[Antigone] Αδελφε ἐμε!

GeschichteDrama, Familie / P12
24.09.2018
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Αδελφε ἐμε!



Bruder. Mein Bruder! Ich weiß, was sie gerade deinetwegen tut, und so sehr wie ich sie aufhalten will, so sehr will ich es ihr auch gleich tun. Will dir die letzte Ehre erweisen, auch wenn wir dir dann beide in den Tod folgen würden, Antigone und ich.

Bist du es mir nicht wert, die Regeln dieses Landes zu brechen; unsere Vorfahren ebenso wie die Götter zu beleidigen? Bist du, der du dich mutig gegen Gesetz und Bruder gestellt hast und dafür sterben musstest, und nun unter dem wie leer scheinenden Himmel liegst, es mir nicht wert? Darauf wartend liegst du, von den Hyänen und Geiern auseinander gerissen zu werden, so wie dein Herz schon zuvor zwischen der Liebe zu deinem Staat und der zu deiner Familie zerrissen wurde. Ich glaube, du würdest mich verstehen, wie auch ich das tun muss, was der Staat befiehlt, während gleichzeitig der Gedanke an dich unter dem blicklos starrenden Nachthimmel mich fast nach draußen flüchten lässt, Antigone hinterher, dich mit einer sanft-dunklen Erddecke zu wärmen.

Wenn ich an dich denke, ist es nicht der Soldat und Blutsverräter, den ich sehe, sondern ein kleiner Junge. Früher Spielkamerad, dann, als du älter wurdest und für ein kriegerisches Leben trainieren musstest, etwas fremder für mich, die junge Frau. Fremder, doch nicht weniger geliebt: der Glanz des Sonnenscheins auf deinem Schwert und wie gespiegelt in deinem dunklen Haar hat mich immer mit Stolz und Liebe erfüllt.

Das Letzte was glänzend dir entwich war dein dunkles Blut gewesen. Ich sah es nicht selbst, doch hinter meinen geschlossen Liedern verfolgt mich diese rote Lache unter der unbarmherzigen Mittagssonne. Getötet durch Bruderhand – töte ich, deine Schwester, dich nun noch ein Mal, wenn ich hier auf meinen Knien kauere und bete, statt mit meinen eigenen wunden Händen deinen Körper zu begraben? Du bist für diesen Staat gestorben, und für diesen Staat töte ich dich erneut.

Haimon, verzeih‘ mir!, flüstere ich in den Nachthimmel. Ich weiß nicht, ob du vergibst, doch das du verstehst, das weiß ich.
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