Neue Wege

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
24.09.2018
14.04.2019
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Teil 34

Als Theresa an diesem Abend vom Dienst in Marcs Wohnung kam, saß dieser mit zwei Tassen Tee vor sich auf der Couch.
Anscheinend hatte er auf sie gewartet.

Seit dem Gespräch heute in seinem Büro, an dessen Ende Theresa förmlich aus seinem Büro geflüchtet war, hatte sie sich nicht mehr gesehen.
Sie hatte seinen Blick nicht mehr ausgehalten.
Hatte nur noch weg gewollt.
War aus der Situation geflüchtet.
Es war in dem Moment einfach zu viel gewesen.
Theresa hatte allein sein wollen.

Aber nicht, bevor Marc und sie sich lange angesehen hatte.
Stumm mit den Augen kommuniziert hatten.
Und dann war Marc noch dichter an sie herangetreten.
Hatte ihr über die Wange gestrichen.
Sie einfach nur angesehen.

Eigentlich war es irgendwie ein schöner Moment gewesen, hätte es das ganze Gespräch nicht gegeben.
Hätte Theresa sich nicht an Sergeji und Russland erinnern müssen.
An den Schmerz.

Theresa hatte sich nach dem Gespräch, das sie emotional sehr mitgenommen hatte, von einer OP in die nächste gestürzt.
Hatte versucht den Rest des Tages nicht mehr daran zu denken.

Natürlich, rational betrachtet, hatte sie gewusst, dass sich eigentlich mit Marc hätte weiterreden müssen.
Ihre sogenannte Beichte der Vergangenheit war der beste Anfang gewesen, endlich alles zu klären, aber es war nicht so einfach.
Endlich auch über die Zukunft zu sprechen.
Darüber zu sprechen, wie es weitergehen sollte.
Weitergehen würde.
Mit ihnen.

„Setz dich“, forderte er sie auf.

Theresa kam seiner Aufforderung nach.
Erwartungsvoll sah sie ihn an.
Sie hatte heute endlich mit ihm geredet.
Hatte Marc den schlimmsten Teil ihrer Vergangenheit offenbart.

Jetzt konnte es nur noch bergauf gehen.
Jetzt würde alles gut werden.
Da war sie sich sicher.
Nichts mehr stand zwischen ihnen Beiden.
Jetzt konnten sie positiv in die Zukunft blicken.
Und Theresa konnte endlich vergessen was ihr passiert war.
Konnte Sergeji für immer vergessen.
Mit diesem Kapitel ihrer Vergangenheit abschließen.
Endgültig.

„Das was du mir heute erzählt hast. Es tut mir so leid was dir passiert ist“, sagte Marc.
„Es ist Vergangenheit und ich will es vergessen. Für immer.“

Theresa hoffte, dass sie sich heute zum letzten Mal an Sergeji hatte erinnern müssen.
Das er endlich Vergangenheit wurde.
Sie ihn endlich für immer vergessen konnte.

„Wenn ich eine Sache über die Vergangenheit gelernt habe, dann, dass sie nie weg sein wird. Das es aber hilft, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt. Meine Impulskontrollstörung und meine Zeit im Gefängnis hätten damals beinah das zwischen uns zerstört. Und jetzt, deine Vergangenheit“
„Das kann man nicht vergleichen“ unterbrach sie ihn.

Marc hatte sich nach dem Gespräch heute viele Gedanken gemacht.
Hatte sich daran erinnert, was Theresa ihm erzählt hatte.
Früher erzählt hatte.
Von der Angst verlassen zu werden.
Von der Angst, Nähe zuzulassen und dann wieder enttäuscht zu werden.
Und heute die Sache mit Sergeji.
Alles hing irgendwie zusammen.
Das Alles hatte Theresa geprägt, so wie ihn seine Zeit im Gefängnis geprägt hatte.

Und die große Frage war jetzt, waren sie bereit trotz oder gerade wegen des Ballasts ihrer beider Vergangenheiten weiterzumachen?
Weiter an sich und einer Beziehung zu arbeiten.
Oder war es besser, wenn es nicht weitergehen würde.
Wenn sie nur noch Freunde blieben.
Gute Freunde und Eltern einer wunderbaren Tochter.

„Nein, dass kann man nicht vergleichen.  Aber  Theresa, ich hätte mir gewünscht, wenn du früher mit mir gesprochen hättest.“
„Du konntest doch damals auch nicht mit mir reden“, warf sie ihm vor.
„Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es uns beide beinah zerstört hätte. Und jetzt gibt es uns drei und gerade wegen Matilda müssen wir einen Weg finden-“
„Es ist doch alles gut. Du kennst doch jetzt die ganze Geschichte.“
„Aber deswegen können wir nicht einfach so da weitermachen, wo wir aufgehört haben“, widersprach Marc.

Er hatte lange darüber nachgedacht.
Natürlich verstand er Theresa und ihre Beweggründe.
Irgendwie jedenfalls.

Aber es machte ihn traurig, dass sie ihm so wenig vertraut hatte, dass sie es ihm nicht sofort erzählt hatte.
Das sie ihn solange im Dunkeln über soviele Dinge in ihrem Leben gelassen hatte.
Das sie ihn zu oft angelogen hatte.
Er hatte die Narbe auf ihrem Bauch bemerkt gehabt.
Die Narbe, von der OP an der Milz, wie er jetzt wusste.
Aber als er sie damals danach gefragt hatte, da hatte Theresa etwas von einem Fahrradunfall erzählt.

Oder die Sache zwischen Berger und Theresa.
Er hatte es von Julia erfahren müssen.

Was gab es noch, dass sie ihm verschwiegen hatte?

Das Vertrauen war nicht mit ein paar Worten wiederhergestellt.
Das ging nicht so einfach.
Nur weil er jetzt wahrscheinlich die ganze Wahrheit wusste, konnte er nicht so einfach vergessen und verzeihen.
Egal wie sehr sie es sich vielleicht Beide wünschten.

Aber es war zuviel passiert.

„Es ist zuviel passiert. Wir müssen Beide erst einmal damit klarkommen“, fügte er hinzu.
„Aber ich dachte-“
„Theresa, du hast nie ganz verarbeitet was dir in Russland passiert ist.“
„Es gibt nichts zu verarbeiten. Ich habe es dir erzählt und jetzt kann ich es endlich für immer vergessen.“
„Was dir passiert ist kannst du nicht einfach verdrängen. Es hat unser beider Leben beeinflusst. Weil du Angst vor der Erinnerung hattest, hast du mich von einem Teil deines Lebens ausgeschlossen gehabt. Dieser Sergeji hat dir so wehgetan, dass du mir fast 1 Jahr lang die Existenz unseres Kindes vorenthalten hast. Ich habe erst von Matilda erfahren, als sie drei Monate alt war. Und das auch nur, weil du plötzlich wieder in Erfurt aufgetaucht bist.“
„Ich weiß doch, dass das ein Fehler gewesen war.“
„Und was würde sein, wenn du wieder schwanger bist? Wirst du dann wieder für Monate verschwinden und erst wieder auftauchen, wenn das Kind auf der Welt ist?“

Beide sahen einander an.
Marc ahnte die Antwort auf seine Frage.
Theresa konnte ihm nicht versprechen, dass es in Zukunft besser sein würde.
Das die Angst vor der Vergangenheit nicht ihre Zukunft beeinflussen würde.
Ihr Leben als Paar.
Solange sie sich nicht mit ihrer Vergangenheit, mit ihrer Mutter und dem was Sergeji ihr angetan hatte, auseinandersetzte, würde es immer irgendwelche Probleme in ihrer Beziehung geben.
Würde es auch in Zukunft nicht einfacher werden.

„Und jetzt?“
„Ich denke, du solltest dir einen Therapeuten suchen“, schlug Marc vor.
„Ich brauche keine Therapie. Ich brauche dich.“
„Ich weiß.“

Marc griff nach ihrer Hand.

„Ich habe einmal zu dir gesagt gehabt, dass solange ich meine Impulskontrollstörung nicht im Griff habe, dass mit uns nichts werden kann. Ich denke, dass gilt auch für deine Vergangenheit. Aber Theresa, du musst da nicht alleine durch. Ich werde dir beistehen, als ein Freund, als guter Freund.“
„Ich will nicht, dass du nur ein Freund bist.“

Das wollte er auch nicht.
Er wollte nicht nur ein Freund sein.

Aber manchmal ging es nicht anders.
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