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Die Augen des Ozeans

von Amatani
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12
Elizabeth Swann James Norrington Lord Cutler Beckett OC (Own Character) Will Turner
27.09.2018
30.06.2020
8
41.714
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21.06.2019 4.554
 
Es war wieder einer dieser unglaublich schwülen Tage, an denen selbst die Vögel zu erschöpft schienen, durch den blauen Himmel zu fliegen und statt dessen lieber auf einem Ast oder in einem Trog saßen um diese Hitze zu ertragen. Es wehte kein Wind, das Meer war so glatt wie ein Spiegel und über Port Royal schien sich ein Leichentuch gelegt zu haben. Keiner verließ das Haus, wenn es nicht absolut nötig war und der Markt war schon gegen frühen Mittag wie leergefegt. Gepaart mit der Hitze und meiner wahnsinnigen Langeweile verbrachte ich die Tage in einem Apathisch ähnlichen Zustand im Anwesen, ohne jegliche Motivation oder Unternehmungslust. Seit über einer Woche waren Elisabeth und ihr Vater in Kingston, während sich Captain Norrington seit knapp drei Wochen auf hoher See befand, um seine Heimatgewässer zu schützen.
Wie es wohl allen drei erging? Hoffentlich besser, als meinen unruhigen Geist. Es war nichts, was man gegen dieser Langeweile hätte unternehmen können. Die Bücher der Bibliothek erschienen trocken und öde, die Hitze draußen unerträglich und bis auf Will besaß ich keine Kontakte. Wenn es seine Arbeit erlaubte, besuchte er mich oder wir saßen am Strand im kühlen Schatten eines Baumes oder Palme, redeten über dies und das. Eines Nachmittags, wir starrten auf den grellen Sand zu unseren Füßen, während meine Gedanken bei Elisabeth und Norrington hing, informierte mich Will über die neusten Werke, die er vor kurzen anfertigte und wer die letzten Käufer seiner meisterhaften Schwerter waren. Vor längerer Zeit erzählte er mir auch dass er das Gefühl habe, nicht genug Zuspruch für seine Arbeit zu bekommen. Viele seiner Käufer kauften seine Exzellenten Schwerter ohne dem Wissen, dass der junge Knabe vor ihnen das Metall zu seiner Endform zauberte. Es enttäuschte ihn zutiefst, gestand er.
„Ich lege so viel Fleiß hinein, schwitze, bekomme von der Anstrengung Muskelzerren und ich erlaube mir auch keinen einzigen Makel bei meiner Arbeit. Und dennoch bekommt dieser versoffene Sack die gesamte Anerkennung.“, grummelte er neben mir und wischte sich denn Schweiß von der Stirn, bevor er Mr. Brown, sein Vormund und Meister, nach äffte. „Du bist noch unter meinen Fittichen Bengel, unter den Fittichen eines Meisters. Solange du dir selbst diesen Titel nicht erarbeitet hast, steht es dir nicht zu, die Lorbeeren einzuheimsen.“
„Er ist ein verbitterter, idiotischer Trunkenbold, Will. Nimm es dir nicht zu Herzen, du bist besser als so einer. Bald hast du die Möglichkeit, seine Schmiede zu übernehme oder sogar eine eigene zu eröffnen. Dann kann dir dieser Fettsack mal den Buckel runter rutschen.“, versuchte ich ihn ein wenig aufzumuntern, aber als Antwort bekam ich lediglich ein weiteres Grummeln.
„Wann das wohl passieren wird… In zwei Jahren? Drei? Vier? Nein, so schnell gibt er den Hammer nicht ab, diese egoistische Ratte.“ Ich starrte auf meine nackten Füße. Ich wollte nicht, das in den guten Schuhen Sand und anderer Dreck hinein kam. Dafür waren sie zu schön.
„Sag mal,“, fing ich an. „Du kannst Schwerter und Degen Schmieden, kannst du auch mit ihnen umgehen?“ Wenn ja, kam mir der Hintergedanke, könnte er mir bestimmt zeigen, wie man mit diesen scharfen Dingern kämpft. Es wäre zumindest eine willkommene Abwechslung der letzten Tage.
„Natürlich!“ Den strahlenden Stolz in seiner Stimme konnte man nicht überhören. „Jede einzelne Klinge, die ich-“ Er brach plötzlich mitten im Satz ab. Verwundert schaute ich ihn von der Seite an, doch er nickte nur mit seinen Kopf gerade aus, also folgte ich seinen Blick. Zu aller erst machte mein Herz einen kleinen Hüpfer bei dem Anblick des großen Schiffes, welches über dem vor Hitze flimmernden Meer zu uns hinüber glitt, in der Hoffnung, es wäre die Dauntless und innerlich freute ich mich schon auf den Abend, denn der Captain würde bestimmt nach mir sehen.
Doch erst als ich einen zweiten Blick darauf warf, erkannte ich, das es nicht das erhoffte Schiff, sondern ein anderes sein musste. Es führte eine andere Flagge.
„Die East India Trading Company.“, sprach Will. „Das kann nur Probleme bedeuten.“, brummelte er. Ich konnte mich dunkel an diese Handelsgesellschaft erinnern aus den Geschichtsbüchern. Queen Elisabeth II. Privilegierte sie im frühen 16. Jahrhundert.
„Weshalb Probleme?“, fragte ich besorgt.
„Sie transportieren nicht allzu selten Sklaven über die Meere. Natürlich streiten die Gilden das ab, aber dennoch zweifelt keiner daran. Zudem wächst stetig ihre Handelsmacht zwischen den östlichen Ländern und Großbritannien. Frage mich nur, was sie hier zu suchen haben?“ Will rümpfte angewidert die Nase und ich war erschrocken. Bis jetzt musste ich mich mit diesen Themen nicht auseinander setzten. Aber es war noch immer das Jahrhundert, in dem Sklaverei alltäglich war. Alleine schon als Diener in Knechtschaft. Die ersten Wochen war es im Anwesen ungeheuerlich unangenehm, sich in beinahe allen Lebensbereichen bedienen und helfen zu lassen. Letztendlich bat ich die Diener des Hauses, manche Aufgaben mir zu überlassen und sich statt dessen Pausen zu genehmigen.
Stumm betrachteten wir beiden das gigantische Schiff, bis es hundert Meter vor dem Strand die Anker hinunter lies und die Langboote zu Wasser geführt wurden und eine Hand voll Männer, auch in schmuckreicher Uniform wie die der Royal Navy, in die Boote hinab stiegen und zu rudern begannen.
„Ich sollte zurück in die Schmiede. Der alte Herr dürfte langsam seinen Rausch von gestern Abend ausgeschlafen haben.“, murmelte Will und löste, während er sich von Sand erhob, nicht seinen Blick von den Booten, die Richtung Hafen steuerten. Er klopfte sich den Dreck von der Hose und verabschiedete sich von mir. Ich war schon wieder allein. Mit einem Seufzer gab ich mich dem Schicksal hin und erhob mich ebenfalls. Das Kleid raschelte bei jeder Bewegung und ich wünschte, ich könnte diese Lagen von Stoff einfach von meinem Körper reißen und ins Meer hinein springen, um diese beengende Kleidung bei dieser erbarmungslose Hitze loszuwerden.
Aber würde das irgendjemand sehen, dann wäre die Reputation des Gouverneurs erheblich gesunken und meine Wenigkeit dürfte nie wieder in die Öffentlichkeit. Dieses gepolsterte Kleid, mit seinen drei Lagen schweren Stoffes und den gepolsterten Schulter. Solange ich alleine auf dem Anwesen war, verzichtete ich auf das furchtbare Folterinstrument in Form des Korsetts und schlüpfte statt dessen in meinem BH, den ich zum Glück von der Dauntless retten konnte und ein dünneres Stoffkleid.
Oft genug kam der Gedanke auf, einfach wieder die alte Uniform, die noch unter dem Bett verstaut lag, anzuziehen, mir Dreck ins Gesicht zu schmieren und einfach wieder als ein junger Mann durch die Stadt zu spazieren. Ohne Hindernisse und von den ganzen Leuten angegafft zu werden, als die junge, seltsame Frau aus dem Meer, die den Gouverneur verhexte, damit sie in die reiche und wohlhabende Familie aufgenommen wird, um ihr mysteriöses, böses Werk zu vollenden. Zumindest würde es mich nicht wundern, das solche Gerüchte innerhalb der Stadt die Runde machten. Aber um ehrlich zu sein: es war mir egal. Durch meinen gesellschaftlichen Rang war ich geschützt und unantastbar. Zumindest, wenn ich nicht unbedingt in der Nacht meinte, über den Marktplatz spazieren zu müssen.
Das Kreischen der Möwen durchtrennte beinahe zerreißend die Luft, als die Fischer auf der anderen Seite das Hafens das Fischernetz an Bord zogen, während die gierigen Vögel ihren Sturzflug starteten, um sich ihr Futter zu stibitzen. Der kleine Junge des Mannes hüpfte wütend und mit den Armen wedelnd auf dem Boot hin und her, um die dreisten Tiere von seinem eigenem Mittagessen zu verscheuchen, während die beiden Männer gleichzeitig den Fang aussortierten und alles, was kein Fisch war, zurück ins Wasser zu werfen. Was könnte ich nur machen? Zum spazieren gehen war es einfach zu heiß. Im Anwesen starb ich vor Langeweile und ich hatte ansonsten niemanden, mit dem ich mich hätte so locker treffen können wie mit Will. Alle anderen Besuche waren Verbunden mit einer Ellen langen Abfolge und Austausch von Höflichkeiten, Geschleime und gegenstandslosem Smalltalk. Egal wozu ich mich letztendlich entschloss, so konnte ich zumindest schon einmal den Weg zurück in die Stadt antreten. In der linken Hand mein Paar Schuhe, in der rechten den Saum des Kleides, stapfte ich langsam durch den warmen Sand, klopfte mir die Strümpfe sauber, rutschte in meine Schuhe und lief in Richtung des Hafens, um hinauf in die Stadt zu gelangen.  Meine Schritte waren langsam, mein Atmen flach und angestrengt durch die Hitze, als unter meinen Füßen die Planken des Hafenstegs auftauchten. Mein Blick suchte nach den Langbooten des gerade eben erst eingetroffenen Schiffes und entdeckten sie. Angebunden am Steg, zwei Männer davor bewachten diese mit ernstem Blick. Von den anderen Männern war keine Spur zu sehen. Eine leichte Brise huschte durch die Bucht und mit geschlossenen Augen und erhobenen Kopf wiegte ich meinen Körper in der Kühle.
„Miss Cassandra Rigwell, nehme ich an? In der Stadt, um den angenehmen Wind auf Eurer Haut zu spüren?“, hörte ich rechts von mir und zuckte vor Schreck zusammen, bei dieser plötzlichen Stimme. Ein Mann. Wenige Millimeter größer als ich, stand mit durchgestrecktem Rücken und zusammengefalteten Händen neben mir. Leichte Schweißtröpfchen lagen auf seiner Stirn. Sein Haupt geschmückt in der selben weißen Perücke, wie die aller Ranghöheren Offiziere, aber ein prunkvoller Hut lies den Mann ein wenig größer erschienen. Genauso prunkvoll wie der Rest seiner Uniform. schwarz, gold gehalten, mit vielen Verzierungen. Es musste sich um einen Wohlhabenden Mann handeln.
„Oh Miss, ich wollte Euch nicht erschrecken. Gehen wir ein Stückchen zusammen, um den Schrecken aus Euren Knochen zu vertreiben?“ Der fremde Mann hielt mir seinen Arm hin. Was machte ich nun? Ich kannte ihn nicht, er mich aber schon? Ich ging alle Abendessen oder Bälle im Kopf durch, auf der Suche nach dem Bild dieses Mannes, ob er mir schon einmal über den Weg lief. Er verhielt sich, als würden wir uns vertraut sein.
„Ich möchte Euch nicht beleidigen guter Herr, aber mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte ich. Weshalb konnte ich nicht erklären, aber er machte mich nervös.
„Ihr kennt mich nicht? Miss Rigwell, darf ich mich selbst vorstellen: Lord Cutler Beckett, Vorsitzender der East India Trading Company.“ Mir stockte der Atem vor Schreck. Dieser Mann, der mit mir sprach wie ein Bekannter, war wahrscheinlich einer der reichsten um diese Zeit und neben den Königen und Herrschern einer der einflussreichsten und mächtigsten Personen.
Aber woher kannte er meinen Namen? Als ob er meine Gedanken lesen konnte, sprach er weiter.
„Falls Ihr Euch fragt, wie ich euren Namen kennen kann. Miss, dies hier ist meine zweite Heimat, eine Handelsstadt von mehreren hundert. Ich weiß um alles was hier geschieht. Um jedes Schwein, was zu verkauf steht, wie viele Dirnen tagtäglich gemietet werden, welcher Fischstand in welcher Bucht Fischt und ich weiß um jedes Gerücht dieser Stadt bescheid.“ Der Schreck von vorhin wich bei jedem Wort, der dieser angeberischer Zwerg von sich gab, aus meinen Knochen, doch die Nervosität stieg zu einem hohen Level an. „Und wie könnte ich da die Nachricht überhören, eine wundervolle und bezaubernde junge Frau würde auf mysteriöser Weise ihren Platz im Haus des Gouverneurs erhaschen.“ Er lächelte mir zu, musterte mich von oben bis unten. Seine übertriebenen Schmeicheleien ließen mich kalt, statt dessen empfand ich eine Art von Ekel bei seinen Worten und unter seinen Blicken. „Ich entschuldige mich für mein plumpes Auftreten. Gehen wir ein Stück, Miss? Ich insistiere.“ Sein Verhalten war seltsam, sein darauf folgendes, minimalistisches Lächeln war falsch und in seiner Nähe fühlte ich mich ungemein unwohl. Aber es sah so aus, als hätte ich keine Wahl. Auch wenn es als eine Bitte formuliert wurde, war ich als Frau ihm gegenüber untergeordnet. Und wenn ich diese „Bitte“ ablehnen würde, könnte es für mich ernsthafte Folgen geben. Also versuchte ich es ebenfalls mit einem Lächeln und nahm seine Hand entgegen. Ich musste mich zwingen, nicht sofort meine eigene zurück zu ziehen, als er seine Lippen sanft drauf drückte. Ein kalter Schauer schoss, trotz der Hitze, über meinen Rücken bis hin zu meinem Nacken. Er schien die darauf folgende Gänsehaut auf meinem Arm zu erkennen und lächelte süffisant. Zumindest kam es mir wie eines vor.
Wir liefen nebeneinander am Hafen entlang, die Arme eingehakt. Stille lag zwischen uns und ich wusste nicht, was genau er mit diesem Spaziergang zu bezwecken versuchte. Er sprach bis jetzt kein Wort, schien mich sogar, während wir liefen, zu ignorieren.
Versuchte er mich einzuschätzen? Aber weshalb sollte er das tun? Von mir bestand keine Gefahr auf irgend einer Art und Weise. Da ich über diesen Mann nichts, wirklich gar nichts wusste, woher er stammt, seine Karriere, was für ein Privilegierten Status er tatsächlich hinter sich stehen hatte. Eine absolute Unwissenheit zu meinem Nachteil.
„Eine Schönheit wir Ihr es seid, sollte sich nicht im Anwesen oder allein am Strand verstecken.“ Nach zehn Minuten der Stille, waren dies seine ersten Worte und meine Augenbrauen zogen sich zusammen. Versuchte er mich mit solch einen billigen Mist zu bezirtzen? Mein „Herz“ zu gewinnen, weil er mit solchen Komplimenten um sich warf? Ich musste mir auf die Zunge beißen, die Worte hinunter schlucken, die drohten, einfach aus mir herauszuplatzen. Statt dessen lächelte ich einfach, als er sich zu mir umdrehte. Er lächelte ebenfalls. Und es schien tatsächlich ein verlegendes zu sein. Der Blick Becketts entzog sich meinem und suchte die Wellen ab, blickte zum Horizont. Er stoppte, weshalb auch ich gezwungen war stehen zu bleiben.
„Es ist wunderschön, nicht wahr? Das Meer?“, sprach er plötzlich, seine Stimme schien weicher zu werden. Was genau ging just in diesen Moment in seinem Kopf ab? Was bezweckte er mit diesem Gespräch?
„Das ist es.“, antwortete ich darauf hin, damit keine peinliche Stille entstand. „Wunderschön auf mysteriöser Art und Weise. Was liegt hinter dem Horizont. Und was unter den Wellen?“, sagte ich schon beinahe abwesend, gefangen in der Trance der Bewegung des Wassers und der Drang, von diesem Mann so schnell wie möglich fort zu kommen. Eine Berührung an meinem Kinn riss mich zurück in die Gegenwart.
„Hat Euch jemals jemand gesagt, welch eine wunderschöne, poetische Sprache Ihr besitzt?“ Sein Finger drückte sanft aber mit Bestimmtheit mein Gesicht in seine Richtung. Ich musste den Impuls unterdrücken, seine Hand wegzuschlagen. Ja, das wurde mir schon einmal gesagt, allerdings mit mehr Aufrichtigkeit und von einem wahren Gentleman, nicht von solch einem aufgeblasenem Schnösel wie dir… Wollte ich rausplatzen, aber stattdessen lächelte ich einfach wieder. Ich musste allerdings was sagen. Wenn es sich wirklich um solch eine wichtige Person handelte, durfte ich es mir nicht verspielen, auch wenn es mir beinahe zuwider war. Spielten wir also das Spiel der Adelsleute. Wir liefen langsam weiter.
„Vielleicht  nicht unbedingt ein Poet, doch den Marinesoldaten gefiel mein Gesang und meine Geschichten.“
„Oh, das glaube ich Euch. Ihr habt eine verzaubernde Stimme. Wie die einer der wundervollsten Sirene des Meeres.“ Wieder kurz Pause.
„Ich gedenke einen Ball in meinem Anwesen zu veranstalten. Um genau zu sein habe ich Euch genau deshalb aufgesucht. Ich würde Euch bitten, mir bei diesen Ball Gesellschaft zu leisten, Miss Rigwell. Es wäre mir eine Ehre, Euch zum Tanz auszuführen.“ Weshalb tat er das? Ich hatte keinen Adelstitel, keinen reichen Stammbaum, kein eigenes Geld. Selbst wenn er damit versuchen würde, mich anzuwerben, würde es ihn kein bisschen was bringen. „Heute Morgen habe ich erfahren, das Gouverneur Swann und seine Tochter schon Morgen wieder in Port Royal einfahren werden.“ Was sagte er da? Wie konnte er solch eine Information vor mir und der Dienerschaft des Hauses erfahren? „Natürlich ist der Gouverneur und seine Tochter, Elisabeth Swann herzlich eingeladen. Es wird ein Brief folgen, aber natürlich könnt Ihr diese Nachricht schon kundtun.“ Aha… Das war es also. Entweder wollte er Kontakt mit dem Gouverneur aufbauen, oder sich mit Elisabeth anbändeln. Wenn dies wirklich seine Intentionen waren, so war er wahrlich nicht geschickt darin, seine wahren Absichten gut genug zu verschleiern und seine umgebenen Personen zu manipulieren. Ich hatte zwar von Anfang an keinen wirklichen Respekt vor diesen Mann, aber mittlerweile erschien er bei weitem nicht mehr so beängstigend. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf warnte mich davor, ihn dennoch nicht zu unterschätzen. Vielleicht war es seine Intention, das ich ihn als ein stümperhaften, leicht  durchschauenden Mann hielt. Er schaute mich noch immer an. Anscheinend wollte er eine Antwort von mir hören, wie geschmeichelt ich war.
„Ich nehme dankend diese Einladung an und werde sie natürlich an den Gouverneur und Miss Swann weiter leiten.“, lächelte ich gezwungen. Sicherlich konnte mir der Gouverneur etwas über diesen Mann erzählen und in der Bibliothek im Bereich des Archiv werden sich bestimmt auch ein oder zwei Einträge zu der Vergangenheit und Laufbahn des Mannes finden lassen, dachte ich mir und nahm mir fest vor, direkt heute Abend danach zu suchen. Da der Gouverneur noch immer nicht im Haus war, stand mir theoretisch auch sein eigenes Büro zur Verfügung. Allerdings wollte ich es erst zu rate ziehen, falls sich woanders nichts anderes finden ließe. „Darf ich nach den Anlass des Balls fragen?“
„Ich wurde berichtet, dass in wenigen Tagen ebenfalls Captain Norrington mit der Dauntless und seiner Crew hier anlegen wird und Ebenfalls eine Rangerhöhung ansteht. Ich dachte, vielleicht sollte die erfolgreiche Mission und die Beförderung zelebriert werden.“ Er stoppte erneut, hielt meinen Arm noch immer in seinem verschränkt. „Des weiteren wird der Tag des Festes mein letzter Abend in Port Royal sein, da meine Wenigkeit zurück in London verlangt wird.“ Seine braunen Augen lagen erneut auf mir.
„Ihr seid doch heute erst angekommen? Ein viel beschäftigter Mann, wie es scheint, Lord Beckett?“
„So ist es, Miss.“
„Wir werden Euch sicherlich hier in Port Royal vermissen.“, log ich und atmete innerlich auf, das er innerhalb einer Woche wieder verschwand. Doch jetzt erst nahm ich wahr, was er vor wenigen Sekunden zu mir sagte. Die Dauntless würde in weniger als einer Woche wieder hier sein! Bald waren Elisabeth und Norrington zurück. Die Vorfreude drückte sich mit einem ehrlichem Lächeln aus.
„Seit ihr bekannt mit den Handelsabkommen zwischen Großbritannien und den westlichen Ländern, Miss? Welch einen Einfluss dieser Handel auf die Welt ausübt?“ Verwundert sah ich ihn an. Woher kam dieser plötzliche Themenwechsel? Wollte er mich nun belehren? Doch er drehte sich um, als er Stampfende Schritte hinter sich vernahm.
„Lord Beckett, Sir. Man verlangt nach Euch.“ Ein breitschultriger Soldat stand vor ihm. Das Bajonett stramm auf dem Boden gestellt und das Kinn hoch. Beckett seufzte sichtlich genervt.
„Es geht immer ums Geschäft, nicht wahr?“, sprach er und den darauf folgenden Blick, den er mir zuwarf, lies mich erneut frösteln. Seine kleinen Augen in dem recht breitem Gesicht, waren kalt funkelnd, abschätzend. Er nickte mir zum Abschied, sein Lächeln wirkte gelangweilt, drehte sich auf dem Absatz um und lies mich zurück. Ohne ein weiteres Wort, ohne eine angemessene Geste, die es im Normalfall von einem Mann gegenüber einer Dame verlangte. Ich war unglaublich verwirrt. Spielte er mit mir und ich bekam es einfach nicht mit? Die letzte Sekunde, in der er mich mit diesen Augen ansah, mit dieser Rationalität und Kälte, breitete sich in mir ein mulmiges Gefühl aus. Ich blieb stehen, die Hände durch fehlende Taschen, vor mir ineinander gefaltet und schaute den beiden Männern hinterher. Mit jedem Meter, den er sich entfernte, um so ruhiger wurde mein Herzschlag und umso leichter konnte ich ausatmen, bis er letztendlich ganz aus meinem Sichtfeld verschwand. Tatsächlich waren meine Knie ein wenig wackelig. Du hast es überstanden. Jetzt muss du nur noch die Ballnacht überleben und schon jetzt plante ich, wie ich entweder eine Ausrede herzaubern konnte, um nicht gehen zu müssen, oder die beste Strategie, um diesen kleinen, furchteinflößenden Mann während den Festivitäten nicht über den Weg zu laufen. So oder so, irgendwie musste ich das regeln.
Das starke Bedürfnis, wieder in das Anwesen zurück zu stürmen kam in mir auf. Das erste mal seit Tagen, dass ich wirklich zurück wollte, ohne dass ich mich selbst zwingen musste. Nach diesem unangenehmen Gespräch war es aber nicht verwunderlich. Also atmete ich noch einmal tief ein und machte mich auf den Weg um zu Fuß wieder den Berg hinauf zu gehen. Natürlich stand mir eine Kutsche zur Verfügung, aber hinunter zur Stadt zu laufen, war die einzige Möglichkeit, sich die Füße einmal richtig zu vertreten. Auch wenn das Kleid es um einiges schwieriger gestaltete. Aber auf die Kutsche konnte ich gut verzichten, zumal der Weg nur 30 Minuten vom Marktplatz bis zur großen Eingangshalle des Swann Anwesen betrug. Und so hatte ich eine Ausrede, das keiner der Bediensteten mitkommen musste. Der trockene Staub der ungepflasterten Straße wirbelte in kleinen Wölckchen um meine Beine, bei jedem Schritt, den ich tat. Und mit jeden weiteren Schritt, versuchte ich diese Beklommenheit aus meinen Körper zu scheuchen, doch der Blick des Mannes bohrte sich so tief in mein Hirn dass es schwer war, ihn nicht wieder vor Augen zu sehen. Ich war zu voreilig mit meiner Einschätzung. Augenscheinlich schien er im ersten Moment unbeholfen, plump, doch ich habe ihn wahrscheinlich bei weitem unterschätzt. Ich würde ihn zumindest nicht als Feind haben wollen. Vielleicht ist das ein Grund mehr, doch zu diesen Ball zu erscheinen. Vielleicht gibt es mir die Möglichkeit, mich mit ihm gut zu stellen. Soweit es zumindest möglich ist. Ich mag zwar keine Adlige sein, aber genau deshalb muss ich mir eigene Kontakte beschaffen und eventuell eine Rücklage aufbauen. Mit einem schütteln des Kopfes versuchte ich diese verdammten Gedanken im Zaum zu halten und los zu werden. Aber es sagte sich immer leichter, als dass es getan war. Sobald meine Füße den Marmorboden der Halle betraten, lief ich schnurstracks zur Bibliothek und blieb vor dem Archiv stehen. Ich vermisste das Smartphone und den Zugang zum Internet. In wenigen Sekunden hätte ich die Information, die ich bräuchte. Jetzt wusste ich nicht einmal, wo genau ich anfangen sollte zu suchen. Und wonach überhaupt? Wo könnte etwas über ihn stehen? Beckett sprach davon, es wäre hier seine Heimat, hätte ein Anwesen. Dann müsste er vielleicht in einem Buch verzeichnet sein, in dem die Finanzen der einzelnen Adelshäusern aufgeführt wurden. Schließlich war er ein Lord. Wenn das Glück mir hold war, gab es eventuell einen Stammbaum? Meine Finger glitten über die lederne Buchrücken, suchten nach etwas, was Hinweise über diesen Mann geben könnte. Wer war er?


Beckett behielt recht und gegen Mittag des darauf folgenden Tages kamen Elisabeth und ihr Vater zurück nach Port Royal. Der Gouverneur begrüßte mich herzlich und fragte, ob alles auf dem Anwesen gut verlaufen sei und ob unten in seiner Stadt keine Katastrophe passierte. Er war glücklich zu hören, das während seiner Abwesenheit nichts bewegendes geschah. Doch als ich ihn von der Einladung Lord Becketts für den Ball weiter leitete, sanken seine Mundwinkel um wenige Zentimeter. Seine Antwort war lediglich ein resigniertes Nicken, ein letztes festes und lieb gemeintes Händedrücken und dann verschwand er ins Innere, während der Butler die Koffer vom Dach der Kutsche spannte.
„Cass!“, schrie Elisabeth, stürmte auf mich zu und umarme mich hektisch. Freudig legte ich meine Hände um sie und drückte meine Wange gegen ihren Hinterkopf. Ich lag mit allem falsch, was ich mir immer einzureden versuchte. Sie war eine Schwester für mich geworden. Eine, um die ich mich kümmern wollte und Angst hatte, falls ihr etwas zustoßen würde. „Hab dich vermisst.“, kicherte sie mir ins Ohr und lies mich los, betrachtete mich, als ob sie nachprüfen wollte, das es mir gut ging.
„Keine Kratzer, keine Narbe. Du hast die Zeit alleine anscheinend gut überstanden.“, lachte sie laut und umarmte mich noch einmal. „Dir scheint es auch gut zu gehen.“, stimmte ich in ihr Lachen ein.
Wir waren solch ein Klischee.
„Winston, sag Estrella, sie möchte bitte nicht meinen Koffer auspacken.“ Der Butler nickte. „Da sind ein paar Überraschungen für dich drin.“, lächelte sie frech.

Nach zwei Wochen saß ich das erste mal wieder im Speisezimmer, der Tisch reich gedeckt und endlich wieder in Gesellschaft. Es wurde nicht allzu viel gesprochen, denn dies war eine weitere Salonregel: Kein Smalltalk während man dinierte. Das Essen wurde in Stille genossen. Selbst Elisabeth hielt sich daran, aß vornehm mit Messer und Gabel, wechselte lediglich mit mir neugierige Blicke und signalisierte mir, später in ihr Zimmer zu kommen. Anscheinend gab es viel zu erzählen von der Geschäftsreise ihres Vaters. Aber wie sich herausstellte war nicht nur ich das einzige Opfer, welches zwei Wochen lang unter Langeweile litt. Die ersten Tage wären zwar spannend gewesen, sagte sie. In einer neuen, großen Stadt, viele Menschen und neues zu entdecken. Doch schon nur nach wenigen Tagen überkam ihr eine Art melancholische Einsamkeit und Eintönigkeit. Der Gouverneur verließ täglich das Anwesen, auf denen sie eingeladen wurden, um seine geschäftlichen Tätigkeiten zu verrichten und nahm Elisabeth nur wenige male mit, sodass sie ebenfalls eine Gefangene des Nichtstun und der Hitze wurde.
Dann erzählte ich ihr von dem Ball, zu dem wir in wenigen Tagen eingeladen worden sind und als ich erzählte, wer diesen hielt, runzelte sie die Stirn.
„Beckett? Von der East India Trading Company?“
„Ja. Ein unangenehmer Mann.“, sagte ich beinahe flüsternd, als könnten die Worte zu ihm hindurch dringen. Elisabeth nickte. „Bist du ihm schon einmal begegnet?“, fragte ich neugierig.
„Nur ein einziges mal. Das ist allerdings schon Jahre her. Den Titel als Lord trug er schon, aber war in der Company nur ein kleines Mäuschen. Anscheinend hat er sich gut hochgearbeitet.“ Als sie weiter sprach, verzogen sich ihre Augenbrauen angewidert zusammen. „Er sprach davon, das ich mal zu einer wunderschönen jungen Frau heranwachsen würde. Gott weiß, welch eine Intention er damit verfolgt. Mein Vater sagte nur eines zu mir, nachdem er uns den Rücken kehrte: Sei Vorsichtig bei Lord Beckett. Man sagt ihm Skrupellosigkeit zu, er sei manipulativ, kalt, unberechenbar. Man sollte mit ihm auf gutem Fuße stehen, ansonsten könnte es böse enden.“ Die Ernsthaftigkeit und der Nachdruck in ihren Worten erschreckte mich und bestätigten meine Vorahnungen bei dieser Person. „Und er lud uns bei sich ein zum Ball? Wir beide sollten vorsichtig sein.“ Ihre Augen folgten den Bewegungen ihrer Finger, als ob sie über etwas nachdachte. Bevor ich etwas weiteres sagen konnte, hob Elisabeth erneut ihren Kopf und sah mich ernst an. „Als Handelspartner hat er meinen Vater schon an sich binden können. Er dürfte keine Interesse mehr an ihm haben, Kontakt aufzubauen. Wir beide allerdings… Er will einen von uns genau dort auf dem Ball haben. Und bei dem Gedanken, weshalb er das wollen würde, schüttelt sich mein gesamtes Inneres.“ Stocksteif saß ich ihr gegenüber. Dass so etwas einfaches, wie eine formelle Einladung zu einem Ball so bedrohlich interpretiert werden konnte, sodass blanke Panik aufkam, war erschreckend. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Das war ein fabelhaftes Beispiel für die Intrigen und das adelige Schachspiel innerhalb der gesellschaftlichen Gruppen, die man nur aus den historischen Romanen kennt. Jedes Wort, was gesprochen wird, kann so scharf wie ein Degen und ein Todesurteil sein. Es war wie ein Minenfeld. Einmal nicht aufgepasst, sich neben die falsche Person gestellt oder ein unbedachtes Wort… Elisabeth erkannte meine wachsende Angst gegenüber den augenscheinlich harmlosen Ball und nahm meine linke Hand. „Wir bleiben den ganzen Abend über zusammen, werden uns nicht trennen und versuchen so schnell wie möglich diese alberne Festivität zu verlassen, okay?“ Und versuchen, nicht in große Fettnäpchen zu treten, sagte ich mir selbst. Als Antwort nickte ich. „Wer ist jetzt hier die große Schwester, hm?“, lachte sie und umarmte mich. „Lust durch den Garten zu schlendern und den kühlen Abend zu genießen? Ich saß die letzten Tage größtenteils im Haus. Mir stinkt es langsam.“ Ohne auf eine Antwort von mir zu warten, stand sie schnell auf, zog mich am Arm das Bett hinunter und war auch schon aus der Türe hinaus verschwunden.
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