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Die Augen des Ozeans

von Amatani
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12
Elizabeth Swann James Norrington Lord Cutler Beckett OC (Own Character) Will Turner
27.09.2018
30.06.2020
8
41.714
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
10.03.2019 6.653
 
Aloha! Entschuldigt die Verspätung, aber irgendwie nahm meine Kreativität die letzten Monate Reißaus. Jetzt aber gehts endlich weiter! Und erzählt mir gerne eure Meinung zu dem Kapitel, denn irgendwie bin ich damit nicht 100%ig zufrieden.
Aber jetzt viel Spaß beim lesen und danke für die vielen, lieben Kommentare!
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Mittlerweile war ein ganzer Monat vergangen, seitdem mich der Gouverneur als sein Mündel aufnahm. Er war ein reizender und liebevoller Mann, wenn auch auf seiner eigenen Art und weise anstrengend und überheblich, wenn es um seine Überzeugungen und vor allem seiner Tochter ging.  Aber wer war das nicht? Überraschenderweise war er, so wie die Mannschaft der Dauntless, sehr angetan von meinen Geschichten und er entdeckte auch meinen Gesang, weshalb er, aufgrund seines Wohlstandes, mir Tutoren zuwies um meine Gesangsfähigkeit auszubauen. Sie schulten aber nicht nur meine Stimme, sondern brachten mir die grundlegenden Manieren und Verhaltensweisen des Adels bei. Dabei handelte es sich um so viel zusätzliches Wissen, dass ich Anfangs ungeheuerlich überfordert und vor allem aber gelangweilt von den strikten Regeln war. Im Gespräch hat sich die Dame im Hintergrund zu halten, sie gibt keine Wiederworte. Eine Dame hat sich stets manierlich und mit durchgestrecktem Rücken zu präsentieren, das Korsett figurenbetont eng gezurrt. Sie hat stets ein freundliches Lächeln zu tragen und die perfekte Verbeugung bei Begrüßung und Abschied der Gäste oder Festivitäten, wobei der Grad der Verbeugung einen genauen Winkel betrug. 300 Jahre unterschied zu dem, was mir gesellschaftlich beigebracht wurde und was mir nun die alten Damen eintrichterten. Aber mit der Ansicht war ich nicht allein. Elisabeth, die Tochter des Gouverneurs, war der gleichen Meinung. Die Basis, auf der wir beide zu aller erst aufbauen konnten. Sie war der Meinung, all das sei bloß Schein, lächerliches Getue, während man das Kinn schön hoch und die Familiendramen niedrig hielt, wobei die eigene Person am wichtigsten war und zu pflegen galt. Von den Massen an Kontakten mal abgesehen, die penibel zu jedem mit genug Geld und Adelstiteln gehalten wurde. Ansonsten tat ich mich schwer, mit Elisabeth auf eine Spur zueinander zu finden. Sie war mir in vielen Aspekten recht ähnlich, sodass sie eigentlich auch aus dem 21. Jahrhundert hätte stammen können, aber sie war so… schnelllebig, übereilt. Klug, doch zu übereifrig. Das monotone Leben hat sie, anstatt abzustumpfen, überheblich werden lassen und das Bedürfnis nach Veränderung und Abenteuerlust geweckt. Aber der Hauptgrund weshalb ich mich mit ihr anfangs schwer tat, war das seltsame Gefühl in jemandes fremde Familie aufgenommen zu werden, dankbar dafür sein zu müssen, obwohl ich eine liebende Familie hatte. Eine Mutter, einen Vater, denen beiden ich entstammte, mich seit meiner Geburt groß zogen. Eine Schwester, mit der ich mehr als die Hälfte meiner Lebensjahre zusammen teilte, darunter Familiengeschichten, Geheimnisse, alles, was Schwestern nun mal taten. All das war von heute auf Morgen verschwunden und sollte nun mit wildfremden Personen ersetzt werden? Es war so surreal wie es sich anhörte. In den einen Monat an Land dachte ich ständig, irgendwann muss ich doch aufwachen können? Meine Augen öffnen und ich würde in einer dieser scheußlichen Neonlampen im Krankenhaus starren oder alles würde sich in schwärze hüllen, sich in Nichts auflösen und ich hörte einfach auf zu existieren. Aber dem war nicht so. Jeden Morgen wachte ich in diesem großen, weichen Himmelbett auf und unterzog mich eine zehn minütigen Ankleidungsprozedur. Man sagte doch, bevor man stirbt, sehe man sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen. Doch das hier war nicht mein Leben. Und es war auch kein Traum. Innerhalb nur von Sekunden spielen sich Träume vor dem innerem Auge ab, die einen im dösigen Zustand wie mehrere Tage erscheinen können. Aber ich erlebte nun eine Spanne von vollen zwei Monaten. Das konnte sich nicht mehr um einen Traum oder Halluzinationen handeln. Oft fragte ich mich selbst, was passiert wäre, hätte die Mannschaft der Dauntless mich nicht aus dem Wasser gefischt, sondern wäre ertrunken, oder erfroren. Würde ich dann aus irgendeinem Zustand aufwachen, oder wäre ich tot? Ich musste mich wohl unter übel weiter damit abfinden, dass keine rationale oder wissenschaftliche Erklärung dafür zu finden war, so deprimierend es sich auch anfühlte und sich wie ein Parasit in meine Gedanken festsetzte. Ich musste damit zurecht kommen und mich dementsprechend anpassen.
Alles, um zu überleben… Und genau deshalb, weil ich die Situation nicht ändern konnte, sollte ich froh darüber sein, wie sie ihren Lauf nahm. Ich wurde aufgenommen von der reichsten und gesellschaftlich einflussreichsten Familie der Stadt, mir standen finanziell Türen offen, wofür jeder andere sich die Finger lecken würde. In meinem Zimmer stand ein Bett, gepolstert mit weichen Daunenfedern, der Blick aus einem Fenster zeigte die Docks und das Meer, das andere Fenster die grüne Insellandschaft über mehrere Kilometer hinweg, bis zu entfernten Häusern der nächsten Stadt. Die Küche bot drei warme Mahlzeiten am Tag, ich blieb den Krankheiten auf der Straße so weit fern, wie es in dieser Zeit nur ging, freier Zugang zu jeglichen Büchern der Bibliothek des Anwesens und dass Wissen der Welt und das allerwichtigste: Sicherheit.
Ich hätte genauso gut auf der Straße in den Gossen landen können, in denen man entweder von Krankheiten oder Hunger dahin gerafft oder abgestochen wird. Alles in allem war ich nicht in der Position mich zu beschweren. Und das hatte ich alles nur Captain Norringtion zu verdanken, der seinen Kontakt hatte spielen lassen und seine Wortgewandtheit bis auf das letzte Fünkchen Talent ausnutzte.
Die Angst, die sich auf den kleinen Ruderbötchen vor einen Monat in mir breit machte, nicht noch einmal mit den Captain zu speisen oder gar miteinander über den Tag zu reden, stellte sich als unnötig heraus. Nur zwei Tage nachdem ich mit Elisabeth und den Gouverneur durch das Anwesen spazierte und  ihnen meine gefälschte Lebensgeschichte erläuterte, klopfte der Mann gegen Abend an die Türe und bat mich um einen Spaziergang im Garten des Anwesens. Anscheinend schien es verpönt, eine Dame, der man nicht den Hof machte, zu einem Spaziergang außerhalb des eigenen Hauses einzuladen. Vor allem nicht in den Abendstunden. So bot er mir den Arm an und führte mich durch die verworrenen Hecken und Blumenbeete, während die Sonne mit jeden weiteren unserer Schritte am Horizont verschwand. Der Garten war ähnlich wie ein Labyrinth aufgebaut, in dem ich nach wenigen Ecken schon die Orientierung verlor, doch der Captain schien sich zwischen den verzweigten Ecken auszukennen.
„Wie lebt Ihr euch auf den Anwesen des Gouverneur ein, Cassandra?“, fragte er mich ruhig und schaute mich dabei an, während unsere Schritte leise durch das Gras raschelten. Zwar hatte ich am Abend nur ein einfaches, glattes Stoffkleid an, aber es machte das Laufen dennoch ein wenig schwieriger als gewohnt. Bevor ich antworten konnte, atmete ich leise einmal tief ein und aus, um mir Gedenkzeit zu verschaffen.
„Es ist definitiv nicht so aufregend, wie der Aufenthalt auf der Dauntless.“, lächelte ich zunächst.
„Aufregend?“, lachte er. „Dabei konntet Ihr doch nichts anderes tun, als an der Reling stehen und zwischen der Aussicht des Meeres um Euch herum oder die Mannschaft entscheiden. Das würde ich weniger aufregend, sondern eher monoton beschreiben.“ Ich überlegte einen Augenblick. Objektiv betrachtet hatte Norrington recht. Aber er sprach aus langjährige Erfahrungen, die wahrscheinlich seine Begeisterung in ihn abstumpfte.
„Vielleicht aus Euren Augen, Captain. Für mich war es das erste mal, nun, eigentlich mehr das zweite mal auf einem Schiff, wenn man meine unglückliche Jungernfahrt mit einbezieht. Für mich braucht es also nicht viel, um Erstaunen in mir hervorzubringen. Wie die Wassermassen sich teilen, wenn der hölzerne Bug sie durchpflügte oder die Sterne sich über den gesamten Himmel ziehen, beinahe so wie ein Gemälde, entstanden aus dem Pinsel des besten Künstlers. Es ist genug Aufregung für mich, wenn bei starkem Wind die Segel gehisst werden und das schlagen des Stoffes über das Deck hinweg knallt, während die Männer an den dicken Tauen ziehen, um sie zu bändigen.“ Ein leises und tiefes Lachen kam aus seiner Brust. Um uns herum eilten die Bediensteten durch den Garten, um die Fackeln und Laterne zu entzünden, die alle in einem peniblen gleichen Abstand zueinander an den Wegen entlang verliefen. Wenige Sekunden beobachteten wir das Spektakel und ich seufzte.
„Ihr habt eine sehr poetische Aussprache, Miss. Euch scheint die Lyrik zu liegen.“ Einen kurzen Moment folgten seine Augen einen der Bediensteten. Der kleine, dicke Mann stellte sich mir vor zwei Tagen mit den Namen Barton vor. „Aber Ihr habt meine Frage nicht beantwortet. Fühlt Ihr Euch hier wohl?“ Ich zog die Augenbrauen zusammen. Ja und nein. Ich war in Sicherheit, hatte ein Dach über den Kopf und war auf jegliche art und weise abgesichert. Aber ich fühlte mich nicht wohl, nein. Wie sollten es die Umstände auch erlauben? Ich wollte zu meiner richtigen Familie zurück. Dahin, wo ich mich Zuhause fühlte.
„Ja, doch.“, räusperte ich mich. „Es ist nur...“ Wie konnte ich es erklären, ohne den Gouverneur oder die Bemühungen des Captains zu schmähen?
„Unvertraut? Fremd?“, bat er mir seine Wortvorschläge an. Zumindest beschrieb es das Problem ansatzweise.
„Ja. Von der einen Familie losgerissen und in eine andere gegeben zu werden ist… grausam.“, flüsterte ich den letzten Teil. Hoffentlich wechselten wir so schnell wie möglich das Thema.
„Das verstehe ich.“, sprach er ehrlich und mit einer Ernsthaftigkeit, aus der man seine Autorität des Captains wieder erkannte. Und dann, ganz ohne jegliche Vorwarnung, wurde meine Stimme brüchig, meine Beine weich und eine Welle der Melancholie überwog mich, dass sich innerhalb von Sekunden Tränen über meine Wange stahlen. Mein Brustkorb fühlte sich an als würde jemand mit aller Kraft auf ihn drücken, mich zerquetschen. Mein Herz raste, pochte durch den gesamten Körper, sodass es in meinen Ohren beinahe vibrierte. Was ging gerade vor sich? So schnell wie möglich wischte ich sie unbemerkt wieder weg, versuchte meine immer schneller werdende Atmung unter Kontrolle zu bringen, aber es konnten den geschulten Blick des Mannes nicht entgehen. Sofort blieb er stehen und schaute mich verwundert an. „Entschuldigt, Miss Rigwell, ich wollte Euch keines Fall traurig stimmen. Vielleicht solltet Ihr wieder hinein und-“
„Nein… wartet“, flüsterte ich schluchzend und stütze mich an einer der Skulpturen ab, die andere Hand vor meinen Augen. Ich wollte nicht weinen. Ich dachte, das läge schon hinter mir und meiner Ratlosigkeit und Klärungsbedarf. Aber hier stand ich in der Dämmerung und hielt mich mit der einen Hand an einem kleinen, hässlichen, fetten Engel aus Marmor fest, um meine Gefühle wieder in Einklang zu bringen und erneut Kontrolle über meinen eigenen Körper zu erlangen, während der Captain neben mir stand und nicht recht darauf zu reagieren wusste. Mich kotze dieses Kleid an. Mich kotze dieser penibel angelegte Garten an. Mich kotze diese Zeitepoche an und diese verdammten Seemöwen im Hintergrund. Und auch dieser verdammte Babyengel mit diesem furchtbaren verzerrtem Gesicht neben mir, während innerlich Verzweiflung und Wut aufkamen. Ich wollte nach Hause. Wollte zurück in meine gewohnte Umgebung, zu den Menschen des 21. Jahrhunderts und meine Familie umarmen. Ich wollte wissen, was verdammt noch mal hier los war! Mit jeden weiteren Gedanken der sich so dreist in mein Hirn schlich, umso tiefer schlug es mich hinunter und um so weniger Kontrolle hatte ich über mich selbst, bis ich letztendlich auf den Boden saß wie eine deplatzierte Vogelscheuche und vor mich hinschniefte. Der laute, rasende Herzschlag klingelte in meinen Ohren, verursachte ein Schwindelgefühl. Der Druck auf den Brustkorb lies nicht nach und mein Gesicht wurde heiß. Kontrolle musste wieder her. Ich hörte Norringtons Knie knacken, als er sich neben mich hockte und seine warme Hand beunruhigt auf meine Schulter legte. Meine mittlerweile zitternden Hände krallten sich in das Gras neben mir, während ich sachte meinen Rücken gegen das kalte Marmor lehnte und bedacht ein- und ausatmete.
„Ich bin um Euch besorgt Cassandra. Ihr solltet wieder hinein gehen, euch hinlegen.“
„Bitte, lasst mich in diesen Zustand nicht den Gouverneur gegenüber treten.“, schluchzte ich, den Kopf nach vorne gebeugt, sodass meine langen, braunen Haare mein vermutlich immer noch rotes Gesicht verdeckten.
„Wie Ihr wünscht. Kommt mit. Hier, nehmt meine Hand, ich helfe Euch auf.“ Ich legte meine zitternde Hand in seine, während seine andere Hand sich um mich legte und langsam, bedacht auf jeder seiner Bewegung, zog er mich auf meine wackligen Beine. Mit einem leichten Zug an der Schultern führte er mich zu einer Bank, auf der er mich letztendlich absetzte.
„Danke.“, flüsterte ich. Geduldig stand er neben mir, seine Hände wieder hinter dem Rücken, Rücksichtsvoll genug, mich nicht zu bedrängen oder zu befragen und betrachtete das Schauspiel der Bediensteten, wie sie wie Schatten über die Wiesen glitten und ihr abendliches Ritual als Laternenanzünder vollzogen. Während einer Panikattacke war es wichtig, nicht zu hyperventilieren, weshalb bedachtes Atmen sehr wichtig war. Ich hörte auf den schnellen Rhythmus meines Herzens und meiner Atmung. Konzentriert versuchte ich, beides wieder auf eine normale Geschwindigkeit zu drosseln und achtete auf jeden Atemzug den ich tat. Das Klingeln in meinen Ohren klang langsam ab und der Druck auf der Brust lies nach. Mein Puls wurde langsamer, meine Atmung flacher und endlich rieb ich mir das Gesicht trocken, atmete ein und aus, band mir mein Haar locker zur Seite und schaute hoch, hinaus in den mittlerweile beleuchteten Garten. Nun, das war jetzt wirklich unangenehm und solch ein Gefühl möchte ich nie wieder spüren. Man fühlte sich seinen Körper so hilflos ausgeliefert und der Druck auf der Brust, vergleichbar mit einer Betonplatte. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie der Blick des Captains sich vorsichtig auf mich legten.
„Ich… es tut mir leid, Captain, dass Ihr mich so sehen musstet.“
„Bitte, entschuldigt euch nicht, als hättet ihr ein Verbrechen begangen. Ich mag zwar eure Gefühle nicht nachvollziehen können, aber ich verstehe wohl doch die Ernsthaftigkeit und eure Ängste. Schämt Euch dafür nicht.“
„Danke.“ Mit diesen Worten war das Thema zwischen uns erst einmal beendet und so unterhielten wir uns über die nichtigen Dinge, wie zum Beispiel Norringtion, nachdem ich von Bord gegangen war, wieder klar Schiff machte und wie die weiteren Pläne der Patrouillenfahrten für ihn aussahen. Oder wie der Alltag in Port Royal abzulaufen pflegte. Immerhin konnte ich mich dadurch ablenken. Nachdem er sich verabschiedete und versprach, den nächsten Besuch so schnell wie möglich anzusetzen, fühlte ich mich seltsam leer. Wie eine Hülle voller Emotionslosigkeit. Mit diesem Gefühl ging ich an diesen Abend ins Bett und schlief erst ein, nachdem die ersten Vögel den nächsten Tag ankündigten.
Nach diesen nervenaufreibenden Stunden viel mir der Alltag die nächsten Tage nicht unbedingt leichter. Besonders, wenn er aus lesen, singen und aus dem Fenster starren bestand. Doch der Captain hielt sein Versprechen und kam mindestens drei mal in der Woche Abends hinauf zum Anwesen, wenn es seine Pflichten erlaubten, um mit mir weitere geheime Ecken des Gartens zu erkunden und zu plaudern. Über Bücher, Geschichten, unseren Alltag oder manchmal auch über die Banalen Dinge, wie das Wetter. Elisabeth war Kontaktfreudig und ich merkte, wie sie schon seit dem ersten Tag an immer wieder Anläufe versuchte mich näher kennen zu lernen. Aber die erste Zeit wollte ich nicht mitspielen, sondern einfach nur meine Ruhe und Denkzeit. Es verging noch erst eine weitere Woche, bis sie mich so weit hatte und das erste Eis gebrochen war, das sie mit mir hinaus in die Stadt ging, um sie mir aus der Nähen zu zeigen und ich mir endlich mal „vernünftig die Füße vertreten konnte“. Ihr Charakter war erfrischend anders. Ich musste auf keine Höflichkeitsformeln achten und konnte die meiste Zeit meine Gedanken frei heraus sprechen, ohne sofort einen Skandal zu entfesseln. Sie stellte mir William Turner, den Mündel des Schmiedes, vor, der mit acht Jahren ebenfalls aus dem Wasser gefischt wurde, beide Eltern tot. William machte es mir leicht mich mit ihm zu unterhalten, aber ob es an seinem Charisma oder unserem ähnlichem Schicksal lag konnte ich nicht sagen. Anfangs konnte ich, wenn Elisabeth dabei war, ihre vorsichtigen Blicke spüren, wenn Will und ich gemeinsam über etwas lachten. Es war nicht schwer zu übersehen was die beiden voneinander hielten und wollten. Die Blicke die sie sich zuwarfen, die prickelnde Anspannung wenn sie miteinander sprachen. Es war offensichtlich. Und sobald sie erkannte, dass von mir keine Gefahr drohte, wurde auch sie entspannter. Nun kannte ich jemanden außerhalb des Anwesens und hatte zumindest eine Ausrede, wenn ich hinunter zur Stadt wollte. Woche um Woche verging, und umso leichter wurden die Unterhaltungen und Beziehungen. Mit beiden. Elisabeth wurde vielleicht nicht unbedingt meine Schwester, aber die Bindung zwischen uns beiden war tiefer, als eine einfache Freundschaft. Das gleiche mit Will.

Die Zeit verging nach dem ersten quälenden Monat überraschenderweise wie im Flug und aus einem Monat wurden Drei, die ich schon hier auf dem Anwesen verbrachte. Vor wenigen Tagen lief die Dauntless erneut aus, um die Patrouillen auf dem Atlantik wieder aufzunehmen und ihre Pflicht zu erfüllen. Am letzten Abend vor dem Aufbruch, an dem Norrington mit mir um das Anwesen herum an den Klippen entlang spazierte, erzählte er mir von der bevorstehenden Reise, und dass dieses mal etwas länger dauern könnte, wie die vorherige, bei der sie mich fanden. Sie würden einmal um Kuba herum, in Havanna ein Tag verbleiben und dann sofort wieder in Port Royal anlegen. Er rechnete mit etwa drei bis vier Wochen. Die Dauntless lief zwar die letzten Monate öfter schon mit Norringtion als ihr Captain hinaus aufs Meer, aber das war bisher jeweils immer weniger als eine Woche. Niedergeschlagenheit packte mich jedes mal aufs neue, wenn der Captain den Hafen verließ, um einen Auftrag zu erledigen. Jetzt waren es bis zu vier Wochen...
„Es wird sicherlich nicht mehr so abwechslungsreich sein, ohne Euch an Bord zu wissen, Miss.“, sprach er zu mir, während mein Arm in seinem verschränkt war.
„Und es werden auch sicherlich lange vier Wochen, ohne unsere abendlichen Spaziergänge, Captain.“ Kurze Stille. Der Wind strich leise an uns vorbei, über die Klippen hinweg und streichelten die Blätter der Bäume und Palmen über und unter uns am Fuße des Hügels. Das Zirpen der Grillen legte sich über die Gräser hinweg und ich hörte den Captain leise und ruhig atmen, während er hinaus zu den kleinen Lichtern der entfernten Stadt Kingston schaute. Wir standen eine lange Zeit einfach stumm nebeneinander, betrachteten die Dunkelheit, die langsam über die Stadt fiel und beobachteten die kleinen Lichter, die überall angezündet wurden. Das Gelächter aus den Tavernen Port Royals drang dumpf zu uns hinauf und somit auch die abendliche Kälte. So genossen wir einfach den Abend und die Anwesenheit des anderen. Der Captain seufzte einmal, zog seine bronzene Taschenuhr hervor und richtete danach seinen Blick nach oben in den Sternenhimmel, der langsam über uns erwachte.
„Es ist mittlerweile spät geworden.“ Das war das Stichwort, auf das ich beklemmend wartete.
„Nun, ich möchte Euch nicht aufhalten, Captain. Es ist nicht meine Absicht, an Eure Müdigkeit am Steuerrad der Dauntless schuld zu sein.“ Er lachte einmal kurz auf.
„Darf ich Euch zurück zum Anwesen begleiten?“, fragte er höflich und drehte seinen Kopf nun wieder in meine Richtung.
„Nicht nötig. Ich werde noch eine Weile hier bleiben und die frische Abendluft genießen.“ In Wahrheit wollte ich einfach nicht zurück in das beklemmende Zimmer, oder in die Bibliothek, in der es so still war, dass der eigene Herzschlag so laut erschien wie dicke Trommeln. Hier draußen fühlte ich mich wohler. Zudem musste ich mit den Gedanken klarkommen, das ich in vier Tagen mutterseelenallein in diesem Anwesen feststecken werde. Der Gouverneur musste Geschäftlich außer Stadt und wollte Elisabeth mitnehmen, um sie in seine Arbeit ein wenig einzuweihen und darin hatte ich mit meiner Nase nichts zu suchen. Natürlich kamen bei dieser Reise der Hausbutler und Elisabeths Magd mit. Bis auf die anderen drei Bediensteten musste ich mich also über drei Wochen lang alleine durchschlagen.
„Euch plagt etwas.“, schlussfolgerte Norrington. Eins musste ich ihn lassen, er besaß gute Menschenkenntniss. Oder ich war einfach zu durchschauen. Ich lächelte und schüttelte den Kopf.
„Macht Euch keine Sorgen. Ich möchte auch nicht dafür verantwortlich sein, das Ihr während der Fahrt euren Kopf über meine Probleme zermürbt und dadurch Eure Pflichten vernachlässigt.“
„Wie Ihr wünscht. Aber bitte, bleibt nicht so lange in der frischen Abendkälte. Man unterschätzt sie leicht.“
„Ich werde darauf achten, Captain.“, sprach ich amüsiert und darauf hin löste sich ebenfalls bei ihm erneut ein Lächeln.
„Nun denn, Miss. Gebt auf Euch acht. Auf ein baldiges Wiedersehen.“, er löste seinen Arm aus meinen und verbeugte sich vor mir. Soweit ich es noch richtig zusammensetzten konnte, was mir die alten Frauen über die Gesten der Höflichkeiten beizubringen versuchten, galt solch eine tiefe Verbeugung immer einer respektablen und gesellschaftlich ranghohen Person. Es war also etwas außergewöhnliches, oder? Schließlich war ich von keinem adligen Blut. Aber ich wusste, dass solch eine Geste zu erwidern galt. Also nahm ich mein Kleid wenige Zentimeter hoch und machte einen Knicks. Zumindest glaubte ich, dass dies die richtige Abschiedsformel war. Es gab so viele.... Hoffentlich blamierte ich mich dabei nicht.
„Ich hoffe für viel Wind in euren Segeln und Sicherheit auf den Passagen, Captain. Auf wiedersehen.“ Doch anstatt zu gehen, blieb er wenige Augenblicke mir gegenüber stehen. Die Flammen der Fackeln in unserer Nähe flackerten und ließen mich das Gesicht des Mannes genauer betrachten. Seine Kiefermuskeln waren angespannt, die Lippen lagen ruhig aufeinander, während sich der Schatten in ihnen verfing  und es mir schwer machten, diese Mimik zu deuten. Seine grünen Augen jedoch sprachen weitaus deutlicher, zeigten eine Spur von Verunsicherung und gleichzeitig Sehnsucht. Wie sich die Spitze seiner Augenbrauen fragend hochzogen, die Lider leicht zusammengekniffen, als würden zweifelhafte oder ihn quälende Gedanken in seinem Kopf herumschwirren. Ich konnte es in der Dunkelheit nicht genau deuten. Die Glitzernde Reflexionen der kleinen Laternen in seinen Augen verriet, dass sein Blick ebenfalls über mein Gesicht huschte, es betrachtete und versuchte, Schlüsse zu ziehen, zu analysieren, was just in diesen Moment in mir vorging. Norrington atmete einmal kurz und hörbar aus, nickte mir entgegen und sprach „Ich empfehle mich, Miss.“ und mit diesen Worten drehte er sich um, nahm seinen Rückweg auf. Ich schaute den Mann hinterher, wie er leise und schnell über die Wiese hinwegschritt, während langsam aber sicher seine Wärme aus meinem Arm verschwand und der kühle Wind sich seiner bemächtigte. Es machte mich traurig ihn gehen zu sehen mit der Gewissheit, die nächsten vier Wochen mit ihm keine Unterhaltung mehr zu führen, nicht zu wissen ob alles gut verlief auf seiner Reise.
Weshalb diese Sehnsucht und Verunsicherung in seinem Blick? War ich etwa der Grund dafür? Nein. Nein, wohl kaum. Mittlerweile verschwand die nur noch schattenhafte Figur des Captains hinter den letzten Busch, als  ich mich in die andere Richtung drehte und sah wieder hinaus über die Klippen, den Abhang hinunter.
Schon jetzt drang die Einsamkeit in mir hoch, dabei war ich noch keine Minute allein. Die Blätter im Hintergrund rauschten und die Fackeln hinter mir warfen verzogene Schatten über die Felsen. Sie rissen ihre Mäuler auf und schienen die Steine aus den Hügel heraus verschlingen zu wollen. Die letzten Vögel sangen ihre Lieder, verabschiedeten den Tag und begrüßten die Sterne und den aufsteigenden Mond. Ein weiterer Schatten bewegte sich. Der große Hut deutete auf den Captain hin. Aber da schien noch jemand neben ihm her zu laufen? Es war mittlerweile zu dunkel und die Schemen lagen mehrere Meter entfernt. Leise Stimmen schallten hinüber zu mir, konnte aber nicht verstehen was sie sprachen. So lies ich Schatten Schatten sein, wünschte dem Captain gedanklich noch einmal viel Glück und lief langsam im Garten, zwischen den hell leuchtenden Fackeln umher. Wie aus dem Nichts erschlug mich die Müdigkeit, legte sich auf meine Augen und drückte sich auf meine Augenlider. Vielleicht sollte ich mich einfach schlafen legen. Während dessen konnten mich wenigstens meine Gedanken nicht stören, wenn ich denn nach gefühlten Stunden endlich in den Schlaf fiel. Das weiche, breite Himmelbett mit der seidenweichen Decke und dem Meeresgeräuschen im Hintergrund. An die Möwen konnte man sich tatsächlich gewöhnen, auch, wenn es zu Anfang unmöglich schien, bei dem gekreische überhaupt Entspannung zu finden. Plötzlich tauchte jemand aus den Büschen auf, riss mich völlig aus den Gedanken und packte mich am Oberarm. Reflexartig kreischte ich auf und sprang zur Seite.
„Pscht! Vater schläft, du weckst ihn noch auf.“, zischte eine weibliche Stimme. Die Flammen leuchteten Elisabeth rot an und umrahmten ihr schmales, dünnes Gesicht, sodass sie eher wie eine zornige Rachegöttin aussah.
„Verdammt noch mal Elisabeth, weshalb musst du mich immer so erschrecken?“, zischte ich zurück. So schnell, wie die Müdigkeit aufkam, verschwand sie gerade wieder.
„Tut mir leid, aber du bist immer so schwer zu finden. Du treibst dich überall herum, nur nicht in deinem Zimmer.“
„Musst du gerade sagen.“
„Stimmt.“, lachte sie und zog mich durch die große Flügeltür, durch die Eingangshalle, die Treppen hinauf und endeten in ihrem Zimmer. Es war ein wenig größer als meines, an dem von Außen ein Balkon über den Garten hinweg hing.
„Schließe die Tür.“, flüsterte sie und kramte in ihrem Beistelltisch herum. Was wollte sie denn so spät noch von mir? Oft erzählte sie mir Piratengeschichten oder auch welche, die sie mal hier mal dort in der Stadt aufgeschnappt hatte. Viele davon waren endlose Übertreibungen, von denen ich aufgrund meines fortschrittlichen Wissens getrost von lassen konnte. Aber manche waren furchteinflößend. Diese Brutalität und Gnadenlosigkeit die in den meisten dieser Geschichten herrschte. Aber ich versuchte immer, das diese mich nie zu lange beschäftigten.
„Warum bist du eigentlich noch wach? Du fährst in zwei Tagen mit deinem Vater nach Kingston für die nächsten vier Wochen. Solltest du nicht packen oder dich ausruhen?“, fragte ich neugierig.
„Ich langweile mich.“, sprach sie und drehte sich um. „Im Gegensatz zu dir, Cass.“, schmunzelte sie wissend, sah mich wenige Sekunden an und machte sich wieder an dem vollgepackten Tischen zu schaffen. Ich war verwirrt.
„Weshalb grinst du so? Ich kenne dieses Grinsen.“ Mein Ton wurde höher und, ich konnte es mir selbst nicht erklären, ich wurde nervös.
„Ach nichts. Nichts.“ Ich konnte in ihrer Stimme noch immer ein breites Grinsen erkennen.
„Hier ist es! Ich sollte das Ding mal hier ein wenig entrümpeln. Komm, setzte dich aufs Bett, ich muss dir was wichtiges zeigen.“, insistierte sie und sprang auf die weiche Matratze. Jetzt war ich aber gespannt. Als ich neben ihr saß und ihre aufgeregte Körperwärme spürte, wurde ich allmählich neugierig. Ihre Hände waren zu einem Ball geformt und streckten sich mir entgegen.
„Na komm schon, spann mich nicht auf die Folter.“, jammerte ich, die Augen fest auf ihre Hände fokussiert. Sie öffneten sich. Eine Kette rasselte, als sie beim öffnen ihrer Hände halb hinunter glitt, aber der Anhänger lag geschützt in der Handfläche. Es sah aus wie eine antike Goldmünze. Verziert mit kantigen Reliefs am Rand entlang, die wie eine antike Schrift aussahen. Innerhalb eines zweiten Kreises um das Medaillon herum schienen alte Schriftzeichen zu sein. Wie die aus dem alten Ägypten. Und in der Mitte, umrahmt von all diesen Zeichen, prankte ein Totenschädel.
„Darf ich?“ Sie übergab mir den goldenen Anhänger. Er war schwer, an manchen Stellen von der Zeit schon abgestumpft, aber poliert. „Woher hast du den?“
„Hör mal zu.“, sprach sie und ich schaute sie an. „Ich zeige dir das nur, weil ich dir komplett vertraue. Und damit ich mal endlich mit jemanden darüber reden kann und eine zweite Meinung dazu bekomme. Aber zu erst musst du mir schwören, dich mit niemanden außer mit mir darüber zu unterhalten. Keiner darf es erfahren. Wenn das zum Träger durchdringt-“
„Du hast es gestohlen?!“, fragte ich entsetzt. Das Ding hatte wahrscheinlich einen großen Wert und wenn so was abhanden kommt…
„Was?! Nein.“ Kurze Pause. „Mehr oder weniger.“
„Was soll das heißen, Elisabeth? Hast du es gestohlen oder nicht?“
„Eher… ausgeliehen. Schau… Damals vor acht Jahren-“
„Warst du auf einer Überfahrt nach London, ich weiß.“
„Woher?“, fragte sie verdutzt.
„Der Captain.“, lächelte ich nur unschuldig zurück.
„Ah… der Captain.“, lächelte sie verschmitzt.
„Elisabeth...“, warnte ich sie nur.
„Jaja, entschuldige. Als sie Will an Bord holten, lag er ohnmächtig vor mir.“
„Du hast es von Will gestohlen?!“
„Hör mir doch einfach zu! Manchmal benimmst du dich wie eine große Schwester, die mich ständig bevormundet.“ Ich räusperte mich. Eigentlich hatte sie Recht. Schließlich war ich zwei Jahre älter als sie. Ich hielt den Mund. „Danke. Also. Er lag dort vor mir, die Kette um seinen Hals. Und zu meiner Verteidigung, ich war gerade erst zehn Jahre alt. Ich hatte Angst, er sei ein Pirat und würde verhaftet und aufgehängt werden. Also… hab ich es an mich genommen.“ Die Hände unschuldig in ihrem Schoß versteckt, starrte sie mich an, als würde sie auf eine Rüge warten. „Eigentlich hatte ich vor, es ihm wieder zurück zu geben, aber irgendwie...“ Erst zogen sich dezent meine Mundwinkel, dann wurde daraus ein verschmitztes Lächeln und letztendlich musste ich anfangen zu lachen. „Was ist so witzig daran?“, fragte sie, sichtlich verwirrt. Ich schnappte nach Luft und schaute sie mir Tränen in den Augen an.
„Elisabeth Swann, augenscheinlich die brave Tochter des Gouverneurs Port Royals und eine kleine Elster.“ Selbst sie musste bei den Worten lächeln.
„Naja, das wäre dann wohl meine Sünde.“ Mit einem letzten Blick strichen ihre Finger über das Goldstück, bevor sie es wieder sicher in ihrem Nachttisch verstaute. „Jetzt haben wir über meine Sünde gesprochen. Du bist sicherlich auch nicht gerade die heilige Maria. Was ist eine deiner Sünden?“, fragte sie neugierig. Mein Grinsen verschwand langsam aus meinem Gesicht. „Oha, das ist kein gutes Zeichen.“, lachte sie, hörte dann aber auf, als sie sah, das ich nicht mit einstimmte. Ich dachte an meine erfundene Lebensgeschichte, nach der ich eigentlich aus den nördlichen Kolonien stammte. Ich dachte an die Lüge, die ich dem Gouverneur und auch Elisabeth auftischte, damit ich hier in der Familie aufgenommen werden konnte. Ich dachte an dieses riesige Konstrukt von Lügen, welches ich mir in den letzten Monaten sorgsam zusammen bastelte. „Das sieht ernst aus.“, schlussfolgerte Elisabeth, die keine Schimmer hatte, wer eigentlich vor ihr saß. In der ersten Sekunde drang sich mir das Bedürfnis auf, es ihr einfach zu erzählen, den Vorhang fallen zu lassen und sie in das einweihen, was mich seit Monaten beschäftigt. Aber ist sie bereit dafür? Besteht wirklich nicht die Gefahr, das sie mich als verrückt abstempelt und es ihren Vater weiter erzählen würde? In Handumdrehen würde ich, statt in einem weichen Himmelbett, in irgend einer Zelle sitzen, in der sie Dinge anstellten, an denen ich lieber nicht denken würde. Nein. Sie war noch nicht so weit. Ich war noch nicht so weit. Aber jetzt, da sie meine Reaktion gesehen und auch einschätzte, musste ich ihr etwas auftischen. In was habe ich mich nur da verstrickt?
„Aber auch du musst mir versprechen, kein Wort nach außen davon zu verlieren.“ Ihre Augen funkelten vor Neugierde.
„Cass, du kennst mich zwar nur seit wenigen Monaten, aber du kennst mich gut genug. Jetzt erzähl schon.“ Ich atmete lange aus. Das könnte große Konsequenzen geben.
„Ich bin keine 18 Jahre alt, sondern 20. Eigentlich 21, vor wenigen Tagen hatte ich Geburtstag.“ Den deprimiertesten Geburtstag, in meinem bisherigem Leben. Entgegen meine Erwartungen lächelte sie mich an. Ich hatte mit Wut, Zorn oder sogar Enttäuschung gerechnet, aber statt dessen lächelte sie einfach.
„Das habe ich mir schon gedacht.“ Ich war völlig baff. Bitte was?
„Aber...“ Ich hatte mich immer so bemüht, nicht zu sehr aufzufallen, mich zurückzuziehen, sodass so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mir lastete. Meine Verwunderung schien sich wohl über mein Gesicht auszubreiten, denn als Elisabeth mich noch einmal ansah, prustete sie los vor Lachen.
„Ich mag zwar manchmal kindisch und überheblich erscheinen, aber ich bin nicht dumm, Cass.“, lachte sie weiter.
„Aber wie hast du davon gewusst?“ Ich führte weder Tagebuch, noch habe ich mit jemanden darüber geredet, bis auf dem Captain. Und er wäre der letzte, der mich verpfeifen würde.
„Nenne es weibliche Intuition. Aber größtenteils hat dich dein Verhalten verraten. Zurückhaltend, du hast meinen Vater und mich gemieden.“ Eine kurze Pause. Daraus hat sie es gezogen? Für mich war das nicht nachvollziehbar. „Aber allgemein passt dieses Gesamtbild nicht richtig. Du sagtest, du kommst aus einer Advokaten Familie und warst selber mit der Arbeit vertraut, hast deinen Vater geholfen. Du warst also Arbeit gewohnt, hattest Kontakt mit anderen Menschen, Klienten, in dessen Lage du dich versetzt und persönliche Angelegenheiten besprichst, dementsprechend bist du offen, selbstbewusst. Und dennoch ziehst du dich zurück, suchst keinen Kontakt und weißt mit dir selber nichts anzufangen, seitdem du hier bist. Jemand mit solch einer Erziehung hätte sich anders zurecht gefunden die letzten Wochen. Anders Kontakt gesucht. Spaziergänge im Park mal ausgeschlossen.“, zwinkerte sie. „All das, was du uns erzählt hattest über deine Vergangenheit… Das entspricht nicht der Wahrheit. Du bist jemand anderes, stimmt es?“ Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sie wusste es. Sie wusste es die ganze Zeit, das ich ihr und ihrem respektablen Vater nur etwas vorheuchelte. Wieder schien mein Gesichtsausdruck mich zu verraten. „Ich wusste es.“, flüsterte sie, kam mir näher, lehnte sich mit einem Arm auf mein Bein und schaute mich an. Als würde sie schlauer aus mir werden, umso näher sie mich betrachtete. Wie ein Gemälde, in dem man erst nach wenigen Minuten die Details wahrnahm, wenn die Nase beinahe die Leinwand berührt und die einzelnen Farbtupfen das große Gesamtbild darstellten. „Wer bist du Cassandra?“ Ich blieb stock steif. Ich konnte nur über die möglichen Konsequenzen nachdenken, die hier raus ziehen konnten. Würde der Gouverneur mich verstoßen? Mich in die Gosse schicken? Mich verhaften und im Kerker verschimmeln lassen? An den Galgen hängen? Die schlimmsten Szenarien schossen mir durch den Kopf und innerlich bereitete ich mich auf die Anklage vor, während ich die Entschuldigung schon einmal zurecht legte. „Hey, Cass? Bist du geistig noch anwesend? Gehts dir gut? Du bist ziemlich blass geworden. Mache dir keine Sorgen, diese ganze Sache wird nicht durch diese Wände dringen.“, sprach sie leise und lehnte sich wieder zurück. Ich konnte jetzt schlecht noch eine Lüge auftischen. Irgendwann würde ich selbst nicht mehr durchblicken können und das Vertrauen der Leute wäre dementsprechend ebenfalls futsch. Ich wäre aufgeschmissen. Mehr als das. Ich wäre dem Tod ausgeliefert. Ich seufzte. Was blieb mir noch anderes übrig, als die blanke Wahrheit erzählen? Dumme Gans. Hättest aber auch selbst auf den Gedanken kommen können, das dein Hintergrund nicht mit deinem Verhalten übereinstimmte, schollte ich mich selbst. Oder wenn ich jetzt gerade schneller reagiert hätte, anders. Es mit einem Lachen betont hätte oder einfach nicht so ernst und im Schock vor ihr gesessen.
„Du wirst mich für Verrückt halten.“, sprach ich. Es war schwer, die Sorge, oder war es Angst, in meiner Stimme zu überhören. Elisabeth ging sofort darauf ein.
„Nein, mache dir keine Sorgen. Ich verurteile dich nicht, noch werde ich über dich richten, du hast mein versprechen. Das tue ich meinen Familienmitgliedern nicht an.“, lächelte sie herzlich. Mein Adrenalinspiegel schien bei ihren Worten ein wenig zu sinken und so holte ich Luft, um mit meiner Geschichte anzufangen. Auch, wenn ich vor dem ersten Wort nicht einmal sicher war, wo genau ich anfangen sollte.
„Kurz bevor ich ins Meer hinunter gestoßen wurde, war ich auf einer Fähre von Frankreich zum Hafen nach Dover.“
„Kurz bevor?“ Elisabeth zog die Augenbraue hoch.
„Jetzt kommt der Part, an dem ich befürchte, du hältst mich für verrückt oder für eine Hexe. Ich fiel in die Nordsee und wenige Minuten später, zog mich die Crew der Dauntless aus den Atlantischen Ozean.“ Ich pausierte, beobachtete die Gesichtszüge der Frau mir gegenüber, wie sie ihre Augenbrauen fragend zusammen zog und wahrscheinlich an meinen Worten zweifelte. Zurecht. Denn würde mir das jemand erzählen, würde ich es auch nicht glauben. Aber der seltsame Teil kam ja erst noch.
„Das heißt also, du kommt wirklich nicht von den nördlichen Kolonien, sondern aus England?“
„So ist es. Aber da ist noch etwas.“ Ihr Blick entzog sich von der Decke ihres Bettes und richtete sich auf mich und dem, was ich nun irgendwie beichten musste. „Wie soll ich das bloß erklären?“
„Realitätsferner als eine Magische Reise zwischen den Ozeanen, kann es ja wohl nicht mehr sein.“, lächelte sie mich schräg an. Wenn sie wüsste.
„Das stimmt nicht so ganz. Realitätsferner ist eine Reise zwischen den Zeiten.“
„Wie meinst du das genau?“ Ich räusperte mich.
„Ich lebte ursprünglich in einer anderen Zeit. In einem anderen Jahrtausend. Über 300 Jahre später.“ Jetzt war es raus. Ich konnte keiner meiner Aussagen mehr zurücknehmen und es hing jetzt an Elisabeth, wie sie mit den Wissen umging. Mit wem sie es teilte. Sie starrte mich an. Kein blinzeln, keine zusammengezogenen Augenbrauen, nur das stille anstarren, als wartete sie darauf, das ich all das nun als ein Witz abtat. Das würde ich nur allzu gerne. Aber für mich war das die Realität.
„Du scherzt nicht.“, stellte sie fest.
„Ganz und gar nicht.“
„Erzähl mir von deiner Familie.“, bat sie mich, noch immer das Ausdruckslose Gesicht.
„Wenn du magst. Mein Vater arbeitet in einer Kartonfabrik, meine Mutter ist Krankenschwester im Krankenhaus und meine kleine Schwester, zwölf Jahre, geht noch zur Schule.“ Es war seltsam über sie zu sprechen, sie aber nicht sehen, geschweige denn, auf irgend eine Art und weise erreichen oder benachrichtigen zu können. Das Heimweh, welches ich mir immer gebot zu unterdrücken, seit ich hier an Land gegangen war, kam erneut in mir hoch. Viel stärker, als zu Anfang. Ich war hier einfach falsch, gehörte hier nicht hin, und dennoch kam ich einfach nicht von diesen Ort, von dieser Zeit weg. „Meine Mutter arbeitet immer viel zu viel, kommt spät nach Hause oder mehrere Tage am Stück nicht, weil sie so viele Schichten zugeteilt bekommt.“ Mein Blick wurde glasig. „Unser Vater kümmert sich immer um den Haushalt, um uns, um unsere alltäglichen Katastrophen in der Familie.“ Meine Wangen wurden feucht und mit dem Ärmel meines Kleides wischte ich sie wieder trocken.
„Was ist eine Kartonfabrik, Cass?“ Ich musste, trotz Tränen in den Augen, kurz Lachen. Entweder war sie bei weitem gefasster, als ich es erwartet hatte, oder sie versuchte mich irgendwie wieder zu beruhigen, in dem sie so tat, als würde sie der Geschichte 100% glauben. Vielleicht machte sie sich damit aber auch nur über mich lustig?
„Ich erzähle dir, das ich eine Zeitreisende bin, ich binnen von Minuten oder Sekunden von den einem zum anderen Ort teleportiert bin und du fragst mich, was eine Kartonfabrik ist.“ Egal was es war, es war besser, als wäre sie aus dem Zimmer gestürmt und die ganze Stadt würde mich auf dem Scheiterhaufen brennen sehen wollen. „Kartons sind so etwas ähnliches wie Kisten, nur aus einem weicheren Material, sodass man sie einfach Falten kann, damit sie weniger Platz wegnehmen. Deshalb sind sie billiger, einfacher zu transportieren.“
„Mhm.“, summte sie und nickte den Kopf. Einige Augenblicke herrschte stille, bis auf mein leises Schniefen. Dann lächelte sie und schaute mich an. Dass erste mal nach Minuten hatte sie einen Ausdruck im Gesicht. „Wusste ich es doch, das bei dir etwas anders war.“ Dann nahm sie mich in die Arme und erzählte mir, das sie meiner Geschichte glaubte, aber noch mehr hören wollte von der ihr unbekannten Zukunft. Ohne los zu lassen entschuldigte sie sich leise um den Verlust meiner Familie. Aber falls es mich glücklich machen würde, hat sie eine Schwester in mir gefunden und sie würde dafür sorgen, das ihr Vater und sie mir eine gute Familie sein würden. Ich war vollkommen erschlagen von ihrer Gutmütigkeit und dem Vertrauen, welches sie in mich setzte. Sie nahm die Geschichte hin, ohne meinen geistigen Zustand zu hinterfragen oder gar anzuzweifeln.
Entweder war sie dumm, naiv oder reifer als ich ihr zugetraut hatte. Doch dieses Gefühl in meinem Inneren, das Gefühl es endlich mit jemanden zu teilen, eine zweite Meinung von meinen Geschehnissen einzuholen, ohne dass mir mit einer Heugabel hinterher gerannt wird, war wundervoll. Erleichternd. Der riesige Stein viel von meinem Herzen ohne mir selbst auf den Füßen zu landen. Die gesamte Nacht saßen wir beide auf ihrem Bett. Ich erzählte ihr vom allem, was in der Welt die nächsten Jahrhunderte noch passieren würde. Alles, was ich erzählte nahm sie besser auf, als ich je hätte denken können. In dieser Nacht wuchs ein Vertrauen zwischen uns, was man wohl im Volksmund als Seelenverwandte bezeichnen würde. Und ich war froh darüber sie zu haben.
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