Wataris Erbe

von Ohayo
GeschichteAllgemein / P16
L OC (Own Character)
19.09.2018
12.07.2019
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Prolog


Ich hielt das Scharfschützengewehr im Anschlag. Bereit, jederzeit den Abzug zu betätigen. Mein Atmen wurde flacher, während ich regungslos auf dem unbequemen Holzboden lag. Die Zielperson bewegte sich von ihrem Wagen weg. Kimme und Korn meines Gewehrs schlichen ruhig und besonnen, gerichtet auf das rechte Knie, hinterher. Er wusste nicht, dass ich ihm auflauerte.
Wie auch? Er wusste noch nicht einmal, dass ich existierte, obwohl ich ihm bereits seit einiger Zeit auf den Fersen war.
Ich war wie ein Schatten, der im Dunkeln auf seine Widersacher lauerte.
Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt. Es machte sogar Spaß. Trotzdem spürte ich die immense Anspannung. Man sollte in diesem Job nie die Konzentration verlieren. Was übrigens für die meisten Berufe galt. Jedoch hing mein Leben dabei zumeist am seidenen Faden. Der kleinste Fehler könnte unermessliche Ausmaße hervorrufen.

Ich lauschte dem SIS in meinem Ohr und nahm das leise Tippen im Hintergrund wahr. Für mich kein nerviges, sondern vielmehr ein beruhigendes Geräusch. Dann vernahm ich ein Knacken.
»Zugriff in 5, 4, 3, 2, 1«
Ls Worten folgte ein wahres Aufgebot der angeforderten Spezialeinheit, die den Drogenboss dingfest machen sollte.
Wenn es misslang, dürfte ich dessen Flucht mit einem gezielten Schuss beenden.
So lautete Ls Befehl.
Die Zielperson blieb stehen und sah sich um.
»Manos tras la cabeza!« wurde mehrfach von den vermummten Beamten geschrien und bedeutete ‚Hände hinter den Kopf‘. Die achtköpfige Spezialeinheit kam sichelförmig auf die Zielperson zu. Alle mit der Waffe im Anschlag und auf sein Gesicht gerichtet.
Hinter mir fiepten Mäuse, die neugierig meinen Schutzkoffer beschnupperten, keine 250 Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Eine Maus krabbelte soeben über mein linkes Bein. Ich spürte und hörte sie. Im Obergeschoss eines heruntergekommenen Schuppens.

Mein Fokus war immer noch auf die Szene gerichtet, die sich vor mir abspielte. Dort stand er. Einer der größten Drogenbosse seiner Zeit. In Jeans und dreckigem Shirt in der Nähe seiner Bodega; einen Teil seines Weinkellers voll mit Waffen, welche gerade beschlagnahmt wurden. Die Spezialeinheit hatte ihn gestellt, bevor er Wind davon bekommen konnte. Ein Beamter näherte sich unvorsichtig von hinten. Er riss dem Umstellten die Arme nach unten und brüllte:
»Al suelo. Ahora!«
Sei froh, dass deine Kollegen um dich herum stehen, sonst wärest DU längst am Boden!, dachte ich über die leichtsinnige Vorgehensweise des Beamten. Der Drogenbaron machte keinerlei Anstalten, weil er wusste, dass er schneller ein Loch im Kopf haben würde, als den Hauch einer Chance. Er leistete den Anweisungen Folge und legte sich auf den Boden. Nun kamen drei weitere vermummte Beamte und legten ihm endlich Handschellen an. Drückten ihn dabei auf den Boden und sein Gesicht in den Dreck. Meine Anspannung lockerte sich ein wenig. Jedoch würde ich nicht von der Stelle weichen, bis ihn ein Fahrzeug abtransportieren würde. Immer noch hielten die Beamten die Waffen auf ihn gerichtet. Kurz darauf kamen zwei weitere Fahrzeuge angefahren. Dessen Insassen hatten die ganze Zeit die Umgebung abgesichert.
Juan Esteban Acosta wurde in die Höhe gezerrt und abgeführt. Direkt in den schwer gepanzerten Gefangenentransportwagen, der mittlerweile eingetroffen war und vom Militär bewacht wurde.

»Zielperson wird abgeführt«, ließ ich meinen berühmten Partner wissen.

Ich atmete erleichtert aus und sicherte meine Waffe. Den feinen Staub von meinem Mantel klopfend, erhob ich mich und ging zu meinem Schutzkoffer hinter mir. Die Mäuse waren längst weg. Mit einem leisten Klacken rasteten die Verschlüsse des Koffers ein und beherbergte wieder meine Distanzwaffe. Schier lautlos ging ich die morsche Treppe wieder nach unten. Es war ein befriedigendes Gefühl, wieder eine weitere Person dingfest gemacht zu haben, die unzählige Menschen in einen Alptraum gestürzt hatte. Dem Alptraum des Drogensumpfs.
Ich trat hinaus in die schwüle Nachmittagshitze Kolumbiens. Der wegfahrende Gefangenentransporter mitsamt seinen drei Eskort-Fahrzeugen hinterließ bis auf ein paar Reifenspuren und Fußabdrücken nichts von dem gefährlichen Zugriff Acostas bei Tag.
Er war der erste von vielen. Strategisch gesehen war es ein höchst wichtiger Eingriff in die Gefilde des hier ansässigen Drogenkartells. L benötigte dringend Informationen. Informationen des Drogenbosses, die ich ihm, wenn es sein musste mit Anwendung von Gewalt, ‚entlocken‘ würde. Sobald er vom hiesigen Hinterland ins Staatsgefängnis der Hauptstadt Bogota gebracht wurde. Das wird in etwa 14 Stunden der Fall sein. Ich werde dort auf ihn warten.
Und so spähte ich hinter dem Schuppen hervor und nahm zur Kenntnis, dass das Sondereinsatzkommando immer weiter in die idyllische Bodega vordrang. Zur Beweissicherstellung.
Meine Arbeit war getan. Wir hatten ihn. Mehr wollten wir auch nicht.
Als im Begriff war, mich zurückzuziehen, dachte ich wieder einmal an den Mann, der mir sein Erbe hinterlassen hatte. Bei jedem Schritt in Richtung meines Geländewagens, unweit von hier, rieselten mir Erinnerungsfetzen ins Gedächtnis. Erinnerungen, wie ich in Quillsh Wammys Fußstapfen getreten und L zum ersten Mal begegnet war‘.



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