Eiszeit

von Hotte
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
12.09.2018
23.03.2019
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Ich habe heute gerade ein Manuskript für einen Wettbewerb fertiggestellt – jetzt heißt es Daumen drücken! Weil da aber so viel in meinem Kopf und auf meinem Rechner herumgeschwirrt ist, wollte ich euch das hier nicht vorenthalten. Noch ist es ein kleiner Two-Shot, aber er eignet sich doch dazu, ihn zu einer längeren Geschichte fortzuführen …

Aber lasst euch erstmal entführen auf Gut Holzhausen, wo wunderschöne Connemaras gezüchtet werden – und wo meine Protas Alex und Colin so ihre Probleme miteinander haben …


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     Alex war kurz vorm Verzweifeln. Vier Wochen arbeitete sie jetzt schon im Gestüt des Gutsbetriebs mit und noch immer behandelte er sie wie Luft. Sie hätte ihn erwürgen können. Mistkerl, dachte sie, ballte ihre Hände zu Fäusten und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
     „Na, wieder Probleme mit Colin?“, hörte sie Iris hinter sich sagen. Iris war 37, zwei Jahre jünger als sie, dunkelhaarig, kräftig, stets gut gelaunt und packte, wie alle Ehefrauen der Gutsmitarbeiter, überall da mit an, wo eine helfende Hand gebraucht wurde. Alex hatte sich mit ihr schon während der Zeit als Ganztagskraft im Verlag angefreundet und sie in ihre Probleme eingeweiht.
     „Wieder? Immer noch!“, gab sie grimmig zurück. „Iris, ich geb’s auf! Morgen geh’ ich rauf ins Büro und schmeiß’ das Handtuch.“
     „Und was willst du dann machen? Euren Hof könnt ihr wohl ohne ein zweites Einkommen nicht halten und wenn du nicht mehr hier arbeitest, dann ist auch nix mit Wohnen auf dem Gut.“
     „Wem sagst du das? Aber so geht es auch nicht weiter. In spätestens zwei Wochen bin ich reif für die Klapsmühle! Vielleicht haben sie ja was für mich im Büro oder von mir aus zupf’ ich Unkraut in der Landwirtschaft.“
     „Ich will ihn wahrhaftig nicht entschuldigen, aber bring’ noch ein bisschen Geduld auf. Seine Frau hat eine Fehlgeburt gehabt und vielleicht nimmt ihn das mehr mit als er zugeben will. Und denk dran – er ist hier nicht der Chef. Und bevor DU gehst, solltest du SEIN unmögliches Verhalten mal mit von Arendorff besprechen - wenn du verstehst, was ich meine.“
     „Aber er ist Gestütsleiter – und das macht keinen Unterschied. Und mit Petzen hatte ich es noch nie! Iris, ich habe alles versucht. Ihn genauso wie Luft behandeln – zieh’ ich natürlich den Kürzeren. Ich habe mit ihm normal geredet – Pustekuchen. Er war immerhin so höflich, dass er mir geantwortet hat. Aber ich glaube nicht, dass er je mehr als drei Worte an einem Tag zu mir gesagt hat, und zwei davon waren ,Guten Morgen‘. Er redet mit euch ganz normal, also hat er weder ein Frauenproblem noch verschlägt ihm die Fehlgeburt seiner Frau die Sprache. Ich glaube, so wie es Sympathie auf den ersten Blick gibt, gibt es auch Antipathie auf den ersten Blick. Und die hat er – mir gegenüber.“
     „Hast du ihn schon mal frontal drauf angesprochen, was er gegen dich hat?“
     „Nee, aber glaubst du, dass ich auf die Frage eine Antwort kriege?“
     „Hm“, Iris zuckte mit den Achseln, „einen Versuch wär’s wert.“
     Alex ließ resigniert ihre Schultern fallen. „Also gut, dir zuliebe. Dann morgen also das. Aber es ist wirklich seine allerletzte Chance.“
     Sie hatte Abenddienst, was bedeutete, dass sie gegen zehn noch einen Rundgang durch den Stall machte und nachsah, ob alles in Ordnung war. In der Abfohlperiode, die in knapp einem Monat losgehen würde, hieß das Nachtdienst inklusive mit regelmäßiger Beobachtung der Stuten, bei denen die Geburt unmittelbar bevorstand. Heute lag ruhiger Friede über Gut Holzhausen. Einige Pferde hatten sich bereits hingelegt, andere knabberten noch an der Einstreu und gelegentlich seufzte oder grunzte eines der Tiere. In der letzten Box stand der Hengst, ein prächtiger, auf Zuchtschauen mehrfach ausgezeichneter Falbe. Er hatte vor drei Jahren seine Leistungsprüfung absolviert und war seitdem kaum noch geritten worden. Annalena von Arendorff hatte Alex gebeten, ihn wieder in Arbeit zu nehmen und weiter auszubilden, damit er auf Turnieren oder bei Schauen brillieren konnte. Das würde ihm sicher eine volle Deckliste bescheren und seinen Fohlen einen höheren Verkaufspreis sichern.
     „Na, mein Guter, alles in Ordnung?“, fragte sie ihn, öffnete die Boxentür und kraulte ihn am Hals. Seine großen Augen musterten sie neugierig und seine samtweiche Nase fuhr forschend in Richtung ihrer Jackentasche, wo die vorgeschobene Oberlippe gezielt nach Leckerbissen zu suchen begann.
     „Falsche Jacke, Junge“, ermahnte sie ihn lachend, „da wirst du nicht fündig.“ Sie wünschte ihm eine gute Nacht, schloss die Boxentüre wieder und drehte sich in dem guten Gefühl um, für heute Nacht alles in bester Ordnung zu wissen.
     Er stand genau vor ihr, sie hatte ihn nicht einmal kommen gehört. Ein Bulle von einem Mann, seine Augen waren glasig, er grinste und er stank bestialisch nach Alkohol, aber er schwankte kein bisschen. Der Grapscher, schoss ihr durch den Kopf. Sie nannten ihn so unten im Ort. Er war einer von den Aushilfen, die in der dortigen Fabrik arbeiteten, und man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, dass er sich gern volllaufen ließ und dann Frauen belästigte. Alex wich einen Schritt zurück, er folgte ihr, immer noch grinsend. Dann hob er beide Arme, legte sie rechts und links etwas unterhalb ihrer Schultern an die Wand und sperrte sie ein. Mit einer raschen Drehung versuchte sie sich loszumachen und unter seinem Arm durchzutauchen. Er packte sie grob um die Taille und warf sie zurück an die Wand, wobei ihr fast die Luft wegblieb.
     Alex öffnete den Mund, um zu schreien, doch seine rechte Hand presste sich in Sekundenschnelle über ihren Mund, sodass nur ein ersticktes Röcheln zu hören war. Dann ließ er seinen Körper schwer auf ihren fallen und drückte ihr seine Hüften brutal gegen den Unterleib. Kein Zweifel, was er vorhatte. Alex versuchte, ein Bein freizukriegen, damit sie mit dem Knie zu einem Tritt ausholen konnte, spürte aber im nächsten Augenblick nur äußerst schmerzhaft, wie er sein Knie in ihren Oberschenkel rammte. Sie schloss die Augen und gab ihren Widerstand auf.
     „Lass die Frau in Ruhe!“, hörte sie eine durchaus nicht unbekannte Stimme mit starkem Akzent in ungewohnter Lautstärke. Im selben Moment wurde der Körper ihres Peinigers an dem Arm weggerissen, dessen Hand über Alex’ Mund lag. Sie hörte einen dumpfen Schlag, ein ersticktes „Arrrggghhh“ und dann nur noch laufende Schritte. Als sie die Augen vorsichtig öffnete, sah sie in Colins Gesicht. Er musterte sie rasch und wortlos, schien mit dem Ergebnis seiner Untersuchung zufrieden, drehte sich um und ging. Sie drückte sich von der Wand ab, machte einen halbherzigen Schritt, rief dann „Colin!“ und etwas leiser hinterher „Danke“. Es war laut genug gewesen, er musste es gehört haben, aber er hielt weder inne noch drehte er sich um. Alex fühlte die Welle von Zorn in sich aufsteigen, ihr ganzer Körper zitterte und erneut schossen ihr die Tränen in die Augen. Allerdings war das nicht dem Grapscher zuzuschreiben. Sie biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zu unterdrücken, und registrierte, dass sie nach Blut und nach Salz schmeckte.

     Colin stand unter der großen Linde, von der aus man einen ausgezeichneten Blick über den Gutshof und die Ställe hatte, und beobachtete die beiden. Alex war für ihren ersten Wochenend-Stalldienst mit Slavko eingeteilt. Sie hatte schon einen mit Iris zusammen gemacht, was natürlich reibungslos funktioniert hatte. Aber bei Slavko würde sie der Chef sein müssen. Und er wollte selbst wissen, ob das klappte. Klar war er hundemüde, hatte gestern ewig lang mit Gavin im Pub Gitarre gespielt, Linda hatte ihm den Rest gegeben, weil sie bei seiner Heimkehr noch einen Streit vom Zaun gebrochen hatte, und er hatte selten so wenig Lust zum Aufstehen verspürt wie vorhin.
     Slavko kam aus Kroatien und arbeitete in der Landwirtschaft des Gutes. Er verstand ein bisschen was von Pferden und hatte nachgefragt, ob er sich am Wochenende nicht im Gestüt ein paar Euro dazuverdienen könnte. Das hatte gerade gut gepasst und nun konnten sie die Wochenenden so einteilen, dass jeder nur alle drei Wochen Dienst schieben musste. Slavko arbeitete ordentlich, war auch ruhig mit den Pferden, aber natürlich kannte er weder den täglichen Ablauf noch konnte er die einzelnen Pferde sicher auseinanderhalten. Außerdem hatte er ein paar dumme Angewohnheiten, die er jedesmal wieder probieren musste, wenn ihm jemand anders für den Dienst zugeteilt wurde. Sein Deutsch reichte gewöhnlich locker, aber wenn er etwas nicht tun wollte, konnte er ganz schön penetrant auf „nix verstehen“ machen. Und Frauen nahm er ungern für voll, jedenfalls wenn sie ihm was anzuschaffen hatten.
     Sie hatten die Pferde gefüttert und alle auf die Koppeln gebracht. Jetzt ging es ans Ausmisten und Alex bedeutete Slavko, dass er den Hoflader fahren müsse.
     „Du bist der Mann, ich bin da nicht so gut, du weißt ja – Frauen und Technik“, sagte sie lachend. Slavko grinste breit und hatte nichts Eiligeres zu tun, als sich den Schlüssel für die Maschine zu organisieren. Slavko tat nichts lieber als Maschinen bewegen und mit ihrer Anerkennung seiner urmännlichen Fähigkeiten hatte sie ihn mühelos mit einem Satz um den Finger gewickelt. Klar wusste Colin, dass sie wahrhaftig keine Probleme mit dem Hoflader hatte. Die kam seit dem ersten Tag um jede Kurve, vorwärts und rückwärts. Was Verena und Marion noch immer nicht konnten und, dachte er resignierend, wohl auch nie lernen würden. Das einzige Problem, das Alex mit dem Hoflader hatte, war die Tatsache, dass man den Hebel für die Schaufel zum Senken nach oben drücken musste und nicht nach unten.
     „Ist doch unlogisch“, knurrte sie dann und fügte meist achselzuckend hinzu: „Aber ich kann ja rechts und links auch nie auseinanderhalten.“ Und grinste dann stets entschuldigend. Er musste lachen, als er daran dachte. Sie war ziemlich gut, verantwortungsbewusst und zuverlässig. Verstand was von Pferden, wusste, was zu tun war, ging der Arbeit nicht aus dem Weg und war schnell. Er wusste, dass seine Großtante sie eigentlich fürs Reiten und für die umschichtigen Wochenenddienste in Teilzeit aufs Gestüt geholt hatte und dass sie an und für sich nur dann im Stall zu helfen brauchte, wenn Not am Mann war. Aber bei ihr musste er eher aufpassen, dass die anderen ihre Hilfsbereitschaft nicht ausnutzten und sich selbst einen faulen Lenz machten. Sie hatte, wo auch immer, eine verdammt gute Schule durchlaufen. Das fing beim Reiten an und hörte beim Verantwortungsbewusstsein für die Pferde noch lange nicht auf.

     Slavko zündete sich eine Zigarette an und marschierte schnurstracks in den Stall. Mist, dachte er. Natürlich hatte er ihr keine Instruktionen dieser Art gegeben. Konnte er ja schlecht, wenn er nicht mit ihr redete. Jetzt musste er sich wohl selbst darum kümmern – und seine Tarnung aufgeben.
     „Slavko, spinnst du?“, hörte er Alex empört sagen und drückte sich wieder hinter die Linde. „Du kannst doch nicht hier rauchen, wo lauter trockenes Sägemehl und Stroh rumfliegt. Geh’ nach draußen, mach eine Zigarettenpause und komm dann wieder her zum Arbeiten!“
     Er murmelte irgendwas Unverständliches. „Nee, Slavko, das glaube ich nicht, dass der Chef nichts dagegen hat. Mach, dass du rauskommst!“ Er trollte sich tatsächlich und beeilte sich sogar, mit seiner Zigarette fertig zu werden. Mistkerl, dachte Colin, hatte der doch schon wieder mitgekriegt, dass er und Alex sich nicht besonders grün waren, und gemeint, ihr einen Bären aufbinden zu können.
     Sie war nicht nur ziemlich gut, sondern verdammt gut, dachte er. Eigentlich war sie kompetent, geschickt und fleißig genug, dass er sie genauso einsetzen könnte wie sich selbst, also einen Wochenenddienst allein schieben lassen. Gut, das war bei Notfällen nicht die optimale Lösung, das wusste er, und deshalb arbeiteten Iris, Verena und Slavko ja auch stets zu zweit. Aber eigentlich reichte es, wenn er und Alex allein Dienst machten und der jeweils andere für Notfälle Rufbereitschaft hatte. Man könnte zwar nicht wegfahren, aber wenigstens ausschlafen und zu Hause tun und lassen, was man wollte. Hm, dachte er, würde sie ihn anrufen, wenn sie Hilfe brauchte? Oder sich lieber allein durchbeißen und dann zu viel riskieren? Und er selbst? Würde sich wohl eher die Zunge abbeißen, als ausgerechnet sie um Hilfe zu bitten.
     Vertrackte Situation! Warum musste Annalena auch unbedingt jemand so Gutes herholen? Er war doch gottfroh, dass er sich mit der Leitung des Gestüts wenigstens halbwegs bei ihr für alles revanchieren konnte, was sie für ihn getan hatte. Und Alex sah nun gerade so aus, als ob sie locker dasselbe drauf hätte wie er. Das Einzige, was er ihr voraus hatte, war die Erfahrung bei Fohlengeburten, die sie absolut nicht hatte. Wusste er von Iris. Dass sie jetzt schon Fracksausen hatte vor der Abfohlsaison.
     Verflucht noch mal, nein, er wollte sich hier nicht den Job wegnehmen lassen. Oder jederzeit ersetz- und austauschbar sein. Er musste mal mit seiner Großtante reden. So konnte es schließlich auch nicht weitergehen. Er konnte Alex nicht ständig schneiden und sich weigern, mit ihr zu reden. Abgesehen davon, dass er das nicht mehr lange durchhalten würde, störte es inzwischen wirklich den Betrieb. Und sie ließ sich offensichtlich nicht rausekeln. Gott, dachte er, wenn sie wenigstens zickig wäre. Oder blöd. Oder faul. Oder sonst was. Verdammt noch mal, er mochte sie und er merkte selbst, dass er unfair war.
     „Na, spionierst du?“, fragte Iris scharf hinter ihm. Er fuhr erschrocken zusammen und brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen.
     „Nein, muss ja schließlich nachsehen, ob Slavko Ärger macht.“
     „Ach so“, sagte Iris in einem Ton, dem man meilenweit anhörte, dass sie es nicht glaubte.
     „Sag’ mal“, fragte er gedehnt, „wo haben von Arendorffs die eigentlich aufgegabelt?“
     „Arbeitet im Verlag und als der Chef beim Teilverkauf keinen Übernahmevertrag für die Mitarbeiter raushandeln konnte, hat er halt versucht, die Guten und die Langjährigen woanders unterzubringen.“
     „Alle hier auf dem Gut?“
     „Nein, außer ihr bloß Miss Moneypenny. Alle anderen bei Verlagen, mit deren Besitzern oder Leitern er gute freundschaftliche Beziehungen pflegte.“
     „War sie ’ne Gute oder ’ne Langjährige?“
     Iris grinste. „’Ne Gute natürlich – was für eine Frage!“
     „Na, so jung sieht sie auch nicht mehr aus“, drehte er ihre eindeutige Zweideutigkeit in eine andere Richtung.
     „Was schätzt du?“, fragte sie hinterlistig.
     Er schob die Unterlippe vor und wiegte den Kopf ein bisschen hin und her. „Anfang, Mitte dreißig, hm? Aber schwärz’ mich nicht an, wenn ich zu hoch liege.“ Iris grinste, sagte aber nichts. Er machte ein herausforderndes Gesicht.
     „Dass dich das so brennend interessiert“, zog sie ihn auf.
     „Hm“, knurrte er, „dann eben nicht.“
     „Nur wenn du mir sagst, was du gegen sie hast.“
     „Nein“, sagte er schroff. „Das geht dich nichts an.“
     „Iris!? Wo steckst du denn?“ Das war eindeutig Alex, die jetzt mit der Vormittagsarbeit fertig war.
     „Lass dich nicht ertappen!“, sagte Iris grinsend zu Colin, drehte sich um und entfernte sich ein paar Meter von der Linde, bevor sie antwortete.
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