The Nurse

von Moonie21
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
15.09.2018
19.05.2019
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19799
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Es ist nicht so, dass es besonders schwer wäre, das Leben aus einer Maus zu saugen. Nicht, wenn man es unter erschwerten Bedingungen gelernt, und dann in einem bequemen Zimmer ausführen musste. Es war eher so, dass für den Aufwand, den ich hier betrieb, nicht mal dreißig Mäuse gereicht hätten. Vielleicht drei Pferde, aber keine Mäuse.
Die Verletzung zu erspüren war einfach. Zu meinem Verdruss stellte ich fest, dass das meiste, was ich in den letzten Tagen geschaffen hatte, zunichtegemacht worden war, weil er sich eben doch bewegen musste.

Ich atmete tief ein, und stellte mir vor, wie sich langsam zwei Seiten eines großen Dammes öffneten. Doch statt das Wasser hinaus floss, drangen langsam Charles Verletzungen und die Lebenskraft der Mäuse in mich ein.
Ich fühlte, wie die Mäuse träge wurden, und in einem letzten Versuch zu überleben schwach in meine Hand bissen.
Und ich fühlte auch, wie die Knochensplitter sich in Charles Rücken an ihren richtigen Platz bewegten.
Mein linker Arm, der auf den Mäusen lag, fühlte sich sehr angenehm an, und stark, als könnte ich damit durch eine Wand schlagen. Mein rechter Arm war das genaue Gegenteil. Da ich nicht mit beiden Händen an Charles arbeiten konnte, bekam er alles ab – es war, als hätte ich einen Muskelkater und den ganzen Tag schon etwas Schweres gehalten. Ich wollte den Arm nur noch hängen lassen, und auf eine Heizung legen, weil er so kalt war. Gut, dass ich das schon kannte, und wusste, dass ich das durchhalten konnte – denn die Schmerzen kamen nun auch durch den Arm.

Charles hatte im Zuge der Verletzung das Gefühl in seinen Beinen verloren. Das bedeutete aber für mich nicht, dass nun meine Beine taub werden würden, sondern, dass ich seine Nerven wieder reparieren musste. Und das wiederrum bedeutete, ich musste den Schmerz der Verletzung an seinem Rücken abpassen, bevor er ihn spüren konnte, wenn ich seine Nervenenden wieder aktivierte.
Um es kurz zu machen: Innerhalb weniger Sekunden fühlte ich mich nicht nur so, als könnte ich eine Wand durchschlagen, sondern auch, als würde eine Wand über mir zusammenbrechen, und tausend lange Nägel in meinen Rücken treiben.
Jetzt musste ich das nur aushalten, bis Charles wieder komplett gesund war.
„Wie lange wird das dauern?“, hörte ich Erik, und öffnete die Augen. Er sah mich an. „Es sieht doch etwas verstörend aus. Deine Arme, meine ich.“
Ich sah sie an. Mein linker Arm glühte in einem warmen Licht, während der rechte Arm, der auf Charles Rücken lag, nekrotische Färbungen annahm. „Das muss so aussehen“, meinte ich leise.
„Ich spüre noch keinen Unterschied“, sagte Charles vom Bett aus. „Entschuldige, aber ich dachte, ich kann auch etwas fragen, wenn Erik darf.“
„Ihr benehmt euch wie Kleinkinder, obwohl ihr so schlau seid?“ Ich seufzte, und konzentrierte mich darauf, auch das letzte bisschen Leben aus den Mäusen zu ziehen – ihre Körper wurden immer schmaler.
„Und, ist es normal, dass er nichts fühlt?“, fragte Erik besorgt.
„Ja, es ist normal“, beruhigte ich die zwei. „Ich repariere die Nervenenden zwar gerade, aber blockiere sie so lange, bis die Verletzung ganz geheilt ist. Würde ich die Nervenenden jetzt aktivieren, sodass Charles sie fühlt, wäre es für ihn so, als würde jemand rostige Nägel durch seinen Rücken ziehen.“
„Ist es für dich so?“
Ich sah den Mäusen dabei zu, wie ihr Fell ausfiel, und ihre vertrocknete Haut aufriss. „Nicht direkt.“
„Aber du hast auch großer Schmerzen“, stellte Erik fest, und starrte auf die Mäuse.
Ich musterte ihn. „Ich mache das schon ein paar Jahre, für mich ist das nicht so schlimm, wie es sich anhören könnte. Außerdem habe ich ja noch die Mäuse.“
Ich nahm meine Hand von den jetzt nutzlosen Tieren, und drehte mich ganz zu Charles. Als ich beide Hände auf ihn legte, glühte auch sein Rücken leicht auf.
Das war eine kritische Phase. Im Grunde hatte ich die Lebenskraft der Mäuse in meinem linken Arm gesammelt, und gab sie jetzt auf einmal frei. Das heilte Charles etwas schneller, aber ich konnte schlechter kontrollieren, wann die Energie der Mäuse aufgebraucht war, und wann ich meine eigene Energie anzapfte. Aber ich spürte, dass Charles es wert war, dass ich etwas schwächer wurde.
Erik räusperte sich.
Ich atmete laut aus. „Frag einfach“, meinte ich leise, und stellte fest, dass alle Nervenenden wieder hergestellt waren.
„Erik, muss das sein?“, fragte Charles.
„Hör auf, meine Gedanken zu lesen!“, fauchte Erik. „Sieht es auch so aus, wenn man das mit Menschen macht?“
Ich war ihm fast dankbar dafür, dass er mich ablenkte. Ich fungierte gerade nur noch als Schleuse, musste nur durchhalten. Ich dachte an die Zeit im KZ zurück, und die Monate danach, in denen ich den Männern mit den braunen Koffern immer nur knapp entkommen war. Und manches Mal hatte kämpfen müssen.
„Sie sehen alle gleich aus, Maus, Mensch, Hase, Hund…“
„Also hast du das schon mit Menschen gemacht“, stellte Erik fest. Das Leuchten um meinen linken Arm herum wurde blasser.
„Ist das eine ernst gemeinte Frage? Du kannst dich doch auch noch an den Doktor erinnern…natürlich habe ich das auch schon mit Menschen gemacht!“
„Erik, lass es gut sein“, sagte Charles vom Kissen aus.
Und Erik schwieg. Und weil er schräg hinter mir saß, konnte ich ihn nicht zornig anfunkeln, sondern nur meine Arbeit tun.
Ich dachte An Engel und unsere glückliche Zeit mi Waisenhaus, und spürte in den Schmerz hinein, der langsam meinen rechten Arm hinaufkroch, und sich in meinem Körper wie eine Horde Insekten einnistete.

Ich verfiel in eine Art Halbschlaf, bei der ich meine Tätigkeiten auf ein Minimum reduzierte – in dem Fall auf die Heilung von Charles. Die Energie der Mäuse war rasch aufgebraucht. Sie hatte nur für die Heilung der Nervenenden gereicht. Seit ich daran arbeitete, die restlichen Knochensplitter langsam durch Charles Fleisch zu bewegen und das Narbengewebe zu entfernen, benutzte ich meine Energie.
Normalerweise würde ich das nicht machen, ich würde einfach den Schmerz abspeichern und in Schüben freisetzen, damit ich ihn in Ruhe aushalten konnte, aber diesmal wusste ich, dass es zu viel Schmerz sein würde. Also entzog ich ihm primär nicht den Schmerz, sondern blockierte die Nerven weiterhin, und schenkte ihm Energie, die zu einer extrem schnellen Heilung führte. So verflüchtigten die Schmerzen sich weitgehend – zumindest war das der Plan bei eher großen Verletzungen.
Die Realität sah so aus, dass mein rechter Arm dennoch aussah, als wäre er in einer Tiefkühltruhe erfroren und kurz davor, abzufallen.
Das waren zwar nur ein Bruchteil der Schmerzen, aber immerhin genug, um mir auf einen Schlag das Bewusstsein zu nehmen. Ich wusste, dass ich es aushalten könnte. Ich hatte schon schlimmere Dinge getan – aber hier war ich in Sicherheit, hier stand ich nicht so unter Druck.
Und hier hatte ich kein Opfer.

Irgendwann war es soweit. Draußen stand der Mond am Himmel, und schien auf den weißen Schnee und durch die Fenster in Charles Zimmer.
Erik hatte inzwischen eine Zigarette angemacht. Vor lauter Nervosität hatte er nicht lesen können, und schlafen wollte er erst recht nicht. Als Charles ihn bat, sich zu beruhigen, schielt ich mich ein.
„Lass ihn doch“, hatte ich gemurmelt, „er hat dir das angetan, dann soll er sich ruhig Sorgen machen.“

In dem Moment, in dem ich fertig wurde, geschahen mehrere Dinge.
Ich nahm meine Hand von Charles und spürte die stechenden Schmerzen, die sich nur mit Mühe kontrollieren ließen – aber es war es wert, als ich Charles sah, wie er sich langsam herumdrehte, und fassungslos die Beine über den Bettrand bewegte. Dann sackte ich etwas zusammen.
Und jemand klopfte an die Tür.

„Da kommen drei Autos durch den Wald zu uns“, erkannte ich die Stimme von Gene. Sie klang nervös. „Sie wollen Maggie.“
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