Wataris Erbe

von Ohayo
GeschichteAllgemein / P16
L OC (Own Character)
19.09.2018
12.07.2019
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Unterredung


Es war bereits dunkel geworden. Die Wolkenkratzer Tokios, umgeben von unzähligen Wohnblocks und Wohnhäusern, erstrahlten im hellen Lichterglanz. Auch Ls Suite war hell erleuchtet.
Ed und L waren bereits seit dem späten Nachmittag ins Gespräch vertieft.
Wenn Ed Fragen stellte, hörte L aufmerksam zu und beantwortete jede der Fragen anstandslos. So bekam Ed einen kleinen Einblick in Ls Welt, die sich grundsätzlich von all dem unterschied, was er bisher kannte. Hierbei vermied Ed Themen wie Quillsh Wammy, Beyond und vor allem seine tief verwurzelte Angst, er könne Wammy nie das Wasser reichen.
Auch sehr persönliche Fragen bezüglich L selbst hielt er zu diesem Zeitpunkt noch für unangebracht. Die Gelegenheit dazu würde sich ihm sicher noch bieten.
Gerade war L dabei, Ed Dinge über die wichtigsten Datenbanken zu erklären, die Watari für seine Arbeit brauchte. Watari standen haargenau dieselben Programme zur Verfügung, die L hatte. Im Prinzip war es Watari also möglich, Ls Arbeit zu verrichten.
Doch das war Wunschdenken.
Ed begrüßte es, dass L keine komplizierten Programme verwendete. Sie waren leicht zu bedienen und übersichtlich. Schnick-Schnack war wohl nicht in Ls Sinn. Vor allem sah er nun mit eigenen Augen, dass Roger wirklich keinen großen Schimmer hatte, was man mit solchen Programmen alles anstellen konnte. Dass dies gegen jedes Gesetz verstieß, brauchte L nicht extra zu erwähnen.
Doch Eds Schützling machte mehr als deutlich, dass ihm sein nichtvorhandener Schuh sehr drückte und es ihm deshalb sehr gelegen käme, wenn Ed schnellstmöglich für den Mori-Fall einsatzbereit wäre. Einzelheiten über den bereits abgeschlossenen Fall gab L jedoch nicht Preis.
»Alles zu seiner Zeit«, sagte er knapp, fasste vorsichtig um sich und schob sich die soeben herausgepickte Praline des Süßigkeitenberges in den Mund.

»Sie wären jedenfalls ein guter Lehrer geworden, Ryuzaki.«
Sofort richtete L seinen alldurchdringenden Blick auf seinen ‚Schüler‘, der bis an die äußere Kante des Sofaendes gerutscht war, um besser sehen zu können, was L so alles mit dem Laptop anstellte. Dabei leuchtete L die Tischlampe auf dem Beistelltisch zwischen Sofa und Sessel direkt ins Gesicht. Sein Anblick erinnerte Ed wieder daran, wie surreal es sich für ihn anfühlte, hier zu sitzen.
Neben niemand Geringeren als L höchstpersönlich.
Dem Mann, der die ganz harten Jungs und Mädchen hinter Schloss und Riegel brachte. Wobei er statistisch gesehen viel mehr männliche Verbrecher geschnappt hatte, wie er Ed vorhin ausführlich erklärte.  
Doch trotz aller Ehrfurcht über dessen fabulöse Leistungen gefiel ihm dessen fahler Teint überhaupt nicht. Er sah kränklich aus. Und über die Augenringe wollte er erst gar nicht nachdenken.
Im krassen Gegensatz dazu lagen darüber die wachsamen, wenn auch etwas geröteten Augen, mit denen er aus jedem Menschen wie aus einem offenen Buch zu lesen vermochte.
Ed betrachtete ihn eine ganze Weile. L war in Erklärungen vertieft und sein Blick haftete wieder unermüdlich auf dem Bildschirm. Und wieder fragte sich Ed, was wohl in seinem Kopf vor sich ging. Unklar, ob er es jemals wirklich herausfinden konnte, würde er aber hoffentlich gleich entschleiern können, wie L mit seinem Kompliment umging.
Als L seine Erklärung beendet hatte, starrte er Ed zuerst wortlos an.
Seine Pupillen waren ganz winzig. Und das einzig Widerspenstige an ihm schienen seine wirren Haare. Tiefschwarze, volle Haare. Kein einziges graues Haar, wie Ed neidvoll anerkennen musste, der sein erstes graues Härchen mit sechsundzwanzig Jahren an sich entdeckte.  
»Danke«, antwortete L urplötzlich und schien sich sogar ein wenig darüber zu freuen.
Doch dann fuhr er auch schon mit seinen Ausführungen über den Unterschied zwischen imperativen und prozeduralen Programmiersprachen fort.

Eds Konzentration befand sich im tiefen Sinkflug.
Der ihm unbekannte Klingelton kam da gerade zur rechten Zeit.
»Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment«, meinte L und vergrub seine rechte Hand in die Hosentasche. Mit einer fließenden Bewegung hielt er uraltes Mobiltelefon mit Antenne vor sich. Auf dem neuesten Stand war das sicherlich nicht, was Ed verwundert aufblinzeln ließ.
Fasziniert schaute Ed dem Schauspiel zu, welches sich ihm darbot. In Windeseile verkabelte L das Mobiltelefon mit seinem Laptop, hielt sich das Telefon mit einigem Abstand an das Ohr und antwortete: »Hallo Aiber. Hier spricht L.«
Ed erinnerte sich an den Namen aus seinem Adressbuch, da er direkt unter ‚Ryuzakis‘ Eintrag zu finden war. Was der Anrufer daraufhin sagte, konnte Ed zwar nicht verstehen, folgte aber interessiert dem kommenden Gespräch.
»Okay. Schicken Sie mir sämtliche Fotos, die Sie haben. Sie können davon ausgehen, dass genau das der Fall werden wird.«
Während ‚Aiber‘ wieder antwortete, flogen Ls Finger über die Tastatur seines Laptops.
Er rief das System auf, in welchem alle archivierten, abgeschlossenen und offenen Fälle dokumentiert wurden und rief sich die digitale Akte dazu auf.
Unweigerlich fragte sich Ed, ob L nun auch mit  verzerrter Stimme sprach und ob er deshalb das Mobiltelefon mit seinem Laptop verbunden hatte?
»Acosta scheint einen Provocateur in seinen Reihen zu haben. Darum war es in den letzten Monaten so still um Bogota«, sprach L. Ed hatte keinen blassen Schimmer, um was es ging. Aufgrund der lateinamerikanischen Familiennamen und der kolumbianischen Hauptstadt schloss er jedoch, dass es sich höchstwahrscheinlich um das altbekannte, südamerikanische ‚Gold‘ namens Kokain handelte. Den Namen Acosta hatte er zwar noch nie gehört; den Begriff ‚Provocateur‘ hingegen schon. Diese Bezeichnung wird in Fachkreisen für sogenannte Lockspione verwendet. Personen, die von Regierungen oder Geheimdiensten in Untergrundorganisationen, wie beispielsweise der Mafia, eingeschleust werden. Ein ‚Agent Provocateur‘ hat die Aufgabe, gesetzeswidrige Handlungen zu provozieren, um den zumeist im Geheimen operierenden Verbrechergruppen das Handwerk legen zu können.

»Haben Sie eine Vermutung, wer es sein könnte?«, fragte L und sah sich Fotos von mehreren Männern an. Dann klickte er auf die seitliche Liste mit Namen und unzähligen Verbindungen dazwischen.
»Finden Sie heraus, wer er ist und in wessen Auftrag er arbeitet! Bis dann.«
Noch eine ganze Weile starrte L auf den Monitor und nahm seine Denkerpose ein, wie Ed sie fortan nennen würde. Dabei legte L entweder Daumen oder Zeigefinger an seine Lippen, bewegte sich keinen Millimeter und starrte vor sich hin, als wenn er sich auf einem anderen Planeten befinden würde.
»Wer war das?«, wollte Ed wissen.
»Sein Name ist Thierry Morrello. Er arbeitet für mich unter dem Pseudonym Aiber. Er ist ein Kenner krimineller Organisationen und Banden. Wenn es um mafiöse Machenschaften geht, ist er unser Mann. Im Untergrund hat er überall Augen, Ohren und unverzichtbare Beziehungen.«
»Und er unterstützt Sie bei einem Fall?«, hakte Ed weiter nach.
»Ja und Nein«, antwortete L, der seinen Blick wieder auf Ed richtete.
»Sind Sie hart im Nehmen, Mr. Denker?«, fragte L und ließ damit bei Ed sämtliche Alarmglocken aufschrillen. Ls Blick auf Ed und ein ‚hart im Nehmen‘ konnten nichts Gutes bedeuten.
Vorsichtig fragte Ed: »Eigentlich schon. Wieso?«
L scrollte sich durch eine weitere Liste, markierte eine bestimmte Datei und öffnete sie.
»Darum!«
Eine Nanosekunde später wandte Ed den Blick schon ab.
»Mein Gott. Das ist ja widerlich. Wer ist das?«
Erst nach einem kurzen Augenblick sah Ed erneut hin und verzog angeekelt das Gesicht.
»Richtigerweise müsste die Frage lauten: Wer war das?«, flüsterte L und deutete mit dem Finger auf einen bestimmten Teil des ‚fleischigen‘ Bildes.
»Das hier war einmal ihr Gesicht.«
Es schien ihm eine gewisse Freude zu bereiten, ihn mit solchen Dingen zu erschrecken.
»Heilige Scheiße!«, entwich es Ed. »Das war eine Frau?«

Mit einem Klick auf das ‚X‘ schloss L das Foto wieder und markierte ein paar andere Dateien.
»Hierbei handelt es sich um einen Mafiamord. Der Dame, der dieses Gesicht gehörte, hieß Camila Ruiz-Rodriguez. Die Frau von Jose Rodriguez, dem einflussreichsten Drogenbaron Venezuelas. Sie können davon ausgehen, dass dieser Mord Rodriguez ordentlich aufgemischt haben muss. Und wenn ich mir Ihre Reaktion so ansehe, glaube ich nicht, dass Sie den Rest von ihr noch sehen möchten. Ab da wird es nämlich erst richtig hässlich, wie Aiber nun sagen würde.«
»Das ist wirklich widerwärtig!«
»Ja«, bestätigte L. »Widerwärtig ist jedoch auch die Tatsache, dass der oder die Mörder ihr Opfer im Kinderzimmer abgelegt haben, um sie auf dem Bett ihrer Söhne ausbluten zu lassen.«

Ed konnte nicht fassen, dass ein Mensch zu einer solchen Schandtat fähig war.
»Sie sind ja ganz blass. Falls Sie sich übergeben müssen, benutzten Sie bitte das Badezimmer!«, empfahl der abgehärtete Detektiv.
Ed wedelte bereits kräftig mit der Hand vor dem Gesicht herum.
»Nein. Schon gut. Aber mehr muss ich wirklich nicht sehen.«

»Na gut«, meinte L fast ein wenig betrübt und erklärte weiter. »Wie Sie unschwer erkennen können, wurde die Frau gefoltert. Ein menschlicher Körper ist fähig, etwa dreißig Prozent Blutverlust zu kompensieren. Alles über vierzig Prozent führt unweigerlich zum Tod. So auch bei ihr. Die Frau eines Drogenbarons und Mutter zweier minderjähriger Kinder zu foltern, bedeutet in der Szene vor allem eins: Krieg! Rodriguez wird sämtliche Hebel in Bewegung setzen, um herauszufinden, wer seine Frau ermordet hat. Leider wird sein Verdacht voreilig auf die verfeindete Familie Alvarez fallen. So wie vom wirklichen Auftraggeber geplant. Jose Rodriguez ist Oberhaupt des größten Drogenkartells Venezuelas. Alvarez ist sein Pendant in Brasilien. Natürlich werden beide Familien seit Jahrzehnten von der eigenen und von fremden Regierungen beobachtet. Diese versuchen nun, einen Vergeltungsschlag mit allen Mitteln zu verhindern. Denn dabei wird es nicht bei einer Leiche bleiben. Bislang ist noch nichts passiert, was mit siebzehn Wochen ungewöhnlich lange andauert. Falls wir also in ferner Zukunft den Auftrag erhalten werden, der Fehde ein vorzeitiges Ende zu bereiten und den Unruhestifter inklusive der Komplizen festzunehmen, werden wir bestens informiert und dazu auch imstande sein.«
Beeindruckt lauschte Ed den Worten Ls.

»Die wirklichen Auftraggeber?«, wiederholte Ed.
L zeigte ihm erneut ein Foto.
»Das hier ist Juan Esteban Acosta. Er und vermutlich sechs weitere Namen der südamerikanischen Kokainszene sind die Strippenzieher und Auftraggeber des Mordes an Camila Ruiz-Rodriguez.«
Ed sah L an.
»Und wie kommen wir an die restlichen sechs Namen? Und wo finden wir sie?«
Ls Mundwinkel schoben sich nach oben.
»Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen. Mit etwas Nachhilfe wird uns Acosta nämlich alles verraten, was wir von ihm wissen möchten!«
Daraufhin fischte er erneut überaus vorsichtig eine weitere Praline aus dem Berg Süßkram und ergänzte: »Beobachte den Fuchs, dann er führt dich zu seinem Bau.«
Ed befürchtete zurecht, dass ein solches Unterfangen zu seinem Aufgabenbereich gehören wird.
»Eine wirklich sehr schöne Metapher zu diesem Foto, Ryuzaki. Aber das haben Sie Aiber ja gar nicht verraten, oder irre ich mich?«
»Natürlich nicht. Aiber soll weiterhin genau das tun, was er tut und die notwendigen Informationen beschaffen. Was er jedoch schon von sich aus nicht tun wird, ist es, sein Leben zu riskieren. Den Rest erledigen wir, wenn es soweit ist.«

Unpassenderweise knurrte genau in jenem Moment Eds Magen. Die Erdbeertorte und das zerschmetterte Gesicht der Frau eines Drogenbosses brachten ihn, im Gegensatz zu Ed, wohl nicht sonderlich aus der Fassung. Ausdruckslos begutachtete L Eds Magengegend.
»Wie ich immer sage! Wer viel denkt, verbraucht Unmengen an Energie«, erklärte L. »Sie können gerne etwas aufs Zimmer bestellen oder nehmen Ihr Essen oben im Restaurant zu sich. Die Unkosten lassen Sie einfach auf Ihr Zimmer schreiben.«

Warum eigentlich nicht?, dachte Ed.
Eine kleine Pause würde ihm und seinem Magen sicherlich guttun.
»Ich gehe davon aus, dass Sie mich nicht begleiten werden, richtig?«, fragte Ed, während er sich erhob und sein Jackett zuknöpfte.
L lehnte sich in seinen Sessel zurück und antwortete:
»Korrekt. Ich verlasse das Hotelzimmer nur selten.«
Zu Eds Überraschung jedoch, erhob sich L trotzdem und fasste sich erneut, dieses Mal jedoch in die andere Hosentasche seiner verblichenen Jeans.
»Hier bitte. Die Schlüsselkarte für mein Zimmer. Der Zutritt sei Ihnen gewährt, wann immer Sie möchten.«
Erstaunt nahm Ed die Karte entgegen.
»Und wenn Sie frisch gestärkt sind, kommen Sie zurück und finden die zweite Anomalie, die sich hier in diesem Raum befindet!«, ordnete L mit amüsiertem Unterton an. Ein Lächeln zauberte sich auf Eds Gesicht, ehe er antwortete: »Worauf Sie sich verlassen können!«

Als er den Raum verließ, linste er auf das Gepäck, welches anscheinend für ihn bestimmt war und L bisher mit keinem Wort erwähnt hatte. Es war kaum verwunderlich, dass L noch etwas im petto hatte, als Ed hungrig die Tür hinter sich schloss und den ihm bekannten Hotelflur betrat.


~~~


Etwa eine Stunde später:

»Was tun Sie eigentlich in Ihrer Freizeit?«, fragte Ed munter und frisch gestärkt nach seinem Besuch des Hotel-Restaurants ‚Senbazuru‘. Noch immer den köstlichen Geschmack des japanischen Teishoku-Menüs auf den Lippen, wie der zuvorkommende Kellner ihm vor dem Essen erklärt hatte.
L saß an seinem Laptop und tippte fleißig.
»Freizeit?«, rief er. »Das Verbrechen schläft nie, Mr. Denker.«
Und L anscheinend auch nicht!, spöttelte Ed in Gedanken, blieb stehen und verschränkte demonstrativ die Arme. Der Detektiv sah kurz auf und senkte den Blick:
Er zögerte, gab dann aber nach.
»Zumeist trainiere ich mein Gedächtnis, lerne Sprachen, praktiziere Capoeira oder beantworte ‚Fanpost‘.«
»Alles gleichzeitig oder getrennt?«, reagierte Ed auf Ls kleine Irreführung mit einem gewinnenden Lächeln. Ls warnender Blick bereitete ihm keine Sorgen.
»Jetzt behaupten Sie bloß nicht, Sie trainieren Capoeira im Hotelzimmer?«, meinte Ed mit belustigtem Unterton. Er wusste, dass man für die brasilianische Kampfsportart eigentlich viel mehr Platz benötigte. Daraufhin widmete sich L wieder seinem Laptop und antwortete:
»Oh doch. Und bei Gelegenheit werde ich es Ihnen unter Beweis stellen.«

Ed lachte kurz auf. Er wusste selbst nicht weshalb er den verführerischen Drang verspürte, L zu provozieren. Roger würde diese Reiberei wohl auf die vorhandene ‚Unsicherheit‘ Eds schieben.
Ihm war klar, dass es in L keine Begeisterungsstürme auslöste, ihm davon erzählen zu müssen, was wohl keinerlei wertvolle Bedeutung für ihn hatte. Wertvoll waren für L wohl vor allem seine Fälle.
Vorzugsweise die Ungelösten.

Als Ed erneut einen Blick auf die Gepäckstücke werfen wollte, stellte er fest, dass sie verschwunden waren.
»Wo sind eigentlich die Koffer?«, fragte er und sah genau zu der Stelle, an der sie bis vor seinem Restaurantbesuch noch gestanden hatten.
»In Ihrer Suite. Darin befinden sich nun Ihre Habseligkeiten. Der kleine Koffer steht übrigens im Badezimmer. Darin befindet sich etwas, dessen Handhabung ich Ihnen noch zeigen werde.«

Ed seufzte, besann sich seine aufkeimenden Capoeira-Witze zu unterdrücken und setzte sich entspannt auf das Sofa neben L.
Der starrte derweil nur auf den Bildschirm und sah noch nicht einmal auf, als Ed sich hinsetzte.
Er schien mit etwas beschäftigt, dessen Aufmerksamkeit seiner ganz und gar bedarf. Ganz vorsichtig versuchte Ed, einen klitzekleinen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen. Ganz langsam verlagerte er sein Gewicht in Richtung Lehne. Ed musste seine Augen zusammenkneifen und sehr anstrengen. Interessiert nahm er zur Kenntnis, dass L augenscheinlich eine 4D-Aufnahme eines ganz bestimmten Areals zu studieren schien.
Plötzlich tauchte ein Augenpaar direkt vor ihm auf.
»Haben Sie die zweite Anomalie schon entdeckt?«
Ed erschrak und stürzte zurück ins Sofa, überrascht von Ls Schnelligkeit.
»Nein«, knurrte er und wurde Zeuge wie sich ein weiteres Mal Ls Mundwinkel anhoben.
»Dann sollten Sie das schleunigst tun. Die Nacht könnte sonst sehr lang für Sie werden!«

Die Retourkutsche saß. Und wieder ging für Ed die Sucherei los.
Dieses Mal jedoch versuchte er gleich, methodischer an die Sache heranzugehen.
Sofort fiel ihm auf, dass L sich immer noch mit der 4D-Aufnahme beschäftigte. Er beobachtete ihn gar nicht. Und das hatte mit Sicherheit etwas zu bedeuten, schlussfolgerte Ed.
Ein seltsames Gefühl überkam ihn, denn ein prüfender Blick sagte ihm, dass Charlottes Brief nicht mehr auf dem Tisch lag.

Verdammt!, dachte Ed. L war ja in seiner Suite gewesen...
Was bedeutete, dass sich soeben noch viel mehr Möglichkeiten auftaten, als es ohnehin schon gab. L war alles Mögliche zuzutrauen. Weshalb sollte er sonst in seiner Suite gewesen sein?
Sein erboster Seitenblick streifte L, der schützend die Hände vor sich hielt.
»Oh nein. Ich habe nichts aus Ihrer Suite entwendet!«, wies er jegliche Anschuldigung von sich, ganz so, als könnte er Eds Gedanken lesen.
»Aus was für einem Grund waren Sie dann in meiner Suite? Und wie zum Teufel sind Sie da überhaupt hinein gekommen? Die Schlüsselkarte habe ich hier bei mir«, entgegnete Ed mit prüfendem Blick.
»Haben Sie schon vergessen, was ich Ihnen vorhin gezeigt habe? Ich brauche mich nur in das EDV-System des Hotels zu hacken und öffne mir jede Tür, die mir beliebt. Eine ganz einfache Kreditkarte tut es im Übrigen auch. Und nur um es klarzustellen, ich tat das nur, weil mich der Anblick von Wataris Koffern, inklusive dem Brief, in meiner Konzentration behindert haben und ich den plötzlichen Drang verspürte, sie aus dem Weg zu schaffen.«

Ed glaubte ihm kein Wort. Er war schließlich ein Detektiv. Die Koffer hätte er auch einfach ins Schlafzimmer räumen können. Eben außerhalb seines Sichtfelds.
Vielleicht hatte L sogar seine Suite verkabelt. Nur, um ihn heimlich beobachten zu können.
Wäre ja nicht das erste Mal…
Doch Ed ermahnte sich. Seine Fantasie sollte hier nicht allzu sehr mit ihm durchgehen. Immerhin musste er L vertrauen. Und umgekehrt. Selbst wenn er seine Sachen durchwühlt haben sollte, hätte er nichts finden können. Ed hatte schließlich nichts zu verheimlichen.
Mal ganz davon abgesehen, dass er selbst auch keinen Grund hatte, L für so etwas zu beschuldigen.
Er ließ die Schultern sinken.
»Seit wann habe ich eigentlich solche Paranoia?«, fragte Ed betrübt, als er sich wieder auf das Sofa setzte.
L neigte den Kopf, ehe er antwortete:
»Seien Sie unbesorgt. Sie leiden an keiner krankhaften Persönlichkeitsstörung. Also handelt es sich hierbei um eine vorübergehende Episode.«
Dann legte er den Zeigefinger an seine Lippen.
»Oder leiden Sie unter Alpträumen?«
Verneinend schüttelte Ed den Kopf.
»Dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei nahezu dreiundsiebzig Prozent, dass Sie vor etwas Angst haben. Unsicherheit und Versagensängste führen manchmal zu dem von Ihnen beschriebenen Symptom ‚Paranoia‘.«
Sagte ausgerechnet der Mann, der seine wahre Identität um jeden Preis geheim hielt.
Nichtsdestotrotz traf L damit natürlich den Nagel auf den Kopf.
Also gab Ed klein bei. Was sollte er diese Tatsache auch leugnen?
»Ja, da haben Sie nicht Unrecht. Meine neue Aufgabe ist keinesfalls gewöhnlich. Und ich habe wirklich Angst davor, etwas falsch zu machen und damit anderer Leute Leben zu riskieren.«
»Ihres nicht?«, entgegnete L.
»Doch!«, bestätigte er wahrheitsgemäß und ließ den Kopf noch mehr sinken.

Mit einem sanften ‚Klick‘ klappte L das Laptop zu, welches vor ihm auf dem Tisch stand.
»Bitte hören Sie auf zu glauben, dass ich Sie ins offene Messer laufen lassen würde. Ich werde Sie nach und nach an Ihre zukünftigen Aufgaben heranführen. Schlussendlich werden Sie sogar derjenige sein, der bei der Verhaftung Acostas dafür sorgt, dass alles glatt laufen wird.«
Diese offenen Worte wirkten wie Balsam auf Eds geschundenes Nervenkostüm.
»Ich habe nicht die Absicht, etwas von Ihnen zu verlangen, was Sie nicht imstande sind zu lösen. Denn das gehört ganz klar zu meinem Aufgabenbereich!«
Das Vertrauen, welches in Ls Stimme steckte, berührte Ed tief in seinem Herzen.
Und den Blick, den beide Männer gerade untereinander austauschten, sprach ebenfalls mehr als tausend Worte.

»Manchmal…« begann L, »…benebeln die Gedanken sämtliche Sinne. Wenn es meine eigenen Gedanken sind, lenke ich mich ab und konzentriere mich auf etwas anderes. Das hilft. Ebenso wie bei Ihnen. Darum sagen Sie mir jetzt ganz spontan, an was genau Sie denken müssen, wenn Sie an Ihr Haus in London denken?«
»An ein fehlendes Weinglas«, antwortete Ed vollkommen frei heraus.
»Welche Farbe hat es?«
Ed hob den Kopf, sah zu L und antwortete ganz langsam: »Es ist durchsichtig.«
»Und wo genau befindet es sich und macht es Ihnen unmöglich, es zu sehen?«, fragte L weiter. Dabei lehnte er sich demonstrativ zurück und gab den Blick auf den Berg Süßigkeiten frei.

Da machte es Klick!
Nun wusste Ed, weshalb L nur ganz vorsichtige Bewegungen vollführte, wenn er sich daran bediente. Das Weinglas musste sich demnach inmitten des Süßigkeitenbergs befinden.
»Ich gratuliere!«, honorierte L Eds Gedanken, die er ganz genau zu kennen schien. »Sie machen große Fortschritte und steigern kontinuierlich Ihre Aufmerksamkeit. Sehen Sie meine kleine Hilfsstellung als eine Art Demonstration meiner dritten Forderung an Sie: Seien Sie immer auf der Hut und versuchen Sie nicht, den Helden zu spielen, obwohl es Ihre Fähigkeiten übersteigt. Sie müssen ganz genau wissen, wo Ihre Grenzen liegen. Denn wenn Sie nicht wissen, was Sie suchen, können Sie es unmöglich finden!«
Ed sah nun die Notwendigkeit, diesen Satz zu verinnerlichen. Er spielte nämlich wirklich gerne den Helden.

»Kommen wir nun zum Inhalt des kleinen Schutzkoffers, den ich vor genau achtundzwanzig Minuten in das Badezimmer gestellt habe«, kündigte L geheimnisvoll an. »Ihre neue Tätigkeit wird auch beinhalten, Gegner oder gefährdete Personen außer Gefecht zu setzen. Den Teil mochte Wammy übrigens ganz besonders. Jedoch muss ich Sie vorher fragen, ob Sie es testen wollen oder es vorziehen, sich für heute zurückzuziehen? Denn das könnte etwas länger dauern.«
Ed brauchte nicht lange überlegen.
»Ich bin zwar müde, aber das interessiert mich brennend«, sagte er, während er ein weiteres Mal an seinen alten Freund und Mentor dachte.

»Gut. Bin auch gleich wieder zurück«, meinte L beiläufig, kroch von seinem Sessel, ging in gebeugter Haltung in Richtung Badezimmer und verschwand darin. Vermutlich musste auch der weltberühmte Detektiv L einmal Wasser lassen, dachte Ed und beachtete seine Rückseite nicht länger. Stattdessen sah er sich die hellen Lichter Tokios an.

Gänzlich unbemerkt schlich sich jemand von hinten an. Plötzlich packte ihn eine Hand und drückte ihm ein weißes Tuch auf Nase und Mund. Ed erschrak und japste panisch nach Luft. Sofort verlor er sämtliche Kontrolle über seine Gliedmaßen. Unfähig, sich zu wehren, nahm er den beißenden Geruch wahr, der ihm ungewöhnlich bekannt vorkam. Dann wurde ihm schwarz vor Augen, bemerkte jedoch noch, wie ihn jemand auf die Seite legte.
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