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Die Augen des Ozeans

von Amatani
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12
Elizabeth Swann James Norrington Lord Cutler Beckett OC (Own Character) Will Turner
27.09.2018
30.06.2020
8
41.714
16
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30.10.2018 2.060
 
Die dritte Woche auf der Dauntless war angebrochen und Captain Norrington informierte mich, dass wir, trotz des Dauerregens, schon in zwei Tagen Port Royal erreichten. Es würde wohl an meinem Charme liegen, denn der Wind nahm seit meiner Ankunft an Bord stetig an Geschwindigkeit zu, bis teilweise zwölf Knoten. Mittlerweile kannte ich mich in wenigen Bereichen der Schiffsfahrt und ihrer Bezeichnungen aus. Dafür sorgten die Mannschaft der Dauntless, die mir viel von ihrem Wissen gemeinschaftlich teilten und gerne meine Fragen beantworteten.
So wusste ich nun die Unterschiede der Bauweise und Funktionen einer Galeone, Bombarde, Schoner oder Kraier,  konnte die Windgeschwindigkeit messen und auch endlich Backbord von Steuerbord unterscheiden. Und wenn ich am Essenstisch noch mehr Fragen stellte, beantwortete der Captain sie mir mit Geduld und Freude.
Aber die letzten Tage bereiteten mir Magenschmerzen. Zum einen, weil ich mich kaum auf Deck bewegen konnte, ohne innerhalb von wenigen Sekunden bis auf die Knochen durchnässt zu werden und zum anderen war da die nagende Angst in meinem Kopf, die mir ein beunruhigendes Kribbeln durch meinen ganzen Körper schickte. Also war ich seit drei Tagen mehr damit beschäftigt, auf dem Fensterbrett in der Kapitänskabine zu sitzen, das dunkle und platschende Meer zu beobachten und über mein Schicksal zu grübeln, während über mir an Deck die Sintflut einbrach. Das war die Zeit, in der ich mich Abends in den Schlaf weinte, denn ich vermisste meine gewohnte Umgebung, die Menschen und meine Familie. Sie waren einfach weg und, obwohl ich in guter und angenehmer Gesellschaft war, fühlte ich mich einsam und verlassen in einer wildfremden Welt. Einer Welt, in der ich meinen zukünftigen Platz nur erraten konnte und das nur mit reinstem Grauen in meinem Hinterkopf. Ich vertraute Captain Norrington und seinem Wort, er würde mich nach Ankunft in Port Royal in Sicherheit bringen und helfen, in der neuen Stadt zurechtzukommen. Aber was, wenn es nicht klappte? Wenn ich als ein Bettler auf der Straße landete und ich für mein Lebensnotwendiges Brot am Abend stehlen oder anders Geld anschaffen musste? Keine vernünftige Kleidung, Krankheiten, kein Dach über dem Kopf. Eine ängstliche Träne stahl sich wieder die Wange hinunter, wie ich dort an dem kalten Glasscheiben saß und auf die Wellen schaute, die sich gegenseitig mit pechschwarzen Mündern verschlangen. Norrington wird mich wohl kaum in sein Haushalt aufnehmen und sich um mich kümmern.
Vielleicht verkaufte er mich an irgend einen widerwärtigen, reichen Schnösel? Ich schlug mich innerliche für diesen Gedanken, den Captain so etwas zumuten zu können. Er war hinter seiner Rolle als Kapitän der Royal Navy ein barmherziger und gütiger Mann und etwas anderes konnte man keines Falls behaupten. Aber diese Nervosität fraß mich völlig auf. Wie Ratten, die an den Innereien nagten bis nur noch die blanke Panik übrig blieb. Mit jeder weiteren Seemeile, die wir hinter uns ließen, wurde mein Geist immer unruhiger. Selbst das Abendessen mit Norrington konnte nicht mehr vollständig davon ablenken. Am letzten Abend vor der Ankunft schien er Notiz davon genommen zu haben, stoppte mit der Gabel auf dem Weg zu seinem Mund und schaute mich fragend an.
„Cassandra… Ich bin nicht umhin gekommen zu merken, dass ihr seit Tagen nun schon eine Nervosität ausstrahlt, die mir absolut nicht mehr gesund erscheint. Was genau plagt euch so?“ Er legte sein Besteck zur Seite und hielt seinen Blick auf mir. Ich senkte den Kopf und seufzte.
„Heimweh.“, antwortete ich knapp und lächelte verzerrt. Einen Augenblick Stille. Man hörte den lauten Regen gegen das Holz prasseln und die Wellen konnte man unter den Füßen fühlen, wie sie gegen den Bug schlugen und das Schiff leicht hin und her warfen.
„Das ist aber nicht eure einzige Sorge wie es scheint.“, stocherte er weiter und legte den Kopf schief, damit er mir, trotz meines gesenkten Kopfes, in die Augen schauen konnte. Und so saß er da, wartete ohne jegliche Eile oder Anzeichen auf Ungeduld auf meine Antwort. Wie sollte man seine Sorgen, über die man mehrere Tage lang grübelte, in einem Satz zusammenfassen? Und in meinem Fall war meine erfundene Lebensgeschichte wie ein Minenfeld. Wo sollte ich anfangen?  Und wie weit sollte ich Norrington in meine Gedanken einweihen? Ich seufzte noch einmal und hob dann endlich wieder den Kopf und schaute dann in das giftgrüne Augenpaar auf der anderen Seite des kurzen Tisches.
„Ich fühle mich so verloren und…“ Wie erklärt man seine Gefühle, ohne den Zusammenhang und das Hintergrundwissen meiner Zeitreisesituation zu erläutern? Ich stöhnte schon beinahe gereizt und die dunkle Stimme des Mannes drang zu mir.
„Ihr müsst nicht-“
„Nein, das ist es nicht.“, unterbrach ich ihn. „Ich ringe nur nach den passenden Worten.“ Er lehnte sich in den Stuhl und faltete nachsichtig seine Hände zusammen, beachtete den vollen Teller vor seiner Nase nicht mehr, sondern schaute mich konzentriert an. „Ich habe Angst.“, kam es endlich aus mir hinaus. „Angst, was aus mir nun wird. Das alles ist so ungewiss und ich mag es nicht, im dunklen zu tappen. Das bereitet mir unglaubliches Unbehagen.“ Ich holte einmal Luft und schaute durch verschwommenen Augen meinen Gegenüber an. „Als ich von diesem Schiff runter gestoßen wurde, habe ich etwas hinter mich gelassen. Und ich rede nicht von etwas materiellem oder gegenständlichem...“ Wütend darüber, das sich Tränen über meine Wange schlichen, während Norrington mich dabei beobachtete, und eigentlich über die ganze Situation in der ich seit einem Monat stecke, machte mich irgendwie wütend. „Ich habe ein Stück meiner Identität verloren. Meiner Heimat. Das, was ich letztendlich bin. Ich habe es verloren und nun bin ich auf meine weitere Zukunft so unvorbereitet wie ein dummes Kücken.“ Das waren die Worte, die alles am nächsten beschreiben konnten und ich hoffte, prinzipiell verstand er, was ich damit ausdrücken wollte. Peinlich berührt darüber, mich ihm so geöffnet zu haben, wischte ich mit dem rauen Ärmel die salzigen Tränen von meiner Wange und unter den Augen weg. „Entschuldigt bitte Captain, für diese Gefühlsduselei. Euer Abendessen wird noch kalt.“, schniefte ich und runzelte, noch immer wütend über mich selbst, meine Augenbrauen.
„Miss Rigwell. Cassandra.“ Er lehnte sich wieder nach vorne, schob seinen Teller beiseite und legte seine gefalteten Hände auf der Tischplatte ab. „Ich hätte nicht nachgefragt, wenn mir keine Interesse an euer Wohlbefinden läge. Aber ich Sorge mich sehr wohl darum. Also entschuldigt euch nicht für etwas, worum ich euch gebeten habe. Hier. Nehmt.“ Seine Hand verschwand in seiner Innentasche und fischte ein weißes Tuch heraus, was er mir über den Tisch hinweg hinhielt. „Trocknet eure Wangen damit. Traurigkeit steht euch nicht.“, lächelte er schwach und ich nahm das Taschentuch an, tupfte damit über meine Haut. „Behaltet es ruhig. Wie es scheint, habt ihr es momentan nötiger als ich.“ Mit einem dankbarem Nicken knetete ich es in meinen nervösen Händen.
„Cassandra, ich habe euch vor einem Monat ein Versprechen gegeben. Könnt ihr euch noch daran erinnern?“ Ich nickte erneut. „Ich habe nicht vor dieses zu brechen. Ihr werdet weder auf der Straße, noch in ein Heim leben, dafür werde ich höchstpersönlich sorgen. Ich werde es zu einem persönlichen Ziel machen, das um euch gesorgt wird. Das sagte ich und ein Mann steht zu seinem Wort.“ Ich wollte ihn fragen, wie er sich das vorstellte. Was genau er denn bitte vorhatte, wenn er mich nicht als Dienstmädchen in eines der Adligenhäuser stecken wollte. Aber ich hatte die Befürchtung, das es zu fordernd und verletzend erscheinen könnte. Dennoch wollte ich schon gerne wissen, wie meine weiteren Optionen aussahen und auf was ich mich vorbereiten musste. „Ich kann euch vielleicht nicht dabei behilflich sein, euch selbst zu finden und zu vervollständigen, denn das obliegt ganz in euren Händen, Cassandra. So gerne ich euch bei der Suche auch unterstützen wollen würde, das liegt nicht in meiner Macht. Aber ich kann auch die Möglichkeiten bieten, ein angebrachtes Dach über den Kopf, Sicherheit und den Anfang eines neuen Lebens zu schenken, in dem ihr hinein wachst und neu orientieren könnt. Ihr werdet ein angemessenes Leben führen, eure eigene Familie Gründen und eine neue Heimat aufbauen können. Wenige haben dieses Privileg, aber ich gab euch mein Wort dazu, also werde ich es einhalten.“ Ich war berührt für seine Fürsorglichkeit, aber meine Frage war damit noch nicht beantwortet.
„Wie wollt ihr das zustande bringen?“ Er räusperte sich. Das war nie ein gutes Zeichen, wenn er sich vor seinem Satz räusperte.
„Vor etwa 8 Jahren, bei einer Überfahrt nach England, kreuzten wir ein zerstörtes und brennendes Handelsschiff. Piraten hatte es überfallen und geplündert, töteten jeden einzelnen Passagier. Bis auf einen Jungen, den wir, wie euch, aus dem Wasser holten. Gouverneur Swann kümmerte sich die ersten Wochen um ihn und übergab ihn dann in die Obhut des Schmiedemeisters. Er nahm dort seine Ausbildung auf, erlernte die Schmiedekunst und lebte fortan bei seinem Meister. Aus ihn ist ein talentierter, junger Mann geworden, der mittlerweile das Metall feiner bearbeiten kann, als sein eigener Meister.“ Ich werde also als Dienstmädchen enden, war mein Gedanke. Vielleicht bei diesen Gouverneur Swann. Er schien zwar eine beherzte Seele zu sein, aber bei der Vorstellung, jemand gepuderten mit einer Perücke auf dem Kopf seinen Tee zu kochen und die Bettpfanne zu entleeren kam große Abneigung in mir hoch. Aber es war besser als auf der Straße und von der Hand in den Mund zu leben.
„Ich danke euch für eure Mühen, Captain Norrington. Es tut mir leid, ich wollte nicht undankbar klingen.“, gestand ich und schaute direkt in seine Augen, die bei meinen Worten anfingen zu leuchten.
„Miss, macht euch keine Sorgen. Ihr werdet in gute Hände kommen.“ Und so fingen wir wieder zu Essen an. Meine Magenkrämpfe waren noch immer nicht verschwunden und die Angst lies sich nicht aus meinem Kopf vertreiben, aber ein wenig Ruhiger konnte ich nun doch atmen.
Als am nächsten Morgen, die Sonne schien das erste mal seit Tagen hell über unsere Köpfe hinweg, das Krähennest Port Royal vor uns bestätigte, wurde ich noch angespannter, als bei der Ankunft in St. Lucia. Meine Gedärme zogen sich zusammen, mein Atem ging hektisch und im Hintergrund kreischten schon Möwen, die mit ihrem Geschrei die Insel vor uns ankündigten.
Um mich herum liefen die Männer hin und her, riefen sich gegenseitig Befehle zu. Schon interessant, das es augenscheinlich nach Chaos aussehen könnte. Wie sie alle durcheinander über das Deck liefen, sich gegenseitig anschrien. Dabei war alles koordiniert, jeder Handgriff, jeder Ruck am Seil, alles war organisiert und zeitlich aufeinander abgestimmt. Auf einmal wurde mir schwindelig und meine Ängste schienen über mich herzufallen. Mein Puls stieg und in meinem Kopf schien ein Wirbelsturm hindurch zuziehen. Bevor ich jemandem im Weg stand oder ich gar über die Reling fiel, setzte ich mich auf die trockene, überdachte Stelle vor der Tür der Kapitänskabine.
Was wird nun die nächsten Stunden passieren? Welch einen Dominoeffekt wird mich mitreißen, sobald ich meinen Fuß auf den Anlegesteg von Port Royal setzte? Ich versuchte mich abzulenken, in dem ich den Männern, die ich mittlerweile alle bei Namen kannte, bei ihrer Arbeit und Vorbereitung beobachtete. Mitchel und Wilsons zogen jeweils auf beiden Seiten die Segel des Achtermast zusammen, damit die Fahrt und Lenkung des Schiffes präziser hangehabt werden konnte.
Carter kletterte den Großmast hinauf, um die Segel einzuholen, während alle anderen sich anders nützlich machen konnten.
„Geht es ihnen gut, Miss Rigwell?“, drang die mir bekannte Stimme ins Ohr und ich schaute zur Seite hinauf in das Gesicht des Captains.
„Oh...“, kam nur aus meinem Mund und stellte mich schnell auf. Vielleicht ein wenig zu schnell, denn mein Kopf machte es mir schwer, gerade auf meine Füße zu kommen und ich musste mich an der Holztür hinter mir abstützen. Ich sah, wie seine Hände mir entgegen kamen und sich vorsichtig, aber schnell hinter meinen Rücken legten.
„Danke, mir ist nur etwas schwindelig.“ Sobald ich wieder festen Stand hatte, entzog er sich mir und seine Wärme, die Hände wieder hinter seinem eigenen Rücken, während ich mir den Dreck auf meiner ausgeliehenen Hose abputzte. „Die Nervosität ist ein wenig über meinem Kopf gewachsen. Es ist auf keinen Fall so, das ich euch nicht vertraue Captain, versteht mich nicht falsch. Ich mag es nur nicht, wenn ich keine Kontrolle habe und sie mir völlig entgleitet.“, sprach ich ehrlich.
„Ganz und gar verständlich, Miss.“ Sein Kopf drehte sich in die Richtung seiner immer näher kommenden Heimat. Auf seinem Gesicht schien sich Erleichterung auszubreiten. „Ich garantiere für eure Sicherheit.“
„Ich weiß.“, lächelte ich ich ihn entgegen und lehnte mich mit meinem Rücken gegen die Holztüre.
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