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Die Augen des Ozeans

von Amatani
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12
Elizabeth Swann James Norrington Lord Cutler Beckett OC (Own Character) Will Turner
27.09.2018
30.06.2020
8
41.714
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30.06.2020 5.674
 
Ich konnte durch die Hitze und nach den Turbulenzen des Ballabends kaum ein Auge zumachen. Jedes mal, wenn ich dahindöste, kurz vor der Schwelle des Schlafes, befand ich mich wieder zwischen all den Leuten. Es war eng und warm, schwül und laut. All die ganzen Leute unterhielten sich, schrien sich fast an. Die ganzen Körper erdrückten mich, sperrten mich ein während ich das Gefühl hatte weglaufen zu müssen. Vor etwas oder jemanden. Es fühlte sich immer wie eine Ewigkeit an, wie ich dort eingeengt stand bis ich meine Augen müde öffnete und unruhig durch das Zimmerfenster ins dunkle hinaus sah. Als ich dann nach den gefühlten zwei Stunden Schlaf geweckt worden bin, kroch sich das Gefühl der Nacht in meine Knochen und es zog sich auch erst wenige Stunden später zurück, als mein Blick von der Kutsche aus den Captain entdeckte. Die Gefühle, welche seit gestern ihre Klauen in meine Knochen gegraben hatten, ließen langsam locker und wichen beinahe komplett zurück, als der Mann zu uns hinüber kam und mir eine Hand hin hielt, um mir heraus zu helfen. Das ehrliche Lächeln genügte, um auch bei mir eines auszulösen. Seine Hand war warm. Meine wirkte in seiner Handfläche so viel kleiner als seine. Das grüne Augenpaar glitzerte mich freudig an.
„Guten Morgen, Miss Rigwell.“, lächelte er. Augenblicklich musste ich mir vorstellen, wie dieser Mann gestern Abend Beckett gegenüber stand, den Degen gezogen mit der unbändigen Wut in seinen Bauch und den absoluten Willen, ihn niederzustrecken. Das Bild gefiel mir außerordentlich.
„Ich hoffe, der Schlaf zeigte sich Euch gegenüber gnädig trotz der Geschehnisse des gestrigen Abends?“, fragte er mit ehrlichem Interesse.
„Was Euch dort auf dem Ball-“ Ich schüttelte sanft meinen Kopf und drückte seine Hand, in der noch meine eigene ruhte.
„Darüber wollen wir heute nicht reden, Captain. Zumindest nicht jetzt. Heute ist Euer Tag und den wollen wir sicherlich nicht mit Trübsinn verbringen, nicht wahr?“, lächelte ich.
„Wie Ihr wünscht, Cassandra.“, sprach er leise, sodass nur ich es vernehmen konnte. Erschrocken hielt mein Blick seinen stand. Zwei Sachen verwirrten mich genau in diesen Moment. Er nannte mich bei Vornamen gegenüber des Gouverneurs, seiner Tochter und der anwesenden Gesellschaft? Auch wenn er nur flüsterte und es vielleicht nicht jeder mitbekam, war es doch sehr gewagt. Es zeugte von großen Vertrauen und einer gewissen bestehenden Zuneigung. Norrington riskierte sein öffentliches Ansehen und riskierte ebenfalls Geschwätz unter den Leuten. Und doch stand er mir gegenüber, schaute mich mit gesenkten Kopf an und flüsterte meinen Namen. Das Erstaunen und die ankommende Euphorie über diese Handlung geriet ins wanken und wurde letztendlich durch kalten Realismus ersetzt, nachdem erst ein Blick von Reue über sein Gesicht huschte und sich dann von mir mit einer raschen Bewegung abwand, als hätte er etwas wichtiges vergessen. Dann hielt er Elisabeth die Hand hin.
Ich lächelte traurig und lief schon einmal vor. Was bildest du dir nur ein, du naives Mädchen?
Ich verdrängte die Gedanken, blieb stehen und sog die warme Luft durch meine Nase, um meine verwirrten und enttäuschten Gedanken Einhalt zu gebieten. Die Augen geschlossen, legte ich den Kopf ein wenig in den Nacken und trotze der heißen Sonne. Mögen ihre Sonnenstrahlen meine aufkommenden Gefühle bitte verbrennen. Nicht nur kam die Beklemmung der Schlaflosen Nacht zurück, sondern fühlte ich mich jetzt auch noch Enttäuscht. Ein schwarzes Loch in meinem Inneren, welches mit jedem weiteren Gedanken an der Tatsache der falschen Hoffnungen an Größe zunahm, verbreitete sich mit einem unangenehmen Kribbeln bis in die Fingerspitzen. Mein Hirn war einfach unkontrollierbar. Elisabeth hackte sich neben mir ein.
„Was sprach Norrington gerade zu dir Cass? Ich konnte es kaum verstehen.“, jammerte sie und schaute mich aus neugierigen Augen an.
„Nichts.“ Mein Kopf drehte sich in ihre Richtung und erzwang ein Lächeln. „Er entschuldigte sich lediglich wegen gestern.“
„Gentleman, ohnes gleichen.“, kicherte sie. „Ich muss mit meinem Vater ein paar Leute begrüßen. Treffen wir uns danach in der nähe des Streichquartetts?“
„Natürlich. Schlaf dabei bloß nicht ein.“ Wieder kicherte sie.
„Ich doch nicht. Bis gleich.“ Und weg war sie. Ich unterband meine Neugierde, hinter mich zu schauen, ob der Captain noch dort stand und ging die Treppen hinauf zu dem Überdachten Teil des ersten Hofes. Wenn ich weiter in der Sonne stehen blieb, würde sie mir noch meine ganze Haut verbrutzeln.
Dann passierte die nächste Stunde nicht viel. Während Elisabeth noch ihrer langweiligen Pflicht nachging, redete ich hier und da mit ein paar Leuten, zwischendurch auch mit den Männern, die ich von der Dauntless kannte und musste mir eingestehen, dass ich die Zeit auf dem Schiff vermisste.
Es war unkomplizierter und einfacher. Kein Adel, bei dem man jedes Wort abwägen musste, bevor man es aussprach, keine Bälle und keine unverschämten Männer. Ehrliche Körperarbeit und das Meer. Der frische, salzige Wind, der einen um die Ohren Schlug, das Gefühl der Freiheit und Ungebundenheit. Ich konnte den Wind beinahe auf meinen Wangen spüren, wie er durch meine Haare spielte und die feuchte Gischt mir vorne am Bug das Gesicht benetzte.
Und ich vermisste die angenehme Zweisamkeit mit Norrington. Die regelmäßigen Spaziergänge waren zwar angenehm und ich freute mich jedes mal wieder darauf. Aber nichts ging über die schaukelnde Kajüte im Kerzenschein und sich gegenüber an einem Tisch zu sitzen, während die Ereignisse des Tages ausgetauscht wurden. Es kam mir viel persönlicher vor.
Fernweh und Melancholie packten mich, als ich dort im Schatten des steinernem Daches stand und unauffällig versuchte, das Korsett zu verrücken um meinen Lungen dass atmen zu erleichtern.
„Miss Rigwell! Eine Freude, Euch wieder zu sehen.“ Es war Gilette.
„Oh, Hallo.“ Er riss mich vollkommen aus meinen Gedanken. Wir redeten über das Wetter, Stadtgerüchte, die Halunken von Franzosen und dann wechselte er dass Thema.
„Mir sind unter anderem wunderbare Neuigkeiten zu Ohren gekommen, Miss Rigwell.“ Gilette hielt Konkurrenz mit den Waschweibern, was sein Kommunikationdurst anbelangte.
„Dann weiht mich mal ein.“ Ich hörte nur mit einem Ohr zu, während das andere damit beschäftigt war, das Streichquartett zu ignorieren.
„Heute wird um eine Hand angehalten, Miss. Die Braut kann sich glücklich Schätzen.“ Ich heuchelte Interesse, denn es interessierte mich in diesem Moment herzlich wenig, wer unbedingt den Drang hatte sich auf ewig aneinander zu binden. Dafür interessierten mich die anwesenden zu wenig. „Wie es aussieht, Miss Rigwell, werdet Ihr bald ein neues Mitglied der Familie begrüßen dürfen.“ Jetzt spitzten sich doch meine Ohren. Was sprach er da? „Captain, nein, das heißt ja nun Commodore, Norrington wird um die Hand der jungen Miss Swann anhalten.“ Mein Herz stoppte und ich hielt den Atem an. Der Starre Blick meiner Augen sahen durch Gilette hindurch und hörte meine eigene Stimme, ohne darüber nachdenken zu können, was ich überhaupt gerade von mir gab.
„Wahrlich, welch schöne Neuigkeiten. Bitte gibt meine Glückwünsche weiter, falls Ihr den guten Captain über den Weg laufen solltet.“ Mein Hals war trocken und die Stimme brach kurz ab. Konzentriere dich! „Obwohl ich Euch wirklich rügen muss, Gilette. Ihr seid furchtbar darin, Geheimnisse für euch zu behalten.“ Er lachte und bat  mich um einen kleinen Rundgang durch den Hof. „Ich hingegen werde versuchen, meine Lippen geschlossen zu lassen, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob es das beste ist. Mit solch einer Situation überrumpelt zu werden kann zu schlimmen Ergebnissen führen.“ Bitterkeit war in meinem letztem Satz zu vernehmen.
„Wohl wahr.“, antwortete er angespannt und erinnerte sich anscheinend an gestern. Wie mir Gilette beichtete, hätte er Beckett nur zu gerne in Ketten gelegt und abführen wollen. Er und vier andere der Dauntless, die auf dem Ball anwesend waren, sahen mich wie eine jüngere Schwester, die es zu beschützen galt. Bei seinen Worten wurde mir warm ums Herz und verscheuchten tatsächlich ein paar dunkle Wolken um meinem Kopf herum.
Das tröten einer Trompete signalisierte den Beginn der Zeremonie.
„Bitte entschuldigt, Elisabeth wartet auf mich. Hoffentlich werden wir uns später noch sprechen können.“ Ohne einen weiteren Blick drehte ich mich um und lief orientierungslos zwischen den Gästen hindurch.
„Da bist du!“ Elisabeth kam schnell zu mir gelaufen, nahm meinen Arm und zog mich durch die Leute hindurch. „Die Zeremonie beginnt gleich. Überall habe ich nach dir gesucht. Du warst nicht bei den Streichern.“
„N-Nein, Gilette hat mich aufgehalten.“, sprach ich verwirrt. Das ging mir jetzt alles ein wenig zu schnell hier. Wir blieben im zweiten Hof stehen. Kein Dach schützte uns vor der erbarmungslosen Sonne und Elisabeth klappte ihren Fächer aus.
Der Gouverneur lief, mit einer langen Box in den Armen, durch den Gang von Soldaten, die kleinen Stufen zur Erhöhung vor der Mauer hinauf. In der Box befand sich ein neues Schwert als Geschenk für den Commodore für seine guten Dienste und Leistungen. Die Soldaten standen sich gegenüber, den Rücken durchgestreckt, die Stiefelspitzen bildeten eine perfekte Linie und die Bajonette zeigten gen Himmel
„Schau, was ich heute um habe.“ Sie drehte sich zu mir und zog an der goldenen Kette. Aus ihrem Korsett kam die Antike Münze zum Vorschein, dessen geheime Existenz sie mir vor Monaten verraten hatte.
Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf. Was besseres kam mir dazu nicht in den Sinn.
„Ich träumte davon diese Nacht, also musste ich es einfach aus der staubigen Schublade hervor holen.“
„Du und deine Piratengeschichten.“, schmunzelte ich.
„Vielleicht nur ein wenig überromantisiert, aber ich kann mir selbst nicht helfen.“, zog sie die Schultern hoch. Ich öffnete meinen Mund und wollte etwas sagen, doch ich wurde von gebrüllten Kommandos unterbrechen.
„Rechts um!“ Und die Soldaten drehten sich in Richtung des Gouverneurs.
Die Musik im Hintergrund stoppte und vergeblich versuchte ich mir kühlen Wind mit Hilfe des Fächers ins Gesicht zu wedeln. Es half alles nichts. Ich konnte nur an die Wellen und das wahrscheinlich kühle Meer denken, welches seelenruhig geschätzte fünfzig Meter von mir entfernt langsam aber sicher die Ebbe ankündigte. Momentan befanden wir uns zwar ein paar Meter über dem Meeresspiegel und dennoch wehte kein bisschen Wind, während wir hier standen und darauf warten, das Norrington an uns vorbeischritt. Mein Herz raste, ich war nervös und konnte Elisabeth nicht in die Augen schauen. Es ist nicht ihre Entscheidung, sie weiß nichts davon, sagte ich mir immer und immer wieder. Keine Gespräche, die mich jetzt ablenken konnten. Doch da trat schon Norrington durch das Steintor.
„Präsentiert das Gewehr!“ Mit einem lauten Rascheln der Uniformen hielten sie nun die Gewehre hoch und bildeten einen Tunnel, durch den der Commodore mit sicheren Schritten hindurch lief, die Hände hinter dem Rücken und in einer anderen Uniform, wie die mit der er uns heute Morgen begrüßte. Eine rote Uniform und einem rotem Halstuch, zusammengebunden mit einem filigranen, metallenem Ring, würdig für seine neue Position. Die neuen Federn in seinem Hut tanzen bei jedem seiner Schritte und die Goldverzierungen und goldenen Knöpfe glitzerten in der karibischen Sonne.
Sein Blick war nach vorne gerichtet, weshalb ich nicht wusste, ob er Elisabeth und mich sah, doch ich konnte meinen Augen einfach nicht abwenden. Ich konnte mein Herz anschwellen spüren und der Griff um Elisabeths Arm wurde stärker, nachdem mir etwas bewusst wurde.
Die Emotionen, die mich übermannten, überraschten mich, obwohl sie das nicht sollten. Die Zeichen waren klar. Von den Moment an, als er dort neben mir an der Reling stand, mir eine Moralpredigt ersparte, weshalb ich das Schiff verließ sondern einfach neben mir an der Reling lehnte und wir gemeinsam den Nachthimmel betrachteten. In stiller zweisamkeit. Es traf mich dennoch wie ein Blitz.
Es war mehr als nur Zuneigung…
Es war genau der Moment indem ich realisierte, warum ich immer so reagierte.
Zu sehen, wie der Commodore das Schwert zog und dabei lächelte, aber kein Lächeln aufgrund materialistischer Zufriedenheit, sondern aus Stolz auf sich und seine Leistung, ließ mich realisieren, wie zugetan, nein, wie hilflos ich in ihm ausgeliefert war. Er ist der gutherzigste Mensch, den ich je traf. Er half mir, einer fremden, ein neues Leben anzufangen und nicht wie eine der vielen Waise zu enden, vergessen von jedem und der Welt.
Ich liebte seinen Sanftmut, den Charme, die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Arbeit betrachtete und die Art und Weise, wie er über das Segeln und seine Pflichten in der Royal Army reden konnte, egal wie Langweilig oder staubig es für andere erschien.
Sein scharfer Humor, der niemals aufhörte mich zu amüsieren oder zu überraschen.
Ich liebte sein Lächeln, welches sich ihm in Situation der absoluten Freude wie diese auf seine Lippen stahl. Es war immer strahlend und voller Leidenschaft, egal wie klein es doch war.
Er wirkt zwar immer zurückhaltend und reserviert, doch es war nicht schwer die Emotionen zu sehen, die ihn umgaben.
Zumindest sah ich sie, und ich liebte es.
Ich liebte ihn.
Als ich erschrocken die schlaffe Fahne am Mast anstarrte, geschockt über das finden und einsetzten des letzten Puzzleteils, wurde die Zeremonie beendet und die Zuschauermenge löste sich in kleine Grüppchen auf, kehrten zu ihren Gesprächen zurück. Elisabeth ließ meinen Arm los und schaute mich an.
„Cass, geht es dir gut? Du siehst kränklich aus.“, sagte sie und untersuchte mich mit ihren Blicken. Ich registrierte den noch immer geöffneten Fächer in meiner Hand und versuchte erneut, mir Luft zu zuwedeln, um mich abzukühlen. Ich musste wohl aussehen, als hätte ich einen Geist erblickt.
„Ihr seht wirklich nicht gesund aus, Miss Rigwell.“, sprach die Stimme des frisch beförderten. Ich drehte mich um und gab ihn ein schwaches Lächeln. Er strahlte förmlich voller Stolz, wie ein kleines Kind zu seinem Geburtstag oder Weihnachten, wenn es all die Geschenke erblickt. Und dennoch behielt er seine seriöse Körperhaltung bei, durchgestreckt und wie immer die Hände hinter dem Rücken.
„Um ehrlich zu sein, mir geht es in der Tat nicht gut. Das muss der Hitze und dem schwerem Kleid liegen.“, seufzte ich. „Vielleicht sollte ich schon einmal zum Anwesen zurück kehren.“
„Soll ich meinen Vater holen? Oder die Kutsche?“, fragte Elisabeth.
„Nein, nein.“. Ein nervöses Lächeln. „Ich denke, laufen würde mir besser helfen.“
„Wirklich Miss Rigwell. Es widerspricht meiner Natur eine Frau einsam und alleine zurück zulassen.“, sprach der Commodore, streckte seine Hand aus und hielt meine um mir ein wenig Komfort zu bieten. Diese Geste war angesichts der Tatsache, wie vertraut und nahe wir uns standen, nichts außergewöhnliches, und dennoch kribbelten meine Fingerspitzen bei seiner Berührung und den Gedanken, dass sich neugierige Blicke uns zuwanden. „Eure Hände sind kalt und zitterig.“, stellte der Mann fest und sah mich besorgt an. Ich musste schnellstmöglich weg von hier. Also entzog ich mir geschwind und plötzlich seiner Berührung und machte zwei Schritte rückwärts.
„Das ist wirklich nicht der Rede wert. Mir wird es schon gut gehen. Um ehrlich zu sein, präferiere ich es zu Fuß zu gehen.“ Mit jedem weiterem Wort tat ich einen Schritt mehr und sah in die beiden verwirrten Gesichter. „Schließlich habt Ihr mich schon einmal gerettet.“ Und mit diesen Worten drehte ich mich endlich um und ging im schnellem Schritt durch das erste steinernem Tor, dann durch den Haupteingang, hinaus auf den gepflasterten Weg.
Ich lief den Hügel hinunter zum Hafen, konzentrierte mich auf die großen Schiffe, auf die kleinen Kutter und den Menschen dort unten und nicht auf die Tränen, die drohten meine Wange hinunter zulaufen. Mein Gesicht fühlte sich heiß und errötet an, mein Hirn schien gegen meinen Schädel zu pochen. Es mag an der Wut, den Ärger gelegen haben, dass ich zu spät war, zu spät realisiert habe. Oder vielleicht war es auch dem Sauerstoffmangel des Korsetts zu schulden. Dennoch fühlte ich die leichten Schmetterlingsflügel in meinem Bauch und mein Kopf spielte immer wieder die Sorgen des Commodores ab und ebenfalls seinen Gesichtsausdruck als ich floh. Ein Blick, den man sich bei Prinz Charming vorstellen konnte als Cindarella fort lief: Verwirrung und Schmerz und auch Verlust, aber natürlich in dieser Situation keine Liebe. Er entschied sich für Elisabeth, nicht mich.
Weitere Tränen sammelten sich in meinem Auge, als ich in der Ferne die verschwommenen Gestalten von Murtogg und Mullroy erkennen konnte. Und jemand anderes war bei ihnen. Erst überlegte ich, mich ihnen anzuschließen und den aufgewühlten Geist ein wenig beruhigen. Wollte ich mich jetzt wirklich mit Leuten unterhalten? Ich schlug die Richtung zum Strand ein, um nach wenigen Metern wieder um zudrehen und doch zu den beiden Männern lief. Wenn ich mich jetzt alleine an den Strand setzte, würden meine Gedanken mich nicht in Ruhe lassen.
Sie standen zu dritt auf dem Schiff und redeten hektisch miteinander.
„Oi, hallo Miss Rigwell!“, rief Mullroy.
„Ja, hallo Miss Rigwell.“, wiederholte Murtogg.
„Ich dachte ich würde mal bei euch beiden vorbeischauen und Hallo sagen. Ich kann mir vorstellen, wie langweilig und einsam es hier unten ist, während die Zeremonie dort oben läuft. Und noch einmal, ihr braucht nicht aufhören, mich Cassandra zu nennen, nur weil ich jetzt beim Gouverneur lebe.“, lächelte ich. „Darf ich an Bord kommen?“
„Zutritt für Zivilisten verboten.“, sagte Murtogg. Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Wir haben den da aber rauf gelassen.“ Und mit einem nicken deutete Mullory auf den dritten Mann. Die beiden waren untereinander absolut unausstehlich mit ihrer Zankerei, aber das machte die beiden erst aus. Also kicherte ich leise und schaute mir den fremden Mann genauer an. Auf dem ersten Blick wirkte er zwielichtig und verschlagen, wie er mich mit den halb zusammengekniffenen Augen ansah, als würde er ebenfalls versuchen, aus mir schlau zu werden. Seine dunklebraunen Dreadlocks und geflochtenen Strähnen.
„Und wer ist dieser Gentleman?“, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen und einer überhörbaren Skepsis.
„Mr. Smith, Erfreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Cassandra.“ Er nahm seinen Hut vom Kopf und verbeugte sich.“
„Für Euch noch immer Miss Rigwell.“
„Oh, störrisch diese Eine...“, sprach der Mann zu sich selbst. Ich schaute hinüber zu den beiden Soldaten, die noch immer darüber diskutierten, ob sie mich nun auf das Schiff lassen durften oder nicht. In der Zwischenzeit verdrehte ich die Augen und begann, auf das Schiff hinaufzuklettern. Es war erstaunlich einfach, wenn ich im Gegensatz zu dem Tag zurück denke, in dem ich in dem Kleid von Elisabeth nicht einmal die Leiter alleine runter kam. Naja, soweit mir diese Folterinstrument in Form eines Korsetts mir das Klettern erlaubte. Smith bot mir seine Hand an, doch ich ignorierte sie einfach und stellte meine beiden Füße erfolgreich aufs Deck. Ich setzte mich auf eines der vielen Fässer, straffte mein Kleid und fragte, „Was habt Ihr Männer besprochen, bevor ich euch unterbrach?“
„Meine Abenteuer mit Kannibalen.“, sagte Smith und zeigte ein Zähnelächeln. „Keine Geschichten für ängstliche Personen.“
„Und was genau lässt euch denken, ich sei ängstlich?“, grinste ich ihn an. „Ich bin neugierig über diese Kannibalen. Wie seid Ihr ihnen über den Weg gelaufen?“, meine Stimme triefte nur so voller Sarkasmus und Zweifel. Er fing an zu erzählen, aber doch schon ab dem dritten Satz, fing mein Kopf wieder an zu arbeiten und dachte darüber nach, wie es wohl gerade auf der Zeremonie lief.
Mittlerweile müsste Commodore Norrington schon gegenüber Elisabeth an einem ruhigen Ort allein und auf seinen Knien sein. Nicht wortwörtlich. Mir wurde schnell klar, dass in diesem Jahrhundert das Knien und der der Ring noch nicht Tradition war.
Ich starrte hinauf zu der Plattform der Verteidigungsmauer und ganz leise und kaum zu vernehmen kam in mir der Wunsch auf, mit Elisabeth den Platz zu tauschen. Den Gedanken erstickte ich direkt im Keim. Ich wollte nicht zu solch einer Person werden. Ich kam nicht aus dieser Zeit und ich würde verdammt sein, wenn ich mehr war als nur ein Zuschauer. Mein Herz brach bei dem Gedanken an meiner kläglichen Rolle die ich spielte. Ich erkannte nun sogar zwei Silhouetten oben auf der Plattform. Es konnten nur die beiden sein. Eine Militäruniform und ein breites, aber locker fallendes Kleid. Der Drang kam plötzlich auf, mich in das Wasser zu werfen. Hoffentlich konnte ich lange die Luft anhalten. Ich widmete meiner Aufmerksamkeit wieder halb der lächerlichen Geschichte des Mannes zu, beobachtete aber weiterhin die beiden Figuren neben der Glocke.
„Und dann ernannten die mich zu ihren Chief.“ Und bevor er weiter erzählen konnte, schrie ich laut auf, als ich die Person in dem Kleid die Klippen hinunter in das Meer fallen sah. Ich erkannte Norrington nun klar auf der Plattform, wie er nach Elisabeth schrie und ein paar der Marineleute ihn aufhielten, hinterher zu springen.
„Das war meine Schwester!“, schrie ich perplex, doch meine Wortwahl interessierte mich nicht. Ich sprang auf und musste augenblicklich meine Hand an den Brustkorb halten, als ein stechen und Luftmangel sich bemerkbar machten.
„Wollt Ihr sie nicht retten?“, fragte Smith die beiden Wachen.
„Ich kann nicht schwimmen.“, erklärte Mullroy nervös und Murtogg nickte, während Smith die Augen verdrehte.
„Schöner Stolz der Royal Navy seid ihr.“, höhnte er.
„Ich kann schwimmen, dann hole ich sie selbst aus dem Wasser verdammte scheiße noch mal!“, fluchte ich und versuchte mein Kleid zu öffnen. „Wenn ich aus diesen dämlichen Ding hier raus komme.“
„Nicht nötig, Euch für mich auszuziehen, Miss.“ Smith grinste. Ich starrte ihn an als er seine Jacke, Gürtel und Hut absetzte und es den beiden Männern in die Arme gab. „Wehe, Ihr verliert das.“ Und mit diesen Worten sprang Smith mit einem Kopfsprung in das kalte Nass. Geschockt lief ich über das Deck, kletterte wieder auf dem Steg hinunter und suchte nach Schatten im Wasser. Im Augenwinkel erkannte ich die beiden neben mir stehen. Mein Herz raste. Was, wenn sie ertrinkt? Oder gegen einen Felsen geprallt ist? Nein, nein darüber mochte ich gar nicht nachdenken. Plötzlich formten sich kleine Wellen Kreisförmig im Wasser und ein tiefes Geräusch erschütterte mich. Es war wie ein Donnern, nur so unglaublich tief, dass es direkt aus der Unterwelt zu kommen schien.
„Was war das?“ fragte Murtogg.
„Ein Erdbeben vielleicht.“, speiste ich ihn mit der Antwort ab. Elisabeths Wohlergehen war mir jetzt wichtiger als irgendwelche tektonischen Platten. Dann durchstieß Smiths Kopf die Wasseroberfläche, Elisabeth auf seinen Schultern, nur noch ihr Unterkleid und Korsett an ihrem Körper. Ich rannte hinüber und half den beiden aus dem Wasser, kniete mich hin, hielt mein Ohr an ihrer Brust. Stücke meines letzten Ersten Hilfe Kurses kamen zurück in meine Erinnerung.
„Sie atmet nicht.“, weinte ich beinahe, als ich für für eine Sekunde lauschte. Smith schrie, ich solle zur Seite, ein Messer in der Hand. Ich war nicht schnell genug, also schubste er mich weg und begann mit dem Messer das Korsett auf zuschneiden. Augenblicklich spuckte sie Wasser. Dieses mal drückte ich den Mann weg und stütze Elisabeth als sie versuchte aufzustehen. Mullroy sagte irgendetwas über die Kreativität von Smith und er erwähnte was mit Singapur. Aber ich hörte nicht hin, sondern strich besorgt die nassen Haare aus dem Gesicht der Frau.
Unerwartet griff eine Hand an mir vorbei zu Elisabeth. Smith nahm die Kette, welche aus ihrem Kleid hing und schaute sie mit weiten Augen an.
„Woher habt Ihr das?“
„Das hat Euch nicht zu interessieren.“, sagte ich schnippisch und schlug seine Hand weg von ihr. Ohne jegliche Vorwarnung schlich sich die Schneide eines Schwertes in mein Sichtfeld, legte sich an Smiths Kinn und die Stimme des Commodores befahl den Mann augenblicklich aufzustehen. Der Gouverneur huschte an mir vorbei und half seiner Tochter auf.
„Elisabeth, geht es dir gut? Und Cassandra, weshalb bist du überhaupt hier unten am Hafen?“
„Mir geht es gut.“, versicherte die junge Frau dem besorgten Mann und sie zog mich enger an sich heran, nachdem der Gouverneur ihr seinen Mantel umlegte. Sein Blick wurde finster, als er Murtogg das Korsett halten sah. Er ließ es schnell fallen, als ob es gleich Feuer fangen könnte und zeigte unschuldig mit dem Finger zu Smith, wie ein kleiner Junge, der von seinen Eltern ertappt worden war. Smith suchten den Augenkontakt mit uns beiden Frauen, als der Gouverneur den Männern den Befahl gab, ihn zu erschießen.
„Vater!“, rief Elisabeth. „Wollt Ihr wirklich meinen Retter töten?“
„Für wahr. Es erscheint nicht fair.“, gab ich vorsichtig meinen Senf dazu im Wissen, das ich in der Situation eigentlich nicht viel zu sagen hatte. Der Commodore signalisierte mit einer Handbewegung, das die Männer ihre Waffen senken sollten. Smith lächelte deutlich erleichtert, dass die Gewehre nicht mehr auf seine Wenigkeit zielten und verbeugte sich vor uns beiden.
Norrington streckte seinen Arm aus und bot Smith die Hand.
„Ich denke, ein Dankeschön ist fällig.“, sprach er kühl und setzte ein minimalistisches Lächeln auf. Ich wusste was nun passieren würde und das war definitiv nicht gut. Der Mann ihm gegenüber hielt sich erst zurück, betrachtete die ausgestreckte Hand und schien zu überlegen. Nach wenigen Sekunden nahm er sie skeptisch entgegen um überrascht die Augen zu weiten, als seine unsanft von ihm weggezogen und der Ärmel unwirsch hoch gerempelt wurde. Eine weiße Brandnarbe in Form eines „P“s kam zum Vorschein. „Hatten wir etwa eine Begegnung mit der East India Trading Company, Pirat?“ Norrington spuckte die Worte beinahe mit Verachtung aus. Gouverneur Swann befahl sofort,er solle gehängt werden. „Richtet die Gewehre auf ihn, Männer. Gilette, bringen Sie mir die Eisen.“, befahl Norrinton. Er zog den Ärmel noch ein Stück höher und ich konnte ein Tattoo erkennen. Es zeigte einen Vogel, der über einen Sonnenuntergang flog. „Wenn das mal nicht Jack Sparrow ist.“
„Captain Jack Sparrow, wenn ich bitten darf, Sir.“, lächelte er.
„Nun, ich sehe nicht Euer Schiff, Captain.“, erwiderte Norrington.
„Will mir gerade eins besorgen.“ Murtogg ergänze seine Aussage.
„Er sagte, er will eines Kapern, Sir.“
„Sagte doch, er erzählt die Wahrheit.“, murmelte Mullroy zu seinem Freund. Er ging auf den Commodore zu und präsentierte die Sachen von Sparrow in seinem Arm. „Das hier gehört ihm, Sir.“ Norrington griff nach den verschiedenen Gegenständen und betrachtete sie mit einem kritischen Blick. Er hielt die Pistole.
„Nur eine Kugel, kein Schießpulver.“ Danach griff er zu einer kleinen Box, öffnete sie und zum Vorschein kam ein Kompass. Soweit ich über seiner Schulter hinweg erkennen konnte, zeigte die Nadel erst nach Westen, statt Norden und danach immer in meine Richtung, egal, wie der Commodore den Kompass drehte. „Ein Kompass, der nicht nach Norden zeigt.“ Mit einem Ruck zog er ein grobes Schwert aus der ledernen Scheide. Ein herablassendes Lächeln zeigte sie in seinem Gesicht, was mir ein seltsames Gefühl in der Magengegend bereitete. Er war absolut kein gehässiger Mann oder jemand, der sich für etwas besseres hielt und dennoch zeugte sein Blick von so viel Abneigung, dass man hätte denken können, eine persönliche blutige Fehde würde zwischen ihm und Sparrow existieren. „Man könnte meinen, es sei aus Holz geschnitzt.“ Passend zu seinen kühlen Worten änderte sich plötzlich das Wetter und hinter dem Horizont baute sich ein Heer von Wolken auf, um ihren Zorn über uns nieder prasseln zu lassen. Der Wind drehte abrupt seine Richtung und ließ mich und die nasse Elisabeth in unseren Kleidern frösteln. Die Federn des neuen Hutes auf Norringtons Kopf wehten Hilflos auf und ab. „Ihr seid ohne zweifel der schlechteste Pirat, von dem ich je gehört habe.“ Doch trotz der Feindseeligkeit lächelte Sparrow, als ihm die Ketten angelegt wurden.
„Aber Ihr habt von mir gehört.“ Die Männer richteten weiterhin ihre Waffen auf ihn, als der Commodore weiter auf ihn zugehen wollte. Ich nahm meinen Arm von Elisabeth und lief mit schnellen Schritten den Mann hinter her, den ich anscheinend liebte und mein Leben in seine Hände legen würde. Nicht, das wir diesen Part von Anfang an hinter uns hatten, nachdem ich mich aus dem Wasser fischte, doch ich konnte nicht einfach tatenlos zusehen, wie er jemanden aufknöpfte, dessen wir Elisabeth weitere Atemzüge verdankten.
„Commodore,“, Norrinton schien mich zu ignorieren und prüfte die Handschellen, ob Gilette sie denn auch richtig umschnallte und ich konnte in seinem verändertem Gesicht sehen, dass er genau wusste, was ich nun zu sagen hatte. „Es erscheint mir nicht gerade angemessen, geschweige denn gerecht.“
„Er mag ein Pirat sein,“, half mir Elisabeth. „dennoch hat er mein Leben gerettet, Commodore.“ Endlich drehte er sich um, die Hände wieder hinter dem Rücken gefaltet. Obwohl Elisabeth und ich ihn als Frauen widersprachen und auf gewisser Weise seine Autorität als Commodore untergruben, ließ er sich einfach nichts anmerken, sondern hielt seine militärische Rolle. „Eine gute Tat erlöst einen Mann nicht von dessen Leben voller Sünden und Böswilligkeit.“ Er hielt meinen sturen Blick stand. Doch da, nur für einen Bruchteil der Sekunde blitze in seinem Auge etwas auf. War das etwa Traurigkeit? Doch so plötzlich dieses Funkeln kam, übernahm die Rolle des respektablem Soldaten, der wusste, was getan werden musste.
„Aber es ist genug, um ihn zu verurteilen?“, sprach Sparrow voller Bitterkeit, hielt seine Arme vor, damit Gilette ihm das kalte Eisen um die Handgelenke schnallen konnte.
„In der Tat.“, bejahte der Commodore und richtete seine Augen zu ihm. Ich stellte mich zwischen den beiden.
„Tod scheint aber so voreilig. Ein Leben lang in Gefangenschaft ist das eine. Eine Anhörung oder Gerichtsurteil bei Richter des Adels.“ Verzweifelt griff ich nach jedem Wissen, welches noch aus dem Geschichtsunterrichts zu finden war. Wir redeten hier von Tod. Es kam mir so surreal vor, dass meine Übererdungskraft zwischen Leben und Tod eines Mannes beeinflusste. Im Augenwinkel konnte ich erkennen, das Gilette von Sparrow wegtrat und genau dann erreichten mich gehauchte Worte.
„Endlich.“ Erschrocken zuckte ich zusammen, als der Schatten plötzlich direkt hinter mir stand und so schnell das Eisen um den Hals hielt, dass ich es nicht realisieren konnte. Ich fror komplett ein, als der Gouverneur panisch die Hand erhob und die Waffen runter befahl.
„Ich wusste, ich könnte Euch mit meinen Geschichten verzaubern.“, grinste er gegen meinen Nacken. „Commodore, mein Habe bitte. Und meinen Hut.“ Norrington stand dort wie versteinert in diesen einen Augenblick, analysierte die Situation, sah mit seinen grünen, angstschimmernden Augen in meine panischen blauen Augen. Die Stimme des Piraten drang mir laut ins Ohr. „Commodore!“ Er überreichte mir die Ausrüstung und starrte ihn dabei mit wutentbrannten Blicken nieder. Sparrow hielt mir den Pistolenlauf gegen den Kopf. „Cassandra. Cassandra wars, oder?“
„Das heißt noch immer Miss Rigwell. Daran hat sich nichts geändert.“, spuckte ich mutig aus. Obwohl mir eher nach zusammenbrechen zumute war. Mit einer falschen Bewegung hatte ich gleich eine Kugel im Kopf. Der Schock machte es mir möglich, nicht wie Espenlaub zu zittern. Sein Atem krabbelte über meine Schultern und der Geruch war definitiv nicht der beste. Er kicherte.
„Miss Rigwell, wäred Ihr so freundlich, mir behilflich zu sein? Komm schon liebes, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ Er drehte mich an den Schultern zu sich. Gürtel mit Schwert und Kompass legte ich ihn um und setzte den Hut auf seinen Kopf. „Vorsicht mit meinem hab und Gut, Kleine.“ Die Kehle war mir wie zugeschnürt.
„Ihr seit widerlich.“, hörte ich hinter mir Elisabeths Stimme.
„Eine Hand wäscht die andere, Liebes. Ich habe Eure Schwester gerettet, jetzt rettet Ihr meines.“ Mit einem Schwung drehte er mich wieder in die andere Richtung und zog mich mit seinen Schritten nach hinten. Der Commodore kam uns mit jedem weiteren Schritt, den wir nach hinten taten, mit in unsere Richtung. Sein Blick sprang zwischen mir und Sparrow hin und her, beobachtete jedes Detail. „Gentleman!“ Er legte seinen Kopf in meinen Nacken. „M‘ladies. Ihr werdet alle niemals den Tag vergessen, an dem ihr Captain… Jack Sparrow beinahe gefasst hättet!“ Wieder drehte ich mich, doch dieses mal schubste er mich mit aller Kraft von sich weg, direkt in die Arme des Commodores. Ich stieß gegen seine Brust und augenblicklich klammerte sich sein Arm um mich herum, als er den fliehenden Mann hinter her sah und Befehle von sich gab. Als sich Sparrow plötzlich mit Hilfe eines Kranes und einem Seil in die Lüfte erhob, gab der Commodore den Befehl zu schießen. Doch es war nutzlos. Mit seiner Ketten rutschte er an dem Seil, über den Hafen und direkt in die Stadt Port Royals und floh, die Soldaten auf seinen Fersen, kontinuierlich an schießen.
Der Commodore nahm mich sanft bei den Schulter und versicherte sich, dass mir körperlich keinen Schaden zugefügt worden ist.
„Miss Rigwell, geht es Euch gut?“
„Zittrig und ängstlich, aber ansonsten gut.“, log ich. Ich war nicht nur verängstigt, sondern panisch. Mit einer kleinen Fingerbewegung des Piraten hätte ich tot sein können. Dieser Gedanke, dass so etwas minimales darüber entscheidet, ob ich die nächste Minute noch erlebte oder reglos auf dem Boden lag war furchtbar. Man war Tagtäglich solchen Momenten ausgesetzt, in der man mit einem Fingerschnippen zu Tode kommen könnte. Von einer Kutsche überrollt, einem herunterfallenden Gegenstand, ein falscher Schritt. Doch erst, wenn man solch einen Moment, einer zufälligen Abfolge von Situationen und Aktionen, hinein gerät und erlebt, wird einen diese Gefahr erst bewusst. Doch Commodore Norringtons Augen schauten in meine und er schien meine Verharmlosung bemerkt zu haben, sprach mich darauf allerdings nicht an, hielt statt dessen den Blickkontakt. Ich konnte nicht sagen ob grün in blau oder blau in grün starrte. Sein Blick huschte über mein Gesicht, schien jedes Hautfältchen zu inspizieren, um sich danach wieder in meinem Blau zu verlieren. Dieser eine Augenblick erschien endlos während wir erleichtert Luft holten nach dem kleinen Kidnapping.
Gilette tauchte hinter Norrington auf und das war sein Stichwort, wieder zu seinen Pflichten zurück zu kommen.
„Gilette,“ Er ließ mich los und gab mich in die Arme des besorgten Gouverneurs.
„Mister Sparrow hat gegen Abend eine Verabredung mit den Galgen. Ich wäre enttäuscht, wenn er diese verpassen würde.“ Er lief voran. Schuldgefühle kamen in mir auf. Hätte ich nicht störrisch versucht den Commodore von meiner Ansicht zu überzeugen, wäre dieser Mann, der mir drohte mich zu töten, nicht auf der Flucht. Ich befreite mich also vom Griff des Gouverneurs und lief Commodore Norrington hinter her und hielt ihn an seinem Arm zurück. Er drehte sich zu mir, überrascht von der plötzlichen und unangebrachten Geste vor Augen anderer Autoritätspersonen.
„Es tut mir leid.“, bat ich und verdammte Tränen drohten wieder über meine Wangen zu krabbeln. Ein kurzes zucken seiner Mundwinkel. „Ich hätte auf Euch hören sollen.“
„Ihr habt lediglich versucht, dass richtige zu tun.“ Er schaute kurz nach hinten zu seinen Männern und drehte sich wieder zu mir. Doch seine Blicke richteten sich nicht an mich sondern Elisabeth.
Ich ließ ihn schwerem Herzens los. „Geht mit Eurem Vater zurück zum Anwesen und ruht Euch aus. Wir werden Sparrow binnen einer Stunde verhaften.“ Er zog sein nun neues Schwert und schloss sich der Suche an, ließ eine vor Kälte zitternde Elisabeth in den Armen ihres Vaters zurück und mich mit einem Gefühl der von Einsamkeit und Scham.
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