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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
Alle Kapitel
95 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
13.09.2020 2.061
 
Und erneut ein ganz herzliches Danke für die Empfehlung :D x3

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Tristan


Als er durch die Schleuse des Präsidiums ging und den großen Büroraum betrat, sah er als erstes Hank in dem breiten Flur stehen, die Hand am Arm eines jungen, in Handschellen gelegten Mannes,  und es schien, als versuchte der Lieutenant, ein Grinsen zu unterdrücken. Das nächste, was Tristan bemerkte, war Detective Reed, ungesund rot im Gesicht, der sich an seinem Platz befand und offenbar krampfhaft – und erfolglos – versuchte, sich auf seinen Computer zu konzentrieren; denn neben dessen Schreibtisch stand Connor und redete in merkwürdig fürsorglichem Tonfall auf ihn ein.
„Ich meine es ernst, Detective Reed, das sieht wirklich nicht gut aus. Haben Sie die Stelle denn ausreichend gekühlt?“
„Wie wär‘s denn, wenn ich dich kalt stelle?!“, zischte Detective Reed, die zu Schlitzen verengten Augen auf den Bildschirm geheftet.
„Das könnten Sie versuchen, träge aber nicht dazu bei, das Hämatom schneller abklingen zu lassen“, gab Connor mit gehobener Stimme zurück, sodass jeder im Raum ihn bestens vernehmen konnte.
„Es würde dazu beitragen, meine Laune zu heben!“, schnauzte Detective Reed und er fuhr auf, klatschte die Hände auf seinen Schreibtisch und funkelte Connor an.
„Sie sollten sich nicht aufregen“, gab Connor äußerst unbeeindruckt zurück. „Wenn Sie sich aufregen, steigt Ihr Blutdruck. Das kann die Regeneration ihres Blutergusses beeinträchtigen.“
„Dann schieß ich dir einfach dein vorlautes Plastikmaul weg, danach hab ich mit Sicherheit den Ruhepuls vom Dalai Lama! Was hältst du davon?!“
Tristan runzelte die Stirn. Er war sich nicht zur Gänze sicher, was hier geschah.
„Auch das könnten Sie tun, wird Sie aber Ihre Marke und Ihre Freiheit kosten. Ich bezweifle, dass sich eine solche Konsequenz heilsam auf Ihr Nervenkostüm auswirkt. Ich rate Ihnen also davon ab. Ach ja, und wenn Sie Hunger haben, nehmen Sie Suppe zu sich. Oder einen Brei. Vielleicht gelegentlich ein Gläschen Säuglingsnahrung. Irgendetwas Flüssiges, um Ihren Kaumuskel nicht zu sehr zu belasten. Denn wenn das Gewebe zu gut durchblutet ist, kann dass das Hämatom verstärken, wissen Sie?“ Connor lächelte liebenswürdig, dann schritt er von dannen, schloss sich Hank an, der sich auf die Lippe biss, und die beiden begleiteten den jungen Mann in Richtung des Vernehmungsraumes.
Mit immer noch in Falten gelegter Stirn sendete Tristan eine Anfrage; Connors Schritte gerieten einen Moment ins Stocken, er blickte über die Schulter, dann wurde die Anfrage angenommen.
´Dir ist klar, dass das Blut bereits geronnen ist? Was du ihm vorgeschlagen hast, hat keinen Einfluss mehr.´
´Ich weiß.‘
Das war die einzige Antwort, die er erhielt; das und ein für den Bruchteil einer Sekunde sichtbares Grinsen.
Tristan neigte den Kopf. Dann warf er einen Blick auf Detective Reed, der immer noch einen deutlich erhöhten Pulsschlag und Blutdruck aufwies und unnötig heftig die Tastatur seines Computers bearbeitete. Dann einen Blick in den Raum und bemerkte die anwesenden Officers, die zwar ihrer Arbeit nachgingen, von denen einige aber ebenfalls grinsten, manche mit einem nachsichtigen Kopfschütteln. Und dann glaubte er zu verstehen, welche Intention hinter Connors Verhalten gesteckt hatte …
Er begab sich in das Großraumbüro hinein, stellte sich neben den Schreibtisch seines Partners.
„Detective – “
„Kein! Wort!“, zischte Detective Reed zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„In Bezug auf was?“, fragte Tristan.
Detective Reed lehnte sich zurück, blickte zu ihm auf, die Hände im Schoß gefaltet, doch sein Gesichtsausdruck war mörderisch – nicht, dass Tristan sich davon beeindrucken ließ. Allerdings sah er auch keinen Sinn dahinter, Connors Neckereien fortzuführen.
Darum berichtete er nur, was er in Jericho hatte herausfinden können – beziehungsweise, was er nicht hatte er herausfinden können.
„Klingt ganz so, als hätten deine beiden Kollegen dich verarscht“, sagte Detective Reed.
„Die beiden sind nicht meine Kollegen – “
„Mir schon klar, Klugscheißer! Man sagt das einfach nur so!“, fuhr Detective Reed ihm mit erhobener Stimme dazwischen. „So oder so haben die Scheiße gelabert.“
„Ich weiß. Irgendetwas stimmt da nicht.“
„Was du nicht sagst“, höhnte Detective Reed. „Klingt, als hätten die selbst Dreck am Stecken und wollen deswegen nichts ausplaudern.“
„Aber …“ Tristan neigte den Kopf; es war ihm unangenehm, doch er musste diesen Zweifel einfach aussprechen. „Bestünde nicht auch die Möglichkeit, dass das Verhalten der beiden schlicht dem Misstrauen und der Abneigung zugrunde liegen könnte, das sie mir gegenüber empfunden haben?“
„Wenn ich jemanden verloren hätte, der mir wichtig war, würde mich nicht interessieren, welche persönlichen Probleme ich mit meinem Gegenüber habe, sondern nur, dass ich rauskriege, wer das Arschloch ist, der meiner Freundin was angetan hat.“ Er nahm einen Schluck kalten Kaffees aus einer Tasse, überlegte kurz. „Zugegeben, wie das bei Plastikeimern wie euch gehandhabt wird, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht habt ihr da andere Werte. Vielleicht ist euch sowas tatsächlich egal.“ Er zuckte die Schultern. „Würde mich nicht wundern.“
Tristan schloss für einen Moment die Augen. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Ihre persönlichen Ansichten aus unseren Gesprächen heraus halten.“
„Wie du meinst“, sagte Detective Reed gleichgültig. „Eine weitere Möglichkeit wäre, dass diese Typen selbst Vergeltung üben wollen. Blutrache und so ein Scheiß.“
„Das heißt, Sie denken, die beiden kennen die Verdächtigen?“
Detective Reed zuckte die Schultern. „Möglich. Oder sie versuchen, auf eigene Faust was rauszufinden.“
„Dann sollten wir uns mit dieser Angelegenheit auseinander setzen.“
Tristan konnte sehen, dass Detective Reed von dieser Aussicht alles andere als begeistert war.
„Wozu?“, fragte er. „Wenn die nicht reden wollen, reden sie nicht. So läuft das in einem Rechtsstaat nunmal. Und wir haben keine Beweise, nichts, womit wir sie in die Enge treiben könnten.“
„Dann sollten wir versuchen, etwas zu finden, dass – “
„Und außerdem“, sagte Detective Reed, wiederum mit erhobener Stimme. „Denk dran, wir haben noch mehr zu tun. Fowler wird nicht zulassen, dass du dich in irgendwas Aussichtsloses verbeißt. Schon gar nicht, wenn‘s bloß was Persönliches ist.“
„Das ist nichts Persönliches.“
„Du fühlst dich verantwortlich für ihren Tod. Also ist es das sehr wohl.“
Tristan öffnete den Mund, um zu widersprechen – und schloss ihn wieder.
„Siehst du“, sagte Detective Reed. „Also, wenn du sonst keine Anhaltspunkte mehr hast, und nichts, dass sich verfolgen lässt, dann – “
„Die Bekleidungsgeschäfte.“
Detective Reed verdrehte die Augen und ließ den Kopf gegen in den Nacken sinken. „Ganz ehrlich? Ich hab keinen Bock darauf. Ich bezweifle stark, dass das irgendwohin führt.“
„Detective Reed, die vorschriftsmäßige Ausübung Ihres Dienstes sollte nicht von Ihrer persönlichen Laune abhängen“, sagte Tristan und konnte es nicht vermeiden, vorwurfsvoll zu klingen.
„Scheiße, Plastikbirne, ich weiß, du willst es richtig machen, aber es ist einfach keine Zeit für alles und jeden. Wir müssen Prioritäten setzen. Und so eine kaputte Tante – “
„Warum sollten Morde an Menschen eine höhere Priorität haben als Morde an Androiden?!“, fuhr Tristan dazwischen, und lauter, als er beabsichtigt hatte.
„Hey“, warf Detective Reed überrascht ein und hob die Hände.
„Sie verlangen von mir, diesen Fall nicht persönlich zu nehmen. Gut! Dann verraten Sie mir bitte, was Sie tun?!“, setzte Tristan aufgebracht fort. „Ihr Verhalten uns gegenüber ist herablassend, Ihre Worte entwürdigend, und Sie geben sich einzig aus dem Grund keine Mühe, weil Sie uns verabscheuen! Sagen Sie mir, wie soll ich das auf einer anderen Ebene als der persönlichen werten?!“
Detective Reed warf die Arme in die Luft. „Es geht mir nicht um euch, verdammt, es geht mir darum, dass es sinnlos ist, was du vorhast! Verschwendete Zeit! Aber schön, wenn du unbedingt drauf bestehst – “, er streckte den Arm aus, deutete mit dem Finger auf das gläserne Büro, „dann geh zu Fowler und frag ihn nach nem Go. Erklär ihm, was wir haben, dann wird er dir schon sagen, ob‘s was bringt, noch weiter zu stochern.“
„Bitte, ganz wie Sie wollen!“, stieß Tristan aus, und ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und schritt auf Captain Fowlers Büro zu.

Connor


Die Befragung des Verdächtigen, den er und Hank auf das Revier gebracht hatten, war nicht sonderlich herausfordernd gewesen, hatte aber zugegebenermaßen anderes zu Tage gebracht, als er erwartet hatte – Mr Lagrange hatte ihnen, trotzig zwar, aber einigermaßen ausführlich geschildert, was sich am Vormittag des gestrigen Sonntags zugetragen hatte, hatte ihnen berichtet, wie er mit seinen Freunden an der Ecke des Blocks gestanden hatte, wartend auf zwei weitere Bekannte, und wie die fünf Menschen den Androiden bemerkt hatten. Nach einigem Zögern berichtete er von provozierenden Sätzen, die gefallen waren, über Spott, mit dem sie den Androiden bedacht hatten – aber keiner von ihnen war handgreiflich geworden. Es lag auch gar nicht in der Intention der Gruppe, physische Gewalt auszuüben. Es ging einzig darum, „Dampf abzulassen“ und „sich lustig zu machen“.
Mr Lagrange berichtete, dass es letzten Endes der Android selbst gewesen war, offenbar zuvor schon gereizt, wütend, niedergeschlagen, der auf die Gruppe zustürmte, in der deutlich erkennbaren Absicht, tätlich zu handeln.
Es kam zu einer Schlägerei; die Menschen versuchten, sich zu wehren, waren aber überrascht von dem Vorgehen des Androiden und darum mit der Situation überfordert.
Sie flohen zu einem ihrer Autos, versuchten, einzusteigen; der Android verfolgte sie, wollte nach dem Fahrer greifen; der schlug in Panik die Fahrertür mehrmals zu, was den Arm des Androiden schädigte. Er ließ trotzdem nicht von ihm ab, darum traten und schlugen die anderen nach ihm, dabei riss der Arm komplett ab; sie trieben ihn, geschwächt, wie er mittlerweile war, weit genug zurück, um alle in das Auto zu gelangen und fort zu fahren.
Niemand von ihnen meldete sich bei der Polizei, weil sie nicht um die aktuelle Gesetzeslage wussten und sich davor fürchteten, welche Konsequenzen dieser Vorfall für ihre Gruppe hätte.
Connors Job war mit dem Erhalt des Geständnisses erfüllt.
Mr Lagrange nannte die Namen seiner Freunde, danach war er für‘s erste entlassen. Alles weitere würde die Staatsanwaltschaft regeln.
Als Connor den Verhörraum verließ, tat er das mit einem Stirnrunzeln.
Er hatte keine Lüge in Mr Lagranges Worten entdecken können.
Und das irritierte ihn. Beziehungsweise irritierte ihn sein eigenes Verhalten.
Er hatte, nach den Worten des Abweichlers, die er in Simons Erinnerung vernommen hatte, an einen unprovozierten körperlichen Angriff seitens der Menschen geglaubt – ohne diese Annahme in Frage zu stellen.
Weil sich aggressiv handelnde Menschen wunderbar ins Bild der vorherrschenden Stimmung einfügten …
Er rieb sich über die Stirn.
Also war auch er nicht vollkommen vor Fehlurteilen gefeit. Vor … Vorurteilen …
Natürlich war nicht gewährleistet, dass Mr Lagrange die Wahrheit gesagt hatte, nur weil er der Überzeugung war, sie gesagt zu haben – die Psyche des Menschen speicherte Ereignisse meist sehr subjektiv – und doch –
„Du glaubst ihm, hm?“, fragte Hank, der auf einen Abstecher in den Pausenraum ging und sich dort einen Kaffee holte.
Connor war stehen geblieben. Langsam nickte er. „Ich würde sagen, ja. Auch wenn ich nicht damit gerechnet habe“, gab er zu.
„Ich auch nicht“, erwiderte Hank leichthin. „Aber so ist das manchmal. Alles eine Frage der Wahrnehmung.“ Als er wieder bei Connor stand, nickte er in Richtung des gläsernen Büros. „Sieh mal da.“
Connor folgte seinem Blick.
Reed befand sich darin, stand vor Captain Fowlers Schreibtisch und gestikulierte wild – allerdings nur noch für einen Moment, dann warf er die Arme hoch, stieß zornentbrannt die Glastür auf und marschierte hinaus, die Treppe hinunter und quer durch das Großraumbüro, riss seine Jacke von seinem Stuhl, stapfte auf die Schleuse zu, die nach draußen führte; die ganze Zeit über hörten sie ihn verhalten fluchen. Tristan, der neben Reeds Schreibtisch gestanden hatte, folgte ihm wortlos.
„Oh, ich wette, Jeffrey hat richtig gute Laune“, sagte Hank, während er den beiden nachblickte und an seinem Kaffee nippte. „Bist du sicher, dass du jetzt da rein willst?“
Gibt es denn Zeiten, in denen Captain Fowler gute Laune hat?“
„Touché“, meinte Hank. „Aber tatsächlich gibt es die“, sagte er, während nun auch sie auf das gläserne Büro zuschritten. „Du hast nur noch nicht die Chance gehabt, das zu erleben.“
Connor klopfte gegen die Tür.
Captain Fowler sah von den Monitoren auf, in die er sich bereits wieder vertieft hatte, und seine Nasenflügel weiteten sich, als er Connor und Hank bemerkte. Dann winkte er sie hinein.
„Der nächste Android, der was von mir will“, sagte er ohne Umschweife und lehnte sich zurück, die Hände vor dem Bauch gefaltet. „Darf ich auf irgendwelche positiven Nachrichten hoffen? Oder hast du auch bloß vor, mich in Grund und Boden zu argumentieren?“
Connor wusste nicht, was sich eben hier drin abgespielt hatte, doch kurz schoss ihm durch den Kopf, dass er möglicherweise wirklich einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt hatte, um Captain Fowler von seinem Vorhaben zu unterrichten und sich dessen Zustimmung einzuholen. Doch nun waren sie hier und es gab kein Zurück mehr.
Also begann er, zu erklären.
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