Diabolisches Hintergrundwissen

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13.09.2018
15.02.2019
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In einem fernen Land... in einer unbekannten Stadt...
Oder: Warum Kanna nicht Kaminashi heißt


Eigentlich sollte hier etwas anderes hin, aber das Thema dauert noch ein bisschen... weeeiiiillll Recherche nun mal anstrengend ist und Texte schreiben Zeit braucht. Aber auch dieses Kapitel stand auf meiner Agenda und ... ist früher fertig geworden. (Vermutlich weil mich der Fehler so genervt hat... ich kann wirklich anstrengend sein.)

„Yūri!!! On ICE“ spielt in Hasetsu, das nahe Kyōtō liegt, „Durarara!“ in Ikebukuro, einem Stadtteil von Tōkyō. „Faiy Tail“ beginnt in der erfundenen Stadt „Magnolia“... Hat sich mal einer gefragt, wo „Diabolik Lovers“ spielt?
Mich hat diese Frage beschäftigt, seitdem ich rausgefunden habe, dass Yui nicht so sehr an das Herrenhaus gebunden ist, wie es oft in Fanfictions und Analysen suggeriert wird. Wenn ich also in dem Fandom schreiben will, ist es das zweite – nach dem Namen aller Akteure – was ich wissen muss. Ich muss einfach wissen, wo ich bin. Wie heißt die Stadt, in der Yui aufwächst und deren Spukvilla sie im Spiel zu Fuß und im Anime mit dem Taxi erreicht? Keine Wiki beantwortet diese Frage.

Wer die Spiele kennt – oder auch nur den Anime – weiß, dass es eine Stadt in der Nähe des Herrenhauses gibt, die man zu Fuß erreichen kann. Laut Spiel und den Drama-CDs dazu gibt es dort Supermärkte, die Kirche, in der Yui aufwuchs, Combinis, Burgerläden, Parks, Musikläden, Straßenpunks, sogar Love-Hotels wurden angedeutet, Hochhäuser auf den CGs, die prachtvolle Ryōtei Gakuen Kōkō... einen Schleichweg hinter dem Haus, der eine Abkürzung zu ihr ist...
Wie also heißt die Stadt, und was verraten uns die Kanji aus dem „Official Visual Fanbook“ und Shūs Vampire Ending, den einzigen Texten, wo man die Kanji mal zu lesen bekommt (leider ohne Umschrift)?

神無町周辺
Alle, die Japanisch können, vor!

Ich zäume das Pferd mal von hinten auf:
Zusammen werden die letzten beiden Kanji 周辺 „shūhen“ gelesen. Übersetzt bedeuten sie „Umgebung“, „Peripherie“, „in der Nähe/Nachbarschaft von“ ... alles, was nicht IN einer Stadt liegt, sondern darum herum. Ein Außenbezirk oder Vorort, je nach Kontext.
Die Jungen wohnen also außerhalb, aber immer noch nahe genug, dass jeder, den Yui auf ihrem Weg dorthin fragt, weiß, wo das Spukhaus steht. (Dass sie noch nie davon gehört hat, obwohl sie in dieser Stadt aufgewachsen und dort in die Schule gegangen ist, zeigt, wie behütet das Mädchen aufgewachsen sein muss. Und ich empfinde es als einen Hinweis darauf, dass das, was wir suchen, doch von einiger Größe sein muss, denn Dörfer sind überschaubar. Kleinstädte auch - bis zu einer gewissen Größe.)
Für unser Anliegen bedeutet das, dass 神無町 der Name einer Stadt sein muss, nicht wahr? Viele Übersetzungen nennen sie „Kaminashi“, seltener auch „Kamina“, je nachdem welche man liest. Verwirrt davon, wo diese Varianten herkommen, habe ich nachgeforscht und die Kanji mal bei Google eingegeben... und das spuckte mal  „Kamina“, mal „Kaminashi“, mit allen drei Kanjis aber plötzlich „Kan'na-chō“ aus.

町: „machi“... oder „chō“?
Das Kanji 町 bedeutet „Stadt“, „Stadtteil“, „Bezirk“ oder „Viertel“, wenn man es nachschlägt, und es kann „chō“ (chinesische, on-Lesart) oder „machi“ (japanische, kun-Lesart) ausgesprochen werden. Schon mal vom „Kabuki-chō“ gehört? Das sogenannte „Vergnügungsviertel“, der Rotlichtbezirk von Tōkyō? Der schreibt sich 歌舞伎町... ist aber nur ein Stadteil, keine ganze Stadt.
„Chō“/“Machi“ sind Gemeinden, die mit einer europäischen Kleinstadt vergleichbar sind, von denen manche eine eigene Verwaltung haben. (Laut amtlicher Statistik ist eine „Kleinstadt“ in Deutschland eine Gemeinde mit 5.000–20.000 Einwohnern. Gemessen an den Hintergründen im Spiel und den Hochhäusern darauf kann man allerdings von einer eher größeren Stadt ausgehen, nicht von nur 5.000 Einwohnern.)

Eine „machi“ kann, muss aber keine lokale Verwaltung haben. Da wir allerdings unter anderem in Subarus Route und dem Anime erfahren, dass Tōgo Sakamaki in der Politik tätig ist und sich als Philanthrop aufspielt, ist es naheliegend zu vermuten, dass der Ort eine eigene Verwaltung hat: Sonst hätte Karlheinz / Tōgo nicht so viel Einfluss, wie er es im Tsukinami-Prolog in „Dark Fate“ beim Direktor der Ryōtei Gakuen Kōkō zeigt, und die Sakamakis wären nicht so bekannt / berühmt unter ihren Mitschülern. Er wäre vermutlich auch nicht im Lokalfernsehen im Interview, weil er sich an Japans Außenpolitik zu schaffen macht...
Wäre 神無 nur ein Bezirk – und damit ein Teil von etwas Größerem – hätte Rejet, wie für Japaner allgemein üblich, im Fanbook sicher auch noch den Distrikt oder die Präfektur angegeben, zu deren Verwaltung das Städtchen gehört. Die meisten „chōs“, die als eigenständige Stadt gelten, haben 1.500 bis knapp 10.000 Einwohner...
Was sich nicht herausfinden ließ ist, ob auch hier wieder die on- und kun-Lesart von Bedeutung ist und ob sie vom Stadtnamen abhängt. Selbst Rejet wollte mir trotz Anfrage die Frage nach dem Stadtnamen nicht beantworten. Lege ich die obigen Spielinformationen und mein zusammengetragenes Wissen zu Grunde, wäre es zumindest für mich logischerweise „machi“, die japanische Lesart. (Wie ihr seht, muss man Sprachen nicht nur lernen, sondern auch verstehen, was man da gelernt hat... wie ich im Vorwort bereits angedeutet habe.)

Zu guter Letzt der Name also: Kaminashi, Kamina... oder Kanna?
Man könnte den Übersetzern zustimmen und sich darauf verlassen, dass sie einfach Recht haben. Oder wikipedia fragen, Stadtnamen googeln und genauer die Kanji durchsuchen. Man könnte japanisch sprechende Freude fragen. Geborene Japaner. Oder man sucht endlich mal sein eigenes uraltes Wörterbuch und schlägt sie einfach nach...
Da stellt sich dann raus, dass das zweite Kanji unserer Liste – also 無 – gar nicht „nashi“ heißt, sondern nur „na“! 無し heißt „nashi“, und ist die Flexion von 無い („nai“), einem Suffix mit dem etwas verneint wird.  Diese stehen nie IM Namen, sondern immer DANACH. (Ein anderes Beispiel für ein Suffix ist das さん, „-san“ bei Personen.) Einen Namen erst zu geben und ihn dann zu verneinen wäre, als würden wir z.B. London „Nicht-London“ nennen.
Die chinesische, on-Lesart offenbart weiter, dass 無 auch „mu“ heißen kann... aber nur als Präfix (Vorsilbe) und damit am Wortanfang. Die Mugen-Gakuen aus der Serie „Sailor Moon Super“ ist so ein Fall. Aber unser besagtes Kanji ist das zweite, und so müssen wir über „mu“ gar nicht erst reden. Damit ist „Kaminashi“ falsch und somit aus dem Rennen. Es bleibt ein schlichtes „na“.

神 : Dieses Zeichen kennen viele als „kami“, das Kanji für das Wort „Gott“. Wenn man die chinesische on-Lesart verwendet, spricht man es hingegen „shin“ aus, wie in „Shintōismus“ oder „jin“, wie in „Jinya“, dem Shintō-Schrein. Japaner mischen Lesarten nur sehr selten bis überhaupt nicht – es kommt also eher nicht vor, dass ein Wort / Kanji kun-gelesen wird und das nächste, was noch dazugehört, „on“. Also ist für 神 ebenfalls die kun-Lesung und damit „kami“ zu verwenden. Kun-kun.

Das Geheimnis des Kontexts: Kamina... oder Kanna?
Jetzt wird es knifflig: Genau in dieser Zusammenstellung 神無 wird dieses Wort auch „kan-na“ ausgesprochen und geleseen. 神 als „kan“ anstelle von „kami“ zu lesen, hängt von Region und Kontext ab (wir suchen immer noch den Namen einer Stadt, nicht den einer Person oder eines Gegenstands). Es ist heute kaum noch gebräuchlich und daher selten. „Kanna“ wirkt poetisch... lyrisch und bedeutungsschwanger, so dass es eher für Buchfiguren oder als Pseudonym verwendet wird, weniger als Namen für reale Menschen.
Die Präfektur Kanagawa (神奈川県 „Kanagawa-ken“) z.B. beginnt auch mit 神, das als „kan“ gelesen wird, nicht als „kami“. Japaner haben feste Regeln, wie sie ihre Städte benennen und woher diese Namen kommen. Tōkyō bedeutet übersetzt „Hauptstadt im Osten“... und genau dort liegt es auf der Landkarte. In Kanagawa gibt es mehrere Flüsse, daher also das Zeichen für Fluss 川 („kawa“) im Namen. Ein sehr pragmatisches System, die Besonderheiten einer Gegend in die Namensgebung mit einzubeziehen, meint ihr nicht? (Also, falls ihr mal nach Namen für eure Städte und Landschaften sucht und euch nichts einfällt... versucht es mal wie die Japaner ^-^)

Als Stadtname macht „Kanna“ also einfach mehr Sinn als „Kamina“, aber falls ihr immer noch „Kami“ bevorzugt: Es gibt tatsächlich eine Großstadt, die Kami heißt, in der Präfektur Kōchi. Aber die schreibt sich nicht mit 神, sondern 香美市 (Kami-shi). Die Kleinstadt Kamikatsu in der Präfektur Tokushima 上勝町 (Kamikatsu-chō) schreibt sich auch mit einem anderen Kanji, wie ihr sehen könnt. Für einen gebürtigen Japaner ist der Stadtname vermutlich völlig offensichtlich, ich habe ewig gebraucht, das herauszufinden. Hoffentlich konnte euch, meine geschätzten Leser, meine viel zu lange Ableitung auch überzeugen.

Also: Kanna-machi shūhen e yōkoso! – Willkommen im Vorort von Kanna!

Bis bald!


P.S.: Für Neugierige ein paar weitere Beispiele für 神無, das als Kanna gelesen wird:
Ein Mädchen, das Cosplay macht, nennt sich „Kanna“.
Kanna, „das Nichts“, aus Inu Yasha, wird auch so geschrieben.
Es gibt den 神無書房 (Kanna Shobō), den Kanna-Verlag in Tōkyō.
Im Shintōismus gibt es den 神無月 (Kannazuki), den Monat der Götter. (Regionalbedingt kann das aber auch der „Kamitsuki“ sein... s.o. Region und Kontext ^.~)

Wer Fehler findet, darf sie mir gerne sagen, und ich bessere nach. Trolle und Leute, die mich ärgern wollen kommen in den Keller... ihr kennt das ja schon. Bei allen anderen bedanke ich mich an dieser Stelle für’s Lesen, die Empfehlungen und Reviews.
Denen, die mir geholfen haben, weil sie erklärt oder Beta gelesen haben... ihr seid mir lieb und teuer.
Wer Lust und Interesse hat, kann mir im nächsten Kapitel in die Schule folgen, denn ich habe in anderen Reviews lesen dürfen, dass der Tagesablauf der Sakamaki-Jungen und ihre Zeiten nicht jedem geläufig sind... weil man sie im Spiel nicht sieht. Im Anime muss ganz genau hinschauen... ^.~
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