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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
29.08.2020 3.416
 
Wieder eine Empfehlung x3 Ach Mensch, danke <3 <3 <3

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Tony


„Du weißt also, wo er hin will?“
„Ja. Also, ich denke, dass ich‘s weiß.“
„Und was soll das heißen?“, fragte Felicia eindringlich, während ihre Schritte laut in der Eingangshalle von den Wänden widerhallten.
„Die Straße, die ihr genannt habt, die – also, das ist die Straße, in der mein Kumpel wohnt“, gab Tony zurück. „Wo ich heut nacht gewesen bin.“
Die drei stürzten zur zweiflügeligen Tür hinaus und hetzten quer durch Jericho in Richtung des Eingangstores (dass sie an diesem Tristan vorbei eilten, bemerkte Tony nur unterbewusst).
„Glaubst du, Ralph will zu dir?“, fragte Martin.
„Was sollte er sonst da wollen?“
„Aber … warum?“ Martin starrte ihn von der Seite her an.
„Ich – weiß nicht, ich – “ Und dann blieb Tony plötzlich stehen, als wäre er vor eine unsichtbare Mauer gerannt.
Gerade war ihm etwas eingefallen. Fahrig fummelte er sein Handy hervor. Da war der kleine Sprung, oben, in der Ecke, der gestern noch nicht dort gewesen war. Und er erinnerte sich dunkel. Da war Dex … und Freddy … ihm selbst war kotzübel … er musste zum Klo … die beiden hatten sein Smartphone, weil er ihnen was hatte zeigen wollte …
Was dann damit passiert war, wusste er nicht; er hatte es heute Vormittag gefunden, unter dem niedrigen Couchtisch, und es war aus gewesen und hatte ein paar Zicken beim Einschalten gemacht.
Während er die Bildschirmsperre entriegelte, hastete er bereits wieder los.
Martin und Felicia, die nach seinem abrupten Stopp ebenfalls verwirrt stehen geblieben waren, eilten nun wieder neben ihm her.
„Was ist? Hast du was rausgefunden?“
Tony antwortete nicht sofort. Er rief die Anrufliste auf. An erster Stelle stand Martin. Und darunter … ihm wurde schlecht.
Ralphs Nummer.
Fünf Mal. Irgendwann in der Nacht.
Beim ersten Mal ging der Anruf von Tonys Handy aus. Die anderen vier Male hatte Ralph versucht, anzurufen.
Er brachte kein Wort raus. Mit trommelndem Herzen hielt er Martin das Handy hin und hoffte, dass das als Antwort ausreichte.
„Du hast ihn angerufen?“, fragte Martin perplex.
„Hab ich nicht“, stieß Tony aus. Er keuchte mittlerweile und fühlte Seitenstechen. Immer wieder musste er aufpassen, dass er auf dem festgetretenen Schnee nicht ausrutschte. „Jedenfalls glaube ich nicht, dass ich das getan hab.“ Sie kamen beim Eingangsbereich an. Nach wie vor ballten sich dort mehr Androiden; mit einigen von ihnen stieß er zusammen und rief im Vorbeieilen ein „Sorry“.
Schnell überquerten sie die Straße, Tony entriegelte sein Auto, und er, Martin und Felicia stiegen gleichzeitig ein.
Er saß am Steuer, nahm nur nebenbei wahr, dass es an seinem Fuß verdammt kalt wurde, weil Schnee im Schuh schmolz, startete die Karre, fuhr los. „Hier.“ Er drückte Felicia, die neben ihm saß, das Smartphone in die Hand. „Versuch nochmal, ihn anzurufen.“
Sie leistete seiner Aufforderung Folge, hielt sich das Gerät ein paar Sekunden ans Ohr. Dann ließ sie es sinken. „Kein Freizeichen.“
„Kein Freizeichen?!“ Beinahe hätte Tony das Lenkrad verrissen, als er zu ihr rüber starrte. „Was heißt das?! Kein Freizeichen im Sinne von ´ausgeschaltet´, oder was?!“
„Nein, das muss gar nichts heißen. Das Problem hatten wir eben schon. Ralphs Datensignatur ist einfach furchtbar instabil.“
„Deswegen hat es auch so lange gedauert, ihn zu orten“, erklärte Martin, der sich von der Rückbank aus zwischen den beiden Autositzen nach vorn beugte, um besser mit ihnen reden zu können. „Dein Freund – wie steht er eigentlich zu uns?“, fragte er.
Tony antwortete nicht.
Dex hatte nichts gegen Androiden. Nicht in dem Sinne. Aber er betrachtete sie auch nicht als Lebewesen. Sie waren eher Spielzeug für ihn. Etwas, das man rumtreten konnte, oder seinen Frust dran auslassen. Frust, den Dex oft hatte …
Und Ralph, der psychisch so instabil war … den man mit Samthandschuhen anfassen musste …
Wenn diese beiden aufeinander trafen …
Gott, Tony wollte es sich gar nicht ausmalen.
„Guck in meinen Kontakten nach ´Dex´! Ruf ihn an! Stell auf laut!“, herrschte er, und schob noch schnell ein „Bitte“ hinterher.
Felicia beschwerte sich nicht über seinen Tonfall, sondern tat einfach, was er verlangte.
Es klingelte zweimal, dann meldete sich die Mailbox.
„Scheiße!“ Tony schlug auf das Lenkrad. „Dex, du Arsch! Ruf sofort zurück, wenn du das hörst!“, rief er, dann riss er Felicia das Handy aus der Hand, hämmerte mit dem Daumen auf den roten Hörer, feuerte es in den Fußraum des Beifahrersitzes. „Ach, fuck!“, stieß er aus und verfluchte sich innerlich für seine Unkontrolliertheit. „Heb‘s auf! Guck mal nach, ob‘s noch funktioniert!“
Wiederum leistete sie Folge.
„Und?!“
„Geht noch“, antwortete sie mit angespannter Stimme.
„Also ist er uns nicht so wohlgesonnen?“, fragte Martin beklommen.
Tony biss sich auf die Lippe.
Er wollte nicht lügen, aber die Wahrheit brachte er ebenfalls nicht heraus. Und es war auch gar nicht nötig.
„Warum bist du dann überhaupt mit so einem befreundet?!“, fauchte Felicia mit einem Mal. „Ist es wirklich so schwer, sich in dieser vermaledeiten Stadt an anständige Menschen zu halten?!“
„Entschuldige mal, kann man Freunde neuerdings vielleicht im Katalog bestellen?!“, schnauzte er überrascht zurück. „Vielleicht seid ihr ja alle moralisch perfekt, aber wenn ich mich nur auf Leute einlassen würde, die keine Macken haben, würde ich allein da stehen!“
„Vielleicht hättest du ja eine bessere Auswahl, wenn du mehr aus deinem Leben gemacht hättest!“
Tony zuckte zurück, als hätte er eine Backpfeife kassiert. „Ey, wie kommst du denn jetzt dadrauf, urteilen zu wollen?! Geht‘s noch?! Als ob du eine Ahnung hättest!“
„Hey“, warf Martin ein, doch weder Tony noch Felicia nahmen Notiz von ihm.
„Zumindest weiß ich, dass du es nichtmal bis zu einer eigenen Wohnung geschafft hast!“, wütete sie. „Und dass du ein Auto fährst, das einem fast unter dem Hintern wegrostet! Klamotten, die dir beinahe vom Leib fallen! Das klingt nicht, als hättest du dir – “
„Hey!“
„ – auf deinem Lebensweg sonderlich viel Mühe gegeben! Und dann willst du auch noch ausgerechnet bei einem Typen einziehen, der ein Problem mit uns hat, und das, nachdem wir dich bei uns aufgenommen haben!“
„Seit wann bin ich euch gegenüber denn jetzt zu irgendwas verpflichtet?!“, pflaumte Tony zurück. „Und selbst wenn, das geht dich ja wohl einen Scheiß an! Hast du schonmal versucht – !?“
„HEY!“, rief Martin dazwischen und schlug von hinten gegen beide Sitze. „Kommt mal runter! Es ist gerade stressig, aber auszuflippen und sich gegenseitig fertig zu machen, bringt gar nichts, okay!?“
Tony und Felicia verstummten. Sie beide atmeten schwer, und während Felicia mit fest verschränkten Armen aus dem Seitenfenster starrte, versuchte Tony, sich auf die Straße zu konzentrieren.
Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein Herz wummerte und er zitterte. Weil er mit derartigen Vorwürfen nicht gerechnet hatte. Weil die Vorwürfe ihn trafen. Weil er Angst hatte um Ralph. Weil er nicht wusste, was er tun würde, wenn Ralph etwas passierte und er das indirekt mit verschuldet hätte. Weil er nicht wollte, dass Dex oder einem der anderen etwas zustieß.
Er trommelte an roten Ampeln auf dem Lenkrad rum. Fluchte, wenn er verkalkten Omas hinterher zockeln musste. Wäre dem Wichser, der ihm die Vorfahrt nahm, am liebsten hinten rein gedonnert.
Als sie noch einen Block von Dex‘ Wohnung entfernt waren, klingelte das Smartphone. Tony zuckte zusammen; dann wollte er danach greifen, doch Felicia hielt es weg von ihm.
„Nicht, während du fährst!“, zischte sie. Dann starrte sie auf den Bildschirm. „Dex“, sagte sie.
„Mach laut!“, wies Tony sie an.
Sie drückte auf den Lautsprecher.
„Tony?“, fragte das kleine Gerät, und es klang besorgt. „Mann, Alter, wie geht‘s? Alles klar bei dir? Wo – ?“
„Wo bist du?!“, fuhr Tony energisch dazwischen und spürte einen Hauch Erleichterung, weil Dex in Ordnung war. „Daheim?!“
„Ja. Hör mal, es gibt hier nen kleines Problem. Verdammt strange, sag ich dir.“
„Was für ein Problem?!“
„So‘n Android – scheiße, Mann, jetzt stellt den doch endlich ruhig!“, schnauzte Dex, scheinbar an jemand anderes gerichtet.
Kaltes Entsetzen füllte Tonys Brustraum, als er aus dem Stimmengewirr im Hintergrund Wortfetzen heraushören konnte, die eindeutig Ralph zuzuordnen waren.
Er trat noch einmal aufs Gaspedal, brüllte: „TUT IHM NICHTS!!!“, dann bogen sie um die Ecke des Blocks, und das vierstöckige Klinkergebäude, in dem Dex wohnte, kam in Sicht.
„Was?“, drang es aus dem Lautsprecher. „Ihm nichts tun? Alter, was ist denn da – ?“
Tony riss das Steuer herum, bog auf den halbvollen Parkplatz ein, spürte das Heck auf dem Schneematsch schlingern, sah Dex dort stehen, das Smartphone in der einen Hand, den kurzen Revolver in der anderen. Sah auch Freddy und Gio und Leyla, und Ralph, der auf dem Boden kniete, nach unten gedrückt, und Freddys Hand, die seinen Nacken fest packte.
Die vier Menschen wandten sich um, als sie das Auto über den Randstein poltern hörten, und Überraschung zeichnete ihre Gesichter.
Er jagte an den Reihen von Autos und leeren Parkplätzen vorbei, stieg auf Höhe der kleinen Gruppe in die Eisen, kam rutschend zum Stehen, stieß die Fahrertür auf.
Und sah, wie unter der nachlassenden Wachsamkeit Ralph plötzlich herumfuhr, mit hasserfülltem, verweintem Gesicht, Freddy den Arm in den Bauch rammte, der in die Knie ging, sich auf Dex warf.
Dex erschrak, als der Android ihn ansprang, schaffte es nicht mehr, zu reagieren, Ralph traf ihn mit seinem vollen Gewicht, und gemeinsam schlugen sie am Boden auf; Ralph war über ihm, holte aus, Tony schrie: „NEIN!“, ein Knall hallte dröhnend von den Wänden wider, und Tony war unfähig, sich zu rühren; alles schien verlangsamt, lief ab wie in Zeitlupe, und mit aufgerissenen Augen sah er dabei zu, wie Ralph an sich herunter sah, mit einer Hand nach seinem Bauch tastete; die Wut tröpfelte langsam aus der Mimik des Androiden und machte Verwirrung Platz.
Dann kippte er zur Seite weg.
Was Tony aus seiner Starre katapultierte, war der tintenblaue Fleck, der auf Dex‘ grauer Jacke glänzte. Er stürzte auf die Gruppe zu, war mit wenigen großen Sätzen bei ihnen, warf sich neben Ralph zu Boden.
„Nein“, flüsterte er und drückte zwei bebende Hände auf den Fleck, der auf dem Schwarz von Ralphs Shirt kaum zu sehen, aber viel zu gut zu fühlen war. „Neinneinneinneinneinnein.“ Die Worte wiederholten sich wie ein Gebet in seinem Kopf, während seine Hände gegen das Loch pressten, das sich so verflucht groß und nass und matschig anfühlte, und lähmende Panik griff nach seinem Gehirn, weil zwischen seinen Fingern immer noch so viel Flüssigkeit hervorquoll.
„Ralph hat Tony gefunden“, hörte Tony es leise murmeln.
„Was?“, stieß er mit zittriger Stimme aus und stierte dem Androiden verständnislos ins Gesicht; er sah Ralphs Augen, und wie sie flatterten, die rot flirrende LED, Lippen, Kinn, Nase, die blau glänzten; spürte, hörte das abgehackte, schnelle Atmen.
„Wir müssen ihn zurück bringen“, sagte jemand an seinem Ohr.
„Was?“, wiederholte er und glotzte zu Martin hoch, ohne ihn wirklich zu sehen. Es fiel ihm schwer, den Sinn hinter den Worten zu begreifen. Es fiel ihm schwer, überhaupt etwas zu begreifen. Von hinten wurde er an den Armen gepackt und zurück gezogen, stolperte über seine eigenen Füße, hielt sich an irgendwas fest, wurde hochgedrückt, kam zum Stehen.
Und Martin nahm Ralph auf die Arme und trug ihn zum Auto, während er selbst ebenfalls in diese Richtung geschleift wurde. Neben sich bemerkte er Felicia, und verstand, dass sie es war, die ihn durch die Gegend zerrte.
Sie stieß ihn auf die Rückbank des Autos, er ließ es geschehen, saß jetzt neben Ralph, und langsam nahm sein Hirn wieder seine Arbeit auf.
Der Motor startete, „Was is hier eigentlich los, verdammte Scheiße?!!“ hörte er Dex noch rufen, dann schlug die Tür hinter ihm zu, und Felicia saß kaum auf der anderen Seite, da fuhr Martin auch schon los.
Nur nebenbei bemerkte Tony seine Leute, die zur Seite hüpften, als Martin das Auto wendete und vom Parkplatz herunter fuhr – sein Hauptaugenmerk galt Ralph, der geistig kaum noch anwesend war, dessen Kopf kraftlos auf seine Brust gesunken war, dessen Finger nach der Wunde tasteten.
Tony packte ihn an der Schulter, packte ihn am Arm, und Ralph stierte aus trüben Augen zu ihm auf.
„Es wird alles gut, hörst du?“, flüsterte Tony; eine so hohle Phrase, aber ihm fiel nichts besseres ein. „Alles wird gut, die kriegen dich wieder hin.“
„Ralph hat Tony gefunden“, nuschelte Ralph und blinzelte, als wäre er müde. „Ralph fühlt sich nicht gut. Er glaubt, er wird sterben – “
„Nein, wird er nicht!“, widersprach Tony, doch Ralph hörte ihn nicht.
„Er will nicht sterben, nein. Es wäre sehr schade, wenn Ralph stirbt, sehr schade. Aber Ralph sieht es. Er sieht es vor seinen Augen. Er wollte nur helfen. Er will nicht sterben. Da ist viel Blut an seinem Bauch – “ Wieder tasteten seine Finger nach der fransigen Wunde, schwach, schwerfällig.
Und dann war da eine Hand, die sich auf Ralphs legte, matt weiß, und im nächsten Moment versiegten Ralphs Worte und sein Blick wurde leer.
„EY, WAS MACHST DU DA?!!“, schrie Tony bestürzt.
„Ihn in den Standby versetzen“, gab Felicia zurück; sie versuchte hörbar, die Ruhe zu bewahren, doch auch ihre Stimme wackelte. „Bei Menschen ist es vielleicht nicht gut, wenn sie wegdriften, aber für Androiden ist der Standby viel schonender. Alles wird runtergefahren, läuft langsamer, verbraucht weniger.“ Sie hatte sich ihren roten Mantel ausgezogen, ohne dass Tony es mitbekommen hatte, und drückte den Stoff jetzt gegen die Wunde, hielt weiterhin Ralphs Hand, blieb weiter mit ihm verbunden.
Tonys Mund war trocken, sein Herz trommelte heftig gegen seine Rippen, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Alle paar Sekunden fragte er: „Und?“
Felicia gab ihm jedes Mal Auskunft, obwohl sich nichts veränderte, und er wusste im Grunde, es brachte nichts, dauernd zu fragen; aber es erstickte die Stille und schwächte diesen widerlichen Zustand ab, nur auf der Rückbank sitzen zu können, Ralphs furchtbar leblos wirkendes Gesicht nur anglotzen zu können, nichts weiter tun zu können als zu hoffen.
Die Fahrt zog sich quälend lang hin, gerade, als durchquerten sie die gesamte USA, und nicht bloß ein paar dutzend Blocks durch Detroit.
Mehr als einmal biss er sich auf die Zunge, um sich davon abzuhalten, Martin anzuschreien, schneller zu fahren. Der irrationale Teil in ihm fluchte, weil Martin sich viel zu penibel an die Verkehrsordnung hielt, der rationale Teil hielt dagegen, denn es stimmte, wenn sie jetzt in eine Polizeikontrolle gerieten, war längst nicht garantiert, dass die Cops sie einfach weiterwinken würden. Ralph war immer noch ein Android, und kein Mensch …
Gott, am liebsten würde er kotzen!
Um sich schlagen, aus dem Auto springen, Ralph schütteln, irgendwas! Jede beschissene rote Ampel machte ihn wahnsinnig, jede Kreuzung, jedes Mal, wenn der Verkehr stockte. Dreimal klingelte sein Handy, zweimal war es Dex, einmal Gio.
Er ging nicht dran. Ignorierte die Nachrichten. Dann schaltete er es aus, weil es ihm zu blöd wurde, und widerstand dem Drang, es durch die Gegend zu pfeffern.
Und endlich, endlich, fuhren sie durch die Tore Jerichos, viel zu langsam, aber all die Androiden, die unterwegs waren, brauchten die Zeit, um auszuweichen, und dann hielten sie vor Halle 3.
Felicia sprang aus dem Auto und lief in die Halle hinein, Martin war auch bereits draußen, bückte sich in die offene Tür, nahm Ralph wieder auf die Arme, trug ihn Felicia hinterher. Tony verfolgte die drei, halb im Marsch, halb im Rennen und kam sich furchtbar überflüssig vor.
Felicia hatte bereits jemanden gefunden, der sie durch die Halle dirigierte, zu einem der abgetrennten Bereiche; der Android ließ nur Martin ein und wies ihn an, Ralph auf einen Untersuchungstisch zu legen, dann scheuchte er auch ihn wieder raus.
Zwei weitere Androiden stießen dazu, schlüpften durch die Plane, und das war alles. Martin, Felicia und Tony standen da wie Weihnachtssänger, denen man die Tür vor der Nase zugeknallt hatte.
Der Geräuschpegel in der Halle machte es praktisch unmöglich, herauszuhören, was hinter der Plastikplane gesprochen oder getan wurde.
„Ich glaube, ich würde mich gern hinsetzen“, murmelte Martin.
Sie folgten seinem Wunsch und ließen sich auf CyberLife-Kisten nieder, die etwas im Abseits standen. Felicia ertrug die Ruhe nicht lange, und bald schon tigerte sie vor ihnen auf und ab, die Arme verschränkt, und starrte ins Leere.
Für die Halle, in der sie sich befanden, hatte Tony kaum einen Blick übrig, obwohl er sie zuvor noch nicht von innen gesehen hatte. Er knetete seine Hände, wippte mit einem Bein und versuchte krampfhaft, an gar nichts zu denken.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Martin sich mit dem Handballen über die Wange fuhr. Dessen Mimik war hart, seine Lippen zusammengepresst, seine Augen glänzten.
Am liebsten hätte Tony irgendetwas gesagt, aber er bekam es ja nichtmal auf die Reihe, sich selbst zu beruhigen.
„Was ist hier los?“, fragte plötzlich eine Stimme, die Tony sehr bekannt vorkam; als er aufschaute, war da Simon, mit einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen, der sie reihum betrachtete. „Was macht ihr hier? Was ist passiert?“
Innerlich stöhnte Tony auf. Er hatte gehofft, diese Frage niemandem beantworten zu müssen; und dann kam sie auch noch ausgerechnet von Simon …
„Ralph ist angeschossen worden“, presste Felicia hervor.
„Was?! Von wem?“
Felicia funkelte zu Tony hinüber. Tony schrumpfte ein Stück in sich zusammen. „Dex“, murmelte er so leise, dass er sich selbst kaum hörte.
Trotzdem hatte Simon ihn vernommen. Dessen Augenbrauen wanderten nun nach oben. „Dex“, wiederholte er. „Dex war hier?“
„Nein!“, sagte Tony schnell. „Nein, war er nicht. Es war … irgendwas ist da ganz beschissen gelaufen. Anscheinend hat Ralph mich gesucht oder … sowas …“ Tony stierte auf seine Hände, die noch immer so blau waren, als trüge er Handschuhe; das Thirium verflüchtigte sich nur langsam.
„Simon?“, rief jemand durch die Halle.
Simon warf einen kurzen Blick über die Schulter, antwortete ebenso laut: „Ich komme!“, und wandte sich um. „Wir reden später.“ Das sagte er im Gehen, und er sagte es hauptsächlich an Tony gerichtet.
Tonys Schultern sackten ab. Das klang wie früher, wenn sein Lehrer angekündigt hatte, seine Mutter anzurufen …
Er fühlte sich wie ein Idiot, und er hasste es. Jedes Mal. Warum nur musste er dauernd alles verbocken? Warum war er ausgerechnet darin so gut? Sein Trotz meldete sich zwar, der ihm sagte, dass es sein gutes Recht war, einen draufzumachen, und dass er nie hätte voraussehen können, was passieren würde, und das mochte stimmen, aber …
Sein Kinn zitterte. „Ich wollte das nicht“, sagte er mit brüchiger, flehender Stimme, und sah zwischen Martin und Felicia hin und her. „Das wisst ihr doch, oder? Dass ich das nicht wollte?“
Felicias Mund kräuselte sich. Dann dehnte sie ihren Brustkorb.
„Natürlich wissen wir das“, sagte sie grob und machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung.
Tony glotzte sie an und wartete auf einen Folgesatz, der nicht kam.
„Aber?“, fragte er.
Sie kaute auf ihrer Lippe. „Ich bin …“, ihre Finger öffneten und schlossen sich ein paar Mal, „sehr angespannt“, formulierte sie zurückhaltend, „und irgendwo muss das hin.“
„Verstehe“, sagte Tony leise.
„Ralph ist anstrengend, aber irgendwie …“ Sie zuckte die Schultern. „Ich glaube, ich würde ihn wirklich vermissen, wenn …“ Sie verstummte.
„Wenn man ihn gut behandelt, blüht er auf. Das war echt schön zu sehen“, murmelte Martin; er wirkte ziemlich abwesend, als spräche er zu sich selbst. „Und wenn er sich freut, freut er sich ehrlich. Er hat bloß jemanden gebraucht, der das sehen kann. Und …“  Sein Atem stockte. „Und genau dann, als er so jemanden findet, soll es – soll es mit ihm zu Ende sein …“ Er drückte sich die Hände vor sein Gesicht. „Das ist nicht fair!“, stieß er aus, schluchzte erstickt auf. Dann krümmte er sich zusammen; er gab keinen Ton mehr von sich, doch die bebenden Schultern sprachen ihre eigene Sprache.
„Hey, hey, niemand sagt, dass es mit ihm zu Ende geht – “, sagte Tony so überzeugend, wie er konnte und legte eine Hand auf den zittrigen Rücken.
„Er hat soviel Blut verloren – !“, hörten sie Martin gedämpft.
„Ich war die ganz Zeit bei ihm“, sagte Felicia sanft. Sie ging vor Martin in die Hocke und strich über seine Arme. „Ich habe beobachtet, was in ihm vorging. Er hat einiges an Thirium verloren, ja, aber im Standby hat sich das auf ein Minimum reduziert. Die Pumpe hat noch gearbeitet, der Gedächtnispalast auch. Ich bin sicher, sie kriegen ihn wieder hin.“
Martin ließ sich zu ihr auf den Boden fallen, klammerte sich an sie, drückte sein Gesicht in ihre Halsbeuge. Tony konnte sehen, dass Felicia mit der Situation ein wenig überfordert war; doch sie ließ Martin gewähren, umarmte ihn ebenfalls, streichelte ihn beruhigend.
Irgendwann schien er sich gefangen zu haben; er löste sich von Felicia, blieb aber neben ihr sitzen, mit steinerner Miene, wischte sich die Wangen trocken und sprach auch weiterhin kein Wort mehr.
Und so saßen sie da, jeder allein mit seinen Gedanken, und warteten darauf, dass die Plane wieder beiseite gezogen wurde.
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