blick flog über die Schulter zurück – die Straße hinter ihr war leer, niemand war zu sehen – dann bog sie in die nächste Gasse ein. Ihre Augen flogen über die Wände bis zum Ende der Gasse. Alles war still, niemand war zu sehen.
Sie wurde langsamer, ging noch einige Schritte in die Gasse rein. Ihre Lungen füllten sich mit Luft, das Herz schlug ihr bis zum Hals, die Ansträngung und leichte Angst, die sie noch immer heimsuchte, ließ sie am ganzen Körper zittern. Sie hielt an und stützte sich an der Wand ab, bevor sie sich gegen diese sinken ließ. Tony anrufen, ging es ihr durch den Kopf während sie leicht zitternd das Handy in ihr Sichtfeld hob und das Display aufleuchten ließ. Kurz nach elf schon, langsam müsste er sie Gedanken machen, dachte sie. Sie war immer spätestens um kurz vor elf zuhause gewesen, wenn sei abschließen musste. Manchmal hatte er ihr gegen viertel vor elf schon geschrieben, ob alles in Ordnung war. Diesmal gab es keine Nachricht, das Display war leer.
Anrufen, dachte sie und realisierte das erste Mal wie schwer sie atmete. Vielleicht ist er eingeschlafen. Kurz sank ihr Kopf nach hinten gegen die Wand, ihre Augen schlossen sich und sie konzentrierte sich darauf ihre Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ihre Hand brannte noch immer. Denk an was anderes, ging es ihr durch den Kopf. Dafür ist gerade keine Zeit.
Sie lauschte. In der Ferne konnte sie den Motor eines Wagens hören, sonst war alles still. Der kühle Wind strich ihr durch die Haare. Langsam beruhigte sich ihre Atmung wieder, ihr Herzschlag wurde langsamer und das Zittern in ihren Händen ließ nach.
Okay, weiter, dachte sie und blickte wieder auf das Handy. Tony anrufen. Das helle Licht blendete sie leicht in der Dunkelheit. Ihr Blick fiel auf ihren Akkustand. Verdammt! Das ist aus, wenn ich versuche ihn anzurufen. Ich habe wohl vergessen es aufzuladen. Ein Prozent stand am oberen Rand des Displays und schien sie beinahe hämisch anzugrinsen.
Sie ließ das Handy wieder in ihrer Tasche verschwinden. Einfach weiter, dachte sie und stieß sich von der Wand ab. In großem Bogen nach Hause, den beiden aus dem Weg gehen.

„Da bist du ja, ich wollte schon eine Vermisstenanzeige aufgeben“, empfing Tony sie, während sie ihren Schlüssel auf der Kommode neben der Türe ablegte, ihre Tasche auf dem Boden abstellte und dann ins Wohnzimmer eilte.
„Ruf Gibbs an!“ Sie beobachtete im Augenwinkel wie er sich aufsetzte, als sie begann die wenigen Teile, die sie im Wohnzimmer liegen hatten, zusammen zu suchen.
„Ziva, was ist…“
„Ich erklär es dir später. Ruf ihn einfach an und hilf mir packen.“
„Wie viele waren es?“
„Zwei.“ Danke, ging es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Keine weiteren Fragen, einfach machen. Sie hörte wie er den Raum verließ und die Treppe hoch ging. Er wusste, was auf dem Spiel stand, das wusste er schon seit Monaten und er wollte es nicht nochmal riskieren, dass wusste sie.
Leise drang seine Stimme zu ihr nach unten. Ihre Hand sendete immer wieder ein Pochen aus und ließ sie die Zähne zusammenbeißen. Nicht jetzt, später, wenn wir in Sicherheit sind.
Mit den Sachen in der Hand eilte sie die Treppe hoch.
„Laut Ziva sind es zwei“, hörte sie durch den Flur aus Talis Zimmer zu sich rüber hallen bevor sie das Schlafzimmer betrat und die Sachen aufs Bett fallen ließ. Sie wandte sich um und öffnete den Schrank. Mit einem schnellen Griff holte sie die beiden großen Reisetaschen hervor und warf sie auf das Bett. Die Haut an ihrer Hand brannte, als der Stoff darüber führ. Unwillkürlich zog sie scharf die Luft ein und verzog das Gesicht. Ignorier es, ging es ihr durch den Kopf, dann griff sie nach den ersten Oberteilen und schob sie in die Tasche.
Nächster Packen, eins nach dem anderen, dachte sie, als sie das brennen in ihrer Hand unwillkürlich pochen spürte. Ignorier es, du hast später genug Zeit. Sie griff nach dem nächsten Stapel.
Ihren Ohren waren auf den Rest des Hauses gerichtet. Alles war still, sie konnte nur die leise Stimme des Italieners hören, der wohl mit ihrer Tochter sprach, oder noch immer mit Gibbs. Verstehen was er sagte konnte sie nicht, egal wie sehr sie es versuchte. Aber es war ihr auch egal, es lenkte sie gerade zumindest ein wenig ab von ihrer Hand und der Angst, die sich in ihr begann zu manifestieren.
Nächster Stapel. Sie hatte zumindest ihre eigenen Sachen nun beinahe komplett eingepackt.
Sie hörte Schritte auf dem Flur lauter werden und bemerkte im nächsten Moment im Augenwinkel wie der Italiener in den Raum kam.
„Habt ihr alles?“ Sie hob den nächsten Stapel aus dem Schrank.
„Tali packt gerade ihre letzten Sachen.“
„Wo geht’s hin?“
„Gaithersburg.“
„Wieder an die Ostküste?“
„Das war das einzige, was Gibbs auf die Schnelle finden konnte.“
Sie schwieg, packte weiter die Sachen in die Tasche. Gaithersburg war ihr eindeutig zu nah an DC, aber für die nächsten Monate wohl ausreichend.
Im Augenwinkel konnte sie beobachten, wie der Italiener ihr die wenigen Sachen aus dem Schrank, die noch fehlten, aufs Bett legte, damit sie diese einpacken konnte.
„Deine Hand...“, unterbrach er plötzlich das Schweifen und griff nach ihrem Handgelenk.
„Später. Ist der Schrank leer?“ Sie schüttelte seine Hand ab, ihre eigene brannte weiterhin leicht. Sie schloss die Tasche und griff nach der anderen um die letzten Sachen einzupacken.
„Ja, liegt alles hier“, erwiderte er nach kurzem Schweigen. „Ich hole den Rest aus dem Badezimmer.“ Sie hörte wie er den Raum verließ.
Die letzten Sachen noch, ging es ihr durch den Kopf. Wir müssen hier weg. Sie lauschte ins Haus. Nur leise konnte sein ein Poltern aus dem Bad hören, dann leise Schritte.
„Dad?“ Talis Stimme hallte über den Flur.
„Wir haben gleich alles, gib uns noch eine Sekunde.“
Ziva packte die letzten Teile in die Tasche, bevor sie zu ihrem Nachttisch eilte, nach ihrem Wecker und ihrem Buch, sowie de, Ladekabel griff und ebenfalls in die Tasche räumte.
Auf dem Flur wurden erneut schritte lauter. Ihre eigenen trugen sie zum Nachttisch des Italieners.
„Hier!“
Sie hatte gerade nach dem Wecker und dem Ladekabel greifen wollen, als er von der Türe aus, ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Eine weiße Rolle flog durch die Luft. Sie sah ihn fragend an, nachdem sie den Verband aufgefangen und erkannt hatte.
„Deine Hand.“
Sie griff nach seinem Wecker und Ladekabel und ging zu ihm rüber. Er ließ gerade die Sachen aus dem Badezimmer in die Tasche fallen.
„Wir wollen doch nicht, dass sich das entzündet.“
Wäre schon zu spät, ging es ihr durch den Kopf, während sie seine Sachen ebenfalls in die Tasche fallen ließ. Sie erinnerte sich daran, wie sie vor etwas über einer halten Stunde über den Zaun in der Gasse geklettert war, bevor ihre Gedanken zu der entzündeten Schusswunde vor einigen Jahren wanderten. „Hier!“ Sie hielt ihm den Verband und ihre verletzte Hand hin. „Es geht schneller, wenn du das machst.“ Das erste Mal sah sie selber die Wunde. Ihre Haut hatte Blasen geschlagen und war gerötet. An einer Stelle war diese sogar aufgeplatzt.
Sie konnte das wage Lächeln auf seinen Lippen sehen, als er nach dem Verband griff. Seine Finger strichen über ihre Haut, die nun stärker vor sich hin pochte und leicht brannte. Er stellte keine weiteren Fragen, schwieg einfach. Das Adrenalin lässt nach, ging es ihr durch den Kopf, doch die Angst um ihre Familie schlug weiterhin durch ihren Körper.
„So, fertig.“
„Dann los.“ Sie griff nach der ersten Tasche, er schloss die andere und hob sie sich auf die Schulter. Tali wartete auf dem Flur auf sie. Ziva konnte ihr ansehen, wie müde sie war. Sie nahm ihrer Tochter die, für sie viel zu schwere, Tasche ab und lächelte entschuldigend. Tali hatte in ihrem jungen Alter bereits viel zu viel mit gemacht, war schon viel zu oft umgezogen, hatte aber zum Glück keine Probleme neue Freunde zu finden.
Tony ging neben ihr in die Knie. „Steig auf.“ Ziva beobachtete, wie Talis Arme sich um seinen Hals legten und sie sich auf seinen Rücken setzte. Er stellte sich wieder auf und setzte sich erneut in Bewegung.
Sie stellte die Taschen an der Treppe ab, löschte das Licht im Schlafzimmer und ließ einen letzten Blick in Talis Zimmer fallen. Das Licht war schon aus, der Schrank leer. Ihr Blick fiel ins Badezimmer. Das Licht war auch hier schon aus, der Schrank ebenfalls leer.
Schlafzimmer, ging es ihr durch den Kopf. Ihr Blick flog in den Schrank. Leer. Ihr Nachttisch. Leer. Tonys. Nicht leer. Sie hatte nicht an die Waffe gedacht, die der Italiener seit Monaten in der Schublade aufbewahrte. Nur für den Notfall, verstand sich.
Sie nahm die Pistole an sich, löschte das Licht und verließ den Raum.
„Ziva?“ Tonys Stimme hallte plötzlich durch das Haus.
„Ich komme!“ Sie griff nach den beiden Taschen und ging runter. „Ich habe nur nochmal geguckt ob wir alles haben.“ Sie reichte ihm die Waffe. „Die hätten wir beinahe vergessen.“
Er nahm ihr die Waffe und ebenfalls die Tasche, die sie in derselben Hand hielt, ab. „Dann los, bevor die beiden hier auftauchen.“
Sie griff nach ihrem Schlüssel und ihrer Tasche, die sie an der Türe abgestellt hatte, als sie rein gekommen war, und folgte dem Italiener dann aus dem Haus. Hinter sich schloss sie die Türe ab. Ihr Blick flog kurz auf die Straße. Niemand war zu sehen, doch viel konnte man aus ihrem Vorgarten von der Straße ohnehin nicht sehen.
„Nun komm schon“, zischte Tony und lenkte damit wiederholt ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er stand bereits an der geöffneten Fahrertüre und sah sie auffordernd an. Tali saß auf dem Rücksitz und sah ebenfalls zu ihr rüber.
Sie setzte sich in Bewegung. Die Tasche stellte sie im Kofferraum ab, dann schloss sie den Deckel. Unwillkürlich sah sie erneut zur Straße. Noch immer leer. Ich bin die beiden wirklich los geworden, ging es ihr beinahe ungläubig durch den Kopf.
Sie riss sich von dem Anblick los und ging zur Beifahrerseite. Ihr Blick flog über den Wagen zu dem Italiener, der sie anlächelte, bevor er sich in den Wagen setzte. Sie sah nochmal zur Straße, dann nahm sie ebenfalls Platz und schloss die Türe hinter sich. Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Sie fuhren nun bereits einige Stunden Richtung Ostküste. In einigen Stunden würde die Sonne wieder auf gehen. Tali schlief auf der Rückbank. Tony fuhr. Sie hatte ihm angeboten mit ihm zu tauschen, doch er hatte es abgelehnt, obwohl sie ihm mit jeder Stunde, die verging, mehr ansehen konnte, wie müde er wurde.
Und Ziva? Sie versuchte zu schlafen, doch irgendetwas hielt sie davon ab. Ihre Gedanken schweiften durch die Gegend, ließen die letzten Stunden revue passieren. Sie hatte wahrscheinlich Glück gehabt, dass Aaron Abbot zwei Mal abgelenkt gewesen war, sonst hätte sie sicherlich nicht fliehen können. Doch wie die beiden sie überhaupt hatten finden können war ihr immer noch ein Rätsel. Sie war in den ganzen letzten Monaten nicht gefunden worden und plötzlich hatten die beiden sie auf offener Straße überfallen, wussten genau wo sie lang gehen würde. Demzufolge war es wohl auch Glück gewesen, dass sie ihre Sachen schnell genug gepackt hatten und abgehauen waren. Sie musste beobachtet worden sein, anders konnte sie sich nicht erklären, wie die beiden ihren Weg gekannt haben sollten. Und das hieß auch, dass sie beiden gewusst hatten, wo sie wohnte.
Ihr Blick flog von der dunklen Straße zu Tony rüber. Er hatte ohne wirkliches Nachfragen akzeptiert, dass sie weg mussten, wusste noch immer nichts genaues über die Ereignisse des letzten Abends. Und dennoch hatte er ihr so weit vertraut, dass er alles stehen und liegen, alle Sachen gepackt hatte und mit ihr und ihrer Tochter weiter gezogen war. Einfach so.
„Worüber denkst du nach?“
Sie hatte nicht mitbekommen, dass er gemerkt hatte, dass sie ihn beobachtete. Sie konnte ihm die weiter voranschreitende Müdigkeit ansehen. „Soll ich nicht weiterfahren?“, lenkte sie das Gespräch in eine andere Richtung als ihre Gedanken. Sie bemerkte selber, dass sie müde war, doch sie konnte ohnehin nicht schlafen, da konnte sie auch weiterfahren.
„Nein, es geht schon.“
Sie sah ihn zweifelnd an. Abbringen von seiner Meinung konnte sie ihn wahrscheinlich eh nicht, bei sowas blieb er stur. Dennoch blieb ihr Blick auf ihn gerichtet und ihre Gedanken begannen wieder zu wandern. Sie waren nun seit über einem Jahr eine Familie. Es lief nicht immer alles glatt und einfach war es mit dem ewigen Verstecken auch nicht, aber niemand verlangte von ihnen, dass alles perfekt verlief, sie wollten einfach nur am leben bleiben, sie alle und das am besten zusammen.
Der NCIS und der Mossad kümmerten sich um ihre verbliebenen Verfolger, wahrscheinlich mehr schlecht als recht, aber sie versuchten zumindest die restlichen zu finden. Das war mehr, als sie eigentlich annehmen sollte. Es war gefährlich, nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Agents. Jeder der sie kannte stellte ein potenzielles Ziel dar, auch wenn es bisher noch nicht dazu gekommen, die Gruppe wohl wirklich nur hinter ihr her war, konnte es jeder Zeit dazu kommen, dass diese ihr Muster änderten, das wäre sicherlich nichts Ungewöhnliches.
„Wir schaffen das schon, mach dir keinen Kopf.“
Tony Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Seine Hand legte sich vorsichtig auf ihre, die sie auf ihrem Bein abgelegt hatte. Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen, als sie daran dachte, dass sie eine ähnliche Situation von so vielen Jahren schon gehabt hatten. Sie drehte ihre Hand und ließ ihre Finger zwischen seine gleiten.
„Willst du darüber reden?“, unterbrach er nach einigen Sekunden das Schweigen, dass entstanden war.
Sie sah ihn fragend an. Es gab so vieles, worüber sie reden müssten, doch es war nicht der richtige Zeitpunkt, sicherlich nicht jetzt.
„Was ist vorhin passiert?“
Das meint er, ging es ihr durch den Kopf. Mit knappen Worten erläuterte sie, was geschehen war. Dass sie auf dem Weg nach Hause war, dass Milton Novak und Aaron Abbot sie abgefangen und in eine Gasse gezogen hatten und wie sie entkommen war. Langsam bemerkte sie nun doch, dass sie müde wurde. Vielleicht würde sie gleich ein wenig die Augen schließen können, vielleicht auch nicht, einen Versuch würde es auf jeden Fall wert sein.
Außerhalb des Wagens flogen die Lichter der nahen Stadt an ihnen auf dem Highway vorbei. Leichter Regen prasselte an die Frontscheibe und die Tropfen bildeten leichte streifen auf dem Glas.
„Deine Hand?“, machte er sie auf ihre Verletzung aufmerksam, die sie ungewollt ausgelassen hatte.
„Ich bin an den Lauf von Abbots Waffe gekommen, das wird wieder.“
Er schwieg, schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Kurz schloss sie die Augen und ließ sich die Szene noch einmal durch den Kopf gehen. Wenn ihre Hand nur den Bruchteil einer Sekunde später an der Waffe gewesen wäre, hätte die Kugel sie getroffen und das wäre es möglicher weise mit ihr gewesen.
„Versuch‘ ein wenig zu schlafen, ich wecke dich, wenn ich nicht mehr fahren kann“, riss er sie aus ihrem Gedankengang. Sie wollte die Augen wieder öffnen und ihm sagen, dass sie auch jetzt für ihn weiterfahren und er sich ein oder zwei Stunden schlafen legen konnte, doch ihre Augenlider waren zu schwer geworden in den letzten Sekunden. Vielleicht kann ich ja endlich etwas schlaf finden, vielleicht musste ich dieses Gespräch erst aus dem Kopf bekommen, dachte sie noch, dann versank sie in Dunkelheit.
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