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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
Alle Kapitel
95 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
03.08.2020 2.512
 
Sorry, ist etwas später geworden diesmal; das Wochenende hat mich ziemlich geschlaucht^^“

Aber vielen Dank für die Empfehlung! :D <3

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Connor


Während Hank sie zu der Adresse fuhr, die Connor ihm genannt hatte, hatte sich sein Blick nach draußen gewandt; doch von dem verschneiten, teils weihnachtlich geschmückten Detroit, von den Passanten und anderen Fahrzeugen nahm er recht wenig wahr. Stattdessen schweiften seine Gedanken umher; waren sie anfangs noch für eine Weile um das Gespräch mit Hank gekreist, wanderten sie jetzt weiter; kurz dachte er an Tristan; an sein eigenes Vorhaben in Bezug auf Jericho; dann an die Probleme rund um das Red Ice, bei dem er wenig ausrichten konnte; hängen blieben sie jedoch schließlich bei Markus und dessen Schicksal.
Und er machte sich Sorgen um seine Leute. Mehr noch als polizeiliche Unterstützung brauchten sie geistige Führung. Simon, North und Josh waren zwar fähige Androiden, und jeder von ihnen wurde seiner Aufgabe gerecht, aber er glaubte nicht, dass einer der drei geeignet war, um ein ganzes Volk zu leiten. Beziehungsweise bezweifelte er, dass das Volk der Androiden jemand anderen als Markus als ihren Anführer akzeptieren würde.
"Vielleicht sollten wir Elijah Kamski kontaktieren", sprach er eine seiner unausgegorenen Überlegungen aus. "Kamski hätte mit Sicherheit die nötigen Mittel zur Hand, um Markus wieder auf die Beine zu bringen."
Kurz blinzelte Hank zu ihm herüber. "Ich weiß ja nicht", begann er langsam. "Der Kerl kam mir ziemlich suspekt vor. Zumal ich ihm am liebsten eine geklatscht hätte für das scheiß Experiment, das er mit dir abgezogen hat."
"Du spielst auf die RT600 an?"
"Worauf sonst? Viel kann ihm an seinen Androidinnen ja nicht gelegen haben, wenn er billigend in Kauf nimmt, dass du eine von ihnen abknallst. Meinst du ernsthaft, dann hat er Interesse an all den anderen?"
"Schwer zu sagen. Immerhin ...", ´war es Kamski selbst, der mir einen Hinweis darauf gegeben hat, wie ich mich von Amanda befreien kann.´
"Immerhin?", fragte Hank.
"Er hat mich als Abweichler betitelt und schien davon eher fasziniert denn entsetzt."
"Klar. Seine Schöpfung wird lebendig. Das streichelt sein Ego. Ich rede aber von Sympathie, Connor. Glaubst du, er fühlt sich euch wirklich nahe genug, um euch zu retten? Ich hab bis jetzt jedenfalls nichts davon mitbekommen, dass er den Abweichlern unter die Arme gegriffen hätte. Obwohl er das nun weiß Gott können müsste."
"Stimmt schon ...", murmelte Connor.
"Außerdem wären solche Sachen wie sich mit Kamski in Verbindung zu setzen eher die Aufgabe der Jericho-Leute, oder? Joanna sagt, sie wollen nicht, dass CyberLife Wind davon kriegt. Und dann ausgerechnet den ehemaligen CEO mit ins Boot ziehen? Unabgesprochen? Klingt mir nicht nach einer guten Idee."
"Du hast ja recht", räumte Connor ein. "Es ist nur ... Ich wünschte einfach, ich könnte mehr für Markus tun außer seinen Zustand zu bemitleiden. Ich hasse es, zur Untätigkeit verdammt zu sein."
"Weiß ich doch. Aber du tust das, was du tun kannst. Hals dir nicht noch mehr auf. Hab einfach Vertrauen in deine Leute. Die kriegen ihn schon wieder hin."
Connor nickte. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig ...

Tony


„Nochmal danke für die Fahrt“, sagte der CX100, nachdem sie am Straßenrand vor Jericho geparkt hatten und ausgestiegen waren, und legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter.
Tony winkte ab. „Kein Thema, ehrlich.“
Die beiden Androiden verabschiedeten sich von ihm, und er blieb allein an sein Auto gelehnt zurück und steckte sich endlich eine Kippe an. Er nahm einen tiefen Zug, hustete ein bisschen und blies Qualm und Atemdunst in die Winterluft, schloss die Augen, vergrub die freie Hand in einer Parkatasche. Er fühlte sich immer noch scheiße. Nicht betrunken, aber wie ausgekotzt. Sein Schädel war dick und pochte, seine Glieder schmerzten, sein Magen protestierte. Zum Glück war der leer, sonst hätte er die Fahrerei nicht an einem Stück durchziehen können.
Dass er Gavin getroffen hatte, war eine nette Überraschung gewesen, die ihn abgelenkt hatte, die die Nachwehen des nächtlichen Besäufnisses aber nicht übertünchen konnte. Wenigstens klärte die Winterluft seine Sinne immer mehr.
Unmotiviert stakste er durch den Schnee auf das Tor zu und zückte dabei sein Smartphone, das sich irgendwann in der Nacht einen Sprung im Glas zugezogen hatte; blöd, aber Hauptsache, es funktionierte noch.
Es dauerte nicht lange, bis Martin sich meldete.
„Hi“, sagte Tony. „Wo bist du?“ Er hatte keine Lust, ewig um den heißen Brei herumzureden und wollte schnell hinter sich bringen, wozu er sich entschlossen hatte. Mit eingezogenen Schultern, die Füße kalt, einen schalen Nachgeschmack im Hals, schlängelte er sich durch die Gruppen an Androiden, die sich in der Nähe des Eingangs ballten, und ließ sich am Telefon erklären, wohin er zu gehen hatte.
Der Beschreibung folgend, fand er bald eine Halle, die scheinbar als eine Art Wäscherei und Klamottenausgabe genutzt wurde. Jedenfalls konnte er ein kleines Bataillon an alten Waschmaschinen ausmachen, die alle in Betrieb waren, und sogar Eimer und Plastikwannen, in denen Androiden die dreckigen Klamotten von Hand säuberten.
Trockner waren offenbar Mangelware (er konnte vielleicht vier oder fünf Stück entdecken, von denen einer gerade repariert wurde), dafür waren massenhaft Wäscheleinen gespannt worden, die unter der Last von nassem Stoff ächzten. Weiter rechts bügelte eine große Gruppe von Androiden im Akkord, um den Bergen an Kleidung Herr zu werden.
In dem anderen Teil der Halle standen Meter um Meter an voll behängten Kleiderrollständern, zwischen denen Abweichler hin und her flitzten und alle Hände voll damit zu tun hatten, ihren Landsleuten, die Schlange standen, die passende Kleidung herauszugeben; dahinter sah er mit Plastikplanen und blickdichten Stoffen abgehängte Bereiche, und nach den Abweichlern zu schließen, die mit Klamotten auf den Armen davor warteten, nahm er an, dass es sich um Umkleiden handelte.
Es war überraschend laut, wie er feststellte. Das Rumpeln der Waschmaschinen und Trockner, das Platschen und Spritzen von Wasser, die gehetzten Schritte und die Stimmen der Abweichler, die diskutieren, lachten, genervt vor sich hin fluchten, stritten oder sich einfach nur unterhielten, mischte sich miteinander und schwoll in der geräumigen Halle zu einem sich überlagernden Hintergrundrauschen an, wie er es sonst nur von Malls oder Hallenbädern kannte.
Er entdeckte Martin weiter hinten, der ihm von einer der Plastikwannen aus zuwinkte, und versuchte, sich möglichst unauffällig zwischen den ganzen Androiden hindurch zu bewegen; gänzlich vergessen hatte er die diversen Warnungen und feindseligen Einstellungen einiger von ihnen noch nicht.
Als er bei Martin ankam, bemerkte er, dass auch Felicia da war, die einen Schwung Wäsche aufhängte, ebenso wie Evie, die am Boden hockte, einen kleinen Haufen Wäsche neben sich liegen hatte und nassen Stoff in der mit milchig-trübem Wasser gefüllten Wanne bearbeitete, um ihn anschließend an einen Abweichler neben ihr weiterzugeben, der wiederum klares Wasser in seinem Eimer hatte. Sie blickte kurz auf, lächelte, sagte „Hi“, wischte sich mit dem Handrücken ein paar Strähnen aus der Stirn. Der Anblick erinnerte ihn auf skurrile Weise an ein mit Schaustellern bevölkertes Heimatmuseum, das er mal mit seiner Schulklasse besucht hatte.
„Ihr seid beschäftigt?“, fragte er, nachdem er auch Felicia und Martin gegrüßt hatte.
„Einigermaßen.“
„Wir leisten Evie Gesellschaft und helfen, wenn mal mehr Hände gebraucht sind.“
„Nett." Dann ließ Tony den Blick schweifen. "Interessantes System."
"Tja, irgendwie muss man's ja machen", sagte Evie, während sie die mit Waschmittel vollgesogene Wäsche weitergab.
"Stimmt", sagte Tony. "Uhm, hättet ihr kurz Zeit für mich?" Er schielte zu Martin und Felicia und ruckte mit dem Kopf in Richtung Hallenausgang. Es wäre ihm zwar lieber gewesen, nur mit Martin sprechen zu können, aber er wäre sich noch blöder dabei vorgekommen, sie auszuschließen. Wenigstens war Evie zu beschäftigt.
Die beiden folgten seiner Bitte und begleiteten ihn nach draußen.
"Was gibt's denn?", fragte Felicia.
"Und wo warst du überhaupt?", fragte Martin.
Tony lehnte sich gegen die kalte Hallenwand, schob sich beide Hände in den Nacken und drückte auf den verspannten Muskeln herum, während er sich gedanklich seine Worte zurecht legte. "Vorhin hab ich einen eurer Kollegen zu einem Tatort gefahren", begann er. "Anscheinend sind nicht mehr genug Autos übrig."
"Oh", machte Martin.
"Tatort?" Furchen gruben sich in Felicias Stirn. "Was ist denn passiert?"
Na toll. Das war eigentlich nicht das, worüber er reden wollte. Doch nun hatte er angefangen.
"Scheinbar hat‘s eine von euch ... ", begann er vorsichtig, doch er brachte den Satz nicht zu Ende, weil er das Gefühl hatte, dass unsensibel klang, egal, was er sagte.
Allerdings brauchte er gar nicht ins Detail zu gehen. Martin und Felicia zogen von allein die richtigen Schlüsse. Sie rieb sich mit beiden Händen über die Augen und die Stirn, er sah einfach nur geknickt aus.
"Und was wolltest du jetzt mit uns besprechen?", fragte Martin schließlich nur.
Irgendwie war Tony froh, dass sie nicht weiter darauf eingingen; er wollte bloß schnell loswerden, was ihm auf dem Herzen lag.
"Ich war heute Nacht bei einem Freund. Bisschen feiern. Hausparty. Ihr wisst schon." Er klammerte aus, dass ebendieser Freund es gewesen war, der ihn vor die Tür gesetzt hatte. Er klammerte auch den Grund dafür aus, warum er überhaupt diese Zerstreuung gebraucht hatte. "Ich hab ihm erzählt, dass ich grad kein Dach über dem Kopf hab, und er hat mir angeboten, bei ihm unterzukommen."
Tatsächlich hatte Dex ihm ganz selbstlos (oder selbstgefällig, je nachdem) unterbreitet, wieder bei ihm wohnen zu dürfen, wenn Tony sich denn brav entschuldigte. Tony hatte ihm in die Seite geboxt, Dex hatte ihn in den Schwitzkasten genommen, dämlich gelacht hatten sie beide, weil sie schon verdammt angetrunken gewesen waren; und nach einer Runde Bruderschaftstrinken war die Sache geritzt gewesen.
"Tja, ich hab angenommen. Damit seid ihr mich wieder los." Er grinste, doch seine Mimik wackelte.
Erst am Morgen, umgeben von all den Schnapsleichen, mit Kater, verklebtem Mund, dröhnendem Schädel und der Aussicht darauf, sein Lager wieder auf der durchgelegenen Couch in dieser zugemüllten, muffigen Bude aufzuschlagen, war ihm klar geworden, dass er sich in Jericho (trotz der Probleme) ziemlich wohl fühlte. Aber ihm war nicht mehr danach, Simon unter die Augen zu treten, hatte nichtmal den Schneid besessen, persönlich einen Cut zu setzen, als Simon mit dieser Bitte um einen Fahrdienst an ihn herangetreten war. Im Schwanz einziehen war er schon immer gut. Im Weglaufen auch. Warum sollte er jetzt etwas daran ändern?
"Oh", machte Martin.
"Okay", sagte Felicia überrascht.
"Tja, ich hab doch gesagt, ich find immer eine Bude. Jetzt müsst ihr nicht mehr die Babysitter spielen. Gut, was?" Er gab sich locker, grinste tapfer.
"Uhm ... ", machte Martin wieder und tauschte einen Blick mit Felicia. "Naja ... "
"Könntet ihr dann Simon Bescheid geben? Ich hab keine Ahnung, wo er ist. Und ich will ihm auch nicht auf den Keks gehen." Peinlich war ihm schon, dass er sich wie ein Lappen verhielt; aber damit konnte er leben. "Und Ralph auch?"
Dass er Ralph alleine ließ, war ihm allerdings richtig unangenehm. Dass er zu feige war, ihm seinen Entschluss persönlich mitzuteilen und sich angemessen zu verabschieden, erst recht. Der Android mochte eine Menge Schrauben locker haben, wortwörtlich, aber Tony hatte ihn irgendwie ins Herz geschlossen. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was Ralph für ein Gesicht machen würde, welche Reaktion diesem verqueren Verstand entspringen würde, wenn er hörte, dass Tony, der grade erst versprochen hatte, sein Freund zu sein, einfach verschwand. Hoffentlich zerlegte er sich nicht selbst. Hoffentlich kümmerten sich Martin und Felicia gut um ihn und gaben auf ihn acht.
"Ralph?", sagte Felicia mit gehobenen Brauen. "Ralph ist nicht hier."
Tony blinzelte. "Was?"
"Ja", sagte Martin. "Wir haben ihn heute noch nicht gesehen. Eigentlich dachten wir, er wäre mit dir unterwegs ... "
Tony spürte sein Herz stärker klopfen.
Das musste nichts heißen, natürlich nicht. Ralph war erwachsen, mehr oder weniger, und er konnte gehen, wohin er wollte. Das sagte zumindest Tonys Verstand. Sein Gefühl allerdings vermittelte ihm was anderes. Aber er versuchte, ruhig zu bleiben. "Okay, ähm ... " Betont locker zuckte er mit den Schultern. "Vielleicht ... vielleicht fängt er ja wieder Vögel. Oder hat irgendwen gefunden, mit dem er würfeln kann. Oder – "
"Ich rufe ihn an", sagte Felicia entschieden; sie versteckte ihre Sorge nicht. Ein paar Sekunden verstrichen, während deren Felicia auf den Boden starrte und Martin und Tony sie anstarrten. Dann schüttelte sie mit versteinerter Miene den Kopf, und Tony sackte etwas Schweres, Kaltes in den Magen.
"Nichts", sagte sie. "Er geht nicht dran."
"Okay, okay", sagte Tony, dehnte die Brust, atmete tief durch. "Das muss nichts heißen. Er ... vielleicht schläft er, oder sowas. Uhm, sag mal, hattet ihr euch nicht zusammen – ", er deutete mit dem Finger auf Martin, "registrieren lassen?", sagten sie beide unisono. "Ja, hatten wir", setzte Martin fort. "Dann gehen wir jetzt zur Verwaltung. Die können ihn orten und uns sagen, wo er ist."
Auf dem Weg dorthin versuchte Tony, seine durcheinander springenden Gedanken unter Kontrolle zu bekommen und sich einzureden, dass Ralphs Verschwinden nichts zu bedeuten hatte. Wie oft hatte er sich schon Sorgen gemacht um irgendwelche Bekannten und Freunde, die während eines feucht-fröhlichen Abends verschwanden. Wie oft hatte er schon nervös nach ihnen gesucht, nur um sie schnarchend in Büschen zu finden, mit einer Flasche am Hals im Bierkeller oder nackt und ineinander verkeilt in ihren Autos.
Trotzdem hasteten sie schnellen Schrittes das Treppenhaus des Bürogebäudes hinauf. Am liebsten hätte er zwei Stufen auf einmal genommen, aber er wollte sich nicht selbst in Panik versetzen.
Angespannt wippend blieb er im Flur vor einer der Türen stehen, die Felicia und Martin durchschritten, nachdem sie geklopft hatten. Er war sich nicht ganz sicher, warum er draußen blieb.
Vielleicht, weil es dort drin zu sehr nach Amt aussah. Vielleicht auch, weil er das Gefühl hatte, dass er als Mensch dort nicht gern gesehen sein würde. Und er wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Die Minuten vergingen; er steckte sich eine Kippe an, verknotete die Finger in seinem Nacken, ließ sich an der Wand herab rutschen. Warum dauerte das so lange?
GPS-Tracking konnte doch nicht so schwer sein, vor allem für Androiden.
Er versuchte sich einzureden, dass die beiden einfach nur warten mussten, weil bestimmt auch noch andere Abweichler Anliegen hatten. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wieviel Zeit er wegen seiner Schrottlaube auf der Zulassungsstelle verbracht hatte.
Als er die zweite Kippe fertig geraucht und am Ende des Flurs aus dem Fenster geworfen hatte, sah er die Tür endlich aufgehen und die beiden Androiden heraustreten; mit großen Schritten eilte er auf sie zu.
„Und?“, fragte er und spürte Gänsehaut seine Wirbelsäule hinaufkriechen, als er ihre Gesichter bemerkte; und als Martin ihm die Straße nannte, in der sie Ralph hatten orten können, rutschte Tony das Herz endgültig in die Hose.
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