Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
Alle Kapitel
95 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
16.08.2020 1.839
 
Und noch eine neue Empfehlung! :D Wieder vielen, herzlichen Dank dafür! \(^.^)/

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Tristan


Er saß auf einem wurmstichigen Holzstuhl, vor sich einen ebenso wurmstichigen Küchentisch, in einem kleinen Raum, der einst als Büro gedient hatte, und beobachtete die beiden Androiden – einen AP700 und einen GS200 –, die sich ihm als Eric und Cody vorgestellt hatten.
Sie saßen ebenfalls. Cody war nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf der Tischplatte, und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Eric hatte die Arme verschränkt und starrte mit steinerner Miene ins Leere.
„Es tut mir sehr leid“, sagte Tristan erneut. Er klang mechanisch, unbeteiligt, was herzlos wirken mochte, doch es war nötig, um den emotionalen Abstand zu wahren.
„Was ist passiert?“, begann Eric. „Wer hat ihr das angetan?“
„Ich hatte gehofft, ihr könntet mir diese Frage beantworten. Mir sagen, wann ihr sie zuletzt gesehen habt. Was sie gesagt hat. Warum sie Jericho verlassen hat. Ob sie sich mit jemandem treffen wollte.“
Bisher hatte er ihnen nur berichtet, dass die BL100 ermordet worden war. Auf Details, Abläufe und Vermutungen rund um den Tathergang war er nicht eingegangen, um möglichen verfälschten Aussagen der beiden Androiden vorzubeugen.
Langsam schüttelte Eric den Kopf, den Blick nach wie vor ins Leere gerichtet. „Nein …“, sagte er tonlos.
„Nichts?“, fragte Tristan und beobachtete die beiden eingehend; weil er keine spezifische, beziehungsweise zu viele Fragen gestellt hatte, konnte er nicht feststellen, ob das unbestimmte ´Nein …´ eine Lüge war. „Kein Wort? Obwohl ihr befreundet seid?“
„Sie, uhm, sie war öfter mal fort“, begann Cody; er sprach in Richtung der Tischplatte, seine Stimme klang brüchig, die Finger immer noch in dem brünetten Haar vergraben. „Sie wollte uns nie sagen, wo sie hingeht. Und wir haben ihre Entscheidung akzeptiert.“
Tristan neigte unmerklich den Kopf. Lüge … Und diesmal war es eindeutig.
„Wann habt ihr sie das letzte Mal gesehen?“
„Samstag“, murmelte Cody. „Nachmittag.“
„Und ihr habt euch keine Gedanken gemacht, als ihr sie Sonntag nicht gesehen habt?“
„Sie hat Jericho schon öfter verlassen. Auch über einen längeren Zeitraum hinweg.“
„Das hat euch keine Sorgen bereitet? Wenn sie Jericho verlassen hat? Obwohl ihr wisst, dass es dort draußen gefährlich werden kann?“
Du bewegst dich doch auch unter den Menschen, oder hab ich da was falsch verstanden?“, sagte Eric mit einem Mal angriffslustig.
„Meine Voraussetzungen sind vollkommen andere. Man hat mir nahezu alle Nahkampf – und Selbstverteidigungstechniken einprogrammiert. Ich bin um ein Vielfaches stärker als ein normaler Mensch. Im Gegensatz zu eurer Freundin.“ Tristan lehnte sich nach vorn. „Wenn sie Jericho so oft verlassen hat – warum hat sie sich nicht registrieren lassen?“
„Hast du schonmal was von Privatsphäre gehört?“, erwiderte Eric gereizt. „Die Menschen verfolgen uns, und wir sollen diejenigen sein, die sich beobachten lassen müssen?“
„Es mag unfair sein, aber – “
„Ja, das ist es allerdings. Sag mir“, und nun war es an Eric, sich vorzubeugen, „wie lange bist du schon aktiv?“
„Das tut hier nichts – “
„Du arbeitest mit den Menschen zusammen, wie dein Vorgänger-Modell. Hat er dich dorthin geschleppt? Dir erzählt, dass es keinen Unterschied macht, welcher Spezies die Opfer angehören?“
„Meine Privatangelegenheiten sind für diese Unterhaltung vollkommen irrelevant“, sagte Tristan nachdrücklich. Er hatte die Arme verschränkt, bevor er sich dessen überhaupt bewusst wurde.
„Sie sind sogar verdammt relevant“, widersprach Eric und lehnte sich weitere zwei Zentimeter nach vorn. „Komm schon. Erzähl uns, wie es dir dort geht. Fühlst du dich wohl? Geachtet? Behandelt man dich mit Respekt? So, als macht es keinen Unterschied, was du bist?“
Für eine Sekunde geriet Tristan aus dem Takt, dann fasste er sich wieder. „Für mich macht es keinen Unterschied“, sagte er kalt und taxierte Eric.
Eric grinste bitter. „Nein? Und für deine Kollegen? Sehen sie auch keinen Unterschied? Haben sie sie genauso behandelt, wie sie eine menschliche Tote behandeln würden?“
„Ich möchte den Mörder eurer Freundin finden“, sagte Tristan leise und eindringlich; er versuchte, beherrscht zu bleiben, unbeeindruckt von Erics Worten, doch es gelang ihm nicht … nicht zur Gänze … „Alles andere ist nicht Gegenstand meiner Ermittlungen. Also sagt mir, habt ihr Informationen, die mir dabei helfen, diesen Fall zu lösen, oder nicht?“
„Nein“, sagte Eric und blickte Tristan dabei direkt in die Augen, mit hartem Gesichtsausdruck und Tristan wusste, dass diese Unterhaltung vorbei war.
Wieder wurde ihm angezeigt, dass es eine Lüge war, doch ihm waren die Hände gebunden. Den Zugriff auf ihre Systeme konnte er nicht erzwingen, weil die beiden als Täter nicht infrage kamen, und es noch keine entsprechenden Gesetze für derartige Fälle gab.
Und er sah davon ab, Druck aufzubauen.
Die beiden gehörten nicht zu der Sorte Androiden, die sich einschüchtern ließen, und er hielt es für taktisch klüger, wenn sie nicht darüber im Bilde waren, dass seine Polygraphie-Software auch im Bezug auf Androiden funktionierte.
Also gab er vorerst nach und begann an einem anderen Punkt.
„Hatte sie noch andere Freunde? Bekannte? Irgendwen, der mir etwas sagen könnte? Vielleicht auch außerhalb von Jericho?“
Eric setzte bereits zum Sprechen an, als Cody ihm über den Mund fuhr. „Wir hören uns um“, sagte er mit leicht erhöhter Stimme. „Versprechen können wir aber nichts. Sie – sie war nicht … “
Doch was sie nicht war, erfuhr Tristan nicht mehr, denn Codys Stimme versiegte.
Eine kleine Weile noch betrachtete Tristan beide. Eric hatte sich wieder zurückgelehnt, die Beine übereinander geschlagen und die Arme verschränkt, und Cody, der sich nun auch aufgerichtet hatte, starrte auf den Tisch, wirkte abwesend. Nur hin und wieder waren seine Augen während dieser Konversation zu Eric gezuckt, und nur sehr kurz, und Tristan hatte es kaum einschätzen können, auch wenn er meinte, einen Hauch Missbilligung auszumachen.
Schließlich erhob Tristan sich. „Vielen Dank für eure Zeit“, sagte er und konnte seinen Unmut dabei nicht vollkommen verstecken.
Er war schon fast zur Tür hinaus, als er noch einmal stehen blieb. „Gehört ihr nicht zu den Androiden, die den Anstoß für die Unruhen während Markus‘ Ansprache gegeben haben?“, fragte er in den Raum hinein.
Wir haben nur gesagt, was wir denken.“ Eric funkelte ihn über die Schulter hinweg an. „Dies ist ein demokratischer Staat, mit dem Recht auf Meinungsfreiheit. Also haben wir nicht falsch gehandelt, oder?“
Für einen kurzen Moment taxierten sie einander; dann sagte Tristan: „Nein, natürlich nicht“, und schloss die Tür hinter sich.
Während er über das Treppenhaus die beiden Stockwerke nach unten ging, sich durch die Eingangshalle und hinaus auf das Gelände begab, hin und wieder anderen Abweichlern mechanisch auswich und nur nebenbei bemerkte, dass sich unter dem Dreiergrüppchen, das an ihm vorbei hetzte, dieser Mensch befand, war er tief in Gedanken versunken.
Erics Worte nagten an ihm, das konnte er nicht leugnen. Zu gern wäre er den vorwurfsvollen Fragen mit entkräftigenden, positiven Beispielen begegnet. Doch was er am Tatort erlebt hatte, untermauerte Erics indirekte Unterstellungen nur.
Und er fragte sich auch, warum die beiden gelogen hatten. Offensichtlich gehörte vor allem Eric zu jenen Androiden, die den Menschen gegenüber ablehnend eingestellt waren. Es hätte also keinen Sinn, einen menschlichen Täter zu schützen.
Oder war Eric lediglich so abweisend, weil Tristan mit den Menschen zusammenarbeitete? Hätte er ihm mehr erzählt, wohnte Tristan in Jericho?
Er schnaubte. Es war grotesk.
Die Menschen misstrauten ihm, weil er ein Android war. Die Androiden misstrauten ihm, weil er unter Menschen lebte.
Und er war machtlos gegen dieses Gedankengut.


Connor


"Mit wem hast du eigentlich telefoniert?", fragte er, während Hank den Oldsmobile auf dem Parkplatz direkt gegenüber des mehrstöckigen Wohnhauses abstellte. „Vorhin? Als wir in Halle 3 waren?“
"Mit meinem Autohändler. Die Karre hier hat mal wieder ein paar Ersatzteile nötig", sagte Hank viel zu schnell und betont neutral.
"Hank", sagte Connor.
"Nein, ernsthaft. Ich glaub, der Anlasser tut's nicht mehr richtig. Ich meine, kein Wunder, bei dem Alter. Manchmal denke ich, der war schon rostig, als es noch Schnurtelefone gab."
Connor seufzte und bedachte Hank mit einem wissend-gelangweilten Blick.
Sein Partner biss sich auf die Lippe; dann rollte er die Augen. "Na schön, du Quälgeist. Hab mit Reed telefoniert."
"Warum?"
"Weil ich seine Stimme vermisst hab", murrte Hank sarkastisch, stieß die Fahrertür auf und stieg aus.
Connor überging das. "Es hängt nicht zufällig damit zusammen, was ich dir über Tristans Gemütszustand berichtet habe, oder?", fragte er, während er das Auto ebenfalls verließ.
Hank kratzte sich am Hals. "Weiß nicht, was du meinst."
"Doch, das weißt du. Was hast du gesagt?"
Hank schwieg, doch Connor, der ihn über das Autodach hinweg taxierte, gab nicht nach. "Was hast du gesagt?", wiederholte er eindringlicher.
"Herrgott, ja, na schön", stieß Hank aus. "Ich hab ihm gesagt, dass er sich benehmen soll, sonst kriegt er die nächste verpasst. Da hast du's. Zufrieden? Jetzt halt schon deine Predigt, wenn's dich glücklich macht."
Doch Connor sagte nichts. Nachdem Hank ihm während der Fahrt nach Jericho gestanden hatte, wo er gestern gewesen war und was er dort gemacht hatte, war Connor hin – und hergerissen zwischen Missbilligung und Ergriffenheit (und ein Bisschen – wirklich nur ein kleines Bisschen – empfand er Schadenfreude und Genugtuung, gemischt mit der Vorfreude darüber, was er erblicken würde, wenn er Gavin Reed das nächste Mal sah).
Pflichtbewusst hatte er Hank einen Vortrag über Menschenrechte und die Gesetze der Vereinigten Staaten gehalten, denn natürlich war es gesetzeswidrig, eine andere Person zu verletzen, ungeachtet dessen, was diese Person getan hatte; und ebenso gesetzeswidrig, Drohungen auszusprechen. Trotzdem hatte Connor sich ein Grinsen verbeißen müssen. Und war überrascht gewesen über dieses warme Gefühl, das sich in seinem Innern ausbreitete, bei dem Gedanken daran, wie Hank sich für Tristan eingesetzt hatte. Dieses Gefühl, das in ebendiesem Moment wiederkehrte.
Mit Sicherheit spielte bei Hanks Tat auch ein wenig Egoismus mit – als ob sein Partner sich eine Chance entgehen lassen würde, Reed einen Denkzettel zu verpassen – aber das war garantiert nicht der einzige Beweggrund, und irgendwie machte Connor das glücklich.
Schließlich blies er nur leise die Luft aus und setzte sich in Bewegung, hielt auf das Wohnhaus zu.
"Was denn, keine Standpauke?", hörte er Hank.
"Du tust eh, was du willst", murmelte Connor.
"Stimmt. Und zumindest in diesem Fall findest du das gut."
"Finde ich gar nicht!", entgegnete Connor, doch der empörte Tonfall klang alles andere als überzeugend. Hanks breites Grinsen nahm er schmollend hin und steckte die Hände in die Hosentaschen (und ärgerte sich darüber, wie kindisch er sich gerade verhielt).
Leise sagte er: "Ich hoffe nur, dass Reed damit nicht zu Captain Fowler geht."
"Quatsch. Dafür ist der Typ viel zu stolz."
"Dein Wort in Gottes Ohr."
"Meinst du nicht eher rA9?"
Connor warf Hank einen Seitenblick zu, sagte aber nichts.
Stattdessen fiel seine Aufmerksamkeit eher beiläufig auf einen kleinen, an den Parkplatz angrenzenden Supermarkt, und blinzelte kurz, als er bemerkte, wen er gerade aus einem Automatismus heraus gescannt hatte.
Hank war schon weiter gegangen und wollte bereits die Straße überqueren, um zu dem Wohnblock zu gelangen, als Connor ihn aufhielt. „Ist nicht mehr nötig. Der, den wir suchen, ist dort drüben.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast