Label N° 1

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Byun Baekhyun Park Chanyeol
11.09.2018
19.03.2019
40
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Kapitel I: Diamond

Park Chanyeol

Kühl wehte der Wind Chanyeol durch seine dunkelbraunen Haare. Er strich mit seiner rechten Hand durch diese, um sie wieder in Ordnung zu bringen. Kurz zupfte er an seinen Strähnen. Er sollte sich die Haare mal wieder färben, nicht, dass er langweilig rüberkäme.

Chanyeol’s Blick ging nach rechts, wo Sehun stand und auf seinem Smartphone herumtippte, scheinbar etwas Geschäftliches. Sein Manager trug den wahrscheinlich teuersten Anzug, der sich in seinem Besitz befand, natürlich von Label N° 1. Die Lackschuhe glänzten wie frischpoliert. Das schwarze Jackett war zugeknöpft, die schwarze Hose saß perfekt. Sehun schob sein Smartphone in seine Hosentasche, strafte nochmal kurz die schwarze Krawatte und strich den Kragen des weißen Hemdes zurecht.

„Ich möchte mir mal wieder die Haare färben.“ sagte Chanyeol aus dem Nichts. Sehun sah ihn kurz nachdenklich an und nickte.

„Ich spreche mit dem Label. Nicht, dass die durchdrehen, wenn du urplötzlich mit einer neuen Haarfarbe um die Ecke kommst. An was hast du gedacht?“ fragte Sehun interessiert.

„Schwarz oder rot?“

„Interessant. Ich spreche mal mit ihnen.“

„Ist dir nicht kalt?“ fragte Chanyeol und zupfte an dem dünnen Jackett seines besten Freundes. Es war schließlich schon Mitte Herbst. Der Wind war kalt und die Temperaturen waren für den Oktober sehr typisch. Chanyeol selber trug einen olivgrünen Oversize-Pullover und darüber noch eine große schwarze Daunenjacke mit vielen Patches. Okay und eine Ripped-Jeans, die war nicht so wärmend. Er hatte Sehun vorher gefragt gehabt, ob er sich etwas Elegantes hätte anziehen sollen. Der Jüngere hatte lediglich verneint und gemeint, dass nur er als Manager einen seriösen Eindruck hinterlassen musste, Chanyeol hatte schließlich schon von sich überzeugt gehabt.

„Wer schön sein will, muss leiden.“ sagte Sehun trocken und verzog kurz das Gesicht, als er dann schon weitersprach.

„Mal schauen, wer dein Modelpartner sein wird. Ich erinnere mich leider nur zu gut, an ein paar Gesichter beim Casting. Wenn der scheiße ist und dich schlecht dastehen lässt, dann Sorge ich dafür, dass er es bereut hat, dein Partner zu sein.“

„Du hörst dich wie ein fieser Anwalt an. So schlimm wird’s schon nicht.“ bemühte sich der Ältere seinen Manager zu besänftigen. So angriffslustig kannte Chanyeol seinen besten Freund gar nicht, lag wahrscheinlich an seinen negativen Erfahrungen, als er selber noch gemodelt hat.

„Von nun an müssen wir uns da nach einem Motto durchboxen.“

„Welches Motto?“

„Ich hasse das zu tun, aber ich zitiere mal Tao’s Worte, die er damals an mich gerichtet hatte: Ich werde eigenhändig Nägel auf dem Catwalk verteilen, damit du fällst und nicht mehr aufstehen kannst.“ sagte Sehun ruhig und sachlich. Chanyeol lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Was hatte Sehun bloß alles zu hören bekommen, fragte sich der Ältere besorgt.

„Fehlt nur noch, dass du androhst dem Typen Säure ins Gesicht zu kippen.“ sagte Chanyeol spaßeshalber.

Niemand lachte.

„Es ist zehn vor zwölf. Wir sollten uns langsam mal beim Empfang melden.“ erklärte Sehun und begab sich stumm zum Eingang des Hauptquartiers von Label N° 1. Chanyeol folgte seinem Manager auf den Schritt. Das Gebäude war ein riesiger Wolkenkratzer mit so vielen Stockwerken, dass Chanyeol sie nicht mal zählen konnte oder wollte. Die Fassade war schwarz verglast. Alles wirkte düster, geheimnisvoll und elegant. Auch das Innere des Gebäudes war in dem selben Stil eingerichtet. Sehun meldete sich bei der Empfangsdame, welche hinter einem komplett schwarz glänzenden Empfang saß. Chanyeol ließ seinen Blick weiter über den Eingangsbereich schweifen. Das müsste doch alles sündhaft teuer gewesen sein, dachte er sich. Er sah hinab auf den Boden, welcher auf Hochglanz poliert und natürlich in schwarz gehalten war. Chanyeol spiegelte sich selber im Boden und strich sich durch seine Haare. Schwarz könnte ihm ziemlich gutstehen. Ehe sich Chanyeol weiter Gedanken über seine zukünftige Haarfarbe machen konnte, hatte Sehun einfach sein rechtes Handgelenk ergriffen und zog ihn zum Fahrstuhl, dessen Türen sich mit einem leisen Geräusch öffneten.

In der Fahrstuhlkabine drückte Sehun auf die große leuchtende 25. Dreißig Ziffern waren auf der Anzeige zu erkennen. Dreißig Stockwerke, dachte Chanyeol und freute sich darüber nicht mehr selber nachzählen zu müssen. Der Fahrstuhl fuhr langsam los.

„Hatte er das wirklich gesagt?“ fragte Chanyeol und griff ihr vorheriges Gespräch wieder auf. Irgendwie machte es ihn wütend, dass dieser Tao so etwas zu Sehun gesagt hatte.

„Ja, er war der etwas Kreativere von den ganzen Arschlöchern und den Bitches. Bin ich froh da weg zu sein.“ erklärte er und Chanyeol wunderte sich über die Wortwahl des Jüngeren. Er wurde selten so vulgär. Scheinbar war es wirklich nicht die beste Zeit für Sehun gewesen. Der Ältere erwischte sich dabei, sich Gedanken über andere Models zu machen. Was wäre, wenn sein Modelpartner auch so unausstehlich wäre?

„Mach dir keinen Kopf. Ich sorge schon dafür, dass der Typ dir nicht querkommt." beantwortete Sehun die gedankliche Frage des Älteren. Chanyeol sollte sich eher Sorgen machen, ob Sehun neuerdings Gedanken lesen konnte.

Der Jüngere strich mit seiner Hand durch seine Haare und sah leicht verzweifelt zu seinem besten Freund.

„Sehe ich gut aus?"

„Du siehst wie immer großartig aus. Glaub mir, du wirst einen guten und seriösen Eindruck hinterlassen." sprach Chanyeol seinem Manager Mut zu. Sehun seufzte leise.

„Die Empfangsdame hat mit mir geflirtet, als ich spaßeshalber miteingestiegen bin, dachte ich schon, dass sie mich jeden Moment anspringen würde."

„Deinem Charme kann niemand wiederstehen, Sehun.", begann Chanyeol leise lachend, „Wenn sie wüsste, dass du auf Typen stehst."

„Ich stehe nicht auf Typen. Ich stehe auf diesen einen verdammten Typ, der einfach nicht aus China zurückkommt." sagte Sehun verbittert, während der Fahrstuhl stehen blieb. Ein leises Geräusch ertönte und über der Tür leuchtete in großen und hellen Ziffern die Nummer 25 auf. Die Tür ging auf und die letzten Worte, die Chanyeol für seinen besten Freund vor dem Verlassen des Fahrstuhls hatte, lauteten: „Du bist immer noch verzweifelt verliebt."

Stumm betraten sie das 25. Stockwerk. Beide ließen sich ihre Verwunderung nicht von den Gesichtern ablesen. Direkt vor ihnen verlief ein langer dunkler Flur. Der Boden war wie in der Eingangshalle schwarz poliert, auch die Wände wiesen diese Eigenschaft auf. Selbst die Decke war komplett schwarz, nur einige eingebaute LED-Lämpchen strahlten ihr kaltes weißes Licht herab. Auf dem Boden waren als Bodenleisten LED-Linien eingesetzt, welche ein rotes Licht hinaufschienen. Es sah schon alles recht schick und stylisch aus.

Beide vernahmen plötzlich ein leises Räuspern und sahen zur rechten Seite, wo sich ein massiver Schreibtisch mit PC befand, dahinter saß eine junge Sekretärin. Mit einem eindringlichen Blick musterte sie die beiden Freunde und Chanyeol war sich sicher, dass ihre Augen ein paar Sekunden länger an Sehun geklebt haben.

„Herr Oh? Herr Park?“ fragte sie mit einer angenehmen Stimme. Sehun setzte daraufhin sein wohl charmantestes Lächeln auf, was die Sekretärin scheinbar ganz kurz aus dem Konzept brachte. Dieser Typ konnte manchmal so ein Playboy sein, dachte sich Chanyeol grinsend.

„Ja, die sind wir, Ma’am.“ antwortete Sehun freundlich. Sofort stand die junge Frau auf, ging um den Schreibtisch herum und streckte zur Begrüßung ihre Hand erst Sehun hin und anschließend Chanyeol. Sie sah schon schön aus, war aber nichts Besonderes. Weiße Bluse, schwarzer Bleistiftrock und schwarze Pumps. Die hellbraunen Haare waren zu einem strengen Dutt gebunden. Braune Augen sahen sie an.  

Die Sekretärin stellt sich als Frau Jung vor und erklärte daraufhin freudig: „Sie sind als Erste da. Herr Im wartet aber bereits im großen Konferenzsaal auf Sie. Kommen Sie. Ich zeig Ihnen den Weg.“

Somit folgten die beiden der jungen Sekretärin einmal durch den gesamten Flur bis nach ganz hinten, wo sie an der rechten Tür klopfte und sofort diese öffnete. Mit einer eleganten Handbewegung signalisierte sie ihnen den Raum zu betreten. Kaum standen Sehun und Chanyeol in dem Konferenzsaal, schloss sich auch die Tür hinter ihnen. Der Raum war wirklich groß. Wie gehabt, schwarzer Boden und schwarze Wände. Viele weiße Tische waren in einer U-Form angeordnet, an diesen standen rote Designer-Stühle. Eine der beiden längeren Wände bestand vollständig aus einem Panorama-Fenster, wodurch man eine atemberaubende Sicht über Seoul hatte. An einer der kürzeren Wände war wiederum ein teuer aussehender und noch dazu riesiger Flachbildschirm angebracht, wahrscheinlich um irgendwelche Präsentationen zur Schau stellen zu können.

Chanyeol und Sehun erblickten drei Männer weiter vorne. Einer bemühte sich einen Kabelsalat am Flachbildschirm zu entknoten, ein anderer hantierte an einem Laptop herum und schien irgendeine Art von PowerPoint-Präsentation vorzubereiten. Der Dritte stand einfach nur daneben und sah zu, bis er die Neuankömmlinge bemerkte. Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen kam er Sehun und Chanyeol entgegen und streckte begrüßend ihnen seine Hand entgegen.

„Oh Sehun. Park Chanyeol. Es ist mir eine Freude Sie hier bei Label N° 1 begrüßen zu dürfen. Mein Name ist Herr Im. Ich bin der Besitzer und Leiter der Firma." stellte der Mann sich vor, auch Sehun und Chanyeol taten es ihm gleich. Herr Im war ein Mann in seinen Mitte 50, schien sich aber für sein Alter sehr gut gehalten zu haben. Mit seinem nobel aussehenden schwarzen Anzug vermittelte er eindeutig seine hohe Position in der Firma und wirkte mit seiner Art und Weise sehr respekteinflößend, trotzdem schien er aber auf den ersten Blick auch recht freundlich. Herr Im bat den beiden an, sich schon mal hinzusetzen, während der andere Manager mit seinem Model noch nicht da waren. Sehun und Chanyeol ließen es sich nicht nehmen und setzten sich an die Seite von den angeordneten Tischen, von der sie einen direkten Blick durch das Panorama-Fenster hatten. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, dachte Chanyeol. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm aber, dass Sehun und er einfach zu früh da waren.

Lange mussten die Anwesenden aber auch nicht mehr warten, als an der Tür ein leises Klopfen zu hören war und Frau Jung die Tür öffnete. Zwei weitere Personen wurden in den Konferenzsaal gewinkt und die Tür wurde hinter ihnen wiederzugeschlossen. Chanyeol war gespannt und musterte zuerst den vorderen Mann. Er schien der Manager zu sein. Ende 30, wenn Chanyeol nicht falsch schätzte. Großgewachsen. Leicht genervter Gesichtsausdruck, welcher sich aber zu einem falschen Lächeln änderte, als Herr Im zu den beiden Neuankömmlingen ging. Chanyeol bekam nur etwas von Herrn Choi mit, als er auch schon desinteressiert seinen Blick von dem Manager abwand und zum Model, welcher bis eben hinter dem Manager gestanden hatte, hinüberblickte.

Chanyeol staunte nicht schlecht und er gab es ungern zu, aber ihm wurde in seiner Daunenjacke echt heiß bei dem Anblick. Er würde aber den Teufel tun und seine Jacke ausziehen, es sollte niemand merken, wie es ihn nicht kalt ließ. Da stand er also, sein Modelpartner. Chanyeol nutzte die Gelegenheit ihn zu mustern, während das Model seine Aufmerksamkeit Herrn Im schenkte. Er konnte die Haarfarbe nicht eindeutig betiteln, etwas wie Dunkelblond oder umgangssprachlich gesagt Straßenköterblond. Die Haare sahen unglaublich weich aus und einige Strähnen fielen über die Stirn. Was hätte Chanyeol in diesem Moment nicht alles dafür gegeben um einmal mit seiner Hand durch diese Haare zufahren. Er blickte in das puppenartige Gesicht, welches zart und absolut rein aussah. Dunkelbraune Augen glänzten interessiert und die schönen leicht rosafarbenen Lippen pressten sich einige Male aufeinander. Einfach perfekt. Chanyeol stellte fest, dass sein Modelpartner ein wenig kleiner als er war, aber wahrscheinlich ein annähernd gleiches Alter wie er selber aufwies. Der andere trug eine enge schwarze Skinny-Jeans, schwarze Leder-Boots und einen dünnen bordeauxroten Pullover mit einer offenen eng aussehenden schwarzen Lederjacke. Da hatte sich jemand definitiv herausgeputzt, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Chanyeol musste sich wirklich zurückhalten, um nicht verzückt zu seufzen. Er hätte sich alles vorstellen können als seinen Modelpartner, aber das übertraf seine Vorstellungen komplett.

In einem Moment der Unachtsamkeit bemerkte Chanyeol zu spät, wie das andere Model seinen Blick von Herrn Im abwand, Sehun kurz musterte und dann seine Augen direkt in die von Chanyeol sahen. Er hatte das Gefühl, als ob sich diese dunkelbraunen Augen in seine Seele bohrten und ihn nie wieder loslassen würden.

Doch der Moment wurde rapide zerstört, als Herr Im feierlich in seine Hände klatschte und die anderen aufforderte, sich ebenfalls zu setzen. Der Firmenchef informierte sich leise bei seinen Mitarbeitern, ob endlich der Laptop mit dem Fernseher verbunden wäre, während die beiden Neuankömmlinge sich gegenüber von Sehun und Chanyeol setzten. Chanyeol hatte einen direkten Blick zu seinem Modelpartner, welcher ihn ein wenig musterte. Die Stille wurde durchbrochen als dieser Herr Choi seine Worte an Sehun wandte.

„Sehun, lange nicht gesehen. Bist du jetzt etwa unter die Modelmanager gegangen?“ fragte dieser spöttisch, wurde aber sofort von dem Jüngeren in seine Schranken verwiesen. Sehun verschränkte seine Arme vor seiner Brust und sah den anderen mit seinem wohl arrogantesten Blick an, den er aufweisen konnte.

„Es heißt Herr Oh und ‚Sie‘, wenn ich bitten darf. Und ja, ich bin jetzt Manager.“

Chanyeol’s Modelpartner kicherte amüsiert hinter vorgehaltener Hand auf, worauf er einen bitterbösen Blick von seinem Manager kassierte, der ihm aber ziemlich egal zu sein schien. Bevor die Situation aber irgendwie ausarten konnte, meldete sich Herr Im wieder an die Versammelten.

„So, die Technik läuft jetzt endlich. Ich würde ihre ‚nette‘ Begrüßung auf später verschieben. Aber bevor ich die Präsentation beginne, muss ich Sie noch darauf hinweisen, dass wir eigentlich noch eine Person erwarten und zwar unseren Fotografen für diese komplette Kampagne. Leider hat er eben Bescheid gegeben, dass er im Stau steckt. Also wundern Sie sich nicht, wenn sich inmitten der Präsentation jemand hereinschleicht.“ warnte der Firmenchef vor. Kurzdarauf hörten alle Anwesenden ein leises Knattern und die Rollladen schoben sich vor das große Panorama-Fenster, um den Raum abzudunkeln. Außerdem wurde das Licht der LED-Lampen gedimmt. Nachdem auch ein Bild auf dem Flachbildschirm zu sehen war, verließen die beiden Techniker den Konferenzsaal. Alle sahen gespannt nach vorne, Herr Im nahm seinen Präsenter, mit welchem er die PowerPoint-Folien bequem wechseln konnte, in die Hand. Chanyeol fühlte sich kurz an seine Studienzeit erinnert, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, als Herr Im zu sprechen begann.

„Da wir nun größtenteils hier versammelt sind, heiße ich Sie in Namen der gesamten Firma herzlich Willkommen bei Label N° 1. Wie Sie wahrscheinlich alle wissen, dürfen wir uns seit einiger Zeit als die einflussreichste Modemarke asienweit bezeichnen. Unser Konzept ist simpel. Wir haben uns den aufkommenden Trends und den Nachfragen der Konsumenten angepasst. Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit und Tierschutz. Wir verwenden keine Echtpelze oder Echtleder, achten als Unternehmen auf unseren Umwelthaushalt, setzen uns für faire Arbeitslöhne und gute Arbeitsbedingungen ein. All dies transportieren wir so transparent wie möglich nach außen, was auch bei den Konsumenten auf großen Anklang findet. Durch diese Wertschöpfungskette sind unsere Waren natürlich in dem höheren Preissektor ansässig und konkurrieren mit Marken, wie Gucci, Versace und wie sie nicht alle heißen, mit. Deshalb haben wir unsere Designs erweitert, neben der üblichen Kleidung, präsentieren wir auf den großen Catwalk und den Magazinen mittlerweile auch Haute Couture. Aber der asiatische Markt ist uns nicht genug. Bereits in Amerika steigt die Beliebtheit unserer Marke, aber wir wollen auch in Europa, Australien und auch Afrika ein großer Name werden.

Genau deshalb haben wir eine große Kampagne ins Leben gerufen. Genau deshalb sitzen Sie nun hier. Wir haben der Kampagne den Namen Etage 25 gegeben. Es ist eine Anspielung auf das Stockwerk, in welchem wir uns gerade befinden. Hier beginnt alles. Hier starten wir die Kampagne gerade jetzt in diesem Moment. In dieser Etage werden Träume erfüllt. Modeträume. Ich werde Ihnen versprechen, wenn Sie später diese Etage verlassen und merken wie der Fahrstuhl hinunterfährt, werden Sie glauben, in eine ganz neue Welt eingetaucht gewesen zu sein. Wir sind nämlich anders, als die anderen Modemarken, die Sie kennen. Diese Kampagne soll mindestens ein Jahr laufen, geplant sind aber bisher nur die ersten zwei Monate. Wir werden uns immer wieder der Zeit anpassen und neue Konzepte entwickeln, aber was wir uns schon als Ziele gesetzt haben, ist uns klar. Wir werden mit Fotoshootings und Kurzfilmen arbeiten, kaum mit Laufstegauftritten. Wir wollen in erster Linie polarisieren. Wir wollen anecken. Mundpropaganda wird unsere größte Waffe werden. Die Leute sollen sich die Mäuler über uns zerreißen.

Und ab diesen Punkt kommen unsere beiden Models ins Spiel. Wir wollten bewusst zwei Männer. Einer maskuliner, der andere femininer. Bei dem Casting vor zwei Wochen kamen die üblichen Gesichter, die man von den Laufstegen kennt. Verbrauchte Gesichter, die man nicht mehr sehen kann oder will. Byun Baekhyun ist jetzt natürlich kein unbekanntes Gesicht und auch kein unbeschriebenes Blatt in der Modebranche. Aber uns war sofort klar gewesen, dass er der femininere Part sein sollte, den wir gesucht haben. Bei dem maskulineren Part haben wir länger Ausschau halten müssen, die vorherigen Kandidaten hatten uns nicht zu gesagt. Aber als Park Chanyeol uns mit seiner Anwesenheit beehrte, hatte seine Statur schon sehr für ihn gesprochen. Als wir uns im Nachhinein die Fotos aus dem Probeshooting angesehen haben, war die Entscheidung sofort gefallen. Die Blicke in die Kamera waren extrem variabel und besonders. Wir konnten uns das auch nicht genau erklären, hatte wahrscheinlich auch etwas mit seiner Augenform zu tun. Wir sind uns sicher, dass die Kombination eines etwas erfahrenen und eines etwas unerfahrenen Models ganz interessant wäre. Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.

Wir haben für diesen Freitag bereits eine wichtige Veranstaltung organisiert. Wir stellen grob unsere Kampagne vor und präsentieren natürlich auch die Models. Es sind die großen Namen der anderen Modemarken, bekannte Models, Manager, Presse und weitere wichtige Menschen der Modebranche geladen.“

Als Herr Im endlich seine Rede beendete, herrschte für den ersten Moment Stille. Die ganzen Informationen mussten erstmal verarbeitet werden. Chanyeol hatte bereits alles vom Anfang vergessen und hatte nur noch den Teil, wo es um ihn selber ging, genau im Kopf. Byun Baekhyun, dachte sich Chanyeol und sah kurz zu seinem Gegenüber, bis Herr Im wieder ihre Aufmerksamkeit einforderte.

„Sie hingen mir ja förmlich an den Lippen und waren so hochkonzentriert, dass sie nicht einmal bemerkt haben, wie unser Fotograf sich hereingeschlichen hatte. Herr Park, links neben Ihnen.“

Chanyeol war erst leicht verwirrt und sah nach links.

„Um Gottes willen!“ erschrak er fast zu Tode, fasste sich an seine Brust und sah den jungen Mann an, welcher neben ihm auf dem Stuhl saß und ihn mitleidig anlächelte.

„Tut mir leid. Ich wollte niemanden erschrecken.“ sagte der Fotograf und stand von seinem Platz auf, um nach vorne zu Herr Im zu gehen. Chanyeol blickte zu Sehun, der ihn ebenfalls schockiert ansah.

„Wann ist der hier reingekommen?“ flüsterte er dem Jüngeren zu, welcher nur fragend mit den Schultern zuckte.

Chanyeol musterte den Fotografen kurz. Er war auf jeden Fall kleiner als er selber, hatte schöne reine Haut, ebenfalls schöne Augenbrauen, dunkelbraune Haare und Augen. Chanyeol hatte noch nie so eine gutaussehende Stirn gesehen. Hörte sich das seltsam an, fragte er sich innerlich. Der Fotograf trug einen dünnen dunkelblauen Pullover und eine dunkle Stoffhose. Nichts Besonderes, aber man konnte sein bisheriges Auftreten als natürliche Schönheit betiteln.  

„Zuerst einmal, auch von mir herzlich Willkommen bei Label N° 1.“ begann der Fotograf förmlich, „Mein Name ist Kim Junmyeon. Ich werde aber auch oft nur Suho genannt und ich möchte auch gerne geduzt werden, so alt bin ich nun auch nicht. Ich bin seit zwei Jahren für die etwas größeren Projekte hier bei Label N° 1 als Fotograf zu ständig. Bei dieser Kampagne werde ich sowohl die Fotoshootings machen, als auch für die Kurzfilme zu ständig sein. Ich freue mich auf eine gute und erfolgreiche Zusammenarbeit.“

Junmyeon verbeugte sich kurz und lächelte in die Runde. Er wirkte hochmotiviert und unglaublich freundlich. Plötzlich kamen die beiden Techniker wieder in den Raum hinein und hantierten an irgendwelchen Geräten herum. Die Rollladen gingen wieder hinauf und das einfallende Licht blendete Sehun und Chanyeol kurzzeitig. Herr Im klatschte mal wieder feierlich in seine Hände und richtet erneut seine Worte an die Anwesenden.

„Ich würde gerne noch ein paar Kleinigkeiten mit Herrn Choi, Herr Oh und Suho besprechen. Solange können sich ja Herr Byun und Herr Park schon mal ein wenig besser kennenlernen. Genau gegenüber vom Konferenzraum haben wir einen kleinen Besprechungsraum mit Sofas und Sesseln. Da ist die Atmosphäre etwas locker. Sie können gerne hinübergehen."

Baekhyun stand bereits auf und begab sich zur Tür, während Chanyeol leicht verunsichert kurz zu Sehun sah, welcher ihm ernst zu nickte. Der Größere begab sich stumm zu seinem Modelpartner. Ohne ein Wort zu sagen, betraten sie den Besprechungsraum. Der Raum war vom Stil her, genauso wie der Rest des Gebäudes. Einzelne Abschnitte des Raumes waren mit schwarzen Paravents abgetrennt. Wahrscheinlich um eine gewisse Privatsphäre zu wahren.

Baekhyun verschwand weiter hinten hinter einem der Paravents. Chanyeol folgte ihm und sah, wie sich dieser elegant auf ein schneeweißes Sofa setzte, seine Arme auf der Rückenlehne ausbreitete und seine schlanken Beine übereinanderschlug. Chanyeol stand unschlüssig davor und entschied sich, sich lieber auf den gegenüber liegenden Sessel zu setzen. Aber dazu kam es erst gar nicht, als Baekhyun plötzlich seine rechte Hand ausstreckt.

„Byun Baekhyun." stellte er sich vor und lächelte lieb. Chanyeol dachte sich nichts dabei und schüttelte die ihm dargereichte Hand.

„Park Chanyeol." tat er es seinem Gegenüber gleich. Womit Chanyeol aber nicht gerechnet hatte, war, dass Baekhyun ihn mit einem Ruck an seiner Hand zu sich zog. Der Jüngere verlor dadurch sein Gleichgewicht und kippe nach vorne, noch rechtzeitig konnte er sich mit seinem linken Unterarm an der Rückenlehne abstützen, sonst wäre er definitiv auf Baekhyun gelandet. Der Ältere hielt immer noch ihre Hände fest. Chanyeol's Blick lag auf diesen, die Hand des anderen war ein wenig kleiner als seine eigene und die Haut war unglaublich weich. Er sah auf. Baekhyun beugte sich vor. Ihre Gesichter waren sich unglaublich nah und Chanyeol spürte den heißen Atem seines Gegenübers auf seinen eigenen Lippen. Baekhyun grinste und in seinen glänzenden Augen war eine Mischung aus perverser Zweideutigkeit und Arroganz zuerkennen.

„Es ist mir eine große Freude dich kennenzulernen, Chanyeol…“ flötete Baekhyun mit frecher Stimme und musterte mit seinen strahlend braunen Augen Chanyeol’s Gesicht. Der Größere war kurz verunsichert von der Art und Weise seines Modelpartners, fing sich aber schnell wieder. Was Baekhyun konnte, konnte er schon lange, dachte er sich. Chanyeol wählte für seinen Konter, statt der frechen, die etwas einschüchternde Variante. Sein Gesicht nahm sofort eine eiskalte Mimik an. In seinen Augen trat ein herrischer Ausdruck, welcher keine Widerreden zu ließ. Er beugte sich ohne eine Spur von Unbehagen sogar noch ein wenig weiter vor, so dass sich ihre Nasen leicht berührten, während sie sich ununterbrochen in die Augen sahen.

„Es freut mich ebenfalls, Baekhyun.“ raunte Chanyeol mit tiefer Stimme, woraufhin Baekhyun’s Augen sich leicht weiteten. Der Ältere zog schlagartig seine Hand aus der seines Modelpartners, als hätte er sich an einer Herdplatte verbrannt und brachte schnell zwischen ihren Gesichtern Abstand.

Chanyeol war mehr als zufrieden, als er Baekhyun’s verunsicherte Reaktion beobachtete. Jedoch behielt er seine Fassade aufrecht, nicht nur das, er verlor sich in seiner Rolle, wenn es überhaupt noch eine war. Er war sich da nicht mehr wirklich sicher. Baekhyun faszinierte ihn.

Der Jüngere stieß sich mit seinem linken Unterarm von der Sofalehne ab, um sich wieder in eine stehende Position aufzurichten. Durchbohrend sah er auf Baekhyun herab, welcher seine Beine nicht mehr übereinandergeschlagen ließ. Der Größere ging mit langsamen Schritten rückwärts. Er wusste, dass sich hinter ihm der weiße Sessel befand. Kurz darauf berührten seine Waden eben dieses Möbelstück. In einer fließenden Bewegung setzte er sich auf den Sessel, legte seine Arme auf die Lehnen und schlug stattdessen seine eigenen Beine übereinander. Den Blickkontakt zu seinem Modelpartner hatte er nicht ein einziges Mal abgebrochen. Mit einer schon beinahe königlichen Ausstrahlung saß er auf dem Sessel und schien Baekhyun mit seinem dominanten Verhalten dahinschmelzen zu lassen.

Chanyeol wurde erneut ziemlich heiß. Die Atmosphäre zwischen den beiden war beinahe elektrisierend. In Baekhyun’s Augen war etwas Dunkles zu erkennen. Ein Schleier, hinter welchem sich große Geheimnisse zu verbergen schienen und von Chanyeol entdeckt werden wollten. Er leckte sich unbewusst über seine Lippen, als er beobachtete, wie Baekhyun seine Beine weit spreizte und seine Arme erneut auf der Sofalehne ausbreitete. Letztendlich biss sich der Ältere noch anzüglich auf die Unterlippe. Er bot sich Chanyeol willig an und schien mit seinen Gesten förmlich nach ihm zu schreien.

Chanyeol konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal so heftiges Kopfkino bekommen hatte. Vor seinen Augen lief ein Film ab. Er stellte sich vor, wie Baekhyun und er in seinem Schlafzimmer wären, wie er den Älteren auf sein großes Bett schubsen würde, wie er ihn in die weiße Samtbettwäsche drücken würde, wie Baekhyun keuchend seinen Kopf in den Nacken legen und seinen Rücken durchdrücken würde, wie Chanyeol die Leder-Schnürsenkel aus Baekhyun’s Boots ziehen und damit seine Handgelenke über seinem Kopf fesseln würde, wie er Baekhyun quälend langsam über die Innenseiten seiner Oberschenkel streichen würde, wie er ihn ausziehen würde, wie er ihn erbarmungslos ficken würde, wie er ihn betteln lassen würde, wie er-

„So lernt man sich also kennen?“ hörte Chanyeol plötzlich eine belustigte Stimme und erschrak zum zweiten Mal an diesem Tag so sehr, dass er fast einen Herzinfarkt erlitt. Seine vorherigen Gedanken waren einfach aus seinem Kopf radiert worden. Er sah, wie Baekhyun mit großen Augen seine Beine zusammendrückte. Beide sahen zur linken Seite des Paravents, von wo Junmyeon auf sie zukam. Der Typ war doch locker ein Ninja, so wie der sich immer lautlos anschlich und alle erschreckte, dachte sich Chanyeol und ging letztendlich auf dessen Frage ein.

„Gedankenkommunikation.“ erklärte der Jüngere monoton. Junmyeon grinste ihn an und Chanyeol wusste sofort, was der Fotograf mit diesem Grinsen ihm sagen wollte: ‚Verarsch mich nicht. Ich weiß, was hier abgegangen ist.‘  

„Naja, ich bin eigentlich hier, um noch kurz mit euch beiden zureden. Ich freu mich wirklich darauf mit euch zusammenzuarbeiten. Ich hatte noch nie, zwei Models gleichzeitig vor der Linse. Ich hoffe mal das funktioniert.“ sagte der Junmyeon unsicher.

„Das wird funktionieren, Suho. Ganz bestimmt. Ich hab einige deiner Fotos gesehen. Du bist ein fantastischer Fotograf.“ gab Baekhyun lächelnd Zuspruch, während Chanyeol sich gerade fragte, ob er wirklich herumschleimte.    

„Rutsch nicht auf deiner Schleimspur aus, Baekhyun. Ich werde niemanden bevorzugen.“

Chanyeol wäre beinahe aufgesprungen, um Junmyeon ein High-Five zugeben. Der Konter war absolut genial gewesen. Baekhyun sah den Fotografen leicht schockiert an, während sein Mund sperrangelweit offenstand. Leise erklang das helle und melodische Lachen von Suho, welches mit einem schönen Windspiel in der Frühlingsbrise zu vergleichen wäre. Chanyeol fand das Lachen unglaublich ansteckend und grinste leicht vor sich hin.

„Mach dir nicht ins Hemd, Baekhyun. Das war nur ein Scherz. Aber ernsthaft, ich bevorzuge niemanden. Wenn es um die Arbeit geht, kann ich neutraler als die Schweiz sein.“ erklärte Junmyeon und winkte die beiden Models zu sich, „Kommt, die anderen sind außerdem mit ihrer Besprechung fertig und wollen nun gehen. Ich bin schon gespannt, wie die Kampagnenveranstaltung am Freitag wird.“

Mit diesen Worten erhoben sich Chanyeol und Baekhyun gleichzeitig von ihren Plätzen. Kurz sahen sie sich gegenseitig in die Augen des jeweils anderen. Was Baekhyun dachte, wusste Chanyeol nicht, aber was er dachte schon. Er wollte ihn, da war sich der Jüngere nun sicher. Er wollte ihn kontrollieren. Er wollte ihn unterwerfen. Chanyeol war fasziniert von Baekhyun und er wusste nicht, wo das ganze enden würde.
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