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Filmrezensionen und andere Texte zum Thema Film

GeschichteAllgemein / P12
12.09.2018
07.03.2020
29
34.272
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12.09.2018 1.757
 
Wie ich schon gelegentlich erwähnt habe, war ich früher in drei verschiedenen Foren zum Thema Film aktiv, zuletzt auf der Seite www.filmforen.de unter dem Namen Settembrini, wo ich auch ein blogartiges Filmtagebuch führte.
Nun habe ich längere Zeit überlegt, ob es sinnvoll ist, Texte aus diesem Filmtagebuch hier zu veröffentlichen, da ich festgestellt habe, daß fanfiktion.de nicht unbedingt eine Insel der Cineasten ist. Andererseits finde ich den Gedanken reizvoll, meine Texte zu ganz verschiedenen Themen hier zu bündeln, und außerdem denke ich gern an meine kleine Kolumne über meine Lieblingsfilme zurück, die auch hier interessierte Leser fand. Daher habe ich mich entschlossen, einige ausgewählte Texte aus meinem Filmtagebuch auch hier vorzustellen. Es wäre nicht sinnvoll, dies mit allen Texten zu tun; ich werde hier vor allem die nach meiner eigenen Einschätzung besten meiner Rezensionen hochladen und dazu noch ein paar andere, allgemeine Texte zum Thema Film. In den Rezensionen werde ich immer darauf hinweisen, ob der Text sich für alle Leser eignet oder ob der Leser den betreffenden Film bereits kennen sollte.
Außerdem werde ich vielleicht sogar im Lauf der Zeit auch neue Rezensionen verfassen und hochladen, die im alten Filmtagebuch gar nicht zu finden waren (versprechen will ich allerdings nichts); ebenso ist es möglich, daß ich einen Text aus dem Filmtagebuch nicht in der ursprünglichen Form übernehme, sondern noch einmal bearbeite.
Im ersten Kapitel dieser Kolumne stelle ich nun einen (nicht völlig ernst gemeinten) Text vor, den ich bereits zu meinen kino.de-Zeiten geschrieben habe und der sowohl im dortigen, nicht mehr existierenden Forum als auch später bei den filmforen gut aufgenommen worden ist.



Was sind Sie für ein Zuschauertyp?

Warum gehen gutgemeinte Filmtips so oft schief? Warum kommt es in Filmdiskussionen so oft vor, daß zwei Menschen einfach aneinander vorbeireden (und es vielleicht noch nicht einmal merken)?
Nun läßt sich natürlich als Erklärung einfach anführen, daß die Filmgeschmäcker eben verschieden sind, was zwar richtig, aber auch nicht sonderlich erhellend ist. Etwas interessanter scheint mir dagegen die Betrachtung zu sein, daß nicht nur die Geschmäcker verschieden sind, sondern auch die Filminteressen und damit die Gründe, aus denen jemand überhaupt einen Film sieht. Es gibt also, wie ich behaupten möchte, ganz verschiedene Zuschauertypen, und Filminteressierte, die dem gleichen Zuschauertyp angehören, werden auch in Diskussionen vermutlich gut miteinander auskommen, solche, die völlig verschiedenen "Lagern" stammen, kommen sehr wahrscheinlich nicht miteinander zurecht oder verstehen zumindest einander nicht.

Ich habe mir daher mal den Spaß gemacht, zu überlegen, was für Zuschauertypen es geben könnte und diese einigermaßen prägnant zu beschreiben versucht. Wobei natürlich eines vorwegzuschicken ist: einen reinrassigen Vertreter eines speziellen Zuschauertyps wird man so gut wie nie antreffen, die meisten Filminteressierten werden eher die Merkmale verschiedener Typen vereinigen. Insofern sind meine Beschreibungen selbstverständlich auch überspitzt, doch gerade durch die Übertreibung werden viele Dinge ja erst richtig sichtbar. Prinzipiell aber dürfte man bei den meisten Filminteressierten die eine oder andere der Eigenheiten, die zu den verschiedenen Typen gehören, in mehr oder weniger starker Ausprägung antreffen.

Dann will ich einfach mal ein paar Zuschauertypen vorstellen (aus reiner Bequemlichkeit habe ich immer "der" und "er" geschrieben, aber auf Zuschauerinnen ist das problemlos übertragbar), wobei es mehr oder weniger querbeet geht:

Der Zerstreuung Suchende
sieht Filme ausschließlich, um sich zu unterhalten. Für ihn ist das auch der einzige Grund, warum Filme gedreht (oder Romane geschrieben, dies nebenbei) werden. Jede Art der Filmanalyse findet er absurd und hält es für lächerlich, was manche Leute in Filme "hineininterpretieren".

Der Lemming
beurteilt die Qualität von Filmen einzig und allein nach dem Erfolg an der Kinokasse. Wenn ein Film keine Zuschauer findet, ist er eben schlecht. Der Zweck von Filmpreisen besteht für den Lemming darin, die größten Kassenerfolge auszuzeichnen, und Kritiker, die einen erfolgreichen Film schlecht zu finden wagen, hält er für arrogant und dumm.

Der Arthouse-Liebhaber
ist geradezu das Gegenteil des Lemmings: je weiter das Entstehungsland eines Films entfernt ist und je mehr Buchstaben der Name des Regisseurs hat, desto interessanter wird ein Film für ihn. Das Nonplusultra ist für ihn der sechsstündige phillipinische Kunstfilm mit englischen Untertiteln. Wenn ein solcher Film allerdings einen regulären Kinostart schafft und dann auch noch überraschend Erfolg hat, kühlt sich sein Interesse gleich etwas ab.

Der Moderne
ist nur am gegenwärtigen Kino interessiert. Für ihn sind selbst Filme aus den 90er Jahren schon leicht angestaubt, Remakes alter Filme zieht er den Originalen zumeist vor. Schwarzweißfilme haßt er.

Der Klassiker
kennt sich dagegen gut in der Filmgeschichte aus, allerdings nur mit dem bekannteren Werken, die in den gängigen Filmlexika aufgeführt sind bzw. in typischen Kanon- und Bestenlisten aufgeführt werden. In den filmischen "Randbezirken" kennt er sich nicht aus, hat aber auch keinen besonderen Ehrgeiz, etwas daran zu ändern. Dem aktuellen Kinogeschehen steht er distanziert gegenüber und sieht mehr alte als aktuelle Filme im Kino. Seine Auffassung läßt sich in dem Satz ausdrücken: "Früher war alles besser."

Der Emotionale
will während eines Films vor allem von seinen Gefühlen überwältigt werden, während er mit intellektuellem oder gar essayistischem Kino nicht viel am Hut hat. In Filmdiskussionen gehört er zu den engagiertesten und leidenschaftlichsten Teilnehmern, vorausgesetzt, der Film hat ihn in der gewünschten Weise berührt.

Der Eskapist
liebt es, im Film fremde Welten zu sehen zu bekommen, weshalb er sich oft zur Science Fiction oder Fantasy hingezogen fühlt. Aber auch Historienfilme oder Musicals können sein Gefallen finden, prinzipiell ist er im Kino für alles offen, so lange es ihn nicht an sein alltägliches Leben erinnert.

Der Narrative
ist auf kein spezielles Thema oder Genre festgelegt, will aber eine geradlinige Geschichte erzählt bekommen, die Anfang, Hauptteil und Schluß hat. Er schätzt in der Regel großes episches Kino, dafür ist ihm das intellektuelle Kino eines Godard ebenso ein Greuel wie solche Filme wie z.B. "Mulholland Drive", die er im günstigsten Fall distanziert "Kopfgeburt" nennt, im ungünstigsten dagegen "Zuschauerverarschung".

Der Wirklichkeitsbezogene
ist dagegen der Gegenspieler des Eskapisten. Für ihn müssen Filme einen deutlichen Bezug zur Realität haben, weshalb er Science Fiction oder Fantasy ablehnt und es für Zeitverschwendung hält, sich damit überhaupt zu beschäftigen. Ohnehin mißtraut er allem Genrekino, das er vor allem als Anhäufung von "Klischees" sieht. Ihm kommt es vor allem auf "Relevanz" an, und am höchsten schätzt er den Dokumentarfilm.

Der Kritisch-Intellektuelle
ist für gewöhnlich sehr belesen und sieht es als wesentliche Aufgabe des Kinos an, gesellschaftliche Repressionsmechanismen sichtbar zu machen. Wie der Wirklichkeitsbezogene fordert er Relevanz ein, beharrt im Gegensatz zu diesem aber nicht auf größtmöglicher Wirklichkeitsnähe, es genügt ihm, wenn Filme auf die Wirklichkeit verweisen. Seine Vorliebe gilt Regisseuren, die als politisch gelten, und er nimmt einen eher distanzierten, analytischen Standpunkt als Zuschauer ein, was leicht zu Meinungsverschiedenheiten mit dem emotionalen Zuschauertyp führen kann.

Der Bildungsbürger
ist nicht allein am Kino interessiert, sondern mehr noch am Theater und an Literatur, wobei sein Interesse nicht so sehr der Literatur, die für Menschen, sondern eher jener, die für Deutschlehrer geschrieben wird, gilt. Am Film interessiert er sich vor allem für das europäische Autorenkino, Namen wie Fellini, Rivette, Bresson oder Tarkowski lassen sein Herz höher schlagen. Amerikanische Filme mag bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht, und vor allem Genrefilmen steht er für gewöhnlich ablehnend gegenüber; in besonderem Maß gilt dies für Horrorfilme, die er sich in aller Regel gar nicht erst ansieht, aber trotzdem von ihrer Abscheulichkeit felsenfest überzeugt ist.

Der Allesseher
liebt dagegen das Kino an sich, sowohl als Medium wie auch als Kunstform. Er ist von allen Zuschauertypen der am wenigsten voreingenommene. In seiner Filmbegeisterung sieht er in einem Jahr mehr Filme, als das Jahr Tage hat, und selbst in schlechten Filmen sucht er immer noch nach dem Gelungenen oder zumindest Liebenswerten. Berührungsängste mit Genres oder sonstigen Spielarten des Films sind ihm fremd, weshalb man mit ihm über Bergman und Bunuel ebenso wie über Hollywoodklassiker der 30er Jahre, Arthousekino aus Thailand oder Filme, die indiziert oder gar beschlagnahmt sind, reden kann. Sein größtes Problem ist, daß das Leben nicht lang genug ist, um alle Filme kennenzulernen, deshalb hortet er DVDs und zeichnet im Fernsehen alles auf, was ihm interessant erscheint, ohne daß er dazu kommen würde, all diese Filme auch mal anzusehen, so daß er nach einer Weile Hunderte von ungesehenen Filmen bei sich zu Hause hat und zuletzt selbst nicht mehr weiß, was für Filme in dem riesigen Stapel verborgen sind.

Der Ästhet
ist vor allem am einzelnen Bild interessiert, weniger an Geschichten, aber auch nicht so sehr an anderen filmischen Mitteln, im Gegensatz zum Formbewußten (s.u.). Er liebt in aller Regel Antonioni, weil es bei diesem keine störende Handlung gibt, die von den Bildern ablenken würde.

Der Formbewußte
ist vor allem an der Machart eines Films interessiert, Kameraführung, Schnitt, Kadrierung, Blicke und Gesten der Schauspieler, Trickeffekte, der Einsatz von Musik sowie die sonstige Gestaltung der Tonspur, dies alles fasziniert ihn. Wenn ein Film in dieser Hinsicht etwas zu bieten hat, kann er für ihn inhaltlich auch haarsträubender Unsinn sein. Das negativste Urteil, das man von ihm über einen Film zu hören bekommt, ist die Einschätzung, ein Film sei "theaterhaft".

Der Mitternachtszuschauer
findet Filme dann am interessantesten, wenn sie verboten sind. Seine Vorliebe gilt Trash, Sex- und Horrorfilmen (vor allem Splatter- und Gorefilme), letztlich eben allen Spielarten der Exploitation. Bei italienischem Kino denkt er vor allem an Italowestern, Gialli und Kannibalenfilme, während Fellini und De Sica für ihn böhmische Dörfer sind - doch die bekanntesten Filme, die in den gängigen Nachschlagewerken auftauchen und die der Klassiker (s.o.) kennt, sind für ihn ohnehin nur "Mainstream-Gülle".

Der Ideologe
sieht Filme vor allem mit der Erwartung, immer aufs neue in seinem fest zementierten Weltbild bestätigt zu werden. Dies ist dann auch sein einziges Bewertungskriterium, daher fallen Filme, die ihm diesen Gefallen nicht tun, auch sofort durch - unabhängig von ihren formalen Qualitäten, denn diese interessieren den Ideologen nicht die Bohne.

Der Fixierte
ist eigentlich ein Sonderfall des Ideologen. Er ist völlig besessen von einem bestimmten Thema und sucht in Filmen, die er sieht, immer nur nach einem Bezug zu "seinem" Thema, den er in aller Regel auch findet. Dabei ist ihm kein Detail zu nebensächlich, um nicht als Aufhänger für seine mitunter bizarren Interpretationen zu dienen, die er gern auch noch dadurch unterfüttert, daß er berühmte Philosophen zitiert.

Das war's. Wie gesagt: in der oben beschriebenen Form wird man kaum einen Filminteressierten antreffen, normal dürfte eher eine Mischung aus verschiedenen "Typen" sein. Aber ich denke, damit sollten die wichtigsten Zuschauertypen erfaßt sein...
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