Schicksal auf Abwegen

von Arawell
GeschichteRomanze, Fantasy / P18
17.09.2018
11.02.2019
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,,Dieser Junge dort? Und was ist so besonders an ihm?“ Mit verschränkten Armen stand Aman am Waldrand und beobachtete den kleinen Menschen dabei, wie er versuchte aus dem weißen Matsch eine knubbelige Figur zu bauen. Im Gegensatz zu June, die sich hinter einem Baum versteckt hielt, dachte der Dunkelhaarige noch nicht einmal daran, seine Existenz vor den Sterblichen zu verbergen. Sie konnten ruhig wissen, dass es etwas gab, das weit über ihnen stand. ,,Was macht er überhaupt da?“

,,Er baut einen Schneemann. Und ja, diesen Jungen musst du fortholen.“

Kopfschüttelnd betrachtete er das Kind, ehe er sich seiner Schwester zuwandte. ,,Wozu? Hier ist doch seine Heimat.“

,,Er ist anders.“

,,Wie anders?“

,,Anders, anders“, wich June aus und wagte nicht, ihren Bruder anzusehen.

Aman wurde selbstverständlich umgehend hellhörig. Wenn die kleine Frau dermaßen schüchtern druckste, war etwas im Busch, das seine Aufmerksamkeit wert sein konnte. ,,Erleuchte mich, Moíra. Ich bitte dich. Was ist mit dem Kind?“

Sie zischte, ob der Dreistigkeit ihren Geburtsnamen zu verwenden. ,,Das wirst du noch früh genug feststellen. Sieh zu, dass du ihn am Stück lässt.“

Der Mann nickte und warf einen letzten Blick auf das spielende Kind. Ihm war zwar noch nicht so recht klar, was June mit diesem Winzling anstellen wollte, doch maß er ihr genügend Voraussicht an, dass er es nicht weiter hinterfragte. Immerhin war eine gewisse Begabung zur Voraussicht ausschlaggebend für ihre Aufgabe in dieser Welt. ,,Und was hast du jetzt vor?“

,,Ich muss zurück nach New York.“

Aman wog den Kopf hin und her. ,,Zu deinem Steinträger? Wie ist das so?“

,,Wie ist was?“, forderte June zu wissen und begann sich auf den Weg zu machen. Sie hatte absolut keine Ahnung, wie sie nach New York kommen sollte, doch irgendetwas würde ihr gewiss einfallen.

,,Verbunden zu sein.“ Fragend hob June ihre Augenbrauen und gab ihm damit zu verstehen, dass er weitersprechen sollte. ,,Versteh mich nicht falsch, Schwester. Der Begriff Verbindung beinhaltet Bindung. Nichts, was man meiner Meinung nach anstreben sollte. Aber dennoch. Ich bin neugierig. Wie ist es? Fühlt man es?“

,,Wie war es, als Malekith hinter dem Äther her war? Oder als die Sterbliche ihn in sich getragen hat? Hast du da etwas gespürt?“

Aman lachte unangemessen, sodass es durch den gesamten Wald hallte. Unvorsichtiger Rüpel! ,,Malekith war so lange hinter dem Äther her, dass ich dir gar nicht sagen kann, wie es sich anfühlt, wenn er mal nicht begehrt wird. Aber das ist doch der springende Punkt, nicht wahr? Der Realitätsstein wird von allen lediglich begehrt, niemand wagt es aber, sich an ihn zu binden. Wohingegen du...“ Er stockte und sah auf seine kleine Schwester hinab, die ihn ohne Unterbrechung hatte reden lassen. ,,Das IST der springende Punkt.“

,,Du weißt gar nichts, Aman. Ehrlich gesagt will ich mir gar nicht vorstellen, wie es in deiner Position sein muss. Ständig auf der Flucht, unbeständig, ungewollt.“

,,Das mit dem ungewollt war mir neu. Ich bin frei, June. Du bist nicht diejenige, die mich bemitleiden sollte, sondern andersrum.“

Seufzend schüttelte June den Kopf und sah hinauf in die roten Augen des Mannes, der nicht zu verstehen schien. ,,Dieses Gefühl zu wissen, dass man eine Aufgabe hat, dass alles einen Sinn haben wird, ist weitaus mehr wert, als tagein, tagaus zu existieren. Als der Stein Stephen erwählt hat, hat es sich angefühlt als wäre alles wieder rund, und gleichzeitig noch kantiger.“

Wieder lachte er. ,,Nette Art mir zu sagen, dass diese Verbindung scheiße ist.“

Was hatte sie erwartet? Jemand wie Aman konnte es nicht verstehen. Keiner ihrer Brüder würde jemals verstehen können, was in ihr vorging, wenn der Zeitstein einen Träger wählte und sie sich dazu entschied, diese Wahl zu akzeptieren. Stephen war es wert gewesen. Hoffte sie zumindest. Momentan war sie sich noch nicht einmal sicher, ob sie den Mann überhaupt nochmals wiedersehen würde. Die Dinge standen nicht sonderlich gut.

,,Stellt sich immer noch die Frage, wie du nach Hause kommen willst. Er wird dich nicht holen, nicht wahr?“ Zur Antwort schüttelte sie nur den Kopf. Nein. Stephen würde sie nicht holen, wie es eigentlich – wann man sie fragte – seine Aufgabe gewesen wäre. Sie achtete auf ihn, er auf den Stein und der Stein wiederum auf sie. Ein nahezu perfekter Kreislauf, wenn alle Beteiligten ihn verstanden.

Aman seufzte theatralisch, als er den Unmut seiner Schwester wie schwere Wellen spürte. Was auch immer sie und diesen Menschen verband, er würde es nicht verstehen. Wollte es auch eigentlich gar nicht. Dieses Gebilde von Pflichten und Opfer war nichts, das zu seinem Wesen passte. Aber ebenso wenig passte es zu ihm, dass er seine Schwester einfach hängen ließ. Sie alle hielten ihn für einen Egoisten, was stimmte. Sie nannten ihn einen Einsiedler, was ebenfalls korrekt war. Sie unterstellten ihm sogar, keine warmen Gefühle für andere Lebewesen hegen zu können, und das war – ob sie es wussten oder nicht – die wirkliche Lüge in seinem Leben. Seine Schwester war, neben seinem eigenen, das einzige Leben, das er zu schützen bereit war. Wortlos griff er ihre Hand und zog sie hinter sich her. Der Schnee in diesem Teil der Erde war unangenehm und begann bereits seine Haut schmerzhaft zu kühlen, sodass er nicht gedachte, länger als notwendig hierzubleiben.

,,Was hast du vor, Aman?“, fragte June in seinem Rücken, ließ sich aber widerstandslos mitziehen.

,,Wenn dein Traumprinz nicht kommt, um dich zu holen, muss ich dich wohl hinbringen.“

Sie betraten eine Schnellstraße, die im Dorf dank des Waldes nicht zu hören gewesen ist. Mitten auf dem Teer blieb der Schwarzhaarige stehen. ,,Du weißt schon, dass 'nicht sterben' reichlich schmerzhaft sein kann?“ June wich zweifelnd zwei Schritte zurück, weil sich just in diesem Augenblick ein Fahrzeug zu nähern begann. Und das nicht gerade langsam.

Er rollte mit den Augen, ehe sich das rot zu färben begann, sein schwarzes Haar länger wurde und die Kleidung des Agenten zu grünem Leder verschmolz. ,,Ich mache auf mich aufmerksam“, war alles, was Aman zu seiner Rechtfertigung zu sagen hatte, ehe das Antlitz ihres Bruders durch das eines verrückten Halbgottes ersetzt wurde.


~*~



Mit quietschenden Reifen kam der Wagen zum stehen, sodass die Stoßstange beinahe die Knie des Mannes berührte. Teilnahmslos beobachtete Aman den Menschen, der eilig aus seinem Fahrzeug sprang und wild zu schimpfen begann. Er verstand keines der Worte, doch freundliche konnten es nicht gewesen sein. Dazu sprach der Sterbliche viel zu hektisch und aggressiv. Die beiden Göttlichkeiten ließen den Menschen schimpfen, wild gestikulieren und nach Atem ringen, ehe dieser sein Gegenüber genauer in Augenschein nahm und umgehen verstummte. Er wich sogar zwei Schritte vor Aman zurück. Das fiese Grinsen, das sich auf dem geliehenen Gesicht bildete, war June nur allzu gut bekannt. Loki würde ausrasten, wenn er hiervon erführe. Andererseits: er war ihr ohnehin noch etwas schuldig. Von ihr aus konnte er diese Aktion unter 'quitt' verbuchen.

Der Sterbliche stotterte, nachdem er den zerstörerischen Alien aus New York erkannt hatte und machte auf dem Absatz kehrt. Ohne darüber nachzudenken ließ er den laufenden Wagen stehen und rannte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Kopfschüttelnd beobachtete June ihn bei seiner Flucht und konnte nicht glauben, wie präsent Lokis Vergehen sogar hier gewesen waren. ,,Hopp, hopp, Schwester. Wir habens eilig.“ Aman hatte es sich bereits auf dem Fahrersitz bequem gemacht und umgriff das Lenkrad.

,,Kannst du fahren?“, fragte June und schnallte sich vorsichtshalber an.

,,Ich habe das ein oder andere Raumschiff geflogen. So groß kann der Unterschied nicht sein. Wovor hast du Angst?“, lachte er ausgelassen und trat im nächsten Moment das Gaspedal durch.

Satte fünf Minuten hatte es gedauert, bis June sich mit dem Fahrstil ihres Bruders arrangieren konnte und sie einfach hinnahm, was ihr gegeben wurde. Im schlimmsten Fall würde sie draufgehen und wieder im Wald erwachen. Achselzuckend wandte sie ihren Blick von der verlassenen Straße ab und öffnete das Handschuhfach. Menschen schleppten allerhand Dinge mit sich herum, die sie nicht brauchten. So wunderte sie sich nicht über das benutzte Taschentuch, das neben einer geladenen Pistole lag. Als sei es das Normalste der Welt. Ohne zu zögern fischte sie den hilfreichen Gegenstand heraus und klemmte ihn sich in die Hose. Das Taschentuch wurde mit spitzen Fingern postwendend aus dem Fenster geschmissen. ,,Oh schau mal“, jubelte June, nachdem sie nach einigem graben ein Telefon hervorzog. ,,Ein Handy. Wie nett von ihm.“

,,Was macht man damit?“ Aman beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Auch wenn er behauptete, stets alles im Griff zu haben, so war ihm das Gefährt nicht geheuer und er wagte nicht, seinen Blick von der Straße zu nehmen.

,,Telefonieren.“ Ein fragender Laut seitens des Mannes, ließ June genervt seufzen. ,,Fernmündliche Kommunikation.“

,,Das ist jetzt besser, oder was?“ Heiter lachte sie über Amans zerknirschte Gegenfrage und schaltete das Mobiltelefon ein. Der Besitzer hatte sein Handy nicht mit einem Code gesichert, sodass sie sofort zugriff auf das Netz hatte. Mit mittlerweile geübten Fingern, öffnete sie die Karte und ließ sich und Aman zum nächsten Flughafen lotsen.
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