Eiszeit

von Hotte
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
12.09.2018
23.03.2019
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Dieses Kapitel
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Die Irland-Pläne nahmen erstaunlich reibungslos Form an, von Arendorffs unterstützten Alex und Colin in jeder möglichen Hinsicht. Wenige Tage, bevor die beiden für einen Kurztrip auf die Grüne Insel fliegen sollten, um vor Ort die ersten Dinge in die Wege zu leiten, hatte von Arendorff sie zu einem Gespräch ins „Allerheiligste“, das Arbeitszimmer im Herrenhaus, gebeten.
     „Conolly kann das allein nie schaffen!“, erklärte der Gutsherr auf Colins erstaunte Frage, warum er nicht gleich auf ihn zugekommen war. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass du auf den Zug aufspringst und zurück willst. Als da nichts kam, habe ich vermutet, dass es dir hier besser gefällt – oder dass ihr beide keine Fernbeziehung führen wollt.“
     Nein, das wollten sie auch nicht. Es hatte Alex lange Gespräche mit Engelszungen gekostet, ihren Herzbuben davon zu überzeugen, dass sie freiwillig mitkam. Dass Conolly selbst ein paar Pferde im Stall hatte, machte das Ganze leichter. Alex’ eigene Pferde würden also mitkommen, die Einsteller konnten ins Gestüt wechseln. Von Arendorff war höchst erfreut über Alex’ durchdachtes, detailliertes Konzept gewesen, wie sie den Großteil ihrer Verlagsarbeit von Irland aus erledigen könnte.
     „Conolly hat in Irland bereits seine Finger ausgestreckt, aber bislang war noch nichts Brauchbares dabei“, klärte von Arendorff sie jetzt beide auf. Ob sie wollten oder nicht, Erleichterung machte sich breit, dass sie niemandem den Job wegnahmen.
     „Im Übrigen“, setzte von Arendorff hinzu und lächelte Alex dabei verschmitzt an, „Ihr Tipp war Gold wert!“ Also war die Frage der Gestütsleitung auch zur Zufriedenheit des Chefs geklärt.
     Als die Verträge unterzeichnet und die ersten Aufgaben skizziert und abgestimmt waren, wandte von Arendorff sich dem anderen unter den Nägeln brennenden Thema zu. „Unsere Anwälte haben die Bürgschaft angefochten. Es ist im Prinzip auch sehr gut für dich gelaufen. Das Gericht hat sie als sittenwidrig erschlichen beurteilt. Damit ist sie genauso nichtig wie dieser hanebüchene Ehevertrag.“
     Als Colin schon aufjubeln wollte, hob von Arendorff die Hand und brachte ihn damit zum Schweigen. „Im Prinzip, sagte ich. Die Gegenseite hat noch im Gerichtssaal Berufung angekündigt. Außerdem werden sie wohl Antrag auf Befangenheit stellen. Die übliche Verzögerungstaktik eben. Und so lange verzögert wird, musst du den Kredit weiter bedienen.“
     Von Arendorff maß den Großneffen seiner Frau mit einem langen, nachdenklichen Blick, bevor er fortfuhr. „Und jetzt raus mit der Sprache! Was ist das für eine dubiose Firma, über die nichts in Erfahrung zu bringen ist, für die aber eine Bank drei Millionen ausspuckt?“
     Colin schnaubte. „Wenn ich das wüsste! Eine Softwarelizenz habe ich jedenfalls die ganze Zeit nicht zu Gesicht bekommen. Genauso wenig habe ich aus Linda rauskriegen können, was da gespielt wird. Bis ich vor ein paar Tagen dieses Tagebuch gefunden habe, von dem ich immer noch nicht weiß, ob es echt ist. Das, also die entsprechenden Auszüge, habe ich den Anwälten zukommen lassen. Ich hoffe nur inständig, es bringt mich nicht in Teufels Küche.“
     Von Arendorff erhob sich schwerfällig, humpelte die paar Schritte um den Schreibtisch herum und klopfte Colin auf die Schulter. „Das war sehr richtig. Und die Anwälte haben auch das einzig Richtige getan – dieser seltsame Anatoli und seine Frau waren schnell gefunden, die kleine Lea befindet sich bereits in Betreuung und Behandlung. Die stecken wohl auch hinter der falschen Zeugenaussage, die dich in U-Haft gebracht hat. Und was diesen Berger angeht, hat die Polizei wohl bereits eine heiße Spur.“
     Colin schluckte hart. „Hat sie … musste sie sehr leiden?“, stellte er nahezu tonlos die Frage, die ihn am meisten interessierte.
     Von Arendorff drehte sich zum Fenster um und starrte eine Weile schweigend in die Parkanlagen hinaus. „Ich weiß es nicht, Auskünfte sind diesbezüglich nicht zu bekommen. Das, was durchgesickert ist, und die Gesichtsausdrücke der Eingeweihten lassen hoffen.“
     Colin nickte, obgleich sein Großonkel das ja nicht sehen konnte. „Wenn ich irgendwas tun kann oder der Kleinen irgendwie helfen kann …“ Sein Blick huschte zu Alex, während von Arendorff sich umdrehte und Colin dann tief in die Augen blickte.
     „Genau das wollte ich von dir hören. Ich werde mich schlau machen.“

***

Neşe saß völlig aufgelöst in der Blockhausküche und Colin versuchte, beruhigend auf sie einzureden, als Alex reichlich verspätet aus dem Stall kam. Dr. Meyers hatte lange auf sich warten lassen und doch einige Zeit gebraucht, um die an diesem Tag ziemlich zickige Paraea zu verarzten. Deshalb war Colin nicht rübergekommen, jetzt war ihr das auch klar.
     „Was ist los?“, fragte sie erstaunt.
     „Heinz ist weg“, schniefte Neşe.
     „Schmarrn, der war doch vorhin noch im Gutshof – kurz vor der Mittagspause“, relativierte Alex.
     „Ja, er ist nach Hause gekommen, hat auf dem Handy einen Anruf gekriegt und ist wortlos verschwunden. Und seine Männer warten seit einer Stunde auf ihn, er hat weder mir noch ihnen was gesagt.“
     Alex pfiff durch die Zähne. Das war nicht der Heinz, den sie kannte. „Und wer hat angerufen?“
     Neşe zuckte mit den Achseln und reichte ihr wortlos Heinz’ Handy rüber. Alex tippte sich durch die Menüs, bis sie die Anruferliste gefunden hatte. Keine Kurzwahl, kein Name, aber sie kannte die Telefonnummer nur zu genau. Sie verzog das Gesicht und Colin bemerkte die blanke Wut in ihren Augen, als sie ihn jetzt ansah. Kurz entschlossen schaltete sie Heinz’ Handy aus, gab es Neşe zurück, schnappte sich ihr eigenes Schnurloses und wählte.
     „Was wolltest du vorhin von Heinz?“, fragte sie scharf, als Iris sich meldete.
     „Ich wollte was von Heinz, liebste Freundin, nicht von dir“, gab die zuckersüß zurück.
     „Iris, das ist kein Spaß! Seit eurem Telefonat ist Heinz verschwunden. Und wir machen uns, verdammt noch mal, Sorgen.“
     „Dann wird er eben ein bisschen Zeit zum Überlegen brauchen.“
     „Aber nicht, ohne irgendjemandem hier Bescheid zu geben. Er hat weder etwas zu Neşe noch zu Colin noch zu seinen Männern gesagt. Was hast du ihm diesmal ...“
     Alex hörte förmlich ihr Achselzucken durchs Telefon. „Okay, wenn du’s unbedingt wissen willst. Ich bin HIV-positiv.“
     „Du bist was?“, fragte sie entgeistert. „Verdacht oder definitiv?“
     „Definitiv, habe heute Vormittag das dritte positive Ergebnis vom Arzt gekriegt. Und das bedeutet ganz klar, dass Heinz sein Türkenmäuschen nach Hause schickt und sich, wie sich das für einen ordentlichen Ehemann gehört, um seine kranke Frau kümmert. Daran hat er wohl zu knabbern.“
     „Iris, bist du übergeschnappt?“ Alex zog die Luft scharf durch die Zähne ein und brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fassen. Wohlweislich setzte sie das Telefonat erst fort, als sie ihre Stimme wieder unter Kontrolle hatte.
     „Über das unterhalten wir uns später genauer. Aber das ziehst du nicht durch. Da legst du dich mit mir an. Für den Augenblick hielte ich es für fair, wenn du deinen Lovern mindestens aus dem letzten halben Jahr Bescheid geben würdest. Verstanden?“
     „Ja, ist gut. Mach ich ja. Äh, Alex?“
     „Ja?“
     „Kannst du Martin übernehmen?“
     „Du bist ein gottverfluchtes Miststück, das weißt du hoffentlich? Mache ich, um Martins willen, nicht deinetwegen.“
     Alex schaltete das Telefon aus, warf es auf den Tisch und schloss die Augen. Colin legte ihr den Arm um die Schultern, zog sie sanft an sich und sie ließ beruhigt einen Moment lang den Kopf an seine Schulter sinken.
     „Braucht Schrade dich heute Nachmittag, oder kannst du dich um die Holzwürmer kümmern?“
     „Bin schon unterwegs, wenn du mich nicht mehr brauchst.“
     „Was ist mit Heinz?“, fragten sie beide wie aus einem Mund.
     „Ich glaube, ich weiß, wo er ist. Aber da muss ich allein hin.“ Sie nickten beide und Colin verschwand.
     Neşe sah Alex zu, wie sie ihre Regenjacke überzog und seufzte resigniert. „Der Mann gehört mir wohl nie.“
     „Sein Herz gehört dir, das kannst du mir schon glauben“, beruhigte Alex sie.
     „Ja, aber was ist mir dir und ihm?“
     „Ich kenne die Schrammen auf seiner Seele, die er mit dir noch nicht teilen kann. Gemeinsames Leid schweißt zusammen.“ Sie nahm Neşe freundschaftlich in den Arm. „Und gegen Iris werden wir wohl beide zusammen die Krallen ausfahren müssen. Sie ist ein Teufel und hinter seiner Seele her. Und er ist leider zu gutmütig, um sich dagegen durchsetzen zu können.“ Sie drückte Neşe kurz an sich, ließ sie dann los und steckte ihr Handy in die Jeanstasche. „Ich ruf dich an, wenn ich ihn habe, okay?“ Neşe nickte.
     Alex lief die Strecke im Wald bis oberhalb von Wegenbach im lockeren Dauertrab und wurde erst wieder langsamer, als sie sich der Lichtung näherte. Sie brauchte eine Weile, bis sie ihn entdeckte. Natürlich bei dem Schnürlregen nicht mitten auf der Lichtung, sondern auf einem Baumstumpf am Waldrand, die Ellbogen auf den Knien aufgestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Alex blieb mit einigem Abstand stehen und tippte eine kurze Nachricht ins Handy, um Neşe zu beruhigen. Erst dann ging sie leise zu ihm, ging vor ihm in die Knie und legte die Hände sanft an seine Ellbogen. Er zuckte fast unmerklich zusammen, rührte sich aber nicht.
     „Wann hast du das letzte Mal mit ihr geschlafen?“
     Er hob sein Gesicht aus den Händen und sah sie erstaunt an. „Du weißt es?“ Sie nickte.
     „Länger als ein halbes Jahr her“, beantwortete er gehorsam ihre Frage. „Ich habe Angst. Um Neşe. Vor allem, was auf mich zukommt.“
     „Um Neşe und um dich darfst du wohl Angst haben. Aber was, fürchtest du, kommt auf dich zu?“, fragte sie misstrauisch. Sie kannte die Antwort nur allzu genau.
     „Ich werde mich wohl um Iris kümmern müssen. Sie ist immer noch meine Frau.“
     „Ein Scheißdreck ist sie!“, sagte Alex heftig. „Sie hat genug in deinem Leben kaputt gemacht und sie sollte eher den Herrgott auf Knien anflehen, dass sie den Rest deines Lebens nicht damit zerstört, dass sie dich ...“
     „Sie ist krank.“ Heinz zuckte mit den Achseln.
     „Nein, Heinz, das ist sie nicht. HIV-positiv heißt infiziert – und damit im Übrigen ansteckend. Aber es heißt nicht automatisch Aids-krank. Bei Tausenden Infizierten bricht die Krankheit nie aus.“
     „Aber wenn doch?“
     „Das kann man heute mit Medikamenten sehr gut in den Griff kriegen. Außerdem gibt es zig andere Möglichkeiten, wenn du dich unbedingt verantwortlich fühlen willst. Aber nicht dein Leben. Heinz, tu’ Neşe das nicht an. Sie liebt dich.“
     „Weiß sie es?“
     „Ich glaube nicht, dass sie es aus dem Telefonat raushören konnte, und gesagt habe ich es ihr nicht.“
     Er nickte zustimmend und sie merkte, dass er nichts mehr sagen konnte, weil ihm die Tränen in die Augen schossen.
     „Iris hat sich das selbst zuzuschreiben. Sie hat sich freiwillig dazu entschieden, ihr Leben in ständig wechselnden Betten zuzubringen. Und sie hat sich garantiert genauso freiwillig dazu entschieden, Kondome außen vor zu lassen. Sie war verantwortungslos dir gegenüber. Nichts anderes.“
     „Aber ich habe sie in die Arme von anderen Lovern getrieben. So ist es doch, sei ehrlich.“
     „Heinz!“ Alex’ Stimme vibrierte vor Zorn. „Sag’ das nicht noch einmal vor mir! Ich geh’ dir ernsthaft an die Gurgel! Iris ist sexbesessen. Die wird nie im Leben mit einem Mann zufrieden sein können, egal wer es ist. Sie ist nicht beziehungsfähig, ein rüder Egoist. Warum auch immer. Geht das in deinen Kopf?“
     Er hob sein Gesicht und sie sah ihm durchdringend in die Augen. Sie sah und sie spürte, dass er am ganzen Körper zitterte.
     „Komm, du erfrierst hier noch. Geh’ unter eine heiße Dusche, pack’ dich in was Warmes, Trockenes ein und komm’ ins Blockhaus runter.“
     Er nickte ergeben. „Und dann werde ich es wohl Neşe beichten müssen.“
     „Und ich Martin.“
     „Martin?“
     „Ja, glaubst du, Iris hätte den Mumm, es ihm selbst zu sagen?“
     Heinz biss die Zähne zusammen.

Neşe hatte es ausnehmend tapfer und beherrscht weggesteckt, nutzte sogar die Gunst der Stunde, um Heinz tröstend mit Zärtlichkeiten zu überschütten. Martin dagegen hätte es fast umgeworfen. Alex hatte ihn in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht einmal so aufgelöst erlebt. Heinz und Neşe waren ebenso wie Martin und Sandra am nächsten Vormittag beim Arzt zur Blutentnahme. Das Ergebnis, so sicherte man ihnen zu, würde am folgenden oder übernächsten Tag vorliegen.
     Heinz saß gerade im Blockhaus, als der Anruf aus der Arztpraxis kam. Er und seine Freundin mögen sich bitte in der Sprechstunde einfinden und das Ergebnis mit dem Arzt besprechen. Anschließend sollte zur Sicherheit noch eine zweite Blutprobe gezogen werden. Er saß wie vom Donner gerührt da.
     „Das kann nur positiv heißen“, flüsterte er und sein Gesicht war kalkweiß. Alex befürchtete dasselbe, wollte es sich aber nicht anmerken lassen.
     „Komm, Großer, mach keine Pferde scheu.“
     „Fährst du uns? Ich glaube nicht, dass ich noch dazu fähig bin.“ Sie nickte, sammelte Neşe ein und vertrieb sich die Wartezeit mit einem Pferdeheft, pfefferte es dann aber doch wieder auf die Hutablage, weil sowieso keine Zeile bis in ihr Hirn vordrang. Die Minuten zogen sich wie Stunden. Verdammt, er musste ihnen doch irgendwas sagen. Ja oder nein. Mehr Anweisung braucht ein normaler Mensch nicht, wenn das ganze Leben auf einmal Kopf steht.
     Kurz erschien Neşes Gesicht in der Tür, dann drehte sie sich wieder um. Sie hatte gelacht, Alex war sich sicher. Sie schickte ein weiteres Stoßgebet gen Himmel. Das wievielte war das heute schon? Meine Güte, sie war doch noch nie gläubig gewesen! Um ihre nervöse Unruhe abzustellen, stieg sie aus und umrundete ein paar Mal das Auto. Die Tür zur Praxis ging auf. Heinz und Neşe, eng umschlungen, strahlend, hüpften und rannten die Treppe herunter, fielen ihr sofort in die Arme. Heinz presste sie an sich und küsste sie übermütig auf die Stirn. Alex schossen die Tränen der Erleichterung in die Augen.
     „Warum wollte er euch sehen?“
     „Oh“, machte Heinz geheimnisvoll. „Welt- und lebensverändernde Umstände haben das erforderlich gemacht.“ Er schwieg bedeutungsvoll.
     „Bist du schwanger?“, fragte sie Neşe. Die schüttelte lachend den Kopf.
     „Nein, sie wird sich in Kürze mit einem Säufer verloben. Meine Leberwerte sind beschissen. ,Das muss nicht unbedingt an zu hohem Alkoholkonsum liegen’“, äffte er den Arzt nach. „,Hatten Sie in letzter Zeit vielleicht viel Aufregung oder Stress?’ Nein, überhaupt nicht. Meine Frau hat mir bloß mitgeteilt, dass sie HIV-positiv ist und gedenkt, sich in meinem Leben wieder breit zu machen, aus dem ich sie gerade mühsam verbannt habe. Sonst eigentlich nichts.“
     „Wie war das im ersten Teil?“, fragte Alex mit schelmischem Grinsen.
     „Du hast schon richtig gehört, Kleine. Wir verloben uns.“
     „Das erfordert erst mal zwei abgeschlossene Scheidungen oder willst du als Bigamist im Knast landen?“
     Heinz und Neşe küssten sich völlig ungeniert sehr zärtlich und liebevoll.
     „Feiert ihr heute Abend mit uns?“
     „Unverbesserlicher Romantiker! Wo?“
     Heinz lachte. „Mit kleiner Einweihung im Betriebsleiterhaus. Neşe hat umgebaut.“
     Alex sah kurz auf die Uhr, zog ihr Handy aus der Tasche und wählte Martins Nummer. Er hatte sein Ergebnis telefonisch beim Arzt erfragt, er und Sandra waren beide negativ und sollten zur Sicherheit in drei Monaten noch einmal eine Blutprobe ziehen lassen. Alex schloss einen Moment die Augen, stieß dann mit einem Jubelschrei die Faust in die Luft und schnaufte ein paar Mal tief durch.

***

„Ach so?“, fragte Alex erstaunt und Caitlin kletterte entschlossen auf ihren Schoß. Sie nickte sehr gewichtig und bestätigend, während sie einen Löffel Schokoladenpudding sorgfältig abschleckte.
     „Was nun, wenn ich gar keine Angst davor habe?“
     „Doch, davor muss man Angst haben, sagt meine Mom.“ Caitlin streckte ihre Finger nach der gerade dekorierten Torte aus und machte Anstalten, sich die oberste Kirsche zu sichern. Alex zog ihr den Arm rasch weg.
     „He, die haben wir doch gerade erst fertig gemacht.“
     „Ja, und? Die essen wir aber doch sowieso auf.“
     „Na, wenn du sie den anderen nicht so schön vorzeigen willst, hätten wir uns gar nicht anstrengen müssen.“
     Caitlin zuckte mit den Achseln.
     „Willst du kein Lob von den anderen?“
     „Wofür?“
     „Für deine schöne Torte.“
     Caitlin grübelte und ließ die Hand wieder fallen. „Doch!“
     „Na, dann musst du dich noch ein bisschen gedulden mit der Kirsche.“
     „Hm. Aber dann nimmt sie mir jemand anders weg.“
     „Glaube ich nicht. Erstens gehört sich das nicht, dem Koch den ersten Bissen streitig zu machen. Und selbst wenn, es sind ja sieben Kirschen da – und die schmecken bestimmt alle gleich.“
     Ohrenbetäubendes Gebrüll unterbrach ihre Unterhaltung. „Sharon, kannst du nicht mal auf Tom aufpassen?“, herrschte Andy seine Schwägerin verärgert an. Sein Neffe hatte ihm gerade in einem Wutausbruch die ganze Kohle vom Grill gefegt. Die schwarzen Stücke lagen jetzt weit verstreut im Gras. Als der Junge dem Grill auch noch einen Tritt versetzte, hatte er sich ziemlich wehgetan. Von zu Hause war er nur rollbare, leichte Grills gewohnt und der hier war ein Standgrill von schwerer Qualität.
     „Mein armes Schätzchen, was ist denn? Hast du dir wehgetan?“, säuselte Sharon und eilte ihrem Sohn entgegen.
     „Blöde Gans, keinen Handschlag mit anlegen, ihre ungezogenen Blagen anderen überlassen und mich dann auch noch zornig anfunkeln“, murrte Andy leise genug, dass seine Schwägerin das nicht hören konnte. Aber Alex hatte es wohl mitbekommen. Mum warf kurz hintereinander Andy und Nigel einen viel sagenden Blick zu.

Zwei Tage lang hatten Alex und Colin sich im neu entstehenden Gutsbetrieb umgesehen und mit Padraigh Conolly über alle Eckpunkte und die zuerst in Angriff zu nehmenden Dinge gesprochen. Natürlich kamen dabei auch Wohnung, Pferde und Hunde zur Sprache. Conolly hatte mehr als erleichtert auf ihre Mitteilung reagiert, eine gemeinsame Wohnung wäre völlig ausreichend – er hatte mittlerweile zwar ein paar instandgesetzte Arbeiterunterkünfte zu bieten, aber eben nur eine Wohnung, die er ihnen hätte anbieten wollen. Da Hunde in dieser Region von Irland zu jedem Hof gehörten, waren die beiden nicht mal eine Erwähnung wert – da ging es nur noch darum, die Quarantäne- und Impfbestimmungen einzuhalten. Alex’ Pferde waren mehr als willkommen und wurden flugs mit der Aufgabe verbunden, Conolly von der Betreuung des Stalles und dem Arbeiten seiner eigenen beiden Jagdpferde zu entlasten. Besser hätte es kaum laufen können.
     Der Sonntag vor dem Rückflug mit der ersten Maschine am Montagmorgen gehörte Colins Familie und Mums Haus war mit eben der vollbesetzt: Andrew natürlich, aber sogar Nigel und seine Frau Sharon hatten sich mit den beiden Kindern blicken lassen.

„Kannst du mir mal bitte ein Taschentuch geben?“, wandte Sharon sich an Colin. Er saß am anderen Ende des Tisches und beobachtete tief versunken Alex, die mit Caitlin um die Wette kicherte und sich von der Vierjährigen eine Schokoladennase malen ließ. Sharon wollte gerade ungeduldig werden, weil Colin nicht reagierte, hielt dann aber inne und folgte seinem Blick. Im selben Moment hatte sie schon vergessen, was sie eigentlich wollte. Tom zwängte sich aus den Armen seiner Mutter, wischte sich mit dem Ärmel durch das schwarze Gesicht und verschmierte damit den Kohlenstaub noch mehr.
     „Ach, da steckt sie, ich dachte schon ...“
     Colin schreckte zusammen, bedachte Sharon mit einem schrägen Blick und sagte reichlich bissig: „Du dachtest gar nichts. So lange deine Kinder nicht brüllen, vergisst du sie doch nur allzu gern bei anderen Leuten.“
     Sharon schnaubte verärgert und hätte zu gern mit einer spitzen Bemerkung gekontert. Allerdings fiel ihr nichts wirklich Schlagfertiges ein und sie war klug genug, dann lieber den Mund zu halten.
     Sie nickte mit dem Kopf in Alex’ Richtung. „Mensch, Colin, schon wieder eine Deutsche, du lernst doch auch nichts aus deinen Fehlern!“
     „Hör’ auf mit Pauschalurteilen! Es gibt mindestens genauso viele nette deutsche Mädels wie es irische Zicken gibt.“
     „Wie meinst du jetzt das?“, fragte Sharon sehr spitz zurück.
     Colin warf ihr einen Blick zu und grinste unverschämt. „Schon so, wie du’s verstanden hast, liebe Schwägerin.“
     Caitlin kreischte wie am Spieß und schnitt ihrer Mutter damit jede Antwort ab. Sharon sprang hoch und wollte ihrer Tochter zu Hilfe eilen, stellte aber Sekundenbruchteile später fest, dass das nichts anderes war als Sieggeheul. Caitlin hatte Alex beim Löffelfangen geschlagen und musste das sofort jedem, der es wissen wollte, und natürlich auch denen, die es nicht wissen wollten, kundtun. Alex grinste, stand auf und reckte sich ein bisschen, bevor sie auf das Buffet zusteuerte, an dem noch heftig gearbeitet wurde. Colin schlenderte ihr wie zufällig in den Weg und sie lachten sich verschmitzt an.
     „Hab ich noch eine schwarze Nase?“
     Hatte sie nicht, aber Colin wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, fuhr ihr fast zärtlich mit dem Finger über die Nasenspitze, betrachtete sie eingehend und gab sie dann frei.
     „Wusste gar nicht, dass du so ein talentierter Kinderbändiger bist.“
     „Erzähl’s zu Hause nicht. Glaubt dir sowieso keiner. Alex und Kinder ist ein Widerspruch in sich.“
     Er sah sie ungläubig an.
     „Wirklich“, bestätigte sie lachend. „Ich konnte noch nie was mit Kindern anfangen. Deshalb hab ich ja auch nur vierbeinige. Zum Leidwesen von Mutter und Schwiegermutter.“
     „Aber mit Andi kommst du doch auch super klar?“
     Alex zuckte mit den Achseln. „Alles Kinder, die ich abends wieder abliefern kann. Wenn’s richtige Probleme gibt, bin ich außen vor – und damit fein raus.“
     Ihr kleines Gespräch wurde unterbrochen von Colins Handy, dessen Klingelton seinen Gesichtsausdruck förmlich einfrieren ließ. Mühsam fummelte er das Gerät aus der Gesäßtasche seiner Jeans und warf mit gerunzelter Stirn einen Blick darauf. Stück für Stück entgleisten seine Gesichtszüge, sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er mehrmals schluckte. Dann blickte er hilflos zu Alex. Sie setzte sich neben ihn und er drehte das Handy so, dass sie den Text der Nachricht lesen konnte.
     »Glaube nicht, dass deine Flucht dir hilft! Ich finde dich überall. Und Lea auch. L.« stand da. Jetzt war es an Alex zu schlucken …
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