Wataris Erbe

von Ohayo
GeschichteAllgemein / P16
L OC (Own Character)
19.09.2018
12.07.2019
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Starre


Als Ed die Augen aufschlug, sah er den schwarzen Hauch von Nichts. Auch sein Orientierungssinn war vernebelt. Jedoch bemerkte er, dass er auf weichem Untergrund lag. Regungslos starrte er in die Dunkelheit, so glaubte er zumindest. Äußerst unangenehm empfand er dabei den überaus penetranten Geruch, der in seiner Nase gefangen zu sein schien. Genau wie in jener seltsamen Nacht in seinem Haus. Hinzu kam, dass es ihn fröstelte, nachdem er vergeblich versuchte, Arme und Beine zu bewegen. Es gelang ihm einfach nicht.
Aus nächster Nähe drang fleißiges Tippen an seine Ohren. Glücklicherweise erinnerte er sich sofort wieder an das, was vorgefallen war.
»Oh. Wieder wach?«, drang Ls monotone Stimme in sein gelähmtes Bewusstsein. »Schonen Sie sich noch. Die Wirkung des Betäubungsmittels lässt nur allmählich nach.«
»Großer Gott! Was haben Sie getan?«, lallte Ed größtenteils unverständlich. L jedoch schien jedes Wort genau zu verstehen.
»Ich habe Ihnen ein volatiles Anästhetikum verabreicht. Eine Spezialanfertigung. Exklusiv für Wataris Einsätze. Gerne weise ich Sie darauf hin, dass Sie gerade einmal die Ausdünstungen einer einzigen Einheit inhaliert haben. Gehen Sie in Zukunft also sparsam damit um.«

Wenig begeistert lauschte das Versuchskaninchen Ed Ls folgenden Worten:  
»Beginnen wir mit einem kleinen Ausflug in die Chemie. Die bekanntesten Vertreter des Ihnen verabreichten Anästhetikums sind Isofluran und Sevofluran. Wie die Namen schon verlauten lassen, stammen sie aus der Gruppe der Flurane. Bereits in Ihrem Haus in London wurden Sie mit einem Isofluran-Gemisch betäubt. Ich hingegen habe dieses Mal die Sevofluran-Mixtur verwendet. Den Unterschied dürften Sie nun also kennen. Und das sollten Sie auch, wenn Sie selbst damit arbeiten. Ein solches Gemisch ist für Ihre Einsätze Gold wert. Und ich selbst finde es auch ganz amüsant.«
Plötzlich endete das permanente Tippen und der Raum wurde durch eine golden schimmernde Lampe erleuchtet. Ed vernahm kaum hörbare Schritte.  
»Keine Sorge. Die Bewegungsunfähigkeit geht vorbei. In maximal zwanzig Minuten sind Sie wieder ganz der Alte. Diese Zeit sollten Sie in Zukunft dafür nutzen, sich schleunigst aus dem Staub zu machen, während sich Ihr Opfer von der Betäubung erholt.«
Die verschwommenen Umrisse eines weißen Shirts näherten sich und Ls Stimme gesellte sich dicht an sein Ohr. Der Unterton jagte ihm einen gehörigen Schauer über den Rücken.
»Passen Sie gut auf diese Mixturen auf. Auf keinen Fall dürfen sie in falsche Hände geraten. Apropos Hände. Um sich bewegen zu können, sendet Ihr Gehirn über das Rückenmark Befehle an Ihre Muskulatur. Diese Funktion ist aktuell ausgeschaltet. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie nichts mehr spüren… «
Ein kalter Gegenstand fuhr auf der obersten Hautschicht unter Eds Auge entlang. Jegliche Berührung damit fühlte sich an wie ein Schnitt. Oh ja, Ed konnte alles spüren. Selbst er empfand diese Situation mehr als unangenehm, auch wenn er wusste, dass L ihm nichts tun würde, sondern ihm eine kleine Vorstellung davon bot, wie er solche Situationen in Zukunft handhaben könnte.
»Natürlich gehört diese Klinge ebenfalls zu Wataris Equipment. Ein taktisches Überlebensmesser mit dem passenden Namen ‚Alice‘. Hübsch, nicht? Und keine Sorge, die Klinge misst zwar nur sechszehn Zentimeter; ist aber von einem wahren Meister des Stahls handgefertigt und schneidet so ziemlich alles. Ist also äußerst schmerzhaft…«, zischte L bedrohlich. Ed hingegen kniff instinktiv die Augen zusammen, jedoch reagierte seine Gesichtsmuskulatur kein bisschen.
»Alice ist, wie Sie sehen, hervorragend dafür geeignet, jemanden einzuschüchtern!«
Ed atmete erleichtert aus, als die Klinge von seinem Gesicht wieder abließ. Das weiße Shirt entfernte sich und schon kurz darauf ertönte wieder flinkes Tippen.

Racheszenarien jeglicher Art begannen Eds blühende Fantasie zu beflügeln, während er darauf warten musste, dass sein Körper wieder funktionierte. Ein kleiner Lichtblick waren die blinkenden Warnlichter der Wolkenkratzer, die er in weiter Ferne wieder unscharf erblicken konnte. Und fast war er erfreut, dass L ihn mit seinen weiteren Erläuterungen aus seinen Gedanken riss.

»Verständlicherweise möchten Sie wissen, was genau in jener Nacht passiert ist? Nun, die Kurzfassung lautet, dass Sie betäubt wurden, um Ihnen Blut abzunehmen und an Ihre Fingerabdrücke zu gelangen. Damit ein reibungsloser Zugang zu Wataris System gewährleistet war. Bei dieser großartigen Gelegenheit hat Wedy das Weinglas und den Brief Ihrer ehemaligen Lebensgefährtin mitgehen lassen. Und natürlich alle Überwachungssysteme und Hinweise entfernt, um Sie abermals davon zu überzeugen, dass in Ihrem Haus etwas gewaltig nicht stimmt. Zu meinem Bedauern reagierten Sie dabei äußerst fahrlässig...«
Ls Vorwurf gewann durch die langgezogene Ruhepause noch mehr an Bedeutung. Und wer zum Teufel war Wedy?
»…Sollten Sie also das nächste Mal Unstimmigkeiten in Ihrer Umgebung feststellen, kontaktieren Sie mich sofort. Haben Sie verstanden?«

Dieser unmissverständliche, gar aggressive Ton brannte sich in Eds Kopf. Natürlich war es im Nachhinein fahrlässig gewesen, die Sache zu verschweigen. Vor allem in seiner neuen Rolle als Watari. Letztendlich hätte ihm seine Verschwiegenheit im Ernstfall das Leben kosten können.
Immerhin hatte er damals zumindest kurz darüber nachgedacht, L zu informieren.

»Es hat mich gekränkt, dass Sie mich nicht über diesen sorgenvollen Umstand unterrichtet haben!«
L ignorierte Eds unverständlichen Einspruch und ging gleich zum nächsten Thema über.  
»Sie möchten sicher auch gerne erfahren, was es nun mit dem Mori-Fall auf sich hat. Ich nutze daher Ihre Schweigsamkeit und erläutere Ihnen, worum es geht. Es betrifft Sie selbst nämlich in besonderem Maße.«

Beinahe hätte Ed einen Jubelschrei ausgestoßen, als er bemerkte, dass sich seine Zehen ein wenig bewegen ließen. Doch dass der Fall ihn selbst betreffen würde, ließ ihn das folgende Szenario äußerst hellhörig betrachten: L tauchte vor seiner Bildfläche auf und schob den Sessel vor sich her. Gelangweilt meinte er »Ich empfinde es allerdings als ein wenig seltsam, zu Ihren Füßen zu sprechen…«.
Und obwohl ihm Ed am liebsten den Hals umgedreht hätte, formten sich seine Lippen zu einem Lächeln. Kaum thronte L auf seinem Sessel und starrte unversehens auf Ed, erhob er sich und verschwand wieder. Aus Eds Blickwinkel sah es kurz darauf so aus, als würde sich der Süßigkeiten-Tisch autonom zu Ls Sessel hinbewegen. Wie aus dem Nichts tauchte L wieder auf; hatte das Laptop unter den Arm geklemmt. Erneut bequemte er sich in gewohnten Sitzposition auf das bequeme Sitzpolster. Passend dazu leuchteten im Hintergrund die roten Warnlichter, die Ed immer klarer erkennen konnte. Mit regungsloser Miene klappte L das Laptop auf, stellte es kerzengerade auf die Lehne und starrte wie gebannt zwischen selbigem und Ed hin und her.
»Fangen wir damit an, dass ich eine interessante Nachricht von Jacques Leroy, dem Präsident der Interpol, erhalten habe. Er ließ mir eine Audio-Datei eines Anrufs zukommen. Ich hörte mir diese Datei natürlich an. Der Anrufer sprach mit technisch veränderter Stimme und bat explizit darum, L mit einer Identitätsklärung zu beauftragen.«
Hätte Ed belustigt dreinschauen können, so hätte er dies getan. Weshalb kontaktierte man L über Interpol? Das ergab zwar wenig Sinn, er selbst wusste jedoch auch nur einen anderen Weg. Theoretisch kontaktierte man L nämlich über Watari.

L hantierte derweil mit gespreizten Fingern auf seinem Laptop.
»Ich habe Ihnen die Nachricht weitergeleitet. Schauen und hören Sie sich die Nachricht morgen an, denn es wird Ihr erster Fall. Und ich bin sehr gespannt, wie Sie sich dabei schlagen werden.«
Aus Ls Mimik konnte man, wie immer, nur wenig herauslesen. Ausdruckslos sah er auf seine nackten Füße hinab. Wieder einmal fragte sich Ed, was in seinem Kopf wohl vor sich ging. Die Sache mit der Identitätsklärung hatte er ja verstanden, doch was hatte all das mit ihm selbst und dem abgeschlossenen Mori-Fall zu tun?
Ed krächzte: »Identitätsklärung? Und von wem?«
L hob den Kopf. »Quillsh Wammy.«

Ed riss die Augen auf, weil er das soeben Ausgesprochene kaum glauben konnte.
Jemand hatte L damit beauftragt, Quillsh Wammys Identität zu hinterfragen?
Weshalb zum Teufel, dachte sich Ed fast panisch? Wusste etwa jemand, dass Wammy Watari gewesen war? Aber wieso wollte derjenige dann, dass L diesen Auftrag übernahm? Es sollte eigentlich jedem klar sein, dass Watari und L zusammen arbeiteten.
»Zügeln Sie Ihre Gedanken«, sagte L in weiser Voraussicht. »Interessanterweise wurde Watari in keiner Weise erwähnt!«
Das beruhigte Ed jedoch keineswegs. Denn je mehr er darüber nachdachte, desto mehr Fragen kreisten durch seinen Kopf. Stand etwa Wataris Identität auf der Kippe? Hatte es eine Bedeutung, warum ausgerechnet L mit der Klärung beauftragt werden sollte? War es ein Hinterhalt?

Das Ganze stank zum Himmel und betraf ihn mehr, als ihm lieb war, stellte Ed mit erhöhtem Puls und in nerviger Starre fest. L hingegen fing an, die Erdbeertorte, die nur eine Armlänge von ihm entfernt war, weitaus interessanter zu finden.
»Sicher schwirren nun unzählige Fragen in Ihrem Kopf«, sprach L, der eine Gabel zwischen die Finger nahm. »Und da Sie Anfänger sind, werde ich Ihnen etwas unter die Arme greifen. Also habe ich bereits etwas recherchiert, um erstens den Ernst der Lage und zweitens Ihre Eignung für den Fall herauszufinden. Die Analyse der Audio-Aufzeichnung ergab, dass es sich um einen männlichen Anrufer handelte. Er benutzte ein Mobiltelefon, welches wiederum zum Zeitpunkt des Anrufs Signale aus dem Stadtteil Shibuya sendete. Genau genommen aus einem Kaufhaus namens Shibuya 109. Die Überprüfung ergab, dass es sich um das gestohlen gemeldete Mobiltelefon von Yuna Ishikawa handelte; unserer ehemaligen Kronzeugin im Mori-Fall.«

Mit der Gabel trennte L ein Stück der Torte ab und führte die Gabel nachdenklich in Richtung Mund. »Und wie groß glauben Sie, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beauftragung Ls mithilfe des gestohlenen Mobiltelefons einer ehemaligen Kronzeugin reiner Zufall sind?«
Ein Kribbeln durchfuhr Eds Körper, als er tief ausatmete und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. »Ich schätze die Wahrscheinlichkeit als sehr hoch ein!«, antwortete er klar. Seine Zunge reagierte nun fast ohne Einschränkungen, was L den Zeigefinger heben ließ.
»Korrekt! Genau genommen 71,69 Prozent!«
Dann schob er sich die Gabel in den Mund und genoss das Stück Torte sichtlich.
»Wie ich sehe, empfangen Ihre Muskeln wieder Signale«, sprach er mit vollem Mund. »Aber zurück zum Mori-Fall. Wie ich bereits sagte, wurde Watari in der Audio-Datei nicht erwähnt. Was wiederum die Frage aufwirft, ob dahinter eine Absicht steckt? Mal ganz davon abgesehen, dass sich außerdem die Frage stellt, ob der Auftraggeber überhaupt mutmaßt, dass Quillsh Watari gewesen war? Sie sollten also schnellstmöglich herausfinden, was unser Anrufer mit dem Mori-Fall zu schaffen hatte?«
Ed sah etwas hilflos drein.
»Das wird also meine Aufgabe sein?«, fragte er und schaffte es endlich, sich schwerfällig zur Seite zu drehen.
»Korrekt. Sie werden für Ihren Auftraggeber herausfinden, wer dahintersteckt und der oder den betreffenden Personen das Handwerk legen«, erklärte L, der erneut in der Erdbeertorte herumstocherte.
»Mein Auftraggeber? Wer soll das bitte sein?«, fragte Ed entgeistert.
Mit dem Mund voller Erdbeertorte und einem Hauch Überraschung legte L seinen Kopf schief:
»Na ich! Wer sonst?«
Einen Moment schwieg Ed, um die Worte sacken zu lassen.
»Natürlich. Mein Gehirn scheint noch eingefroren zu sein. Das Zeug haut übrigens voll rein!«, antwortete der Beauftragte, während sich L die nächste Ladung Zucker in den Mund schob und sich aufmachte, wieder aus Eds Bildfläche zu verschwinden. Umgehend folgten Tisch und Sessel.
»Wie gefällt Ihnen eigentlich der Name John Denker?«, fragte L während seiner Umbaumaßnahme. Ed beobachtete ihn nachdenklich und versuchte, sich aufzusetzen.
»Er ist… gewöhnungsbedürftig!«
Sofort eilte L herbei, packte Eds Hand und zog ihn ohne Mühe hoch, damit er sich aufsetzen konnte.
»Der Grund für den Namen wird sich Ihnen noch erschließen, da bin ich sicher!«, sprach L und schwang sich wieder gemütlich auf seinen Sessel.

Es fühlte sich großartig an, nicht mehr in seinem eigenen Körper gefangen zu sein. Eds Blick fiel auf den ominösen kleinen Koffer, der auf dem Tisch vor ihm stand. L musste ihn dorthin gestellt haben.
»Sie dürfen ihn gerne öffnen. Der Inhalt ist für Sie.«
Skeptisch flogen Eds Blicke zwischen dem Detektiv und dem Koffer hin und her.
»Springt mich da auch nichts an, wenn ich ihn öffne?«, fragte er vorsichtshalber.
L schüttelte den Kopf und sagte: »Nein.«
»Und erneut ins Koma falle ich hoffentlich auch nicht…?«, erkundigte er sich mit kritischem Blick. Auch hierauf schüttelte L den Kopf.
Mit den Fingern fuhr Ed über das raue Hartschalenplastik und genoss es ein weiteres Mal, sich wieder frei bewegen zu können. Mit ein wenig Fummelei hatte er den Dreh zum Öffnen des Koffers bald heraus. Zuerst drückte man den einen Sicherheitsdruckknopf und dann direkt im Anschluss den anderen. Ein leises Klicken gab zu verstehen, dass sich das Schloss geöffnet hatte. Dann hob Ed den Deckel vorsichtig nach oben. Mit großen Augen und offenem Mund starrte er L entgegen.

»Noch ein schönes Spielzeug für Watari. Ich wusste, dieses würde Ihnen ganz besonders gefallen.«
Mit der Kuppe seines Zeigefingers glitt er über die glänzende Oberfläche mit den vielen handgefertigten Einkerbungen. Das silberne Metall verpasste Ed eine Gänsehaut. In schwarzem Samt verpackt lag dort eine Walther P22. Eine Automatikpistole, die in England nur als Schreckschusspistole zugelassen war. Dieses Baby hier war die Erwachsenen-Version! Daneben befanden sich drei weitere Magazine, eine ganze Ladung Munition, eine Taschenlampe, ein Schulterholster, das Überlebensmesser mit Namen ‚Alice‘, mit welchem L vorhin in seinem Gesicht herumgefuchtelt hatte und ein glänzender, pechschwarzer Schalldämpfer inklusive einem Weitblick-Objektiv.
Grinsend meinte Ed: »Die ist aber höchst illegal, nicht wahr?«
»Für die meisten Menschen schon. Für Watari hingegen nicht!«, entgegnete L verschmitzt.
»Und was ist das hier?«, fragte Ed mit Blick auf zwei winzig kleine Knopfzellen, die ihn an Batterien erinnerten. Ls Fokus richtete sich auf das kleine Extrakästchen, in welchem die beiden Zellen verstaut waren.
»Das ist das sogenannte SIS. Das Spying & Information System zwischen L und Watari.«
Es klang seltsam, dass L in der dritten Person sprach. Ganz so, als würden er von fremden Personen sprechen.
»Haben Sie sich denn schon ein weiteres Pseudonym überlegt, welches für Sie nicht ganz so ‚gewöhnungsbedürftig‘ ist?«, wollte L wissen, während er sich wieder mit seinem Laptop beschäftigte. Ed hätte nur zu gerne gewusst, was er ‚nebenbei‘ so alles erledigte. Doch die Tatsache, dass er sich natürlich kein weiteres Pseudonym überlegt hatte, ließ ihn blitzschnell improvisieren: »Nolan Hayes.«
L wirkte aufrichtig erstaunt. »Das ist …interessant…«
»Ach ja? Weshalb? Aber der Name ist cool, oder? Könnte sogar fast der Name einer Actionfigur sein!«, schwärmte Ed, der über seinen spontanen Einfall mehr als erfreut war. Jedoch ließ sich L von dessen Schwärmerei nicht anstecken. Er bemächtigte sich lieber der Kaffeekanne und meinte: »Der Name stammt von einer Kreuzung der Namen zweier früher Freunde von Ihnen. Nolan Hill und William Hayes.«
»Woher zum Teufel wissen Sie…?«
Da wurde Eds Fassungslosigkeit auch schon unterbrochen.
»Oh bitte, Mr. Denker. Ich bin Privatdetektiv und habe meine Hausaufgaben, vor allem die, die Sie betreffen, gemacht. Das formuliert man doch umgangssprachlich so, oder nicht?«, fragte L.
Skeptisch beugte sich Ed nach vorne und fragte zweiflerisch:
»Sie haben also auch all meine Freunde und Bekannte ‚überprüft‘?«
Seelenruhig füllte L den Kaffee in seine Tasse, ehe er antwortete:
»Oh nein. Nur diejenigen, die in Ihrem Leben eine größere Rolle gespielt haben.«
Ed wusste nicht ganz, ob er nun schockiert oder beeindruckt sein sollte und musterte den Detektiv mit dem Röntgenblick.
»Wie soll ich das erklären? Sie Drei waren besonders bei der Damenwelt wohl sehr… beliebt, nicht wahr?«, fragte L wissbegierig.
Ed hob seine Hand und hüstelte verlegen. Er antwortete »Das könnte durchaus sein«, was weit untertrieben war.
»Wie fühlte es sich an, zu den beliebtesten Junggesellen der Stadt zu gehören?«
Ein vielsagendes Lächeln huschte über Eds Gesicht.
»Haben Sie etwa vor, in meine Junggesellen-Fußstapfen zu treten?«, grinste Ed.
Gelangweilt sah L in Richtung der Wolkenkratzer und konterte:
»Ich empfand es als viel angenehmer, als sie noch geschwiegen haben.«
Damit schien die Sache wohl beendet. Doch Eds Grinsen wollte ihm nicht aus dem Gesicht weichen. Gab es da etwa eine Frau, für die sich der weltberühmte L interessierte?
Eines war sicher, er würde ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen müssen. Denn so wie er die Situation einschätzte, konnte L vor allem eins: Jegliches kleines Flämmchen Interesse der Damenwelt für seine Person sofort zum Ersticken bringen, indem er sich so verhielt, wie er sich Ed gegenüber verhielt. So zumindest lauteten Eds Überlegungen dahingehend.
»Unterhalten wir uns darüber doch ein anderes Mal«, schlug Ed vor und unterdrückte seine Neugier zu diesem Thema. »Aber eine Frage hätte ich noch, bevor ich nach drüben gehe.«
»Und die wäre?«, fragte L leicht knurrend.
Abrupt wechselte Ed das Thema.
»Was war Quillsh Wammy eigentlich für Sie? Eine Vaterfigur oder doch eher ein Freund?«
Sofort veränderte sich Ls Gesichtsausdruck. Kaum wahrnehmbar aber dennoch war etwas anders. Doch am meisten verwundete Ed, dass er nicht wie gewohnt, sofort antwortete. Stattdessen ließ er sich erst nach hinten in den Sessel sinken.
»In der Öffentlichkeit trat er immerzu als mein Butler und Chauffeur auf…«
Der einsetzende Stimmungswechsel war sofort spürbar. Dieses Thema schien den Detektiv wirklich weit mehr zu beschäftigen, als er jemals zugegeben hätte.
»… Für mich war er eine immens wichtige Persönlichkeit, die ich weder als Vaterfigur noch als Freund beschreiben würde.«
Ed nickte verständnisvoll und ließ auch dieses Thema auf sich beruhen. Er hatte momentan wohl kein glückliches Händchen im Anschneiden von Gesprächsthemen.

Vorsichtig erhob sich Ed vom Sofa. Er testete, ob seine Beine ihm auch tatsächlich gehorchten. Und bis auf seine Müdigkeit fühlte er sich gut. L beobachtete Eds ersten ‚Gehversuche‘ und blieb guter Dinge hocken. Ed schielte auf den Koffer.
»Sieht so aus, als könnte ich wieder auf mich alleine aufpassen. Den Koffer nehme ich an mich und versuche, etwas zu schlafen.«
L unternahm immer noch keinen Versuch aufzustehen.
»Gut. Kommen Sie bitte nach dem Frühstück vorbei. Die benötigte Schlüsselkarte haben Sie ja bereits.«
Prüfend fasste sich Ed in die Hosentasche. Die flache Karte befand sich immer noch an Ort und Stelle. »Wir sehen uns dann morgen. Schlafen Sie wohl«, sagte Ed und bahnte sich einen Weg durch den schmalen Gang zwischen Tisch und Sofa.
»Danke, gleichfalls«, antwortete L.
Ed bemerkte, dass er solange beobachtet wurde, bis er aus dem Sichtfeld des Detektivs verschwunden war.

Als Ed das Licht in seiner Suite anknipste, atmete er erst einmal tief durch. Die ganzen Eindrücke und alles, was er in den letzten Stunden erfahren hatte, mussten sich erst einmal manifestieren. Schon beim Betreten der Suite fiel ihm der große Reisekoffer aus Ls Suite auf. Darauf lag auch der Brief von Charlotte, den er bei Gelegenheit noch lesen müssen würde. Doch nicht hier und jetzt.
Sein Körper schien gerade von Müdigkeit überrannt zu werden. Jetlag, ‚Wachkoma‘ und die ganze Aufregung schienen ihren Tribut zu zollen. Doch bevor er ein heißes Bad nehmen würde, musste er sich einfach Wataris Koffer ansehen. Er konnte gar nicht anders und schnappte sich den Brief und verfrachtete ihn auf den Wohnzimmertisch.
Unwillkürlich sah er zum Sessel, auf dem L bestimmt thronen würde, wäre er zugegen gewesen. Dann hievte Ed den schweren Koffer auf das Sofa und öffnete ihn. Der Anblick, der sich ihm nun offenbarte, versetzte ihn augenblicklich wieder zurück nach London.
Er saß zu Hause und schaute die Nachrichten. Mit seinem allabendlichen Earl-Grey in der Hand und bei gedimmten Licht sah er sich die kurzen, aber prägnanten Kameraaufnahmen von Watari im Fernseher an. Als er sich dessen Aussehen in Erinnerung rief, fiel ihm sofort auf, dass man nie sein Gesicht gesehen hatte. Dafür stachen einem der schwarze Mantel, der tief ins Gesicht gezogene Hut und die schwarzen Lederhandschuhe direkt ins Auge. Eben genau jener Mantel, der sich nun direkt vor ihm im Koffer befand.
Sein Herz setzte für einen Moment aus, als seine Fingerkuppen auf das raue Material trafen. Er fühlte das außergewöhnliche Material, womit dieser Mantel gefertigt war. Ungläubig schüttelte er den Kopf, weil er immer noch nicht fassen konnte, dass ausgerechnet Quillsh Wammy all die Jahre derjenige war, der sich unter diesem Mantel verbarg. Auf diese Tatsache kam erschwerend hinzu, dass L den Auftrag erhalten hatte, seine Identität zu klären. Und wenn Edward Thompson die Situation richtig deutet, durfte auf gar keinen Fall herauskommen, dass Wammy Watari gewesen war. Und wer es auch immer wagen würde, Wammy oder L eine Falle zu stellen, bekäme es nun nicht mehr nur mit ihm, sondern auch mit John Denker und Nolan Hayes zu tun.
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