Kolission

von AimHigh
KurzgeschichteRomanze, Familie / P16
27.09.2018
30.10.2018
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Ich puste vorsichtig in die Tasse, die Rheta mit meinem liebsten Schwarztee gefüllt hat. Es gibt in diesem Krankenhaus zwar einige Kaffee-Automaten, aber die zuckerhaltige Brühe kann man unmöglich als trinkbar bezeichnen. Ich bin seit 18 Stunden wach und würde das auch noch eine Weile bleiben. Ein heißes Getränk ist genau das, was ich jetzt brauche, um meine angespannten Nerven etwas zu beruhigen. Ich ziehe die Knie an meine Brust und versuche, es mir auf der kleinen Sitzfläche halbwegs bequem zu machen. Tröstende Wärme erfüllt mich, als ich den aromatischen Dampf einatme.
Und jetzt reiß dich zusammen und konzentrier dich, Juliana! Was hat der Arzt gesagt? Es kann kaum 20 Minuten her gewesen sein, dass der junge Mann hier gewesen ist, trotzdem kommt es mir wie eine Ewigkeit vor. Er hat gesagt, sie hätten meinem Onkel den Magen ausgepumpt und in einen Tiefschlaf versetzt. Er sei noch nicht über den Berg, aber er würde alles tun, damit es ihm bald besser geht. Bedeutet das, sie haben etwas gefunden? In meiner Brust liegt ein schwerer Stein und mir ist plötzlich so übel wie noch nie in meinem Leben. Dagegen hilft selbst der Tee nicht. Jedes Mal, wenn mein Herz schlägt, will ich mich übergeben.
Mein Handy klingelt und ich lese den Namen meines Cousins auf dem Display. Das Blut weicht mir aus dem Gesicht und meine Unterlippe beginnt, unkontrolliert zu zittern. Das reicht, ich muss würgen und laufe zu den Damentoiletten, während mein Telefon summt und summt. Ich beugte mich über die Schüssel und gebe undefinierbare Laute von mir, jedoch bleibt mein Mageninhalt, wo er ist, schrumpft zu einem einzigen Klumpen zusammen und liegt schwer in meinem Körper.
Ich richte mich auf und nehme den Anruf entgegen. Meine Sicht ist von Tränen verschwommen. „Hallo?“
Daniel, der das Zittern meiner Stimme ignoriert, fragt geradewegs: „Wie geht es ihm?“
Er weiß nichts. Diese Tatsache versuche ich mir ins Gedächtnis zu rufen. Er weiß absolut überhaupt nichts, außer, dass sein Vater vom Notarzt abgeholt worden ist. „Er liegt im Koma. Morgen Früh werden wir mehr über seinen Zustand wissen. Der Arzt vermutet eine, äh, Lebervergiftung.“
Mein Cousin schweigt, behält seine Gedanken für sich, wie er es immer tut. Wie auch sein Vater es immer tut. Dieses Berechnende macht mich nervös und ich hoffe inständig, dass ich nicht zu viel und nicht zu wenig gesagt habe.
„Ich bin in zwei Stunden da.“, sagt er schließlich.
„Okay.“, erwidere ich matt und lege auf.
Ich möchte heulen und mich auf dem Boden zusammenrollen, habe aber genug Kraft, um zurück zu meinem Platz zu gehen.
Ich will, dass mein Onkel überlebt. Das will ich wirklich. Noch lieber wäre es mir aber, wenn ich einfach die Zeit anhalten könnte und sich sein Zustand weder verschlechtert, noch verbessert. Ich will nicht, dass irgendein Ereignis eintritt, das ich nicht kontrollieren kann. Ich wüsste nicht, was ich tun soll, wenn er aufwacht, oder stirbt.
Ich hasse mein Leben. Verzweifelt vergrabe ich das Gesicht in meinen Armen und schluchze.
 
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