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Sera - Das Volk der Kral

von Weltende
KurzgeschichteDrama, Fantasy / P12 / Gen
13.09.2018
13.09.2018
1
1.928
 
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Zügig rattert die von sechs schwarzen Hengsten gezogene, weit ausladende Kutsche über die gepflasterte Handelsstraße in Richtung Großrosenthal. Ganz in violett, getragen von schwarzen, einzeln gefederten Rädern, wird das sonst schmucklose Gefährt umringt von einer Entourage aus 12 schwer gepanzerten Kavalleristen, deren donnernde Hufe allein ausreichen, eine freie Durchfahrt auf der viel genutzten Wegstrecke zu garantieren. Hinter den dunklen Vorhängen, im gänzlich mit violettem Samt ausgekleideten Innenraum, befindet sich das Königspaar auf hohen, sehr bequem anmutenden Sesseln, die auch stärkste Erschütterungen aufzufangen scheinen. Ihnen gegenüber sitzt ihr offensichtlich unangenehm berührter, nervös herum rutschender persönlicher Berater, eine ungewohntes Bild für den sonst sehr gefassten, fast steif wirkenden älteren Herrn, der seit Jahrzehnten im Dienste der königlichen Familie steht. Fahrig streicht er sich mit seiner Rechten das graue Haar glatt, rückt seine scharfkantig geschnittene goldene Brille zurecht, und nestelt in den schier bodenlosen Taschen seiner schwarzen Robe nach den letzten Seiten des Berichtes den er nur wenige Stunden zuvor erhalten hat. Als er endlich die letzte Seite gefunden und eingeordnet hat, entspannt sich das vom Alter zerfurchte Gesicht. Er atmet noch einmal tief durch und blickt in das Antlitz seiner Monarchen.

König Heinrich zeigt sich gänzlich unberührt. Mit eiserner Miene wartet er geduldig auf die Neuigkeiten, die nicht bis zu seiner Ankunft warten konnten. Ihn umgibt in jeder Situation eine Aura aus Ruhe und Kraft, er behält stets einen kühlen Kopf, eine Fähigkeit, die ihn zum Titel des Meisterstrategen seines Landes gebracht hat, auch wenn seine Art zu sprechen der eines Heißsporns gleicht.

Sein Äußeres ist das eines traditionellen Kriegsveteran. Wettergegerbtes, tief zerfurchtes Gesicht, kräftiger Kiefer und eine breite Narbe an seiner rechten Wange lassen ihn bedrohlich wirken. Der unentwegt ernste Ausdruck und sein noch immer gestählter Körper, gehüllt in seiner ordensbesetzten, schwarzen Generalsuniform, erfüllen ihren Teil, dieses einschüchternde Bild zu vervollständigen. Nur die Krone auf seinem ergrauten Haupt, ein breiter, mit Amethyst bestückter Reif, gibt Aufschluss über seine königliche Abstammung.

Seine Gemahlin ist das Sinnbild für Güte, Sanftmut und Verständnis. Auf ihre warmherzige Art unterstützt sie selbstlos ihre Familie bei der verantwortungsvollen Aufgabe, ihr Volk gerecht zu regieren. Sie schenkt jedem Hilfebedürftigen ihre Wachsamkeit, scheint auf jedes Problem eine Antwort zu wissen und setzt ihren Einfluss dafür ein, Notleidende und Unterdrückte in ein besseres Leben zu führen. Ihre erste Amtshandlung als junge Königin war es, Besitz und Handel von Sklaven zu verbieten und darüber hinaus veranlasste sie, dass jeder in ihrem Land die Möglichkeit erhält, lesen, schreiben und rechnen zu erlernen. Im Gegensatz zu ihrem Mann gestaltet sich ihr Äußeres sanft und zierlich. Selbst im fortgeschrittenem Alter, nach vier Kindern und langen Jahren aufopferungsvoller Arbeit konnte sie sich ihre Schönheit bewahren. Wallendes blondes Haar, in dem nur ein Hauch von grau zu erkennen ist, umranden ein elfengleiches Gesicht, in dem die Zeit nur zaghaft Spuren zu hinterlassen vermochte. Gekleidet in ein weinrotes, samtenes Gewand trägt auch sie nur ihr mit Amethyst verziertes Diadem als Zeichen ihrer Macht.
Sie scheint schon zu ahnen, was auf diesen Seiten geschrieben steht. Auch wenn ihre Haltung die einer aufmerksamen Zuhörerin ist, formuliert sie in Gedanken schon Wege, das Problem zu lösen.

„Lass doch endlich die Geheimniskrämerei, Ferdinand! Wenn es etwas ist, was wir nicht von Luisenstedt aus regeln können, dann muss die Zeit drängen. Was ist es, das den König daran hindert, seinen neugeborenen Neffen anständig getauft zu sehen?“

„Es handelt sich um einen Zwischenfall in der Kieselbucht, genauer gesagt in der gleichnamigen Hafenstadt. Obwohl nur spärlich bewohnt und wirtschaftlich uninteressant, war sie ein wichtiger strategischer Außenposten während eines Grenzkonfliktes mit den Vin´dar, vor fünf Jahren.“

„Ja, ich erinnere mich. Einen Konflikt konnte man das nicht nennen. Wir standen uns immer nur dumm gegenüber. Der erste der den Angriff wagt, wäre der mit den größten Verlusten gewesen.  So hielten wir es fünf Wochen lang aus. Die Grünschnäbel unter den Soldaten auf beiden Seiten riefen sich Beleidigungen und Witze über das schmale Tal, und selbst die hätten besser sein können. Die Truppenstärke war ausgeglichen, beiden waren die taktischen Möglichkeiten bekannt, aber unter den Offizieren wusste jeder, dass es zu keiner Kampfhandlung kommt. Am Ende spielten wir sogar mit den Gedanken, die Leute umzusiedeln, die Bucht in Stücke zu sprengen und es auf sich beruhen zu lassen.“

„Es war in der Tat eine verzwickte Lage, allerdings brachte eure werte Gemahlin die rettende Idee. Eine gemeinsame Verwaltung der Stadt, Aufteilung sämtlicher Einnahmen aus Steuer und Zoll, sollten unnötiges Blutvergießen verhindern. In der Hoffnung, dass die eingesetzten Verwalter beider Nationen überhaupt in der Lage sind zusammen zu arbeiten. Wie sich zeigt war dies der Fall, allerdings war ihre Loyalität in ihren eigenen Geldbeuteln zu finden.“

„Und das konnten meine Kinder nicht allein in die Hand nehmen? Sicher ahnen die armen Teufel in Kieselbucht nicht was sie erwartet. Schnelles Vorrücken, ein paar hundert Mann zu Land, den Hafen mit zwei, drei Fregatten zu See belagern.... Das hab ich ihnen doch alles beigebracht!“

„Heinrich, Liebster, Ferdinand möchte uns damit sicher mitteilen, dass sie dies bereits getan haben, die Vin´dar allerdings die Situation nutzen möchten und wir die Wogen glätten sollen. Ist dem nicht so?“

„Allerdings, Majestät. Das soll natürlich nicht heißen, Eure Kinder hätten die Lage nicht im Griff... Es ist nur...“ Er lächelt verlegen. „Die Vin´dar verlangen eine Erklärung für den doch recht.... umfassenden Einsatz, ja, und eure Tochter, Prinzessin Sieglinde, ist zur Zeit die ranghöchste Ansprechpartnerin im Schloss. Ihr wisst ja wie sie ist... feuriges Temperament, Herz auf der Zunge und Zweihänder auf dem Rücken... Es heißt, als sie unseren Verwalter aus seinem Amtszimmer abführen lassen wollte, weigerte dieser sich störrisch, verlangte die entsprechenden Entlassungspapiere in Brief und Siegel. Eher würden Schweine fliegen lernen, als dass man einen Staatsbeamten einfach verhaften könne, so lauteten seine Worte. Prinzessin Sieglinde warf ihn kurzerhand aus dem Fenster. Sie habe gerade ein solches Schwein gesehen, rief sie ihm nach. Zum Glück landete der Mann in einer Viehtränke und kann somit noch vernommen und angeklagt werden.“

Heinrich bricht in schallendes Gelächter aus. Irmgard lächelt über diesen ungezügelten aber gewohnten Ausbruch ihrer Tochter. Als sich Heinrich gefangen hat, deutet er auf die vielen, leicht zerknitterten Seiten in Ferdinands altersfleckigen Händen.

„Und was steht da noch drin? Was haben die Puderlocken zu maulen?“

Ohne auch nur einen Blick auf die Worte und Zahlen zu werfen, rezitiert Ferdinand alle Fakten aus seinem Gedächtnis, welches trotz seines Alter immer noch präzise Ereignisse wiedergeben kann, welche Jahrzehnte zurück liegen.

Kranach und Va´For verbreitet werden sollten, ohne Steuer oder Zoll zu erheben. Diese setzen sich zusammen aus Waffen, Alkohol, diversen Kunstgegenständen, magischen Artefakten sowie verbotenen Gütern wie Halluzinogenen, Sklaven und sogar einigen gefährlichen Monstren. Zudem fanden sich erhebliche Geldbeträge, die, wie sich herausstellte, aus den Bestechungsgeldern an die Beamten bestehen. Die Waffen hat die Armee einbehalten, Alkohol und Kunstgegenstände wurden von einem Teil des gefundenen Geldes nachbesteuert und stehen zum Abverkauf an Händler bereit. Die Halluzinogene sind vernichtet, die Sklaven befreit. Die Artefakte und Monstren jedoch sehen aus, als stammten sie von Ruinen der Katastrophe. Aufgrund der starken magischen Abstrahlung konnten sie jedoch nicht genau untersucht werden. Sie waren nachweislich in Richtung Va´For unterwegs.

Für diesen Einsatz sind folgende Mittel mobilisiert worden: Insgesamt zweitausend Infanteristen der königlichen Elitegarde, dreißig Gottfried-Mörser mit je drei Mann zur Bedienung der Kanone sowie fünf Fregatten und zwei schwere Schlachtschiffe, eines davon die Brigitte, das Flaggschiff von Prinz Joachim Willibald. Die Stadt kapitulierte sofort, keine Verluste zu beklagen. Sämtliche Schiffe im Hafen versuchten die Flucht, wurden jedoch im Hafenbecken versenkt. Ein Drittel der Besatzungen verstarb bei dem Angriff, der Rest ist in Gewahrsam. Auf unserer Seite wiederum keine Verluste. Die Vin´Dar haben als Reaktion ihrerseits Truppen in Grenznähe positioniert und verlangen Abzug unsererseits, Auslieferung ihrer Gefangenen, Beibehaltung der gemeinsamen Verwaltung der Stadt und Einsicht in die beschlagnahmten Güter.“

Unter dem Kommando von Prinzessin Sieglinde und Prinz Joachim Willibald wurde gestern um Mitternacht die Hafenstadt Kieselbucht aufgrund des Verdachts von Schmuggel und Hehlerei von unseren Truppen eingenommen. Die Verwalter und der gesamte Stadtrat wurden festgesetzt und über die Stadt eine Ausgangssperre verhängt. In verborgenen Höhlensystemen befanden sich mehrere Schiffsladungen von Gütern, die an der Hafenmeisterei vorbei nach Kranach und Va´for verbreitet werden sollten, ohne Steuer oder Zoll zu erheben. Diese setzen sich zusammen aus Waffen, Alkohol, diversen Kunstgegenständen, magischen Artefakten sowie verbotenen Gütern wie Halluzinogenen, Sklaven und sogar einigen gefährlichen Monstren. Zudem fanden sich erhebliche Geldbeträge, die, wie sich herausstellte, aus den Bestechungsgeldern an die Beamten bestehen. Die Waffen hat die Armee einbehalten, Alkohol und Kunstgegenstände wurden von einem Teil des gefundenen Geldes nachbesteuert und stehen zum Abverkauf an Händler bereit. Die Halluzinogene sind vernichtet, die Sklaven befreit. Die Artefakte und Monstren jedoch sehen aus, als stammten sie von Ruinen der Katastrophe. Aufgrund der starken magischen Abstrahlung konnten sie jedoch nicht genau untersucht werden. Sie waren nachweislich in Richtung Va´For unterwegs. Für diesen Einsatz sind folgende Mittel mobilisiert worden:
Insgesamt zweitausend Infanteristen der königlichen Elitegarde, dreißig Gottfried-Mörser mit je drei Mann zur Bedienung der Kanone sowie fünf Fregatten und zwei schwere Schlachtschiffe, eines davon die Brigitte, das Flaggschiff von Prinz Joachim Willibald. Die Stadt kapitulierte sofort, keine Verluste zu beklagen. Sämtliche Schiffe im Hafen versuchten die Flucht, wurden jedoch im Hafenbecken versenkt. Ein Drittel der Besatzungen verstarb bei dem Angriff, der Rest ist in Gewahrsam. Auf unserer Seite wiederum keine Verluste. Die Vin´dar haben als Reaktion ihrerseits Truppen in Grenznähe positioniert und verlangen Abzug unsererseits, Auslieferung ihrer Gefangenen, Beibehaltung der gemeinsamen Verwaltung der Stadt und Einsicht in die beschlagnahmten Güter.“

„Unsere Kinder und ihre Vorliebe für pompöse Auftritte... Die Stadt geben wir frühestmöglich frei, von dem Geld bezahlen wir das ganze Spektakel, der Rest wird aufgeteilt, das stellt die Vin´Dar erstmal ruhig. Darum gehts schließlich, ein Emporkömmling will sich vor dem König der Puderlocken hervortun, sich Titel mit Gold und Wertsachen erkaufen. Offenbar sind wir mit dem magischen Krempel und Viehzeugs zufällig auf etwas gestoßen, von dem wir nichts wissen sollten. Für Geld allein gehen sie nicht das Risiko eines Kampfes mit uns ein, davon haben sie selbst genug. Zur Sicherheit behalten wir das Zeug. Wenn sie danach fragen, sollen sie erklären wozu sie es brauchen, aber eher essen die ihre Perücke bevor sie eine Intrige enthüllen. Finde heraus wozu es gut ist, woher es kommt und schicke Leute hin um zu sehen, ob es mehr davon gibt. Wenn man daraus eine Waffe machen kann, müssen wir verhindern, dass sie fertig gestellt wird.“

Es muss auf jeden Fall etwas von großem Wert sein. Warum in aller Welt sollte sich sonst jemand in die alten Gemäuer wagen, sich unberechenbaren Magien und Monstren aussetzen, wenn es sich nicht auf jeden Fall lohnt. Unsere Vorväter spielten mit diesen Mächten und brachten Dunkelheit über die Welt. Vielleicht liegen im Schutt ihres Erbes noch schrecklichere Dinge, die noch größeres Unheil bringen. Niemand darf sich jemals wieder mit diesen Mächten Einlassen. Dies war das erste Gesetz, welches die Herrscher unter sich erließen, als sie Sera wieder besiedelten. Jeder, der es wagt, es zu brechen, das Leben eines jeden Menschen so leichtfertig aufs Spiel zu setzen, wird seinen gerechten Zorn zu spüren bekommen...

Tief in Gedanken versunken nimmt er die Hand seiner Gemahlin in die seine. Ein zarter Druck versichert ihm die Unterstützung, die er auf dem steinigen Weg voll von schwerwiegenden Entscheidungen benötigen wird. Durch das Fenster erblickt er die Silhouette von Großrosenthal. Über der Stadt braut sich ein schweres Gewitter zusammen, dunkle Wolken verhängen den Himmel.

Dunkles Donnergrollen ertönt, ein Vorbote des schweren Unheils, welches über sie alle herein zu brechen droht. Diesmal könnte der bröckelige Frieden mit den Vin´dar endgültig seinen Halt verlieren, herunterstürzen ins tiefschwarze Nichts der Vergessenheit und sie alle mit sich reißen...
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