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Referendare und Liebe

von rosefox
GeschichteLiebesgeschichte / P12 Slash
Friedrich Schiller Johann Wolfgang von Goethe
14.09.2018
17.04.2020
3
10.839
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14.09.2018 4.421
 
Jetzt stand er also da, im Lehrerzimmer seines ehemaligen Gymnasiums, und fühlte sich fehl am Platz. Natürlich hatte Friedrich gleich an seinem ersten Tag verschlafen und infolgedessen nur Zeit für entweder Dusche oder Frühstück gehabt, bevor er mit dem Rad zwei rote und eine dunkelgelbe Ampel überrollt hatte. Eine Entscheidung, die ihm sein Magen sehr übel nahm und dies auch mit lautem Grummeln zum Ausdruck brachte. Und völlig außer Atem war er jetzt ebenfalls, vom Zustand seiner Haare ganz zu schweigen. Willkommen im Referendariat.

Friedrich sah sich um. Es sah noch ganz genauso aus, wie er es von „Hilf-hier-mal-das-ins-Lehrerzimmer-zu-bringen“-Aufträgen zu Schülerzeiten in Erinnerung hatte: ein langer Raum voller Papierstapel, mit zwei Reihen von Gruppentischen, auf denen Vasen mit billigen Plastikblumen standen, hohe Schränke an den Wänden, und an der Rückseite des Raums eine Küchenzeile mit einer großen Kaffeemaschine, von der er jetzt schon wusste, dass sie seine beste Freundin werden würde. Jetzt, um halb acht, war das Zimmer voller Lehrer, die Unterrichtsmaterialien aus ihren Fächern holten, sich Kaffee holten und sich unterhielten. Friedrichs ehemaliger Englischlehrer, Herr Herder, saß an einem der Tische und korrigierte augenscheinlich in letzter Minute noch einen Vokabeltest. Friedrich hatte ihn schon immer gemocht.

„Hey, du fängst auch jetzt mit dem Referendariat an, oder?“, riss Friedrich eine Stimme aus seinen Gedanken. Sie gehörte zu einer jungen Frau mit hohem Pferdeschwanz und Brille, die ihn fröhlich – zu fröhlich für einen Montagmorgen – angrinste. „Charlotte Kalb. Mathe und Ethik. Du?“

Er grinste, so gut er konnte, zurück. Es war gut, Verbündete zu haben:

„Friedrich Schiller, Deutsch und Geschichte.“

„Cool, nett dich kennenzulernen. Wo…“

Sie unterbrach sich, da jemand in die Hände geklatscht hatte, um sich über den allgemeinen Geräuschpegel im Zimmer hinweg Gehör zu verschaffen.

„Neue Referendare bitte mal zu mir!“, verkündete Frau von Stein, die stellvertretende Schulleiterin, deren wichtig-beschäftigte Ausstrahlung sich seit Friedrichs Schulzeit kein Stück verflüchtigt hatte.

Friedrich folgte Charlotte zu ihr und der kleinen Gruppe, die sich nun um sie bildete.

„So, guten Morgen, ihr Lieben. Wir machen das hier jetzt kurz und knapp; willkommen an der Schule, beziehungsweise willkommen zurück.“ – Hier sah sie Friedrich kurz an. – „ Ihr bekommt von mir jetzt jeder einen Schlüssel. Der passt zu den normalen Klassen- und euren entsprechenden Fachräumen sowie zum Lehrerzimmer.“ Sie warf einen Blick auf ihre Liste: „Huber.“

Ein kleiner junger Mann mit großen Studienratsecken, dessen Gesicht Friedrich irgendwie an ein Meerschweinchen erinnerte, trat vor und holte sich seinen Schlüssel ab.

„Kalb.“

Charlotte sah immer noch viel zu fröhlich aus, Friedrich fragte sich unwillkürlich, ob das am Namen lag; Lotte war immerhin auch Frühaufsteherin.

„Körner.“

Der dritte junge Mann in ihrer Gruppe, der  als einziger völlig unbeeindruckt von Frau von Steins Ausstrahlung und dem anstehenden ersten Schultag wirkte, hob kurz die Hand und ließ sich den Schlüssel geben.

„Schiller.“

Jetzt habe ich wohl endgültig die Seiten gewechselt, schoss es Friedrich durch den Kopf, als er den Schlüssel einsteckte.

„Und Stock.“

Frau von Stein gab der letzten der Referendar*innen, einer hübschen, molligen jungen Frau mit lila Lippenstift, ihren Schlüssel in die Hand und steckte ihre Liste weg.

„So. Damit wäre das auch erledigt. Ihr habt eure Stundenpläne, ihr kennt eure Ausbilder. Wenn es Probleme gibt, wendet euch zuerst an die und erst danach an mich. Viel Erfolg.“

In einem Gemurmel von Alles klar-s und Vielen Dank-s begann sich die Gruppe aufzulösen. Friedrich fuhr sich durch die Haare, musste aber feststellen, dass er die ja am Morgen zusammengebunden und jetzt nur den Zopf zerstört hatte. Mit einem tiefen Atemzug löste er ihn ganz und band ihn neu.



„Guten Morgen“, sagte eine Stimme, die Friedrich an Samt erinnerte, über den man gegen die Fadenrichtung strich.

Er drehte sich um und erstarrte. Die letzten sechs Wochen, die er sich mental auf das Wiedersehen mit Goethe vorzubereiten versucht hatte, schienen sich in Luft aufgelöst zu haben, denn sein Magen machte einen Satz, sein Mund wurde trocken und seine Handflächen feucht. Er wusste natürlich, dass diese Reaktionen lächerlich waren, aber verhindern konnte er sie trotzdem nicht. Die Schuljungenschwärmerei für seinen ehemaligen Deutschlehrer hatte sich hartnäckig gehalten und dann vor drei Jahren zu einer Art Heldenverehrung weiterentwickelt, als Goethe einen ziemlich erfolgreichen Roman mit dem Titel Die Leiden des jungen Werther veröffentlicht hatte. Ihm nun wieder gegenüber zu stehen ließ Friedrichs Herz in seiner Kehle schlagen.

Goethe wirkte komplett unbeeindruckt, wenn auch vielleicht ein wenig genervt.

Sein Blick glitt über die Referendare, blieb dabei kurz an Friedrich hängen, dann wandte er sich an Frau von Stein:

„Wo ist Schiller?“

Diese schnaubte leicht durch die Nase.

„Gleich da, neben dir.“

Sie nickte zu Friedrich, der linkisch die Hand hob.

„Hi. Lang nicht gesehen“, sagte er und wünschte sofort, er hätte es bleiben lassen.

Goethe drehte sich wieder zu ihm und musterte ihn genauer, bis nach einem Moment Einsicht in seinen Augen aufleuchtete.

„Sowas. Ich habe Sie gar nicht erkannt. Sie sind erwachsen geworden.“

Friedrichs Wangen erglühten. Seit ihrer letzten Begegnung waren gut fünf Jahre ins Land gegangen, aber er hatte sein sechzehnjähriges Emo-Selbst noch nur zu gut vor Augen – schlecht gefärbte Haare, mehr Pony als Gesicht, Unmengen Kajal, schwarzer Nagellack und abgeschnittene Fingerhandschuhe, alles drum und dran – und Goethe schien es nicht anders zu gehen.

Obwohl es sich bis zum Abitur etwas gelegt hatte, war Friedrich der Emo-Phase erst im Studium vollends entwachsen, was bedeutete, dass Goethe ihn nie zuvor mit seiner naturroten Haarfarbe oder in etwas anderem als schwarzen Band-Shirts gesehen hatte. Dazu kam die Tatsache, dass Friedrich dank eines späten Wachstumsschubs Goethe jetzt um einen knappen Kopf überragte. Nein, es war wirklich nicht verwunderlich, dass dieser ihn nicht erkannt hatte.

Als Goethe fragend eine Augenbraue hob, fiel Friedrich auf, dass er den Mund zu einer Antwort geöffnet hatte, ihm aber so recht keine einfallen wollte, weshalb er ihn wieder schloss. Goethe sah ihn noch einen Moment lang undurchdringlich an und wandte sich dann zum Gehen.

„Kommen Sie.“



***



Goethe hatte die Stunde begonnen mit den Worten:

„Auf dem Lehrplan steht als erstes Thema für dieses Schuljahr Romantik. Solch sentimentalen Unsinn bringt ihr euch bitte selbst bei.“

Jetzt stand er vorn an der Tafel und referierte über die Inkompetenz des Kultusministeriums.

Friedrich saß hinten im Deutsch-LK und stellte all die Entscheidungen in Frage, die ihn letztendlich hierher geführt hatten. Es war, als wäre er sechs Jahre in der Zeit zurück gereist, mit dem Unterschied, dass er nicht mehr nur darauf achten musste, was Goethe sagte, sondern eben besonders darauf, wie er es den Schülern vermittelte. Und wie schon vor sechs Jahren ertappte Friedrich sich dabei, wie er an Goethes Lippen hing, welche unglaublich weich aussahen.

Goethe hatte damals Friedrichs Klasse in der Neun übernommen. Gerade frisch aus dem Referendariat hatte er mit seinem guten Aussehen, seiner charmanten Art und seiner überragenden fachlichen Kompetenz die Herzen der Schüler (und auch die der anderen Lehrer, der Eltern und der Schulleitung) im Sturm erobert, sodass es auch kein Wunder war, dass er zwei Jahre später trotz geringer Erfahrung ihren Deutsch-Leistungskurs übernommen hatte. Friedrich, der zu der Zeit tief in einer jugendlichen Selbstfindungsphase gesteckt hatte, hatte sich, jedem Klischee entsprechend, in seinen Lehrer verguckt. Wobei „verguckt“ hier eine höfliche Untertreibung darstellte.

Im Leistungskurs war die Schwärmerei dann zu einer Art Hassliebe geworden, die darin zum Ausdruck gekommen war, dass Friedrich jeder einzelnen Aussage Goethes widersprochen hatte, was wiederum zu ausschweifenden Diskussionen und nicht selten zu „Jetzt akzeptier es einfach, Friedrich, wir müssen mit dem Stoff durchkommen“ geführt hatte. Friedrich war kein einfacher Schüler gewesen, und Goethe kein einfacher Lehrer.



„Entschuldigung? Herr von Goethe?“

Ein kurviges Mädchen mit dunkelrot gefärbtem Haar hatte die Hand gehoben und fuhr fort, als Goethe sie ansah:

„Wer ist das?“

Sie nickte über die Schulter zu Friedrich, der sich jäh vom gesamten Kurs angestarrt sah.

Eine von Goethes Brauen zuckte, während der Rest seiner Haltung vollkommen stoisch blieb:

„Habt ihr noch nie einen Referendar gesehen? Wie lang seid ihr schon hier an der Schule?“

„Wir hatten nur nicht damit gerechnet, dass Sie einen nehmen“, schaltete sich die Sitznachbarin des ersten Mädchens ein und stützte herausfordernd ihr Kinn auf ihre Hand.

Der Ausdruck auf Goethes Gesicht lag jetzt irgendwo auf halbem Weg zwischen beleidigt und beeindruckt.

„Das war auch nicht meine Idee“, sagte er trocken.

Für einen Moment trafen sich sein und Friedrichs Blick. Letzterer schluckte. Das waren zwar keine Neuigkeiten, aber schön war es trotzdem nicht zu hören. Außerdem reizte es Friedrichs trotzige Ader. Für wen hielt der sich eigentlich, dass er nicht mal versuchte, seine Abneigung Friedrich gegenüber zu verstecken?

„Meine auch nicht“, entwischte es ihm ehe er sich zurückhalten konnte.

Was stimmte. Wobei er sich, wenn er eine Wahl gehabt hätte, natürlich dennoch für Goethe entschieden hätte. Der Mann war immerhin ein Genie.

Für einen Augenblick schien die warme Augustmorgenluft zu gefrieren, dann brachen drei Jungs in der letzten Reihe in Gelächter aus und damit das Eis. Der gesamte Kurs kicherte oder grinste gleich darauf mit, bis Goethe sie mit einem strengen Blick verstummen ließ. Mit einem leisen Seufzen gestikulierte er zu Friedrich:

„Los, stellen Sie sich halt vor.“





Die nächste Stunde war ebenfalls Deutsch, allerdings in einer Zehnten. Friedrich ließ den Blick über die Klasse schweifen. Diesmal stand er selbst vorn am Pult. An diese neue Perspektive würde er sich erst noch gewöhnen müssen.

„Guten Morgen. Mein Name ist Schiller, ich bin seit heute Referendar hier für Deutsch und Geschichte und euer neuer Deutschlehrer. Was ihr euch wahrscheinlich schon gedacht habt. Bitte bastelt euch alle mal Namensschilder, damit ich die Namen schneller lerne.“

Es gab zwei parallele Deutschkurse in dieser Stufe, einen davon würde Friedrich unterrichten, den anderen Goethe, wobei letzterer Friedrich als sein Ausbilder mit Rat und Tat zur Seite stehen sollte. Praktisch hieß das, dass Friedrich, was das Unterrichten anging, ins kalte Wasser geworfen wurde.

Er grinste seine Schüler kurz an und atmete einmal durch. Sei der Lehrer, den du gern gehabt hättest.

„Habt keinen Sex, denn ihr werdet schwanger werden und sterben.“

Die Klasse starrte ihn an. Friedrich starrte zurück. Ein paar Schüler*innen kicherten. Friedrich steckte seine Hände in die Taschen, um sie vom Zittern abzuhalten.

„So könnte man die Aussage des ersten Stücks, das wir dieses Schuljahr durchnehmen werden, zusammenfassen. Eigentlich hat es aber eine ganz andere, viel entscheidendere Aussage. Um welches Stück geht es?“

Ein Mädchen in einem geblümten Kleid, dessen Namensschild Friedrich nicht ganz entziffern konnte, da sie es in stark verschnörkelter Kalligraphie geschrieben hatte, ihre Sitznachbarin – Antonia – und ein dunkelhaariger Junge in einem Justice League -T-Shirt hoben die Hände. Friedrich schmunzelte unwillkürlich, als er dessen Schild las.

„Ja, Batman?“

„Frühlingserwachen.“

„Das stimmt. Und wie heißt du wirklich?“

„Bruce Wayne.“

Der Junge grinste. Die Klasse kicherte. Friedrich verdrehte die Augen, musste aber auch grinsen.

„Naja, Bruce, der Name steht nicht auf meiner Klassenliste hier.“

Batman seufzte.

„Richie. Ricardo.“

„Okay. Und kannst du auch zusammenfassen, worum es in dem Stück geht?“

„Ja. Also, so’n bisschen. Ich kenn das Musical.“

Friedrich nickte ermunternd. Das lief doch gar nicht so übel.

„Also, da ist so ein Typ, Melchior, der seine Freundin schwängert, und sie macht das halt mit, weil ihr niemand gesagt hat, dass man von Sex schwanger wird. Und dann stirbt sie, weil… irgendwas mit dem Baby. Und Melchiors Freund Moritz bringt sich um, weil er sitzen geblieben ist. Und dann ist da diese Szene, wo Melchior sich umbringen will, aber die beiden tauchen als Geister auf und halten ihn auf.“

„Okay. Das sind schon mal einige der wichtigsten Punkte. Der Geist in der Friedhofsszene ist im Original eine eigene Figur, mit der wir uns auch noch genauer beschäftigen werden. Sonst noch jemand?“

Wenn das so weiter ging, würde das Unterrichten zumindest in dieser Klasse doch ganz lustig werden.





Die Mensa roch immer noch nach verkochten Kartoffeln, Bohneneintopf und Hoffnungslosigkeit. Man hatte die Bilder von Kaffeebohnen und geschnittenem Baguette, die früher hier gehangen hatten, ersetzt durch Poster der Skylines diverser Großstädte. Vermutlich in der Hoffnung, dem Raum ein moderneres Flair zu verleihen, was jedoch irgendwie dadurch gehemmt wurde, dass immer noch dieselben Plastikpflanzen auf den Fensterbänken standen wie bei Friedrichs Einschulung hier vor dreizehn Jahren.

Allerdings blieb Friedrich das unangenehme Wo setze ich mich jetzt hin? erspart, da ihm, kaum dass er sich seine Portion geschmacksneutraler Nudeln mit bio-zertifizierter Tomatensoße geholt hatte, einer der anderen Referendare, die bereits zusammen an einem Tisch saßen, zuwinkte und einen Stuhl frei machte.

„Hey, setz dich zu uns!“

Friedrich setzte sich. „Danke.“

Der andere – der, der vorhin so unbeeindruckt von Frau von Stein gewesen war, Körber oder so? – musterte ihn prüfend aus dunklen Augen.

„Sorry, dass ich jetzt so direkt bin, aber… du heißt doch Friedrich Schiller, oder? Bist du der Friedrich Schiller, der Die Räuber geschrieben hat?“

Drei neugierige Augenpaare waren jetzt fest auf Friedrich gerichtet. Das Stück, das er geschrieben und mit der Uni-Theatergruppe auf die Bühne gebracht hatte, war ziemlich erfolgreich geworden und hatte auch ob seiner radikalen politischen Aussagen einiges an Aufsehen erregt, aber damit, dass ihn jemand hier darauf ansprechen würde, hatte er eigentlich nicht gerechnet.

„… Ja. Genau der.“

Man konnte die Augen des anderen förmlich aufleuchten sehen.

„Hab ich’s doch gesagt!“, grinste er die junge Frau an, die ihm gegenüber saß und deren Namen Friedrich sich auch nicht gemerkt hatte – nicht Charlotte. Sie verdrehte die Augen, sah Friedrich aber nicht weniger interessiert an als ihr Kollege. Wieder an Friedrich gewandt erklärte der:

„Wir sind riesige Fans deiner Arbeit. Leider Gottes sind wir erst darauf aufmerksam geworden, als es keine Karten mehr gab, sonst wären wir auf jeden Fall nach Mannheim gekommen.“

Friedrich konnte nicht anders, als zu gucken wie eine Kuh wenn’s blitzt. Dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus:

„Danke! Das freut mich.“

Nicht-Charlotte lächelte jetzt auch richtig:

„Die Aussage ist einfach richtig und auf den Punkt getroffen. Die Figuren sind großartig, auch wenn in deinem zweistündigen Stück nur eine einzige Frau vorkommt. Ich hab nun mal ein Faible für Helden.“

„Von den Charakterbeziehungen ganz zu schweigen. Und gerade in unserer heutigen Zeit ist es wichtig, bestehende Strukturen zu hinterfragen. Nur weil ein System zweihundert Jahre lang bestanden hat, heißt das nicht gleich, dass es gut ist oder dass es nicht besser ginge. Natürlich muss es auch nicht unbedingt schlecht sein, aber genau deshalb ist Hinterfragen wichtig“, hakte Friedrichs riesiger Fan ein.

Friedrich wollte gerade antworten, dass es nicht nur aufs Hinterfragen ankam, sondern auch darauf, etwas zu tun gegen die bestehenden Strukturen, als sich jemand auf den Stuhl auf seiner anderen Seite fallen ließ und ihm zuvorkam mit den Worten:

„Hallo, ist hier noch frei, guten Appetit, ich bin Charlotte, Fünftklässler sind ja unglaublich süß, was habe ich verpasst?“

Friedrich, sein riesiger Fan, Nicht-Charlotte und der dritte junge Mann, der ein wenig wie ein Nagetier aussah und bisher geschwiegen hatte, drehten sich um. Charlotte lächelte strahlend:

„Charlotte Kalb, Mathe und Ethik. Und ihr?“

Nicht-Charlotte fand ihre Sprache am schnellsten wieder:

„Dora – Dorothea – Stock, Kunst und Physik.“

„Friedrich Schiller, Deutsch und Geschichte.“

„Ja, stimmt ja, dich habe ich ja schon heute Morgen gefragt.“

„Christian Körner, PoWi und Musik.“

„Ludwig Huber, Englisch und Französisch.“

„Alles klar, schön, euch alle kennenzulernen!“

Eine halbe Stunde Smalltalk später wusste Friedrich, dass Körner grundsätzlich Menschen beim Nachnamen ansprach und das ansteckend war, dass Huber eine Tierhaarallergie hatte und eine Nacktkatze namens Spock besaß, dass Körner mit Doras Schwester Minna zusammen war und die beiden die einzigen waren, die er beim Vornamen ansprach, dass Dora ein Auslandsjahr in Japan gemacht hatte und jetzt japanisch kochen konnte, sowie Charlottes komplette Lebensgeschichte in farbenfrohem Detail.

Außerdem hatte man sich für das kommende Wochenende zum Filmabend verabredet, weil niemand es angehen lassen konnte, dass Friedrich Fight Club noch nicht gesehen hatte; Körner hatte sich richtig an seinen Kartoffeln verschluckt, als er das hörte.





Nach dem Mittagessen hatte Friedrich noch eine Doppelstunde Geschichte in einer Siebten, was eine ganz eigene Art von Herausforderung darstellte. Es war heiß und nachmittags und niemand war auch nur im Entferntesten konzentriert, woran auch die Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung so gar nichts ändern konnte. Bei Schüler*innen, die ihm nicht zuhören wollten, Autorität aufzubauen war auch nicht ganz leicht bei Friedrichs eigener antiautoritären Einstellung. Immerhin war Frau von Stein, seine Ausbilderin für das Fach Geschichte, weniger ablenkend als Goethe, wenn auch nicht weniger einschüchternd.

Als auch der Nachmittagsunterricht dann irgendwann vorbei war und Friedrich um kurz nach halb vier den Klassenraum abschloss, dachte er, dass der erste Tag auf der dunklen Seite der Macht doch eigentlich ganz gut gelaufen war. Nachdenklich machte er sich auf den Weg nach draußen.

Die Schüler*innen waren anstrengend, aber in Ordnung, wie man es von Jugendlichen nicht anders erwarten konnte. Mit ihnen zu arbeiten machte Spaß, auch wenn es ein noch sehr seltsames Gefühl war, jetzt auf der anderen Seite des Klassenraums zu stehen.

Die anderen Referendar*innen schienen auch echt korrekt zu sein; gerade mit Körner hatte er sich wirklich gut verstanden. Hier könnte bestimmt die eine oder andere Freundschaft fürs Leben entstehen. Seine Zeiten als seltsamer Außenseiter waren wohl vorbei, Schule hin oder her.

Wobei das Verhältnis zu den – anderen – Lehrer*innen am ungewohntesten war. Ein flacheres Autoritätsgefälle, praktisch auf echter Augenhöhe; er war jetzt einer von denen. Seltsam irgendwie. Neu.

Ja, es hatte sich einiges geändert im direkten Vergleich zu seiner Schulzeit. Die Schüler*innen wirkten so klein und die Lehrer*innen nicht mehr so groß.

Es war seltsam, zurück zu sein, durch die Flure zu gehen, durch die er jahrelang jeden Tag gelaufen war. Das Geräusch der Schritte, der Geruch des Linoleums. Der Geschmack von Kreide in der Luft. Der komische Geruch im Biotrakt. Die bunten Poster in den Klassenzimmern der Unterstufe. Der Fleck an der Flurwand, wo Georg in der achten Klasse sein Federmäppchen nach Wilhelm geworfen hatte und sein Füller explodiert war, und der, wo Carolines lila Haare an die Wand abgefärbt hatten. Der erste war überstrichen worden, der zweite immer noch sichtbar. Das neue Wandgemälde im großen Musikraum. Die immer neuen Kunstprojekte in der Vitrine im Atrium. Dieselben alten Tischtennisplatten und die neuen Fußballtore. Die Sonnenblumen im Schulgarten und der nun komplett ausgetrocknete Schulteich. Der Baum, in dem sie immer heimlich geraucht hatten, der gefällt worden war. Jetzt gab es Computer in fast jedem Klassenraum, Beamer, die tatsächlich funktionierten, mehr Smartboards und weniger Polyluxe. Die Kinder, die in den Pausen nicht mehr um Pokémonkarten herum standen, sondern um Smartphones.

Und dann war da Goethe. Goethe, der ganz genau so war, wie Friedrich ihn in Erinnerung hatte, und doch ganz anders. Er sah jedenfalls noch genauso gut aus, auf diese kultivierte Art und Weise, die bei jedem anderen anmaßend und lächerlich gewirkt hätte. Wer trug denn schon einen dreiteiligen Anzug an einem gewöhnlichen Schultag? Hemd und Jackett wären ja noch zu verstehen gewesen, aber Westen waren doch seit den 50ern nicht mehr modern. Und dazu diese Locken! Friedrich hatte mit seinen eigenen so lang so viel zu kämpfen gehabt, dass es ihm schwerfiel zu glauben, dass überhaupt jemand mit Locken gut aussehen konnte, geschweige denn so elegant. Gewusst, dass Goethe Locken hatte, hatte er bisher auch nicht. Früher waren dessen Haare nämlich immer zu kurz geschnitten gewesen, aber jetzt waren sie gerade so lang, dass sie sich kringelten…

Völlig in seine Gedanken an Goethe versunken bemerkte Friedrich erst, dass ihm ebendieser entgegen kam, als es bereits zu spät war. Er bog schwungvoll um eine Ecke und stieß frontal mit jemandem zusammen, der einen großen Stapel Bücher trug, die mit lautem Knallen zu Boden fielen. Goethe geriet dabei aus dem Gleichgewicht und ruderte mit den Armen, woraufhin Friedrich ihn reflexartig am Ellbogen packte, um ihn zu stabilisieren. Das ging jedoch eher nach hinten los, da er jetzt selbst nach hinten taumelte und Goethe dabei mitzog. Sie wären sicherlich unsanft auf dem Boden gelandet, wäre da nicht die Wand gewesen, die ihren Sturz nicht weniger unsanft aufhielt. Für einen Augenblick fand Friedrich sich von Goethes vollem Körper gegen die Wand gepresst, inklusive dessen Nase an seinem Schlüsselbein.

Dann hatte Goethe sich wieder gefangen und richtete sich mit einem ungehaltenen Schnauben auf:

„Passen Sie doch auf!“

Friedrich spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss.

„‘Tschuldigen Sie, ich war in Gedanken.“

Hastig begann er, Goethes Bücher aufzusammeln und ließ dabei prompt seine eigene Tasche fallen. Kompetent, Friedrich, kompetent.

„Das habe ich gemerkt“, stellte Goethe fest und nahm drei Bände eines Pilzlexikons entgegen. Wofür er die wohl brauchte? Schrieb er vielleicht etwas in die Richtung? Oder einfach für seinen Unterricht?

Friedrich fuhr sich durch die Haare, geflissentlich darauf bedacht, Blickkontakt zu vermeiden. Mittlerweile glühte sicher sein ganzes Gesicht, komplett mit Hals und Ohren. Verdammter Rothaarigenteint.

„Ja. Oh, da ist noch eins.“

„Lassen Sie es gut sein.“

Beide bückten sie sich nach dem letzten Buch, ein schmaler, scharlachroter Band. Da Goethe wieder den Großteil seines Stapels trug, war Friedrich schneller und hob es auf. Friedrich Schiller – Die Räuber, aus der Schulmediathek, dem blauen Sticker nach zu urteilen.

Ihre Blicke trafen sich und Friedrichs Mundwinkel zuckten nach oben.

„Wie finden Sie es?“

Mit stoischem Gesichtsausdruck nahm Goethe ihm das Buch ab.

„Ich habe es gerade erst ausgeliehen, also noch gar nicht. Auch wenn meine Erwartungen nicht allzu hoch sind, nach dem, was man so darüber hört.“

Friedrich musste sich ehrlich Mühe geben, dass ihm das Grinsen nicht aus dem Gesicht tropfte.

„Na, dann freue ich mich jedenfalls mal auf etwas anständige Kritik.“

Dafür erhielt er von Goethe nur noch einen undurchdringlichen Blick und ein trockenes „Guten Tag“, bevor dieser ihn einfach stehen ließ und den Flur hinab verschwand. Sein „Ebenso; bis morgen“ schien der andere gar nicht mehr zu hören.



***



Als Lotte an diesem Abend nach Hause kam, fand sie ihren Mitbewohner mit dem Gesicht nach unten auf der Couch liegend. Aus seinen Kopfhörern dröhnte so laut My Chemical Romance, dass sie auf drei Meter Entfernung noch jedes Wort verstehen konnte. Vorsichtig näherte sie sich und tippte ihm auf die Schulter. Wenn Friedrich heutzutage Emo-Musik hörte, war das ein sicheres Zeichen, dass er gar keinen guten Tag gehabt hatte.

„Friedrich?“

Er hob den Kopf und zog einen Stöpsel aus dem Ohr.

„Hm? Hi.“

„Mach den Lärm aus, das ist nicht gut für die Ohren.“

„Mir egal.“

„Friedrich.“

Sie zog missbilligend die Brauen hoch, woraufhin Friedrich mit einem Augenrollen die Musik ausschaltete und sich aufsetzte, um ihr Platz auf der Couch zu machen.

„Ja, Mama.“

Lotte grinste und ließ sich neben ihn fallen.

„Schatz, das hatten wir doch schon, es heißt Mommy-Kink, nicht Mama-Kink, und man sagt es grundsätzlich zu Menschen, mit denen man Sex hat.“

Friedrich schnaubte und boxte sie halbherzig in die Seite.

„Ach, halt doch den Mund.“

Allerdings zuckten seine Mundwinkel ein wenig, also hatte Lotte ihr Ziel erreicht. Aufmunternd stieß sie ihrem besten Freund den Ellbogen zwischen die Rippen.

„Was war denn so schlimm, dass du hier My Chemical Romance hörst? Hast du dich vor deinem Schwarm blamiert? ‘Ne Latte bekommen und jemand hat’s gesehen? Ist dein Eyeliner verlaufen?“

„Haha.“ Friedrich knickte seitlich ein und schlug seine Stirn gegen Lottes Schulter.

„Es ist einfach furchtbar seltsam, wieder dort zu sein. Also, die Schüler sind echt in Ordnung, aber… irgendwie komme ich mir vor wie ein Verräter, immerhin habe ich ja die Seiten gewechselt. Von den ganzen Erinnerungen, die wieder hochkommen, ganz zu schweigen. Und…“

„Und?“

Mit einem Seufzen richtete er sich wieder auf.

„Goethe.“

„Ja, was ist mit Goethe?“

Statt einer Antwort gab Friedrich ein kehliges Geräusch von sich und ließ den Kopf nach hinten über die Sofalehne kippen.

„Ist das ein gutes oder ein schlechtes Stöhnen?“

„Ja…“

„Schatz.“ Lottes Stimme hatte einen tadelnden Ton angenommen. Friedrich seufzte, änderte jedoch nichts an seiner Position.

„Er ist… nicht sonderlich begeistert von mir als Person. Und wir müssen es zwei Jahre lang praktisch jeden Tag miteinander aushalten.“

„‘Nicht sonderlich begeistert‘? Ist das nicht der Dude, der dir 15 Punkte im Abi gegeben hat?“

„Nja… aber das lag sicher nicht daran, dass er meine Ideen gut fand. Oder mich persönlich. Außerdem ist das Jahre her!“

„Ach ja, richtig, ich vergaß, dass du so hart in den Kerl verschossen bist, dass meine Schwester dich deswegen abserviert hat.“

„Ich bin nicht verschossen. Ich bewundere seine Arbeit. Außerdem“ – Friedrich hob das Kinn, um seiner besten Freundin einen gespielt vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen – „weißt du genau, dass das mit Caro nur nichts geworden ist, weil ich nicht euch beide im Doppelpack haben kann und ich nun mal keine halben Sachen mache.“

Lotte grinste und zuckte die Schultern.

„Sorry. Wenn ich nicht so unglaublich gay wäre, hätte ich dich schon geheiratet.“

„Ich weiß. Ich weine jeden Tag über diesen Verlust.“

„Vor oder nach dem Weinen über Goethe?“

Jetzt warf Friedrich ein Kissen nach ihr.

„Fick dich!“

Kichernd wehrte sie es ab.

„Fick du dich! Steht der überhaupt auf Typen?“

Friedrich hob überfragt die Hände.

„Keine Ahnung. Meines Wissens hatte er, als ich Abi gemacht habe, eine Freundin. Das tut hier aber ohnehin gar nichts zur Sache, für ein unfähiges Ärgernis hält er mich allemal. Es geht darum, dass er gar nicht mein Ausbilder sein will. Er soll ja nicht mit mir ins Bett gehen, er soll mir beibringen, Kindern Literatur zu vermitteln. Das kann ja wohl nicht zu viel verlangt sein, immerhin ist es sein Job. Ich meine, warum macht er es denn, wenn es ihn so nervt? Um sich im Kontrast zu mir besser zu fühlen? Das hat er doch nun wirklich nicht nötig!“

Da stand Lotte entschieden auf, stemmte eine Hand in die Hüfte und sah Friedrich direkt an.

„O-kay. Schatz. Du steigerst dich da in was rein, das führt zu gar nichts. Tief durchatmen.  Also, wie wär’s, ich mach‘ jetzt Curry – die Paprikas müssen weg und ich hab extra Kokosmilch gekauft – und dann schauen wir ein, zwei Folgen Doctor Who und schließen unseren persönlichen Frieden mit arroganten Vorgesetzten? Du wirst ihn ja eh nicht los und ich habe nur so mittelviel Lust, dir die nächsten zwei Jahre beim Jammern zuzuhören.“

Friedrich, der sich tatsächlich etwas in Rage geredet hatte, tat wie ihm geheißen und ließ sich dann zurück in die Polster sinken.

„Persönlicher Frieden, was zum…? Schön, wenn du meinst. Aber wirklich nur dir zuliebe. Und Curry klingt gut. Danke.“

„Kein Ding. Und, bevor ich’s vergesse: Donnerstagabend Date mit meinen Eltern. Wir fahren zu ihnen.“

Schon auf dem Weg in die Küche war Lotte nochmal stehengeblieben, die Hände in ihren Rocktaschen vergraben. Friedrich nickte und schnitt ihr eine Grimasse, gefolgt von einem mitfühlenden Lächeln.

„Alles klar. Brauchst du Hilfe beim Kochen?“

„Wag es nicht!“
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