Menu tessu – Du bist alles für mich (Khuzdûl)

GeschichteDrama, Romanze / P18
21.09.2018
17.05.2019
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Schwer lasten die Bücher auf meinen Armen. Der Stapel auf ihnen so hoch, dass ich nur schleppend einen sicheren Weg durch die Bibliothek hin zu den Schreibtischen, an denen Balin bereits auf mich wartet, finden kann. Beauftragt hat er mich einige sehr sehr alte und sehr sehr staubige Exemplare der Büchersammlung im hintersten, selten betretenen Teil zu finden. Laut und unschicklich ist daher das Niesen, als ich sie auf den Tisch ablege und eine flimmernde Wolke aufsteigt, die in der Nase kribbelt und krabbelt.

„Ich danke dir Kind, aber du hättest sich nicht alle auf einmal tragen müssen“, tadelt Balin mit sanfter Stimme und reicht mir ein Taschentuch. „Euer Anliegen sie einzusehen klang sehr wichtig, Meister Balin, daher wollte ich sie Euch so schnell wie möglich bringen“, rechtfertige ich die Hast und wische mit den Stück Stoff über die schweißklebrige Stirn, auf der ich weiteren Staub vermute. Er nickt den Grund anerkennend und widmet sich wieder einem großen Stück Pergament, das ausgebreitet vor ihm liegt. Viele verwirrende Linien, Schraffierungen und Zahlen sind darauf zu erkennen.

Thorin beichtete mir, dass sein Berater von der Idee mich in den Stand einer dem Regenten dienenden Kammerzofe zu erheben anfangs nicht sehr angetan war. Ich vermute allerdings, dass nicht die gleichen Gründe die sein Bruder fürchtet dafür verantwortlich sind. Vielmehr sorgt er sich darum, dass ich zwischen den Mahlwerken aus arglistigen Kabalen und Ränken, hohen Ansprüchen und strengen Etiketten die bei Hofe gesponnen und gefordert werden verloren gehe und Schaden nehme. Zumindest erweckte er diesen Eindruck. Denn die ersten Lektionen die ich von ihm erhielt, vermittelten umfangreiches Wissen über die Zünfte und Gilden und ihre jeweiligen Vorsteher und Meister. Zudem eine Aufzählung der verschiedenen Adelsfamilien und wie diese zum Königshaus stehen. Wer welchen Posten innehat, was diese genau bedeuten, welch Einfluss und Ansehen mit ihnen verbunden ist und vor allem, vor wem ich mich besonders in Acht nehmen sollte. Denn nicht alle dienen uneingeschränkt loyal. Manipulation von unwissenden und leichtsinnigen jungen Dingern wie mir zu ihrem Vorteil, ist für sie ein leichtes.

Ministeriale* - zu denen nun auch ich zumindest vom vorgetäuschten Titel her gehöre, denn Thorin erhob mich ohne Grundlage in den Rang einer Comtesse** – Grafen und Gräfinnen, Fürsten und Fürstinnen, Herzöge und Herzoginnen, Amts- und Machtinhaber, die zu hunderten dem Hofstaat angehören. Eine ganze Maschinerie aus Prestige und Zeremoniell, in die man sich nur schwer einfügen kann. Aber glücklicherweise habe ich ja ihn und Thorin und Dwalin und Dís und Víli als Unterstützung an meiner Seite stehen. Mit ihrer zugesicherten Hilfe werde ich erfahren, wem ich vertrauensvoll begegnen kann und wem nicht. Zuallererst niemanden den ich nicht bereits kenne, und dies sind die wenigsten.

„Bist du aufgeregt wegen Morgen?“, fragt Balin plötzlich ohne die Aufmerksamkeit von seiner Arbeit abzuwenden und spielt darauf an, dass ich in Kürze das erste Mal einer Sitzung des Rates beiwohnen darf. Ich gebe offen zu, sehr. Allein der Gedanke daran lässt das Herz schneller schlagen und die Finger zittrig werden. „Mach dir keine Gedanken, außer dass dich einige der hohen Herren in ihrer Blasiertheit misstrauisch betrachten und dir die Gönnerschaft neiden werden, sind sie doch alle recht ehrenwerte Männer. Einige von ihnen zwar mit vorsichtig zu genießen, denn Eigennutz und dass ihrer Familien und Günstlinge zählt häufig mehr als dem für Königshaus und Volk, aber schnell begreift man, wie man sie mit List und Tücke ausbremsen kann.“

Nachdenklich senke ich den Blick. „Ich dachte, oder vielmehr hoffte, dass die Mitglieder des Rates nur im Interesse von Königshaus und Volk entscheiden.“ Balin verzieht den Mund zu einem bitterlichen Lächeln und wendet sich mir zu. „Das sollten sie, aber eine schillernde Illusion ist es, die noch niemals Wirklichkeit war und wohl auch niemals sein wird.“ Ich verstehe nicht. Wichtige Entscheidungen werden während den Sitzungen gefällt. Entscheidungen, die das Leben innerhalb des Berges beeinflussen, es schöner oder schlechter gestalten. Den Untergang eines ganzen Volkes heraufbeschwören oder ihm im günstigsten Fall zumindest Schaden zufügen könnten, sollten sie falsch oder unbedacht getroffen werden. Wie können daher persönliche Beweggründe überhaupt eine Rolle spielen. Ist dies nicht viel zu gefährlich?!

Balin bemerkt anscheinend die herrschende Zwistigkeit, denn er winkt mich zu sich heran. „Ich erkläre dir an einem Beispiel, das mich momentan bewegt, was ich damit meine“, sagt er und zeigt auf eine Stelle innerhalb der Zeichnung, die sich bei genauerer Betrachtung als ein detaillierter Bauplan des Berges herausstellt. „Seit einigen Monaten bereits schlagen einige der alten Deicheln***, die den Zufluss von Trinkwasser in die unteren Ebenen sicherstellen, leck. Die Versorgung wird langsam kritisch, viele Familien müssen ihr Wasser von weit entfernten Brunnen und anderen Stellen herbeischaffen. Da es ein Gebiet betrifft, in denen die meisten Bewohner Minenarbeiter sind und bis zu fünfzehn Stunden arbeiten, schicken sie ihre Kinder. Gestern besichtigte ich zusammen mit dem Meister des Berges die Schäden und erschrak, wie schwer selbst kleine Zwerglinge Eimer voller Wasser schleppen müssen.“ Er fährt mit dem Finger eine blau schraffierte Linie entlang, die von einem hoch gelegenen Einlass im östlichen Hang, dort, wo ein Fluss entspringt, hinunter zu den tief in den Berg gearbeiteten Ebenen verläuft, in denen ich einst zu Hause war. Oft wurde sie mit frischer roter Tinte durchbrochen. Viel zu oft.

Nachvollziehen kann ich nicht, warum er mir dies erläutert. Unverkennbar ist es für mich, dass den Bewohnern geholfen werden muss. Erneuert werden sollten die beschädigten, ausgehöhlten Baumstämme. Und zwar sofort, ungeachtet der hohen Kosten für die speziell ausgebildeten und raren Arbeiter, die das schwierige Handwerk einzig beherrschen. Aber Balin ist noch nicht fertig mit der Darstellung der Misere, die ihm womöglich bereits einige Tage Kopfzerbrechen bereitet. „Gleichzeitig aber, verlangen die Adligen, Gildemeister und Zunftvorsteher, allesamt durch Angehörige im Rat vertreten, dass anlässlich der Wintersonnenwende umfangreiche Verschönerungen in ihrem Wohngebiet vorgenommen werden. Wir können allerdings die wenigen verbliebenen Schreiner, Holzschnitzer und Steinmetze deren Auftragslage es zulässt in nur einer der Arbeiten binden und ich befürchte, dass der Rat sich in Eigennutz gegen das Lösen des Problems der Wasserversorgung aussprechen wird.“

Nun verstehe ich endlich und erschrecke zutiefst. Nicht nur Deichelbohrer sind nötig, sondern auch Handwerker, deren Einsatz an anderer Stelle zwar nicht unablässig gebraucht, aber gewünscht wird. Thorin wird sich dem Ansinnen der Ratsherren beugen müssen, wenn er ihre getreue Unterstützung nicht verlieren will. Ihren Zorn auf sich zu ziehen, wäre äußerst unklug in seiner momentanen, ungefestigten Situation als Herrscher. Auch wenn ich genau weiß, dass er genauso entscheiden würde wie Balin und ich.

Ich seufze traurig. Welch Last ist es nur unter diesen Bedingungen zu regieren. Welch Bürde genau zu wissen, dass man die falsche Anweisung gab. Sein Volk in Unglück ließ nur um das Schmieden von Ränken zu unterbinden. Nachvollziehen kann ich nun mehr denn je Thorins beständige Schwermut und das Verlangen ihr mit kleinen, ruhigen, davon befreiten Momenten zu entkommen. Obwohl dies wohl die schlechteste aller Taktiken ist. Wie gerne würde ich ihm nur helfen, mehr linder als nur Alleinsein und Verdrießlichkeit.

Balin derweil zieht sich eines der herbeigeschafften Bücher näher. Und nun wundert es mich nicht mehr, warum es sich Schriften über altertümliche Wasserwege kommen ließ. „Deshalb müssen wir eine andere Lösung finden“, sagt er plötzlich mit neuem Elan und schlägt die erste Seite auf. „Eine Lösung, die beiden Parteien gerecht und damit vom Rat freigegeben wird.“

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Wie erwartet zittrig vor Aufregung ersehne ich keinen Tag später zusammen mit Balin die Ankunft der Ratsherren. Getäfelt mit dunklem Holz ist der Blaue Saal, und es wundert nicht, dass entgegen seines Namens nicht ein Steinchen Lapislazuli zu sehen ist. Düster erscheint er dadurch, so gar nicht dafür geeignet wichtige Sitzungen in ihm abzuhalten, die Durins Volk zu einer hellen Zukunft verhelfen sollen. Vermutlich, weil die meisten der hier gefällten Beschlüsse ebenso lichtlos sind. Beschmutzt von Intrigen, Manipulationen und maßlosen Hunger nach Macht.

Einzeln oder zu zweit treten schließlich die noch fehlenden Mitglieder des Königsrates ein:

Der Meister des Feuers, Brander, ein noch recht junger Zwerg, kaum älter als Thorin, mit roten Haaren und grünen, wachen Augen, verantwortlich für die zahlreichen Renn- und größeren Hochöfen, Schmieden, Kokereien, Köhlereien und Glasmanufakturen, unterhält sich dabei angeregt mit dem Meister des Handels und des Handwerks, Abarron, der immer wieder die von der spitzen Nase rutschende Brille zurechtrücken muss. Zahlreich sind Gilden und Zünfte, denen er angehört und die er vertritt. Dementsprechend reichlich ist Einfluss und Macht innerhalb des Rates und Berges. Überaus deutlich sehen kann man es an prächtigen Gewändern, übermäßig vielen kostbaren Geschmeiden und vor allem den anmaßenden Gesichtsausdruck, als er mich, eine Frau, die nun die Sitzungen begleiten soll und zudem Günstling des Regenten ist, erblickt.

Dagegen mir auf den ersten Blick sympathisch ist Skirr, der Meister des Berges, zuständig für alle Belange die zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur und Versorgung, sowie der Bereitstellung von Wohnraum und Kultur notwendig sind. Denn obwohl er nicht weniger Einfluss besitzt als Abarron, so wirkt er mit seinem weißen Haaren und langen, schmucklosen Bart und den kaminfeuerwarmen Rehaugen eher wie ein gutmütiger Großvater, dem das Wohl seiner Kinder und Kindeskinder wichtiger ist als sein eigenes.

Gloin, von Thorin höchstpersönlich in das Amt des Meisters der Münze berufen, tritt hinter ihm ein. Obzwar der Jüngste der Ratsherren, übernimmt er eine der verantwortungsvollsten Aufgabe, nämlich die des Schatzmeisters des Königs. Er verwaltet jegliche Finanzen des Reiches und kann dadurch großen Einfluss auf Regierungsangelegenheiten nehmen. Er verfügt letztendlich, ob die benötigten finanziellen Mittel für einen Beschluss zur Verfügung stehen oder nicht.

Eines der wohl unterhaltsamsten Ämter hat der Meister der Flüsterer inne. Norgrim, in unauffälliges Sturmgrau gekleidet wie es seine Aufgabe fordert und seine Augen widerspiegeln, weiß natürlich längst durch die zahlreichen Spione und Informanten die ausschließlich ihm berichten, wer ich bin und sein Lächeln an mich gerichtet gleicht wohl auch deswegen eher dem Zähnefletschen eines Wolfes. Beständig erlangt er Kunde darüber was das Volk redet und welche Neuigkeiten ‚geflüstert‘ werden, egal ob außerhalb oder innerhalb des Berges. Kein Geheimnis existiert, das er nicht kennt, aber nach Balins Aussage kann er überaus feinfühlig beurteilen, welche es wert sind weiterhin nur Gemunkel zu bleiben. Gefahr droht mir nach seiner Einschätzung nicht durch sein erlangtes Wissen, denn einen Vorteil würde es weder Thorin, dem er ehrlich uneingeschränkte Treue schwor, noch ihm bringen, verriet er meine Herkunft.

Der Meister des Rechts, Rogni, eine erhabene Erscheinung ganz in schmucklosen, schwarzen Gewändern, berät König und Rat in juristischen Angelegenheiten. Zudem erarbeitet er Gesetzesentwürfe und vertritt diese während den Sitzungen und nach der Legitimation vor dem Volk. Aber auch das Fällen und Vollstrecken von Urteilen wird durch seine integre und allein durch ihn befehligte Hand ausgeführt. Zumindest in solchen Angelegenheiten, die geringfügig sind und dem Herrscher nicht unbedingt vorgetragen werden müssen. Brodgars Verurteilung wurde womöglich durch ihn ausgesprochen. Herzog Storr hingegen erhielt aufgrund seiner trotz alledem immer noch geltenden hohen Stellung das Strafmaß der Haft und kurzzeitigen Verbannung direkt aus Thráins Mund.

Víli als Meister des Heeres und an seiner Seite Dwalin in seiner Funktion als Kommandant der Königsgarde, genauso wie sein einstmals wohlbekannter Adjutant, der mir mittlerweile als Hargin vorgestellt wurde und zum Befehlshaber der Stadtwache aufstieg, betreten als letztes den Saal. Alle drei nicken freundlich lächelnd zur Begrüßung, als sie mich erblicken und ich bin dankbar für ihre Anwesenheit, die mir spürbar zusätzlichen Halt zu dem Balins in der Aufgeregtheit gibt. Als Hand des Königs und damit Vorsitzender des Rates, hat er das mächtigste und einflussreichste Amt inne. Enorme Autorität und einhergehende, kaum für mich begreifliche Verantwortung lastet auf seinen jungen Schultern, denn er ist der engste Berater des Königs und sogar berechtigt, in seinem Namen Entscheidungen zu treffen.

Als letztes und mit einiger Verspätung, so wie es seine Position geradezu verlangt, trifft Thorin ein. Das erste Mal sehe ich ihn während der Ausführung seiner Pflichten und oh, bei Mahals mächtigen Einfluss auf dieses Erhabenste all seiner Geschöpfe, ehrwürdiger und herrschaftlicher als jemals zuvor wirkt er, obwohl ich immer annahm, seine Erscheinung könnte nicht majestätischer werden als ohnehin bereits. Aufrecht ist die Haltung, fest, bestimmt der Gang, gehaltlos der Gesichtsausdruck, unbeugsam die Gestalt eines zukünftigen Königs. Er strahlt solch Würde und Stolz aus, dass die Düsternis des Raumes um ihn herum vergeht, eine Aura des Lichts, flimmernder Glanz und prächtige Herrlichkeit geradezu schmerzhaft aber dennoch willkommen die Augen blenden.

Tief verbeugen sich die Anwesenden vor Ihrer Hoheit. Die schwere Ehrfurcht ist greifbar, selbst der mächtigste Ratsherr erbietet sie ihm mit aller Aufrichtigkeit. Dennoch, Thorins Macht ist beständig gefährdet. Lediglich als Prinzregent, als Stellvertreter seines Vaters, lenkt er die Geschicke des Berges. Offiziell gekrönt kann er nur werden, sollte … nein, danach strebt weder er noch wir und selbst das Mutmaßen beschwört brennende Tränen herauf. Es auszusprechen wagt daher niemand. Jeder fürchtet, allein der Gedanke daran könnte das Schreckliche herbeiführen.

Schließlich hat Thorin seinen Stuhl, der größer und reich verzierter ist als die anderen, am Kopfende des Tisches erreicht und in der Folge eines begrüßenden Nickens, nachdem er darauf Platz nahm, dürfen sich auch alle anderen Ratsmitglieder niederlassen. Alle, bis auf mich, denn bereithalten muss ich mich für Anweisungen und Wünsche, die er oder Balin an mich richten könnten. Daher Stellung bezieh ich hinter ihnen. Unauffällig, im Verborgenen bleibend und still, so wie es sich für eine Dienerin gehört.

Allerdings überaus interessiert und aufmerksam verfolge ich die Debatten über auslaufende und neu zu schließende Handelsverträge mit den benachbarten Siedlungen der Menschen und den Zwergenreichen der Feuerbärte und Breitstämme, die einst unter den Hängen des Ered Luin erwachten und dort bis heute blieben … bleiben konnten. Gerüchte über eine Schar Orks, die in einer alten Festung unweit unserer Tore hausen soll, werden ernst genommen und Víli angewiesen eine Kompanie seiner Mannen zur Überprüfung zu entsenden. Und dann endlich, wird das mir so am Herzen liegende Thema der unterbrochenen Wasserversorgung behandelt.

„Die Situation ist haltlos“, merkt Skirr mit ruhiger, bedeutungsschwangerer Stimme an, „nur zwanzig Prozent Trinkwassers gelangt nunmehr durch die vielen undichten Stellen an den Deicheln dorthin wo es dringend benötigt wird.“ Betroffenes Raunen bei einigen seiner Amtsbrüder und ein kleiner Funke Hoffnung entsteht, dass Balin unrecht hatte und keine Widersprüche eingereicht werden. Aber dann: „Die Sanierung würde viel Geld, Zeit und Arbeitskraft kosten, Dinge, die wir nicht haben“, wirft Abarron ein und nur mit Mühe kann ich ein verdrießliches Seufzen, das gefahrlaufen würde mehr einem verärgerten Fauchen zu gleichen, unterdrücken. „Ein großer Teil der Steinmetze und Schreiner ist noch mit der Wiederherrichtung der westlichen Hauptbrücke beschäftigt, die bei einem Steinschlag beschädigt wurde. Die Arbeiten dürften noch bis Ende des Monats andauern und danach erbaten sich bereits einige Bewohner des hohen östlichen Flügels eine Statue, einen Brunnen oder Ähnliches, mit denen man das bevorstehende Wintersonnwendfest gebührend ehren kann.“

Balin lehnt sich entspannt in seinem Stuhl zurück, erwartete er doch bereits diesen Grund um dringende Arbeiten aufzuschieben und ist darauf vorbereitet. „Dieses Anliegen ist mir bekannt, Herzog Abarron, aber …“, auffordernd winkt er nach mir und ich übergebe ihm aufgeregt die bereits lange in Händen gehaltenen Pläne, die wir gemeinsam schmiedeten, „… ich möchte Ihnen, werte Ratsmitglieder, einen Vorschlag unterbreiten, der wohl beide bedürftige Parteien zufriedenstellen wird.“

Mit einem erwartungsvollen, geradezu verschmitzten Lächeln entrollt er das Pergament und präsentiert eine detaillierte Zeichnung des östlichen Teils des Berges. Skirr neben ihm ist mit seinem Wissen über Architektur und Baukunst der Erste, der begreift, was sie darstellt und auch er kann ein vergnügtes Lächeln nicht unterdrücken. „Ich verstehe nicht, Herzog Balin, was soll dies veranschaulichen?“, fragt Abbaron nach und Balin richtet sich voller Stolz auf. „Nun, dann werde ich es Euch erklären. Die Deicheln vom östlichen Berghang bis hinunter zu der ersten Verzweigung, die das Wasser in die unterschiedlichen Bereiche leitet, sind intakt. Die lecken Stellen entstanden erst auf der Zuleitung in die unteren östlichen Ebenen, nachdem sie den Flügel der Adligen versorgten. Da Ihr anmerktet, dass wir momentan nicht genügen fähige Handwerker entbehren können, um die nötigen Arbeiten in beiden Bereichen zu erledigen, ist dies mein Angebot an die Meister des Berges und des Handwerks und ich hoffe, sie werden Ihrer Hoheit die Empfehlung geben es umsetzen zu lassen.“ Balin beugt sich erneut über den Plan und fährt erklärend mit seinem Finger die von mir sorgfältig eingezeichneten Linien entlang. „Es werden Durchbrüche zwischen den unterschiedlichen Ebenen geschaffen, durch die das Wasser fließen kann. Dort wo eine Verschönerung gewünscht wird, sprudelt es beruhigend über Kaskaden, bildet hübsch anzusehende kleine Wasserfälle und -spiele und gelangt so in die unteren Ebenen, wo es Brunnen und Zisternen speist und die Versorgung für die Bürger wieder sicherstellt.“

Stille. Kein Mucks ist zu hören. Dennoch öffnen sich Münder rings um den Tisch. Thorin dreht den Kopf und sieht Balin ungewohnt sprachlos an. Víli faltet in dem misslingenden Versuch das geradezu schadenfrohe Lachen zu verbergen die Hände vor dem Mund zusammen. Dwalin lehnt sich zufrieden zurück und betrachtet mich unerwartet mit auffallend anerkennendem Stolz. „Die Arbeiten sollten innerhalb eines Monats abgeschlossen sein und lediglich einen Bruchteil derer an Handwerksleistung und Geld kosten, hätten wir beide Maßnahmen separat geplant.“

Alle Augen richten sich nun abwartend auf Skirr und Abbaron. „Hoheit, ich möchte Euch vorschlagen, den Plan den sich Herzog Balin so überaus klug erdachte frei zu geben und unverzüglich weitere Maßnahmen in die Wege zu leiten, damit die Arbeiten schnell begonnen werden können.“ Der Meister des Berges stimmt zu. Nichts anderes habe ich von ihm erwartet. Der des Handwerks räuspert sich auffallend laut, um seine Würde wieder zur Contenance zu bringen. „Ich unterstützen den Vorschlag von Herzog Skirr“, kommt letzten Endes auch von ihm, zähneknirschend zwar, aber die Freude die mein Herz erfüllt ist kaum zu beschreiben.

Thorin gibt nach der noch fehlenden, aber hierbei nur eine Formalität seienden Freigabe Gloins, ohne weitere Fragen zu stellen oder Meinungen zu hören, Anweisung das Vorhaben genauso wie von uns geplant umzusetzen. Erst danach und nachdem sich Balin sichtlich gut gelaunt und nun wieder von allen bedrückenden Gedanken entlastet setzte, beugt er sich zu ihm. „Wie kamst du auf solch einen genialen Einfall?“, fragt er ihn flüsternd, gleichwohl kann ich es hören, denn noch immer stehe ich direkt hinter ihnen. Balin lächelt, sieht kurz über die Schulter zu mir und wispert seinem Prinzen ein Geheimnis zu. „Ist das so?“, fragt er noch einmal nach und Balin nickt einzig.

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„Balin erzählte mir voller Anerkennung, dass du die Idee hattest … du ganz allein.“ Von seinem unerwarteten Geständnis am auf diesen ereignisreichen Tag folgenden späten Abend überrumpelt, halte ich in dem Vorlesen inne und lege das Buch auf die im Schneidersitz verschränkten Beine ab. Von einem plötzlich entstehenden Schuldgefühl geplagt, halte ich den Blick allerdings gesenkt. Er nahm den Vorschlag zwar an, muss aber nicht zwingend mit ihm einverstanden sein. Wie mit so vielen.

„Ich las lediglich von der Fallkraft des Wassers und fand einen Bericht aus der Zeit Belegosts, in der man sich diese auf gleiche Art zunutze machte.“ Leise und zitternd ist meine Stimme, verunsichert … vor allem ängstlich. Vielleicht will er mich dafür schelten, dass ich mich in die Angelegenheiten des Rates einmischte. Ihn beeinflusste und damit womöglich eine ungünstige Bestimmung heraufbeschwor. Heraus nahm ich mir gewissermaßen zu viel in meiner bescheidenen Stellung, die doch lediglich unterstützenden Charakter innehaben sollte.

Aber plötzlich erhebt sich Thorin und lässt sich schwer vor dem Sessel, in dem ich sitze, auf die Knie sinken. Bang wird mir. Warum nur kniet er vor mir!? Er sollte es nicht. Er ist der Mächtigste unseres Volkes. Er darf keine Demut zeigen, Bewunderung und Ehrerbietung bezeugen, vor niemanden und schon gar nicht vor mir. Dennoch. Zärtlich umfassen seine Hände die meinen, kräftig, warm, und hauchen einen Kuss darauf. „Uzfakuh, welch Glück nenne ich nur Mein, dich zu haben.“

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* Ministeriale, oder auch Dienstadelige genannt, waren meist unfreie in königlichem oder kaiserlichem Dienst stehende Angehörige des Hofstaates, sowie Ritter, Richter, Gelehrte, Ärzte usw., denen der Herrscher eine Stelle an seinem Hof oder im Dienste des Reiches verliehen hatte. Der damit einhergehende Adelstitel und verbundene Privilegien, wie z.B. Grundbesitz, waren vererblich.

** Den Titel Comtesse trägt die unverheiratete Tochter eines Grafen.

*** Eine Deichel (oder auch Teuchel) ist der Vorläufer des modernen Wasserrohrs. Ein möglichst gerader Baumstamm wurde durchbohrt und somit eine Röhre geschaffen. Das Verfahren war sehr aufwendig und verlangte großes Geschick, da man meist von beiden Seiten ansetzen musste, um eine maximal zehn Zentimeter im Durchmesser betragende Aushöhlung in die langen Stämme bohren zu können. Verbunden wurden die Rohre durch Eisenschellen, die man zusätzlich mit Pech abdichtete.
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