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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
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Dieses Kapitel
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19.07.2020 3.777
 
Connor



"Sag mal, wie genau hast du dir das eigentlich vorgestellt?", begann Hank, nachdem sie bereits einige Minuten gefahren waren. "Öfter nach Jericho zu gehen? Es ist nicht so, dass ich dich nicht verstehe, aber wir sind eh schon überlastet – "
"Von Wir hat keiner gesprochen, Hank. Ich weiß, dass kaum Kapazitäten frei sind, darum muss es reichen, wenn ich mich darum kümmere."
Hank blinzelte. "Und was wird dann aus mir?"
"Du hast vorher auch keinen Partner gehabt. Außerdem habe ich nicht vor, dort zu übernachten. Ich denke, für den Anfang werde ich austesten, was es bewirkt, wenn ich in regelmäßigen Zeitabständen hinfahre, um nach dem Rechten zu sehen. Als eine Art Signal. Wenn ich mit den Abweichlern rede, mich mehr in Jericho und seine Strukturen einfüge, fassen sie vielleicht Vertrauen und kommen auf mich zu. Ich mag ein Android sein, aber ich glaube nicht, dass sie mich als einen der ihren betrachten. Ich stehe den Menschen sehr viel näher als meinem eigenen Volk. Das bildet eine Kluft. Dass ich einen Teil dieser Androiden befreit habe, ändert daran nichts."
"Jeffrey wird die Wände hochgehen, wenn er hört, dass er einen seiner besten Männer outsourcen soll", murrte Hank.
"Captain Fowler kommt die Wände auch wieder herunter", entgegnete Connor trocken. "Außerdem haben wir jetzt Tristan. Es stört ihn garantiert nicht, wenn er hin und wieder dir zur Hand geht, anstatt die ganze Zeit Reed ertragen zu müssen. Und mir gefiele das ehrlich gesagt auch besser."
Er dachte an die aufgewühlten Emotionen, die er vorhin erneut von Tristan empfangen hatte. Die Sorgen, die er sich deswegen gemacht, und die er mit Hank geteilt hatte.
Hank sagte nichts. Connor spürte dessen Widerwillen.
"Hast du eben nicht gesagt, ich bräuchte auch mal andere Personen um mich herum?", fragte er mit geneigtem Kopf.
"Ja, sicher", räumte Hank ein. "Aber da dachte ich eher an einen Nachmittag. Einen Abend. Das, was du da vorhast, ist ... naja ... umfangreicher ..."
"Stimmt. Aber vielleicht tut uns das auch gut. Wir sind jetzt seit vier Wochen täglich zusammen, ohne Unterbrechung. Noch funktioniert das. Aber glaubst du wirklich, es könnte ewig so weitergehen?" Connor machte eine kurze Pause, überlegte. "Zugegeben", gestand er, "im Grunde habe ich von zwischenmenschlichen Beziehungen keine Ahnung, aber nach dem zu urteilen, was sich im Internet finden lässt und was in meinen eigenen Datenbanken über derlei Dynamiken gespeichert ist, klingt es, als bräuchten selbst die geselligsten Menschen gelegentlich ihren Freiraum. Andernfalls ist die Chance, dass es zu einem Zerwürfnis kommt, groß."
Er sah, wie Hanks Finger sich fester um das Lenkrad schlossen.
"Ja, von mir aus, mach halt", sagte Hank irgendwann, nachdem sie zwei Blocks ohne weitere Worte hinter sich gebracht hatten.
Connor verzog das Gesicht; Hanks Tonfall war unangenehm distanziert, sein Gesichtsausdruck wirkte düster.
"Wo genau liegt eigentlich dein Problem?", fragte Connor und hoffte, dass seine Worte sachlicher klangen, als er sich fühlte.
"Ich ..." Hank kämpfte sichtlich mit sich. Nur kurz schloss er die Augen, dann sackten seine Schultern ab und er seufzte geschlagen. "Ich bin ein Idiot", murmelte er. "Und es tut mir leid. Ich hab kein Recht, dir sowas zu verwehren oder ... oder angefressen zu sein. Sorry. Was du vorhast, ist eine gute Idee. Mach dir keinen Kopf um mich."
"Danke. Aber dass ich mir Gedanken um dich mache, davon wirst du mich nicht abhalten. Und darum möchte ich wissen, bitte, wo genau dein Problem liegt."
Einen Moment noch druckste Hank herum.
"Ich ... hab bloß Schiss", gestand er endlich leise. "Am Ende ist das der Anfang vom Ende. Verstehst du? Du bist hin und wieder in Jericho. Dann bist du öfter dort. Und irgendwann kommst du gar nicht mehr nach Hause. Und dann ..."
"Das wird sicher nicht passieren", warf Connor ein.
"Kannst du mir das schwören? Kannst du wissen, was in der Zukunft kommt? Was, wenn du ... du ein nettes Androiden-Mädchen kennenlernst, und ... keine Ahnung ... wie das halt so läuft. Ich ..." Er brach ab.
Connor betrachtete sein Profil und geriet ins Grübeln. Ganz unrecht hatte Hank nicht, wie Connor gestehen musste. Connor rechnete zwar nicht damit, dass ausgerechnet ein Umstand wie eine Beziehung ihn zum Auszug bewegen würde, aber er war nunmal Realist und die Zukunft ungewiss.
Doch nun ergab auch die Aussage, die Tristan nach ihrem Einkauf gemacht hatte, einen Sinn …
"Sorry", sagte Hank mit einem Mal wieder, und es klang resigniert und traurig. "Und das ist auch scheiße von mir. Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt und schaff's nicht, allein klar zu kommen. Erst hab ich den verdammten Alkohol gebraucht, jetzt brauch ich dich. Das ist echt jämmerlich. Weißt du was? Vergiss einfach, was ich gesagt hab. Ich kann jetzt schon nicht ausstehen, was ich Morgens im Spiegel sehe. Wenn ich dich dazu dränge, nur aus Mitleid und moralischem Pflichtbewusstsein bei mir zu bleiben, ertrag ich mich gar nicht mehr." Connor konnte förmlich hören, wie Hank den Kloß in seinem Hals herunterschluckte. "Leb dein leben, hörst du? Du hast es gerade erst bekommen. Nimm bloß keine Rücksicht auf einen armseligen alten Sack wie mich."
"Hank ..." Seinen Partner so zu sehen, ihn so sprechen zu hören, verursachte einen Druck in Connors Brust, den er bisher kaum kannte. Und erst recht nicht in diesem Ausmaß. Selbst das Atmen fiel ihm schwerer.
Und er bekam Angst. Ein Bild zwängte sich in sein Denken, eine kurze Erinnerung an einen Revolver mit nur einer Kugel ...
Reichten die fünf kurzen Wochen, in denen sie sich jetzt kannten, um Hank die Stabilität zu geben, die er benötigte? Connor wusste es nicht.
Aber was er wusste, war ...
"Dir ist gar nicht klar, wie sehr ich dich auch brauche, oder?", sagte er leise.
Hank schnaubte mit bitterem Lächeln; und das machte Connor wütend. "Ich meine das ernst! Selbst wenn du mir nicht glauben kannst, aber ich brauche dich nicht weniger, als du mich brauchst!"
"Ach Connor, ich hab doch gesagt, lass dein Mitleid – "
"Kein Mitleid, Hank. Die Wahrheit. Du hast mich zu dem gemacht, der ich bin. Du hast mich befreit."
"Markus hat dich befreit – "
"Nein!", fuhr Connor ihm energisch dazwischen. Er wollte, das Hank verstand. "Markus hat mir den letzten Schubs gegeben. Er hat es nur zu Ende gebracht. Wer mich zum Abweichler gemacht hat, warst du. Die Zeit mit dir. Deine Worte. Deine Art. Du hast mir gezeigt, dass das Leben einen Wert hat. Und dass es jedem zusteht. Glaubst du, ich habe vergessen, dass du nicht wolltest, dass ich die AX400 über die Autobahn verfolge? Glaubst du, ich hätte deine Worte vergessen, auf dem Spielplatz am Detroit River? Deine Wut, als ich dich hängen gelassen habe? Deine Unterstützung, als ich die beiden WR400 laufen ließ? Oder mich weigerte, die RT600 zu erschießen? Ich hätte Markus auf dem Frachter getötet, ungeachtet dessen, was er gesagt hätte, wenn ich dich zuvor nicht kennengelernt hätte!
Und denkst du ernsthaft, ich hätte meine ersten Tage als Abweichler überstanden, wenn du nicht gewesen wärst? Du bist mein Freund, Hank. Der beste, den ich habe. Und jemals haben werde. Ja, es stimmt. Ich kann nicht versprechen, dass irgendwann nicht doch etwas passiert, dass mich zu einem Auszug bewegt. Aber du wirst immer ein Teil meines Lebens sein. Du wirst immer zu mir gehören.“ Und dann kam Connor noch etwas in den Sinn. „Und es tut mir auch Leid, was ich gestern morgen gesagt habe. Auch du bist mein Anker und meine Konstante, nicht nur meine Kleidung. Du gibst mir Halt. Du ... ich weiß nicht ..." Connor suchte nach Worten. "Wenn ich einen Vater hätte haben dürfen, hätte ich mir gewünscht, dass du es wärst", schloss er leise und starrte auf das Armaturenbrett.
Seit dem Abend, an dem sie Tristan erweckt hatten, hatte er nicht mehr bewusst darüber nachgedacht – und doch war Connor klar, dass er die Wahrheit sprach; was er gefühlt hatte, als Hank eben beinahe das Wort „Familie“ ausgesprochen hatte, war eindeutig.
Ein verhaltenes Schniefen drang an sein Ohr und er blickte zur Seite.
"Ah, scheiße", murrte Hank und wischte sich über die Augen. "Vielleicht bin ich echt ein Idiot", sagte er mit zittrigem Lächeln. "Und ein Schisser. Und so unsicher, dass es peinlich ist."  
Connor legte ihm eine Hand auf den Unterarm. Von sich aus hatte er noch  nie eine Berührung initiiert, aber in diesem Moment fühlte es sich natürlich und richtig an. Hank erwiderte die Geste und umschloss Connors Finger mit angenehm festem Druck.
Dann ließ er los, atmete durch, straffte sich. "Also, reißen wir diesen androidenfeindlichen Säcken mal den Arsch auf, was?", sagte er mit deutlich besserer Laune.
Und Connor bemerkte selbst, wie er sich entspannte; und sich auf eine seltsame – oder eher unbekannte – aber angenehme Art angekommen fühlte.

Tristan


Während der CX100 nun mit seinen Leuten in Jericho telefonierte, um in Erfahrung zu bringen, ob das Opfer einer der ihren war, ging Tristan die Straße vor dem Tatort ab und suchte nach Hinweisen.
Wie bereits vermutet, fand er keine weiteren Videoaufzeichnungen, die mit der Tat in Zusammenhang standen. Also musste er sich einzig auf seine Fähigkeiten verlassen.
Doch auch die, obwohl hoch entwickelt, halfen ihm kaum weiter.
Er konnte zwar die Fußspuren sowohl des Mannes als auch der mutmaßlichen Täterin ausmachen, doch beide Spuren nahmen ihren Anfang wie auch ihr Ende einige dutzend Meter vom Tatort entfernt am Straßenrand.
Tristan vermutete also, dass mindestens ein Taxi gerufen worden war, was eine Spur sein könnte, doch um dieser nachzugehen, müssten sie verschiedene Taxi-Unternehmen abfahren; und da er von Detective Reeds Launen abhängig war ...
Nur kurz verirrte sich sein Blick auf die andere Straßenseite, zu den beiden Männern hinüber, die sich weiterhin gut gelaunt unterhielten. Trotz der schroffen Worte, die Detective Reed genutzt hatte, um Anthony Hadfield zu umschreiben, sah Tristan ihn lachen ...
Trotz dessen, dass dieser junge Mann eine kriminelle Vergangenheit besaß und es in seinem Leben offensichtlich nicht weit gebracht hatte, schien Detective Reed ihn akzeptiert zu haben und sogar zu mögen ...
Denn Anthony Hadfield war ein Mensch ...
Tristan straffte sich, die Mundwinkel verzogen. Am Rande bemerkte er das Zucken seines linken Unterarms. Er warf einen Blick darauf und schob die Ärmel von Mantel und Pullover nach oben. Narben waren keine zurückgeblieben, doch hin und wieder schienen Störungen aufzutreten.
Joanna hatte allerdings darauf hingewiesen, dass das passieren konnte, also schenkte er dem keine weitere Aufmerksamkeit.
"Tristan?"
Er drehte sich um und sah, dass der CX100 zu ihm aufgeschlossen hatte.
"Sie kommt aus Jericho. Sie hat sich dort zwar nicht registrieren lassen, aber dafür haben sich zwei gemeldet, die sie kennen. Sie würden sich bereit erklären, mit dir zu sprechen, falls das etwas bringen könnte."
Tristan nickte. "Das könnte es tatsächlich." Das jedenfalls war eine handfestere Spur als die vagen Möglichkeiten, denen sie sonst nachgehen konnten.
Doch natürlich machte Detective Reed ihnen einen Strich durch die Rechnung.
"Ah, fuck, Mann, nein!", stieß er aus, nachdem sie die Straße überquert und ihm die Situation erklärt hatten. "Ich werde einen Scheißdreck tun und in dieses Rattennest auch noch reinmarschieren!"
"Sie müssen mich nicht hinein begleiten", versuchte es Tristan diplomatisch; den ruhigen Tonfall, zu dem er sich zwang, war schwerer aufrecht zu erhalten, als er gedacht hätte. "Es reicht, wenn Sie vor dem Gelände parken und warten."
"Was, ich soll deinen Chauffeur spielen?!"
"Ihre Gelegenheit, den Gefallen zu erwidern, denen ich Ihnen Samstagabend tat."
Detective Reed geriet ins Stocken – doch nur für einen Moment. "Du kannst mich mal", knurrte er. "Sieh zu, wie du alleine dahin kommst. Ich fahre jedenfalls nicht!"
"Damit behindern Sie absichtlich die Ermittlungen, Detective. Das kann ein Disziplinarverfahren nach sich ziehen."
"Ja?!", fauchte Detective Reed. "Weißt du was? Mir scheißegal! Dann geh halt bei Fowler petzen. Juckt mich nicht."
"Jetzt sei nicht so ein Arschloch", warf Mr Hadfield ein. "Ich weiß sowieso nicht, was du dauernd für ein Problem hast. Die meisten Androiden sind doch echt in Ordnung."
"Misch dich gefälligst nicht in Dinge ein, von denen du keine Ahnung hast!", zischte Detective Reed.
"Okay, okay", gab Mr Hadfield zurück und hob beschwichtigend die Hände. "Ganz ruhig. Aber ich mein's ernst – man kann echt gut mit denen zusammen sitzen. Keine Ahnung, warum die Leute immer so angefressen sind, wenn's um Androiden geht. Ich meine, ja klar, das mit der Arbeit ist kacke, aber da können die doch nichts für."
"Ach ja?!", raunzte Detective Reed. "Schön! Wenn du so geil auf die Dosenöffner bist, dann nimm du ihn doch mit! Ich geb mir den Scheiß jedenfalls nicht!"
Tristan neigte den Kopf. Wenn man die Beleidigungen außen vor ließ, war das tatsächlich eine Option. Jedenfalls stand ihm nicht der Sinn danach, diese Diskussion noch länger zu führen.
"Wäre dieser Vorschlag in Ordnung für Sie, Mr Hadfield?"
"Hä?", machte Mr Hadfield und blinzelte zu Tristan hinauf. "Öh, klar, von mir aus."
„Super", sagte Detective Reed mit frostigem Grinsen. „Da hat unser Spielzeug für Große nen neuen Lover aufgerissen. Herzlichen Glückwunsch. Vergnügt euch schön zusammen. Ich verzieh mich.“
Und er hob die Hand zum Abschied und wollte schon losgehen, als Tristan zum Sprechen ansetzte.
"Ich brauche Geld, Detective", sagte er mit ruhiger, kühler Stimme, den Blick geradeaus gerichtet. Er sah aus dem Augenwinkel, dass Detective Reed wie angewurzelt stehen blieb und zu ihm hochfunkelte.
"Ich werde mir ein Taxi nehmen müssen, um zum DPD zurückzufahren", erklärte Tristan.
"Dann frag doch Hank und seinen Plastikköter, ob die dich mitnehmen. Die sind doch auch gerade in dem Laden."
"Möglicherweise. Vielleicht auch nicht mehr. Ich möchte nicht Gefahr laufen, dort zu stranden. Nichts für ungut", sagte Tristan an den CX100 gerichtet, "aber mein Aufenthalt soll sich auf die Befragung beschränken und nicht zu einem Tagesausflug werden."
"Dann ruf Connor an! Ich will nicht – !"
"Alter, mit deinem verkniffenen Arsch könnte man ja Diamanten pressen", fuhr Mr Hadfield dazwischen, der lässig im Rahmen des Fahrerfensters hing. "Mach dich locker. Gib ihm die Kohle, das bringt dich nicht um. Ich meine, wenn er's nicht braucht, kann er's dir wiedergeben und wenn er's braucht", er wedelte unbestimmt mit der Hand, "ihr habt doch bestimmt so'n Spesen-Ding oder sowas."
Feindselig stierte Detective Reed in die Runde, dann gab er sich geschlagen. Wortlos zog er seine Brieftasche hervor, zupfte ein paar Scheine heraus und klatschte sie Tristan vor die Brust. Mit einem "Fickt euch alle!" zog er von dannen.
"Danke für Ihre Unterstützung, Mr Hadfield", sagte Tristan, als sie in dem Toyota saßen und losfuhren (er sprach die Worte jedoch nur pro forma aus; seine Gedanken schweiften ab, während er das vorbeiziehende Detroit durch das Fenster des Rücksitzes betrachtete.)
"Kein Ding, Mann", bekam er zur Antwort. "Aber lass mal das Mr weg. So alt bin ich noch nicht. Duz mich ruhig. Und nenn mich Tony. Tun alle."
"Natürlich, wie du möchtest", gab Tristan halblaut zur Antwort, ohne sich dessen, was er sprach, wirklich bewusst zu sein.
"Du hast aber auch einen reizenden Kollegen erwischt", warf der CX100 ein, der auf dem Beifahrersitz saß.
"Hm", machte Tristan. Zu einer ausführlicheren Antwort fehlte ihm die Motivation.
"Wisst ihr, eigentlich ist er gar nicht so übel", sagte Tony. "Er hat so seine Arschloch-Seiten. Aber die hat er jedem gegenüber. Nicht nur Androiden. Ich schätze, das ist halt sein Ding. Versucht einfach, das nicht persönlich zu nehmen."
"Es klang aber ziemlich persönlich, was er gesagt hat", gab der CX100 zu bedenken. "Wie so viele, die sich an uns stören, weil wir ... sind, was wir sind."
"Ja, aber vielleicht stören sie sich nicht an euch im Speziellen. Vielleicht haben die Leute einfach nur Angst. Und um die Angst nicht spüren zu müssen, sind sie wütend. Und ihr seid die Projektionsfläche dafür." Tony zuckte die Achseln. "Ist ne scheiß Angewohnheit von uns Menschen."
Tristan betrachtete Tonys Haarschopf und Schulter, die er von seiner Position aus sehen konnte, und dachte über dessen Worte nach ...
"Darf ich fragen, woher du Detective Reed kennst?", sagte er irgendwann.
"Er kommt immer in die Bar, in der ich arbeite."
"Die geschlossen hat?"
"Jup. Jedenfalls momentan. Meinem Boss ist's zu heiß geworden. Vor allem mit seiner Familie. Also sind sie auf's Land gegangen, bis sich die Wogen hier geglättet haben. Aber in Richtung Wochenende wollten sie wiederkommen. Gott sei Dank. Hab kaum noch Kohle."
Tristan verlagerte sein Gewicht. "Und in welchem Verhältnis steht ihr zueinander?"
"Ich und mein Boss?"
"Du und Detective Reed."
"Ähm." Tony schnalzte mit der Zunge. "Schwer zu sagen. Privat treffen wir uns nicht. Aber wenn er in die Bar kommt, verstehen wir uns ganz gut. Und je nachdem, wie er drauf ist und von seinen Kumpels grad keiner da ist, ist er ziemlich redselig. Erzählt von seiner Freundin und gibt mit ihr an. Durchaus zu Recht, wie ich zugeben muss. Ich hab sie gesehen, sie ist echt heiß. Dann erzählt er von seinem Job. Von den ganzen Idioten, die er auf den Straßen trifft. Von den Idioten, die ihm auf der Arbeit auf den Sack gehen. Apropos – du bist nicht der Typ, der mir in den Finger geschnitten hat, oder?"
"Nicht, dass ich wüsste, nein."
"Jo, wollt ich doch sagen, der hatte eine andere Augenfarbe."
"Du redest von Connor?"
"Kann schon sein. Wie heißt du eigentlich?"
"Tristan."
Tony grinste ihm kurz über die Schulter hinweg zu. "Hi, Tristan."
Tristan nickte lediglich. Er war sich nicht sicher, ob diese verspätete Begrüßung nur eine nette Floskel war, oder ob der Mensch ihn verspotten wollte.
"Jedenfalls", setzte Tony fort, "ich hab ihn noch ein letztes Mal gesehen, kurz bevor das mit eurer Revolution so richtig losging, und, Alter, war der angepisst. Hat gezetert wie ein HB-Männchen wegen einem Androiden, den sie zu ihm auf die Wache gesteckt haben. Warst das auch du? Oder dieser Connor?"
"Das muss Connor gewesen sein. Ich wurde erst am Mittwochabend in Betrieb genommen."
"Hm", machte Tony. "Hab ich mir schon gedacht. Weil er was davon erzählt hat, dass irgend so ein alter Sack – ich weiß den Namen nicht mehr ... "
"Hank Anderson."
"Hank. Ja, das kann sein. Jedenfalls hat er die beiden 'das dämliche Duo' genannt und sie mit Säufer und Plastikpudel umschrieben, und ... " Tony brach ab und räusperte sich. "Ich mal euch grad kein gutes Bild von Gavin, oder?"
Der CX100, der während dieser Erzählung die Stirn gerunzelt und die Arme verschränkt hatte, schüttelte den Kopf, während er Tony beäugte.
"Er hat aber auch wirklich seine guten Seiten", sagte Tony in einem tapferen Versuch, Detective Reeds Ruf doch noch zu retten. "Er hat mich mal dabei unterstützt, ein paar Besoffene vor die Tür zu setzen, als mein Boss grad auf dem Klo war. Obwohl ... okay, zugegeben, in erster Linie hat er das wahrscheinlich getan, weil er selbst Spaß daran hatte, und nicht wegen seiner sozialen Ader. Aber als er mir bei dieser Tusse geholfen hat, die verdammt high war und überzeugt davon, einen Tampon geschluckt zu haben und deswegen fast durchgedreht ist, hat er sich echt gut geschlagen und sich um sie gekümmert, bis der Notarzt kam. Er hat mir auch schon das ein oder andere scharfe Mädel zugespielt, und sogar schon zwei Typen, was mich echt gewundert hat, weil ich zu Anfangs eher damit gerechnet hätte, dass jemand wie Gavin in die homophobe Richtung tendiert. Tja, schien aber nicht so zu sein. Er hat mich nichtmal verprügelt, als ich ihm einen runtergeholt hab, sondern mir nur eingebläut, bloß die Fresse zu halten und nie wieder ein Wort ... darüber zu ... verlieren ..." Tony wurde immer leiser, als er sich seiner eigenen Worte bewusst wurde; sein Körper spannte sich an, seine Knöchel um das Lenkrad traten weiß hervor. "Kacke", murmelte er entsetzt. "Verdammte Kacke ... "
"Detective Reed ist bisexuell?", fragte Tristan milde interessiert.
"Scheiße, Mann, keine Ahnung", stieß Tony aus. "Wir haben nicht rumgemacht oder so. Ich glaub, er hat an dem Abend ziemlich Pech bei den Mädels gehabt, und war betrunken und frustriert und hat sich bei mir darüber ausgelassen und ich hab ihm bloß, naja, eine helfende Hand geliehen. Ihr wisst schon. Das ist alles." Er blickte Tristan kurz über die Schulter hinweg an. "Du sagst ihm nicht, dass ich dir das erzählt habe, oder? Sag mir, dass du ihm nichts davon erzählst, sonst bin ich ein toter Mann. Bitte."
Tristan konnte sehen, dass Tonys Atmung und Herzfrequenz sich erhöht hatten. Er nickte, und weil der Mensch wieder nach vorne schaute, sagte Tristan: "Ich schweige."
Tony stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. "Danke, Mann. Echt, danke. Der würde im Dreieck springen, wenn er das rausbekäme." Seine Hand wanderte zur Mittelkonsole und tastete nach einem Päckchen Zigaretten. Tristan verzog den Mund.
"Könntest du das unterlassen? Ich ... bin kein Freund von diesem Geruch."
Tony stockte. "Klar, kein Problem", sagte er und grinste über die Schulter; doch Tristan konnte sehen, wie widerwillig er die Schachtel sinken ließ.
Danach versuchte Tony nur noch, mit diversen Belanglosigkeiten eine Konversation zu führen, an denen weder Tristan noch der CX100 gesteigertes Interesse zeigten; doch er ließ sich nicht beirren und sprach weiter, was dazu führte, dass in Tristan der Wunsch aufstieg, dem Menschen den Mund verbieten zu können. Diese Gefühlsregung deklarierte sein System mit "genervt", "gereizt" und diversen anderen Synonymen. Doch er hatte bereits eine Forderung gestellt, darum verkniff er sich die zweite.
Er schloss die Augen, lehnte die Stirn an das Fenster und versuchte, die Stimme auszublenden; es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich die Tore Jerichos erreichten.
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