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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
Alle Kapitel
95 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
26.10.2020 4.117
 
Heiho^^
Wollte nur mal kurz mitteilen, dass ich erstmal ne Pause einlegen werde.
Denk mal so fünf bis sechs Wochen.
Einfach, um mal wieder bisserl kreative Energie zu tanken, und auch, um die Geschichte an sich weiter zu planen.
Es sind doch mittlerweile einige Figuren und einige Handlungsstränge, und langsam muss ich aufpassen, dass ich mich nicht verhasple^^“
Und wenn ich nur im Kopf hab, ein neues Kapitel zu schreiben, anstatt die Hintergründe für mich auch mal etwas ordentlicher auszuleuchten, fürchte ich, würde das bald passieren^^“

Und an dieser Stelle auch mal wieder ein riesen DANKESCHÖN an alle, die hier lesen, die favorisiert haben, die meine Geschichte empfohlen haben, und auch für jedes einzelne Review! <3<3<3<3<3
Das freut mich mega und spornt echt an! \(^.^)/

Und jetzt viel Spaß mit dem Kapitel, und dann lesen wir uns in ein paar Wochen, in alter Frische :D

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Hank


Gott, es war erst Montagabend, und er hatte trotzdem schon wieder Schädelbrummen. Die ganzen offenen Akten würden ihn in seinen Träumen heimsuchen und ihm ans Leder wollen, wie dieses komische, tollwütige Buch aus Harry Potter, dessen war er sich sicher.
Er stieg aus seinem Oldsmobile aus, zusammen mit den beiden Androiden, streckte sich knackend, rieb seinen Nacken.
Die rosafarbene Dämmerung wurde von einem Wolkenband geschluckt und ließ den Tag noch schneller dunkel werden.
Während er in seiner Jackentasche nach seinem Schlüssel wühlte, blieb sein Blick an Tristan hängen, der die ganze Fahrt über in brütendem Schweigen verbracht hatte.
„Beschissenen Tag gehabt, was?“, fragte er, während er auf die Haustür zuging und aufschloss; Sumo, der den Wagen gehört und auf der anderen Seite gewartet hatte, begrüßte sie mit wedelndem Schwanz.
Tristan blieb ihm eine Antwort schuldig; aber immerhin entschärfte sich seine düstere Ausstrahlung etwas, als Sumo nach Hank und Connor auch ihn anstupste.
„Mach dir nichts draus, es kann nicht immer gut laufen. Und wenn‘s mit Reed zu tun hat – der ist ein Arschloch, lass dich von dem bloß nicht runterziehen. Das ist es nicht wert.“
Tristan hockte jetzt neben Sumo und kraulte dessen Fell, ohne durchscheinen zu lassen, ob er Hank vernommen hatte. Noch immer war da ein harter Zug um die Mundwinkel des Androiden.
Connor, der die Tür schloss, zuckte die Schultern, als Hank ihm einen hilfesuchenden Blick zu warf.
Hank versuchte weiterhin tapfer, ein Gespräch in Gang zu bringen. „Hey, hast du gehört, was Connor vorhat? In Jericho? Keine üble Sache, wenn du mich fragst.“ Nachdem Connor Jeffrey von seinem Vorhaben überzeugen konnte, und die beiden die Konditionen darüber ausgehandelt hatten, ging es Hank besser.
Sein auf Negativität gepoltes Gehirn hatte sich trotz Connors gegenteiliger Versicherungen  ausgemalt, dass Connor jetzt rund um die Uhr auf dem alten Werksgelände sein würde, höchstens noch an den Wochenenden nach Hause kam, nur um dann zu verkünden, wie gut es ihm unter seinen Leuten gefiel und dass er sie bereits wieder vermisste.
Doch tatsächlich würde Connor vorerst nur mit einem Dienstwagen oder Taxi zwei – bis dreimal die Woche an den Nachmittagen dort vorbei fahren, wenn denn nichts akut Dienstliches dazwischen kam. Hank war froh, dass Jeffrey so hart geblieben und Connor nicht noch mehr Zeit zugestanden hatte, und schämte sich gleichzeitig etwas für diesen Gedanken.
„Hast du Detective Reed das Hämatom zugefügt?“, fragte Tristan mit einem Mal, mechanisch, und ohne aufzublicken.
Hank rollte die Augen. „Falls du mir deswegen jetzt ne Predigt halten willst, kannst du dir das sparen. Connor war schon so freundlich, mich über die Gesetze, die ich gebrochen habe, aufzuklären.“
Doch wiederum blieb Tristan stumm, weiterhin auf Sumo konzentriert, und streichelte dem hockenden und hechelnden Bernhardiner in langen Zügen über das Fell; dann fuhr er so schnell auf, das Hank zusammenzuckte. „Ich möchte mit Sumo spazieren gehen. Wäre das in Ordnung?“, fragte er, weiterhin ziemlich reserviert.
„Äh“, machte Hank perplex, „klar, warum nicht? Er muss ja eh noch raus.“
„Gut.“ Und damit griff sich Tristan die Leine, legte sie Sumo an und verließ das Haus.
„Puh“, sagte Hank. „Er ist echt schwer zu greifen. Noch schlimmer als du. Du bist mir mit deinen Fragen zwar auf den Sack gegangen, aber wenigstens gab‘s da Kommunikation.“
Connor hob die Schultern. „Er ist eben nicht ich. Er bewältigt Erfahrungen anders. Seine ursprüngliche Programmierung ist ebenfalls eine andere als die meine. Außerdem wird er einfach Zeit brauchen, um sich an die Umstände anzupassen. Jedenfalls werde ich ihn nicht mehr drängen, zu reden. Und du solltest jetzt etwas essen, Hank. Etwas Anständiges. Hot Dogs, Kaffee und Donuts gelten nicht als vollwertige Mahlzeit.“
Hank brummte. „Jaah, Mama.“
„Hank, ich versuche nur – “
„Ich weiß, was du versuchst, und ich bin dir dankbar dafür“, unterbrach ihn Hank. „Aber du kannst von mir nicht erwarten, dass ich in Jubelstürme ausbreche, wenn du mich mit mehr Grünzeug füttern willst, als eine Kuh fressen würde. Ich nehm‘s hin – “
„Manchmal.“
„ – aber lass mir wenigstens das Meckern.“
Den Speck, der noch eingeschweißt im Kühlschrank lag, bekam Hank zu seinem Bedauern nicht; dafür aber Frischkäse auf seinen Toast, Joghurt, ein paar Cocktailtomaten und einen Apfel; immerhin hatte er Connor dazu überreden können, die Eier in der Pfanne mit angemessen viel Fett zu braten, anstatt sie zu kochen.
Nein, es schmeckte nicht schlecht. Aber verdammt nochmal, es befriedigte nicht so, wie Pizza, Burger, oder alles, was in der Fritteuse gebadet hatte, es konnten. Und trotzdem aß er gerne, weil es sich gut anfühlte, jemandem wichtig genug zu sein, dass der sich für ihn in die Küche stellte.
Er hatte gerade das letzte Stückchen Apfel gekaut und geschluckt, als es an der Tür klopfte.
Connor öffnete und ließ Tristan und Sumo wieder eintreten.
„Hey“, sagte Hank und stellte seinen Teller in die Spüle, „jetzt, wo wir wieder vollzählig sind, wie wär‘s denn, wenn wir den Abend mit einer Runde Kartenspielen ausklingen lassen würden? Hab ich ewig nicht mehr gemacht.“
Fernsehen wäre zwar auch nett, aber nachdem er heute geglaubt hatte, Connor zu verlieren, war ihm mehr nach einer geselligen Runde abseits der Mattscheibe.
Connor lächelte. „Warum nicht? Klingt gut.“
„Danke für das Angebot, aber ich würde gerne passen“, sagte Tristan. „Stattdessen möchte ich dich bitten, mir dein Auto zu leihen. Oder Geld für ein Taxi zu geben.“
„Was?“, sagte Hank erstaunt. „Und wieso?“
„Ich habe eine Verabredung“, sagte Tristan.
„Was?“, sagten Hank und Connor gleichzeitig und starrten ihn an.
„Eine Verabredung“, wiederholte Tristan einsilbig. „Darf ich mir deinen Oldsmobile nun leihen?“
„Warte.“ Hank hob beide Zeigefinger, eine steile Falte zwischen den Augenbrauen. „Du? Hast allen Ernstes eine Verabredung? Mit wem?“
Tristan blähte die Nasenflügel. „Ich habe Jemanden kennen gelernt, und diesen Jemand möchte ich nun besuchen. Darf ich deinen Wagen nun leihen? Die Strecke ist zu lang, um sie an einem Abend zu Fuß zu bewältigen.“
„Wo hast du denn Jemanden kennen gelernt? In Jericho? Oder ne Zeugin?“ Hank grinste. „Oder hast du etwa mit nem Mädel vom DPD angebandelt? Da solltest du aber aufpassen. Die meisten von denen haben‘s faustdick hinter den Ohren.“
Und Tristan seufzte. „Warum ist das von Belang? Ist es verpflichtend, jedes Detail seines Privatlebens auszubreiten, wenn man in einer Gemeinschaft lebt?“
„Öh … nein, aber – “
„Gut. Kann ich mir dein Auto also borgen oder nicht?“
„Ähm.“ Hank war ziemlich überrascht. Und gleichzeitig neugierig. Aber Tristan hatte bereits dicht gemacht. Aus ihm war wohl sonst nichts mehr rauszuholen.
Und im Grunde, warum sollte er dem Jungen nicht diese Freiheit lassen? „Klar“, sagte er darum. „Freut mich für dich, schätze ich.“ Wenigstens brauchte er Tristan nicht darauf hinzuweisen, die Finger von Alkohol oder Drogen zu lassen. Er ging zu dem Kleiderständer, griff in die Jackentasche, holte den Schlüssel hervor, streckte ihn Tristan hin. „Fahr vorsichtig.“
„Werde ich“, erwiderte Tristan monoton, dann wandte er sich um.
„Und viel Spaß“, schob Hank noch hinterher.
„Danke.“
„Und komm nicht zu spät nach Hause.“
Tristan blickte ihn kurz an, die Hand an der Tür, sein Ausdruck wie so oft unergründlich. Dann verließ er das Haus, und nur wenige Momente später tönte das dumpfe Brummen des Oldsmobile zu ihnen durch.
„Wow.“ Hank rieb sich den Nacken. „Erstens“, er deutete auf Connor, „nimm dir mal ein Beispiel. Der schafft nach fünf Tagen, was du in vier Wochen nicht gebacken bekommst. Und zweitens: was war das denn? Sollte man nicht besser gelaunt sein, wenn man ein Date hat?“
„Er sagte Verabredung, nicht Date.“
„Ist das nicht das Gleiche?“
„Nicht zwangsläufig.“ Connor starrte nach wie vor auf die Tür, einen Ausdruck von Sorge auf dem Gesicht; dann seufzte er resigniert und wandte sich an Hank. „Du wolltest spielen?“

Gavin


Er hatte allen Ernstes aufgeräumt; Pizzaschachteln, die Riley und er liegen gelassen hatten, weggeschmissen, seine Klamotten in den Schrank im Schlafzimmer geworfen, die Anrichte gewischt, den Aschenbecher ausgeleert, das Klopapier endlich auf die dafür vorgesehene Halterung gesteckt, anstatt die Rolle nur auf der Fensterbank rumstehen zu lassen.
Und jetzt saß er am Küchentisch, Kippe im Mund, und zockte auf seinem Smartphone Tetris, während sein Blick alle paar Minuten verstohlen zur Uhr huschte, die mittlerweile 20.18 Uhr anzeigte. Gott, am liebsten würde er sich ohrfeigen, so peinlich verhielt er sich.
Gerade so, als würde er die Präsidentin erwarten, und nicht einen alten Freund.
Aber er hatte einiges wett zu machen, und wollte schlicht in einem besseren Licht dastehen als damals, als sie das letzte Mal voneinander gehört hatten.
Als es klingelte, ließ er vor Schreck beinahe sein Handy fallen, weil es in der Wohnung totenstill war.
Er öffnete, und Randy stand vor der Tür.
Als Jugendlicher war er schon cool gewesen, aber jetzt spielten ihm Reife und ein gepflegtes Äußeres noch mehr in die Karten. Er hatte den rebellischen Teenager abgelegt und wirkte nun eher wie ein seriöser Geschäftsmann, die dunklen Haare zurückgegelt, den Vollbart sauber gestutzt, Wintermantel, Schal, Jeans, Boots.
Die große Nase war geblieben, ebenso wie das spitzbübische, einnehmende Grinsen, das sich nun über sein Gesicht zog, während er, die Hände in den Taschen seines Mantels, Gavin musterte.
„Gavin fucking Reed“, sagte er zur Begrüßung, und es klang ähnlich ungläubig wie am Telefon. „Du siehst …“ Er nickte beeindruckt. „Gut aus. Jedenfalls, wenn man mal von dem blauen Fleck absieht.“ Und er deutete vage auf seine eigene Wange. „Was hast du gemacht?“
Gavin zuckte die Schultern. „Kleine Meinungsverschiedenheit.“
„Ah.“ Und er tat einen Schritt in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und streckte Gavin die Hand hin; der schlug ein. „Wie in den guten, alten Zeiten, was?“
„Manche Dinge ändern sich nie.“
„Andere dafür schon.“ Randy ließ den Blick über Gavins Statur gleiten. „Du hast zugelegt. Bist dem Hänflingsalter entwachsen, hm?“, meinte er anerkennend, während er Mantel und Schal abstreifte und an die Garderobe hängte. Darunter trug er einen Pullover.
Randy war ebenfalls größer als Gavin, aber bei ihm störte Gavin sich nicht daran.
„Ganz im Gegensatz zu dir“, gab er beim Anblick von Randys schmaler Statur zurück und grinste ebenfalls.
Randy zuckte die Schultern und spielte Bedauern. „Was soll ich sagen? Ich hab nie irgendwas angesetzt. Weder Muskeln noch Fett.“ Dann sah er sich um, die Arme verschränkt, und schüttelte den Kopf. „Weißt du, ich hab‘s dir erst nicht geglaubt, dass du mittlerweile wieder wie ein bescheidener Mittelständler leben sollst. Aber tatsächlich …“ Sein Blick schweifte über den Ausschnitt des Wohnzimmers, den er von seiner Position aus sehen konnte, ebenso wie über die Küche und die anderen beiden Türen, die zu Bad und Schlafzimmer führten. „Das könnten um die fünfzig Quadratmeter sein.“
„Natürlich sind sie das. Wenn man mitkriegt, dass man selbst putzen muss, kann jeder Meter zuviel sein. Meine einzige Bedingung war, dass ich beim Kacken nicht auf mein Bett gucken kann.“ Er versuchte es mit Selbstironie, und es schien zu funktionieren. Randy lachte.
Danach führte er sie beide in die Küche und wollte zwei Bier auf den Tisch stellen, was Randy zu Gavins Erstaunen jedoch ablehnte und stattdessen um ein Glas Wasser bat. Und als er missbilligend brummte, weil Gavin sich eine Kippe anstecken wollte, war der wirklich verwirrt.
„Was ist los? Sag bloß, du hast aufgehört?“
„Allerdings“, gab Randy zurück. „Und du solltest das auch tun.“
Gavin schnaubte. „Du wirst doch nicht nach der langen Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, als erstes den Moralapostel spielen, oder? Ich brauch keine Predigten. Wenn du die Finger davon lassen kannst, schön. Aber ich werde selbst entscheiden, was ich mit meiner Lunge anstelle.“
Randy sah nicht glücklich aus, aber er verkniff sich jeden weiteren Kommentar, und die nächste halbe Stunde brachten sie damit zu, sich, was das Leben des jeweils anderen betraf, auf den neuesten Stand zu bringen. Trotz der langen Zeitspanne, die sie sich nicht gesehen hatten, war das Reden einfach, die Haltung entspannt, die Witze und Frotzeleien altvertraut, als hätte es die letzten sechzehn Jahre nicht gegeben. Und Gavin genoss es. Er hatte vergessen, wie sehr er das Gefühl vermisst hatte, mit einem Menschen auf einer Wellenlänge zu sein.
Er erfuhr, gespickt mit allerlei Anekdoten, dass Randy mittlerweile verheiratet war und eine kleine Tochter hatte; außerdem war er in einer privaten Arbeitsvermittlung tätig, was zwar kein großes Gehalt ergab, aber seine Frau verdiente gut genug, dass Randy es sich leisten konnte; für ihn war es nicht nur Beruf, sondern Berufung, Menschen, gerade in der heutigen Zeit, und vor allem gerade jetzt, nach dieser bescheuerten Revolution, zu einem Job zu verhelfen; und seine Frau liebte ihn für sein soziales Engagement und hielt ihm den Rücken frei.
Randy wiederum war erstaunt und beeindruckt über Gavins Laufbahn als Cop; dass war das Letzte, dass er ihm zugetraut hätte, wie er sagte. Was er ihm allerdings zugetraut hatte, war –
„Sicher bist du noch allein. Du warst nie der Sesshafte, du hast immer auf deinen Spaß und deine Freiheit bestanden.
Trotzdem würde ich es mir für dich wünschen. Du glaubst gar nicht, wie schön es sein kann, nach Hause zu kommen, und da steht ein Mensch, der sich freut, wirklich freut, dass du da bist. Ich meine, ich hab es selbst nicht geglaubt, dass mir sowas mal passieren würde. Dass ich mich überhaupt auf sowas einlassen könnte.“ Randy nahm einen Schluck von seinem Wasser. „Aber Eileen ist das Beste, was mir passieren konnte. Rebecca ist das Beste, was mir passieren konnte. Die Kleine kann ein Satansbraten sein – das können sie beide – aber wenn ich sie verlieren würde, würde ich durchdrehen.“
Gavin betrachtete Randys Gefühlsduseligkeit mit einem unverbindlichen Lächeln, aber innerlich schwankte er zwischen Augen verdrehen und Lachen.
Da war tatsächlich Jemand gezähmt worden. Nun, vielleicht hätte Gavin es sich denken sollen. Konnte ja nicht jeder so unabhängig bleiben wie er selbst. Aber es entspannte ihn auch. Dadurch brach ein Stück von Randys Coolness weg, und auch, wenn Randy es anders sehen mochte, fühlte Gavin sich nun wie der Gewinner.
„Apropos“, setzte Randy an, „hast du noch Kontakt zu deinen Eltern?“
Gavins Mundwinkel sanken herab. War klar, dass irgendwann auch die heiklen Themen auf den Tisch kamen.
Er schüttelte den Kopf, erklärte jedoch nichts, sondern trank nur von seinem Bier.
Randy beugte sich vor. „Dann solltest du ihn wieder aufnehmen. Ich habe keine Ahnung, was zwischen euch vorgefallen ist – “
„Du weißt, dass etwas vorgefallen ist?“, fragte Gavin erstaunt und angespannt.
„Ja, allerdings. Nachdem du damals auf keine Nachricht mehr reagiert hast, hab ich bei dir Zuhause angerufen. Dein Dad meinte nur, dass du fort bist, und dass es auch gut so ist, weil er dich nicht mehr reinlassen würde, selbst wenn du wieder angekrochen kämst. Ich gebe zu, dass hat mich erschreckt. Und ich hätte auch gern gewusst, was los war. Aber weil wir uns vorher auch schon kaum noch gesehen hatten, und du offensichtlich keine Lust mehr auf unsere Freundschaft hattest, hab ich‘s dabei belassen. Ich weiß nicht, ob du‘s mir jetzt erzählen willst – “ Randy legte eine Pause ein und blickte Gavin an; der jedoch reagierte nicht auf die unausgesprochene Aufforderung, sondern trank nur einen weiteren Schluck Bier.
„Familie ist wichtig“, setzte Randy verstimmt fort. „Du hast nur die eine. Egal, was passiert ist – spring über deinen Schatten und entschuldige dich.“
„Das heißt, du hast Kontakt zu deinen Eltern, ja?“, fragte Gavin schnippisch; er mochte es nicht, gescholten zu werden wie ein kleiner Junge.
„Nein“, gab Randy düster zurück.
„Achso, aha“, sagte Gavin sarkastisch.
„Dad ist weg und Mum ist tot“, sagte Randy.
In der Küche wurde es still.
„Scheiße“, sagte Gavin. „Das – das tut mir Leid.“ Das tat es wirklich. Er hatte die beiden gekannt, und vor allem Randys Mutter wirklich gemocht. Eine lebensfrohe Frau. Und außerdem jünger als Gavins Eltern.
„Was ist denn passiert?“
Randy schloss die Augen, atmete ein paar Mal durch, bevor er sie wieder öffnete. „Dad hatte keine Lust mehr auf uns und ist abgehauen. Das Geld wurde knapp, Mum immer niedergeschlagener, und hat ihren Frust in sich reingefressen. Sie war nie die Schlankste, das weißt du, aber irgendwann hat das Ausmaße angenommen, die …“ Er brach ab, sammelte sich. „Ist auch egal. Jedenfalls hat sie einen Herzinfarkt gekriegt, kurz nachdem wir das Geld für eine Magenverkleinerung zusammen hatten.
Das war vor zehn Jahren. Darum nochmal – “ Wieder beugte Randy sich vor. „Familie ist wichtig. Du bereust es, wenn mit deiner Mum und deinem Dad etwas passiert, ohne dass ihr euch ausgesprochen habt.“
Gavin wand sich auf seinem Stuhl.
Verständlich, dass Randy jetzt so sprach; trotzdem hatte Gavin so gar keine Lust auf dieses Thema.
„Ich überleg‘s mir“, log er, ohne rot zu werden; dann griff er nach seiner Bierflasche, trank wieder und um das Gespräch von seinen Eltern wegzulenken, deutete er damit auf Randys Wasserglas. „Hat dein Verzicht auf Alkohol und Nikotin mit dem zu tun, was passiert ist?“
Randy lehnte sich zurück, die Arme verschränkt. „Wir haben einiges mit Mum mitgemacht. Und spätestens, als Rebecca auf die Welt kam, war mir klar, dass ich nicht auf alles scheißen darf.“
„Du warst doch immer schlank.“
„Schlank ist nicht gleichbedeutend mit gesund, Gavin. Außerdem bringt es nichts, wenn ich meiner Tochter predige, dass sie auf sich achten soll, und selbst zieh ich mir dann Fast Food, Kippen und alles andere rein, nur weil es so aussieht, als könnte ich es mir leisten.“
„Das bedeutet, wir können nicht um die Häuser ziehen?“, fragte Gavin mit einem zurückhaltenden Lächeln, in dem sich der Wunsch versteckte, auch in Zukunft etwas miteinander zu unternehmen. Sie beide mussten morgen früh raus, und dieser eine kurze Abend reichte längst nicht, um die Zeit, die sie miteinander verpasst hatten, wieder aufzuholen.
Und Gavin wollte wirklich gern wieder aufholen. Scheißegal, was Randy gerade für einen Öko-Trip fuhr, Gavin hatte bemerkt, dass dieser Kerl immer noch der Mensch war, bei dem er sich am wohlsten fühlte, auch nach all den Jahren noch.
Und er hatte bemerkt, dass er Jemanden, mit dem er frei und ungezwungen reden konnte, wirklich mal wieder gebrauchen konnte.
Zu Gavins Erleichterung grinste Randy ebenfalls. „Das hat keiner gesagt. Du wirst es nicht glauben, aber ich hab mal gehört, dass man auch in Bars alkoholfreies Zeug kriegt.“
„Nein, ernsthaft? Das klingt mir aber wie ein Mythos“, witzelte Gavin.
„Doch, wirklich“, gab Randy zurück und machte auf todernst. „Ich hab schon beobachtet, dass Leute aus solchen Einrichtungen kamen, die nicht auf den Bürgersteig gekotzt haben.“
„Tatsächlich?“ Gavin spielte mit. „Dann sollten wir diesem Mysterium unbedingt auf den Grund gehen.“
Doch anstatt weiter auf die Albernheit einzugehen, betrachtete Randy ihn nur mit sanftem Lächeln.
„Was?“, fragte Gavin irritiert.
„Ich bin wirklich froh, dass du von deinem hohen Ross runtergekommen bist“, antwortete er. „Als ihr damals in das Loft umgezogen seid und einen Arsch voll Geld hattet, warst du kaum noch zu ertragen. Und die Lackaffen, mit denen du rumgehangen hast … Gott, ich dachte wirklich, die hätten dir eine Gehirnwäsche verpasst.“
„Tja, hätte man meinen können“, sagte Gavin gedehnt, „und aus heutiger Sicht würde ich die Ausrede auch gern benutzen, aber die Wahrheit ist“, er zuckte die Schultern, „ich war einfach ein Arschloch, dem die Kohle zu Kopf gestiegen ist. Und ich hab‘s nicht mal mitgekriegt, dass ich den einzigen Menschen, der mir wirklich ein Freund war, damit verprellt habe. Ich hab ernsthaft damit gerechnet, dass du mir am Telefon bloß ein ´Fick dich´ an den Kopf knallst und wieder auflegst.“
„Ich hab überlegt, genau das zu tun“, sagte Randy mit schrägem Grinsen.
„Und ich bin froh, dass du‘s nicht getan hast“, erwiderte Gavin ernst.
Erneut wurde es still und die Stimmung zwischen ihnen bekam eine seltsame Färbung – irgendwas zwischen Melancholie, Zuneigung und peinlichem Berührtsein, weil sie immer noch Männer waren, verdammt.
Dann vibrierte Randys Hosentasche. Er zog sein Smartphone heraus und fuhr mit dem Finger über den Bildschirm.
Sein Gesicht verzog sich, als hätte er Zahnschmerzen. „Oh shit“, murmelte er. „Das gibt Stunk.“ Er zuckte mit den Schultern und grinste schief. „Aber wenigstens weiß ich jetzt, wo das Glas hin ist.“
„Was ist los?“
„Tjaa“, machte Randy. „Ich hab gestern wohl die Erdnussbutter rumstehen lassen, anstatt sie in den Schrank zu räumen. Heute morgen war sie nicht mehr da. Ich hab mir keine Gedanken darum gemacht. Hätte ich mal besser machen sollen.“
„Wieso?“
„Naja, so, wie‘s aussieht, hat Becky das Glas genommen und versteckt. Und jetzt hat sie es ausgepackt und als Wandfarbe benutzt. Und Eileen flippt aus. Ich soll sofort nach Hause kommen, schreibt sie.“
Gavin betrachtete ihn mit scheelem Blick. „Das ist jetzt aber kein Wenn‘s-mir-zu-nervig-wird-schick-mir-ne-Nachricht-und-rette-mich-damit-Move, oder?“
„Bitte, Gavin“, sagte Randy aufrichtig empört. „Traust du mir den Scheiß echt zu? Wenn du mir auf den Sack gehst, sag ich dir das ins Gesicht, das weißt du. Oh, hier.“ Und er lehnte sich zu Gavin hinüber, sodass sie beide das Display sehen konnten; offensichtlich hatte Randy ein Video geschickt bekommen.
Darauf zu sehen war ein hübsch gestaltetes Mädchen-Zimmer mit Comic-Tieren an der Wand – bloß, dass die Giraffe jetzt aussah, als litt sie an hellbraunem Durchfall. Und auch der grüne Bettbezug und der Teppich hatten einen neuen Anstrich bekommen.
„Und so sieht das aus, wenn du tust, was ich dir sage!“, fauchte eine aufgebrachte Frauenstimme aus dem Off. „Du weißt, dass dieses kleine Früchtchen gerade in einer Phase ist, in der sie jeden Müll ausprobiert und uns allein aus Prinzip auf der Nase rumtanzt, Herrgott! Und trotzdem schaffst du es nicht, mal ein bisschen aufzupassen! Langsam hab ich echt die Schnauze voll!“
Die Kamera schwenkte um und zeigte jetzt ein Frauengesicht mit brünetten Haaren, dass mit Sicherheit hübsch war, aber die Froschperspektive und ihr wütender Blick waren eine ungünstige Mischung, um das wirklich beurteilen zu können.
„Ich hab sie jetzt in die Badewanne gepackt und mach sie sauber!“, zischte sie mit geblähten Nasenflügeln. „Aber den Rest putzt du! Und zwar sofort! Also trab an, sonst lass ich mich scheiden!“
Dann sah sie weg und das Bild fror in Schlieren ein.
„Oh, wow.“ Gavin lachte. „Das klingt ja echt nach ganz großer Liebe. Und als würde sie sich ´wirklich freuen, wenn du nach Hause kommst´“, wiederholte er Randys Worte von eben.
„Ha ha“, machte Randy humorlos. „Sie ist gestresst. Gehst du nicht an die Decke, wenn du gestresst bist?“
„Nein. Denn ich komme nach Hause und hab meine Ruhe. Und manchmal Riley.“
„Riley?“
Randy war schon auf dem Sprung. Er trank noch sein Glas leer, verstaute sein Smartphone und erhob sich.
„Ein Mädchen, mit dem ich mich öfter treffe“, antwortete Gavin und folgte ihm in den Flur. „Aber nichts Festes und auch nichts Verbindliches. Die Fronten habe ich von Anfang an geklärt.“
Randy schlüpfte in seinen Mantel und band sich den Schal um. Er seufzte kopfschüttelnd.
„Irgendwann erwischt‘s dich auch noch mal, und dann schmier ich dir das unter die Nase.“
„Kümmer du dich erstmal um die Schmierereien deiner Tochter“, gab Gavin feixend zurück und schlug Randy auf die Schulter. „Ich denk auch an dich, während ich den Rest des Abends auf der Couch gammeln werde und mich nur noch mit der Frage beschäftige, wo ich mir mein Essen bestelle und ob ich mir einen Action-Streifen reinziehe oder Riley flachlege.“ Demonstrativ überlegend tippte er sich an‘s Kinn. „Vielleicht mach ich auch beides gleichzeitig. Die Kleine ist gerade Anfang Zwanzig und will unbedingt noch als cool gelten.“
„Ich weiß nicht, ob ich dich bemitleiden oder dir eine reinhauen soll“, sagte Randy und grinste wieder schief.
„Du darfst mich beneiden. Und dir überlegen, was wir nächstes Mal unternehmen.“
Randy schüttelte den Kopf. „Du hast dich nicht in allen Belangen verändert.“ Es könnte wie ein Vorwurf klingen, wenn Randy nicht versuchen würde, seine amüsierte Miene zu verstecken.
„Tja“, gab Gavin zurück. „Einer von uns muss sich ja treu bleiben. Grüß deine Frau von mir.“
Als er wieder allein war, meldete er sich nicht bei Riley. Und er bestellte auch nichts. Aber er gammelte vor der Glotze. Und als er schlafen ging, schlief er gut.
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