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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
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05.07.2020 1.681
 
Gavin


In der beengten Stille des Fahrstuhls, den sie bestiegen hatten und der sie gemächlich bis in den vierten Stock beförderte, konnte Gavin sich – trotz seines eigentlichen Desinteresses – nicht davon abhalten, über den Fall nachzudenken; vielleicht, weil sein Stolz als Cop ihm verbot, sich von der Maschine vorführen zu lassen; vielleicht, weil er sich – kaputte Blechkiste hin oder her – wie ein Detective fühlen wollte, und nicht wie der Praktikant, der hinterher geschleift wurde.
Im Zuge dessen kam ihm ein Gedanke.
"Hey, wenn der Typ ohnmächtig war, hat er ja vielleicht in ein Krankenhaus gehen müssen. Mit ein bisschen Glück könnte das zu einem Namen führen."
"Vergessen Sie die Schweigepflicht nicht, Detective", gab Tristan zurück, die Hände hinter dem Rücken, den Blick nach vorn gerichtet. "Ärzte dürfen sie nur im Falle eines Notstandes brechen."
"Weiß ich. Wenn du dich allerdings in das interne Netzwerk einklinkst und ein bisschen schnüffelst, hat sich keiner der Kittelträger was vorzuwerfen." Gavin grinste. Er fand seine Idee ziemlich gut.
Der Android dafür weniger.
"Unterlassen Sie dieses unsinnige Gedankenspiel. Was Sie vorschlagen, ist eine Straftat, und Sie werden mich kein zweites Mal zu einer solchen überreden", erwiderte Tristan kalt.
Gavin schluckte; die Anspielung auf Samstagabend traf ihn unvorbereitet.
"Außerdem ist die Chance, einen der Involvierten auf diesem Weg zu erfassen, ebenso gering wie die Möglichkeit, die ich vorschlug. Und Sie haben bereits zum Ausdruck gebracht, wie wenig begeistert Sie von der Aussicht sind, acht Läden in Detroit aufsuchen zu müssen. Ebenso, wie Sie Ihr Missfallen darüber kund taten, sich in diesem Fall Mühe geben zu müssen. Oder darüber, dass Sie überhaupt gezwungen sind, Androiden in Ihrer Nähe zu ertragen.
Ich denke, Sie haben Ihren Standpunkt ausreichend verdeutlicht. Es genügt also, wenn Sie anwesend sind, damit ich meiner Arbeit nachgehen kann. Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, Interesse vorzuheucheln."  
Gavin schwieg; er hatte die Arme verschränkt, zog unwillkürlich die Schultern ein Stück an, sein Kiefer krampfte; für einen verschwindend geringen Moment flackerte sein Blick hoch zu Tristans Gesicht.
Tristan starrte immer noch geradeaus, die Züge um seine Mundwinkel waren hart geworden, und Gavin war heilfroh, als die Fahrstuhltüren auf glitten und er endlich wieder mehr als zehn Zentimeter Abstand zwischen sich und die Maschine bringen konnte. ´Fick dich doch!´, geisterte ihm in trotzigem Tonfall durch den Kopf.

Tristan


"Ich kann dazu auch nicht mehr sagen, ich war ...", immer wieder flackerte der Blick der jungen Frau zu Tristans LED, "ich hab davon nichts mitbekommen. Ich war seit Freitag nicht mehr hinten bei den Mülltonnen, ich meine ... ich hätte natürlich bei der Polizei angerufen, wenn ich ..." Ihre Worte waren leise geworden, und sie wischte ihrer kleinen, zappeligen Tochter, die sie auf dem Arm trug, mit einem Latz über den Mund.
Lüge, blinkte in Tristans Interface auf. Er bemerkte, dass sie sich unwohl fühlte. Schuldbewusst ...
Dann sah sie noch einmal auf, blickte Tristan kurz an. "Tut mir echt leid, dass ich euch nicht weiterhelfen kann."
Wahrheit.
"Aber ich muss jetzt auch wieder rein, ich ... ja ... einen schönen Tag noch ..." Sie versuchte es mit einem kleinen Lächeln, entwand eine ihrer Krauselocken den Fingern ihrer brabbelnden Tochter und trat zurück. Hinter ihr ertönten Kinderlachen und leises Knurren.
"Hey, hörst du bitte auf, Maru am Schwanz zu ziehen?!", rief sie über die Schulter. "Sie kratzt dich sonst wieder. Hast du", die Tür fiel zu und sie hörten den Rest des Satzes gedämpft, "nach dem letzten Mal nichts gelernt?"
Für einen Moment starrte Tristan die Tür noch an, dann wandte er sich ab und ging wortlos weiter. Detective Reed drückte sich von der Wand weg, an der er gelehnt hatte, und folgte ihm mit einigem Abstand.
Während die beiden Wohnung um Wohnung abgingen, nur von wenigen geöffnet bekamen und sich bei vielen dieser wenigen das gleiche Szenario abspielte, ging ihm immer wieder durch den Kopf, dass die Anwohner sicher etwas anderes erzählt hätten, wäre Tristan ein Mensch. Dass sie offener gesprochen hätten, wäre ihnen Detective Reed gegenüber getreten.
Doch der leistete tatsächlich dem Folge, was Tristan gefordert hatte. Keine Silbe drang mehr über seine Lippen; nur sein Mienenspiel verriet, was in ihm vorging.
Langeweile. Desinteresse. Ich hab's dir ja gesagt.
Hin und wieder meinte Tristan zwar, etwas durchblitzen zu sehen, dass Detective Reeds abschätziges Verhalten Lügen strafte. Aber er konnte es nicht einordnen. Die wahren Intentionen eines Menschen zu entziffern, war selbst für ihn nicht immer leicht.
Oder täuschte er sich nur? Wollte er mehr sehen? Weil er gehofft hatte, dass Detective Reed nach Samstagabend einen Entwicklungsschritt durchgemacht hatte? Dass sie sich angenähert hätten?
Kurz schloss er die Augen, bevor er an der nächsten Tür klopfte.
Er wusste einfach nicht mehr, ob er seinen Programmen noch vertrauen konnte, oder ob seine unkontrollierbaren Emotionen bei der Auswertung äußerer und innerer Vorgänge bereits die Finger im Spiel hatten.
Es war zermürbend.
Ebenso wie die Befragungen. Letzten Endes gewannen sie keine neuen Erkenntnisse; auch Mrs Clarke, die Dame, die die Polizei gerufen, und mit der sie als erstes gesprochen hatten, hatte ihnen nicht weiterhelfen können.
"Tja, das war's", sagte Detective Reed, nachdem die letzte Tür zugefallen war. "Wir sind durch. Scheiße gelaufen, würde ich meinen. Und was möchte unser genialer Hightech-Holmes jetzt tun?"
Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte in Tristan das heftige Verlangen auf, Detective Reed gegen die Flurwand zu schmettern.
Stattdessen straffte er das Revers seines Mantels. "Ich möchte mich auf der Straße umsehen. Wenn die beiden Involvierten nicht von hier sind, müssen sie auf irgendwelchen Wegen hierher gekommen sein. Womöglich finde ich Spuren." Auch wenn er sich keine großen Hoffnungen machte. Die einzige Überwachungskamera, die er auf ihrem Weg zum Tatort hatte entdecken können, hing über dem Eingang der Lounge und war nicht in Betrieb. Und Polizeidrohnen bewegten sich nicht in den abgelegeneren Teilen der Stadt. "Und anschließend bleiben immer noch die Geschäfte."
"Mhm. Fein", sagte Detective Reed unbeteiligt. "Du fährst. Ich mach dann ein Nickerchen auf dem Beifahrersitz. Wenn du an nem KFC vorbeikommst, bringst du mir nen Kentucky Bucket mit." Und damit hielt er auf den Aufzug am Ende des Flures zu.
Tristan starrte ihm nach.
Er wusste nicht, womit er gerechnet hatte, als er am Morgen das Department betreten hatte, allerdings nicht damit, dass Detective Reed noch abweisender, noch herablassender sein würde. Und zeitgleich ... gleichgültiger ...
Als sähe er in Tristan nun wirklich das "Ding", als das er ihn seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit stets betitelte.
Und obwohl mit ihm seit seiner Aktivierung schon schlimmer umgesprungen worden war, setzte ihm das – warum auch immer – mehr zu als die offenen Anfeindungen.
Er blinzelte, als er bemerkte, dass eine weitere Datenquelle in seinem Empfangskreis aufgetaucht war und versuchte, zu ihm Kontakt aufzunehmen. Dann erinnerte er sich an sein Telefonat mit Jericho, und sendete dem eingetroffenen Abweichler die Anweisung, dort zu warten, wo er war, und dass er ihn holen kommen würde.
Als sie sich wieder in der Gasse zwischen Apartmenthaus und Loungegebäude befanden, hatte sich die neugierige Menge, die sie bei ihrer Ankunft am Absperrband in Empfang genommen hatte, weitestgehend zerstreut, und so gelangte Tristan unbehelligt auf den Bürgersteig; er überquerte umsichtig die beiden Fahrbahnen und hielt auf den grünen Toyota Comfort zu, der nur wenige Meter hinter Detective Reeds Pick-Up geparkt hatte.
Der Fahrer war ein junger Mann mit Namen Anthony Hadfield; sein Lebenslauf war unspektakulär, wenn man von dem kurzen Strafregister absah.
Er schenkte Tristan ein müdes Grinsen und hob zwei Finger zum Gruß. Tristan nickte ihm zu und erinnerte sich daran, dass Connor und Hank erwähnt hatten, dass sich derzeit ein Mensch in Jericho aufhielt. Mit einem Hauch Missbilligung stellte er fest, dass der junge Mann eine Blutalkoholkonzentration von 0,4 aufwies, doch laut Gesetz bewegte er sich damit noch innerhalb der Toleranzgrenze, und darum sagte Tristan nichts dazu.
Der Abweichler, ein CX100, saß auf der Beifahrerseite und stieg direkt aus. Sie begrüßten sich mit kurzen Worten, und Tristan schilderte in noch kürzeren Worten das grobe Geschehen, während sie wieder über die Straße zurückgingen.
Detective Reed hingegen, der bei seinen Kollegen stand, starrte jetzt mit zusammengezogenen Brauen an Tristan und dem CX100 vorbei. "Woher kennst du den denn?", stieß er aus, als sie nahe genug waren. "Ist das dein Freund, oder wie?"
"Was?", machte der CX100, folgte Detective Reeds Blick und sah zu Anthony Hadfield, der ein Stück in seinen Sitz eingesunken war, ein Smartphone in der Hand hielt und darauf herum tippte. "Ach so. Nein. Ich kenne ihn eigentlich nicht. Er übernachtet nur momentan in Jericho. Und da alle anderen Autos, mit denen ich hätte herkommen können, in Benutzung sind, war er so nett, mich zu fahren."
"Und wieso übernachtet der ausgerechnet bei euch?"
"Er ist obdachlos. Aber fragen Sie mich bitte nicht, was genau da vorgefallen ist. Simon hat ihn bei uns untergebracht, mehr weiß ich nicht."
"Ach du Kacke, diese kleine Landplage", murmelte Detective Reed und zündete sich eine weitere Zigarette an. "Der kriegt echt nichts geschissen." Und ohne ein Wort der Erklärung überquerte auch er die Straße. Mit gerunzelter Stirn sah Tristan dabei zu, wie Detective Reed sich mit einem Arm auf das Autodach des Toyota lehnte und mit der Hand des anderen Arms gegen die Fensterscheibe der Fahrerseite klopfte; Anthony Hadfield sah überrascht aus, als er Detective Reed bemerkte. Dann legte sich ein breites Grinsen auf das Gesicht des jungen Mannes, während er die Scheibe herunter ließ. Offensichtlich begannen sie ein Gespräch.
Tristan beobachtete die beiden. Wenn er sich anstrengte und an den Reglern bestimmter Filter in seinen Programmen drehte, könnte er zuhören ...
"Könnten wir dann ...?", unterbrach der Abweichler diesen seltsamen Gedankengang. "Ehrlich gesagt, ich möchte das hinter mich bringen."
"Ja", sagte Tristan. Er löste sich von dem Anblick. "Ja. Ja, natürlich. Verzeihung."
Und sie begaben sich in die schmale Gasse hinein.
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