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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
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Dieses Kapitel
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11.10.2020 3.350
 
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Gavin


Natürlich war er nicht in seinem Pick-up sitzen geblieben. Natürlich begleitete er die verdammte Maschine in jedes verdammte Geschäft, das sie ansteuerte. Weil die verdammte Maschine keine Marke besaß, mit der sie sich ausweisen konnte. Weil die verdammte Maschine eine verdammte Maschine war, wie ein Balg, dass man zum ersten Schultag an die Hand nehmen musste, damit es unter all den Fremden nicht unterging. Aber er würde einen Scheißdreck tun, und sich Mühe geben. Mochte sein, dass Tristan Fowler hatte bequatschen können, von wegen Gleichberechtigung und das Licht, in dem die menschliche Polizei dastehen würde, und blablabla; aber deswegen konnte man von Gavin noch lange nicht verlangen, diese Sinnlosigkeit zu unterstützen.
Zumal er mit seiner Vorhersage Recht behielt. Mit jeder Befragung, die Tristan durchführte, schien der Android miesepetriger und frustrierter zu werden. Natürlich versuchte er es zu verstecken, aber Gavin konnte es trotzdem sehen.
Die vorletzte Befragung fand in einem kleinen aber schnöseligen Laden in einer Mall statt und schien genauso wenig Früchte zu tragen wie die vorherigen.
Gavin hörte kaum zu. Nachdem er sich und Tristan vorgestellt hatte, ließ er Tristan machen, und tingelte selbst ein wenig durch den Laden, griff sich wahllos Kleidungsstücke, schüttelte den Kopf über die Preise.
Es gab mal eine Zeit, da hatte er es genossen, sich den teuren Kram leisten zu können, und ja, verdammt, ein kleiner, neidischer Teil in ihm vermisste diese Zeit, als er damit hatte angeben können. Aber das war lange vorbei, und stattdessen rümpfte er lieber die Nase über die feinen Pinkel, die Daddys Kohle zum Fenster rauswarfen oder zufällig an der Börse Glück gehabt hatten.
Er wusste jetzt, was harte Arbeit war, und davon hatten die Geldsäcke eben keine Ahnung.
Schließlich war der Blechsack fertig und ging auf die Ladentür zu, ohne ein Wort zu sagen. Gavin hängte das Sakko weg, nickte dem Angestellten zu, der etwas irritiert schien, und folgte Tristan hinaus auf die Galerie der halbwegs mit Shoppenden gefüllten Mall.
Gavin konnte Tristan nur von hinten sehen, doch er schien wirklich angefressen zu sein, denn jeder der Einkaufenden, der ihm entgegenkam, wich ihm aus. Oder sie waren eingeschüchtert von der LED.
Konnte auch sein.
Vermutlich eine Mischung aus beidem.
Gavin holte ihn erst auf der Rolltreppe ein, die ihn ausgebremst hatte, weil die meisten es nicht eilig hatten oder einfach zu faul waren, noch extra zu laufen.
„Nichts, was?“
Tristans Gesichtsausdruck blieb hart und unbewegt.
„Tja, was hast du erwartet, bei den mickrigen Beschreibungen von dem Typ? Dass er vor den Überwachungskameras Lambada tanzt? Seine Lieblingsverkäufer mit Selfie-Fotos beglückt? Oder einen Zettel an die Ladentür klebt, mit seiner Adresse und einem Geständnis?“
Am Kiefer des Androiden zuckte ein Muskel.
Kurz überlegte Gavin, ob er sich auf dünnem Eis bewegte; aber Himmel, wenn Tristan ihn angriff, konnte er der Maschine wenigstens endlich ins Gesicht schießen – und hatte hunderte von Zeugen, die bestätigen würden, dass Gavin sich nur verteidigt hatte. „Hast du dir schon mal überlegt, dass es einen Grund gibt, warum so viele Fälle zu den Akten gelegt werden, huh? Dass du auch nicht perfekt bist? Dass du genauso versagst wie alle anderen? Oder geht das über deine Klugscheißer-Ehre?“
Sie kamen am Ende der Treppe an, und sobald Platz war, marschierte Tristan mit großen Schritten auf den Ausgang der Mall zu und schlug dabei wiederum eine Schneise in die Gruppen von Shoppenden.
Gavin hatte Mühe, ihm hinterher zu kommen. Nachdem sie ein kleines, reich geschmücktes Weihnachtsdorf inklusive roter Couch für den Nikolaus und ein paar Plastikrentieren umrundet hatten, bemerkte Gavin nebenher einen KFC, der sogar (im Gegensatz zu einem Drittel der anderen Geschäfte in der Mall) geöffnet hatte.
„Ey!“, rief er dem Androiden nach. „Wenn ich dich schon sinnloser Weise durch die Gegend kutschieren muss, hol mir wenigstens den Kentucky Bucket!“
Tristan blieb so abrupt stehen, dass Gavin beinahe in ihn reingekracht wäre; als der Android sich umdrehte, sah er wirklich aus wie der Terminator.
„Kaufen. Sie. Sich. Ihr Fastfood. Allein!“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Hätte es zu diesem Satz Untertitel gegeben, hätten sie in etwa wie folgt gelautet: „Geh mir noch weiter auf den Sack, und ich weide dich aus!“
Gavin gab sich unbeeindruckt (wenigstens nach außen hin; die ungewohnt mörderische Ausstrahlung des Androiden ließ ihn peinlicher Weise nicht ganz kalt). „Du verträgst aber auch gar nichts, was? Fein, du Pussy, dann schmoll eben. Ich jedenfalls hab Hunger.“ Und damit hielt er auf den Laden zu, in dem nur eine Handvoll Leute saßen.
„Ich würde mich gern in den Wagen setzen, Detective“, sagte Tristan mit kalter, erhobener Stimme, um die Geräuschkulisse in der Mall zu übertönen.
Gavin drehte sich im Gehen um die eigene Achse und warf dem Androiden in einer schwungvollen Bewegung den Autoschlüssel zu. „Wenn du wegfährst, zeig ich dich wegen Diebstahl an“, rief er noch über die Schulter.
Eine Antwort erhielt er nicht, und er blickte sich auch nicht um.
Während er zehn Minuten später an einem der Tische saß und sich in aller Ruhe die knusprigen Hähnchenteile zu Gemüte führte, blickte er auf sein Smartphone herab, und auf die Nummer, die er sich am Morgen eingespeichert hatte; sein Daumen schwebte unschlüssig über dem grünen Hörer.
Es war so verdammt lang her …
Und er hatte keine Ahnung, mit welcher Reaktion er zu rechnen hatte.
Aber andererseits, was hatte er schon zu verlieren?
Er berührte den Touchscreen und hielt sich das Smartphone ans Ohr. Das Freizeichen erklang.
So ungern Gavin das auch zugab, aber er fühlte Nervosität in seinem Magen rumoren, während er wartete.
Es klingelte nicht lange, doch bis Gavin ein „Ja?“ vernahm, schlug sein Puls bereits ein wenig schneller.
„Randy?“
„Ja?“, hörte er es wieder, diesmal zurückhaltender.
Gavin atmete nochmal durch, bevor er sagte: „Ich bin‘s. Gavin.“
Am anderen Ende der Leitung wurde es still. So lange, dass Gavin bereits glaubte, Randy hätte einfach wieder aufgelegt.
Dann: „Etwa Gavin Reed?
„Der und kein anderer“, erwiderte Gavin.
„Mann. Das glaub ich jetzt nicht. Gavin fucking Reed. Dass ich das noch erleben darf. Wie komme ich zu der Ehre?“
Gavin fuhr sich über den Nacken. „Ich hab dich letztens in der Stadt gesehen. Du bist an mir vorbeigefahren. Und … ich weiß auch nicht. Ich dachte, ich ruf einfach mal an. Wollte mal wissen, wie‘s dir geht. Was du so machst.“
„Okay …“, sagte Randy überrascht. „Wow, ähm. Hör mal, es ist gerade schlecht. Ich bin bei der Arbeit, die Mittagspause ist fast rum. Wohnst du in Detroit?“
Gavin nickte überflüssiger Weise. „Ja“, sagte er.
„Wie wär‘s denn, wenn wir uns treffen? Wir – wir könnten was trinken. Ein bisschen quatschen. Uns auf den neuesten Stand bringen.“
Irgendwas in Gavin entspannte sich. Ein kleiner Teil in ihm war davon ausgegangen, er bekäme bloß ein paar Beleidigungen an den Kopf geknallt, und damit hätte sich die Sache erledigt.
„Ja klar, klingt gut. Ich hätte heute abend Zeit.“
„Schön, ich auch. Wo willst du hin?“
„Du könntest zu mir kommen.“ Gavin hatte den Satz ausgesprochen, bevor er sich davon abhalten konnte. Schnell schob er hinterher: „Meine Lieblingsbar hat grad geschlossen.“
„Oh – klar. Ganz wie du willst. Wo wohnst du?“
Gavin nannte seine Adresse. Es war sicher merkwürdig, jemanden, den man seit sechzehn Jahren nicht gesehen hatte, direkt in die eigene Wohnung einzuladen (ehemals bester Freund hin oder her) – aber irgendwie hatte er das starke Bedürfnis, Randy zu zeigen, wie er lebte.
„Innenstadt“, stellte Randy fest. „Okay.“
„Vierter Stock, Apartment 10B“, erklärte Gavin schnell. „Nette Nachbarn. Zwei-Zimmer-Wohnung. Fünfzig Quadratmeter.“ Er kam sich in dem Moment blöd vor, als er das aussprach; und ärgerte sich über sein unsouveränes Verhalten.
„Fünfzig Quadratmeter?“ Randy lachte. „Sowas nennt man dann wohl ´downgraden´.“
„Zwangsweise. Aber das war auch gut so.“
In der Leitung wurde es kurz still. „Du klingst anders als früher, Gav“, sagte Randy, und sein Tonfall war sanft.
„Ich hab mich auch verändert.“
„Gut. Schön. Dann komm ich heute abend vorbei. Wann?“
„Gegen acht? Ich denke, dann sollte ich daheim sein.“
„In Ordnung. Soll ich irgendwas mitbringen?“
„Nein, lass stecken. Ich hab zu trinken da, was fehlt, bestellen wir uns einfach.“
„Alles klar. Dann … sehen wir uns heute abend.“
Gavin nickte erneut. „Sehen wir uns heute abend.“
Er ließ das Smartphone sinken, steckte es wieder in seine Tasche; dann bedeckte er sein Gesicht mit der Hand.
Was war das denn gewesen?!
Er hatte geklungen wie ein Nerd, der unbedingt die Anerkennung des coolsten Klassenkameraden haben wollte.
Aber … war es nicht auch so?
Nein. Nicht ganz. Er wusste nur mittlerweile, dass er sich damals wie ein Arsch benommen hatte – und das wollte er Randy auch beweisen.
Er rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf über sich. Hoffentlich lief das nachher etwas besser. Hoffentlich verhielt er sich selbstbewusster.
Das restliche Hähnchenfleisch schlang er geistesabwesend herunter, trug das Tablett weg und begab sich zu seinem Wagen.
Als er hinter dem Lenkrad und neben dem Androiden saß, sprach er kein Wort, sondern ließ sich von diesem nur zu dem letzten der Klamottenläden dirigieren.
Vor dem Telefonat hätte er Tristan noch damit aufgezogen, als auch diese Befragung nichts ergab. Aber jetzt war es ihm egal.
Er hing mit den Gedanken woanders.


Tony


Er hatte ihnen gesagt, dass er Hunger hatte – was definitiv nicht gelogen war, weil er seit der Kotzerei in der Nacht nichts Festes mehr zu sich genommen hatte, und sein Magen sich nun, nach Unmengen an frischer, kalter Luft, ausreichend zeitlichem Abstand und dem extremen Adrenalinschub vor Hunger fast schmerzhaft zusammenzog.
Doch der Hauptgrund für sein Verschwinden war, dass er Ruhe brauchte. Abstand zu allen anderen, um seine Gedanken zu ordnen; also hatte er, nachdem er sich in der Stadt Bagels und Cola gekauft hatte, an seinem Stammplatz am Straßenrand vor Jericho geparkt und war einfach sitzen geblieben, um genau das zu versuchen.
Er hatte vorgehabt, Jericho wieder zu verlassen. Aber jetzt … ?
Ralph hätte sich beinahe für ihn umgebracht. Er war trotz seiner immensen Angst vor Menschen allein durch halb Detroit geschlichen, nur, weil er dachte, dass Tony in Schwierigkeiten steckte. Und wie er Dex und den anderen diese Aktion erklären sollte, war ihm immer noch nicht eingefallen.
Auch weiterhin ignorierte er die Nachrichten, die mittlerweile ziemlich genervt klangen. Angefressen. „Dann mach deinen Scheiß doch allein“ – mäßig.
Er ließ sich von Techno-Musik beschallen, hatte die Arme über das Lenkrad gelegt, den Kopf darin vergraben, war in seinem eigenen, kleinen Bereich. Das Thirium hatte er sich mittlerweile mit Schnee von den Händen gewaschen. Die Bilder loszuwerden, fiel ihm nicht so leicht.
Der Anblick der blauen Flüssigkeit, wie sie zwischen seinen Fingern hervorsprudelte. Ralphs flatternde Augenlider. Seine trägen Bewegungen, als er schwächer und schwächer wurde. Und immer wieder das Echo des Schusses.
Kurz zog er an der Kippe, ließ den Kopf gleich wieder sinken.
In seinem Bauch rumorte die Bagel-Cola-Mischung. Er spürte Asche auf seine Finger fallen.
Er konnte nicht leugnen, dass er gerne bleiben würde.
Nur … wollten die anderen das auch? Vor allem nach diesem Vorfall?
Mit Martin kam er gut klar, das stimmte. Aber womöglich nur deswegen, weil Martin von Grund auf ein ausgeglichenes, freundliches Wesen hatte.
Felicia wiederum … sie schien durchaus entspannter im Umgang mit ihm zu werden, aber hin und wieder blitzten Missbilligung und Ärger durch.
Von den ganzen anderen Abweichlern mal ganz abgesehen. Noch hatte ihn keiner aufgrund seiner Herkunft offen fertig gemacht oder wäre gar auf ihn losgegangen, aber die abschätzigen Blicke und ablehnende Haltung einiger von ihnen spürte er dennoch ziemlich gut.
Und dann war da noch …
Er schreckte hoch, als er plötzlich die Beifahrertür aufgehen hörte, und blinzelte verwundert. „Simon?!“
Der Android ließ sich in den Sitz gleiten, schloss die Tür wieder und schaltete die Anlage aus. Im Auto wurde es still.
„Ich habe mit Felicia geredet“, begann er ohne Umschweife. „Sie hat mir übertragen, was passiert ist.“
„Oh“, machte Tony und schrumpfte etwas in sich zusammen. „Okay …“ Keine Begrüßung, kein freundliches Wort, nichts. Scheiße, warum war er vorhin nicht einfach zu seinem Zimmer geschlichen, hatte seine Sachen geholt und war verschwunden? Ralph hätte das schon irgendwann verkraftet.
„Wir überlegen, Anzeige zu erstatten. Was denkst du?“
Tonys Herzschlag beschleunigte sich. „Was?“
„Anzeige. Wegen schwerer Körperverletzung. Was denkst du?“
Er spürte regelrecht, wie sich Simons Blicke in seine Haut bohrten, während er selbst es nicht wagte, aufzuschauen. Verdammt nochmal …
„Ähm … ich weiß nicht … was hält Ralph denn davon?“
„Mit ihm habe ich nicht geredet. Ich würde zuerst gerne deine Meinung darüber erfahren.“
Tony kaute auf der Innenseite seiner Unterlippe. Er zog noch einmal an seiner Zigarette, dann drückte er sie aus. Das war ein Test, das war klar. Und er würde ihn versieben.
„Ich schätze, ich kann mir vorstellen, was du hören willst, aber …“ Sein Herz pochte laut; er sah Simon nicht an, sondern stierte nur auf das Tachometer.
„Verstehe.“ Das klang enttäuscht. Und Tony wünschte sich ganz weit weg. Am liebsten einfach wieder in Dex‘ Wohnung zurück. Da hatte er wenigstens nicht permanent das Gefühl, der Arsch zu sein; oder darauf aufpassen zu müssen, was er sagte.
„Und verlassen möchtest du Jericho auch?“, setzte Simon fort. „Und ausgerechnet zu dem Typen zurückkehren, der dich rausgeschmissen hat? Der einen unserer Leute angeschossen hat und mich vergewaltigen wollte?“
Tony knetete seine Hände.
„Und so jemand ist dir allen Ernstes wichtiger als wir? Oder als Gerechtigkeit?“
„Oh Gott, Simon, bitte“, platzte es aus ihm heraus. „Drück das doch nicht so aus! Das stimmt gar nicht. Ich will nur nicht – “
„Als wir uns kennengelernt hatten, und du mich in Schutz genommen hast, hast du ihm damit gedroht, für mich auszusagen, sollte ich Anzeige erstatten. War das gelogen?“
„Nein! Ja … Ich weiß nicht …“ Tony barg das Gesicht in den Händen; er war den Tränen nahe. „Ich wollte ihn damit unter Druck setzen. Weil ich weiß, dass das bei ihm zieht.“
„Das bedeutet, wenn er auf deine Drohung nicht eingegangen wäre, hättest du ihn machen lassen?“
„Nein!“, stieß Tony aus und sah Simon wütend an. „Das bedeutet, es hätte in einer Schlägerei geendet! Keine Ahnung, wer gewonnen hätte, aber an dir hätte er danach definitiv kein Interesse mehr gehabt. Hör zu – “ Grimmig wischte er sich über die Augen. „Er ist mir nicht wichtiger als ihr. Und selbst wenn – wäre das nicht legitim? Er ist ein Arschloch, ja, aber er ist eben auch mein Freund. Und das schon seit ein paar Jahren. Es gab ne Menge Stress mit ihm, aber er hat mich schon mehrfach aus der Scheiße geholt. Nachdem ich aus dem Knast raus war, hat er mich aufgenommen. Er hat es sogar akzeptiert, dass ich mit Drogen nichts mehr am Hut haben wollte. Ich musste keine Miete zahlen. Bloß Futter ranschaffen für alle. Außerdem hat er anscheinend gedacht, Ralph hätte mir was getan. Weiß nicht, wieso, aber – “
„Ja, das habe ich auch raushören können.“ Simons Stimme klang unbeeindruckt.
Tony fühlte sich gequält. „Ich hätte ihn zusammengetreten, wenn Ralph nicht mehr auf die Beine gekommen wäre. Und ich werd ihn jetzt auch zusammenfalten, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Aber wenn er noch mehr Ärger mit den Bullen kriegt, fährt er ein. Ich – “
„Ich habe auch rausgehört“, begann Simon, als hätte er Tonys Worte gar nicht wahrgenommen, „dass du dich für Ralph wirklich eingesetzt hast.“
Tony schob die Lippen zusammen, zuckte die Schultern. „Ich mag ihn. Er ist ein Freak, aber ich mag ihn echt gern. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn er nicht mehr aufgewacht wäre. Vor allem, weil ich das verbockt hab.“ Er ließ den Kopf hängen und zupfte an seinem fransigen Ärmelsaum.
„Du hast es nicht verbockt“, sagte Simon, und Tony schaute auf. Der Tonfall des Androiden war nachsichtig. Er seufzte. „Weißt du, ich denke, ich kann … deine Gedanken nachvollziehen … in gewissem Maße … weil sie meinen gar nicht so unähnlich sind. Aber du musst auch mich verstehen. Das sind meine Leute. Ich will nicht zulassen, dass sie ständig verletzt werden, und die Täter unbehelligt davonkommen. Dann wird sich in den Köpfen der Menschen nie etwas verändern.“
Natürlich konnte Tony das verstehen. Trotzdem war ihm schlecht. Am liebsten hätte er auf Simon eingeredet, wenigstens in diesem einen Fall noch Gnade vor Recht walten zu lassen, denn immerhin ging es Ralph wieder gut; aber das wagte er sich nicht. „Und das heißt jetzt?“, fragte er darum nur.
„Es gibt da Jemanden, bei dem ich mir erst ein Urteil einholen möchte. Danach sehen wir weiter.“
„Oh … okay …“  Also war es doch noch nicht beschlossene Sache. Tony schöpfte Hoffnung.
„Möchtest du eigentlich wirklich gehen?“, fragte Simon mit einem Mal, der Ausdruck, der auf Tony lag, unergründlich.
„Uhm …“, machte Tony, „soll ich denn gehen?“
„Diese Entscheidung kann dir keiner abnehmen. Aber …“ Simon ließ ihn ein paar Sekunden schmoren. „Ich hatte den Eindruck, dass Ralph sehr unglücklich darüber wäre.“
Tony schnaubte auf.  „Ja, wahrscheinlich.“ Er hatte auf andere Worte ge –
„Und … ich glaube auch, es würde etwas fehlen, wenn der kleine Pausenraum wieder leer wäre.“
Tony schaute erneut zu Simon, und – sein Magen machte einen Satz – entdeckte in dem Gesicht des Androiden ein kleines Lächeln. Simon zögerte etwas, dann streckte er den Arm aus und drückte kurz Tonys Schulter. „Wie auch immer du dich entscheidest – “ Doch er verstummte, und wirkte mit einem Mal ernst und konzentriert.
„Was ist denn?“, fragte Tony verwirrt, doch Simon schüttelte nur den Kopf; ein paar stille Sekunden später erklärte er: „Am südöstlichen Teil des Zauns ist eine Gruppe von Demonstranten, die zu randalieren begonnen haben. Tut mir Leid, aber ich muss dorthin.“
„Kann ich helfen?“
„Nein. Wir haben Abweichler aus dem Militär, der Security und Polizei. Bisher ließen sich solche Vorfälle immer regeln. Trotzdem danke für dein Angebot.“
„Okay. Aber kannst du mir Bescheid sagen, wenn sich das erledigt hat? Damit ich weiß, dass bei dir alles klar ist?“
Wieder betrachtete ihn Simon unverwandt, und wiederum bildete sich kurz darauf ein kleines Lächeln. „Mach ich.“
Und damit stieg er aus, steckte allerdings seinen Kopf noch einmal in das Auto. „Du möchtest bloß, dass es jedem gut geht. Eigentlich eine lobenswerte Eigenschaft. Pass nur auf, dass du sie nicht an die Falschen verschwendest.“ Dann fiel die Tür zu.
Trotz flackerte in Tony auf, der sich darüber beschweren wollte, dass Simon schlecht wissen konnte, wer die ´Falschen´ waren. Aber den Einwand ignorierte er. Hatte er vor zwanzig Sekunden noch geglaubt, es komplett verschissen zu haben, fühlte er sich jetzt wesentlich leichter und konnte sich ein Grinsen nicht verbeißen.
Er schaute Simon nach, wie der die zugeschneite Straße herunter eilte, dann ließ er sich in den Sitz sinken und schloss die Augen. Automatisch fingerte er an dem Kippenpäckchen herum und angelte sich eine heraus, steckte sie zwischen die Lippen, zündete sie an.
Simon glaubte, es würde etwas fehlen … mit anderen Worten, ihm würde etwas fehlen, wenn Tony wieder weg war. Konnte er das so interpretieren? Er würde gerne.
Aber selbst wenn es nur auf freundschaftlicher Basis lief, es hatte einfach gut getan, von Simon wieder angelächelt zu werden, nachdem dieser eine Abend zwischen ihnen so furchtbar in die Hose gegangen war.
Er blies Rauchkringel in die Luft und war deutlich relaxter. Simon war ihm gegenüber wieder aufgeschlossener. Ralph war putzmunter. In Martin hatte er vielleicht eine Art Freund gefunden. Mit Felicia kam er ganz gut aus. Und falls sonst jemand in Jericho ein Problem mit ihm hatte, sollte der ihn am Arsch lecken.
(Nur die Unsicherheit, wie es wegen Dex weitergehen sollte, trübte seine Stimmung, aber die Sorge darum schob er vehement von sich; das würde sich schon irgendwie klären.)
Er hielt sich jedenfalls daran fest, dass es nur wieder besser werden konnte.
Schließlich stieg er aus, stapfte beschwingt durch den Schnee auf Jerichos Tore zu, telefonierte kurz mit Martin, um sich den Weg erklären zu lassen, und fand ihn und Ralph bald in einem abgelegeneren Teil des Geländes, wie sie versuchten, mit zwei Rattenkadavern ein paar streunende Katzen anzulocken.
Ralph war enthusiastisch aber ungeduldig bei der Sache, während Martin, nur halbwegs erfolgreich, Ruhe in die Angelegenheit zu bringen versuchte. Tony betrachtete das mit einem warmen Lächeln, gesellte sich dann zu den beiden und unterstützte sie; und irgendwann wagte sich eine magere Dreifarbige tatsächlich näher und beschnüffelte mit langgestrecktem Hals und vorsichtiger Neugier das Rattenfell.
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