Neun Monate meines Lebens

von Stillga
GeschichteRomanze, Familie / P18
Akane Tendo Nabiki Tendo Ranma Saotome Ryouga Hibiki Tatewaki Kuno
25.09.2018
01.11.2018
7
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Mit dieser Fanfiction verdiene ich kein Geld! Alle Charaktere gehören Rumiko Takahashi

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„Ranma?! Ranma!!“ Irgendjemand rief seinen Namen. So entsetzlich laut hallte er in seinen Ohren, dass er das Gefühl hatte sein, Schädel würde explodieren. Seine Lider waren schwer und es kostete ihn viel Mühe, sie wenigstens zu schmalen Schlitzen zu öffnen. Ein Gesicht hing über ihm und glotzte ihn mit großen, braunen Augen an.
„Aufwachen!“
Gott, sei doch still! Nicht so laut!
Er räkelte sich etwas und fasste sich an die Stirn. „...was... wo bin... hm?“ Er rieb sich mit dem Handrücken in einem Auge und versuchte die Schwere aus ihnen zu vertreiben.
„Wo warst du denn die ganze Nacht?“ Vorwurfsvoll hörte sich die Stimme an. Es war eine Frau, das erkannte er nun. „Du bist erst um fünf Uhr heute Morgen nach Hause gekommen, hat Kasumi gesagt.“ Akane war es. Ja er war sich sicher, dass sie es war. Nur sie konnte so viel Schadenfreude, Ärger und Besorgnis in ihre Stimme bannen.
„Wie bin ich hierher gekommen?“, fragte er und richtete sich langsam auf. Ein Fehler. Ein Stechen fuhr in seinen Schädel und er presste sich beide Hände gegen die Stirn. Akane lachte leise. „Mann, du hast aber echt‘n ganz schönen Kater.“
„Was?“ Ranma verstand nicht. Er konnte sich an gestern nicht erinnern. „Du warst gestern auf einem Geburtstag. Weißt du das nicht mehr?“. Fragte seine Verlobte.
Nein, er konnte sich an nichts erinnern. Er war gegangen, das wusste er noch. Dann die Fete und da fehlte ein ganzes Stück. „mmmmh...“, brummte er, „nein...“
„Kasumi hat dich heute Morgen heimkommen hören. Du hast an der Tür gerüttelt und bist nicht reingekommen. Sie hat dich hier rauf gebracht und hingelegt.“ Gott sei Dank! dachte er. Kasumi war zu gut für diese Welt.
„Naja, jetzt stehst du erst mal auf und nimmst ein heißes Bad. Dann bist du wieder du selbst.“, beschloss Akane und klappte seine Decke zur Seite. Er hatte noch das an, was er gestern getragen hatte. Es hing viel zu groß an ihm, da er in seinem weiblichen Körper steckte.
„Wie spät ist es?“, krächzte er.
„Vierzehn Uhr“ Die junge Frau nahm ein paar frische Sachen für ihn aus dem kleinen Wandschrank und wartet an der Tür auf ihn. Sie kannten sich nun seit dreieinhalb Jahre. Auch wenn Akane es nicht zugeben wollte, in diesen drei Jahren waren sie enger aneinandergewachsen, als sie jemals gewollt hatte. Sie waren nun beide neunzehn Jahre alt. Bald war die Schule zu Ende.
Ranma hatte sich neben dieser, zu Akanes erstaunen, zum Ziel gesetzt, die Kampfschule nun doch zu übernehmen. Er hatte einmal zu ihr gesagt, dass er eines Tages ihren Vater in einem Kampf herausfordern wolle und somit nicht nur das Dojo sondern letztendlich auch sie gewinnen würde.
Akane hatte daraufhin zu ihm gesagt, dass er sich nicht dazu gezwungen fühlen müsse. Denn das würde bedeuten, dass sie doch heiraten müssten. Ranma hatte daraufhin nur gegrinst.

Nun saß er da, wie ein Häufchen Elend, total verkatert und stank nach allem möglichen Alkohol. Sie fragte sich, was ihn überhaupt dazu verleitet hatte, so viel zu trinken. Denn eigentlich, als verantwortungsvoller Kampfsportler, winkte er stets dankend ab, wenn jemand ihm etwas anbot. Umso schlimmer war es natürlich, wenn man dann mal über die Kante schlug.
Etwas schadenfroh war sie, das musste sie zugeben. Ihn aber so zu sehen gab ihr ein Stich ins Herz, denn das wollte sie nicht. Sie konnte ihn einfach nicht Leiden sehen. Egal ob wegen ihr oder etwas anderem. „Nun komm schon. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!“ maulte sie dann und packte ihn am Arm, um ihn in die Höhe zu zerren.
Wackelig stand er neben ihr und alles drehte sich um ihn. „Akane... warum dreht sich denn alles...“ Er drohte nach hinten umzufallen. Kurzerhand schnappte sie sich das kleinere Mädchen, warf sie über die Schulter und stapfte nach unten ins Bad.
Kasumi stand in der Küchentür und sah den beiden hinterher. „Der arme Ranma...“, murmelte sie und sah etwas besorgt, wie die Tür sich zum Badezimmer hinter Akane laut schloss. Sie hörte Ranmas Frauenstimme wie sie Akane anging, sie sollte nicht so laut sein.
Nun war ihre kleinste Schwester erst recht übertrieben laut. Sie klimperte und sprach laut. Kasumi konnte sich nun sein kurzes Lachen nicht verkneifen und drehte sich wieder zur Küche um.

„Akane! Du machst das doch absichtlich!“, rief Ranma und zuckte beim Hall seiner  eigenen Stimme zusammen. Wieso musste dieses Bad auch so schallen. „Mach ich gar nicht!“, sagte sie und lies die Blechschale aus ein paar Zentimeter Höhe auf die Fließen fallen. Ihm standen augenblicklich alle Haare zu berge. Dabei klappte sein Kiefer zusammen und er biss sich auf die Zunge. „Na super! Jetzt hab ich mir wegen dir auf die Zunge gebissen, du dumme Gans!“, reif er ihr zornig zu. Na also. Er konnte schimpfen, also ging es ihm wieder deutlich besser.
Akane schraubte den Wasserhahn zu und drehte sich um. „Wanne ist fertig!“
Sie packte ihn und zog ihn in das nach seiner Meinung viel zu heiße Wasser. Manchmal, so glaubte er, machte sie das alles extra. Noch ehe er ganz versunken war, hatte Akane sich umgewandt und wollte das Zimmer verlassen. Sie hatte sich darauf eingestellt, dass irgendein Protest oder eine böse Anschuldigung über seine Lippen drang, während sie den Raum verließ. Doch nichts kam. Nur das tropfen des undichten Hahns hallte im Raum wieder.
Ohne etwas zu ahnen, drehte sie sich um. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er wieder zum Mann wurde. Doch er war immer noch eine Sie. Sein roter Zopf klebte ihm nass an der Schulter und er sah mit großen Augen an die Wand ihm gegenüber.
„Ranma... Was ist denn los? Wieso wirst du nicht zum Mann?“, fragte die schwarzhaarige und stützte sich am Wannenrand ab um ihn zu mustern.
Er drehte seinen Kopf zu ihr und sah sie ebenso verwundert an wie sie ihn. „Ich glaube dein Kater ist doch etwas heftiger als ich dachte“, murmelte sie etwas besorgt.
„Ach ja? Was du nicht sagst.“ Er verschränkte die Arme vor seinem Vorbau und brummte verstimmt.

Nach seinem Bad hatte er sich wieder in seinem Zimmer verkrochen. Irgendwann abends, als die Sonne gerade dabei war unter zu gehen, kam er die Treppe herunter geschlürft. Sofort war sein Vater zur Stelle und goß heißes Wasser über ihn. Außer das er seinen Vater dafür anschnauzte passierte nichts. Genma ließ scheppernd den Kessel auf die Dielen fallen und schlug sich einen Arm vor die Augen. „Ach Junge! Du beschämst mich!“, jammerte er.
„Ach, wessen Schuld ist das denn überhaupt?!“ Ranma gab seinem alten Herrn eine Kopfnuss und lies sich an den Tisch nieder, der im Hauptraum stand. Die ganze Familie saß dort und war bereits am essen. Sein Teller war gefüllt, aber der Geruch, der ihm in die Nase stieg, trieb ihm Übelkeit in den Magen. Er hielt sich die Hand vor den Mund und schob den Teller von sich.
„Ranma, hast du keinen Appetit?“, fragte Kasumi besorgt. Er schüttelte den Kopf und nahm die Tasse Tee.
„Morgen geht es dir sicher wieder besser, wenn der ganze Alkohol aus deinem Körper verschwunden ist.“, sagte sie dann und nahm den Teller zu sich.
„Vielleicht ist das auch der Grund, wieso du dich nicht mehr zurück verwandelst. Alkohol und dein Fluch scheinen sich nicht so gut zu vertragen.“, neckte Nabiki ihn. Er schnaufte nur.
„Junge, hätte niemals gedacht, dass du so über die Stränge schlägst. Wenn du einmal meine Kampfschule übernehmen willst, solltest du deine Grenzen kennen.“, sagte Akanes Vater Soun.
„Ach lasst ihn doch in Ruhe!“, rief Akane die wie immer neben ihm saß, halb laut. „Er wird schon daraus gelernt haben.“

Aus einem Tag wurden zwei Tage. Aus den zwei Tagen zwei Wochen und als im zweiten Monat noch immer nichts passierte machten sich nun alle sichtliche Sorgen um den jungen Mann. Akane hatte ihn schon vor Wochen dazu bewegen wollen, vielleicht doch mal zum Arzt zu gehen. Widerwillig war sie sogar zu Schampoo gegangen und hatte ihre Großmutter um Rat gefragt. Aber keiner hatte eine Idee, was Ranma daran hinderte, sich wieder in einen Mann zu verwandeln.
Dann hatte sie die Faxen dicke. Sie mochte ihren Freund mit beiden Seiten, die er hatte, aber die Männliche war ihr deutlich lieber, auch wenn dann alle Weiber hinter ihm her waren. Sie sehnte sich nach seiner drahtigen, doch muskulösen Gestalt, die Muskeln die unter seinen Karateanzüge hervorblitzten wenn sie trainierten. Das Gefühl zu glühen, wenn er sie mit seinen eisernen Händen ergriff und über die Schulter warf. Wenn sie hart auf dem Boden aufkam und er sich über sie beugte, um sie daran zu hindern wieder aufzustehen. Sie seufzte leise und verlor sich in Gedanken.
Ein leises Knarren riss sie zurück aus ihren Fantasien. Er war wach. Augenblicklich stand sie von ihrem Schreibstich auf und verließ ihr Zimmer. Mit ein paar Schritten war sie im älteren Teil des Hauses, kniete sich vor die alte Tür aus Holz und Papier. Schob sie mit beiden Händen auf und sah hinein. Ranma stand bereits angezogen am Fester und sah hinaus.
Sie erinnerte sich an die letzten Wochen zurück, als Ranma plötzlich über Nacht Fieber bekommen hatte. Sie hatten Doktor Tofu anrufen müssen für einen Hausbesuch, da es unmöglich war den Jungen dazu zu bewegen, aufzustehen. Geschweige denn er sich auf den Beinen halten konnte.
Sein Vater war zu tiefst erschüttert, denn er würde nun niemals mehr einen Erben haben, wenn der Junge sich nicht zurück verwandelte. Nabiki machte ständig Scherze, die unter die Gürtellinie gingen. Akanes Vater hatte dazu gar nichts zu sagen.
Selbst Kasumis Tendo-Wunder-Suppe mit Buchstabennudeln konnte ihm nicht helfen, denn sobald er davon etwas gegessen hatte, kam es prompt wieder raus. Akane merkte das es ihm schrecklich peinlich war, sich ständig zu bekotzen, da er in den seltensten Fällen noch bis auf die Toilette schaffte. Oft landete das Essen im Garten, wo sich mittlerweile eine Schar von Raben eingefunden hatten, die nur darauf warteten, dass er sich wieder übergab.
Doktor Tofu hatte ihm Einiges an Medikamente verschrieben, mit denen es etwas besser wurde und er sich momentan nur von Reiswaffeln und Grüntee ernährte.
Heute würde das ein Ende nehmen. Da war sich Akane ganz sicher. Sie betrat den Raum.
Ranma drehte sich nur ein wenig zu ihr, als sie sich neben ihn stellte und den Sonnenaufgang betrachtete.
„In einer halben Stunde müssen wir bei Doktor Tofu sein.“ sagte sie und lächelte aufmunternd. Ranma hatte mittlerweile gar keine Lust mehr auf diesen Arzt. Aber es nützte ja nichts. Seine Freundin würde nicht eher ruhen, bis er zum hundertsten Mal da war. Es änderte ja doch nichts. Einmal hatte er angemerkt, ob sie nicht einfach nach China reisen sollten um an den Quellen zu erfragen ob es einen Punkt gab, von dem kein Zurück mehr führte. Soun und Genma hatten schwach gelächelt und gemeint, dass sie dafür leider kein Geld hatten. Seufzend lies er die Schultern hängen.
„Akane, muss das sein? Er wird wieder nichts finden.“, sagte er. Akane stemmte die Hände an die Hüfte und lehnte sich zu ihm rüber.
„Doch wird er. Bestimmt. Irgendetwas muss es ja geben das dir hilft!“ Diese Zuversicht in ihrer Stimme, ermutigte auch ihn wieder ein bisschen und er lächelte sie schwach an.
„Komm lass uns geben. Damit wir pünktlich sind.“

Akane blieb im Wartezimmer sitzen, während Ranma von ihrem Hausarzt ein weiteres mal untersucht wurde. Es war sonst niemand hier, also ging sie, neugierig wie sie war, zur Sprechzimmertür und lehnte ihr Ohr gegen das blau lackierte Holz. Sie konnte nur Wortfetzen aufgabeln. Ranma konnte man gar nicht hören, denn seine Stimme war in den letzten Wochen ziemlich dünn geworden. Schon fast schüchtern und richtig mädchenhaft.
„...Mann voll funktionsfähig?“ und „Wieso dann... nicht auch?“ und „Ultraschall im Krankenhaus“, konnte sie nichts verstehen. Was hatte seine Männlichkeit denn mit seiner Krankheit zu tun? Ein Stuhl wurde verschoben und der Doktor ging durch den Raum. Dann hörte man ihn etwas herum klimpern und ein Papier wurde abgerissen. Akane richtete sich wieder auf, denn sie rechnete damit das sich die Tür gleich öffnen würde. Doch dann drang ein leises schluchzen in ihre Ohren. Das konnte nur Ranma sein. Was passierte denn zum Donnerwetter da drin?!
Sie war kurz davor die Tür aufzustoßen und den Raum zu stürmen, da wurde sie aufgeschoben und sie hastete zurück zu ihrem Stuhl. Doktor Tofu trat heraus und ging auf Akane zu. An ihm vorbei blickend konnte sie ihren Freund, weiterhin als Frau, auf der Untersuchungsliege sitzen sehen, wie er sich die Hände vor das Gesicht hielt.
„Akane?“, Doktor Tofu lächelte die an, „Können wir kurz reden?“, fragte er und deutete auf sein Büro. Sie nickte und folgte dem Arzt. Dabei gingen sie an der geöffneten Tür vorbei, sie sah wie Ranma von der Liege rutschte und sich nochmals mit dem Handrücken über die Augen wischte. Was war denn hier passiert, fragte sie sich und lies sich auf den Stuhl gegenüber von Tofus Schreibtisch nieder. Der Arzt schloss die Tür und setzte sich ebenfalls in seinen Stuhl. Sein Lächeln was eben noch freundlich und sorglos war, wurde nun ernst.
„Akane, eigentlich dürfte ich dir das gar nicht sagen, da es unter die Schweigepflicht fällt. Ich bin aber der Ansicht das du es wissen solltet, denn so kannst du Ranma helfen, es zu verarbeiten.“
Was denn nun?! Wieso sprach er in Rätsel.
„Was ist denn Doktor Tofu? Wird er wieder gesund? Sagen sie schon!“, platzte ihr der Kragen.
Der Arzt hob beide Hände zu Abwehr. „Ich befürchte, dass er gar nicht krank ist.“
„Was? Aber was fehlt ihm dann? Wieso kann er sich nicht mehr verwandeln?“ Akane verstand das nicht. Hatte es doch etwas mit dem Fluch zu tun? Lag er schon zu lange auf dem Jungen?
„Hier ist eine Überweisung in das Krankenhaus. Am besten ihr beide geht noch heute dort hin und lasst eine ausgiebige Untersuchung durchführen. Ich habe nicht die nötigen Geräte dafür.“
Die Frau nahm das Papier entgegen und las laut „Gynäkologie?!“
„Da er momentan eine Frau ist, und wir nicht eindeutig wissen wieso, ist es das beste er lässt dort einen Ultraschall machen, denn...“
„Denn was?“, viel Akane dem armen Arzt ins Wort.
„...denn wenn ich es nicht besser wüsste, ist er, ich meine sie, oder er?!“
„Oooaaaww, Doktor Tofu!“ Akane knäulte die Überweisung in ihrer Faust und drohte ihm damit.
„Das er schwanger ist.“ So trocken und emotionslos wie der Arzt es aussprach, traf es Akane im Gesicht und sie erstarrte ihn ihrer Drohgebärde. Ihre Augen wurden groß und jegliche Farbe wich aus ihren Wangen. Was? Schwanger? Wie? Warum? Wie ist das möglich? So viele Fragen schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf. Tofu brachte sie wieder zurück.
„Bitte sei nicht zu hart zu ihm. Er ist am Boden zerstört. Begleite ihn und gib ihm den Halt, den er braucht. Ich weiß, ihr steht euch näher, als ihr beide denkt.“ Der ältere Mann legte den Kopf schief und lächelte sie voller Wärme an. Er hatte Recht. Sie musste jetzt stark sein. Für ihn, für sie beide.
Akane verließ die Praxis und fand ihren Freund draußen an der Mauer gelehnt. Sein Kopf war tief gesenkt und er umschlang sich mit seinen kurzen Armen selbst. Aufmunternd legte sie eine Hand an seine Schulter. Er dreht sich weg und entzog sich ihr. Akane nahm es hin und ging los.
„Kommst du mit? Wir gehen heim, Kasumi wird das Mittagsessen bald fertig haben.“
Ranma sah auf, wusste sie von nichts? Hatte dieser Tofu also doch dichtgehalten? Er stieß sich von der Wand ab und folgte Akane mit etwas Abstand. Er wollte nicht, dass sie es wusste, das irgendwer es wusste. Er hatte beschlossen heute Abend die Familie zu verlassen und zurück nach China zu gehen, um diesem Fluch für alle Male ein Ende zu bereiten. Koste es was es wolle.
In Gedanken versunken hatte er gar nicht bemerkt, dass sie nicht nach Hause gingen. Erst als Akane stehen blieb und einen Arm vor ihm ausstreckte, sah er auf. Sie standen vor dem lokalen Krankenhaus. Er sah Akane finstern an, also wusste sie es doch. Er würde dem Arzt die Gurgel umdrehen, schwor er sich. Seine Freundin drehte sich zu ihm um und lächelte ihn voller Güte an. In ihren Augen konnte er aber Besorgnis lesen. Er schnaufte und wollte gehen, als Akane seine Hand ergriff um ihn daran zu hindern.
„Lass uns das gemeinsam angehen, Ranma. Denke nicht, dass ich dich alleine mit deinem Problem lasse.“ Er zögerte und baute einen gewissen Widerstand gegen den leichten Zug auf, den Akane auf seine Hand ausübte. Schließlich gab er nach und betrat mir ihr die große gläserne Eingangstür.

Auf der Station angekommen waren beide etwas eingeschüchtert. Hier und da hörte man jemand laut Jammern und Schreien. Krankenschwester liefen eilig hin und her, dann kam eine hochschwangere Frau an ihnen vorbei. Gestützt auf einen Gehwagen, schwer atmend und nass geschwitzt. Daneben ging ihr Ehemann entlang, hatte die Hand auf ihren Rücken legen wollen, worauf die Frau ihn anschnauzt, ihr sei eh schon so warm, da wolle sie seine Zuneigung nicht auch noch haben. Dann stöhnte sie laut und trat aus lauter Zorne über die Schmerzen dem armen Mann auf den Fuß.
Akane war etwas bleich im Gesicht, aber nicht so gespenstisch wie Ranma es war. Er drohte jeden Moment ohnmächtig zu werden, als sein Name aufgerufen wurde. „Saotome Rango?“
Die Rothaarige sah auf und erblickte das Gesicht einer Frau im mittleren alter, die sie liebevoll anlächelte. „Keine Angst.“ Sie winkte den beiden Mädchen zu.
Akane blieb an der Tür stehen und atmete aufgebracht, ihr war das alles unangenehm und wusste nicht wie sie sich verhalten sollte. Ranma wurde indessen von einer Krankenschwester zur Liege geführt. Bei dem Anblick stieg kalter Schweiß auf seine Stirn. So etwas hatte er noch nie gesehen. Dieser Stuhl, die Geräte, das alles kannte er gar nicht. Wie denn auch? Er war schließlich ein Mann! Seine Knie gaben nach. Akane und die Schwester fingen ihn auf und zogen ihn wieder zur ganzen Größe. „Stell dich nicht so an!“ ermahne seine Verlobte ihn. „Das mach ich jeden Monat.“, ein bisschen Geflunker konnte ja nie schaden, dachte sie. Ranma setzte sich auf den nach Folter anmutenden Stuhl und klemmte die Beine zusammen.
Die Tür von einem Nebenraum ging auf und eine ergraute alte Frau betrat den Raum. „Guten Tag! Saotome?“, fragte sie und ging auf den Jungen im Frauenkörper zu. Dieser nickte. „Mein Name ist Sato. Wir werden heute einen Ultraschall Ihres Bauches durchführen.“ Sie drehte sich zu Akane um, „Darf ich sie bitten, den Raum...“ „NEIN!“ Alle sahen zu Ranma der den Kopf wieder gesenkt hatte. „Bitte... Kann sie hierbleiben?“ Akane trat näher, sie würde sich nicht vertreiben lassen!
Die Ärztin nickte. „Wie sie möchten.“
Die Krankenschwester, die noch im Raum war, klappte die Beinhalterungen nach unten und den unteren Teil der Liege wieder nach oben. Man konnte sehen wie dem Jungen die Erleichterung durch den Körper fuhr.
„Legen sie sich bitte hin und machen Sie ihren Bauch frei.“, sagte die Ärztin und schaltete das Licht im Raum um die Hälfte nach unten und das Ultraschallgerät ein. Die Schwester zog die Vorhänge zu, während Akane sich auf die andere Seite der Liege stellte und Ranma eine Hand auf die Schulter legte.
Im nächsten Moment spürte der Rothaarige einen Druck an seinem Unterbauch und im Bildschirm taten sich viele unwirsche weiße Striche und Bogen auf. Weder er noch Akane konnten darauf irgendetwas erkennen. Die Ärztin fuhr mal hier hin und mal da hin, bis sie endlich die richtige Stelle gefunden hatte. „Nun, da muss ich ihrem Hausarzt Doktor Tofu recht geben.“, sagte sie und drückte ein paar Knöpfe. „Sehen sie diese schwarze kleine Blase hier?“, sie deutete auf ein Bild, das sie gemacht hatte und kreiste etwas ein. Dann bewegte sich das Bild wieder in Echtzeit. „Das ist ein schöner, eingenisteter Embryo.“ Sie nahm den Ultraschallkopf von Ranmas Bauch und wischte mit grauen Papiertücher das Gel, erst vom Kopf dann von seinem Bauch ab und reichte ihm dann noch ein paar, damit er den Rest wegwischen konnte. Unter Akanes Hand spürte sie wie sich Ranma verkrampfte. Sie konnte sich kaum vorstellen wie es in ihm nun aussehen musste. Ein Schwall von Furcht überkam sie.
Die Ärztin gab ihr ein Bild, da Ranma nicht reagierte. „Sie sehen sehr überrascht aus. Haben Sie selbst denn nichts gemerkt?“, als keine Reaktion kam, fügte sie hinzu, „Sie sind, nach dem ungefähren Zeitpunkt, den Sie uns mitgeteilt haben, in der fünften Schwangerschaftswoche. Für einen Herzschlag ist es noch etwas zu früh, aber der wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wenn sie das nächste Mal hier sind, können wir ihn hören. Sechs Millimeter ist es groß.“ Ranma richtet sich abrupt auf, sprang von der Liege und rannte aus dem Zimmer. „Huch, na so was...“, die Schwester hielt sich eine Hand vor den Mund.
„Bitte verzeihen Sie Doktor Sato. Sie ist sehr emotional.“, entschuldigte sich Akane für ihren Freund. Sie ging ihm nach und brauchte eine Weile bis sie ihn gefunden hatte. Leises jammern führte die Frau zu ihm.
„Lass mich in Ruhe!“, rief er als Akane die Tür zum Herren WC aufstieß. „Einen Teufel werde ich.“
„Ich will das nicht! Ich bin ein Mann, verdammt! Wie konnte das passieren?! Das ist unlogisch!“ Die drei Türen waren alle geschlossen und Akane bückte sich um zu sehen, in welcher ihre Freund saß. Dann ging sie zu dieser Tür und drückte sie vorsichtig auf. „Geh weg, sieh mich nicht an!“
„Du Dummerchen. Nichts hat sich geändert. Wieso also sollte ich dich nicht mehr ansehen dürfen?“
„Akane, ich will das nicht. Es soll gehen. Wie kann ich jetzt noch nach Hause gehen. Wie soll ich die Kampfschule übernehmen, wie soll ich dich…“, er brach ab und stützt sein Gesicht in die Hände. Akane zog die Augenbau traurig in der Mitte zusammen und biss sich auf die Unterlippe. Ranma da so sitzen zu sehen, zerbrach ihr, mal wieder, das Herz.
„Du bist so ein Idiot!“, rief sie dann halb laut und lies die Tür hinter sich wieder in das Schluss gleiten. „Du bist immer noch der gleiche Mensch für mich. Nichts hat sich geändert. Meine Gefühle sind immer noch die gleichen für dich. Und du wirst dich jetzt zusammen reisen und mit mir nach Hause gehen.“
„Akane, versteh doch. Ich will das Kind nicht! Ich bin ein Mann!“ Ein lautes klatsch hallte durch den Toilettenraum. Ranma sah sein gegenüber mit weit aufgerissenen Augen an. Dann hielt er sich die schmerzende Wange.
„Wie kannst du noch so etwas sagen. Du hast ein Leben in dir, das beendet man nicht einfach. Sei froh über diese Gabe und freu dich auf die Zukunft.“ zischte sie ihn Finstern an.
„Was soll ich denn schon für eine Zukunft haben?! Hä?“
„Eine mit mir, verdammt. Ich lasse dich nicht im Stich, wann verstehst du das endlich. Ich habe dich von Anfang an so akzeptiert wie du bist. Also akzeptiere ich auch nun das hier.“, sie deutete auf seinen Bauch. Unweigerlich legte er seine Hände auf ihn und sah hinunter. Akane tat es ihm gleich. Obwohl er eine Frau war, waren seine Hände und Finger kräftiger wie die einer jeder anderen Frau.
Auf Ranmas Lippen legte sich ein dünnes lächeln. Er war dankbar für ihre Freundschaft, dankbar dafür was sie schon alles durchlebt hatten in der relativ kurzen Zeit in der sie sich kannten.
„Wir haben so viel erlebt. So viele Kämpfe gemeinsam bestritten und gewonnen. Da werden wir diesen Kampf auch gewinnen, das versichere ich dir. Und du weist, dass unsere Familien hinter uns stehen werden. Egal was passiert“