Flug der Mondblitz

von elderini
GeschichteAbenteuer, Familie / P16
OC (Own Character)
11.09.2018
09.11.2019
8
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in Zusammenarbeit mit Dom Avner


Flug der Mondblitz


Eine Geschichte aus dem Ironverse

Kapitel 7

Schatten der Finstermonde



Zwei Wochen nach den Ereignissen auf Coruscant war auf der Mondblitz wieder Ruhe eingekehrt. Gareth hatte noch eine Weile über seine nicht bestandene Prüfung gegrübelt. Sein Vater hatte ihm mehrmals erklärt, dass er keine Chance gehabt hatte und es nicht seine Schuld gewesen sei und dass er und seine Mutter schon damit gerechnet hätten, dass so etwas passieren würde. Seine Mutter hatte dasselbe gesagt, war aber nicht ganz so überzeugend. Gareths Enttäuschung aber schnell verflogen, nachdem Cira es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht hatte, ihn zu trösten. Als Manz dann angekündigt hatte, dass sie am nächsten Morgen eine alten Freundin von ihm und Mira besuchen würden, hatte sich Gareth nichts dabei gedacht. Hauptsächlich, weil Cira neben ihm sass und den Kopf auf seiner Schulter ausruhte. Es fiel ihm schwer genug, den sich immer wieder anschleichenden Gedanken zurückzudrängen, der ihm unbedingt aufzeigen wollte, wie schön es doch wäre, mit Cira alleine in einem Zimmer zu sein, in dem kein Caliban und keine Seraphina zugegen war und ihre Zweisamkeit störte. Er konnte wahrhaftig keinen Gedanken an die Worte seines Vaters verschwenden.
«Ich finde es toll, Freunde von deinen Eltern kennenzulernen», sagte Cira, «meine Eltern reden nie von alten Freunden. Ich glaube, die hatte früher gar keine Freunde.»
Gareth dachte daran, wie seine Mutter auf Dentalor auf alte Freunde seines Vaters reagiert hatte. Ob es diesmal wohl ähnlich ausgehen würde?
«Hastähm, hast du etwas von deinen Eltern gehört?», fragte er, um den Gedanken an die unerfreulichen Ereignisse zu überspielen.  
«Nein», sagte Cira, «ich glaube, ihre Verwandten haben sie aufgefressen.»
«Ich würde mich hüten, Verwandte auf Ryloth zu unterschätzen», sagte Lesa, die am anderen Ende des Raumes am Tisch sass. Bei ihr waren Fisher, Tayla und Jake, wobei die Mikkianerin in freudiger Erwartung Spielkarten mischte.
«Twi’leks können hinterhältig und grausam sein. Und Kannibalismus ist auch schon vorgekommen», fuhr Lesa fort. Cira sah einen Moment lang aufrichtig besorgt aus, weshalb Lesa schnell anfügte, «aber das ist natürlich viele Jahrhunderte her. Inzwischen sind sie nur noch stur und einigermassen gerissen, wahrscheinlich sind deine Eltern immer noch damit beschäftigt, das tatsächliche Testament deiner Urgrossmutter von den nachträglich eingefügten Änderungen zu unterscheiden.»
Sie wandte sich wieder ihrem Spiel zu. Cira setzte sich wieder etwas entspannter hin. «Kennst du diese Freundin deiner Eltern?»
Gareth schüttelte den Kopf. «Wahrscheinlich niemand wichtiges. Vielleicht ist sie ja die Putzfrau unserer Wohnung.»
«Ihr habt auf Suksamad eine Wohnung?», fragte Cira interessiert.
«Ja», sagte Gareth, «ich kann sie dir zeigen, wenn du willst.»
Einen Moment lang leuchtete ein Triumph in Gareths Augen auf bei dem Gedanken, dass es einen Ort gab, an dem er mit Cira wirklich allein sein konnte. Dann sagte Lesa aber wieder beiläufig: «Vergiss es, Gareth. Das ist nur ein Zimmer voller alter Babysachen mit dem Namen Brower-Conul an der Tür, da gibt’s nichts zu sehen.»
«Du bist noch nie dort gewesen?», fragte Cira, die Lesas Bemerkung erstaunlich gut deutete. Gareth verzog das Gesicht und wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Cira lächelte. Dann stand sie auf. «Es würde mich reizen, alte Babysachen anzusehen. Ich bin sicher, die sind knuffig», sagte sie grinsend. Sie umarmte ihre Patentante und machte sich auf den Weg in Seraphinas Kabine, in die sie eingezogen war. Gareth starrte an die Decke. Dann, als er sicher war, dass Cira weg war, sah er zornig zu Lesa. «Warum musstest du das sagen?», fragte er barsch. Die Schiffsköchin lächelte und legte eine Karte auf den Tisch, «wenn du mit ihr allein sein willst, musst du ihr das nur sagen.»    


Am nächsten Morgen war Gareths Laune nicht wirklich besser, was daran lag, dass er zu einer unverschämt frühen Stunde geweckt worden war. Und über Nacht schien auch Lesas Laune aus unerfindlichen Gründen abgesackt zu sein.
«Caliban, zieh diese Mütze aus!», fauchte sie und schnappte nach dem grauschwarzen Ding, doch Caliban duckte sich ausser Reichweite. Fisher ergriff die Initiative, packte den sich windenden Jungen und entriss ihm die Mütze. Sie liess die Mütze in ihrer Tasche verschwinden, während Caliban schmollend die Arme verschränkte und sich an die Wand drückte. Lesa sah sich um. «Sind alle soweit? Gareth, hast du aufgepasst, dass keine Flecken auf deiner Hose sind? Du bist immer so unvorsichtig.»
Gareth sah ein wenig verschlafen in die Runde, streckte sich und wollte sich setzen, als Lesa kreischte: «Mach was mit deinen Haaren, du siehst ja aus, als wärst du gerade erst aufgestanden!»
«Woher das wohl kommt?», gähnte Gareth und strich sich lustlos ein wenig durchs Haar. Der ganze Trubel erschien ihm fremd. Es war fünf Uhr morgens Standardzeit, normalerweise kein Grund, sich aus seinem Bett zu entfernen, schon gar nicht, wenn man nur eine alte Freundin der Eltern besuchen ging. Gareth erinnerte sich erneut an Dentalor und an den kugelrunden Freund seines Vaters, und er wusste, dass solche Leute wohl kaum Wert auf gekämmte Haare und saubere Hosen legten. Aber Lesa schien diese Freundin anders einzuschätzen. Fisher, die sich neben ihn setzte, trug eine Uniform, die frisch gewaschen war und im Licht der Lampen tiefschwarz und golden glänzte. Es war ihre Galauniform, wie er nun feststellte. Ihr Haar, normalerweise immer im schlichten Pferdeschwanz oder Zopf gebunden, ringelten sich nun in zwei kunstvollen Haarschnecken zu beiden Seiten ihres Kopfes. Auch Lesa trug eine frisch gewaschene Uniform, und nun warf er einen Blick auf ihre Jacke, die im Moment noch über dem Stuhl hing und erkannte auch dort die goldenen Streifen. Dasselbe bei Jake und Tayla, die gerade hereinkamen. Jake hatte die Haare hinter seiner fliehenden Stirn auf wenige Millimeter heruntergetrimmt. Die Mikkianerin, woran es lag, wusste er nicht, schien von noch kräftigerer, roter Farbe zu sein als sonst. Just als er Tayla genauer musterte, begann etwas an seinem Kopf zu reissen. Lesa war von hinten mit einem Kamm über ihn hergefallen und Strich seine in alle Richtungen abstehenden Haare glatt, wobei es sich anfühlte, als würde sie mindestens die Hälfte davon ausreissen. Während er seine schmerzende Kopfhaut massierte, verschwand Tayla Richtung Pilotenkanzlei. Gareth stand hoffnungsvoll auf. «Ich helfe dir», sagte er, doch Lesa packte seine Schulter und drückte ihn überraschend kräftig zurück in den Stuhl, wo sie sich erneut über seine Haare hermachte. Nur wenige Minuten später war die gewohnte leichte Vibration zu spüren, welche bedeutete, dass das Schiff in die Atmosphäre eines Planeten eingedrungen war.
«Ach du meine Güte, wir sind spät dran, Jungs, zieht eure Sakkos an», sagte Lesa, als vor den Fenstern leichte, graue Wolkenschwaden vorbeizogen und sie Gareth endlich vom Stuhl aufstehen liess. Fünf Minuten später stand Gareth, nun mit perfekt liegendem, gescheiteltem Haar, im Bereich hinter der Rampe. Neben ihm stand Caliban, welcher sich verstohlen umsah und dann seine Mütze wieder aufsetzte, die er aus Fishers Tasche stibitzt hatte, als diese nicht aufgepasst hatte. Auf seiner anderen Seite stand Cira. Sie trug als einzige keine Uniform, sondern ihr blaues Kleid, welches sie auch am Tag der Abschlussfeier getragen hatte. An ihren Ohren glitzerten goldene Ohrringe, von denen Gareth sich grob erinnern konnte, dass sein Vater sie einmal für seine Mutter gekauft hatte, die sie aber nie trug. Lesa wirbelte um sie herum, sah an Cira herunter und lächelte. «Du siehst so wunderschön aus, Schatz», sagte sie und strich trotzdem eine kaum sichtbare Falte an ihrer Schulter glatt. Gareth beschenkte sie mit einem Blick, der eindeutig: «knapp genügend» sagte. Caliban schob seine Schwester vor sich, die trotz der frühen Morgenstunde hell strahlte wie Zwillingssonnen. «Schön anständig bleiben. Ich, CALIBAN, WAS IST DAS?»
Bevor jemand etwas tun konnte, hatte Lesa den völlig verschreckten Jungen gepackt und seine Hand in festem Klammergriff umschlossen. Darauf war ein mattschwarzer Ölfleck zu sehen. Lesa sah aus, als würde sie gleich anfangen zu heulen, doch in diesem Moment erklang hinter ihr das Geräusch der ausfahrenden Rampe. Verzweifelt steckte Lesa die verschmutzte Hand in die Tasche von Calibans Sakko. «Lass die ja da drin», sagte sie, nahm ihm zum zweiten Mal seine Mütze ab und steckte sie in die andere Tasche. Sie hatte sich kaum umgedreht, da trug Caliban sie schon wieder. Nun strich ihnen eine Brise kühle Morgenluft um die Nase. Gareth richtete den Blick wieder nach vorne. Seine Mutter ging als erste hinaus, flankiert von seinem Vater auf der linken und Fisher auf der rechten Seite. Dahinter gingen Tayla und Jake. Dann kamen er, Caliban und Cira und hinter ihm seine Schwester und Lesa. Sie marschierten über einen dunklen Platz. Er wusste nicht, welche Zeit hier herrschte, aber er vermutete, dass es auch hier, wie nach Standardzeit, früher Morgen war. Der Himmel war in sanftes Dämmerlicht getaucht, aber ausser einem langsam heller werdenden Streifen am Horizont war von einer Sonne noch nichts zu sehen. Am Ende des Platzes wurden sie von einem jungen Mann empfangen, welcher, wie Gareth auffiel, ein wenig grantig wirkte. Er war in etwa so alt wie er, und wahrscheinlich auch ungefähr so gross, aber neben den menschgewordenen Baumstämmen, die ihn umrundeten, wirkte er geradezu mickrig. Als sie nähertraten, bemerkte Gareth, dass alle Männer Rüstungen trugen, die ihre ohnehin schon recht massige Gestalt noch gewaltiger wirken liessen. Seine Mutter ging voran, vom ganzen Schauspiel unbeeindruckt. Der Junge sagte nichts. Aus der Nähe wirkte er nicht nur grantig, sondern auch aufgebracht. Verständlich, wahrscheinlich konnte er sich morgens um halb sechs auch angenehmere Dinge vorstellen, als Besucher zu empfangen. Ausserdem, so wie seine Kleidung und Haare aussahen, hatte er deutlich länger unter der Fuchtel einer kammschwingenden Verrückten gelitten als er. «Sie wartet schon», sagte er, ohne ein Wort der Begrüssung. Seine Mutter ging zwischen den turmhohen Männern hindurch. Als Tayla den Blick des jungen Mannes auffing, schenkte sie ihm ein Lächeln, welches er für einen kurzen Moment erwiderte, bevor er wieder eine versteinerte Miene aufsetzte. In diesem Moment tauchte die Sonne am Horizont auf und Gareth klappte der Mund auf. Das Licht erhellte kein Haus. Es erhellte einen Palast. Die hoch in den Himmel ragenden Türme glitzerten wie Fackeln und die Ausmasse des Gebäudes passten kaum in sein Blickfeld. Bei jedem Schritt, den die Gruppe auf den Palast zumachen, schien dieser noch grösser zu werden. Sie kamen durch ein gewaltiges, eisenbeschlagenes Tor und gingen dann gemeinsam einen langen Gang entlang. An den Wänden glitzerten im Schein der grossen Kronleuchtern an der Decke Bilder mit Rahmen aus Holz, Gold und Silber. Gareth zischte beeindruckt: «Scheisse, wie viel Geld hat diese Freundin eigentlich?»
«Beherrsch dich!», zischte Lesa von hinten zurück, «so spricht man hier nicht.»
Sie gingen durch eine weitere grosse Tür hindurch in eine Halle, die von, Gareth glaubte es kaum, noch grösseren Kronleuchtern hell erleuchtet war. Er hatte bisher nur in den edelsten Raumhäfen Kronleuchter gesehen, doch gegen diese Meisterwerke aus Gold, Silber und Kristallglas wirkten die meist aus Messing bestehenden Kronleuchter der Raumhäfen geradezu armselig. Die Reise ging weiter durch einen kleineren Gang, eine Treppe hinauf und endete hinter einer schweren Eichentür in einem gemütlichen viereckigen Raum, der in einer Ecke des Palasts lag und deshalb an zwei Wänden Fenster hatte. Das einfallende Sonnenlicht erhellte durch eines der grossen Fenster mit einem weiteren Kronleuchter (Gareth fragte sich inzwischen, ob es hier auch noch eine andere Art der Beleuchtung gab) einen schön geschnitzten Holztisch, an dem vier ebenso kunstvoll verzierte Stühle standen, einen grossen, schwarzen Ledersessel, von dem sie nur die Rückenlehne sehen konnte und einen grossen Kamin, indem ein echtes Feuer brannte, was dafür sorgte, dass es in dem Zimmer sehr warm war. «Sie sind da», sagte der Junge mit matter Stimme. Einen Moment lang war Gareth verwirrt, denn der Raum schien leer, doch dann sprach eine leise Stimme. «Danke, Ikarus. Lässt du uns kurz allein?»
Die Stimme einer Frau kam dumpf aus dem Sessel. Die Frau musste klein sein, denn Gareth konnte nichts von ihr sehen. Er sah den jungen Mann an, welcher immer noch ein wenig mürrisch blickte. Er konnte es ihm nachfühlen, er selbst wäre nur zu gern im Bett geblieben. Es wunderte ihn immer noch, wer diese Freundin genau war, dass sie alle in blitzsauberer Montur und in voller Zahl aufmarschieren mussten. Reich war sie auf jeden Fall, das verriet ihre Behausung.
«Ja, Mutter», sagte der Junge, «Soll ich draussen warten? Leara geht es nicht so gut, ich würde gerne…»
«Geh nur zu ihr», sagte die Frauenstimme, «das wird einen Moment dauern.»
Der Junge machte, sehr zu Gareths Verwunderung, eine kleine Verbeugung und ging dann hinaus. Gareth sah ihm nach. Er wollte Caliban etwas zu zischen, wurde aber von Lesa mit einem Tritt gegen das Wadenbein daran gehindert. Die Frau, die in dem Sessel sass, stand nun auf. Sie drehte sich zu ihnen um, erhellte ihr Gesicht. Es war eine sehr schöne Frau. Sie wirkte jung für jemanden, der einen Sohn in seinem Alter hatte, dachte Gareth. Er schätzte sie auf ungefähr fünfunddreissig bis vierzig, ähnlich wie Fisher oder Tayla. Die Frau trug ein langes, tiefschwarzes Satinkleid und dazu passenden Silberschmuck an Handgelenken und Hals. Ihr Haar, schwarz wie das Kleid, war in einem Knoten zusammengebunden. Sie lächelte strahlend. Jeder einzelner ihrer Zähne war von fast schon unnatürlich reinem Weiss.
«Oh, ich hatte nicht erwartet, dass ihr gleich die ganze Truppe mitbringt», sagte sie mit heller Stimme und trat an Manz und Mira vorbei auf ihn zu. «Gareth», sagte sie, «ich glaube nicht, dass du dich an unser letztes Treffen erinnerst? Damals konnte ich dich noch auf den Arm nehmen.»
Gareth, auch wenn er nicht genau wusste wieso, lief rot an.
Sein Vater, ein unangebrachtes Grinsen auf dem Gesicht, sprach mit leiser Stimme: «Kinder, das ist Zhalia Solis, eine gute alte Freundin von uns. Ach ja, und ausserdem ist sie die Königin von Suksamad. Und den Finstermonden»
Er sprach den zweiten und dritten Satz sehr beiläufig aus, hatte aber eine enorme Wirkung. Phina zog pfeifend Luft ein und stand dann so gerade, wie man überhaupt nur stehen konnte. Caliban sah sich nervös um und irgendwie hatte Gareth das Gefühl, sein Bruder würde einen Fluchtweg suchen. Er selbst blieb wie angewurzelt stehen. Er überragte Zhalia deutlich und sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu können. Sie lächelte ihn erneut an und drehte sich nach rechts. «Und das muss Caliban sein, du warst damals glaube ich erst ein paar Wochen alt. Ja, ich erinnere mich, so ein ruhiges Baby wie dich habe ich nie mehr gesehen. Ich glaube, du hast die ganze Zeit geschlafen.»
Caliban sah ein wenig betreten zu Boden, nahm seine Mütze vom Kopf und nickte nur kurz. Gareth spürte förmlich, wie Lesa hinter ihm die Augen verdrehte. Doch Zhalia schien sich entweder an Calibans Verhalten nicht zu stören oder ihr Missfallen sehr gut zu verbergen. Sie ging zwischen ihm und seinem Bruder hindurch. «Und das ist dann wohl Seraphina», sagte sie. Phina, die hochrot angelaufen war, wusste nicht recht, was sie tun sollte, erst machte sie Anstalten, Zhalia die Hand zum Gruss zu reichen, dann dachte sie, dass diese Geste einer Königin gegenüber respektlos war und machte einen wenig eleganten Knicks. Zhalia lächelte freundlich, drehte sich um und sah Cira an. «Du siehst nicht aus wie die Vierte im Bunde», sagte sie und Cira, wie Phina unsicher, wie sie sich verhalten sollte, brauchte zwei Anläufe, um sich vorzustellen. «C-Cira Keto», sagte sie, «ich bin, ähm, zu Besuch, quasi, meine…»
Sie versuchte noch einen Moment, ihrem Satz ein befriedigendes Ende zu verpassen, gab es schliesslich aber auf und verstummte einfach. Hätte Gareth Zhalia nicht in jenem Moment genau in die Augen gesehen, wäre es ihm wohl entgangen. Er hätte schwören können, dass für einen kleinen Moment Sorge und Mitleid in ihrem Blick lag, ehe sie wieder lächelte und ihre Augen gütig glänzten. «Ah ja», sagte sie, «die Ketos, ja doch, ich kenne deine Eltern, flüchtig allerdings nur, Freunde von Freunden, wie das so ist.»
In diesem Moment ging hinter ihnen die Tür auf. «Ich dachte, ihr wollt vielleicht was essen», sagte Zhalia mit sanfter Stimme, als drei junge Frauen eintraten, jede mit einem Tablett beladen, auf dem sich mindestens einhundert Mini-Sandwiches, Fruchtspiesschen und kleinen Törtchen befanden. Gareth, der sich daran erinnerte, dass Zhalia gesagt hatte, sie hätte nicht mit so vielen Besuchern gerechnet, fragte sich, welche Vorstellung vom Fassungsvermögen eines Magens die Königin hatte. Er erkannte eindeutig Schweissperlen auf dem Gesicht der jungen Frau, die das Tablet in seiner Nähe auf den Tisch gestellt hatte. Sie verbeugte sich und ging zusammen mit den anderen beiden wieder hinaus. Nach einigen Minuten und vielen Törtchen, Sandwiches und Fruchtspiesschen aus Früchten, die Gareth noch nie gesehen hatte und die süsser waren als alles, was er je gegessen hatte, sass er mit vollem Magen auf einem der Holzstühle und sah auf das Tablett, welches sich irgendwie von selbst wieder aufzufüllen schien. Dann stupste ihn Phina an. «Wo ist Mutter?», fragte sie und sah sich um. Der Raum war nicht gross, daher brauchte er nur einmal den Kopf zu drehen, um zu bemerken, dass sie fort war, genauso wie die Königin.
«Die beiden haben wichtige Dinge zu besprechen», sagte sein Vater, dem seine Suche nicht entgangen war, «Nichts, was euch kümmern müsste», fügte er an und lächelte. Phina beschloss allerdings, dass es sie sehr wohl zu kümmern hatte.
«Wo ist die Toilette?», fragte sie in die Runde, und bevor jemand die Chance hatte zu antworten, war sie aufgestanden. «Ich finde sie schon», sagte sie. Gareth, der sofort begriffen hatte, was seine Schwester im Schilde führte stand auf. «Ich glaub, ich sollte…»
«Hinsetzen Gareth», sagte sein Vater, ohne den Blick von Fisher zu nehmen, mit der er gerade sprach. Gareth setzte sich wieder und sah gerade noch, wie Phina ihm zuzwinkerte, bevor sie durch die Tür verschwand. Es stellte sich heraus, dass Phina zehn Minuten brauchte, um alles, wirklich alles, einschliesslich der Toilette zu finden, ausser ihre Mutter. Schliesslich ging sie durch eine Tür und landete in einem grossen Raum, dessen Zweck relativ offensichtlich war. Er hatte eine hohe Decke, ein kleines Podest und auf dem Podest stand ein wunderschöner, roter Lehnstuhl. Sie sah sich um, zögerte, doch schliesslich gewann der Wunsch, der wohl in jedem Mädchen mindestens einmal aufgekommen war, die Oberhand. Sie eilte durch den Raum, blieb noch einmal kurz stehen, und dann setzte sie sich in den Stuhl. Er war überraschend hart. Neben dem Stuhl stand ein Podest und darauf lag ein silbernes, zartes Diadem mit einem blutroten Rubin im Zentrum. Phina wagte es erst nicht, aber es glänzte so schön im einfallenden Sonnenlicht. Sie setzte sich gerade hin und starrte hinaus in den leeren Raum. Dann konnte sie sich nicht mehr beherrschen. Sie nahm das Diadem vom Podest und setzte es sich auf. Sie stand auf, ging mit einem übertriebenen hochnäsigen Gang bis ans Ende des Podests, wo sie stehen blieb und mit geschlossenen Augen und verschränkten Armen zu ihren imaginären Untertanen sprach. «Und so sollen alle Karamellbonbons mir ausgehändigt werden, auf dass mein Zorn besänftigt und euer Leben verschont bliebe.»
«Also sprach die Königin.»
Seraphina fuhr zusammen. Die echte Königin trat aufs Podest. Woher sie gekommen war und warum Seraphina sie nicht gehört hatte, war dem Mädchen schleierhaft. Sie riss sich das Diadem runter und versteckte es hinter ihrem Rücken. «Ich, ähm, ich…. hab…. die…. Toilette gesucht. »
Nach jedem Wort machte sie eine schuldbewusste Pause. Zhalia hob die Augenbraue. «Und als du sie nicht gefunden hast, hast du gedacht, du startest mal eben einen Putsch und reisst die Macht an dich», sagte die Königin und lächelte, als Seraphina ängstlich zusammenzuckte. Sie nahm ihr das Diadem ab und setzte es sich auf den Kopf. «Wobei, du machst das falsch. Haltung», sie richtete sich auf, streckte die Brust raus und warf den Kopf in den Nacken, «du darfst die Arme nicht verschränken, das wirkt abweisend. Du bist die Königin, du bist ihre Freundin, sei einladend.»
Sie breitete die Arme aus, als würde sie versuchen, eine ganze Menschenmenge zu umarmen. «Und jemandem wegen der Zurückhaltung von Karamellbonbons hinzurichten ist in meinen Augen ein wenig übertrieben.»
«Haben Sie schon einmal jemanden hinrichten lassen?»
Kaum hatten die Worte ihren Mund verlassen, bereute sie es. «Verzeihung», sagte sie, «ich wollte nicht.»
«Schon in Ordnung», sagte Zhalia und lächelte, es wirkte diesmal fast mütterlich. Ehrlich gesagt hatte Seraphina nicht wirklich viel Erfahrung damit, wie eine lächelnde Mutter aussah. Es war kein häufiges Bild in ihrem Leben gewesen. «Nein», sagte die Königin, als sie vom Podest stieg, nachdem sie ihr Diadem abgesetzt hatte. «Mein Vater pflegte noch Leute auf dem grossen Platz vor seinem Palast hinzurichten. Ich hielt es damals für eine Unsitte und bin heute noch derselben Meinung. Töten ist die einfachste und primitivste Art, ein Problem zu lösen, und dabei schafft es nicht selten eine ganze Reihe neuer Probleme. Eine gute Königin geht den richtigen Weg, nicht den einfachen.»
Einen Moment lang sah sie betreten zu Boden. Dann fing sie sich wieder und fand ihr Lächeln wieder. «Aber was red ich da, vor einem Kind, ich sollte…»
«Machen Sie sich keine Sorgen, ich vertrag das», sagte Seraphina schnell, ehe sie sich wieder hektisch entschuldigte. Wie unanständig, eine Königin zu unterbrechen.
Bevor Zhalia etwas sagen konnte, war die Tür erneut aufgegangen und der junge Mann kam herein, ihr Sohn, dessen Name Seraphina entfallen war. Irgendwas mit Iker. Ikarus, genau, Ikarus war der Name. Ein seltsamer Name, den sie noch nie gehört hatte. «Mutter, ich möchte mit dir reden», sagte er, «allein.»
Sein Ton klang scharf und auf seiner Stirn bildeten sich leichte Falten. «Sicher», sagte Zhalia, «Seraphina, du findest allein zurück?»
Seraphina nickte, eilte mit gesenktem Kopf am Prinzen vorbei und durch die Tür hinaus. Sie betrat wenig später wieder das Zimmer und setzte sich an den Tisch, an dem nur noch ihr Vater sass. «Hast du die Toilette gefunden?»
«Ja», sagte Phina schnell und sah sich nach ihrer Mutter um. «Sie waren auf dem Balkon», sagte ihr Vater und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Als Mira bemerkte, dass ihre Tochter da war, ergriff sie sofort das Wort.
«Wenn ihr alle da seid, geht nun bitte und packt eure Sachen. Das Schiff bleibt hier, aber wir werden ein paar Tage auf Schloss Dendrol verbringen.»
Mira hatte sich der Gruppe zugewandt. Ihr Blick blieb auf ihrer Tochter heften. «Phina, pack bitte deine Jacke ein, ich will nicht, dass du dich erkältest.»
«Was machen wir auf Schloss Dendrol?», fragte Gareth.
«Urlaub», sagte sein Vater, «Überraschung.»
«Nein, machen wir nicht», sagte Mira und blickte ihren Sohn an, «Zhalia möchte, dass wir ihren Sohn ein paar Tage aus dem Stress der Stadt schaffen. Sie meint, dass täte ihm und seiner Frau gut.»
«Frau?», sagte Gareth überrascht, «er hat eine Frau?»
«Ja, hat er.»
«Der Typ ist kaum älter als ich.»
«Das hat dich nicht zu kümmern», sagte Mira in einem Ton, der klar machte, dass zu dem Thema nichts weiter gesagt werden musste. «Beeilt euch, ich möchte sobald wie möglich abreisen.»
Auf dem Weg zum Schiff gingen die drei Geschwister mit eng zusammengesteckten Köpfen. «Hast du was mitgehört?», fragte Gareth. Phina schüttelte den Kopf. «Nein. Aber ich glaube, der Prinz ist gar nicht scharf darauf, mit uns zu kommen.»
«Wer kanns ihm verübeln», sagte Gareth, «aus der Hütte würde ich auch nicht ausziehen wollen.»


Gareth verbrachte die Reise damit, darüber nachzudenken, was der Hintergrund dieser Geschichte war. Sie sassen in gemütlichen Polstersesseln an Bord eines luxuriösen Landgleiters. Der Prinz sass mit einer jungen Dame, die wohl seine Frau sein musste, in einer Ecke und sprach mit niemandem sonst ausser mit ihr. Warum begleiteten sie ihn? Gesellschaft schien er ja nicht zu wollen. Gareth sah zu, wie der Prinz sanft mit der Hand durch das Haar der jungen Dame strich und dachte unweigerlich an ihn selbst und Cira. Natürlich hatte Cira kein Haar, durch das er hätte streichen können, aber er konnte sich gut vorstellen, dass der Prinz sich eigentlich auf ein wenig Zeit alleine mit seiner Frau gefreut hatte und deshalb so missmutig ihnen gegenüber war. Hatte seine Mutter geglaubt, andere Gesellschaft als die täglichen Palastmitarbeiter und wer auch sonst noch im Alltag eines Prinzen auftauchte, würde ihn erfreuen? Wenn ja, hatte sie sich getäuscht. Aber eine andere Erklärung fand er nicht. Zu seiner Sicherheit konnten sie kaum abgestellt sein, wenn er an die menschlichen Baumstämme dachte, die bei ihrer Ankunft neben dem Prinzen gewartet hatten und von denen zwei auch auf diesem Flug dabei waren.
Er grübelte noch den ganzen Flug darüber nach, aber es fiel ihm keine befriedigende Antwort ein. Vielleicht, auf diese Vermutung hatte er sich mit sich selbst geeinigt, fehlte es dem Prinzen an einem gleichaltrigen Freund. Worauf ihm gleich mit ungutem Gefühl im Magen klar wurde, dass das hiess, er müsste sich mit ihm anfreunden. Und seine Befürchtungen verstärkten sich, als sein Vater ihn kurz nach seiner Ankunft beiseite nahm.
«Hör mal, Gareth», sagte er und legte ihm den Arm auf die Schulter, «Ikarus führt ein sehr regellastiges und striktes Leben. Viele Dinge, die du und deine Geschwister für selbstverständlich halten, wird er als unsittlich oder unangebracht ansehen. Zhalia meint, ihr dürft ihm ruhig ein wenig», er zögerte kurz, dann sagte er mit einem Lächeln, «auf die Füsse treten, aber bitte, übertreibt es nicht.»
Gareth nickte und spurtete dann Cira hinterher, die bereits auf dem Weg ins Schloss war. Dendrol erinnerte Gareth vage an Drag Festning auf Dentalor. Es hatte keine Türme. Im Allgemeinen sah es sehr wenig nach dem aus, was Gareth sich unter einem Schloss vorstellte. Eine grosse Mauer, durch deren offenes Tor er soeben geschritten war, umschloss einen grausilbernen Quader mit schwarzen Mustern, welche sich wie feine Ranken um die zahllosen Fenster schmiegten. Wären die kunstvollen Verzierungen nicht gewesen, so hätte Gareth diesen Ort für ein Gefängnis gehalten. Als er durch das grosse Tor ins Innere des Gebäudes schritt, verflüchtigte sich dieser Gedanke schnell. Von Innen sah es genauso aus, wie man sich ein Schloss vorstellte. Alte Gemälde an den Wänden zeigten Männer und Frauen in langen Roben und Kleidern, mit Kronen und Diademen geschmückt, welche auf ihn herabsahen, als wäre er ein Schmutzfleck auf ihren seidenen Schuhen . Filigrane Möbel aus teurem Holz standen an den Wänden. Cira sah sich alles staunend an, während Gareths blick auf Ikarus lag. Dieser hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und sprach leise, aber eindringlich auf seine Frau ein. Diese schien mit was auch immer der Prinz zu sagen hatte nicht einverstanden zu sein. Schliesslich winkte sie seine letzten unverständlichen Worte ab, drehte sich um und kam auf Gareth zu. Dieser konnte sich nicht erinnern, jemals jemanden so strahlen gesehen zu haben. «Willkommen auf Schloss Dendrol», sagte sie lächelnd und zeigte dabei ihre schneeweissen Zähne, die denen der Königin Konkurrenz machten, «Ich und mein Griesgram von Mann hoffen, dass ihr euch wie zu Hause fühlt.»
Der königliche Griesgram fand diese Ansprache anscheinend gar nicht witzig. «Leara, bitte», sagte er, doch wieder wischte seine Frau seine Worte beiseite. «Die Schlafräume befinden sich in den obersten zwei Stockwerken, das Esszimmer und die Küche im zweiten Stock. Hier im Erdgeschoss gibt es Büros und Aufenthaltsräume. Es arbeitet im Moment niemand, also fühlt euch frei, die Büros für was immer euch gefällt zu benutzen. Essen gibt es in zwei Stunden, wir freuen uns, euch hier zu haben.»
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, nahm der Prinz sie beiseite und begann fiebrig auf sie einzureden. Doch was auch immer er sagte, es schien sie nicht zu überzeugen. Sie stellte sich auf Zehenspitzen, küsste seine bebenden Lippen und ging davon.
«Gareth.»
Er zuckte zusammen. Caliban stand neben ihm. «Gehen wir ein Zimmer beziehen?»
In den oberen Stockwerken angekommen bemerkte Gareth, dass die Zimmer zwei Betten hatten. Aber es gab sehr viel mehr Zimmer, als sie gebrauchen würden, weshalb er vor der Tür zu dem Zimmer, auf dem mit silbernen Ziffern die Zahl 11 angebracht worden war, zu Caliban sagte: «Weisst du was, such dir doch ein eigenes Zimmer.»
Sein Bruder sah ihn an. «Es stört mich nicht, wenn du und Cira miteinander schlafen.»
Dieser beiläufig geäusserte Satz traf Gareth hart in der Magengegen. «Ich, ähm, ich wollte, ich meine, aber mich stört es.»
«Es stört dich, mit Cira zu schlafen?»
«Nein», stöhnte Gareth, «geh und such dir dein eigenes Zimmer!»
Schulterzuckend schlurfte Caliban davon. Er sah in mehrere Zimmer hinein, ohne eines zu betreten, und schliesslich sagte Gareth genervt: «Nimm einfach die Nummer 14, die ist immer gut.»
Sofort verschwand Caliban im Zimmer mit der Nummer 14. Kopfschüttelnd und seufzend warf Gareth seine Tasche auf eines der Betten und sich selber auf das andere. Er sah die Decke an. Es wäre gelogen gewesen, wenn er sagte, er hätte es sich nicht vorgestellt, wie es sein würde, und es wäre ebenfalls gelogen zu sagen, dass er nicht hoffte, dieses Zimmer endlich als Rückzugsort nur für sie beide zu haben, aber Caliban musste es deshalb doch nicht gleich so sagen. Es war respektlos, dass Caliban glaubte, er würde nur an das denken.

Sie waren schon fast fertig mit dem ersten Gang, Gelbkürbis-Suppe, als der Prinz sie mit seiner Anwesenheit beglückte. Er sah immer noch ein wenig missmutig drein, liess sich aber trotzdem von seiner Frau in den Raum ziehen und an den Tisch setzten. Gareth hatte sich entschieden, der ganzen Geschichte keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken und sich stattdessen auf andere Dinge zu konzentrieren, die ihm wichtiger schienen. Direkt neben ihm sass Cira und hatte ihre Suppe kaum angerührt.
«Magst du die nicht?», fragte er. Cira schüttelte den Kopf. «Ich mag keinen Kürbis», sagte sie und schob die Schale ein wenig von sich, «ausserdem, wenn ich immer alles essen würde, was Tante Lesa mir vorsetzt, sähe ich in zwei Wochen aus wie Orn Free Taa.»
Gareth hatte zwar keine Ahnung, wer das war, leitete von Ciras Grinsen allerdings ab, dass es ein Witz gewesen war und lachte leise. Die Suppenschalen wurden abgeräumt und nach kurzer Zeit wurde der Hauptgang serviert. Und, Gareth musste zugeben, es war selbst für ihn sehr viel, weshalb er Verständnis für Cira aufbrachte. Am Ende des Abends fühlte er sich so voll, dass er glaubte, bis zum Morgengrauen am Tisch sitzen bleiben zu müssen, bevor er sich wieder bewegen könnte. Doch nach wenigen Minuten motivierte ihn etwas, diesen Plan über den Haufen zu werfen.
«Ich geh ein wenig frische Luft schnappen», sagte Cira und stand auf. «Ich komme mit», sagte er schnell und stand so schnell auf, dass sein Stuhl umkippte. Er stellte ihn wieder auf, während Lesa ihn von der anderen Seite des Tisches her amüsiert beobachtete. Phina grinste ebenfalls hämisch, wollte auch aufstehen und sagte: «Ich glaube, ich komme auch mit.»
Bevor Gareth etwas sagen konnte, um seinen mehr oder weniger genialen Plan zu retten, sagte Caliban so laut, dass es alle hören konnten:
«Nein, Phina, du störst ihn bei seinem Versuch, sie zu verführen.»
Gareth hätte ihm am liebsten eine gepfeffert. Fisher schien diese Gefahr kommen zu sehen und schob ihren Stuhl so weit zurück, dass sie zwischen den Brüdern sass. Gareths Kopf hatte die Farbe einer überreifen Weintraube angenommen. Doch in diesem Moment zog Cira an seinem Arm. «Na komm schon, du grosser Verführer», sagte sie grinsend und zog ihn hinaus.

Es war inzwischen dunkel geworden. Die Reise hatte wohl länger gedauert als Gareth angenommen hatte, aber wahrscheinlich hatte das üppige Frühstück dazu beigetragen, dass ihm das Fehlen eines Mittagessens entgangen war.
Zwischen der Mauer und dem Gebäude war eine grosse Rasenfläche, die im schwachen Sternenlicht grau und feucht da lag. Gareth sah in den Himmel, doch keine Monde leuchteten da. «Ich dachte, Suksamad hätte Monde», sagte Cira und ihre Augen wanderten ebenfalls den Himmel entlang.
«Ja, aber sie rotieren so, dass sie ständig in einer Mondfinsternis stehen», sagte Gareth, «darum heissen Sie auch Finstermonde. Das ist glaub ich einzigartig in der Galaxis.»
Sie gingen um den Block herum. Gareth überlegte gerade, ob er sie bei der Hand nehmen sollte. «Ein Mond, der ständig im Dunkeln liegt», sagte Cira und versuchte, am Nachthimmel die Monde trotzdem zu erspähen. «Das klingt irgendwie traurig. So ein Mond muss doch leuchten.»
«Naja, er erfüllt halt andere Zwecke», sagte Gareth, «ich glaube, sie haben ein Gefängnis darauf gebaut.»
Cira blieb stehen. «Wirklich?», fragte sie. Gareth nickte. Ein bisschen was über Suksamad wusste er, denn es war schliesslich sein offizieller Wohnort. «Ja», sagte er, «damit keine Ausbruchsgefahr besteht. Jeder, der aus dem Gefängnis ausbricht, erfriert draussen binnen weniger Stunden.»
«Das ist grausam», sagte Cira, «und die Königin unterstützt das?»
«Nein.»
Gareth zuckte erneut zusammen. Er musste dringend Lernen, mehr auf seine Umgebung zu achten. Neben ihnen an der Hauswand leuchtete eine kleine Flamme auf und das Licht erhellte ein scharfes Gesicht mit Schnauzbart. Den Mann, der dort stand, zündete sich gerade eine grosse Pfeife an. Er kannte ihn nicht, doch dem Helm unter seinem Arm nach zu urteilen musste er einer der beiden Wachmänner sein, die er auf der Reise hierher gesehen hatte. Er steckte sich die Pfeife in den Mund, nahm einen kräftigen Zug und pustete kleine Rauchwölkchen aus. «Darum hat sie das Ding auch schliessen lassen. Erst vor ein paar Tagen. Alles leergeräumt. Es sei unmenschlich, solche Gefängnisse zu haben, hat sie gesagt.»
«Da hat sie absolut recht», sagte Cira, «nicht wahr, Gareth?»
Gareth sagte instinktiv ja, allerdings war er nicht ganz überzeugt, dass das tatsächlich eine gute Idee der Königin war. Der Wachmann schien es ähnlich zu sehen. «Nun, das haben nicht alle so gesehen», sagte er und nahm einen weiteren Zug, «viele haben gesagt, es wäre ein unnötiges Risiko, die Gefangenen hier auf Suksamad unterzubringen. Zu teuer, neue Gefängnisse zu bauen. Und natürlich der Transport. Naja, die Sache musste ja in die Hose gehen.»
«Was ist denn passiert?», sagte Cira. Der Wachmann hatte den letzten Satz ganz leise und nur zu sich selbst gesagt, weshalb sich in Gareth und offensichtlich auch in Cira ein Verdacht auftat. «Nichts, gar nichts», murmelte der Wachmann wenig überzeugend, «die Königin hat ihren Kopf durchgesetzt. Naja, sie sagte immer, es wäre der letzte politische Erfolg ihres seligen Mannes gewesen. Fürst Darius hatte ein grosses Herz, er war ein Alptraum für die Palastwachen. Er hatte die Angewohnheit, mehr Gutes in den Menschen zu sehen als tatsächlich da war.»
Der Wachmann kaute mit der Miene eines Mannes, der schon viel zu viel gesagt hatte, auf seiner Pfeife herum, während er schwieg. Gareth erinnerte sich tatsächlich an den Mann, der an der Seite von Suksamads Königin gewesen war. Aber nur, weil er tot war. Er erinnerte sich daran, weil er am Tag der Beerdigung zufälligerweise auch auf Suksamad gewesen war. Er war allerdings nicht bei der Beerdigung gewesen, sondern im Krankenhaus, weil just an jenem Tag seine Schwester geboren worden war. Während der Rest des Tages nur eine schwammige Erinnerung war, erinnerte er sich sehr gut an die Gesichter der Pfleger und Ärzte, die alle niedergeschlagen und missmutig gewesen waren. Sie waren in Ikar gewesen, der Heimatstadt des Fürsten. Dieser war beim allgemeinen Volk nicht unbeliebt, aber auch nicht übermässig beliebt gewesen, hatte aber eine sehr treue Unterstützungsgemeinde im Medizin- und Sozialwesen, für deren Förderung und Finanzierung er sich stark gemacht hatte, wie ihm sein Vater später erklärt hatte. Bösen Zungen zufolge deshalb, weil er selbst oft krank und auf diese Institutionen angewiesen war. Er war schliesslich auch jung gestorben, Gareth wusste nicht genau wie jung, doch er war nicht viel älter als seine Gattin gewesen.
«Was halten Sie denn von der Schliessung?», fragte Cira ein wenig provokant und sah den rauchenden Wachmann scharf an. Dieser zuckte mit den Schultern. «Es ist nicht meine Aufgabe, die Entscheidungen der Königin in Frage zu stellen. Es ist nur meine Aufgabe, Sie zu beschützen.»
Er war eindeutig nicht einverstanden, soviel konnte Gareth aus dieser zu neutralen Stellungnahme herauslesen. Cira schien es ähnlich zu sehen, denn sie ging weiter, ohne ein Wort der Verabschiedung zu äussern. Gareth folgte ihr. Sie waren nun am hinteren Ende des Gebäudes angekommen. Von hier sah man hinter den Mauern das nahe Gebirge, schwarz und riesig, in den dunkelblauen Himmel ragen, von dem es sich schwach abhob. Cira blieb stehen und sah in die Ferne. Gareth stellte sich neben sie, sehr nahe, und legte dann vorsichtig den Arm um ihre Schulter. Sie liess es zu. «Es ist wunderschön, nicht?», fragte er. «Ja», sagte Cira, «wenn man auf Finsternis steht.»
Gareth lief wieder ein wenig rot an. Cira lachte. «Das war ein Witz», sagte sie und stiess ihm in die Seite, «sei nicht immer so verkrampft.»
Gareth wollte gerade den Mund aufmachen, als ein Piepen von Ciras Gürtel ihre Aufmerksamkeit nach unten richtete. Sie nahm den Kommunikator aus der Hosentasche und sah darauf. «Das ist meine Mutter», sagte sie aufgeregt, drehte sich weg und schon war sie durch eine offene Balkontür wieder im Haus verschwunden, wo sie den Kommunikator aktivierte und hektisch, aber für Gareth nicht mehr hörbar, mit ihrer Mutter zu sprechen begann.

In dieser Nach lag Gareth noch eine Weile wach. Er hatte Zeit gehabt, nachzudenken. Erst hatte er sich darüber geärgert, dass es wieder nicht mit ihm und Cira geklappt hatte, dann hatte er einen Moment lang über die Worte des Wachmanns nachgedacht. Das musste ja schiefgehen. War etwas schiefgegangen? Waren sie deshalb hier? Waren sie hier, weil Gefangene geflohen waren und den Prinzen bedrohten? Aber warum sollte die Königin, die ja bestimmt ein ganzes Heer von Sicherheitspersonal aufbieten konnte, für so etwas Hilfe von ausserhalb holen? Vertraute die Königin ihrem eigenen Personal nicht genug? Plötzlich wurde ihm noch etwas anderes klar. Offenbar war der Wachmann sehr verärgert über sich selbst gewesen, als es ihm rausgerutscht war. Wusste der Prinz am Ende selbst nichts davon? War es deshalb verärgert, weil er glaubte, seine Mutter würde ihm einen ungewollten Urlaub aufzwingen? Vielleicht. Er drehte sich im Bett auf die Seite. Drohte Gefahr? Seine Mutter hatte nichts gesagt, aber das musste nichts heissen. Andererseits, dachte er sich, während er sich erneut drehte, wenn die Lage allzu ernst wäre, hätte seine Mutter nicht zugelassen, dass Seraphina und Caliban dabeiblieben. Mit diesem etwas beruhigenden Gedanken schlief er schliesslich ein.

Am nächsten Morgen beschloss er, sich auf seine persönliche Mission zu konzentrieren und nicht von anderen Dingen ablenken zu lassen. Und er war zum Schluss gekommen, dass er dafür Hilfe brauchte. Also trat er am morgen noch vor dem Frühstück vor die Zimmertür von Fisher. Er hatte einen Moment nachgedacht und war zum Schluss gekommen, dass dies die beste Möglichkeit war. Erst hatte er sich Rat bei einem Mann holen wollen, war dann seine Alternativen durchgegangen und zum Schluss gekommen, dass das nicht die beste Idee war. Er hätte seinen Vater gefragt, aber irgendetwas sagte ihm, dass die Methoden, die sein Vater anwendete, vielleicht bei seiner Mutter funktioniert hatten, doch seine Mutter durfte ohne schlechtes Gewissen als «seltsam» beschrieben werden und das einzige, was seine Mutter und Cira gemeinsam hatten, waren drei von vier Buchstaben in ihrem Vornamen. Jake wollte er auch nicht fragen. Jake hatte zwanzig Jahre allein verbracht und dann zwanzig Jahre mit der ersten Frau, die er je näher kennengelernt hatte. Natürlich war das auf eine Art süss und besonders, aber nicht hilfreich für ihn. Er hatte schliesslich nicht zwei Jahre Zeit, um darauf zu warten, dass es plötzlich Klick machte. Dann war er seine Frauenoptionen durchgegangen. Seine Mutter hatte er gleich mal im Voraus ausgeschlossen, ebenso wie Lesa, auf die er immer noch ein wenig sauer war, und Tayla, bei der wohl ein ähnliches Problem wie bei Jake auftreten würde. Und damit war die Liste der Kandidaten ohne weiteres Auswahlverfahren auf eine Person zusammengeschrumpft. Er klopfte an die Tür. In diesem Moment überkamen ihn Zweifel, Fisher war vermutlich noch nicht einmal wach, und er hatte sich schon halb weggedreht, als eine Stimme rief: «Herein.»
Langsam öffnete er die Tür. Er sah Fisher. Sie war, zu seiner eigenen Überraschung, angezogen, frisiert und der warmen, feuchten Luft nach zu schliessen, die durchs Zimmer und aus dem offenen Fenster hinauswaberte, auch bereits geduscht. «Gareth», sagte sie freundlich und schloss etwas ab, was er durch einen zweiten Blick als ihren Medikamentenkoffer identifizierte. Und nun sah er auch, dass sich noch jemand in dem Zimmer befand.
«Guten Morgen, Gareth», sagte Leara mit freundlicher Stimme und strahlte ihn mit ihren unnatürlich weissen Zähnen an. Sie war ebenfalls bereits angezogen und deutlich aufwendiger frisiert als Fisher, was Gareth wundern liess, wie lange sie schon wach war. «Ich, ich kann später nochmal kommen», sagte er und hatte sich zum zweiten Mal schon halb weggedreht, als Fisher sagte: «Das ist nicht nötig, Gareth, die Prinzessin und ich sind fertig.»
«Oh, eigentlich bin ich keine Prinzessin», sagte Leara freundlich, «aber ich glaube, den Klatschblättern klang Tochter des Schiffsbauer nicht beeindruckend genug. Und: Ihre königliche Hoheit, Leara, Fürstin von Sailindor, find ich ein wenig protzig.»
Sie stand auf und ignorierte dabei, ob bewusst oder nicht war nicht ersichtlich, Fishers Hand, die ihr helfen wollte. «Vielen Dank, Carly», sagte sie und strich ihr Kleid glatt.
«Ich bitte euch, Carly war meine Urgrossmutter, nennt mich Fisher», sagte Fisher und lächelte. Leara schien nicht ganz sicher zu sein, ob das ein Scherz war oder nicht, lächelte aber sicherheitshalber zurück und ging an Gareth vorbei aus dem Zimmer, während Fisher ihren Koffer unters Bett schob. «Was willst du?», fragte sie, «brauchst du Verhütungsmittel ?»
Gareth hatte den Mund schon offen, als ihn Fishers zweiter Satz auf dem falschen Fuss erwischte. «Ähm», sagte er. Fisher hob den Kopf und grinste verschmitzt. «Nein», sagte Gareth, doch anstatt seines eigentlichen Problems fragte er ohne zu überlegen: «Hast du sowas?»
«Natürlich», sagte Fisher, «was glaubst du eigentlich, wie vielen Menschen auf Reisen durchs All plötzlich bemerken, wie hübsch andere Leute eigentlich sind?»
Sie setzte sich auf ihr Bett, «aber das wolltest du doch eigentlich nicht fragen, oder?»
Sie hatte schon wieder eine Hand am Koffer.
«Nein», sagte Gareth, bemerkte erst jetzt, dass die Tür immer noch offen stand und schloss sie. Dann setzte er sich auf das andere Bett im Zimmer. «Fisher», begann er und überlegte, wie es er formulieren sollte, «du bist doch, ähm, erfahren mit Frauen.»
Fisher hob die Augenbrauen. «Kommt drauf an, wie du erfahren definierst», sagte sie. Gareth beschloss, die Sache einfach direkt anzusprechen. «Wie krieg ich Cira dazu, dass sie mich mag?»
Eine Sekunde lang sah Fisher ihm in die Augen. Dann drehte sie sich weg und lachte. «Gareth», sagte sie, «Cira mag dich doch bereits.»
«Ähm», sagte Gareth, «wirklich?»
Fisher, die sich anscheinend köstlich über sein fragendes Gesicht amüsierte, sagte: «Natürlich. Glaubst du sonst, sie hätte dich gefragt, ob du mit ihr auf die Abschlussfeier gehst?»
«Aber, aber warum sagst sie das nicht einfach?», fragte er.
«Warum sagst du es ihr nicht einfach?», fragte Fisher zurück.
Wieder stille. «Das ist nicht hilfreich», sagte Gareth schliesslich. Fisher, immer noch schmunzelnd, wurde ernst. Naja, ein wenig ernster. «Hör zu Gareth», sagte sie, «ich bin kein Beziehungsmensch. Ich habe gar nicht die Mittel dazu. Ich verbringe meistens nur ein paar Tage mit jemandem und deshalb muss ich nicht immer alles über den anderen wissen oder dem anderen alles über mich mitteilen. Ich weiss aber, dass in einer langfristigen Partnerschaft immer alles ans Licht kommt. Wenn du willst, dass es mit euch langfristig funktioniert, musst du von Anfang an du selbst sein. Also sei ehrlich, sag ihr was du fühlst und ich bin sicher, dass es funktioniert.»


Im Nachhinein wusste Gareth nicht wirklich, warum er sich von Fisher grossartige Hilfe versprochen hatte. Sie hatte es selbst gesagt, sie war nie lange mit einer Partnerin zusammen. Meistens nur ein paar Tage, wenn überhaupt.
Sei du selbst. Das war der Rat, der auf der ersten Seite von dämlichen Lebensratgeber stand. Sei du selbst. Was hiess das überhaupt? Er war Pilot. Sollte er Cira auf einen Flug mitnehmen? Er blieb stehen. Das war eigentlich gar keine so blöde Idee. Blöd war nur, dass seine Mutter wohl eher für den Rest ihres Lebens im Ballettröckchen herumlaufen, als ihm erlauben würde, ihr Schiff für sowas auszuleihen. Als er ins Esszimmer trat, kam er in den Genuss des Privilegs, mit Lesa Endel unterwegs zu sein. Die Twi’lek, leidenschaftliche Köchin und Frühaufsteherin, hatte das Frühstück immer schon bereit, egal wann man auftauchte. Gareth setzte sich ein wenig Abseits von Jake und Tayla hin, da diese gerade damit beschäftigt waren, sich gegenseitig mit Löffelchen voll Haferschleim zu füttern. Das machten sie öfters und Gareth empfand es als peinlich. Er begann, seinen eigenen Haferschleim zu löffeln und fragte sich gerade, ob er es auch peinlich finden würde, wenn Cira das mit ihm machen würde, da huschte Caliban durch die Tür hinein und setzte sich an den Tisch. Gareth nahm in misstrauisch in Augenschein. Er sah aus wie immer. Und damit meinte er, wie immer, denn er hatte Ölflecken und andere Schmutzspuren auf den Händen. Wo er die herhatte war ihm schleierhaft. «Was hast du getan?», fragte er leise. Caliban antwortete, ohne ihn anzusehen. «Gearbeitet», sagte er knapp und schöpfte sich eine Schüssel voll Haferschleim.
«Woran?», fragte Gareth, denn der einzige Motor, an dem er rumschrauben durfte, war am anderen Ende des Planeten geparkt. «Im Keller stehen alte Fahrzeuge», sagte sein Bruder knapp und leise, «ein N-1 Sternenjäger, eine Deuplace-13, ei…»
«Moment Mal», sagte Gareth, «sagtest du gerade Deuplace-13?»

Eine Deuplace-13 war genau das, was Gareth jetzt brauchte. Ein ganze besonderer Sternenjäger. 13 Meter lang, daher der Name, und anders als die meisten Sternenjäger nicht mit einem, sondern mit zwei nebeneinanderliegenden Sitzen ausgestattet. Es war nie ein besonders erfolgreiches Modell geworden, da es zu schlecht bewaffnet war, um militärisch eingesetzt zu werden, und wiederum zu klein war, um als Transportschiff zu taugen. Allerdings hatte sich eine Nische entwickelt. Die Deuplace-13 hatte sich unter Geschwindigkeitsfreaks zum Geheimtipp gemausert, denn kein anderes Schiff dieser Grösse erreichte eine solche Geschwindigkeit, ohne dabei militärisch zu sein. Und militärische Fluggeräte bekam man als Normalbürger nur aus der Ferne zu Gesicht. Oder aus der Nähe, wenn man es sich wirklich übel mit dem Gesetz verscherzt hatte.
Gareth folgte Caliban durch eine Tür und eine Treppe hinunter. Dann gingen sie einen sehr, sehr langen Gang entlang. Gareth fragte sich, wo er hinführte und ob er überhaupt noch unter dem Haus war. Er hatte keine gute Erinnerung an einen Ausflug in unterirdische Tunnel. Doch Caliban schien zu wissen, was er tat und nach kurzer Zeit standen sie in einem grossen, unterirdischen Raum. An den Wänden waren Garagen angebracht, in denen wohl die anderen Maschinen standen. Doch das Objekt seiner Begierde stand im Zentrum des grossen Raumes und füllte ihn fast zur Gänze aus. Einen Moment lang wunderte sich Gareth, wie man dieses Schiff hier reinbekommen hatte, da fiel ihm auf, dass die hohe Decke an den Enden mit grossen Scharnieren versehen war. Sie liess sich offenbar öffnen.
«Der Motor läuft nicht», sagte Caliban und riss Gareth aus seinen Gedanken. Er lag bereits unter der Deuplace und schraubte an etwas herum, dass Gareth nicht sehen konnte. Sie war wunderschön. Sie war sattrot und weiss lackiert und glänzte im Licht der Lampen, wie von den Wänden heraus darauf strahlten. Offenbar war sie nie mehr geflogen, seit sie neu lackiert worden war. Was für eine Verschwendung. «Kriegst du das hin?», fragte er.
«Kommt drauf an, was genau kaputt ist», sagte Caliban.
«Wir kriegen sie ganz bestimmt wieder in die Luft», sagte Gareth.
«Willst du damit fliegen?», fragte Caliban. Gareth sah ihn an. «Selbstverständlich will ich damit fliegen, warum sollen wir sie sonst reparieren?»
Caliban mochte das anders sehen. Er war kein Pilot. Er wollte nie fliegen, auch wenn Tayla es ihm eins ums andere Mal angeboten hatte, wenn sie im weiten Raum waren und nichts passieren konnte. Was genau seine Motivation war wusste Gareth nicht, er vermutete einfach, dass es ihn traurig machte, eine nicht funktionierende Maschine zu sehen.
Sie verbrachten den ganzen Morgen damit, an der Deuplacer herumzuschrauben. Gareth lernte dabei, dass er zwar alle möglichen Manöver im Flug kannte und alles, was er im Cockpit zu tun hatte, er aber keine Ahnung hatte, wie ein Motor eigentlich funktionierte. Caliban, der schon als Kind Spielzeuge lieber zerlegt und wieder zusammengesetzt, als tatsächlich damit gespielt hatte, nahm ohne zu Zögern Teile auseinander, löste Schrauben, drehte andere fester, steckte Kabel aus und wieder ein und sagte schliesslich zur Mittagszeit:
«Die Treibstoffzylinder 2 und 3 sind hinüber, der Puffer ist löchrig, die Äthylenglykolleitung hat ein Leck und die Titanschrauben 34 und 234 sind angerostet», sagte Caliban, «ohne Ersatzteile wird das nichts.»
Gareth nickte zustimmend. Er musste sich darauf verlassen, dass Caliban recht hatte, denn er hatte nach Treibstoffzylinder keine Ahnung mehr gehabt, was sein Bruder gesagt hatte. Beim Mittagessen ratterte Caliban unablässig eine Liste von verfügbaren und möglichen Teilen herunter, während Gareth lustlos in seinem Essen rumstocherte. Cira setzte sich neben ihn und lächelte ihn an. «Wo wart ihr zwei denn? Ich habe euch den ganzen Morgen gesucht.»
«Im Keller», sagte Caliban, «wir haben…»
«Eine Überraschung», fiel Gareth seinem Bruder ins Wort.
«Eine Überraschung?», fragte Cira und musterte ihn misstrauisch.
«Ja», sagte Gareth und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Der Versuch, ein souveränes Lächeln aufzusetzen, scheiterte grandios. «Na gut», sagte Cira, offenbar verstört durch Gareths seltsamen Gesichtsausdruck, «ich freu mich.»
Sie drehte sich weg und sprach mit Fisher, die sich ebenfalls hingesetzt hatte. Gareth sah, dass sie einen mitleidigen Blick aufgesetzt hatte, der garantiert nicht Cira galt.
«Jetzt hast du ein Problem», sagte Caliban in einem hochnäsigen Ton, der gar nicht zu ihm passte.  
«Wieso?», fragte Gareth.
«Weil ich keine Ersatzteile herzaubern kann. Ohne Ersatzteile wird das nichts mit dir und Schnuckiputz», sagte Caliban. Seine Stimme klang merkwürdig gereizt. Und jetzt wurde Gareth auch klar wieso. «Moment Mal, dachtest du etwa ich würde mit dir fliegen wollen?»
Er sah in seine Augen und erkannte, dass er genau das gedacht hatte. «Cal, verdammt, ich dachte, das sei offensichtlich, ich…», er brach ab. Plötzlich war ihm eine Idee gekommen. Er beugte sich zu Caliban hinüber und sagte: «Hör zu, es tut mir leid, ich verspreche, ich flieg auch mit dir, und jetzt hol ich uns unsere Ersatzteile.»
Gareth war darauf aufmerksam geworden, weil Prinz Ikarus am anderen Ende des Tisches aufgestanden und seine Frau einen Moment allein gelassen hatte. Gareth huschte am Tisch entlang und blieb hinter ihr stehen. «Ähm», sagte er zögernd, «Mylady?»
Er kam sich dumm vor bei der Anrede, aber das war der beste Ausdruck, der ihm einfiel. Leara drehte den Kopf zu ihm, wobei ihr wunderschönes Haar um ihr Gesicht tanzte. «Ja?», fragte sie.
«Das Königshaus hat doch sicher eine Werkstatt, wo es seine Schiffe reparieren lässt», sagte Gareth. Leara sah ihn verwundert an, nickte aber. «Wäre es möglich, ein paar Teile hierher zu bestellen. Per Express, wenn möglich. Ich meine, wenn Sie, Sie sind doch sowas wie der zukünftige Chef von…»
«Was willst du mit Einzelteilen von Schiffen?», fragte Leara verwirrt.
«Mein Bruder, naja, er ist ein wenig seltsam, aber er ist ein leidenschaftlicher Bastler und leider hat er, nun, er bastelt an einem Geburtstagsgeschenk für unsere Schwester und er braucht dringend ein paar bestimmte Teile.»
Gareth war diese Lüge spontan eingefallen, weil er fürchtete, wenn er den genauen Grund nannte, würde Sie es ihm verbieten. Schliesslich gehörte das Schiff nicht ihm und höchstwahrscheinlich gehörte es sogar Leara oder Ikarus selbst.
«Oh, natürlich», sagte Leara freundlich, «was braucht er denn?»
Gareth öffnete triumphierend den Mund, verstummte dann und sagte: «Eine Sekunde.»
Er rannte den Tisch zurück zu Caliban, zog ihn von seinem Stuhl und vor die Prinzgemahlin. Nachdem Caliban die Liste runtergemurmelt und dabei die Decke bestaunt hatte, drehte er sich weg und ging davon. Leara sah ihm verwirrt hinterher. Gareth flüsterte: «Ich sag ja, ein bisschen seltsam.»
Dann drehte er sich weg und ging Caliban hinterher, der bereits den Raum verlassen hatte.

Gareth wusste nicht genau, wie schnell die Lieferungen auf Suksamad normalerweise an ihrem Ziel ankamen. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass Lieferungen wohl nur dann innerhalb von einer Stunde ankamen, wenn die Frau des Kronprinzen etwas bestellte. Und so schraubte Caliban den ganzen Nachmittag am Motor herum, während Gareth im Cockpit sass und nach seinen Anweisungen Knöpfe drückte und Hebel umlegte. Schliesslich, es war später Nachmittag, war es soweit.
«Hauptzündung», sagte Caliban, nachdem er unter dem Schiff hervorgekommen war. Gareth atmete einmal tief durch, dann drückte er den Knopf. Es rumpelte ein wenig. Einmal, zweimal, dreimal keuchte und ächzte der Motor, dann sprang er an. Die Turbinen leuchteten hellblau auf und das Schiff hob ein paar Zentimeter ab. Gareth war begeistert. Der Steuerknüppel unter seinen Händen vibrierte erwartungsfroh. «Läuft!», brüllte er gegen den Lärm des Motors an. Er überprüfte die Anzeige. Kühlung lief. Treibstoff war auch in Ordnung. Das hatte ihnen Sorge bereitet, der Treibstoff war vielleicht viele Jahre dort drin gewesen. Zufrieden fuhr Gareth die Maschinen wieder herunter. Er öffnete das Verdeck und sah Caliban ins Gesicht. Er hatte einen Gesichtsausdruck aufgesetzt, als wäre soeben verkündet worden, dass er nie wieder Diktate schreiben müsste.
«Hör zu», sagte Gareth, der das Gefühl hatte, seinem Bruder etwas schuldig zu sein, «wir sollten vielleicht eine Proberunde drehen. Nicht, dass mit Cira etwas passiert und sie nicht weiss, was sie tun soll, weil sie kein Genie ist wie du.»
Gareth kam es vor, dass er den Satz noch gar nicht beendet hatte, als Caliban schon neben ihm sass.
«Hast du», wollte Gareth fragen, als die grossen Scharniere über ihm ächzten und im nächsten Moment Sonnenlicht den Raum flutete. «Na schön», sagte Gareth, «dann legen wir los.»
Vorsichtig hob er die Deuplace durch die Öffnung in der Decke nach draussen. Einen Moment blieben sie in der Schwebe. «Warte kurz», sagte Caliban und fixierte seine Augen auf den Bordcomputer vor ihm, der seine momentane Position angab. «Gut, kann losgehen.»
Dann gab Gareth Gas.
Es war unvergleichlich. Gareth war begeistert und gleichzeitig froh, dass er sich für diese Proberunde mit Cal entschieden hatte. Wenn nicht, hätte er sich auf seinem Ausflug mit Cira gar nicht auf diese konzentrieren können, denn die Deuplace zog ihn in ihren Bann. Es war ein ganz anderes Gefühl als die schwere, grosse Mondblitz zu navigieren. Die Deuplace reagierte auf die kleinsten Bewegungen mit dem Steuerknüppel. Es fühlte sich fast an, als würde man selbst fliegen, ganz ohne Hilfsmittel. Sie schossen über die Felder hinweg, binnen Sekunden war das Schloss ausser Sichtweite und Gareth war froh, dass Caliban sich die Koordinaten des Schlosses gemerkt hatte. Er zog die Deuplace hoch in den Himmel. Er wagte nicht, mit ihr ins All zu fliegen, aber ein bisschen wollte er das Schiff schon ausreizen. Sie donnerten über das Gebirge hinweg und tauchten in die Wolken und schliesslich wieder herunter. «Das ist der Hammer», schrie Gareth und ging scharf in die Kurve. Sie flogen noch eine ganze Weile, dann sagte Gareth mit einem Blick auf die halbleere Tankanzeige.
«Na schön, Cal, fliegen wir wieder nach Hause», sagte er und Caliban tippte die Koordinaten ein. Nach wenigen Minuten waren sie wieder am Ursprungsort angekommen. Gareth landete die Deuplace vorsichtig im Raum und öffnete das Verdeck. «Das war super», sagte er. Cira wird das lieben, dachte er sich. Mit einem Glücksgefühl im Magen schwang er sich von der Deuplace auf den Boden und stand direkt vor Prinz Ikarus, der ihn finster ansah.
«Was soll das?», fragte er und in seiner Stimme brodelte es. Gareths Hochgefühl verpuffte wie die letzten Rauchwölkchen, die aus den Triebwerken stoben. «Wir, wir haben die Deuplace repariert», sagte er, «die stand hier nur rum, ich dachte…»
«Oh, ihr dachtet, ihr bastelt einfach mal ein bisschen rum, wie toll. Ich weiss ja nicht wie es auf eurem drittklassigen Frachter zugeht, aber hier auf Suksamad nehmen wir nicht einfach das Eigentum anderer und treiben damit Unsinn!». Die Stimme es Prinzen hatte jede Spur von Erhabenheit abgelegt. Jetzt sprach der blanke Zorn aus ihm.
«Das wird Konsequenzen haben, ich sorge dafür, dass…»
«Ik?»
Leara war aufgetaucht. «Was machst du denn hier unten? Was ist das hier überhaupt?»
«Nicht jetzt», fauchte der Prinz und wandte sich wieder Gareth zu. Er war ein wenig kleiner als er, doch in seinen Augen funkelte es bedrohlich. «Ich hätte Lust, euch verhaften zu lassen.»
«Ik», sagte Leara beruhigend, «jetzt bleib doch…»
«Geh wieder hoch, Leara, das geht dich nichts an», fauchte der Prinz erneut. Hinter Gareth war Caliban aufgetaucht.
«Wir waren vorsichtig», sagte Gareth, «und ausserdem war sie nutzlos, bevor wir sie repariert haben, wir haben also nicht…»
«Halt die Klappe», fauchte Ikarus ihn an und packte ihn am Kragen. «Ich werde…»
Es geschah, bevor Gareth es verhindern konnte. Alles, was er wahrnahm, war eine plötzliche Bewegung, ein Schmerzensschrei und bevor er richtig nachdachte, handelte er instinktiv und packte Caliban an den Schultern. «CAL!», schrie er entsetzt und zog seinen Bruder zurück. Der Prinz lag am Boden und hielt sich den Kopf dort, wo Caliban ihn mit voller Wucht erwischt hatte. Sein Gesicht war weiss vor Zorn und Tränen des Schmerzens standen in seinen Augen.
«Cal», sagte Gareth entsetzt und hielt seinen Bruder zurück, der sich in seinem Griff wand und nach dem Prinzen trat, der aber ausser Reichweite lag. «Er….darf…..dir…..nicht……drohen…..», presste Caliban hervor. Während Leara herbeigeilt war und Ikarus auf die Beine half. «Ik, bitte, wir sollten….»
Doch der Prinz hatte einen Grad der Wut erreicht, der auf Dinge wie Vernunft nur noch spucken konnte.
«Lass mich», sagte er und stiess die Hand seiner Frau weg. Gareth zog Caliban weiter weg von ihm und hielt ihn immer noch im Klammergriff. Ikarus funkelte ihn an, dann drehte er sich um und stapfte davon. Gareth wusste, dass diese Sache nur noch schlimmer werden konnte.
Er eilte die Treppe hinauf, immer darauf bedacht, Caliban hinter sich zu halten, er kam aus der Tür hinaus und das erste, was er sah, war seine Mutter, die auf ihn zuschritt. «Was ist hier eigentlich los?», donnerte sie, «wessen Schiff war das?»
«Ich», begann Gareth, doch in diesem Moment kam Ikarus zurück, zornesrot und mit seinen Wachen im Schlepptau. «Nehmt die beiden fest», keuchte er und Mira drehte sich zu ihm um. «Mein Prinz», sagte sie freundlich, «würdet ihr...»
«Aus dem Weg», fauchte der Prinz sie an. Mira dachte aber gar nicht daran, aus dem Weg zu gehen. Im Gegenteil. Sie stellte sich zwischen den Prinzen und ihre Söhne. «Erklärt mir das. Auf der Stelle.»
Der Befehlston, den sie anschlug, schaffte das Unmögliche, nämlich Ikarus noch rasender zu machen. Leara drängte sich an ihnen vorbei und nahm ihn die Arme. «Ik, Ik, jetzt beruhig dich doch.»
Doch Ikarus war nicht zu beruhigen. Seine Wachmänner traten vor. «Captain Brower, treten Sie beiseite», bellte einer unwirsch. Der Lärm hatte den Rest des Hauses angelockt. Manz kam herbeigeilt, begleitet von Fisher, Tayla und Jake. Lesa sah dem Geschehen eine Sekunde zu, packte dann Phina und zog sie zurück in den Raum, aus dem sie gekommen war.
«Manz, der Prinz will scheinbar unsere Söhne verhaften», sagte Mira und Manz blieb stehen. «Was?», fragte er, «Gareth, was hast du angestellt?»
«Er hat mein Eigentum gestohlen und mich dann angegriffen», sagte Ikarus kühl. Manz sah ihn verständnislos an. «Ist das wahr?», fragte er. «Nein», sagte Gareth schnell, «wir haben nur ein altes Schiff repariert und eine Proberunde geflogen, wir haben überhaupt nichts gestohlen.»
«Der Bengel hat mich geschlagen», zischte Ikarus und deutete auf Caliban.
«Er hats verdient», sagte Caliban knapp, «er hat Gareth gedroht.»
Auf Manz Gesicht machte sich ein schwer zu definierender Ausdruck breit. Dann sagte er mit der ruhigsten Stimme, die er hinbekam. «Mein Prinz, ich muss mich entschuldigen. Mein Sohn ist…»
«Ein Psychopath», donnerte Ikarus, «ein Irrer, ich…»
Er verstummte plötzlich. Dann griff er sich an den Hals, hustete und fiel auf die Knie . «IK!», schrie Leara entsetzt und ging zu ihm. «Es, es geht schon», sagte er, «hab, hab keine Luft gekriegt. Er rieb sich den Hals. Gareth sah verwundert von dem Prinzen zu seinem Vater, der nicht ihn oder den Prinzen, sondern Fisher anstarrte. Plötzlich fröstelte es ihn. In Fishers Gesicht stand ein Hass, der nichts gleichkam, was er je gesehen hatte, selbst dem des Prinzen nicht. «Ich glaube, wir setzen uns jetzt hin und reden», sagte Manz ruhig. Ikarus rieb sich den Hals und sah sich nun nicht mehr zornig, sondern entsetzt um.
«Komm, komm, Ik, wir setzen uns hin und kühlen unsere Gemüter ein wenig», sagte Leara und führte ihn mit sanfter Gewalt ins Nebenzimmer. Die Wachmänner standen immer noch da. «Ich glaube, sie werden nicht länger gebraucht», sagte Mira und sah ihnen in die Augen. Sie wollten widersprechen. Sie hatten ihre Befehle, doch Mira war eine von der Königin offiziell beauftragte Autoritätsperson, der sie ohne weiteren ausdrücklichen Befehl ihres Prinzen offenbar nicht zu Leibe rücken wollte. Sie drehten sich um und gingen.
«Mutter…»
«Auf eure Zimmer», sagte Mira kühl, «das hat noch ein Nachspiel, verlasst euch drauf.»
 
Als die Jungen davongetrottet waren, packte Manz Fisher an der Schulter. «Was fällt dir eigentlich ein?», fragte er zornig, doch etwas Unsichtbares riss seine Hand weg. Eine Kälte trieb ihm Gänsehaut über die Arme.
«Ach, was denn? Komm schon Manz, dieser arrogante Mistsack behandelt uns wie Menschen zweiter Klasse, er fühlt sich ja sogar zu erhaben, um überhaupt mit uns zu sprechen. Wir sollten einfach gehen, mal sehen, wie erhaben er sich noch fühlt, wenn die entflohenen Putschisten seiner habhaft werden.»
Sie stiess ihn beiseite und verschwand ebenfalls nach oben. Sie wuchtete die Tür ihres Zimmers auf, schlug sie zu, dass die Wände wackelten und warf sich aufs Bett. Das war dumm gewesen. Sie hatte gerade alles riskiert, nur weil sie wütend gewesen war. Sie war gefährlich, wenn sie wütend war, das wusste sie. Sie hatte es dann nicht immer im Griff. Sie drehte sich im Bett um und starrte an die Decke. Ihr Atem wurde langsamer, und so auch ihr Herzschlag. Die Kälte wich aus ihr. Sie schloss die Augen. Sie atmete langsam und ruhig. Es war alles in Ordnung. Es war alles gut. Zumindest, bis plötzlich das Licht in ihrem Zimmer ausging.

Sie starrte an die Decke, die nun nur noch von den letzten Strahlen der Abendsonne erhellt wurde. «Nein», sagte sie und es klang furchtbar flehend, «nein, komm schon, nicht jetzt, ich will nicht.»
Sie drehte sich um und setzte sich im Bett auf. Sie atmete tief ein und seufzte. «Ich hasse euch, Meisterin», sagte sie, «ich hasse euch dafür, dass ihr mich zu einem guten Menschen erzogen habt.»
Sie stand auf und griff ihre Jacke. «Bitte, lass es die Sicherung sein», murmelte sie, während sie auf dem Gang draussen auf die Treppe zu rannte. «Bitte lass es die Sicherung sein, ich habe keine Lust, sein Leben zu retten.»
«Es ist nicht die Sicherung.»
Fisher zuckte zusammen. Caliban stand neben ihr. «Das ist ein Staatsgebäude, es ist mit Generatoren versehen, die auf externen fossilen oder nachhaltigen Brennstoffen arbeiten. Der einzige Grund, warum es in einem Gebäude dieser Bauart einen Stromausfall gibt, ist grossflächige Sabotage.»
Fisher blieb stehen. «Na schön, bleib hier, schliess die Tür ab und warte, bis ich euch hole.»
Mit einem scharfen Blick sah sie Gareth an, der hinter Caliban aus dem Zimmer gekommen war und den Reisverschluss seiner Uniformjacke hochzog. Als sie sich weigerten, schob Fisher die beiden mit erstaunlicher Kraft zurück ins Zimmer und knallte ihnen die Tür vor der Nase zu. Caliban setzte sich wieder aufs Bett. Er war immer noch aufgewühlt gewesen und hatte ganz vergessen, dass er ein eigenes Zimmer hatte, weshalb er mit Gareth in sein Zimmer gegangen war. Dieser hatte, aus ähnlichen Gründen, nicht einmal Einspruch erhoben. Sie sassen auf ihren Betten. Gareth legte sich hin. «Ich fühl mich beschissen», sagte er matt, «warum versau ich eigentlich immer alles? Die Abschlussfeier, die Prüfung, die Sache mit Cira, ich glaub, auf mir lastet ein Fluch.»
«So etwas wie Flüche gibt es nicht», sagte Caliban.
«Wenn du meinst», sagte Gareth. Er starrte die Decke an. Das Licht der Sonne schwand rasch. Nicht mehr lange, dann würde es hier komplett dunkel werden.
«Weisst du Cal, ich hatte da einfach dieses Gefühl, bei Cira. Schon früher. Ich dachte, wir gehören einfach zusammen. Weisst du, was ich meine?»
«Nein», sagte Caliban emotionslos und ehrlich.
«Naja, stell dir mal vor, ich hatte von Anfang an das Gefühl, ich bin ein Zylinderschlüssel und Cira das perfekt zu mir passende Schloss. Weisst du, einfach perfekt, es passt zwischen uns beiden und sonst niemandem.»
«Oh», sagte Caliban, «das versteh ich.»
«Gut», sagte Gareth.
«Und dieser Typ auf der Abschlussfeier war in diesem Fall ein äusserst geübter Schlossknacker, der sich Zugriff auf dein Schloss verschaffen wollte, obwohl er keinen Schlüssel hatte?»
«Weisst du was, reden wir doch über was anderes.»
«Du hast ihn auch geschlagen, weil er unsittlich war. Dich hat niemand angeschnauzt», sagte Caliban, «ich versteh das nicht, Gareth.»
Gareth wurde es unangenehm. Er wusste, dass sein Bruder es nicht begriff, dass Menschen nicht immer einer durchgehenden Logik folgten. Es fiel ihm schwer, Gefühle zu deuten, oder Ironie und Sarkasmus zu erkennen, und wenn ein Mensch, aus welchem Grund auch immer, auf die gleiche Situation nicht immer gleich reagiert, dann verwirrte ihn das.
«Mutter war nur aufgebracht», sagte Gareth, «sie wird verstehen, was du getan hast. Lass uns nicht weiter darüber nachdenken.»
Doch bevor Gareth ein neues Thema anschlagen konnte, klopfte es an der Tür. Plötzlich überkam in ein wenig Angst. Er stand leise auf und griff nach der Nachttischlampe, die in Reichweite stand. Er stellte sich neben die Tür und fragte: «Wer ist da?»
«Ich bins», ertönte die Stimme seines Vaters, «mach die Tür auf.»

Ein paar Minuten später fanden sich alle im Esszimmer ein, welches von Kerzen erleuchtet wurde. Der Prinz sass am anderen Ende des Tisches. Gareth gab sich grosse Mühe, stets in die andere Richtung zu sehen. Seine Mutter baute sich in der Mitte des Raumes vor dem Tisch auf. «Wir wissen nicht genau, was los ist. Ihr bleibt alle hier, während ich, Manz und Fisher und Mr. Darkivos die Räumlichkeiten durchsuchen.»
Gareth hatte keine Ahnung, wer Mr. Dakivos war, er vermutete allerdings, dass es einer der beiden Wachmänner sein musste.
«Ich würde im Keller nachsehen, mir war, als wäre dort ein Fenster offen gewesen», sagte der Prinz mit sarkastischer Stimme.
«Jemand meinte ja, dass es nicht nötig sei, die Umstände über offene Fenster allen klarzumachen», fauchte Fisher zornig zurück.
«Carly», sagte Mira scharf, «wenn du dich nicht im Stande siehst, diese…»
«Es geht mir gut», sagte Fisher ruhig. Das Kerzenlicht schien einen seltsamen Gelbstich in ihre Augen zu werfen, «es geht mir sehr gut.»
«Schön», sagte Mira, «Manz und ich gehen nach unten, du und Dakivos, ihr geht nach oben.»
Sie verliessen den Raum. Dakivos stand an der Tür, doch Fisher ging nicht zu ihm. Sie setzte sich neben den Prinzen auf den Tisch, welcher sie argwöhnisch ansah. «Hey», sagte sie, immer noch mit ruhiger Stimme, «es tut mir leid, er ist mein Patensohn, und ich mag ihn wirklich sehr. Manchmal habe ich fast schon mütterliche Gefühle für ihn.»
Gareth beobachtete, wie Caliban interessiert eine Kerze anstarrte. Deren Licht zeigte einen deutlichen roten Schimmer in seinem Gesicht.
«Also», sagte Fisher und plötzlich änderte sich etwas in ihrer Stimme. Sie wurde kühl. Das Lächeln verschwand. Und Gareth kam es plötzlich so vor, als würde es im Raum allgemein kühler werden. «Wenn das hier vorbei ist und er mir irgendetwas sagt von wegen du Schnösel hättest ihn ungerecht behandelt, dann lass ich einen Sturm über dich hereinbrechen, dass Cato Verranos Eroberung von Solis dagegen wie ein laues Sommerlüftchen wirkt.»  
Gareth hatte keine Ahnung, was diese Worte bedeuten sollten. Er wusste aber sofort, dass Fisher etwas ganz Schlimmes gesagt haben musste. Der Prinz wich vor ihr zurück, entsetzt, mit kaum noch Farbe im Gesicht. Leara schlug sich die Hände vor den Mund. Der Wachmann, der noch zurückgeblieben war, zuckte zusammen und seine Hände suchten kurz den Kontakt zu seinem Blaster. «Ich nehme an, wir haben uns verstanden», sagte Fisher kühl, stand auf und stolzierte zur Tür hinaus. Gareth konnte das Gesicht von Dakivos nicht sehen, doch es schien ihm, als würde er Fisher nur sehr zögerlich folgen wollen. Ein lautes Geräusch liess ihn zusammenzucken. Ikarus war aufgestanden, hatte dabei seinen Stuhl umgeworfen und ging, ohne sich weiter darum zu kümmern, zum Fenster. Er verschränkte die Arme und starrte hinaus in den Nachthimmel.
Währenddessen kam Cira zu ihm hinüber. «Du hast sein Schiff gestohlen?», fragte sie flüsternd.
«Wir haben es repariert und ausgeborgt», sagte Gareth, wobei es ihm im Nachhinein schwerfiel, ihr Verhalten zu rechtfertigen. Das mit dem Schiff war ihm noch am ehesten egal. Er hatte minutenlang einen riesigen Eingang mitten in ein gesichertes Gebäude offenstehen lassen. Egal, was der Hintergrund war, man liess schliesslich auch nicht die Haustür offen, wenn man wegging. Er war einfach zu abgelenkt gewesen. Zu begeistern von der Deuplace. Zu begeistert vom Gedanken an seinen Plan
«War das die Überraschung, von der du gesprochen hast?», fragte Cira. Gareth nickte verlegen.
«Du wolltest mich also mit `nem schicken Schlitten beeindrucken, wie der hinterletzte Prolet?», sagte sie knapp. «Was?», fragte Gareth verwundert.
«Wie der hinterletzte Prolet», wiederhole Cira, «dachtest du etwa, du müsstest mich mit deinen Flugkünsten beeindrucken. Ich weiss doch, wie gut du fliegen kannst.»
Gareth kam sich, so erstaunlich es nicht zuletzt für ihn selbst war, noch dämlicher vor als vorher.
«Weisst du, was ich wirklich beeindruckend an dir finde?», fragte Cira. Gareth schüttelte den Kopf.
«Du hast immer das Richtige getan. Erinnerst du dich noch daran, als wir Kinder waren?», fragte Cira, «der Spielplatz gleich bei uns im Dorf?»
In Gareths Kopf ging ein schwaches Licht auf. «Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter seine Mutter derart zusammengefaltet hat, dass sie vor ihrem Sohn geheult hat», sagte er dumpf.
«Ja, aber das meinte ich nicht», sagte Cira, «Billy Deslikson war vier Jahre älter und mehr als einen Kopf grösser als du. Alle anderen haben zugesehen, wie er diesen kleinen Jungen gehänselt hat, aber du bist hingegangen und hast gesagt, es reicht. Du hast dich für den Kleinen eingesetzt, obwohl du ihn nicht mal kanntest. DAS war beeindruckend, Gareth. Das du das Richtige tust, auch wenn es für dich unangenehm wird.»
Sie stand auf und ging zurück in die Ecke, in der ihre Tante Lesa sass. Gareth sah ihr nach. Dann ging sein Blick zum Fenster. Er seufzte. Dann stand er auf. Er ging mit schweren Schritten und Ciras Blick meidend auf das Fenster zu. Einen Moment blieb er stehen und überlegte sich, welche Anrede er benutzen sollte. Dann kam er mit sich selbst überein, dass das jetzt keine Rolle spielte. «Hey», sagte er. Der Prinz reagierte nicht. «Es tut mir leid», sagte Gareth, «es tut mir leid, dass wir dein Schiff genommen haben. Es hat dir offenbar viel bedeutet und wir haben das nicht respektiert.»
Er warf einen flüchtigen Seitenblick auf Leara, die ihn wohlwollend anlächelte. Doch der Prinz reagierte nicht. Gareth blieb noch einen Moment stehen, dann drehte er sich um und ging. Er ging zurück zu Caliban und warf einen Blick zu Cira hinüber. Sie schenkte ihm ein Lächeln und irgendwie schafften es seine Gesichtsmuskeln, das Lächeln zu erwidern.
«Es gehörte nicht mir», sagte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um, verwundert, wer gesprochen hatte und bemerkte verdutzt, dass der Prinz ihn ansah. Doch seine Stimme war so weich, so anders als bisher, dass er sie gar nicht als seine erkannt hatte. «Es gehörte meinem Vater», sagte Ikarus leise, «er hat immer mit mir daran gebaut, wenn wir hier waren. Er hat gesagt, dass wir gemeinsam damit fliegen, wenn er fertig ist. Dazu ist es nie gekommen.»
Ikarus setzte sich neben seine Frau. Er sah Gareth nicht an, doch Leara, die ihren Mann in diesem Moment in den Arm nahm, schenkte ihm erneut ein Lächeln. Dann klirrte hinter Gareth Glas und das laute Rumpeln eines schweren Gegenstandes ertönte, der über den Boden rollte. Er blieb vor Gareths Füssen liegen. «Granate!», schrie der Wachmann hinter ihm und Gareth konnte nicht mehr reagieren.
Cira sprang aus ihrem Stuhl auf. Ein Knall war zu hören, ein heller Blitz und eine Druckwelle warf Gareth von den Füssen. «Gareth!», schrie sie, doch der Schrei blieb ihr im Hals stecken, als eine wabernde Wolke von dort, wo Gareth gestanden hatte, sich schnell auszubreiten begann und auf sie zukam. «Gas!», rief Ikarus und zog seine Frau auf die Beine, «raus hier, schnell!»
Cira wollte zu Gareth rennen, doch die Gaswolke erreichte sie vorher. Ihre Augen brannten und tränten. Ihre Glieder wurden schwer. «Gareth», keuchte sie und schleppte sich auf ihn zu. «Gareth.»
Ihre tränenden Augen lieferten ihr kein scharfes Bild. Das Gas löschte die Kerzen, als es ihnen den Sauerstoff entzog. Es wurde dunkel. Sie fiel auf die Knie. Erneut hörte sie Glas klirren, und als sie sich umdrehte, erblickte sie einen Schatten, der sich auf sie zubewegte. Gross und kräftig. Der Schatten drehte sich nach links und rechts. Dann trafen sich ihre Blicke. Der Kopf wirkte deformiert, doch als die Gestalt auf sie zukam hörte sie ein tiefes, rasselndes Atmen, was ihr lahmes Gehirn den Schluss ziehen liess, dass er wohl eine Maske trug, die ihn vor dem Gas schützte. Plötzlich erhellte eine Lichtquelle den Raum, die sich offenbar hinter ihr befand. Ein Zischen, dann zeigte grünes Licht ein von einer Kapuze und halb von einer schwarzen Gasmaske verdecktes Gesicht. Cira schloss die Augen. Hinter ihr hörte sie es ein zweites Mal zischen und sie erkannte vor ihren geschlossenen Augenlieder ein helles Leuchten  gefolgt von einem krachenden Geräusch, dass sie so noch nie in ihrem Leben gehört hatte.


Das nächste, woran sie sich erinnerte, war weiches Gras unter ihren Fingern. Sie öffnete die müden Augen und sah in den Sternenhimmel. Sie sass aufrecht, doch ihr Körper fühlte sich schwer wie Blei an und ihr war nicht klar, wie sie es hinbekam, sorgfältig im Gras zu liegen. Dann fiel ihr auf, dass ihr jemand dabei half. Ihr Kopf fiel zur Seite und sie sah einen Mann. Sein Gesicht lag im Dunkeln, doch sie erkannte im Licht, dass im Gebäude vor ihr offenbar wieder funktionierte, krauses, schwarzes Haar und einen Bart. «S-Sie?», fragte sie verwundert, doch dann schaffte sie es nicht mehr, ihre Augen offen zu halten.
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