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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
Alle Kapitel
95 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
27.09.2020 3.418
 
Wow, wieder zwei Empfehlungen :D
War mal ne ganze Zeit Flaute, als wir noch so bei 20 Empfehlungen waren, oder so (was aber auch schon echt viel ist O.o), und jetzt gibts Sternenregen xD
Vielen Dank, echt x) lieb von euch <3
Freut mich total, wenn die Story ankommt x3

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Tony


- Alter was war da los! -

- ??? -

- Was war das mitdem fuck androdi mann?! -

- Androiden!? -

- Has thd du jetz das kack handy ausgrmacht?!! -

- Arsxhloch! -

- Meld dich halt mal!! -

- Warum hast du dem teil geholfen?! Läufdt du noch ganz rund?! -

- Wir haben und voll sorgen gemacht! Das ding hst irgend ne scheiße gelabert wegen dir! Der wollte auf uns losgehn! -

- Wir dachten der hätte dir was getan ??? -

- Wer warn die andern da überhaupt? -

Tony hatte das Smartphone wieder eingeschaltet, weil er nicht mit seinen chaotischen, panikbelasteten Gedanken allein bleiben wollte. Und jetzt fuhr er sich über die Stirn, während er die ganzen Nachrichten betrachtete, die von Dex gekommen waren.
Er hatte keine Ahnung, wie er erklären sollte, was passiert war. Was immer er im Chat schreiben würde, wäre schräg. Weil er auf der Party mit keinem Wort erwähnt hatte, wo er die vergangenen Nächte gepennt hatte. Weil er nicht so recht einschätzen konnte, wie seine Leute darauf reagieren würden. Weil er nicht so recht einschätzen konnte, was vor allem die vorletzte Nachricht zu bedeuten hatte.
Ralph sollte ihm etwas getan haben?
Wie kamen die darauf?
Ralph hatte ihn doch gesucht? Oder nicht?
Gott, was eine Scheiße.
Er wusste langsam nicht mehr, was er denken sollte. Brachte wohl auch nichts. Für‘s Erste entschied er, nicht zu antworten und schaltete den Bildschirm aus. Nur um ihn gleich wieder einzuschalten. Er ertrug nicht, dass sich die Horrorszenarien, die sich in seinem Hirn abspielen wollten, wieder näher rückten; also durchforstete er seine Handygames, öffnete eines, spielte kurz, verlor die Nerven, öffnete das nächste. Der Ablauf wiederholte sich einige Male. Wie von selbst tastete sich seine freie Hand in seinen Parka und erst als er Qualm einatmete, merkte er, dass er sich eine Kippe angesteckt hatte.
Kurz schaute er auf, suchte Felicias Blick. Das hier war eine Art Krankenhaus, die Patienten andererseits wiederum auch keine Menschen.
Sie sah etwas verkniffen aus, doch sie zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Hier raucht sonst keiner. Da ist nie was festgelegt worden.“
„Stört‘s denn?“
Wieder hob sie die Schultern. „Mir ist‘s egal.“
Martin regte sich überhaupt nicht. Er saß im Schneidersitz auf dem Beton und stierte den Boden an. Es schien nicht so, als hätte er von ihrer Unterhaltung etwas mitbekommen.
Und ansonsten achtete ebenfalls keiner auf ihn. Die meisten Androiden waren zu beschäftigt, um auch nur einen Blick für das eh etwas im Abseits sitzende Grüppchen übrig zu haben.
Tony nahm noch einen Zug, wandte sich erneut seinem Handy zu und wollte sich gerade auf die Suche nach irgendwelchen sinnentleerten Meme-Videos machen, als er hinter sich lautes Stimmengewirr vernahm. Er riss seinen Kopf so schnell herum, dass seine Wirbelsäule gefährlich knackte, und starrte, ebenso wie Felicia und Martin, auf die weiße Plane, während er sich den schmerzenden Nacken rieb.
Ein paar Sekunden hielt das Durcheinander an, und ihm war nicht möglich, herauszufiltern, was da gesprochen wurde. Aber er war sich ziemlich sicher, Ralphs Stimme aufgeschnappt zu haben.
Oder … ?
Spielte ihm seine Psyche bloß einen Streich, weil er unbedingt wollte, dass er Ralph gehört hatte? Er war auf den Beinen, Felicia und Martin ebenso; schnell trat er die Kippe aus, dann stürzte er ihnen hinterher und reckte den Hals in dem Versuch, über die beiden drüber sehen zu können, die die Köpfe durch die Plastikplane gesteckt hatten.
„Ganz ruhig“, waren die ersten Worte, die er hörte; er konnte einen Teil der Androidin, die sie ausgesprochen hatte, durch den breiten Spalt in der Plane sehen.
„Können wir rein?“, fragte Felicia.
„Nicht so gern. Hier ist nicht viel Platz. Lasst uns draußen sprechen.“
Martin und Felicia traten zurück, um sie vorbei zu lassen. Bevor die Plane wieder zurück glitt, ließ Tony es sich jedoch nicht nehmen, einen Blick auf Ralph zu werfen; der hing an einem Tropf mit blauer Flüssigkeit und lag bis zum Bauch zugedeckt, mit freiem Oberkörper und unverändert reglos auf dem Behandlungstisch. Also doch ein Streich seiner Sinne? Er versuchte die Übelkeit niederzuringen und sich auf die Androidin im weißen Kittel zu konzentrieren. Die blauen Schlieren auf ihrer durchsichtigen Schürze waren dabei nicht hilfreich.
Doch als sich ihre Lippen zu einem Lächeln bogen, spürte er eine Welle der Erleichterung durch seinen Körper schwappen, und als sie sagte: „Er kommt durch. Ohne weitere Schäden“, ging Tony tatsächlich für ein paar tiefe Atemzüge in die Hocke und barg das Gesicht in den Händen.
„Wir haben ihn hochgefahren, weil wir ihm das restliche Thirium zum Trinken geben wollten, aber er schien sehr durcheinander, wütend und verängstigt, also haben wir ihn erneut in den Standby versetzt und ihn an den Tropf gehängt. Jetzt dauert es eben etwas länger, bis wir ihn entlassen können. Ihr seid Freunde von ihm, richtig?“
Tony, Felicia und Martin nickten.
„Dann solltet ihr besser bei ihm sein, wenn die Thiriumkonserve durchgelaufen ist. In der Hoffnung, dass ihn das beruhigt. Wir können es uns nicht leisten, dass er vor lauter Schreck zu randalieren anfängt.“
„Klar“, sagte Martin.
„Ähm … könnte man da eigentlich was machen?“, fragte Tony.
„Machen?“
„Na, die Narben im Gesicht. Könnte man das wieder richten?“
Die Androidin zögerte. „Könnte man schon. Allerdings wäre es eine ziemlich aufwendige Prozedur. Ist die Frage, ob er das wöllte.“
„Naja, er ist ja jetzt gerade eh im Standby … das könnte man doch nutzen, um …“
„Soll das heißen, dich stört, wie er aussieht?“, fragte Martin mit einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen.
Tony wiegelte schnell ab. „Nein nein“, sagte er hastig und bekam gerade wieder das Gefühl, auf ein Fettnäpfchen zuzuschlittern. „Ich dachte einfach nur, dass er sich darüber freuen würde, wenn er nicht mehr so freakig … wenn er einfach normal … also … ´tschuldigung“, murmelte er kleinlaut, als er bemerkte, wie Martins Augenbrauen immer weiter hoch rutschten.
„Ich würde ja sagen, wir akzeptieren ihn so, wie er ist“, sagte Martin mit verschränkten Armen.
„Ich halte das auch für besser“, mischte sich die Ärztin ein. „Wenn er sich schon so sehr erschreckt, nur weil er an einem ihm unbekannten Ort aufwacht, wie würde er reagieren, wenn sein Gesicht sich plötzlich verändert hätte?“
„Ja, schon, aber … und was ist mit der Software selbst?“ Ganz klein beigeben wollte Tony noch nicht. „Lässt sich das richten? Wenn er wieder klar denken könnte, hätte er damit bestimmt kein Problem.“
„Wieso? Ist es dir unangenehm, dass Ralph anders ist?“, fragte Martin, wiederum recht pikiert.
„Jetzt dreh mir bitte nicht die Worte im Mund rum“, erwiderte Tony, nun selbst gereizt. „Es geht mir nicht um mich, sondern um ihn. Wenn die Möglichkeit besteht, ihm wieder zu einem normalen Leben zu verhelfen, warum soll man das nicht machen?“
„Sei nicht so anmaßend. Woher willst du wissen, ob ihn sein Zustand stört? Oder denkst du, ein Leben ist nicht lebenswert, nur weil nicht alles so funktioniert wie bei einem Durchschnittsandroiden?“
Tony dehnte die Brust. „So hab ich das doch auch nicht gemeint, verdammt. Ich dachte doch einfach nur – “
„Hey“, warf die Ärztin ein und hob die Hände. „Bevor das hier in eine ethische Grundsatzdiskussion abrutscht – es würde sowieso nicht gehen. Wäre er nach dem Erfolgen der Beschädigung direkt behandelt worden, dann ja – aber so hat sich alles, was er seither erlebt hat, auf der defekten Software aufgebaut. Die entstandenen Verknüpfungen sind zu komplex, die Veränderungen in seinem Gedächtnispalast zu umfangreich. Letzten Endes würden wir wohl mehr zerstören als richten.“
„Also gibt es nicht sowas wie einen Wiederherstellungspunkt oder … so … ?“ Als er die Mimiken der drei Abweichler bemerkte, biss er sich auf die Zunge. Warum konnte er nicht einfach mal die Klappe halten?
„Wir sind keine simplen Computer, auch wenn das manche von euch glauben mögen“, sagte die Ärztin mit gerunzelter Stirn.
„Oder versuchen, uns darauf reduzieren, um ihre Taten zu rechtfertigen“, warf Felicia ein.
„Ja, ist ja gut“, lenkte Tony ein und kam sich wie der letzte Depp vor. „Hab‘s kapiert. Vergessen wir das. Lassen wir Ralph so, wie er ist.“
Die Androidin wies sie an, maximal zu zweit den beengten Bereich zu betreten, dann verabschiedete sie sich von ihnen und machte sich auf zu den nächsten Patienten.
Die drei entschieden recht schnell, dass Tony und Martin hineingingen, weil die beiden Ralph am nächsten standen; Felicia würde derweil ein neues Oberteil für Ralph besorgen.
Als Tony den kleinen Raum hinter Martin betrat und seine Aufmerksamkeit über Ralph auf der Liege hinüber zu den verschiedenen Geräten und Monitoren wanderte, flackerten Erinnerungsfetzen durch sein Hirn, brachten ihn für einen Moment in das Innere eines Krankenwagens zurück, den er damals durch den Schleier aus Alkohol und Schock nur verschwommen wahrgenommen hatte und flüchtig tasteten seine Finger nach den Narben an seinem linken Unterarm.
Dann schüttelte er den Kopf, holte sich in die Wirklichkeit zurück, und hatte erst jetzt einen Blick für die beiden anderen noch anwesenden Abweichler übrig, einen Kerl und eine Frau.
„Also“, begann sie direkt, in schroffem Tonfall, „dass er soweit okay ist, habt ihr schon gehört. Ihr wartet jetzt nur noch, bis das Thirium durchgelaufen ist, einer zieht die Kanüle ab und dann kann er auch schon hochgefahren werden. Wenn ihr geht, gebt irgendwem hier kurz Bescheid.“
„Wir sollen das machen? Einfach so?“, fragte Martin überrascht.
„Ja, einfach so“, gab sie zurück. „Wir müssen weiter.“
Abfrühstücken, dachte Tony. Ganz wie in einem richtigen Krankenhaus.
„Sollen wir noch irgendwas beachten?“, fragte Martin weiter.
„Nur, dass er nichts kaputt macht, wenn er wieder bei sich ist. Kriegt ihr das hin?“
Tony war sich da nicht sicher, aber da Martin nickte, hielt er die Klappe.
„Schön. Alles Gute“, sagte sie noch pro Forma, quetschte sich an ihnen vorbei und verließ den Bereich.
Der männliche Android, der bis eben einige Monitore überprüft hatte, drehte sich zu ihnen um, und Tony bemerkte, dass dessen Fokus für den Bruchteil einer Sekunde länger auf Tony verweilte, die Augen ihn abtasteten, die Nase sich kaum merklich rümpfte, die Mundwinkel sich minimal verzogen, dann verschwand der Android ebenfalls, ohne jede Form der Verabschiedung.
Tonys Lippen kräuselten sich. Blöder Wichser.
Am liebsten hätte er dem Typ eine Beleidigung hinterher gerufen, aber nicht mal er war so dämlich, sich das inmitten von Jericho zu wagen. Gelegentlich war es schon merkwürdig und bedrückend, aufgrund der Farbe seines Blutes schräg angeglotzt zu werden. Aber er versuchte, sich darüber keine Gedanken zu machen.
Wichtig war jetzt nur, dass Ralph wieder auf die Beine kam. Tatsächlich dauerte das aber noch eine ganze Weile; der Beutel war erst zu einem Viertel geleert.
Während sie erneut warteten, Martin im Stehen, Tony hatte sich einen Hocker herangezogen, hatte er das erste Mal die Möglichkeit, Ralph in Ruhe zu betrachten. Der Bauch, auf den Tony vor nicht allzu langer Zeit seine zitternden Hände gedrückt hatte, war unversehrt; nicht mal eine Narbe war zurückgeblieben. Und auch ansonsten schien Ralph kerngesund. Seine Brust hob und senkte sich in gleichmäßigem Rhythmus, seine LED leuchtete blau.
Nur das Gesicht verriet, dass er es nicht leicht hatte.
Und die Hände. Es schien, als könnte sich die Haut an diesen Stellen nicht mehr richtig bilden und es wirkte dadurch, als hätte Ralph Brandnarben – nur, dass diese Narben blau, grau und weiß waren.
Tony traute sich, mit den Fingern über den Handrücken zu fahren. Dort, wo alles rosig war, fühlte er Haut, kühl, aber ganz normal, weich. Das Plastik wiederum, in das die Haut nahtlos überging, war fast so glatt wie eine lackierte Oberfläche.
Irgendwann steckte Felicia den Kopf durch die Plastikplane, ein in verschiedenen Blautönen gestreiftes, ausgewaschenes Sweatshirt in der Hand, verwundert darüber, dass sie immer noch dort drinnen waren. Martin erklärte ihr die Sachlage, und schließlich warteten sie gemeinsam, bis das Thirium durchgelaufen war.
Danach entfernte Felicia vorsichtig die Kanüle, hängte den Schlauch über den Infusionsständer.
Sie hatten eine Weile darüber diskutiert, ob es besser war, sich Ralph die Kleidungsstücke selbst anziehen zu lassen, dachten dann aber, dass es ihm vielleicht lieber war, nicht nackt aufzuwachen.
Also fädelten sie seine Arme in die Ärmel, hoben den Oberkörper an, zwängten seinen Kopf durch den Halsausschnitt, richteten das Oberteil, bis es einigermaßen gut saß, steckten ihm die Beine in die Cargohose, schoben sie hoch bis über die Hüfte, zogen ihm seine Schuhe an; eine Prozedur, die bei einem schlaffen, schweren Androidenkörper glattweg in Arbeit ausuferte.
Nachdem sie fertig waren, legte Martin Ralph eine Hand auf den Unterarm. „Also dann“, sagte er, die Haut an seiner Hand verschwand, und nach ein paar Sekunden kam Leben in Ralph.
Zuerst blinkte seine LED, wechselte zwischen Blau und Gelb, dann flatterten seine Lider, und schließlich öffnete er die Augen zur Gänze.
„Ralph?“, fragte Martin vorsichtig.
Doch der schien ihn nicht zu hören. Wild stierte er umher, sein Blick fixierte sich auf nichts. Dann fuhr er hoch, begann zu brabbeln. „Ralph ist immer noch in diesem Raum. Er weiß nicht, wo das ist. Er kennt das nicht. Er will hier raus. Niemand darf Ralph festhalten!“ Im gleichen Atemzug schwang er die Beine von der Liege, drängte sich an Martin vorbei, schritt durch die Plane nach draußen.
Tony, Martin und Felicia beeilten sich, ihm zu folgen. Und irgendwie war Tony beruhigt, dass Ralph „nur“ konfus war und außerdem bereits die richtige Richtung eingeschlagen hatte.
Den Worten der Arzt-Androiden nach zu urteilen, hatte er mit mehr Stress gerechnet.
„Ralph weiß nicht, wo er ist“, hörten sie Ralph und schlossen schnell zu ihm auf. „Es gefällt ihm nicht. Er möchte hier raus. Er weiß nicht, wohin.“ Die Schritte des Androiden waren planlos, er machte ein paar hierhin und dorthin, und starrte weiter überfordert in der Gegend umher.
„Da rüber“, sagte Martin, deutete zum Ausgang der Halle und stellte sich ihm halb in den Weg. Ralph änderte seinen Kurs, folgte der Anweisung, doch Martin schien er trotzdem nicht wahrgenommen zu haben. „Ralph will hier raus. Er sieht Tageslicht. Da muss er hin.“
Und obwohl er so durcheinander schien, schaffte er es, in niemanden rein zulaufen, bis sie die Halle verlassen hatten.
Martin war zurückgefallen, und als Tony über die Schulter blickte, bemerkte er, dass Martin kurz mit einem Abweichler redete, der hier arbeitete.
Ralph derweil lief noch ein paar Meter, weg von den größeren Androidengruppen, umrundete die Halle, verschwand aus ihrem Blickfeld. Als Tony und Felicia ebenfalls um die Ecke bogen, bemerkten sie erleichtert, dass Ralph endlich stehen geblieben war. Vorsichtig gingen sie auf ihn zu, bis sie zu beiden Seiten von ihm standen.
Ralphs Aufmerksamkeit war in den Himmel gerichtet, und doch nirgendwohin. Sein Kiefer bewegte sich, ohne das Worte herauskamen, sein Kopf zuckte leicht. Er vermittelte den gruseligen Eindruck eines Mannes, der zu lange Opfer einer satanischen Sekte gewesen war.
„Ralph?“, fragte Tony.
Der wandte den Kopf; sekundenlang schaute er Tony nur an, und es schien, als würde er ihn nicht erkennen. Doch dann verschwand die Apathie endlich aus seinem Gesicht und wurde abgelöst von Überraschung aber auch Freude. „Tony“, sagte er. „Da ist Tony. Ralph hat dich gefunden.“
Tony konnte nicht anders, er lächelte ebenfalls. „Ja, das hast du.“ Mit jeder Sekunde schwand die Anspannung. Ralph war durcheinander, aber das war okay. Hauptsache, es ging ihm wieder gut.
„Was macht Ralph hier? Warum trägt er ein anderes Oberteil?“
„Weil du eins gebraucht hast“, sagte Felicia. Ralph wandte ihr den Kopf zu.
„Felicia“, sagte er, und sein Lächeln wurde noch breiter. „Felicia ist auch hier.“
„Sag, kannst du dich denn erinnern, was vorhin passiert ist?“
Ralph neigte den Kopf. „Was vorhin passiert ist?“
„Du hast Jericho verlassen. Das weißt du doch noch, oder?“
„Ralph hat … Jericho … ? Ja … Ja, Ralph hat Jericho verlassen. Er hat Tony gesucht.“
„Warum hast du mich denn gesucht?“, fragte Tony.
„Weil Ralph dachte, sie würden dir wehtun. Er hatte Angst um dich. Er wollte dir helfen.“
„Warum hast du denn gedacht, die tun mir weh? Warte – “ Tony hob die Hände. „Erzähl am besten einfach von Anfang an, was passiert ist. Heute nacht. Was war da los?“
„Du hast mich angerufen“, sagte Ralph, vorwurfsvoll und verwirrt zugleich. „Aber du warst nicht am Telefon. Es war jemand anderes dran, und sie haben gesagt, du wärst bei ihnen, und dann wollten sie dir wehtun. Er wollte dich vom Balkon werfen.“
Tony stöhnte auf. Er konnte sich da dunkel an was erinnern …
„Und dann war die Verbindung weg. Ralph hat Angst gekriegt. Er hat versucht, dich anzurufen, aber niemand ist mehr dran gegangen. Ralph wollte dir helfen. Niemand darf dir wehtun.“
„Du weißt, was geschehen ist, stimmt‘s?“ fragte Martin, der fast seit Beginn des Gesprächs hinter Ralph gestanden hatte, an Tony gerichtet.
Ralph sah sich um. „Martin ist auch da“, stellte er glücklich fest.
„Ich, äh …“, begann Tony; irgendwie war es ihm unangenehm, davon zu erzählen. Androiden kannten diese Laster schließlich nicht. Und wenn sie dann auch noch in einer mittelschweren Katastrophe endeten … Wieder hatte er das Gefühl, alles verbockt zu haben. Er fuhr sich durch die Haare. „Ich war … ziemlich … ich war betrunken. Ich wollte den Jungs irgendwas auf dem Handy zeigen. Dann ist mir kotzübel geworden. Ich hab das Handy bei ihnen gelassen und wollte zum Klo, aber das war besetzt. Ich hab noch versucht, es bis zum Spülbecken in der Küche zu schaffen, aber das hat nicht mehr so ganz geklappt, und … Naja, ne ziemliche Sauerei, jedenfalls. Und Dex ist an die Decke gegangen und hat mich angekackt.“
„Und wollte dich vom Balkon werfen?“
„Ja – nein, also, ja, das hat er gesagt. Aber das war nur so daher gelabert, weil er sauer war. Er hat mir dann sogar geholfen, die Sauerei aufzuwischen, und hat mir Cola und Toast in die Hand gedrückt.“
Martin blähte die Nasenflügel und schüttelte den Kopf. Dann wandte er sich an Ralph. „Warum hast du nicht mit uns geredet?“
„Ralph war durcheinander“, sagte Ralph nur, der scheinbar kaum zugehört, oder Tonys Worte wenigstens nicht hatte einsortieren können. „Ralph hatte Angst. Er wollte Tony helfen.“
„Und dann schlägst du dich allein durch halb Detroit …“
„Ralph hat sich versteckt. Er ist überall da lang gegangen, wo es dunkel war.“
„Woher wusstest du überhaupt, wo ich bin?“, fragte Tony.
„Ralph hat dein Smartphone gefunden.“
„Geortet?“
„Ja. Geortet. Irgendwann war es aus, aber Ralph hat sich gemerkt, wo es zum Schluss gewesen war, und dort ist er hingegangen. Aber es war schon sehr hell, als er ankam. Und er wusste, dass dein Smartphone in diesem roten Haus war. Aber er wusste nicht, wie er dort reinkommen sollte. Er hat überall geguckt und hat keinen Eingang gefunden, der nicht abgeschlossen war. Und immer wieder kamen Menschen, vor denen Ralph sich verstecken musste. Und dann hat Ralph die Stimme von dem Menschen gehört, der dir wehtun wollte. Draußen, auf dem Parkplatz. Und Ralph ist wütend geworden. Er hätte nicht einfach zu dem Menschen hingehen sollen, das war sicher nicht gut, nein. Aber er wollte Tony wiederhaben.“
„Und dann?“
„Ralph hat …“ Seine LED verfärbte sich kurz rot. „Er wollte Tony wiederhaben. Und sie haben ihm wehgetan. Und ihn angeschrien. Und dann … dann …“ Er geriet ins Stocken. Wieder wurde seine LED rot. „Ralph weiß es nicht mehr … er glaubt, er hat Tony gesehen … irgendwas war komisch … und dann … dann …“ Seine Worte versiegten, seine Stirn furchte sich tief, und es schien, als versuchte er, nach etwas zu greifen, das außerhalb seiner Reichweite hing. „Warum bin ich hier?“ Das fragte er an niemand Bestimmtes gerichtet.
„Weil wir dich gefunden und zurück gebracht haben, Ralph“, sagte Martin sanft. „Wir haben uns Sorgen um dich gemacht, weil du einfach fort warst. Darum haben wir nach dir gesucht.“
„Ihr habt nach Ralph gesucht? Weil ihr euch Sorgen um ihn gemacht habt?“ Ralphs Blick sprang zwischen den dreien hin und her.
„Und wie, Mann“, sagte Tony. „Hab fast nen Herzinfarkt gekriegt, als der Schuss – “ Er bemerkte Martins aufgerissene Augen, die Brauen, die sich zusammengezogenen hatten, bemerkte das warnende Kopfschütteln des Androiden. Und brach den Satz ab. „Ich bin verdammt froh, dass du wieder da bist, ehrlich. Und das – “ Er räusperte sich. „Das dir nichts passiert ist.“ Martin hatte recht. Vielleicht war es besser, wenn Ralph sich nicht daran erinnerte, angeschossen worden zu sein.
Ralph glotzte ihn an; dann lächelte er glücklich. „Ralph hat Freunde.“
„Tja, die hat er wohl“, sagte Tony, ebenfalls mit einem Lächeln, und schob das schlechte Gewissen ganz weit von sich.
„Hey!“, hörten sie es mit einem Mal rufen; hinter ihnen, an der Ecke der Halle, stand ein Android und deutete nach vorn. „Der Toyota ist doch von euch, oder? Kann den mal bitte jemand wegfahren?! Vielen Dank!“
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