Die Augen des Ozeans

von Amatani
GeschichteAbenteuer, Romanze / P12
Elizabeth Swann James Norrington Lord Cutler Beckett OC (Own Character) Will Turner
27.09.2018
30.06.2020
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27.09.2018 6.212
 
Ich hatte nie eine wirkliche Affinität zum Ozean und bekam ihn auch nur selten zu Gesicht. Anders als in meiner Kindheit. Aber ich hätte dem Meer mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte ich gewusst, dass die Massen von Blau und Grau mir in meinem Erwachsenen Leben nachjagen würden. Als Kind war ich manchmal mit meiner Familie am Strand. Ich mochte es einfach hinaus auf das Meer zu starren. Hinaus in die Weite, das unbekannte. Zu sehen, wie die aufeinander abgestimmte Uhr der Wellen hinaus kamen, um die Flut anzukündigen oder sie sich wieder zurückzogen um den Boden der Tiefen frei zu geben. Alles in einem abgestimmten Rhythmus. Aber geschwommen bin ich in dem kaltem Nass noch nie, sondern saß nur dort im Sand, am Rand der Wellen, starrte sie an, während ich gewöhnlich Sandburgen baute, mir meine Haare wie die von Meerjungfrauen flochte oder las.
Nein, ich war nie im kalten Nass. Und jetzt war ich davon umgeben, schaukelte und wog mich, wie eine Mutter ihr Kind in der Wiege.
Nebel und kalter Wind zerrten an meiner blassen Haut, als ich mich über die Reling der Fähre lehnte. Die Bucht war wahrlich ein magischer Ort, in dem der Nebel wellenartig über die Klippen hinweghuschte und zwischen den Bäumen und Häusern hindurch rollte. Ein besonders wundervoller Anblick ist es, wenn die Sonnenstrahlen durch den Morgennebel sich wie feine Arme über den Bergen ausstreckten und es in Kombination mit den Bäumen ein interessantes Schattenspiel ergab.
Das einzige, was ich an diesen Ort hasste war, das ich jedes mal diese Fähre nehmen musste, um in die Stadt und somit zu der anderen Hälfte der Verwandten zu kommen, was sich wie eine Ewigkeit anfühlte.
Die Fähre war auch alles andere als ein angenehmer Anblick. Schon beinahe ekelerregend. Rauch und Gas ätzen sich in meine Nase, setzten sich in meine Haare und Kleidung fest, das Metall unter meinen Schuhen war glitschig und außerordentlich versifft durch die konstante Feuchtigkeit. Die Menschen hier auf der Fähre waren genervt, denn keiner wusste sich zu beschäftigen, während man zusammen auf diesen dreckigen Boot fest saß.
Alles was ich tun konnte war auf das Wasser zu starren, wie es mit Eintönigkeit gegen die Seite des Bugs schlug um dann augenblicklich wieder zur Seite gedrückt zu werden.
Ein kalter Windstoß verursachtet eine Gänsehaut über meinen ganzen Körper und um das bisschen Wärme bei mir zu halten, rückte ich meinen Schal und Jacke gerade und enger. Ich fischte meine Geldbörse aus der Jackentasche und durchsuchte sie nach irgendein Anzeichen auf Geld, damit ich mir was zu essen kaufen konnte, um wenigstens meinen Magen zu befriedigen und prompt fielen mir mehrerer meiner Karten auf den metallenen Boden. Super, bei meinem Glück fiel mir gleich noch etwas über die Reling. Mit steifen und kalten Fingern hob ich alles wieder auf und sortierte sie zurück an ihre Plätze. Dabei blieb ich bei meinem Führerschein hängen, der seit kurzen erst die Ehre besaß, in meiner Tasche zu stecken.
Mein Augenpaar, ähnlich wie das blau, graue Wasser über dem der heutige Nebelschleier hing, schauten mich an. Für das Foto sollte ich mir mein Haar damals zurückstecken, aber eine Strähne meines dreckigen köterblond stahl sich in der Sekunde, in der das Foto geschossen wurde, zurück in mein Gesicht, neben meinen sommersprossigen Wangen.
Ein verstecktes Lächeln zeigte sich auf meinen schmalen Lippen, und ärgerte damit den Fotografen, denn seine Nerven wurden von einer Schulklasse von 28 Kindern unglaublich auf die Probe gestellt. Neben dem kleinen Kasten, in dem das Foto abgedruckt war, stand mein Name: Cassandra Rigwell.
Die Jacke enger gefasst lehnte ich mich wieder gegen die Reling und versuchte um die Ecke der Fähre herum zu spähen, als schwere Schritte hinter mir zu hören waren. Es waren viele Menschen hier auf der Fähre, also weckte es nicht meine Interesse und löste mich nicht von der kalten Metallstange um mich umzuschauen. Doch als ich hörte, das die Schritte genau hinter mir endeten, prickelte meine Haut als wüsste ich, das etwas falsch war. Also drehte ich mich angespannt um, aber bevor ich mich ganz umdrehen konnte um zu sehen ob Gefahr drohte, drückte sich ein Händepaar gegen meinen Rücken und schubsten mich über die Reling.
Ich wollte meinen Mund öffnen und um Hilfe schreien, anstatt aber ein Ton hinaus kam, füllte er sich mit eiskaltem Wasser und meine Haut fühlte sich an, als würden tausend Nadeln auf mich gleichzeitig einstechen. Der Schock machte mich stocksteif und die Wassermassen, die von der Fähre zur Seite gedrängt wurden, fielen über mich hinweg, drückten mich hinunter, während mein dicker Wollschal und die Jacke ebenfalls nach unten zogen. Ich konnte Oben von unten nicht unterscheiden, während meine Lungen brannten und nach Sauerstoff schrien. Meine Haut fühlte sich komprimiert an, als würde sie sich ohne jegliches Fleisch um meine Knochen wickeln. Als mein Kopf die Wasseroberfläche durchstieß, füllten sich meine brennenden Lungen und der kalte Wind zog über meinen Kopf hinweg, bevor die nächste Welle mich wieder hinunter drückte. Immer und immer wieder umschloss mich das kalte Wasser. Jegliches Zeitgefühl war verloren und meine Panik versperrte mir jeglichen Orientierungssinn. Voller kribbelnder Panik zerrte ich unter der kalten Wasseroberfläche an dem dicken, wolligen Schal, um das herunterziehende Gewicht loszuwerden und meine Arme ruderten umher, auf der Suche nach der Richtung.
Etwas packte meinen Oberarm und zog mich harsch aus dem eiskaltem Wasser. Meine Arme und Beine hingen schlapp in der Luft und konnten nach gefühlten Stunden, wie der Rest meines Körpers, eine Sekunde lang erschlaffen. Die Gedanken waren vernebelt und mein gesamter Körper brannte, schrie nach Sauerstoff. Ich spürte mehrere Hände, wie sie mich zogen und seitlich auf den Boden ablegten. Sofort begann der Husten, um das salzige Meerwasser aus den Lungen zu schaffen und statt dessen den Lebensnotwendigen Sauerstoff einzuatmen. Blinzelnd öffneten sich meine Augen und schauten mich um. Ich befand mich noch auf einem Schiff, aber nicht mehr länger auf der Fähre. Statt den Metallplatten, auf denen ich zuletzt stand, fühlte ich Holz unter meinen Händen und allgemein sah das Schiff auf dem ich nun saß alt aus. Als wäre es direkt aus „Master and Commander“. Nur leider schaute kein Paul Bettany auf mich hinab, sondern seine Crew aus dem selben Film, aber mehr… Militärisch gehalten, Revolutionärer Touch, Georgischer Britischer Stil. Selbst die Perücken für die höheren Offiziere. Ich setzte mich auf, soweit meine zittrigen Beine mich tragen konnten und mein von Adrenalin und Sauerstoffnagel geschwächter Körper. Sobald ich mich auf meine Knie setzte, denn weiter trugen meine Beine mich nicht, grüßten mich ein Paar grüne Augen, einer blauen Uniform und einer weißen Perücke, auf der ein großer dreieckiger Hut geschmückt saß.
Der Mann kniete direkt neben mir, sein Blick besorgt und verwirrt wie ich es war, wenn nicht sogar schlimmer.
„Miss,“, sprach er mit einem vornehmen Akzent. „seid ihr wohlauf?“ Einer seiner Hände öffnete sich mit der Handfläche nach oben in meiner Richtung um mir zu signalisieren, das er mir nicht schade wollte.
„Das kann ich selbst noch nicht wirklich beantworten.“, antwortete ich mit einer schwachen und kratzigen Stimme, gereizt von dem salzigen Wasser, welches sich über meine Lungen hergemacht hatte und dem Adrenalinschub von der beinahe Nahtoderfahrung. Mit einem weiteren Husten kam noch mehr Wasser aus meiner Lunge und mit noch immer zittrigen Beinen versuchte ich mich weiter aufzusetzen. Vielleicht bin ich ja doch Tot? Das musste die Erklärung sein. Solche alten Holzschiffe existierten nicht mehr in der Bucht, davon mal abgesehen, das kein weiteres Schiff in der Nähe war als ich gefallen bin. Oder eher hinuntergestoßen wurde.
Also konnte ich nur tot sein oder in einem Koma liegen und mein Hirn, oder das Leben nach dem Tod, gaukelte mir hier gerade das 18te Jahrhundert vor. Um ehrlich mit mir selbst zu sein war Tod oder ein Koma eine bessere Option als um die 1800er herum zu Leben. Als Frau.
„Könnt ihr mir euren Namen sagen?“, fragte der Mann und legte seine Hand auf meinen Rücken, um mir beim aufstehen Stabilität zu geben. Mein Blick wanderten hektisch und verwirrt umher, über den Rest der Anwesenden, alle gekleidet in historisch authentischen Uniformen. Nicht eine einzige Person war normal gekleidet. Also konnte ich die Möglichkeit direkt wieder streichen, das es sich hier um eine Filmcrew handelte. Letztendlich blieb mein Augenpaar an dem fremden Mann mir gegenüber hängen.
„Cassandra Rigwell. Wer sind sie?“
Die Männer schauten mich mit einen Blick gefüllt mit Neugierde und Schrecken an.
Und Lust. Genau solch eine Lust die aufkommt, wenn ein Haufen Männern Monate lang, ohne ein weibliches Wesen in Sicht, auf einem Schiff im Meer hockt und nun nach solch einer langen Zeit eine Frau vor ihnen steht, die Schultern freizügig, während die nasse Kleidung noch mehr Kurven entblößte. Meinen Schal, den ich im Akt der puren Panik unter Wasser zurückgelassen hatte, verdeckte nicht länger mein Hals und Brust, also zog ich die nasse Jacke wieder zurecht, über meine Schultern und meinen Ausschnitt, um das weiße, durchnässte Shirt und somit meinen sichtbaren BH zu verstecken.
„Ich bin Captain James Noringten der HMS Dauntless, die sich auf zu ihrem Heimathafen nach Port Royal begibt.“, sprach der Mann mit einer tiefen Stimme neben mir und kam näher. Seine Augen untersuchten mich, aber nicht auf die Art und Weise wie der Rest der Crew. Er suchte nach Verletzungen, von Kopf bis Fuß. Dabei blieb sein Blick nie länger als zwei Sekunden an der gleichen Stelle. Anscheinend wusste der Mann, welche Signale es einer verängstigen Frau in solch einer Situation vermitteln würde.
Ich schaute zurück in seine Augen und sie zeigten Besorgnis, aber die Neugierde war noch immer nicht verschwunden.
Er schien ehrenwert genug, seine eigene Gedanken und Neugierde beiseite zu schieben um sich nur ganz der seltsamen Frau aus dem Meer hinzugeben und es ihr so angenehm wie möglich zu machen, um diese bizarre und unerwarteten Umstände so gut wie möglich zu überstehen.
Mein Haar tropfte und der kalte Wind stach am ganzen Körper, der noch immer nass war bis auf die Knochen. Doch was genauso schlimm war wie dieses Gefühl auf der Haut, war der Schock und die Angst in meinem Hinterkopf von dem was hier geschah und was er gerade gesagt hatte.
„Port Royal?“, fragte meine kratzige Stimme und ich versuchte nicht mit den Zähne zu klappern „Also in Jamaika?“
„Exakt. Wir sind noch etwa einen Monat von dort entfernt.“, antwortete er sachlich.
„Das ist nicht möglich. I- Ich war an Deck und- und ich war-“
„Miss Rigwell, ihr müsst noch immer in Schock sein von was immer ihr auch für eine Tortur durchlebt habt und die Kälte des Atlantik. Die Karibik kann furchtbar unangenehm werden, vor allem jetzt in den kalten Monaten.“, sagte er sanft und bot mir seine Hand an. Er erhob sich und, die eine Hand auf meinem Rücken, die andere hielt meine eigene kalte Hand, zog er mich langsam und vorsichtig auf meine zittrigen Beine und achtete mit Scharfen Augen darauf, das ich nicht zusammenbrach. Automatisch lehnte ich mich in seine sanfte und warme Berührung, um meine Muskeln ein wenig zu entlasten.
„Gilette.“, rief er und führte mich weg von seinen Männern in Richtung der, wie ich annahm, Kapitänskajüte. Ein Mann, kleiner als der Captain aber in der gleichen Uniform und einer weiteren weißen Perücke, kam auf uns zu und schaute mich skeptisch an.
„Würdet ihr bitte passende Kleidung für Miss Rigwell bringen, damit sie sich trocknen und umziehen kann und danach dem Ausguck den Befehl geben, nach Anzeichen anderer Schiffe in unserer Nähe Ausschau zu halten?“
„Jawohl, Sir.“, nickte er und machte kehrt. Der Captain führte mich weiter die wenigen Holzstufen hinunter zu seiner Tür und stieß sie vorsichtig auf, nachdem er weitere Männern befahl darauf zu achten, dass das Schiff den Kurs beibehielt und in angemessener Zeit am Ziel ankam. All dem schenkte ich nicht viel Aufmerksamkeit denn meine Beine wurden langsam schwach und alles was mein Körper und meine Gedanken tun wollten, war der Schwerkraft nachzugeben und die angenehme Wärme des Kapitäns zu genießen.
Er begleitete mich in die Kajüte und setzte mich auf einem Stuhl ab. Seine Schritte hallten hinter mir, als er eine Decke über meine Schultern legte, denn ich zitterte noch immer vor Kälte, trotz des windgeschützten Raumes. Meine Blicke huschten kurz durch den Raum und es war genau so, wie ich mir eine Kapitänskajüte auf solch einem Schiff, in solch einer Zeit vorstellte.
Norrington hockte sich vor mich, auf gleicher Höhe und hielt intensiven Augenkontakt. Jetzt, nachdem mein physischer Schaden geklärt war, kalt, nass und geschwächt, schien er nun meinen psychischen Zustand abschätzen zu wollen.
„Miss Rigwell,“, fing er an. „Mein erster Maat wird ihnen gleich neue Kleidung bringen. Ich empfehle ihnen ihre Kleider zu wechseln, ansonsten könnte die Kälte und Feuchtigkeit sie im schlimmsten Fall umbringen und das liegt wirklich in niemandes Interesse. Ich versichere ihnen absolute Sicherheit hier auf diesem Schiff und werde alles in meiner Macht stehende tun um ihnen zu helfen, wieder in ihre Heimat zu gelangen.“ Ich vergrub mich tiefer in die Decke und hüllte meinen gesamten Körper in ihr in der Hoffnung, endlich diese Kälte loszuwerden.
Ich unterbrach den Augenkontakt und schaute zu Boden.
„I- Ich bin mir nicht sicher, ob ich zurück nach Hause kann. Ich wurde von dem Schiff hinunter gestoßen. Es sieht so aus, als wäre ich weit… weit weg von wo ich herkomme.“
„Gestoßen?“, fragte er mit einem noch ernsterem Unterton.
„Ja, ich weiß nicht von wem. I- Ich beobachtete die Wellen unter mir, als ich jemanden hörte, der hinter mir stehen blieb. Aber bevor ich mich umdrehen konnte fiel ich bereits runter und das Wasser war so-“ Ich konnte es nicht verhindern, als mehrere Tränen sich den weg über meine Wange bahnten.
„Ihr seid nun in Sicherheit und Wärme, Miss Rigwell.“, sprach der Captain. „Ich werde es mir zu einem persönlichen, und zusätzlich professionellen, Ziel machen, dass um sie gesorgt wird.“ Mit einem Schniefen bedankte ich mich, lehnte mich zurück auf den Stuhl, in die warme Decke und starrte die Holzwände an.
„Das hier muss das seltsamste sein, was sie- was ihr je erlebt habt nehme ich an.“, murmelte ich leise.
„Nicht ganz, um ehrlich zu sein.“, lächelte er. Dieses Lächeln erwiderte ich, nachdem unsere Augen wieder Kontakt hatten. „Ich werde euch hier nun alleine lassen und Gilette wird euch Kleidung und Handtücher bringen, damit ihr euch so weit wie möglich trocknen könnt. Wenn ihr wünscht, würde ich gerne mit euch gemeinsam heute Abend hier speisen. Ich möchte euch keines falls unter Druck setzten Miss, aber ich habe offensichtlich jede menge Fragen an euch.“
„Das würde ich gerne.“ Bei dem Gedanken an warmes Essen in meinem Magen, knurrte er als Antwort. Norrington erhob sich um durch die Tür zurück auf Deck zu verschwinden. „Vielen Dank.“, quiekte ich.
„Es ist mir eine Freude euch an Bord zu haben, Miss.“, lächelte er noch ein letztes mal und verließ seine Kajüte. Ich blieb für eine weile einfach auf dem Stuhl sitzen, zog die raue Decke bis kurz unter mein Kinn hoch und wartete darauf, das der Rest meiner Sinne endlich wieder zurück kamen.
Mal davon abgesehen das mir noch immer kalt war, ich verwirrt und furchtbare Angst hatte, ging es mir dennoch gut. Ein Klopfen an der Tür schreckte mich hoch und mit noch zittrigen Beinen lief ich zu ihr und öffnete die Tür. Der gleiche skeptische Blick wie vor wenigen Minuten schaute mich grüßend an und hielt mir die wahrscheinlich einzig saubere und bestmögliche Kleidung vor die Nase, die es an Bord momentan gab, nicht benutzt oder von einem der Crewmitglieder getragen wurde.
„Dies ist für euch, Miss.“
„Dankeschön.“ Ich nahm die Kleidung wirklich dankbar entgegen, denn selbst ein Kartoffelsack wäre angenehmer, als in diesen nassen Klamotten zu stecken. „Weshalb genau segelt ihr hier draußen?“
„Seid ihr an französischer Spion?“, fragte er und kniff argwöhnisch die Augen zusammen. Erst war ich erschrocken, weil ich nicht erkennen konnte, ob es nun sein ernst oder doch nur ein Spaß war, aber als seine Miene sich nicht änderte, machte sich der schrecken weiter breit durch meinen Körper.
„Nein, natürlich nicht. Ich komme von England.“, antwortete ich und erinnerte mich dunkel an den Master and Commander Film und den Rest aus dem Geschichtsunterricht, dass die beiden sich gegenseitig überhaupt nicht ausstehen konnten. „Die trinken viel zu viel dort drüben.“
„So ist es! Aber die wahre Gefahr sind hier natürlich die Piraten. Captain Norrington, Ich und die Crew wird diesen Pack Einhalt gebieten.“, sprach er stolz und streckte sogar ein wenig seine Brust hinaus.
„Piraten?“, fragte ich nach. Die einzigen Piraten, die mir einfielen waren Captain Phillips und Peter Pan. Ich sollte wirklich aufhören Filme als Vergleichsmaterial und Referenzen zu nutzen.
„Viele von denen segeln hier in den Gewässern.“ Danach schien er seinen Fehler zu bemerken. Mein Gesicht musste noch mehr Blässe angenommen haben. „Aber natürlich würde sie es nie wagen, solch ein Schiff wie unseres anzugreifen. Und Captain Norrington ist brilliant. Er wird sogar noch dieses Jahr seine Beförderung zum Comondore erhalten.“
„Wirklich beeindruckend.“, log ich und wusste nicht einmal, von was er da sprach. „Ich muss mich nun umziehen.“
„Natürlich. Offensichtlich.“ Mit diesen Worten drehte er um und lies mich wieder allein in der Kabine. Meine Füße trugen mich zum Bett, worauf ich die Kleidung ablegte und dann wieder hinüber zur Tür schaute. An ihr war kein Vorhang vor dem kleinen Fenster, also keine wirkliche Privatsphäre, weshalb ich mich ganz vorsichtig umziehen musste, in der hintersten ecke der Kajüte, falls jemand heimlich hindurchlugen sollte. Dort auf dem Laken lag ein, für mich viel zu großes, weißes Hemd und eine braune Hose. Gilette gab mir freundlicherweise  eine rote Jacke und Socken dazu, aber benutzen musste ich dennoch meine eigenen nassen Schuhe und Unterwäsche. Wenn das Hemd und die Jacke dick genug waren, konnte ich für zumindest heute Abend auf meinen BH verzichten, damit dieser wenigstens trocknen konnte. Also legte ich die feuchte Decke auf den Boden und begann die Schichten von nassen Klamotten von mir abzupellen. Ich zitterte vor Kälte, doch ich wusste wie das mit der Unterkühlung lief. Also trocknete ich meinen roten Körper so gut es ging mit der Decke und versuchte mich dabei warm zu rubbeln, bevor ich dann letztendlich in die trockene Uniform schlüpfte. Sie fühlte sich rau und seltsam auf meiner roten Haut an, aber alles besser als eine nasse Jeans und Jacke. Die Schuhe stellte ich neben den Haufen nasser Wäsche und und mit der Überdecke des Bettes um mich geschlungen, lief über den Holzboden in der Kabine umher. Das Bett war groß und edel, besser noch als mein eigenes breites und gemütliches. Ein breiter Schrank ragte über mich hinweg und mehrere kleine Kisten standen am Rand des Raumes verteilt. Unter einem breiten Fenster, woraus man auf das Meer hinaus schauen konnte, stand ein stabiler Schreibtisch, das Zentrum des gesamten Raumes, denn nichts anderes war so vollgestopft. Karten, Bücher und Geräte, mit denen ich am besten nicht rumspielte. Langsam lief ich hinüber und  schaute auf all das Zeug hinab in der Hoffnung, irgendwelche Hinweise zu finden, wo genau ich hier war.
Eine große Karte stach mir ins Auge und mit Vorsicht schob ich den Kompass zur Seite um zu sehen, an welchem Datum diese erstellt wurde. „1725“ murmelte ich leise vor mich hin. Das musste entweder eine Fälschung oder ein schweine teures Antiques Stück gewesen sein, aber es sah neu aus und vor allem… Seltsam abstrakt.
All die gefüllten stellen auf der Karte sahen mir bekannt aus. Die Kontinente und Länder der Welt, aber der Kartograph war an vielen Stellen noch unsicher, als wäre er mit der geographischen Zeichnung noch nicht ganz fertig gewesen. Die Landmassen waren entweder zu groß oder zu klein, zu rund und es sah mehr nach einer sporadischen Platzierung aus anstatt eine Karte mit genaueren Orten und Details. Insgesamt wirkte die Karte unglaublich fremd und merkwürdig.
Ein Stapel Briefe fiel mir ins Auge und blätterte durch diesen hindurch in weiterer Hoffnung ein spezifisches Datum oder andere Informationen zu bekommen aber ich wusste, meine Nase hier hinein zustecken, persönliche oder gar militärische Information, könnte für mich böse ausgehen.
Letztendlich hätte Gilette doch berechtigte Bedenken mir gegenüber, das ich eine ruchlose Französin sein könnte, trotz meines englischen Namens.
Enttäuscht, dass ich trotz weiterer Investigationen nichts gefunden habe, schritt ich gegenüber dem Schrank, in dem ein großer Spiegel eingefasst war. Mich selbst in den Spiegel zu sehen war schon beinahe ein Schock. Meine Haut war blasser als sonst, die Sommersprossen befleckten noch immer mein Gesicht, was allerdings nicht von diesen erschöpften und verängstigend Blick ablenken konnte. Ob der von den Stoß und Minuten langen schwimmen im eiskalten Ozean herkam oder dem Fakt, das ich anscheinend auf einem Schiff saß, Jahrhunderte alt, mit Leuten die entweder sehr leidenschaftlich privat Methode acting nachgingen oder es sich tatsächlich um die Royal Navy in den 1730er  in der Karibik handelte, blieb mal dahingestellt.
Letzteres schien immer mehr möglich, gelandet in einer Zeit und Ort in der Vergangenheit, da in der Bucht kein solches Schiff vor Anker lag und in der Nähe kein weiteres Schiff zu sehen war. Nein, das konnte nicht wahr sein.
Die Müdigkeit legte sich schwer auf meine Glieder, aber der Schlaf blieb mir verwehrt, obwohl die Matratze des Bettes wirklich bequem aussah. Es war einfach nicht an Schlaf zu denken. Also lief ich zurück zu dem Schreibtisch, quetschte mich an ihn vorbei und setzte mich auf das Fensterbrett, die Beine lang darauf ausgestreckt, damit sich immerhin meine Muskeln entspannen konnten.
Meine Blicke streiften über die weiten und glänzenden Wellen, auf denen die Sonne hinab schien und während der Ewigkeit, die ich hianusschaute, kreuzte nichts das Schiff. Keine Menschen- und Schiffegefüllte Bucht und Anlagestellen. Nur der Ozean: unbändig, augenscheinlich unendlich, gleichgültig, gewaltsam und dennoch bezaubernd. Es war seltsam dort hinaus auf das kalte Nass zu schauen, wie es so ruhig, so sanft seine Wellen schlug und in der Sonne glitzerte und mich dennoch dabei an das Gefühl zu erinnern, wie seine Kälte meine Haut zerstach, wie das Wasser meine Lungen füllte und mich am atmen hinderte, mich langsam aber sicher zu ersticken drohte. Das Meer war heimtückisch, so verlockend und auch tödlich. Ein Schauer durchzog mich, aber nicht durch Kälte, sondern durch Ehrfurcht vor dieser stillen Naturgewalt. Zeitgefühl hatte ich keines während ich apathisch dort saß, grübelnd über dem, was hier geschah und was wohl Realität oder Traum war, aber der Sonne nach zu urteilen wärmten mich ihre Strahlen bis zum frühen Abend. Bevor meine Muskeln zu steif wurden, rutschte ich das Holz langsam wieder hinunter und stellte mich erneut vor dem Spiegel. Jetzt, da die Sonne heller in die Kabine schien, konnte man goldene Maserungen den Spielgel entlang erkennen, die an manchen Stellen zu Blättern ineinander verliefen. Meine Finger strichen neugierig über die goldenen Blätter und spürten sogar die feinen Linien der eingeritzten Adern. Während meine Finger den Spiegel entlang liefen, richtete sich der Blick wieder auf mein eigenes Spiegelbild.
Meine Hautfarbe schien eine wieder Nuance zurück gekehrt zu sein, aber um den noch immer müden Augen war mein Mascarra verschmiert. Zugegeben, mit der blassen Haut verstärkte es meine nun Schießpulver ähnliche bläue um meine Iris herum und lies meinen Blick noch intensiver erscheinen.
Mein Haar jedoch… das ähnelte eher einem Vogelnest. Völlig strubbelig und verknotet. Meine Finger lösten sich von den Goldverzierungen und versuchten sich durch meine Haare zu kämpfen. Ohne wirklichen Erfolg. Sie waren noch ein wenig zu feucht und das Salz konnte man in ihnen noch immer riechen.
Also schnappte ich mir erneut die Decke vom Boden und rubbelte meine Haare, versuchte das restliche Meereswasser aus ihnen heraus zu bekommen, verschlimmerte aber alles nur und letztendlich blieben sie immer noch ein wenig feucht, dafür sah es aus, als hätte ich in eine Steckdose gefasst. Also mussten sie weiter so trocknen. An besten setzte ich mich wieder in die warme Sonne am Fensterbrett. Da ich ja momentan keinen Föhn zur Hand hatte… Ich lehnte mich an den Schrank und warf noch einmal weitere Blicke durch die Kabine, da man nun endlich Licht zur Unterstützung hatte.
Wie man es in einer militärischen Basis erwarten würde, hatte der Raum nichts persönliches an sich. Was man aber von Captain Norrington behaupten konnte, wenn man seine Kabine hier betrachtete war, dass er stolz auf auf seinen „Arbeitsplatz“, seinen Rang und seinem Schiff war, denn alles hier hatte seinen eigenen Platz und dieser wurde bis aufs Staubkörnchen sauber gehalten.
Obwohl der Schreibtisch gefüllt war mit einer Menge an Papieren und Geräten, hatte alles eine systematische Ordnung. Im Gegensatz zu seinem Nachttisch neben dem großen Bett.
Das war hingegen dem Rest außergewöhnlich chaotisch mit einem Stapel an Büchern, unordentlich verteilt, mehrere aufgeschlagen und vergessen. Aber eines von ihnen war mit Vorsicht und bedacht auf all den anderen gelegt, damit kein Eselsohr oder Knick hinein kommt. Ich schlurfte hinüber und griff neugierig danach mit der Hoffnung, das es mich unterhält. Ich wusste nicht, wann das Abendessen mit den Captain begann und ich musste mich von dem Gedanken ablenken, das ich womöglich tot war oder mich auf einem zeitreisendem Schiff befand.
Ich war dankbar etwas bekanntes zu sehen. Hamlet. Ein Theaterstück, welches wir bis zum erbrechen im Englischunterricht durchgenommen hatten, bis ich jeden einzelnen Satz für sechs Monate auswendig aufsagen konnte. Ich war noch nie so froh gewesen diese alten Zeilen zu lesen die in dieser, wie auch in der modernen Zeit existieren.
Mit den Daumen in der Passage die offen lag, machte ich mich wieder auf zum Fensterbrett und setzte mich auf das Holz. Wieder drückten die kalten Glasscheiben gegen meinen Arm, während die tiefhängende Sonne den Rest meines Körpers wärmte und ich das Buch aufschlug und anfing zu lesen, wo Norrington aufgehört hatte.
„To be, or not to be, that is the question:/Whether ´tis nobler in the mind to suffer/The slings and arrow of outrageous fortune,Or to take arms against a Sea of troubles,/And by opposing end them: to die, so sleep/No more; ans by a sleep, to say we end/the heart-ache, and the thousend natural shocks/That flesh is hear or to? ´Tis a consummation/devoutly to be wished.“, las ich laut und mein Gehirn klingelte bei der Erinnerung von endlosen Englischstunden.
„To die, to sleep,/To sleep, perchance to dream; Aye, there´s the rub,/for in that sleep of death, what dreams may come,/when we have shuffled off this mortal coil,/must give us pause.“, sprach eine Stimme von der Tür des Decks. Ich musste nicht zur Seite schauen um zu wissen, das es sich um den Captain handelte.
„Beeindruckend.“, antwortete ich und beobachtete, wie der Mann zu mir hinüber lief, während ich sein Buch in der Hand hielt, bis er neben mir stand und ebenfalls aus dem Fenster hinaus schaute, bis sein blick sich auf mich legte und anfing unschuldig zu lächeln.
„Das ist allerdings alles, was ich daraus rezitieren kann.“
„Nicht einmal „Asla, poor Yorick!“ oder „The fair Ophelia? Nymph in the Orisons/Be all my sins remembered“?“ Ein kleines Grinsen stahl sich auf meine Lippen.
„Nun, den ersten Teil natürlich und offenkundig auch den zweiten, hätte es die Situation erlaubt.“, lächelte er zurück.
„Entschuldige, das ich ihr- euer Buch ungefragt durchblättere. Ich… lege es besser wieder zurück.“, sprach ich leise vor Scham, das ich einfach in sein Büro hier herumschnüffelte und er mich dabei erwischte.
„Bitte Miss, ich möchte keinesfalls euren Kulturdurst verwehren. Bedient euch an meinen Büchern wie es euch beliebt. Obwohl ihr Anscheinend die meisten Werke auf meine Stapel zu kennen scheint.“, nickte er mir anerkennend zu.
„Um ehrlich zu sein, sagten mir bis auf zwei Titel nicht viel, Captain. Hamlet ist das einzige, das ich bis auf jedes Wort auswendig aufsagen könnte. „One is safe on a boat. For a time. Relatively“.“, grinste ich noch einmal und behielt die Bedeutung des Zitats für mich selbst.
„Welch ein interessanter Einblick, Miss Rigwell.“
„Ich bin voll davon.“, lächelte ich müde. Die Sonne lief mittlerweile schon gefährlich nahe gen Horizont.
„Ich wollte euch Bescheid geben, dass das Abendessen in etwa einer Stunde serviert wird. Allerdings würde ich gerne noch ein paar Fragen stellen.“, sprach er sanft, als ich mich wieder aufs Fensterbrett setzte und er sich mir gegenüber auf einen Stuhl, der neben dem Schreibtisch stand.
Zwei Dinge waren nun wichtig für mich. Erstens, bin ich hier in den 1730ern und ist dies hier wirklich ein Royal Navy Schiff, was nach Jamaika fuhr und zweitens, falls erstens eintreten sollte, ihn nicht wissen lassen, das ich aus der Zukunft komme. Als eine verrückte Frau abgstempelt zu werden wäre das schlimmste in der Situation.
„Das verstehe ich voll und ganz, Captain.“, antwortete ich. „Ich habe auch Fragen, die ich euch gerne stellen würde.“
„Nun denn, dann beginnt ihr. Ihr seid hier das Opfer.“ Ich seufzte.
„Ich würde ungern als das Opfer betitelt werden. Während ich momentan von eurer Hilfe und Großzügigkeit abhängig bin, versteht mich nicht falsch, ich danke euch von ganzen Herzen dafür. Aber ich brauche kein Mitleid irgendeiner Art. Die Tragödie ist meine eigene.“ Ich versuchte unabhängig und Mutig zu klingen, musste aber aufpassen, das ich dabei keine Grenzen überschritt.
Ich konnte nicht anders, als ihn aus den Augenwinkeln zu beobachten. Er schaute mich verdutzt an und studierte mich für wenige Momente und faltete seine Hände anschließend zusammen.
„Wie ihr Wünscht, natürlich. Ich entschuldige mich.“ Aber anscheinend konnte er sich ein verschmitztes zucken seiner Mundwinkel nicht verkneifen. Ob er es allerdings ernst nahm oder mich auslachte, konnte ich nicht erkennen.
„Vielen Dank und akzeptiert. Könntet ihr mir das exakte Datum verraten und woher euer Schiff kam?“
„13. März 1726. Wir segelten von Babados. Allerdings mussten wir einen Umweg und Verspätung eingehen aufgrund eines Piratenschiffs, aber darüber müsst ihr euch keinesfalls Sorgen machen.“
Meine Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen und hielten Augenkontakt mit den Captain. Es waren nicht die Piraten die mir die Sorgenfalten auf der Stirn verursachten, sondern die Ernsthaftigkeit des Mannes, wie er mir das Datum sagte.
Ein Methode actor hätte mir ein aktuelles Datum genannt, was mir mehr bekannt vorkommen würde, selbst ein fanatischer Methode actor. Aber Zweifel gab es noch immer in meinen Hirn. Das konnte einfach nicht sein. Ich konnte wohl kaum durch Raum und Zeit gereist sein. Solche Dinge passierten nicht. Abgesehen von Marty McFly. Schon wieder die Filmreferenzen! „Um welches Schiff handelt es sich hier?“
„Die HMS Dauntless ist ein Schlachtschiff im Dienste der Royal Navy unter der Zuständigkeit von Gouverneur Swann in Port Royal mit der Aufgabe, diese Gewässer zu schützen.“ Jedes weitere Wort was er sagte, lies das hier mehr als Realität erscheinen als ein Traum. Realität oder nicht, ich lag mit mehr Wahrscheinlichkeit tot in der Bucht oder mit einem Koma im Krankenhaus, gefangen im eigenen Verstand und Geist, welche mir hier diese Zeit vorgaukelten. In einer Zeit, in der Amerika noch kein Land ist, meine Heimat kaum entdeckt wurde und in der ich als Frau mehr als Eigentum statt eigenständiger Mensch angesehen bin und hinter jeder Ecke Gefahren lauern in Form von böswilligen Menschen, Krankheiten oder Armut. Weniger optimal.
„Interessant.“, versuchte ich untermauernd zu klingen. „Ihr seid mit euren Fragen dran Captain Norrington.“
„Woher stammt ihr?“, fragte er direkt.
„Ich komme von den britischen Kolonien aus Nordamerika. Ich segelte hinunter in die Karibik auf einem Passagierschiff auf der Suche nach einer neuen Heimat.“, beantwortete ich seine Frage mit einem Herzklopfen und einem Stoßgebet zu meinem penetranten Geschichtslehrer.
„Das würde den Akzent wohl erklären. Und eure Familie?“, fragte er weiter und tastete die Grenzen meines Lebens und Persönlichkeit ab, inwieweit er meinen Geschichten trauen kann.
„Fort.“, war meine kurze und knappe Antwort. Sie war nicht einmal wirklich gelogen. „Ich war auf der Suche nach einem Freund der mich hätte aufnehmen können, aber das stand nicht mehr zur Option. Also nahm ich das nächst beste Schiff um mich an andere Orte zu tragen. Ich wurde wortwörtlich und im übertragendem Sinne fortgespült. Dann habt ihr mich gefunden.“
Der Captain schaute mich weiterhin an, studierte mein Gesicht, meine Haltung, meine Gestik.
Ich versuchte so weit wie möglich traurig auszusehen, wie ein unschuldiges Waisenkind sich verhalten würde aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, ob ich es schaffte.
Meine Familie und Freunde waren schließlich fort. Ich hatte wirklich niemanden. Wenn dies hier wirklich die Vergangenheit war, in der ich fest steckte, war es für mich die Gegenwart. Existierte meine Familie denn dann schon? Existierte ich? Verdammt, jetzt in diesen Moment musste ich einen klaren Kopf behalten. Ich durfte mir jetzt keinen Fehler erlauben.
„Mein Beileid Miss Rigwell. Es tut mir außerordentlich leid, falls diese Fragen unhöflich und rücksichtslos erscheinen, aber ich muss um eure Herkunft wissen.“
„Natürlich.“ Letztendlich doch unfassbar geschockt und verzweifelt durch den Fakt, das ich meine Familie wahrscheinlich nie wieder sehen würde, knetete ich meine Hände. „Aber bitte, für euch Cassandra. Manche nennen mich auch nur Cass.“ Mit diesen Worten löste ich den Blick von den des Captains und schaute stattdessen hinunter zu der Karte vor mir auf dem Schreibtisch und überlegte, was ich nun erzählen könnte. Etwas, was für diese Zeit authentisch klang, wobei ich mich auf die Kante des Fensterbretts setzte und nun den Captain genau gegenüber saß. „Mein Vater war ein einfacher Advokat innerhalb der Kolonie, der Sohn eines englischen Einwanderers. Meine Mutter war die Tochter einer britischen Frau und eines Franzosen, die hinüber zu den Kolonien segelten. Ich lebte in angemessenen Wohlstand, genoss eine gute Erziehung und Bildung. Es gibt keinen schlechten Ruf in meiner Familie oder nähere Verwandtschaft.“ Mein Hirn arbeitet weiter an einer glaubwürdigen Geschichte, während sich meine Finger ineinander verschränkten. „Ich habe nie einen Beruf getätigt aber es wurde von mir erwartet mit Hilfe meiner Bildung und Verstand, Geld in den Haushalt zu bringen falls nötig. Meine Familie war weder Reich, noch nobel oder adelig genug um in Luxus zu leben. Ich bin lediglich eine junge, 20 jährige Frau mit einem eigenen Willen und Verstand, von niemanden abhängig und nun doch in eurer Schuld.“ Als ich meinen gefälschten Bericht beendet hatte, kullerte eine aufrichtige Träne meine Wangen hinunter, als mir klar wurde wie allein ich jetzt war, in dieser seltsamen Zeit und diesen seltsamen Ort. Schnell wischte ich sie mir vom Gesicht. „Ich wurde außerdem von einem Schiff in den Ozean hinunter gestoßen und bin beinahe ertrunken.“ Endlich schaute ich wieder hoch zu dem Mann, der sich mittlerweile aufgestellt hatte, die Hände hinter dem Rücken gefaltet und sich auf mich zu bewegte. Sein Augenbrauen fragend oder misstrauisch, ich konnte es nicht deuten, zusammengezogen und seine Kiefermuskeln angespannt.
„Tut mir wahrlich leid für eure Umstände, Miss Rigwell .“ Er pausierte und schüttelte den Kopf minimal. „Cassandra, meinte ich.“ Ein kurzes mitleidiges und entschuldigendes Lächeln kam über seine Lippen. „Ich verspreche euch das auf ihnen acht gegeben wird, sobald wir Port Royal erreichen und ihr den Hafen betritt.“ Ich gab ihm ein schwaches Lächeln und rutschte letztendlich von dem Fensterbrett hinunter, als nur noch wenige Zentimeter meine rote, viel zu große Jacke und seine blaue Uniform trennte. „Aus Gründen, die ich selbst nicht nachvollziehen kann, vertraue ich euch und eurem Wort.“, sprach er und wollte noch etwas sagen, aber ein Klopfen an der Tür und eine darauf hereinkommende Prozession von gefüllten Tellern unterbrach ihn und seine Gedanken. Die Hände noch immer hinter dem Rücken verschränkt, machte er einen Schritt zurück und flüsterte Gilette, der neben ihn aufgetaucht wahr, etwas ins Ohr, bevor er einen Stuhl für mich an den freien Tisch innerhalb des Raumes anbot.
Ich setzte mich auf den hölzernen Stuhl ohne zu zögern und bewunderte all das Essen, welches vor mir aufgetischt wurde. Ich schaute hoch auf die andere Seite des Tisches und erkannte ein ehrliches und offenes Lächeln in seinem Gesicht.
Ich betete, das er sein Wort hielt denn gegen meiner eigenen Logik vertraute ich diesen Mann.

„Gilette.“, rief Norrington nach seinem ersten Maat. Er schlenderte mit geradem Rücken, die Hände hinter sich gefaltet, über das Deck und inspizierte das Schiff mit all seiner gerechtfertigten Autorität, die ihm zustand. Der kleinere, britische Offizier kam schnell zu ihm hinüber gelaufen und wartete auf Befehle. Wahrscheinlich betraf es die junge Frau. „Was denkt ihr über Miss Rigwell?“
„Harmlos. Aber dennoch Seltsam. Kein einziges Schiff war Meilenweit zu sehen und sie hätte nicht mehr als nur wenige Minuten in diesem Wasser überleben können. Die Kleidung die sie trug waren noch seltsamer. Feine Stickereien, weiches Material, trotzdem widerstandsfähig und dann eher die Kleidung eines Arbeiters. Eines sehr dünnen Arbeiters. Eng geschnitten.“
„Und doch hat sie die Hände einer Adligen und ebenfalls die Bildung und den Intellekt. Aber definitiv hat sie etwas verheimlicht als ich sie fragte, wer sie sei.“
„Ein Spion?“, fragte Gilette.
„Nein.“, war Norringtons bestimmte Antwort, als er weiter das Deck an der Reling entlang lief, Gilette folgte ihm. „Sie hat keine böswillige oder schädliche Intention. Sie ist wirklich eine junge Frau, verloren und gestrandet und ohne einen Ort an dem sie hingehört. Aber sie verheimlicht etwas.“ Er blieb stehen und legte eine Hand auf das glatte Holz der Reling.
„Was sollen wir nun tun?“
„Beobachtet sie ab jetzt. Ich werde darüber entscheiden was wir mit ihr machen, nachdem wir in Port Royal eingelaufen sind und den Gouverneur konsultiert haben. Er hatte damals den jungen Turner  geholfen. Ich bin mir sicher er wäre nicht abgeneigt, sich auch um unseren neuen Gast hier zu kümmern.“ Er schaute hinaus auf das Meer, welches nun in schwärze getaucht war und den blassen Schein der Sterne im Nachthimmel reflektierte. „Schließlich versprach ich ihr, sie würde sicher an Land kommen und eine Zukunft haben.“
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