My Heart is (not?) a Playground

GeschichteDrama, Romanze / P18
Amu Hinamori Ikuto Tsukiyomi Tadase Hotori
16.09.2018
31.03.2020
411
1591698
9
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393. Das bleibt aber unter uns, ja?

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Etwas verloren, mit einem Gefühl von Verunsicherung stehe ich in einer großen Masse aus Menschen. Der Großteil darunter ist im schulfähigen Alter, womit sie unter die Schulpflicht fallen. Das Gelächter von Kindern, jenes mein Verträglichkeitsmaß an Lärm übersteigt, erreicht mein Gehör. So ungern ich es zugeben mag, ich habe grausige Kopfschmerzen von diesen akustischen Einwirkungen, die meine Nerven auf eine harte Probe stellen.
Wer hätte gedacht, dass ein Nachmittagsevent, abgehalten für Kinder, mich derartig fordern könnte. Umso überraschender ist es, dass ich niemals zuvor so viel Sinn in Sport sah. Sport, der entlastet. Sport, der zur Erschöpfung treibt. Sport, der Kinder mit der Zeit ruhiger stimmt. Angefangen von Federball, hin zu Fußball und Basketball, sowie Inline-Fahren; vor Ort ist alles vertreten und ich bin ausgesprochen dankbar darüber.
Mein kleiner Sonnenschein, den ich so liebgewonnen habe, zaubert mir ab und wann mit seinem Treiben ein Lächeln ins Gesicht, jenes sich verselbstständigt, indem ich mir die Erinnerungen an ihn täglich erneut ins Gedächtnis rufe. In manchen Bereichen ist er ein wenig tollpatschig, was gar nicht auffällt bei all seinen kleinen Begabungen. In Sachen Ortskunde kann ihm niemand etwas vormachen. In seinem Sachkundeprojekt erhielt er jüngst eine eins, durch das detailgetreue Nachbauen seiner Lieblingsattraktion, unser kleinen Stadtwahrzeichen, in dieser Stadt. Was macht es da, ob er gut Basketballspielen kann oder nicht? Niemand soll perfekt sein. Talente sind stets individuell aufgesteckt. Seine Freude am Spiel mindert es nicht. Voller Motivation und Begeisterung bleibt er am Ball, ganz gleich wie oft man ihn verdrängt oder ihm ein schlichter Wurf misslingt. Fällt ein Punkt, könnte sein Strahlen wohl kaum größer sein. Ein wenig erinnert er mich an Hikaru, der da nicht anders agierte.
,,Kriege ich einen neuen Schläger. Meiner weist Defekte auf.“, findet ein Mädchen, mag sie 10 Jahre alt sein, ihren Weg zu mir und Lorena. Verdeutlichend zeigt sie uns, was sie meint. Ich schwängt den Schläger zu unserem besseren Verständnis. Ich bleibe an der abgenutzten Stelle hängen, die doch schon sehr die Augen stört.
,,Das kann man kleben.“, sehe ich Lorena an, die drauf und dran ist, die Entsorgungsstelle anzusteuern.
,,Kleben?“, wirkt sie irritiert davon. In der Gewohnheit hätte sie es anders handhaben wollen.
,,Solche Banderolen, am Schlägerende gibt es im entsprechendem Fachgeschäft.“, bestätige ich.
Insgeheim frage ich mich, wie leichtfertig Eltern generell Spielsachen wegschmeißen, die wieder intakt gebracht werden können. Dieser Verein ist da ähnlich gestrickt. Kaum ist ein bisschen Plastik vom Spielzeugrennauto abgebrochen, wird es entsorgt. Ich sehe darin eine unheimliche Verschwendung, traue mich jedoch nie irgendetwas zu sagen aus Furcht davor, als „befremdlich“ abgestempelt zu werden. Wer repariert auch Artikel, die in hoher Anzahl bestellt werden, sodass es einen Mengenrabatt gibt? Richtig, beinahe niemand macht das.
,,Ich glaube, dass wir im Schuppen sogar so etwas haben. Magst du mal gucken gehen? Dann besorge ich ihr einen neuen Schläger in der Zeit, sodass sie weiterspielen kann.“, reicht sie mir den Gegenstand des Mädchens zu, samt ihres Schlüssels, der mir Einlass zum zugewiesen Ort ermöglichen soll.

Nickend deute ich ihr meine Zustimmung, ehe ich samt des Schlüssels und des Schlägers mich von der Menge abwende. Ein wenig froh, um den Abstand zu allen bin ich schon. Endlich einmal Ruhe, endlich einmal mehr freies Atmen, ohne dass jegliche Blicke auf mir liegen oder ich in irgendeiner Pflicht stehe. Gelassen steuere ich den Schuppen an, ein grünes Holzhaus mit bunter Holzdekoration daran. Blumen in Übergroße, allesamt unecht, aber künstlerisch sehr farbenfroh und ansprechend gestaltet, fallen mir daran ins Augenmerk. Je mehr Schritte ich auf der langgezogenen Grünfläche tätige, desto mehr schwächt die Lärmkulisse im Hintergrund ab. Ich bleibe vor der schmalen Holztür des Schuppens stehen. Ein rostiger Schlüssel kommt mir in die Fittiche, der dem Bund angehört und augenscheinlich zum Schloss, dass recht alt auf mich wirkt, passen dürfte. Ich muss mich arg anstrengen, um den Schlüssel überhaupt komplett herumgedreht zu bekommen, ehe die Tür endlich aufspringt.
Spinnenweben treten mir zu Augen beim alleinigen ersten Blick, den ich ins Innere des Häuschen werfe. Der Geruch von Altem strömt mir entgegen, samt eines abgestandenen Geruch, der verdächtig nach Schimmel riecht und aufgeschwemmtes Holz. Woher das wohl kommt? Suchend halte ich Ausschau nach der Quelle. Ich schiebe einzelne Körbe mit Gartenutensilien hinfort, um die Wände dahinter genaustens inspizieren zu können. Statt etwas vorzufinden, vernehme ich erstmalig das Tropfen von Wasser, jenes nur dann wahrzunehmen ist, sowie man im Schuppen drin steht und aufmerksam die Ohren spitzt. Es klingt, wie Regen. Tip, tip, tip... .... ....
,,Das ist die ausgehobene Wasserleitung hinterm Schuppen. Die ist stillgelegt. Ändert nichts daran, dass das abgestandene Regenwasser hierhertreibt. Das Mängel ist bei der Verwaltung bereits vermerkt worden. Die wollen sich bei Gelegenheit darum kümmern.“, liegt Vertrautheit und Bekanntheitsgrad in der Stimme. Neugierig sehe ich mich um und entdecke Gustav, der seinen Blick konstant in die Ferne richtet. Was da seine Aufmerksamkeit so genau abverlangt, kann ich aufgrund meines Standpunktes nicht genau mitverfolgen. Alles, was ich weiß, ist, dass ich hier schnellstmöglich raus will. Es gibt mehr, als einen Punkt, der mich dazu veranlasst. Der wichtigste davon ist und bleibt, dass das Holz, jenes an unteren Kanten ruht, sehr marode aussieht. Ein Kick mit dem Bein dagegen und Holz splittert mutmaßlich nicht nur ab, sondern gibt vollends seine tragende Rolle auf. Das Häuschen ist, gediegen ausgedrückt, einsturzgefährdet. Mag es bereits 10-20 Jahre auf den Buckel haben und älter sein, als der Gesamtort an sich, an dem sich früher eine Gärtnerei befand, sowie regionale Plantagen. Bei der Hitze, die oftmals in der Stadt vorherrscht, sei das auch verständlich, das nun dieses Haus an Altersschwäche leidet. Die Temperaturen vor Ort waren vor Jahren, laut Nagihiko sogar noch schlimmer gewesen, die sie am eigenen Leibe verspürt hat und als junger Mensch darunter litt. Die alten Gebäudekomplexe von Schulen und eine Vielzahl aus Vierteln, die schlecht bebaut wurden, lassen auch echt wenig Frischluft und Entlastung zu.
,,Die werden sich Zeit lassen. Das Haus muss an sich erneuert werden.“, resümiere ich plump, dabei das Klebeband findend. Ich trete heraus in die Sonne, um das Tageslicht zur besseren Sicht zu nutzen. Den Anfang der Rolle zu suchen, verlangt mir Geduld ab, die ich prinzipiell nicht besitze. Nicht heute und auch sonst nicht.
,,Gib her. Du musst so oder so zuerst das alte Band abwickeln. Drüberkleben wäre keine Option.“, streckt mein Gegenüber die Hand nach der Rolle aus, die ich ihm ein Stück weit erleichtert herüberreiche. Sobald ich mich dem Schlägerende zuwende und das Band darum nach und nach beginne abzuziehen, nehme ich erstmals Notiz von Archangel`s Nachhilfeschüler, jener sich seit dem Streitgespräch vom letzten Mal nicht dazu entschieden hat, wiederzukommen. Auf der tristen Ziegelsteinmauer des Geländes sitzt er und sieht der großen Menge an Kindern zu, die im Spiel vertieft sind. Er tippt zügig mit dem Ende seines Kugelschreibers auf seine Hefte herum, als würde er auf die geistreiche Erleuchtung warten, die ihm bislang verwehrt bleibt.
,,Ist er ein Einzelgänger?“, kann ich mir diese Frage zu meinem Bedauern nicht verkneifen.
,,Wer? Ben? Zu diesem hat er sich selbst gemacht. Seine schroffe Art kommt bei seinen Mitschülern nicht gut an. Gegenüber Mädchen aus seinem Jahrgang bekommt er kaum einen gescheiten Satz heraus. Wenn man ihn so beobachtet, sieht man deutlich, dass er mit seiner eigenen Rolle nicht klarkommt.“, gehe ich in mich, um festzustellen, dass der Benannte und ich uns äußerst ähnlich sind. In seinem Alter war ich nicht anders, jedoch in umgekehrter Form. Mädchen wurden oberflächlich abgehandelt, Jungs warfen jegliche Unsicherheit in mir auf.
,,In Japan nennt sich das Tatemae.“, nicke ich mir selber zu.
,,Tatemae? Steht das für unfreundlich?“, mutmaßt er amüsiert.
,,Nein, nein. Es bedeutet „Maskerade“ und umschließt das Verhalten und die Äußerungen, in der Öffentlichkeit. Es entspricht folglich den Erwartungen der Gesellschaft und Außenwelt, weshalb es, als „Außen-Ich“ bezeichnet werden kann.“, erläutere ich ihm. Er überdenkt die Aussage.
,,Und dazu gehört die ausdruckslose Miene?“, prüft er nach.
,,Oftmals, ja. Ein Zeichen von Distanziertheit und Coolness.“, kratze ich mir leicht verlegen die Nase.
,,So wirkt man alles andere als „cool“ meiner Meinung nach.“, kann ich ihm lediglich zustimmen. Das würde Gustav jedoch nicht anbringen, wenn er wüsste, wie es in Ben`s Inneren aussieht. Er wäre nicht so bemüht um diesen Eindruck, den er bei anderen schindet, wenn er auch wirklich so wäre. Menschen sollen das wahrnehmen und annehmen, damit sie Abstand zu ihm halten. Es dient seinem Komfort und seinem Bedürfnis nach Sicherheit.
,,Das Gegenteil davon ist Honne, also das wahre Ich, jenes die wahren Gefühle und Bedürfnisse der Person umschließt. Diese sind oftmals entgegen der Erwartungshaltung der Gesellschaft aufgestellt. Menschen, die am Tag viel Leistung bringen und auf diese erpicht sind, können in der Honne-Variante an Versagungsängsten oder Minderwertigkeitskomplexen zum Beispiel leiden oder sind im Inneren eigentlich gar nicht an Leistungen, sondern an menschliche Verbundenheit interessiert.“, beginnt er zu staunen, aufgrund meiner gegebenen Informationen. In Japan interessiert selten die perfekte Work-Life-Balance. Da wird differenziert zwischen: Das ist Arbeit und das ist Privatleben. Auf Arbeit und in der Öffentlichkeit gibt es kein Privatleben. Das existiert quasi gar nicht. Gefühle lenken ab; beeinträchtigen die Konzentration, laut der Mehrheitsmeinung dort.  Genau deshalb machen die Asiaten einen solch schnellen Vorschritt. Allein in Sachen Produktion und Zeitmanagement legen sie Resultate an den Tag, die andere überfordern. Da wird Schlafen, gesunde Ernährung und Dating zur reinen Nebensache. Da werden Gefühle und innere Wünsche zur reinen Banalität, da darauf in der Öffentlichkeit selten, bis gar kein Wert gelegt wird. Heiraten dient oftmals dem Zweck, somit es mit Liebe nicht immer gleichzusetzen ist in diesem Kreise. Sowieso agiert man dort nach Anstand und Formalität. Knutschen in der Öffentlichkeit erscheint für viele als undenkbar. Man ist dort eher ... schüchtern und höflich... im Umgang mit Menschen.
,,So schätzt man ihn gar nicht ein. Auf den ersten Blick und auch im alltäglichen Umgang mit ihm, wirkt er völlig natürlich.“, kann ich nur mit dem Kopf schütteln darüber. Das man beim Verstellen heutzutage „natürlich“ und „normal“ wirkt, liegt, denke ich, an den gesellschaftlichen Ansprüchen, die bereits in Grundschultagen beginnen eine Rolle zu spielen für ein jedes Kind. Jungs werden auch heute noch, vor allem in Deutschland, als die wahren Kerle angepriesen, die die Frau versorgen zuhaben, gefälligst stark sein sollen und die niemals ihre eigene Schwäche, sowie ihre eigenen Gefühle in der Öffentlichkeit zugeben. Wie selten sieht man Männer im Sozialkontakt weinen und wie oft passiert so etwas vor laufender Kamera? Der typische Mann hat heutzutage im Fitnessstudio zu gehen, Markenkleidung zu tragen, potent zu sein, stets eine Schulter zum Anlehnen anzubieten und phänomenalen Sex, sowie eine gute Statur und eine befülltes Bankkonto aufzuweisen. Trägt er nur lockere Jogginghosen oder besitzt einen Bierbauch, gilt er oftmals als "gemütlich". Mag "gemütlich" für den einen  etwas Guten sein, ist es für andere bereits mit dem Wörtchen "asozial" gleichzusetzen. Zugegeben, in Sachen Äußerlichkeiten habe ich mich in ein oder anderen Punkten der allgemeinen Auffassung angeschlossen. Doch sind wir einmal ehrlich: Die Pubertät ist nicht nur für Mädchen eine harte Zeit. Für Jungs ist sie annehmbar in Zeiten, wie diesen noch schlimmer. Dann das Erwachsenwerden und den Sprung schaffen, über die Kriminalität hinweg; das wird für Jungs noch schwerer sein, als für uns Mädchen, grade bei diesem Gruppenzwang und der heutigen Cliquenwirtschaft. Ich, für meinen Fall, kann dennoch bekunden, dass Männer, insbesondere authentische, starke Persönlichkeiten stets zu meinem Vorbild dienten. So ist meine Persönlichkeit geprägt worden, im Denken, Handeln, Zielsetzung. Ich könnte mir dadurch beispielsweise eine emotionale oder finanzielle Abhängigkeit gegenüber meines Partners nicht vorstellen. Selbst schaffen, Erfolge erzielen, Ziele anvisieren, lautet das Schlüsselprinzip. Auch in Sachen Kindserziehung würde ich niemanden zum typischen Versorger machen wollen. Da verließe ich mich bevorzugt lieber auf Tagesmütter, die mir Freiraum verschaffen, sodass ich problemlos arbeiten könnte. Bedeutet nicht, dass man das Leben des Kindes versäumt. Man bleibt weiterhin uptodate und kann freie Arbeitszeiten dazu nutzen, um sein Kind zu umsorgen.
Mag das veraltete Bilder sprängen und gewissermaßen nicht überall auf Akzeptanz stoßen, bin ich der Meinung, dass verantwortungsvolle Menschen heutzutage zu finden sind und ungemein entlasten. Dagegen könnte ich mich nicht damit anfreunden, mein Kind für ein Date oder für ein Schäferstündchens bei nahestehenden Verwandten abzugeben, auch wenn besagte Verwandte nett sind. Für die Arbeit, ja. Für das private Vergnügen, nein! Bei dem einen profitiert das Kind davon, bei dem andern wirkt es, wie ein verschiebbarer Gegenstand in meinen Augen, der nach Lust und Laune für Unwichtigkeiten zu verschieben ist. Ich möchte meinem Kind später einmal Sicherheiten geben. Warum soll man sich keine Nanny besorgen? Eine verantwortungsvolle, fürsorgliche Person sei nicht verkehrt, am Besten mit viel Erfahrung in diesem Bereich. Die Rolle des Hausmütterchens werde ich auf keinen Fall anstreben wollen, geschweige denn kann ich mir vorstellen, dass diese "Rolle" mich glücklich stimmt. Da seien mir Rentenpünktchen sogar einmal egal. Ich mag arbeiten, finde darin meine Erfüllung. Mit Glück bekomme ich trotz Kind das hin, was Männer innerhalb eines 5 Jahresplans anstreben: Ein eigenständiges Unternehmen. Das bedeutet Arbeit, ist jedoch trotz Kind zu bewerkstelligen. Ich habe Ressourcen, die ich nutzen kann. Sie stehen einem jedem zur Verfügung. So werde ich Geld machen, wo es geht, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. In 20 Jahren muss ich mir dadurch nicht vorwerfen, dass ich es niemals versucht habe.
,,Er wächst bei seiner Mum auf, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich stelle es mir sehr schwer vor, als Junge nach einem väterlichen Vorbild zu streben und dieses nicht vorzufinden. Umso schwerer wird es dann, wenn sich die Bindung zur Mutter im Laufe des Reifungsprozesses allmählich auflöst. Quasi ist die Bindung aus seinem Leben gar nicht hinwegzudenken. Da nützt es ihm auch nichts, sich eine Freundin zu suchen. Wie denn auch? In seinem Fall bringt es nur noch mehr Neues mit sich, sodass er völlig überfordert ist, was er sowieso bereits ist durch seine Leistungsansprüche an sich selber und an Männer, die, seiner Meinung nach, mehr sind, als er jemals in der Lage sein werden darzustellen.“, kann sich mein Gegenüber sein Grinsen nicht verkneifen.
Was? Ich finde das nicht lustig.
Ganz im Gegenteil:
Es stimmt mich eher traurig.
Seitdem ich Maurice und Ikuto kenne,
weiß ich, wie sehr Menschen unter so etwas leiden können.
Vaterrollen sind wichtig im Leben. Bleiben sie aus, findet man riesige Lücken im Weitergang vor.
,,Du klingt, wie Archangel manchmal. Er zerbricht sich auch den Kopf, warum ihm das mit der Leistung so wichtig sein könnte und dann trat ihn Julietta entgegen und er verstand, anhand von Ben`s Blicken, worum es eigentlich geht. Bildhübsches Mädchen, klug, Stipendiatin und der Inbegriff von Selbstbewusstsein. Sie hat Ben gewiss den Kopf verdreht. Archangel hat sogar probiert ihn dahingehend zu bestärken; es endete nie gut. Von Männern hält er leider nichts. Er beißt sie weg, als hätten sie ihm sein Leben vergönnt.“, weiß ich auch, warum das so ist. Wie soll man von einem Geschlechtskreis etwas halten, der einen im Leben alleine ließ? Laut seiner Mutter und einem kurzen Gespräch mit ihr hat der Erzeuger von Ben ihn von Geburt an im Stich gelassen. Für ein Kind mag das zerstörend sein. Für einen Jugendlichen ist es dann mit der Zeit unerträglich. Man beginnt sich zu hinterfragen, so wie auch ich mich als Mädchen oftmals hinterfragt habe. Man stellt dabei nichts Gescheites fest, womit man zu falschen Theorien neigt, die das gesunde Selbstvertrauen nahezu komplett aufschwemmen. Beispielsweise, dass man selbst daran schuld ist, keinen richtigen Vater zu haben, der einen liebt und trägt, schützt, bewacht und anleitet im Leben. Dann sucht man und sucht man nach einem Ersatz und erneuten Antworten. Fallen letztere nicht so aus, wie man es gern hätte, manifestiert sich die Theorie und werden zur eigenen Meinung über sich selbst. Dabei hat das jeweilige Kind nichts falsch gemacht. Es war da und hatte ein Daseinsrecht von Geburt an, egal welches Geschlechtes es anhörte oder ob es gar keinem Geschlecht zuzuordnen ist.
Der Fehler lag einzig und allein bei den Eltern, oder besser gesagt bei dem fehlenden Erzeuger in seinem Fall, der nicht in der Lage war das Kind ausreichend wertzuschätzen und anzunehmen. Wer keine Kinder haben will, sollte die Finger vom Sex lassen. Wie seine Mum es letztlich alleine hinbekam, ähnlich wie Souko und Anika es taten, will mir nicht in den Kopf gehen. Ich merke selbst, wie schwer es ist, ohne einen Partner an meiner Seite.
Es ändert nichtsdestotrotz daran, dass auch eine Mutter nicht für zwei Personen lieben kann. Irgendwo, mag es noch so unwichtig erscheinen, fehlt der Gegenpart eben doch... Wie löst man dieses Problem? Ziehväter?

,,Rede ruhig mit ihm. Ich denke bei dir ist er an richtiger Stelle, um sich auszuquatschen ohne irgendwelcher Behinderungen durch das eigene Ego. Du gibst keinem das Gefühl, dass er minderwertig sei. Das sollte bei ihm punkten. Ich kümmere mich um den Schläger in der Zwischenzeit.“, bestärkt er mich in etwas, was ich zu keiner Zeit angesteuert habe.
Ich? Reden mit ihm? Mit Ben?
Maurice oder Ikuto wären darin viel besser.
Sie wissen, wie das ist und wie es sich anfühlt.
Nun gut, sie würden ihn zu Dinge raten, die nicht unbedingt hilfreich wären,
aber einen anfänglichen, gewagten Versuch wäre es trotz allem wert, finde ich.
,,Aber...“, probiere ich mich aus der vermasselten Situation herauszuwinden.
,,Kein Aber. Nur reden; das machst du jeden Tag, Amu. Da kannst du diesmal genauso gut bei ihm anvisieren. Na los. Du packst das!“, zieht er mir den Schläger aus der Hand, ehe er mir einen Schubser in die richtige Richtung gibt. Ich fühle mich dermaßen unwohl in meiner Haut, dass es glatt meine Übelkeit aufkeimen lässt. Meine kalten Hände beginnen zu zittern, ohne das ich es will. Was ist, wenn ich ihm einen falschen Ratschlag gebe und seine Lebenssituation, wie Gefühlswelt verschlimmere? Das könnte ich mir nicht verzeihen. Ich sollte es lassen. Ja, ich sollte es lassen. Warum gehe ich dann trotzdem in seine Richtung? Unglaublich, meine Beine bewegen sich tatsächlich, wie von selbst. Dabei handle ich damit gegen meinen Willen. Ja, ich handle gegen meinen Willen!
Mein Körper zwingt mich zu etwas, ob man es glaubt oder nicht!
Oh nein, er sieht mich!
Nein, Rückzug! Rückzug!
Rückzug! Weg hier! Weg!
,,Hey...“, geraten seine Unterlagen für ihn spätestens jetzt in Vergessenheit. Er blickt sich nach allen Seiten herum, um auszutesten, ob ich ihn auch wirklich meine. Ja, ihn. Ein Fremder, mit dem ich bislang kaum bis gar nichts zu tun hatte. Für mich ist das mindestens genauso merkwürdig, wie für ihn.
,,Ist was mit dem Kleinen?“, verblüfft er mich. So klein ist er nun auch nicht mehr.
,,Du bist doch schon groß.“, habe ich eine entsetzlich lange Leitung.
,,Ich meinte nicht mich, sondern meinen Bruder. Geht`s ihm gut?“, hilft er mir auf die Sprünge und beseitigt meine Verständnislücken. Mit Sicherheit hält er mich für beschruppt. Diese Ansicht von mir kann ich nach dem Patzer sogar nachvollziehen, weshalb ich es ihm nicht verübeln werde. Was für ein Gesprächsstart, oh man...
,,Dem geht`s gut. Ich staune darüber, wie energisch er beim Basketball mitmacht.“, schelle ich mich im Inneren.
Im Gegensatz zu mir kann er wenigstens Basketball spielen.
,,Er ist eine Katastrophe! Trotzdem eifert er mir nach damit.“
,,Du spielst also gern Basketball?“, frage ich nach. Wie das klingt; als hätte ich keine Freunde und suche welche...
Das erklärt seinen durchgehend guten Notendurchschnitt. Meiner ist damit gar nicht zu vergleichen. Woher er das wohl gelernt hat? Hat es ihm jemand beigebracht oder ist er von sich aus ein Naturtalent darin? Gibt es so etwas überhaupt: Sportsasse, die dich nicht mühen müssen, um ihr Können unter Beweis zu stellen?
,,Für die NBA reicht es eher nicht.“, kann ich ihm, dank zahlreicher Sportsabende mit Ikuto immerhin dahingehend folgen. Die Basketball-Profiliga ist mit normalen Schulsport auch nicht zu vergleichen. Die Hünen, die dort den Ball durch die Gegend dribbeln, sind Legenden.
,,Man muss ja auch nicht immer zu den Profis gehören.“
,,Amateure gibt es genug auf der Welt.“, entgegnet er trocken.  
Gibt es nicht. Nein, es gibt keine Amateure. Es gibt Menschen, die Fehler begehen oder anderes leisten, als das, was dem Gegenüber vorschwebt. Für irgendjemanden dort draußen wird er eines Tages der favorisierte Basketballspieler sein, da bin ich mir absolut sicher. Mädchen mögen sowas: Sportliche Jungs, denen sie verstohlen zuschauen können, was sie stets voll Bewunderung und Geduld tun. Ich beispielsweise würde niemanden, der Basketball spielen kann, als Amateur bezeichnen. Viel zu viel Respekt habe ich vor dieser Sportart, die außerhalb meiner Talente und Begabungen gebettet wurde. Ich habe eventuell auch eine Ballphobie. Der Ball braucht sich nur in meiner Reichweite befinden und ich ziehe den Kopf ein. Gruselig!
,,Brauchst du für alles eine Urkunde? Die wichtigsten Urkunden erhältst du im Sozialkontakt. Sie lauten Danke, Bitte und setzen sich aus anderen warmen Worten und Satzkonstellationen zusammen, findest du nicht? Trophäen ersetzen keine Umarmungen und Bekundungen des Stolzes...“, kratze ich mir verlegen am Kopf.
Was rede ich da?
Das ist ziemlich direkt,
zudem klingt es belehrend.
Ich will ihn nicht belehren!
Jeder Mensch legt unabhängig voneinander auf etwas anderes wert. Der eine auf sein poliertes Auto, der andere auf seine guterhaltende Münzsammlung, der nächste auf Zwischenmenschlichkeiten. Das ist eine Sache der Individualität. Erika mag zum Beispiels Babys und verehrt sie gar. Ich mag spitze Bleistifte und unbeschriebene Schreibblöcke. Utau liebt dahingegen CD-Player und Mikrophone und natürlich Karaoke-Abende mit Freunden.
,,Meine Mum hat mich als kleiner Junge, der in etwa so alt war, wie mein Bruder heute im Verein angemeldet. Wir haben nicht gewonnen bei einem Turnierspiel. Aber gefühlt war ich trotzdem der Sieger, weil sie mir im Nachgang einen ziemlich, ziemlich großen Eisbecher ausgab.“, deutet er mit seinen Händen ein Größenverhältnis, das mich zum Staunen bringen. Ich hätte kotzend über der Kloschüssel gehandeln, bei so viel Eis. Wo hat er das hin gegessen in diesem Alter?
,,Gab`s keine Läuse im Bauch danach?“, prüfe ich interessiert nach.
,,Hast du eine Ahnung... Mir war noch drei Tage danach schlecht davon. Finger von Eisdesserts konnte ich später dennoch nicht lassen.“, veranlasst er mein Lachen. Ist ja auch Eis. Das will niemand freiwillig aus seinem Leben streichen. Softeis nicht, ausgewählte Lieblingseisorten sowieso nicht, Milchshakes erst recht nicht!
,,Ich hoffe nicht in ähnlichen Mengen?“, denke ich gar nicht mehr über "Richtig" oder "Falsch" nach.  
,,Bloß nicht, nein! So viel Schokolade auf einmal vertrage ich nicht.“, rümpft er die Nase.
,,Schokoladensoße und Schokocreme geht immer.“, gebe ich meine Erfahrungen wieder.
,, Das isst man sich mit der Zeit über. Lieber ab und wann, gut portioniert, als ständig und im Übermaß.“, verdeutlichen mir seine Augen, dass das keine leere Aussage von ihm ist. Nein, er meint das ernst, egal, wie leicht es ihn über die Lippen kommt. Seine Mutter hat ihn eine gute Ansicht von der Welt und den Mengenverteilungen des Lebens gelehrt.  Den Rest an Erfahrungen, der für solche Äußerung von Relevanz ist, hat er sich löblicher Art und Weise selbst zu eigen gemacht. Das zeugt für mich sowohl von Lernfähigkeit, wie auch Reife und ein Stücken Weisheit. So macht sogar Konsum einen Sinn und man bleibt von den Tücken verschont.
,,Beruft sich das auf alle Dinge, die Freude bereiten?“, teste ich ihn aus.
,,Auf alle wichtigen Dingen, die Freude bereiten, ja.“, bestätigt er.
Ich sag ja; er ist nicht so, wie er herüberkommt auf den ersten Blick. Der erste projizierte Eindruck widerspiegelt oftmals nur der selbst erwählten Maskerade. Das, was wirklich im Inneren eines Menschens steckt, sieht man im Laufe der Zeit oftmals ganz unverhofft. Auf Angriff und Flucht zu schalten sind sowieso nur Schutzmechanismen, die sich ein jeder im Laufe des Lebens aneignet. Aufharren in einer jeden Situation wäre häufig auch nicht ratsam.
Alle drei Handlungsvarianten schaffen Zusatzstress, womit man neue Wege finden muss.

,,Äußerst weise für einen Siebzehnjährigen.“, finde ich meinen Platz problemlos neben ihm auf der Mauer. Mir wird bewusst, warum es grade diese Stelle auf dem Gelände sein musste, die er sich zum Ruheort erwählte. Die Aussicht ist schön. Außerdem sitzen wir fernab des Menschenandrang, womit es angenehm ruhig um uns ist.
,,Findest du? Ich denke eher, dass das hier normal ist. Die Unterstufler, zu denen ich auch mal gehörte, bekommen Fächer vorgeführt, die solche Auffassungen mit sich bringen.", gibt er nachdenklich an.
,,Darüber ist mir gar nichts bekannt. Übersteigt es den Religionsunterricht?“, antworte ich ihm zugewandt.
,,Das lässt sich gar nicht vergleichen damit. Der Naturkundeunterricht war super damals. Wir waren stets draußen oder unterwegs, um dafür Eindrücke zu sammeln. Dann gab es noch das Unterrichtsfach „Glück“. Unsere Philosophielehrerin war etwas schnarchig, aber es war aufhaltbar.“, fühle ich mich bestärkt in meiner Entscheidung; Ami hierherschicken zu wollen. Das ist besser, als jede Schule für Schwererziehbare. Das ist so viel bedeutsamer und hilfreicher im späteren Leben, als das Erweitern seiner Mathematik-Kenntnisse!
Sie gehört hierher. Das ist mitunter das Beste, was ihr passieren könnte.
Dafür müsste ich trotzdem ihre Betreuerin konsultieren.
Wer weiß, wie die das fänden. Ich hoffe, sie stimmt zu.
,,Hast du ein Lieblingsfach?“, harke ich aus Neugierde nach.
,,Kunst ist entspannend. Mein Wahlfach.“ Mh, ich war eher der Naturkundetyp. Deutsch mochte ich auch.
,,Was nur jeder in dieser Kunst sieht...“, schweife ich in Gedanken ab. Es ist mir ein Rätsel, schwieriger zu bewältigen, als das Entschlüsseln eines Rubik Cube. Anscheinend ist neuerdings jeder auf den Kunsttrip. Ikuto, Riku, er, mein Kunsttherapeut, Utau in Hinsicht auf Nagelgestaltung, und nicht zu vergessen von Willy, der ununterbrochen davon redet. Egal, wie oft er das so handhabt; meine Meinung von dieser Praktik wird sich nicht ändern. Ähnlich, wie mit Musikinstrumenten weiß ich nichts damit anzufangen. Blicke ich auf die Leinwand, fühle ich mich meinem größten Gegner ausgesetzt. Ich weiß nicht, was ich darauf bildlich darstellen soll.
Es gibt eben einen Unterschied, zwischen Kritzeleien und richtiger Kunst. Ich werde damit nicht warm.
,,Hier teilen sich die Interessenten an freien Berufen in vier Gruppen ein, aufgrund des Universität in dieser Stadt. Da wird ein Kunststudium, sowie ein Musikstudium angeboten mit unterschiedlichen, themenspezifischen Bereichen. Dann kommen Schauspielerei und BWL hinzu. Mit Instrumenten kann ich nichts anfangen. Schauspielen könnte ich mir nicht vorstellen für mein späteres Leben. BWL macht irgendwie jeder. Da mich aber die Uni interessiert, wird es eben die Kunst sein.“, überrascht er mich mit gegebenen Informationen, die ich ihm nicht zugetraut habe. Warum hängt er sich dann so in die Unterrichtsfächer fernab davon hinein und setzt sich selber dermaßen unter Druck? Laut mir gegebenen Informationen muss man das Komitee nur von sich überzeugen, ohne dass der NumeroKlausus direkt hinein zählt. Was zählt ist das Ergebnis in dem Erstgespräch oder der Aufnahmeprüfung. Der Notendurchschnitt zählt am Ende nur fürs Stipendium, sowie ich Ikuto einst richtig verstanden habe, bei einem Gespräch, dass zwischen Tür und Angel stattfand.
,,Warum beschäftigst du dich dann mit Mathematikaufgaben ununterbrochen?“, äuge ich auf seinen karierten Schreibbock herunter. Kompakte Wiederholungsaufgaben aus allen Bereichen; mein Gott. Zudem Wendepunkt und Integralfunktionen, sowie Erwartungswert und Binomialverteilung, laut aufgeschlagene Lehrbuchseite. Da bin ich raus. Mit diesen Gebieten habe ich nix am Hut. Mein Wissen über Algorithmen habe ich Archangel zu verdanken und mich nur damit beschäftigt, weil mir das System dahinter so gut gefiel. Eine Bereich, der eine eindeutige Handlungsvorschrift zum Lösen eines Problems oder einer Klasse von Problemen dient. Ich war damals vollgepackt an Problemen, womit ich darin eine Überleitung fand, die mich magisch anzog. Binnen von zwei Tagen hatte ich das erste Buch an trockener Sachthematik durchgearbeitet, das mir von ihm überreicht wurde. Ich konnte im Geiste von diesem Themenbereich nicht mehr ablassen, träumte sogar in der Nacht davon und erwischte mich, wie ich bildlich dachte, so oft, dass meine Lehrerin mich zum Arzt schicken ließ, die dachte ich sei schizophren. Das werde ich ihr nie verzeihen, dass sie mich wegen eines banalen Faktors mit etwas verglich, das ich nicht war. Denke ich eben bildlich. Mir hilft das. Es ist meine unterstützende Lernhilfe!
,,Wohlberechtigte Frage, wo bekannt ist, dass Rationalität, die Fantasie und Kreativität eindämmt. Logik und Fakt passen nicht mit Spontanität und Intuition zusammen; da hast du recht. Zumal Rationalität stark durch Normtabellen und Gesellschaftseinflüssen geprägt wird, derweil Kunst keine Grenzen kennt und man in diesem Bereich mit schlichten Metallen und Werkzeugen oder Tongrundmasse „alles“ und „nichts“ schaffen kann. Meine Mum sagt immer, dass es gut ist ein zweites Standbein zuhaben. Da widerspreche ich auch nicht, solange ich mir aussuchen darf, womit ich anfange.“ Tolle Mama! Sie hat ihren Sohn im Griff und sie weiß, wie sie ihn ein wenig lenken kann. Ich bezweifle, dass ich das jemals bei meinem Kind hinbekommen werde. Konsequent bleiben, liegt mir nicht, grade dann nicht, wenn ein Süßfaktor und ein Emotionalfaktor hineinzählt. Damit kocht man mich und meine Entschlossenheit viel zu schnell weich. Dann werden neutrale Worte "rosa" und mein inneres Ordnungssystem bricht zusammen, dank einkehrender Fehlermeldungen.

,,Der Kontrast ist grade deshalb etwas, was in mir Fragen aufwirft.“, gestehe ich.  
,,Kunst ist nichts, was heutzutage eine hohe Nachfrage aufbirgt. Sich auf dem Markt durchzusetzen ist schwer. Maximal könnte ich die Kunstlehrerrichtung damit einschlagen, wenn ich etwas Verlässliches anstreben will in Deutschland. Lehrer werden immer gesucht. Da wären gute Kenntnisse in anderen Fächern nicht verkehrt und ich hätte die Wünsche meiner Mum, sowie meine eigenen Bedürfnisse nicht außer Acht gelassen.“ Vorbildlich, dass er so denkt und sich quasi seine eigene Zukunft in Gedanken gut zurechtordnet. Da ist er mir weit voraus. Ein kluger Kopf ist er! Seine Schilderungen gleichen in keiner Weise dummen Geschwätz.
,,Ich nehme an, dass dich das Kunststudium nicht nur wegen der Entspannung anspricht?“
,,Möglich...“, hält er sich bewusst klein, in seiner Antwort. Er kratzt sich an der Nase. Mir signalisiert das allehand, beispielsweise, dass er seine Verlegenheit probiert zu verstecken. Er weicht meinem Augenkontakt derartig bewusst aus, dass ich meine Schlüsse daraus ziehe, ob er will oder nicht.
,,Es geht also um ein Mädchen...“, schiebe ich meinen Rückhalt beiseite.
,,Kein Mädchen. Sie ist kein Mädchen mehr. Sie ist volljährig.“, amüsiert er mich, mit seiner Beharrlichkeit und seiner Sensibilität. Halten wir fest: Er mag es nicht, wenn jemand sie nicht ausreichend wertet oder schätzt in ihrem Sein, in ihren Kompetenzen, in ihrer Reife. Das ist schon ausgesprochen süß.
,,Sie soll eine sehr talentierte und kluge, junge Frau sein.“, taste ich mich heran.
,,Juliette ist ein Talent für sich.“ Oh, ein Talent?
,,Du bewundert sie also?“, leite ich her.
,,Ihre Kunst ist nur zu bewundern. Fünf ihrer Bilder wurden bereits im Rahmen von Auktionen versteigert für wohltätige Zwecke und das, obwohl sie grade einmal ein Jahr lang studiert. Man hat ihr das Stipendium quasi hinterher chauffiert damals. Was hat sie gestrahlt, als sie erfahren hat, dass sie angenommen wurde.“, könnte er mir keinen gelungeneren Anlass bieten, um gutgelaunt dreinzusehen. Mein Unmut, meine Kopfschmerzen; beides ist verflogen. So sehr ich Turteltauben auch verpöhnt habe in der Vergangenheit; umso stetiger muss ich zugeben, dass mir Schwärmereien von Männern gefallen. Ich mag es, wenn Jungs einem einzigen Mädchen nachjagen. Nur eines und das voller Aufrichtigkeit und Loyalität.
,,Seid ihr befreundet?“, lächle ich ihn an.
,,Es ist schwer an sie heranzukommen.“ Inwiefern?
,,Woher kennst du sie dann? Ging sie auf diese Schule?“, probiere ich mir einen Überblick zu schaffen.
,,Nein. Am Dienstagnachmittag trainiert hier die Kanumannschaft für Menschen mit Behinderung. Sie begleitet ihren Vater hierher, der sogar extra dafür für eine Stunde seinen Kiosk schließt.“, schockgefriere ich augenblicklich...
Bi...Bitte nicht. Nein.
Das will ich nicht glauben.
Wäre ich bloß niemals hierhergekommen!
Weiß Maurice das? Hat er sich jemals damit beschäftigt?
,,Was hat ihr ...Papa... denn?“, klammere ich mich mit meinen Fingern an der Straßenmauer fest.
,,Das war damals groß in der Presse: Er sitzt im Rollstuhl, nachdem irgendwelche unterprivilegierten Neandertaler ihm den Kiosk ausräumten. Keine Ahnung, was in deren Köpfe verkehrt gelaufen ist. Gefasst wurden der Abschaum bis heute nicht.“, herrscht abrupt Stillschweigen zwischen uns. Wüsste er, was ich weiß, würde er mich höchstwahrscheinlich als „Informierte“ steinigen. Wüsste er, dass ich diese Leute kennen, tagtäglich mit Ihnen in Kontakt stehe, wäre ich längst nicht mehr hier, weil man mich vermutlich des Geländes verwiesen hätte. Ob man das irgendwie kitten kann? Wenn ja, wie? Ein Strauß Blumen und eine Brigade an Entschuldigungsschreiben erscheinen mir persönlich. als unzureichend. Sie heilen nichts. Sie sorgen für keine Entschädigung. Sie machen es nicht besser oder nehmen den Schmerz, sowie die Erinnerungen. Sie geben ihm auch nicht die Fähigkeit des Laufen zurück.
,,Ist das behebbar?“, gebe ich verunsichert von mir.
,,Wohl kaum... Ärzte sind keine Superhelden.“, merkt er betonungslos an.
,,Ich habe eine Freundin, die durch einen Verkehrsunfall ebenfalls im Rollstuhl saß und durch eigene Kraft wieder herausgefunden hast. Es wäre doch denkbar, dass er...“, fällt er mich ins Wort hinein. Meine Stimme versagt.  
,,Ohne Beine kann man nicht gehen... Behandlungsfehler von damals, sodass sie nacheinander amputiert werden mussten. Prothesen bringen nichts, weil sie für Druckstellen sorgen, die bei ihm, als ausgesprochen schmerzhaft erfunden werden. Die wurden seitens der Klinik mit einer Schadensersatzleistung abgespeist, die einfach nur menschenunwürdig ist.“, fasst meine Hand automatisch und gestresst an meine Stirn heran. Was hast du da nur losgetreten, Maurice? Vor allem, wie? Wie und auf welche Weise? Wie kann ein derartiger Behandlungsfehler an den Beinen auftreten, die im Rahmen einer Prügelei im Normalfall keinen Schaden davon tragen? Was war das für ein Zeug, was du damals geschluckt hast? Wenn ich die Wahrheit dahinter kennen würde, hätte ich Sorgen weniger, die ich mit Lösungsansätzen lieber verbringen würde.
,,Trägt er es den Tätern nach?“, weiß ich nicht, was ich mir dabei denke.
,,Du stellst seltsame Fragen. Natürlich tut er es! Ohne diese Superbrains würde er nicht in einer solch miserablen Lage stecken. Er hat 12 Monate in Therapie verbracht, um das psychisch verarbeiten zu können! Reha war auch eine Tortur. Sie musste durch halb Deutschland reisen, um ihn besuchen zu können. Ohne seine Tochter und seinen Sohn, der extra samt Familie hierherziehen musst, um ihm und ihr unter die Arme zugreifen, könnte er den Laden gar nicht mehr halten. Die wohnen in engen Mietswohnungen im Plattenbauviertel. Sie war noch niemals im Urlaub, obwohl sie gern die Welt entdecken möchte. Es fehlt das Geld und die Zeit. Ihre Einnahmen gibt sie nahezu vollständig an ihren alleinstehenden Vater ab, der Rest bleibt für winzige Hobbys.. Seine Frau hat ihn auch verlassen, wegen der "Belastung".“, brummt er entgeistert auf, derweil ich mich ohrfeigen könnte für meine dämliche Unart mich überall einzumischen und mich überall mittels Fragen einzuklinken. Natürlich trägt er es den Tätern nach! Er hat jedes Recht dazu! Genauso, wie er es den Ärzten nachtragen darf, aufgrund von Krankenhauskeimen und Fuschertechniken, die oftmals bei fehlender Sorgfalt und Zeitdruck entstehen! Wie kann ich daran zweifeln und glauben, dass es anders wäre?
Wie dämlich bin ich bitteschön?
Scheiße, man!
,,Das bleibt aber unter uns, ja? Schönen Feierabend wünsche ich dir.“, springt Ben von der Mauer herunter.
,,Mir würde nicht im Traum einfallen, irgendetwas von unserem Gespräch an fremde Ohren zu tragen.“, rufe ich ihm nach. Haha, von wegen! Wobei ich nicht denke, dass ich den Mut aufbringe, dass Maurice alles mitzuteilen. Ich wüsste auch nicht, warum ich das tun sollte. Es ändert sich so oder so nichts...
Er kann nichts machen, ohne sich in wohlverdiente Ärgernisse zu reißen.
Wie löse ich das? Mir tut das Mädel so leid! Das hat sie echt nicht verdient.
Sie ist jung. Wo bleibt sie bei der ganzen Sache, samt ihrer Bedürfnisse?
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Ja, Amu. Belaste dich mal auch noch damit.
Holst du sie in dein Umfeld hinein, tust du damit niemanden einen Gefallen.
Wäre nur "Frischfleisch" für die. Mach das nicht, Amu. Nein, wirklich.
Die sind schlichtweg reifetechnisch noch nicht so weit.

Wir lesen uns morgen.

Liebe Grüße :)
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