Ein weiterer Tag

GeschichteAngst / P16 Slash
16.09.2018
15.10.2018
3
13051
8
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
A/N: Als verwirrte Mittzwanzigerin, die ihren Weg neben der Realität entlang stolpert, sind alle Punkte, die in dieser Geschichte aufgegriffen werden, Fakten, mit denen ich in meinem Leben konfrontiert wurde. Ich weiß, nicht alle Mittzwanziger teilen die gleichen Erlebnisse, daher wird es Leute geben, die das lesen und sich denken: ".... so laufen die Zwanziger nicht", was: fair. Ich dachte mir nur, ich fange das Chaos um mich herum ein und packe es in eine Geschichte mit einer verwirrten Erzählerin, weil ... ich kann.




Ein weiterer Tag





Im Jahr 1969 schreibt Vonnegurt so geht das und dann geht das so: Menschen sterben, hin und wieder oder oft, je nachdem. Tod wie auch Vergänglichkeit sind nicht weniger Teil des Zyklus wie Geburt und reine Existenz. Sind nicht mehr weltbewegend wie so viele andere Dinge. Es passiert. Oder: es passiert mehr oder weniger, irgendwie. Tatsächlichkeit ist partiell nichtig.

Mildred wacht einige Tage nach ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag auf, stellt nach einem Blick in den Kühlschrank fest, dass sie Käse oder Schinken oder Marmelade braucht – schlichtweg irgendetwas, das sie essen kann –, schmeißt sich eine Jacke über ihren Schlafanzug, schlüpft in ihre Flip Flops und läuft zum Nahkauf.

Es ist einer dieser Tage, du weißt schon: Mittzwanzigjährige, wie sie nun einmal sind, haben das noch nicht im Griff. Klamotten stapeln sich in Ecken, der Geschirrspüler beherbergt seit vier Tagen saubere Teller, kein BH passt, die Regale sind verstaubt, Zigarettenasche klebt im Waschbecken. Mittzwanziger machen das, irgendwie, und legen sich abends schlafen und denken: das kann nicht alles sein, das ist nicht meine beste Version, gib mir noch einen Tag, dann wird es besser.

Es ist einer dieser Tage, du weißt schon: Mildred läuft mit Schlafanzug und Flip Flops und ungewaschenen Haaren und verschmiertem Augen-Make-Up, das sie am Vorabend nicht abschminken wollte, in den Laden und steht vor dem Kaltgetränkeregal, als ein maskierter Bursche mit zitternden Händen und der Bereitschaft zum Schießen in den Laden stürmt. Es sind siebzig Euro und zweiunddreißig Cent in der Kasse, er zählt es nach und kann es nicht glauben. Seine Finger spielen nervös am Abzug. Der Kassierer gibt sich Mühe, tut er wirklich, erklärt, dass die Kasse abends ausgeleert wird und der morgendliche Betrieb noch keine bedeutsamen Einnahmen brachte.

Siebzig Euro und zweiunddreißig Cent.

An diesem Tag sterben der Kassierer und drei Kunden. Mildreds Schlafanzug färbt sich rot und ihre Füße in den Flip Flops sind eiskalt, als die Ersthelfer ihren vergeblichen Versuch starten.

Es ist einfach einer dieser Tage. So geht das.

+

Das ist natürlich suboptimal. Es ist nicht alles.

+

Das erzählen sie dir nicht, übers Totsein: wenn du bleibst und zusiehst, wie sie dich wegtragen, ist es … unangenehm. Gott, einer dieser Tage, natürlich sieht Mildred tot wie eine Vogelscheuche aus, leichenbleich und leicht verrutscht, als wäre ihr das Menschsein nicht gelungen. Kein BH und nackte Füße, weil die Flip Flops die Helfer lediglich bei ihrer Arbeit störten. Mildred sieht weg. Das war’s also. Was für ein Scheißende. Was für eine absolute Verschwendung.

Das Ding ist, heute ist einfach schlecht dafür. Wenn sie – Freunde oder Polizei – in Mildreds Wohnung treten, finden sie Chaos und Unordnung, einen leeren Kühlschrank und Socken in jeder einzelnen Lücke. Wäre es morgen passiert … morgen hätte Mildred das unter Kontrolle gehabt. Morgen wäre besser gewesen. Sie wäre besser gewesen.

Mittzwanziger: sie brauchen nur noch einen weiteren Tag – danach, du weißt schon, du weißt schon.

Mildred fährt nicht mit ihrem Körper mit. Sollen sie ihn wegbringen. Er nützt ihr nichts mehr. Stattdessen läuft sie zum Park, setzt sich auf eine Bank und lehnt sich zurück, bis ihr Kopf auf der Lehne liegt und sie nach oben starrt.

Die Hausarbeit für ihren östlichen Philosophiekurs liegt unsortiert und ausgebreitet auf ihrem Boden, direkt vor dem Sofa und neben dem kleinen Couchtisch, auf dem sich Kaffee- und Teetassen stapeln. Sie wollte die Tassen in den Geschirrspüler stecken, wirklich, aber der Spüler muss noch ausgeräumt werden. Und die Hausarbeit … sie wollte noch einmal drüber schauen und morgen abgeben, pünktlich zum Fristende. Ihre Teamleiterin hat sie für morgen im Getränkemarkt eingeteilt, in der Frühschicht. Sie wird alles umplanen müssen.

Mildred hatte noch einiges vor. Sie wollte Amerika sehen. Wollte einmal die Muscheln ausprobieren, die das Restaurant drei Parallelstraßen von ihrer Wohnung entfernt seit fünf Monaten anbietet. Gestern hat sie zum ersten Mal Spitzenunterwäsche bestellt. Sie würde sie nie tragen, aber … sie ist vierundzwanzig, seit sechs Tagen, sie wollte Spitzenunterwäsche besitzen, wollte die Chance haben, inmitten den Beweisen ihrer Verbesserungswürdigkeit vor dem Spiegel zu stehen und sich für einige Momente sexy zu fühlen.

Ohne zu blinzeln starrt Mildred in die Weite des Himmels, der alles zu fressen scheint, was existiert. Er scheint die Welt aufzubrechen. Er ist größer als alles, was Mildred je in ihrem Leben angefasst hat. Er ist angsteinflößend, heute mehr denn je.

+

Das erzählen sie dir nicht, übers Nachleben: zu wissen, was du nie gemacht hast und niemals machen wirst – das tut weh.

+

Zeit ist ein unbeständiges Ding, macht nicht viel Sinn, passt sich niemals den Umständen an. Zeit ist widerspenstig.

Mildred lässt sich in ihre eigene Wohnung rein, weil das geht, als Geist; sie braucht keinen Schlüssel, braucht lediglich den Willen dazu. Sie will nicht wirklich, aber sie ist neugierig genug. Sie weiß nicht, wie lange es her ist, seit sie auf der Suche nach Käse im Nahkauf war und beim kaltgelagerten Kaffee hängenblieb. Aber lange genug, richtig? Lange genug, dass jemand … Irgendjemandem muss es doch aufgefallen sein, richtig? Aber die Wohnung ist leer. Mildred läuft mit nackten Füßen vom Flur ins Wohnzimmer, in die Küche, ins Bad. Niemand war hier.

Niemand ist hier.

Mildred blinzelt in den Spiegel. Niemand blinzelt zurück.

So geht das also.

+

Die ersten Personen, die kommen, sind Poppy und Edith. Poppy – das macht Sinn. Edith, weniger. Beide sehen leicht gebrochen aus; nahezu monoton. Methodisch gehen sie von Raum zu Raum, schweigsam. Fühlt sich an wie Friedhof. Fühlt sich an wie Totenwache. Mildred beobachtet sie.

Poppy transportiert die Tassen in die Küche, lässt sie einfach auf der Theke stehen, nachdem sie den Geschirrspüler öffnet und auf das saubere Geschirr blickt. Edith sammelt die Socken ein, holt sie aus ihren geheimen Verstecken. Sie räumen weniger auf, als dass sie die Dinge einfach an neue Orte stellen. Witzig: das war auch Mildreds Art, Ordnung innerhalb dieser Wände vorzutäuschen.

Als Poppy einen BH vom Boden hebt, spricht sie die ersten Worte: „Das ist nicht ihre Größe.“

„Was?“, fragt Edith.

„38 B“, sagt Poppy und starrt verloren auf den BH, in den ihre verkrampften Finger bohren, „Das ist nicht ihre Größe. Sie trägt A. 36 A. Sie – sie kauft immer falsch, weil sie sich das nicht merkt.“

„Oh“, sagt Edith.

„Sie meinte immer, dass sie das lernen wird. Sie meinte immer, dass sie die richtige BH-Größe tragen wird, sollte sie sterben. Sie meinte immer, sie wird erst unter der Erde liegen, wenn sie das endlich richtig macht.“

Bitte nur einen weiteren Tag – das hat Mildred immer gemeint. Das gilt für Mittzwanziger: nur noch ein weiterer Tag und dann wird alles besser.

„Sie war im Schlafanzug“, flüstert Edith.

Poppy lässt den BH fallen und reibt sich über die Augen, hinterlässt fiese, rote Spuren. „Scheiße“, flucht sie, als wäre sie besser. Als hätte sie Mildred niemals um 3 Uhr nachts angerufen und gefragt, ob sie vorbeikommen kann, weil sie ihre eigene Straße nicht findet. Immer zu viel Alkohol. Das ist immer das Problem, richtig? Die Menschen, die die Grenze nicht sehen, die immer zu weit gehen.

Poppy ist nicht gut mit der Realität und Mildred war nie gut mit Struktur. Sie haben sich gegenseitig auf die Palme gebracht.

„Wir können das auch morgen machen“, sagt Edith.

„Nein, können wir nicht.“ Poppy blickt durch den Raum, zuckt hilflos mit den Schultern, als sie Edith‘ ungläubigen Blick auffängt, „Sie hat niemanden. Verstehst du? Da ist niemand, der ihre Sachen holt. Der die Wohnung für sie kündigt. Der alles organisiert. Sie hat niemanden.“

„Sie hat dich.“

Vielleicht ist das schlimmer. Dass Edith die einzige weitere Person ist, die Mildreds Wohnung betritt, und trotzdem sagt, dass Poppy alles ist, was Mildred jetzt noch hat. Ding ist, Mildred wollte Edith haben, wollte sie schon immer; es hat nur nie gepasst. Morgen, hat Mildred immer wiederholt: morgen fragst du sie. Du fragst sie. Wenn sie nein sagt, sagt sie nein. Mehr geht nicht. Mildred hat nur nie gefragt.

„Sie war nicht schwer zu mögen“, sagt Poppy leise und macht mit dem Umsortieren all möglicher Gegenstände weiter, ihre Hände Flussbewegungen: gleitend und unbarmherzig, unaufhaltsam, „Sie war nur immer in ihrem Kopf, weißt du? Gefangen. Ich weiß, sie wollte da raus. Sie wollte so nicht sein. Aber sie war nett, verstehst du?“

„Ich mochte sie“, sagt Edith, „Du brauchst mir nichts erklären.“

Poppy blickt kurz auf, verengt ihre Augen und fixiert Edith scharf. „Sie hat niemanden außer mir. Sie war unmöglich jung und nahezu alleine in der Welt. Irgendwie muss ich mir das selbst erklären.“

Nachdem Poppy die ausgeborgte Kopie vom Schlachthof 5 in der elften Klasse an Mildred zurückgab, rümpfte sie die Nase und meinte angewidert: so geht das, was für eine brodelnde Scheiße. Poppy glaubt nicht daran. Sie glaubt nicht an die Konstellation aus unmöglich jung und nahezu alleine in der Welt und tot. Das macht keinen Sinn, für sie.

Als ihre Mutter starb, einige Jahre früher, kam sie zu Mildred, lief auf und ab, Flüsse statt Beine, Steine in der Kehle, Kantensprünge vor den Augen, und meinte: nein, als würden mickrige vier Buchstaben in einer festgelegten Reihenfolge irgendetwas dagegen auswirken, als könnten sie etwas bewegen. Damals war Poppy keine vierzehn Jahre alt, ein Kind kurz davor, die Wahrheit der Welt zu entdecken, und nicht mal ansatzweise bereit dazu.

Poppy ist heute kein Kind mehr, aber sie berührt Mildreds Regale mit sanften Fingerkuppen, streift diffus an Vonnegut vorbei.

Du kannst den Tod nicht wirklich stören, weißt du? Du weißt schon: es wird nicht mehr lebendig, wird nicht weniger tot, nur weil du an dem Ort existierst, wo es nie mehr existieren wird.

„War sie unglücklich?“, fragt Edith mit Espenlaubstimme in die Elektrizität, die sich immer dann aufbaut, wenn es einfach verdammt ungemütlich ist.

„Scheiße“, sagt Poppy, starrt in das Chaos des Raums und fügt mit Erstickungstod zwischen ihren Stimmbänder hinzu: „Ich hab absolut keine Ahnung.“

+

In der neunten Klasse, nachdem es in der Parallelklasse einen Selbstmordvorfall gab – ein Mädchen zu nah an Pillen und nicht weit genug entfernt von all den Sachen, die in konstanter Manier versuchen, Mädchen in diesem Alter zu zerstören, so geht das –, sollten sie eine Liste schreiben.

Du weißt schon. Diese Art: dafür lohnt es sich, dafür kämpfen wir, dafür machen wir auch die Dinge, die uns wehtun, weil, du weißt schon, es das wert ist.

Mildred hat es weniger ernst genommen, geschrieben: um den Tag zu erleben, an dem in Kleider Taschen eingebaut werden, nur um sich eine Woche später eine Hose zu kaufen, in die Reisverschlüsse genäht wurden, die nicht dazu gedacht waren, sich öffnen zu lassen. Mildreds Lehrerin hat ihr erklärt, dass es aus Gründen des Respekts – für das tote Mädchen – keine Bewertungen gibt, aber sie sich wünscht, dass Mildred sich erwachsener benehmen würde.

Ding ist, Mildred hatte damals keine Angst; nicht vor Vergänglichkeit. Sie war fünfzehn und unsterblich, weil du mit fünfzehn entweder kurz vor dem Ende oder unverwundbar bist. Mildred hatte keinen Respekt vor einem Himmel, der die Sterne schluckt und sich stetig durch das Universum frisst.

Mildred kannte den Tod nicht in ihrem Alltagsleben, hat ihm nie die Tür geöffnet und ihm Tee angeboten. Poppys Mutter war eine schattenhafte Gestalt für sie, nicht der Beweis, dass die Monster näher lauern, als du wahrhaben möchtest. Mildred hat das alles nicht kapiert, okay? Sie hat es einfach nicht verstanden.

Hey: sie war fünfzehn und wilder als Wasserfälle und freier als Adler und der Boden unter ihren Füßen war nicht gewebt aus Tatsachen, war kein Treibsand. Sie flog.

Mit zwanzig wurde sie erst schlauer; mit zwanzig machten ihr die Monster unterm Bett Angst. Sieh zu, wie du dich jeden Tag selbst versorgst, rausgerissen aus der alten Realität und reingeschleudert in das zersplitterte Nichtwerk einer Gesellschaft, die ihre Alten wie ihre Jungen in soziale Grenzen treibt und nichts mehr bewegen möchte. Nahrungsaufnahme ist ein seltsames Ding, wenn es nicht oben steht, nicht in der ersten Reihe mit den anderen Prioritäten. Wenn wichtiger ist: wach auf, wach auf, wach auf. Nur noch einen Tag, richtig? Dann fällt es leichter. Dann wird es besser.

Mit zwanzig machte ihr alles Angst. Sie würde noch immer keine Liste schreiben können, wüsste noch immer nicht, wofür sich das lohnt, wofür sie kämpfen sollte. Würde weiterhin nicht die Dinge machen wollen, die ihr wehtun. Aber eines hat sie gelernt und wie ein Gebet wiederholt, ein bisschen wie ein Sektenmantra, ein bisschen wie Verzweiflung:

Gütiger Gott, als überzeugte Skeptikerin aller Dinge, die passieren, entschuldige ich mich für meine Sturheit und meine Arroganz; als Mensch steht mir das nicht zu. In deiner unbegrenzten Weisheit, in deiner allesumfassenden Güte bitte ich dich, einen Platz zu finden, um mir einen weiteren Tag zu schenken. Bitte, bitte, lass mich nicht sterben, bevor ich unter der Spüle den Rost entfernt und den Staub hinter der Couch gesaugt habe. Lass mich nicht als bis zum Knochen verängstigte Mittzwanzigerin sterben, die noch immer nicht weiß, was grade geschieht.

+

Das Universum ist natürlich voll mit Scherzen und Mildred stirbt mit Rost unter der Spüle und Staub hinter der Couch.

+

Das erzählen sie dir nicht, über Mittzwanziger: du hast noch nie eine so wirre Bande an Gleichaltrigen getroffen, die nicht verschiedener sein könnte. Teenager machen Sinn: sie sind jung und entweder unsterblich oder kurz vorm Sterben. Mittzwanziger sind Fegefeuer und du wartest und du wartest und du wartest.

+

Während ein Mädchen einmal geschieden mit drei Kindern und keiner Perspektive zuhause sitzt, sucht ein anderes Mädchen Flucht vor ungewünschten Berührungen in Alkohol – weil, wenn du dich am nächsten Morgen nicht mal dran erinnerst, war es dann so schlimm? ist es so schlimm, dass Männer dich immer berühren, auch wenn du nein sagst, wenn du dir das nicht mal merken kannst? – und ein weiteres Mädchen schreibt fleißig Notizen in der Vorlesung, während ihre Sitznachbarin schläft. Sie sind alle einundzwanzig.

Nichts daran macht Sinn. Kein Leben ist jemals zerstört, nicht wirklich, nicht gemessen an Schmerz – aber statistisch gesehen sind einige Leben schon vorbei, weil die Umstände das verlangen.

+

Statistisch gesehen hat sich das Mädchen mit dem Alkohol schon umgebracht, versehentlich, absichtlich: macht keinen Unterschied. So geht das nun einmal.

+

Statistisch gesehen baumeln mehr junge Leute an der Armutsgrenze, als die Politik wahrhaben möchte. Du weißt schon, du weißt schon. Das ist das einundzwanzigste Jahrhundert.

+

Mildred folgt Edith wie ein gehorsamer Hund, weil Poppys Nähe brennt. Alles an Poppy tut ihr weh: die ausgetrockneten Augen, die rote Nasenspitze, die zittrigen Lippen, der Schweiß im Nacken. Poppy leidet zu sehr und Mildred – Mildred will nicht.

Ding ist, du weißt schon, du erreichst gewisse Meilensteine und es klingt dumm, zum Teufel: es klingt so fürchterlich dämlich, aber du erreichst auch Meilensteine für Schmerzen. Sogar Teenager wissen das. In unglücklichen Fällen wissen das sogar Kinder.

Irgendwann hast du Freunde mit Drogen, die sich an die Hälfte ihres Lebens nicht mehr erinnern können, und Freunde mit Todesangst vor Berührungen – und du willst nicht wissen, wieso, willst nicht wissen, ob es Eltern oder Freunde oder Fremde waren – und Freunde, die dir Organisationstipps geben: wie man eine Hochzeit oder eine Beerdigung plant, Junggesellenabschied oder Interventionen. Und du weißt, all diese Leute um dich herum, sie tragen ihre Geschichten in den tiefsten Zellen ihrer Haut, tragen sie manchmal, weil die Geschichten dort hineingeschnitten wurden und vernarbt sind und sie keine einzelne mehr losbekommen, obwohl sie das so gerne würden.

Aber du kennst nicht alle Geschichten, bist nicht mit allen gut genug befreundet, um sie zu verdienen, und im Herzen sind wir alle schlechten Menschen, richtig? Weil du jedes Mal dankbar bist, wenn du Narben siehst und nicht weißt, wie sie da hingekommen ist.

Das ist Edith für Mildred. Bei Poppy – hey, da kennt sie alles. Ist damit aufgewachsen. War nie weit entfernt. Mildred weiß, wenn Poppy sogar vor ihren Berührungen zurückschreckt, dann hat sie etwas gemacht, was Poppy an Hank erinnert, weil Hank elf Jahre älter und groß und riesig und absolut grauenvoll war,  und Mildred ist weder groß noch riesig, aber sie kann grauenvoll sein, hat absolut das Potential dafür, hat einen eigenen, selbstgebauten Keller in einer Ecke ihres Herzens, in den sie all die Sachen reinräumt, die nichts in der Nähe anderer Menschen zu suchen haben. All die gemeinen Sachen, du weißt schon. Aber manchmal knackt das Schloss auf.

Edith lebt parallel. Lebt nah genug, dass Mildred schmerzhaft bewusst ihre Präsenz spürt, dass Mildred immer aus dem Augenwinkel nach ihr sucht.

Mildred ist, du weißt schon, Gott, du weißt schon. Und es hat lange gedauert. Es war nicht … guck, schau, hey, nicht alles ist einfach, meistens sind die Dinge sogar mehr als hart. Wie Quantenphysik. Wie herauskriegen, was zum Teufel schwarze Löcher sind. Das Universum ist super kompliziert und nicht alles davon ist menschgemachte Komplikation. Nicht alles davon entsteht aus Menschenhand. Aber diese Sachen auf der Erde – soziale Strukturen, das seltsame Belohnungssystem, das sagt, wie du geboren bist bestimmt, wie viele Rechte du kriegst.

Hat nie wirklich Sinn gemacht. Mildred versteht nichts davon. Bedeutet nur nicht, dass sie dadurch weniger eingesperrt ist.

Ding ist, Mildred ist semi-okay mit semi-vielen Sachen, die in ihrem Kopf rumspuken. Ding ist, Mildred hat nur einen Kopf und den kann sie nicht tauschen, sie muss semi-okay mit semi-vielen Sachen sein.

Aber ja: das ist schwierig.

Es ist auch nicht so, als wäre Edith ihre Erleuchtung gewesen. Das war Britney Spears. Mildred, dreizehn Jahre alt, hat angefangen zu weinen, als das Musikvideo für Toxic zu Ende gespielt hat. Das war überraschender für sie als so viele andere Sachen. Sie hat’s danach auch immer noch nicht verstanden.

Aber Edith hat tatsächlich Licht ins Dunkle gebracht, auch wenn sie nicht die erste Flamme war. Edith hat das nämlich gecheckt. Sie stand mit fünfzehn direkt neben Poppy und Mildred, die als separate Einheit zur Klasse betrachtet wurden, aber nicht ganz als Außenseiter. Poppy und Mildred waren, auf eine bescheuerte Weise, eine Clique. Aber da stand Edith: mitten in ihrer eigenen Gruppe, neben Poppy und Mildred, fünfzehn mit elendig scharfen Knochen und Akne auf ihrer Nase und einer breiten Zahnspange, und meinte: „Ich glaube, ich bin lesbisch.“

Mit fünfzehn war Mildred unsterblich – sonst wäre sie da nämlich gestorben.

Ding ist, du weißt schon: niemand sagt lesbisch. Tut einfach keiner. Das Wort wird nicht ausgesprochen. Es hat nicht einmal was mit der Historie zu tun. Keiner interessiert sich dafür, was alles weniger gut in der lesbischen Geschichte gelaufen ist. Es geht einfach darum, dass Frauen eine Sache beigebracht wird: sie sind nur insoweit menschlich, als dass sie für Männer da sind. Andererseits werden sie ihrer Menschlichkeit entzogen. Lesbe ist so ziemlich das Schlimmste, was du als Frau sein kannst.

Das ist natürlich gelogen. Mildred interessiert sich nicht weiter dafür, aber das ist die eine Sache, die sie weiß: es ist eine absolute Lüge, weibliche Existenz als Belohnung für Männer darzustellen. Man tut so, als würde das Lesbentum der einzige Grund – und somit die größte Sünde – sein, wieso Frauen sich von Männern abwenden. Lesbentum, so denken dumme Menschen, ist die einzige Form, wie sich Frauen von Männern lösen können.

Das ist konditioniert. Der Ursprung für die männerhassenden Lesben. Aber du brauchst keine Lesbe sein, um Männer zu hassen. Und Lesben sind nicht weniger aber auch nicht mehr menschlich als andere Frauen. Das ist das Argument gegen bisexuelle Frauen, in ihrer eigenen Community, du weißt schon, als würde Bisexualität bedeutet, dass diese Frauen irgendjemanden verraten, nur weil sie Männer mögen, als würden sie irgendwie Männern deswegen gehören. Männer, um die Sache auf den Punkt zu bringen, haben nichts mit der Existenz von Frauen zu tun. Männer haben einen Einfluss von minus dreihunderttausend auf alles, was eine Frau sein kann.

Frauen verdienen es zu existieren und sie sind Mensch und es ist ein Unding, dass man sich nicht erlaubt, über Frauen zu denken, ohne Männer zu berücksichtigen.

Wenn Mildred ehrlich ist, war das Ding, was sie am okay-sten fühlen lassen hat, als eine heterosexuelle Frau in einer Bar mal zu ihr meinte, während sie Rauch aus ihrem Mund blies: „Ich bitte dich, du musst keine Lesbe sein, um Männer zu hassen. Alle hassen Männer. Wir können nichts dafür, dass manche von uns zeitgleich auch denken, dass der Typ am Ende des Tresens sexy ist, wenn er seinen Whiskey trinkt.“

Da hat Mildred auch das erste Mal Feminismus verstanden, von wegen: klar, hetero Frauen können absolut grauenvoll sein, aber auch sie hassen Männer, weil Männer sogar schlimmer sind.

Mildred weiß nicht wirklich, wieso sie darüber nachdenkt, während Edith ihre Zähne putzt. Es ist nur so – Mildred hätte nur noch einen weiteren Tag gebraucht, weißt du? Nur noch einen Tag, um zu sagen: hey, ich bin – du weißt schon.

+

Das erzählen sie dir nicht, weil sie nicht wollen, dass du es weißt: es gibt tausend Gründe, die Dinge aufzuschieben, die schwer sind. Das Schwerste ist nur immer, mit dir selbst im Reinen zu sein. Und es gibt tausend Varianten von „du musst dich erst selbst mögen, bevor andere das tun können“, und während das gelogen ist, ist es der beste Ratschlag, den dir jemand geben kann.

Bei Mittzwanzigern, du weißt schon, passiert alles, was passieren muss, am nächsten Tag, versprochen, Hand aufs Herz: morgen wird alles besser. Und wenn sie über Selbsthass reden, ist es was anderes als bei Teenagern, weil Teenager niemals so viele Gründe haben, sich selbst zu hassen. Kein Teenager interessiert sich wirklich dafür, dass die dreckigen Socken in der Ecke liegen, weil sie irgendwann aufgehoben werden und irgendwann kommen sie sauber zurück. Kein Teenager sieht dabei zu, wie der Spiegel im Badezimmer verstaubt, und denkt mit eiskalter Überzeugung: niemand ist weniger kompetent im Leben als du.

Nicht dass Teenager weniger fühlen – oder weniger echt fühlen. Aber Teenager haben größere Dinge, um die sie sich Sorgen machen müssen: Familie, Freunde, Noten, Hausaufgaben. Teenager wissen, was wichtiger ist.

Du verlierst diese Prioritäten. Verlierst du einfach. Du hast eh keine Zeit, deine Freunde zu sehen, und Familie fühlt sich eher an, wie deine Leber durch deine Kehle aus deinem Körper zu ziehen, und nachdem dich der zehnte Kunde am Tag beleidigt, weil ja alles so lange dauert, ist dir sowieso alles egal. Ding ist: der Staub am Badezimmerspiegel ist genauso wichtig wie die Tatsache, dass du das zwei Jahre alte Kind deiner Freundin gerade mal dreimal gesehen hast. Und es lässt dich beides wie der absolute Versager fühlen.

Und es gibt tausend Gründe, aufzuschieben, diesen Spiegel zu putzen. Es gibt so viele andere Dinge, die du tun könntest und die wichtiger sind. Aber jetzt aufzustehen, den Lappen und den Glasreiniger W5 von Lidl in die Hand zu nehmen und in weniger als zwei Minuten den Spiegel zu wischen? Das hat den gleichen Effekt, wie das zweijährige Kind deiner Freundin zu sehen, egal ob das vielleicht wichtiger gewesen wäre.

Du kannst Sachen immer aufschieben. Als Alternative? Kannst du auch anfangen, die Sachen einfach zu machen.





...
Review schreiben