Das letzte Mal

von Xella Sky
KurzgeschichteDrama, Familie / P16
Jack Raydor Sharon Raydor
16.09.2018
16.09.2018
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Liebe Leser, die folgende Geschichte ist keine schöne, denn es geht um Sucht und ihre Folgen. Es steckt viel Verzweiflung im Handeln der Hauptpersonen und sie machen sich – ob bewusst oder nicht – das Leben gegenseitig zur Hölle.

Als in der Serie die Jack & Sharon-Szenen vorkamen, haben mich immer die Details aus der gemeinsamen Vergangenheit interessiert. Das Folgende ist der Versuch, ein bisschen in diese Vergangenheit einzutauchen.

Inspirierend fand ich hierfür unter anderem einen Satz aus Wikipedia zur Beschreibung von Sharon Raydor: „Sie ist sehr auf die Einhaltung der Vorschriften bedacht, dabei scheint sie immer kontrolliert und hat ihre Emotionen perfekt im Griff.“
Was wäre, wenn sie in jüngeren Jahren nicht ganz so kontrolliert gewesen wäre? Was wäre, wenn sie nur durch langjähriges, leidvolles Training zu dem Punkt gelangen konnte, ihre Emotionen so perfekt im Griff zu haben?



Das letzte Mal


Das penetrante Klingeln eines Telefons riss Sharon aus dem Schlaf. Sie blinzelte und stöhnte dann auf, war sie doch nach einem langen Tag voller Arbeit und familiärer Verpflichtungen erst vor einer Stunde eingeschlafen. Frustriert schlug sie die Decke zurück und machte sich auf bloßen Füßen auf den Weg in den Flur. Welcher Idiot rief um diese Uhrzeit an? Wusste er nicht, dass hier Kinder im Haushalt schliefen?
Das Licht ließ sie aus, denn sie fand sich auch so in der Wohnung zurecht. Außerdem sorgten die Lichter der Großstadt dafür, dass die Dunkelheit nie aus mehr als einem Dämmergrau bestand.
„Raydor?“
„Hier auch! Shar, Babe, du musst mich abholen!“
Sharon griff sich an die Stirn und rieb mit zwei Fingern die Schläfen. Jack. Natürlich Jack. Wer sonst?! Ein Notfall in ihrem Elternhaus, so schlimm das auch wäre, wäre ihr lieber gewesen. Doch es war Jack. Die nutzlose Parodie eines Ehemanns und Vaters. Sie wusste, dass er betrunken war. Das hörte sie seiner Stimme an.
„Jack, was willst du?“
„Du sollst mich abholen! Bist du etwa taub, Babe?“
„Jack, weißt du wieviel Uhr es ist? Halb eins! Die Kinder schlafen. Ich kann hier nicht weg. Nimm dir ein Taxi.“
In der Leitung war nur unverständliches Genuschel zu hören. Autolärm dröhnte im Hintergrund. Hupen jaulten auf. „Hey, was glotzt du denn so?“ Das galt nicht ihr. Jack schien sich mit irgendjemandem zu streiten. Wahrscheinlich stand er draußen an einem Münztelefon. Am liebsten hätte Sharon aufgelegt, doch sie wusste, wie sinnlos das war. Spätestens in fünf Minuten würde er wieder anrufen und wieder und wieder. Sie müsste das Telefon ausstecken.
„Jack! Was ist nun mit dem Taxi?“
„Ich bin pleite, Shar. Du musst mich holen!“
„Kannst du nicht dort irgendwo übernachten?“
„Willst du, dass ich auf der Straße schlafe?“, kam es patzig zurück.
Sie wollte ja sagen, aber sie wusste, wie herzlos sich das anhören würde. Daher schnaubte sie nur.
„Nein, natürlich nicht. Aber du könntest jemand anderen anrufen, der dich abholt.“
„Du bist meine Frau. Das ist dein Job.“
Sharons Gesicht verfinsterte sich, auch wenn Jack das natürlich nicht sehen konnte. Dieser Mann raubte ihr den letzten Nerv. Vermutlich war er zu betrunken, um sich zu erinnern, was er in der Woche, die er jetzt schon verschwunden war, getrieben hatte, doch er wusste immer ganz genau, was angeblich ihr „Job“ war.
„Also gut, wo bist du?“

Unerwartet ging das Licht im Flur an. „Mami? Was machst du?“
Ein kleines Mädchen mit verwuschelten Haaren und nur mit einem Nachthemd bekleidet stand im Türrahmen. In der einen Hand hielt sie Teddy Balu, die andere war zur Faust geballt und sie rieb sich damit die verschlafenen Augen.
„Geh wieder ins Bett, Emily. Ich telefoniere mit Daddy.“ Sharon hatte ihren Tonfall geändert und sprach nun ganz sanft. „Mach dir keine Gedanken. Geh wieder schlafen.“
Sie hielt den Hörer an ihre Brust gedrückt und nahm ihn erst wieder auf, als ihre Tochter ins Kinderzimmer zurückgekehrt war.

„Jack, bist du noch dran?“
„Ob ich noch dran bin?! Ich rufe und rufe und du reagierst nicht.“
„Stell dich nicht so an. Emily ist aufgewacht. Ich musste mich um unsere Tochter kümmern. Sag mir nochmal die Adresse.“
Sharon griff nach einem Notizblock, der auf der Kommode neben dem Telefon lag. Sie kritzelte den Namen hin, den Jack ihr nannte.
„Ist das dein ernst? Jack, ist dir bewusst, wie weit weg das von unserer Wohnung ist? Selbst um diese Uhrzeit werde ich mehr als eine Stunde brauchen!“
„Passt! Ich geh‘ solang spazier‘n.“
Sharon wollte noch etwas einwenden und ihm wegen der Kinder ein schlechtes Gewissen machen, doch Jack hatte einfach aufgelegt. Spazieren gehen! Bei ihrem Glück würde er sich überfahren lassen, bevor sie eintraf. Sharon ging ihre Optionen durch. Sie konnte die Kinder nicht alleine daheim lassen. So kurzfristig und mitten in der Nacht ließ sich aber auch kein Babysitter organisieren. Ihr würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Kinder mitzunehmen.

Sie verschwand noch einmal in ihrem Schlafzimmer, um sich etwas anderes anzuziehen, dann betrat sie das Kinderzimmer, um Ricky und Emily aus den Betten zu holen. Wenn sie Kissen und Decken mitnahm, konnten die Kinder auf der Fahrt weiterschlafen.


***


Kurz vor zwei hatte Sharon besagte Adresse erreicht. Ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Sie fuhr langsam die Straße entlang, doch von ihrem Ehemann war natürlich keine Spur zu sehen. Schließlich entdeckte sie das Münztelefon und in unmittelbarer Nähe fand sich auch ein Parkplatz. Sie stellte den Motor ab und warf einen Blick über ihre Schulter. Ihre Kinder schliefen tief und fest auf der Rückbank. Zum Glück. Es war nicht einfach gewesen, die beiden aus dem Bett zu bekommen und vor allem nicht, sie davon zu überzeugen, auf eigenen Beinen ihrer Mutter in die Tiefgarage zu folgen. Bei ihrer Rückkehr würde sie die beiden, oder zumindest Emily, vermutlich tragen müssen. Sie wischte den Gedanken beiseite. Ein Problem nach dem anderen. Zunächst musste sie Jack finden.
Sie stieg aus und sah sich um. Auf dem Gehweg war weit und breit niemand zu sehen. Sie sah sich weiter um. Zwei Kneipen und eine KittyCat-Bar befanden sich in unmittelbarer Umgebung. Ein Schauder lief über Sharons Rücken. Keine drei Pferde würden sie dazu bringen, solch eine Lokalität zu betreten. Wenn Jack so dumm wäre, sich dort aufzuhalten, dann hatte er eben Pech gehabt. Dann würde sie ohne ihn zurückfahren.
Sie ging die weiteren Optionen durch. Er konnte auch in einer der Kneipen sein. Die Tatsache, dass er pleite war, hielt einen Jack Raydor normalerweise nicht vom Trinken ab. Er war ein geübter Schnorrer, der sehr charmant sein konnte, wenn er einen um den Finger wickeln wollte. Irgendjemand fand sich fast immer, der ihm einen ausgab.
Sie beschloss, die nächstgelegene Kneipe aufzusuchen. Sie wollte sich nicht zu weit von ihren Kindern und dem Auto entfernen. Sharon hatte zwar abgeschlossen, aber wer wusste schon, wer sich hier alles zu nachtschlafender Zeit herumtrieb.

Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an das schummrige Licht im Gebäude zu gewöhnen. Zudem vernebelte Zigarettenqualm die Sicht. Im Vordergrund des vollgestopften Raumes befanden sich zwei Billardtische. Beide wurden bespielt. Als sie sich zwischen den Tischen hindurchschlängelte, um an die Bar zu gelangen, wurde sie von einigen der Spieler von oben bis unten gemustert. Sharons Muskeln spannten sich an. Sie hoffte, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie anzumachen. Um gar nicht erst in die Gefahr zu geraten, vermied sie jeden Blickkontakt und steuerte zielstrebig auf den Bartresen zu. Kurz überflog sie das Angebot an Flaschen jeder Form und Größe, das die Regale hinter dem Tresen zierte, dann fiel ihr Blick auf Jack. Er saß ganz hinten im Raum an einem Vierertisch und quatschte das Pärchen voll, das ihm gegenüber saß. Die zwei sahen aus wie Biker. Als Sharon den Tisch fast erreicht hatte, wurde sie von Jack entdeckt.
„Aaah, mein Taxi is‘ da!“, lallte er. Er klopfte zum Zeichen des Abschieds zweimal auf den Tisch und erhob sich. Torkelnd kam er auf sie zu. Er wollte ihr einen Kuss auf den Mund geben, doch Sharon hielt ihn mit ihren Händen auf Abstand. Mit einer Pirouette, die nur Betrunkene hinbekamen, entwand er sich geschickt ihren Händen und stand plötzlich hinter ihr. Mit seinen Armen umfasste er ihre Körpermitte und zog sie an sich heran. Ein feuchter Kuss landete in ihrem Nacken. Noch ehe sie protestieren konnte, hatte er sie beide Richtung Ausgang gedreht. Er ließ sie kurz los, nur um ihr dann einen kräftigen Klaps auf den Hintern zu geben.
„Lass uns gehen, Babe!“
Sharons Wangen brannten vor Scham. Sie wusste zwar genau, dass dem typischen Kneipenpublikum solche Szenen vollkommen normal vorkamen, trotzdem wäre sie am liebsten vor den interessierten Blicken der Gäste davongerannt.
Zügig setzte sie sich in Bewegung, Jack im Schlepptau. Weit kamen sie jedoch nicht, denn sie wurden von einem Hünen von Mann gestoppt, der sich mit seinem Billardqueue in der Hand ihnen in den Weg stellte. Er musterte Sharon und Jack von oben bis unten.

„Belästigt Sie der Mann?“, wollte er schließlich wissen. Sein Atem stank nach Bier und sein Körper dünstete Schweiß aus, aber trotz seiner Größe wirkte er nicht allzu bedrohlich. Sharon versuchte ob des Gestanks flach zu atmen.
„Was n‘ Quatsch. Das ’s meine Frau“, mischte Jack sich ein. Er hatte zu ihr aufgeschlossen und hielt sich an ihren Hüften fest, um nicht umzukippen.
„Halt ’s Maul! Ich hab mit der Miss gesprochen“, meinte der Fremde nur und sah Jack mit einem finsteren Blick an.
Für einen kurzen Moment gab sich Sharon der Fantasie hin, Jack einfach zu verleugnen und dem Geschehen zu entfliehen. Sie brauchte nur die Belästigung bestätigen und der Fremde würde sich um ihren Ehemann kümmern. Doch ihr Gewissen ließ das nicht zu. Sie war katholisch erzogen worden, daher glaubte sie daran, dass Mann und Frau in guten wie in schlechten Zeiten zusammenhalten sollten. Leider überwogen seit einiger Zeit die schlechten Zeiten, doch das war keine Ausrede.
„Er ist wirklich mein Mann. Alles okay.“
Eine der Augenbrauen des Fremden wanderte nach oben. Er schien ihr nicht so recht glauben zu wollen.
„Wirklich?“
„Wirklich!“, bestätigte sie.
„Dann mein Beileid“, kam es trocken und der Hüne zog sich zurück.

Sharon ging weiter, mit Jack im Schlepptau, der sich noch immer an ihren Hüften festgekrallt hatte. Sie sehnte sich nach der kühlen Nachtluft und sah die Tür auch schon in Reichweite, als sie erneut aufgehalten wurden.
„Hey, stopp! Sie wollen doch wohl nicht die Zeche prellen!“ Eine empörte Männerstimme näherte sich von hinten. Es war der Barkeeper.
„Jack!“, stieß sie verzweifelt aus.
„Ich mach das, k’ne Sorge“, versprach Jack.
Er drehte sich wankend um und redete auf den Barkeeper ein. Immer wieder deutete er zu dem Pärchen an dem Vierertisch. Sharon hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie dachte an ihre Kinder.
„Entweder Sie bezahlen, oder ich rufe die Polizei!“ Die Stimme des Barkeepers wurde auf einmal lauter.
Die Gespräche im Raum verstummten und noch mehr neugierige Augen als zuvor richten sich auf sie. Sharon wurde es zu viel. Sie ließ ihre schmale Handtasche von der Schulter gleiten und entnahm ein Portmonee.
„Wieviel schuldet er Ihnen?“, wandte sie sich an den Barkeeper. Sie wollte nur noch fort von hier und zugleich verhindern, dass Jack die Sache verschlimmerte. Es fehlte nur, dass am Ende wirklich noch die Polizei auftauchte und ihr Namen in einer der Akten landete. Sowas konnte ein berufliches Vorwärtskommen nachhaltig sabotieren.
„Wieviel?“ Der Betrag, den der Barmann genannt hatte, war höher als Sharon erwartet hatte. Damit war ihr letztes Geld weg. Geld, das sie eigentlich für neue Schuhe für Ricky vorgesehen hatte. Der Junge wuchs in letzter Zeit so schnell. Doch es würde ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als seine Kinderzehen noch eine Weile in die zu engen alten Treter zu quetschen. Das würde Jack ihr büßen müssen!

Ohne weitere Zwischenfälle verließen sie die Kneipe. Das Auto war bereits in Sichtweite, doch Sharon hatte nicht vor einfach einzusteigen, als wäre nichts gewesen. Sie würde ihren Mann zur Rede stellen und wollte nicht, dass die Kinder es mitbekamen.
Für den betrunkenen Jack vollkommen unerwartet, stoppte sie mitten im Schritt. Sie wirbelte zu ihm herum, packte ihn an der Knopfleiste seines halb geöffneten, verschwitzten Hemdes und schubste ihn mit Schwung gegen die nächste Hauswand.
„Wow, Sharon. Imm’r langsam mit den jung’n Pfer’n.“ Jack schien weniger überrascht als angetan. Vermutlich hielt er es für einen Flirtversuch.
„Hast‘ s wohl nötig. W’rte, ich besorg’ s dir gleich hier.“ Er konnte kaum gerade stehen, begann aber, an seinem Hosenstall herumzufummeln.
Sharon war angeekelt. Nichts lag ihr ferner, als jetzt romantisch zu werden. Noch dazu in der Öffentlichkeit. Sie packte ihn erneut, doch diesmal legte sie ihre Hand um seinen Hals und begann, seinen Kehlkopf leicht zu quetschen.
„Jetzt hör mir mal zu, du Mistratte. Hier läuft gar nichts in dieser Richtung! Du wagst es, hier auf Sugardaddy zu machen, dabei bist du der letzte Tropf. Haust von Zuhause ab, lässt deine Familie im Stich, verzockst unser Geld und ruinierst unseren Ruf! Ich frage dich, wieso?! Wieso tust du das? Hasst du mich so sehr? Hasst du die Kinder? Du bist das Letzte, Jack Raydor!“
Keuchend wich sie zurück und gab Jack damit die Möglichkeit, nach Luft zu schnappen. Er beugte seinen Oberkörper nach vorne, stemmte die Arme auf die Oberschenkel und sog die Nachtluft tief ein. Sie hatte so fest zugedrückt, dass sein Gesicht dunkelrot angelaufen war.
„Und, was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“, setzte sie nach, da er außer Keuchen noch keinen Ton von sich gegeben hatte.
Schließlich hob Jack seinen Kopf wieder und sah sie von unten herauf an.
„Miststück!“
„Wie bitte?“
„Miststück!“, wiederholte er.
„Ich bin das Miststück? Und was ist mit dir, du Mistkerl?! Dank dir ist das Geld für Rickys neue Schuhe weg.“
Langsam richtete sich Jack in eine aufrechte Position auf. Rücken und Hintern hatte er fest an die Hauswand gepresst.
„Kaltes, herzloses Miststück!“ Wie so oft, wenn er betrunken war, reagierte er gar nicht auf ihre Anschuldigungen, sondern wurde ausfällig.
Sharons Herz verkrampfte sich. Sie spürte, wie das bisschen Liebe zu ihm, das noch immer in ihr war, starb. Etwas in ihr flüsterte ihr zu, sie solle ihn treten. Gegen das Schienbein, oder besser noch, in die Weichteile.
Um diesem Impuls nicht nachgeben zu können, drehte sie sich von ihm weg und ging einige Schritte auf das Auto zu. Diese Gewaltfantasien, die heute Nacht immer wieder über sie kamen, erschreckten sie. So war sie normalerweise nicht. Doch Jack hatte schon immer etwas an sich gehabt, das extreme Gefühle in ihr weckte. In jeder Hinsicht.

„Sharon.“ Jacks Tonfall hatte sich gewandelt. „Ich brau’e d’ch!“ Er klang nun ganz anders. Weinerlich.
Sharon blinzelte mehrmals, um selbst aufkommende Tränen zu unterdrücken. Seit Jack das erste Mal abgestürzt war, hatte sie sich viel Lesestoff über Suchtkrankheiten besorgt. Jack zeigte alle gängigen Symptome. Auch jetzt sprach aus ihm die Sucht und er war nicht er selbst. Doch alles theoretische Wissen nützte gar nichts, wenn man selbst davon betroffen war. Es spendete weder Trost noch gab es Stärke. Sie drückte mit ihren Zeigefingern leicht ihre Augenlieder nach oben, damit ja keine Träne herausquoll. Sie war am Ende.

„Ich warte im Auto auf dich.“ Es war mehr ein Murmeln als richtige Worte. Sie bezweifelte, dass Jack es gehört hatte, doch sie drehte sich nicht um, um das zu überprüfen.


***


Die Rückfahrt verlief in eisigem Schweigen. Jack saß auf dem Beifahrersitz und hatte seine Schläfe gegen die Fensterscheibe gelehnt. Seine Augen waren nur noch einen Schlitz weit offen. Sharons Blick war fest auf die Straße geheftet. Sie ertrug den Anblick ihres Mannes nicht. Schlimm genug, dass sein Gestank das ganze Auto verpestete. Sie öffnete ihre Fensterscheibe einen Spalt breit, um wenigstens ein bisschen Frischluft abzubekommen.

Irgendwann drang ein Schnarchen vom Nebensitz zu ihr herüber. Sharons Wut, die schon ein wenig abgekühlt war, flammte wieder auf. Sie hatte die Last und der Herr schlief den Schlaf der Gerechten. Das war nicht fair. Es war irrational, aber sie wollte, dass es ihm genauso schlecht ging wie ihr, daher packte sie seinen Arm und rüttelte so lange daran, bis er aufwachte.
„Was‘ n?“ Jack starrte sie aus verständnislosen Augen an.
„Das war das letzte Mal!“
„Was für’n Mal?“ Er begriff noch immer nicht.
„Das letzte Mal, dass ich dich abgeholt habe. Das letzte Mal, dass ich dich irgendwo heraushaue. Das letzte Mal, dass die Kinder unter einer deiner Aktionen leiden müssen.“ Sharon sprach zwar nicht laut, um Ricky und Emily nicht zu wecken, dafür aber umso eindringlicher. Und obwohl ihr Blick noch immer wie festgeklebt an der Straße hing, ließ sie doch seinen Arm nicht los. Sie würde verhindern, dass er wieder einschlief, solange sie ihm sagte, was zu sagen war.
„Selbst wenn ich wollte, was ich nicht tue, werde ich dich mit diesem Auto nie wieder von irgendwo abholen. Dank deines „Glückes im Spiel“ ist unser Konto leer geräumt. Die nächste Rate für den Wagen ist bald fällig und wenn nicht in den nächsten Tagen ein Wunder geschieht, dann war es das mit dem Auto. Die Bank wird es einkassieren.“
„Sharon, ich…“
„Nichts Sharon! Ich sage dir, was jetzt passiert. Du sorgst in Zukunft für dich allein! Deine Spiele, dein Alkohol, alles dein Problem. Ob du Geld hast oder nicht, dein Problem. Ob du nach Hause kommst oder nicht, dein Problem. Ich werde unser gemeinsames Konto kündigen. Ich werde mir einen anderen Job suchen, der mehr Geld einbringt als bisher. Unsere Kinder sollen nicht unter deinen Mängeln leiden. Wenn du auch nur einen Funken Anstand besitzt, dann hältst du dich von uns so fern wie möglich!“
Jack wollte zum Sprechen ansetzen, doch Sharon schnitt im erneut das Wort ab.
„Halt deinen Mund! Ich will nichts von dir hören! Von mir aus schlaf jetzt.“
Endlich ließ sie seinen Arm los. Ihre Haut kribbelte und ihr Gesicht erstarrte zu einer nichtssagenden Maske.


***


Wieder zurück in der Tiefgarage stand Sharon vor dem Problem, dass sie drei schlafende Passagiere hatte, die sie irgendwie in die Wohnung transportieren musste. Um Jack machte sie sich dabei die wenigsten Sorgen. Ihn konnte sie notfalls im Auto seinen Rausch ausschlafen lassen, doch Ricky war inzwischen zu groß und zu schwer, um ihn tragen zu können. Emily konnte sie notfalls schaffen, auch wenn es kein Zuckerschlecken werden würde. Sie beschloss, zuerst ihren Sohn zu wecken.
Es gab viel Gejammer und Unwillen, doch schließlich gelang es ihr doch, ihn dazu zu bringen, mitsamt Kissen und Decke in Richtung Lift loszulaufen. Emily war hingegen auch nach wiederholten Versuchen nicht wach zu kriegen. Sharon gab es auf, schnallte den Gurt los und legte sie sich halb über die Schulter. Ihr Bettzeug ließ sie an Ort und Stelle. Sie schloss die Tür, indem sie ihren Rücken dagegen drückte und löste mit Hilfe des Autoschlüssels die Zentralverriegelung aus. So konnte Jack wenigstens keinen Blödsinn machen.

Zehn Minuten später lagen die Kinder wohlbehalten in ihren Betten. Sharons Anspannung löste sich ein wenig und sie spürte plötzlich wieder, wie müde sie war. Am liebsten hätte sie sich so wie sie war auf ihr Bett geworfen, doch der Gedanke an Jack verhinderte das. Er hätte es verdient, den Rest der Nacht im Auto zu verbringen … andererseits, wenn er sich dort übergeben musste, würde das nur den Wert des Wagens verringern und so wie sie ihren Mann kannte, würde es ihm nie in den Sinn kommen, die Sauerei, die er anrichtete, selbst wegzuräumen. Sie stöhnte und griff noch einmal nach Wohnungs- und Autoschlüsseln.

Eine Weile lang betrachtete sie ihn durch die Scheibe der Beifahrertür. Er schien tief und fest zu schlafen. Jacks Mund war leicht geöffnet, so dass ein Speichelfaden die Chance gehabt hatte, sein Kinn entlangzulaufen und die Scheibe zu verschmieren. Wenn Sharon nicht so müde gewesen wäre, hätte sie sich geekelt. In dem Moment kam ihr eine Idee, wie sie ihn wachbekommen konnte. Mit dem Autoschlüssel entriegelte sie den Schließmechanismus, dann öffnete sie die Hintertür, die sich direkt hinter der Beifahrertür befand, nur um sie sofort mit aller Gewalt, die sie aufbringen konnte, wieder zuzuschlagen. Der Lärm, der dadurch entstand und noch von den Betonwänden der Tiefgarage verstärkt wurde, riss Jack aus dem Schlaf. Vor Schreck knallte er sogar mit seinem Kopf gegen die Autodecke. Eine Reihe wilder Flüche folgte. Sharon verspürte kein Mitleid.
Sie wartete einige Momente ab, bis er sich ein wenig beruhigt hatte. Da er nicht von selbst auf die Idee kam, die Tür zu öffnen, übernahm sie das für ihn.
„Verdammt, Sharon!“, fluchte Jack. Sein durch Alkohol vernebeltes Gehirn hatte erst jetzt erkannt, dass sie der Auslöser für diesen Lärm gewesen war.
„Schnall dich los!“ Sharon hatte nicht vor, einen Streit mit ihm anzuzetteln. Sie wollte die Sache nur schnell hinter sich bringen.
Erstaunlicherweise tat Jack wie geheißen. Vermutlich wusste er, dass das stimmte, was er vor knapp anderthalb Stunden zu ihr gesagt hatte. Er brauchte sie.
Ungerührt sah sie ihm zu, wie er umständlich aus dem Wagen kletterte, dann jedoch bot sie ihm ihren Arm an, damit er sich bei ihr unterhaken konnte.

Im Lift nahmen sie so weit Abstand voneinander wie sie konnten. Jack stand in eine der Ecken gepresst da und starrte auf seine Schuhspitzen. Sharon verfolgte mit ihren Augen die Anzeige im Lift, die sich von Stockwerk zu Stockwerk veränderte.
Den Flur zur Wohnung durchschritten sie wieder gemeinsam. Als Sharon beide Hände benötigte, um die Wohnungstür aufzuschließen, löste sich Jack von ihr, nur um gleich darauf seinen Arm um ihren Nacken und ihre Schulter zu legen und sich mit seinem ganzen Körpergewicht an sie zu hängen.
„Jack pass doch auf!“, keuchte Sharon. Gemeinsam torkelten sie in die Wohnung und wären beinahe zu Boden gestürzt, wenn nicht ein Regal ihren Fall gebremst hätte. Ein Schmerz schoss durch Sharons rechte Hüfte. Das würde sicher einen saftigen blauen Fleck geben. Sie wollte ihn dafür anschreien, doch als sie ihm ins Gesicht sah, begriff sie, dass er nur noch halb bei Bewusstsein war. Es war also zwecklos.
Sie schleppte die schwere Last, die an ihrer Seite hing, ins Wohnzimmer und ließ sie dann aufs Sofa fallen. Sollte er doch dort seinen Rausch ausschlafen. Damit hatte sie ihre Pflicht als Ehefrau mehr als erfüllt. Sie ging ins Badezimmer, um eine kurze Dusche zu nehmen.

Als Sharon das Schlafzimmer kurz darauf betrat, entdeckte sie zu ihrem Ärger, dass Jack dort lag. Irgendwie musste er es allein bis hierher geschafft haben, doch er hatte sich weder umgezogen noch sich seiner Schuhe entledigt und lag jetzt auf dem Bauch quer im Ehebett. Das Schnarchen, das ihm entkam, war so heftig, als wollte er einen Wald absägen. Sharons Unwillen wurde übermächtig.
„So nicht“, zischte sie, kniete sich auf das Bett und versuchte, ihn zunächst auf seine Seite und dann auf den Boden zu befördern. Notfalls würde sie ihn an seinen Füßen ins Wohnzimmer schleifen. Sie hatte es beinahe geschafft, doch da wachte Jack auf und klammerte sich auf einmal mit aller Kraft am Bettpfosten fest. Wenn sie ihn nicht dazu brachte loszulassen, hätte sie keine Chance gegen ihn. Sie richtete sich wieder ein wenig auf und ließ ihn los.
„Was t’st du da, Babe?“, wollte er verschlafen wissen.
„Du schläfst im Wohnzimmer“, antwortete sie.
„Ne’n.“
„Doch!“
„Ne‘n!“
Sie wusste, dass es sinnlos war, doch sie wollte ihn aus ihrem Reich verbannen. Sie würde sich garantiert nicht neben ihn betten, nach allem was heute Nacht passiert war.
„Doch!“
„W’rum? Is‘ mein Bett auch.“
Sharon gab auf. Mit einem Betrunkenen konnte man nicht diskutieren. Er brachte ja noch nicht einmal mehr einen geraden Satz heraus. Rückwärts rutschte sie vom Bett und nahm gleichzeitig ihr Bettzeug mit. Dann würde eben sie auf dem Sofa schlafen.
Wie zufällig fiel ihr Blick auf ihren Wecker und als sie die Anzeige sah, überschwemmte sie Verzweiflung. Es lohnte sich kaum noch, sich überhaupt hinzulegen. Trotzdem musste sie raus von hier.
Sie war schon an der Tür, als Jack sie noch einmal aufhielt.
„Shar, schl’f hier.“
Sharon schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Komm schon.“
„Nein!“
„Dann schl’f mi‘ mir.“ Jack war genauso am Ende wie sie, doch er hatte noch einmal den Kopf erhoben und klopfte mit seiner Linken auf den Platz neben sich.
„Garantiert nicht!“
Sharon zog den Schlüssel an der Tür ab und löschte das Licht. Von außen steckte sie den Schlüssel wieder ins Loch und zögerte nur einen winzigen Moment, bevor sie abschloss.

Auf dem Sofa, tief in ihre Decke eingekuschelt, wünschte Sharon sich nichts sehnlicher, als endlich einschlafen zu können. Doch sie fand keine Ruhe. Die Federung fühlte sich unbequem an und drückte in ihren Rücken. Ihre Hüfte schmerzte vom Zusammenstoß mit dem Regal. Ihr Gehirn rechnete aus, wie viel Zeit ihr noch bis zum Aufstehen blieb … und dann war da Jack … immer wieder Jack. Sie fasste den Entschluss, wahrzumachen, was sie ihm im Auto angekündigt hatte. Es war das letzte Mal. Das letzte Mal, dass sie sich seinetwegen eine Nacht um die Ohren schlug. Das letzte Mal, dass sie seinetwegen die Nacht auf dem Sofa verbrachte. Das letzte Mal, dass er sie mit in die Tiefe gerissen hatte.

ENDE
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