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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
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20.06.2020 4.182
 
Gavin


Mittlerweile befanden sich er und Tristan allein in dem Hinterhof. Chucho unterstützte seine Kollegen am Absperrband und die beiden Jungs vom CSI hatten alle Beweise gesichert und sich vorerst in ihren Van zurückgezogen (gut zu sprechen auf die Maschine waren auch sie nicht gewesen; verständlich, wenn man bedachte, dass ihr Berufsstand bald überflüssig werden könnte, wenn es mehr solcher Androiden wie Tristan gab).
Gavin war selbst den gesamten Bereich abgegangen und hatte sich ein Bild von dem Vorfall gemacht, auch wenn er bezweifelte, dass seines so umfangreich und detailliert sein würde wie das von Tristan.
Mit verschränkten Armen beobachtete er den Androiden, der ziemlich konzentriert wirkte, mit gelb leuchtender LED, hier und dort hinblickte, als verfolgte er einen Film. Er ging die Nummerntafeln ab, hockte sich bei Nummer 4 hin, strich mit dem Finger über den blutbefleckten Schnee und führte sich die Probe an die Zunge.
Gavin beobachtete das immer noch mit Skepsis. Ein mobiles Testlabor zu haben, war schon praktisch; aber er war definitiv kein Fan der Testmethode. Blut und Thirium waren eine Sache – aber es gab noch so viele andere Substanzen, Körperflüssigkeiten und Ausscheidungen, und ab einem gewissen Punkt wurde es wirklich eklig …
Schließlich erhob Tristan sich wieder und wandte sich Gavin zu, die Arme hinter dem Rücken, und nickte knapp.
Gavin stieß sich von der Wand ab, ging zu dem Androiden hinüber, während er eine Kippe aus seiner Packung zog, sie sich zwischen die Lippen steckte und entzündete.
Er schenkte der Maschine keine wirkliche Beachtung, während er sagte: „Gut, schieß los.“
Tief drinnen nervte ihn immer noch, dass dieser Drecksack ihm haushoch überlegen war, in nahezu jeder Hinsicht, und ihm gleich Fakten um die Ohren hauen würde, die Gavin selbst nach tagelanger Recherche nur sehr schwer rausbekommen hätte; doch er hatte beschlossen, sich nicht mehr darüber zu ärgern, sondern den Androiden als das zu sehen, was er war: Ein Werkzeug, das Gavin benutzen konnte, um seinen Job besser zu erledigen.
Das widersprach zwar seinem Stolz, machte es aber einfacher.
„Möchten Sie zuerst wissen, was sich in meiner Rekonstruktion ergeben hat, oder was ich durch das Videomaterial der Kameras herausfinden konnte?“
„Mir egal.“
„Gut, dann die Kameras. Wie bereits festgestellt, hat sie in Begleitung einer weiteren Person den Hinterhof betreten und kurz darauf die Kameras selbst ausgeschaltet.“
Gavin nickte bloß, eine Hand in der Hosentasche, und zog an seiner Kippe.
„Nach dem, was ich erkennen konnte, schließe ich, dass einer der Involvierten ein männlicher Weißer war, schätzungsweise Mitte bis Ende Dreißig, 1,87 Meter groß, 83 Kilo schwer, brünett.“
Einer der Involvierten? Es gab also noch mehr. Doch Tristan würde das zum entsprechenden Zeitpunkt sicher noch weiter ausführen. „Polizeiliche Eintragungen?“, fragte Gavin darum nur.
"Nein. Seine DNA ist in keiner Datenbank verzeichnet."
"Hm. Und ein Fahndungsfoto?"
„Leider nicht. Dafür ist zu wenig von seinem Gesicht zu sehen.“
„Na toll“, murrte Gavin. War ja klar. „Schön. Und weiter? Was hast du noch?“
„Wie Sie bereits vermuteten, schienen die beiden eine engere Bindung zu pflegen. Es wurde ein kurzer, intensiver Kuss ausgetauscht, bevor die Übertragung abbrach. Zu diesem Zeitpunkt befanden sie sich auf Höhe der Mülltonnen.“
„Hast du an der Androidin irgendwas Besonderes ausmachen können?“
„Nichts, das relevant für die Ermittlungen wäre. Allerdings könnte die Kleidung des Mannes einen Anhaltspunkt bieten. Sie siedelt im hochpreisigen Segment, also können wir davon ausgehen – " Er ließ den Blick über die beiden Apartmenthäuser streifen, und Gavin tat es ihm nach; der Putz war rissig und verblichen, die Fensterrahmen altmodisch und zumeist ungepflegt, die Feuertreppen stellenweise mit einer Patina überzogen; beide Häuser atmeten einen Hauch von Verfall aus.
" – dass sie nichts mit einem Anwohner hatte", beendete Gavin den Satz.
Tristan nickte.
"Schön. Bringt uns aber auch nichts. Detroit ist keine Kleinstadt, und es gibt mehr als genug reiche Pinkel hier."
"Es bringt uns sehr wohl etwas, wenn ich weiß, in welchen Geschäften er seine Kleidung erworben hat. Die Chance ist groß, dass man in gehobeneren Läden das eigene Klientel persönlich kennt. Das steigert die Kundenzufriedenheit und die Kundenbindung."
"Ah ja", machte Gavin. "Und? Weißt du, in welchen er was gekauft hat?"
"Insgesamt können es acht Läden sein, drei davon Schuhgeschäfte."
"Oh, super. Nur acht. In einer Stadt wie Detroit. Na, da sind wir ja bestimmt bis zur Mittagspause durch", sagte Gavin schnaubend. "Und was, wenn er online geshoppt hat?"
Tristan seufzte. "Ja, das ist mir auch bereits in den Sinn gekommen."
"Toll, du Genie. Wir sollen also die Nadel im Heuhaufen suchen, nur, um hinterher vielleicht feststellen zu müssen, dass gar keine Nadel existiert, ja? Mega Leistung." Sarkastisch klatschte Gavin in die Hände.
"Haben Sie vergessen, dass immer noch die Ergebnisse meiner Rekonstruktion ausstehen?", fragte Tristan verdrießlich.
Gavin blinzelte. Ja, hatte er ...
"Nein, hab ich nicht. Hältst du mich für blöd? Ich hab sehr wohl noch auf dem Schirm, dass du angedeutet hast, dass noch mehr in diesen Fall verwickelt sind als nur die Blechdose und der reiche Typ. Aber wenn du dir alles aus der Nase ziehen lässt, werd ich eben zynisch."
Überspielen nannte man wohl das, was er gerade tat ...
Und Tristan schien das auch zu bemerken. Er hatte eine Augenbraue hochgezogen und wirkte unbeeindruckt.
Mit verschränkten Armen und missgelauntem Gesichtsausdruck brummte Gavin: "Glotz nicht so blöd. Rück lieber raus mit deiner tollen Rekonstruktion, bevor ich noch Rost ansetze. Und wehe, du erzählst mir jetzt, dass ich keinen Rost ansetzen kann!"
Tristan seufzte wieder. "Wie Sie möchten. Sie sind mit dem Vorgang des Rekonstruierens vertraut?"
"Einigermaßen."
"Gut. Setzen wir also an dem Moment an, an dem die Kameras ausgeschaltet wurden." Tristan deutete auf einen Punkt am Boden zwei Meter neben ihnen beiden. "Die Androidin und ihr Begleiter standen dort, in einer engen Umarmung. Wir wissen, dass sie sich küssten. Ob sie noch etwas beredet haben, kann ich natürlich nicht sagen, bleibt aber anzunehmen, denn ausgehend von der Tatsache, welchen Zeitabschnitt die weiteren Ereignisse bis zu ihrem Tod einnehmen, hätten die beiden drei Minuten und dreiundzwanzig Sekunden durchgehend oralen Kontakt haben müssen, und das erscheint mir recht abwegig."
"Hast du ne Ahnung, wie lang man rumknutschen kann", warf Gavin ein.
"Der Weltrekord für den längsten Kuss liegt bei 58 Stunden, 35 Minuten und 58 Sekunden", gab Tristan zurück. "Die durchschnittliche Kussdauer ist bei Jugendlichen am längsten und verkürzt sich zumeist mit fortschreitendem Alter. Jedenfalls sagen das die Statistiken. Aber Sie haben natürlich recht – Ausnahmen existieren immer."
Gavin verdrehte die Augen und rieb sich die Nasenwurzel.
"Wie dem auch sei – ", setzte Tristan fort. "Um 22.37 Uhr betrat eine weitere Person diesen Bereich. Schuhgröße 38, 77 Kilo schwer, große Schritte – nicht aufgrund der Körperlänge, sondern dem energischen Auftreten geschuldet."
"Das heißt, wer auch immer dazu gekommen ist, war alles andere als begeistert über diesen Anblick", warf Gavin ein. "Lass mich raten. Es hat was mit ´in flagranti´ zu tun?"
"Anzunehmen", antwortete Tristan. "Die zweite Person – die Tatverdächtige – war weiblich, blondierte Haare,  teils europäisch, ein Großelternteil ostasiatischer Herkunft."
"Woher weißt du das denn?"
"Auch von ihr habe ich Haare gefunden", sagte Tristan nur, und führte dann weiter aus: "Es kam zu einer Auseinandersetzung zwischen den drei Beteiligten, infolge derer der männliche Involvierte zurückgestoßen wurde, an dem zu diesem Zeitpunkt noch größtenteils im Schnee vergrabenen Fahrradschlauch hängen blieb, zu Boden stürzte und sich nicht mehr rührte."
"Also bewusstlos durch Hirnerschütterung."
"Vermutlich. Allerdings keine schwere, denn drei Minuten später griff er wieder in das Geschehen ein. Innerhalb dieser drei Minuten führte sich die Auseinandersetzung zwischen dem Opfer und der weiblichen Tatverdächtigen fort – die Androidin stieß schließlich die Tatverdächtige zurück und ging neben ihrem ohnmächtigen Begleiter in die Hocke; die Tatverdächtige wiederum, die neben der alten Kommode stürzte, griff nach einer der locker sitzenden Türen, trat an die beiden heran und schlug der Androidin ins Gesicht; diese wurde zurückgeschleudert, landete vor den Müllcontainern auf dem Bauch, und als sie sich aufrichten wollte, wurde ihr ein zweiter Schlag gegen den Hinterkopf versetzt. Sie blieb liegen. Die Tatverdächtige trat über sie und rammte die Holzkante der Tür mehrfach in den Nacken der Androidin, bis ... nun, das Endergebnis sehen Sie dort. In dieser Zeit erwachte die zweite Person wieder, riss die Tatverdächtige von der Androidin weg, auch wenn es natürlich schon zu spät war; die beiden sprachen miteinander – jedenfalls nehme ich das an – entwand ihr die Tür, ließ sie dort fallen, und die beiden verließen übereilt diesen Bereich."
"Scheiße, und das siehst du alles in den paar Schuhabdrücken?"
"Nicht nur Schuhabdrücke. Es gibt noch weitaus mehr Anhaltspunkte, wie zum Beispiel den Abrieb der Lederhandschuhe an der Kommodentür oder diverse, verteilte Partikel. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, was sich aus all dem für uns ergibt."
"Zum Beispiel die Frage, warum sie sich ausgerechnet hier getroffen haben."
"Zum Beispiel. Man könnte meinen, ein Motel wäre diskreter."
"Schön. Dann wissen wir jetzt, wie es abgelaufen ist. Aber natürlich immer noch nicht, wer die beiden sind oder wo sie hin sind. Und das heißt, als nächstes gehen wir zu der Zeugin."
"Dem stimme ich zu. Ich möchte außerdem vorschlagen, die restlichen Anwohner ebenfalls zu befragen. Irgendjemand könnte beobachtet haben, was geschehen ist. Oder Auskunft darüber geben, ob der männliche Involvierte möglicherweise ein Zimmer angemietet hat."
Gavin verdrehte die Augen. Erst Klamottenläden, jetzt jede einzelne der Wohnungen? Na toll.
"Falls es jemand beobachtet hat oder was darüber weiß, hat dieser Jemand geschwiegen. Und dafür gibt es dann wahrscheinlich einen Grund. Dessen sollte sich gerade jemand wie du bewusst sein, bevor er sich überlegt, an irgendwelche Türen zu klopfen. Denkst du nicht?" Einen Versuch war es immerhin wert, den Blechsack von seinem Vorhaben abzubringen – aber natürlich hatte der sofort ein Gegenargument parat.
"Vielleicht. Aber es muss kein Fall von Rassismus sein. Gelegentlich lässt sich ein Individuum auch durch schlichte Faulheit davon abhalten, das Richtige zu tun. Und selbst, wenn – Rassenfeindlichkeit sollte kein Argument sein, seinen Job nicht richtig auszuführen. Meinen Sie nicht auch, Detective?"
Gavin schnaubte und beachtete den Seitenhieb nicht. Natürlich ließ er sich sonst von Rassismus nicht aufhalten (gesetzt den Fall, es ging dabei auch um echte Lebewesen). Er hatte bloß keinen Bock darauf, fünfzig Wohnungen wegen eines zu Schrott geschlagenen Blecheimers abklappern zu müssen, nur weil vielleicht, möglicherweise irgendjemand was gesehen haben könnte.
Aber wenn er sich weigerte, petzte die dämliche Maschine wahrscheinlich bei Fowler oder Hank, und das konnte Gavin noch weniger gebrauchen.
Also ließen sie sich von Chucho die Auskunft darüber erteilen, in welchem Apartment die Zeugin wohnte, und begaben sich zum rechten der beiden Wohnblöcke.

Connor


Mittlerweile waren sie wieder im Erdgeschoss von Halle 3, in der momentan noch mehr los war als sonst, und schlängelten sich vorsichtig zwischen den Patienten, behandelnden Androiden und allen anderen hindurch, die hier ihren Tätigkeiten nachgingen.
Connor hatte nach der Untersuchung des AP700 auch die vier weiteren Androidenleichen in Augenschein genommen; zwei von ihnen waren während der Revolution umgekommen und fielen dadurch – so unsinnig das auch klang – nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich; die anderen beiden jedoch waren Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen und die Täter konnten daher strafrechtlich verfolgt werden.
Und genau das würde Connor auch tun.
"Wollt ihr nichtmal was miteinander unternehmen?", flüsterte Hank gerade in sein Ohr.
Connor blinzelte. "Was?"
"Na, du und Simon." Er ruckte mit dem Kopf in Simons Richtung, der ihnen voran durch die Halle schritt. "Irgendwie sieht der arme Kerl ziemlich mitgenommen aus. Ihm würde, gerade jetzt, ne Auszeit sicher auch mal guttun. Kann mir nicht vorstellen, dass er die hier kriegt."
"Ja, ich weiß. Ich mache mir auch Sorgen", antwortete Connor leise. "Aber ich weiß nicht, ob er überhaupt Interesse daran hätte. Mit mir."
"Wieso? Ich hatte den Eindruck, ihr versteht euch ganz gut. Immerhin bist du zu ihm gefahren, als es dir schlecht ging." Connor meinte, einen Hauch Unmut aus diesen Worten herauszuhören.
Er seufzte. "Nimmst du mir das immer noch übel?"
"Eigentlich nicht. Mich stört nur, dass ich immer noch nicht weiß, was überhaupt los war."
"Das war ..." Connor wägte ab, was er als nächstes sagen würde. Ihm widerstrebte, darüber zu sprechen. Dass Erics Worte ihn so getroffen hatten und er nicht in der Lage gewesen war, beherrscht zu bleiben, die Kontrolle über sich zu behalten, sondern eingeknickt – halbwegs zusammengebrochen – war, missfiel ihm nach wie vor. "Ich hatte nur das Gefühl, dass ein Android mich besser verstehen könnte. Und weil Tristan noch zu … nun, jung ist, bin ich zu Simon gefahren. Und hast du nicht gesagt, dass du nicht fragst, worum es geht?"
Hank brummte. "Mag sein. Aber ..."
"Simon?!"
Sie waren gerade aus der Halle herausgetreten, unter den sporadisch bewölkten Himmel, und als Connor den Kopf in Richtung der Stimme drehte, die gerufen hatte, spürte er, wie seine Thiriumpumpe einen Schlag aussetzte. Ein Stromstoß durchfuhr ihn und er verkrampfte sich unwillkürlich – bis er den Androiden, der sich durch die Gruppen seiner Landsleute hindurch kämpfte und auf sie zugeschritten kam, richtig scannte und begriff, dass er ihn verwechselte.
Im ersten Moment hatte er geglaubt, Daniel würde auf sie zueilen.
Jetzt stellte er fest, dass es ein CX100 war, dessen Seriennummer lediglich mit der Daniels bis auf eine einzige Ziffer übereinstimmte. Unbemerkt atmete er auf und schüttelte innerlich den Kopf über sich; wo war nur seine Selbstbeherrschung geblieben?
Er, Hank und Simon waren stehen geblieben.
"Es hat einen Mord gegeben", begann der CX100 ohne Umschweife, als er zu ihnen aufgeschlossen hatte. "An einer Androidin. Der Anruf ging eben in der Zentrale ein, und man hat mich gebeten, hinzufahren. Es gibt da nur – "
"Wer hat euch informiert?", warf Hank ein.
"Wohl ein anderer Android. Aber ich weiß nicht, wer. Er hat seinen Namen nicht genannt", antwortete der CX100 kurz angebunden.
Connor horchte auf. Tristan. Mit Sicherheit bestand zwischen dieser Tat und den Emotionen, die er eben von ihm empfangen hatte, ein Zusammenhang.
"Simon, wir haben keine Fahrzeuge mehr", setzte der CX100 fort. "Sie sind alle unterwegs, um die ganzen Abweichler zu suchen und herzubringen. Und ich – "
"Wir könnten dich mitnehmen", warf Hank wiederum ein.
"Sie könnten – ?", begann der CX100 zurückhaltend.
"Sicher. Du nennst uns die Adresse, wir setzen dich ab."
"Aber wir müssten ein gutes Stück fahren ... "
"Na und?"
Simon sah allerdings auch nicht glücklich aus. "Lieutenant, Sie haben selbst genug zu tun. Und irgendjemand müsste ihn wieder nach Jericho bringen ... "
"Na und?", wiederholte Hank. "Ich kenn da schon wen, der das mit Freude übernehmen wird. Vor allem, wenn ich ihn ganz freundlich darum bitte." Er grinste süffisant.
Connor zog eine Augenbraue hoch. Ob das so eine gute Idee war?
"Ich weiß nicht ... ", sagte Simon zögerlich. "Ehrlich gesagt, wäre mir nicht wohl dabei ... Sie tun schon genug für uns."
"Blödsinn", winkte Hank ab. "Man bewirbt uns doch immer mit ´Freund und Helfer´. Und wenn jemand gerade Freunde und Hilfe braucht, seid ihr das. Oder soll er laufen? Allein durch halb Detroit?"
"Nein, natürlich nicht. Also – na gut", meinte Simon, die Arme um die Mitte geschlungen, "wenn es denn nicht anders – " Doch er unterbrach seine Worte, als sein Blick sich auf etwas einige Meter hinter ihnen fixierte. Als Connor den Kopf wandte, sah er zwischen all den Abweichlern ein bekanntes Gesicht. Dieser Mensch, der derzeit in Jericho Obdach gefunden hatte. Anthony Hadfield. Er kam aus Richtung des Eingangs des Geländes, die Hände in den Taschen seines Parkas vergraben, die Schultern angezogen, und sah übermüdet aus.
"Wartet kurz", sagte Simon, war schon losgegangen, drängelte sich durch die Gruppen von Androiden und hatte schnell zu Anthony aufgeschlossen. Connor, Hank und der CX100 beobachteten, wie die beiden miteinander sprachen. Der Mensch wirkte überrascht, dann fuhr er sich mit der Hand über den Nacken und nickte schließlich schulterzuckend. Und Simon lächelte ihm verhalten dankbar zu und winkte den CX100 zu ihnen heran. Der kam der Aufforderung nach. Es folgte eine kurze Vorstellung, und anschließend verschwanden Anthony und der CX100 gerade wieder in Richtung Haupteingang.
"Eine Sorge weniger", hörten sie Simon murmeln, als er wieder zu ihnen zurückkam.
"Läuft's denn mit dem Typ?", fragte Hank.
"Hm? Äh, ja ja, alles in Ordnung. Er hält sich bedeckter, als ich erwartet hätte. Bisher gab es keine weiteren Probleme mit ihm."
"Na immerhin", meinte Hank.
"Wir sollten dann auch los", warf Connor ein. "Ach ja", sagte er, als ihm noch etwas einfiel, "die AP400. Aus dem Keller. Ist sie schon vernehmungsfähig?"
Simon verzog den Mund, schüttelte kaum merklich den Kopf. "Gib ihr noch Zeit. Wir haben noch kein Sprachmodul für sie, und in erster Linie braucht sie Ruhe. Ich sag euch Bescheid, wenn es ihr besser geht."
"Gut, danke."
Und damit verabschiedeten sie sich. Als Simon in der Menge verschwand, und Connor und Hank sich anschließend auf den Weg aus Jericho heraus machten, lehnte Hank sich zu Connor hinüber.
"Das wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, um ihn zu fragen, ob er mal Lust hat, hier rauszukommen."
"Wäre er wohl ... ", sagte Connor zurückhaltend.
"Aber?"
Connor druckste herum. Den eigentlich Grund für seine Hemmung wollte er nicht ansprechen, also musste etwas anderes herhalten. Das, was ihm noch einfiel, war zwar nur geringfügig besser, war Hank aber immerhin bekannt.
Murmelnd gestand er: "Ich habe keine Ahnung von gemeinsamen Aktivitäten."
Hank gluckste auf, und Connor verdrehte die Augen; natürlich fand der das lustig.
"Ich meine, es gibt keine einheitliche Definition von Freizeit – es ist das, was der Einzelne darunter versteht. Das bedeutet, es kann alles und nichts sein, und ich weiß einfach nicht, wie ich ..."
Er brach ab; der Gedanke an diese endlosen Möglichkeiten überforderte ihn tatsächlich; schlimmer als am Samstag, als Hank ihn einfach aus dem Schlafzimmer geschoben und sich selbst überlassen hatte; innerhalb der vier Wände eines Hauses war, was man tun konnte, begrenzt (zumal er indirekt Angaben von Hank erhalten hatte), doch wenn ihm die Welt offen stand ...
"Oh, Connor ...", sagte Hank seufzend. "Wir hatten das doch schon mal. Die Devise lautet: Ausprobieren."
´Ja, genau, einfach 'Ausprobieren'' , dachte Connor verdrossen, '... erzähl das meinem System.´ "Außerdem weiß ich nicht, was ihm Spaß machen würde", sagte er, um nicht zu sehr auf seiner Schwachstelle herumzureiten.
"Da fragt man nach." Hank blieb stehen und wandte sich Connor zu. "Connor, ganz ehrlich, mach dir nicht immer so viele Gedanken. Ich weiß, das ist dein Hobby, aber manchmal ist das einfach unnötig, und am Ende stehst du dir nur selbst im Weg."
Er streckte den Arm aus und legte die Finger in einer beruhigenden Geste um Connors Hand; erst jetzt bemerkte Connor, dass er die Münze hervorgeholt hatte und sie verkrampft bearbeitete. "Und im Endeffekt ist es gar nicht wichtig, was man macht. Manchmal reicht es schon, dass man was macht. Gemeinsam."
Connor verzog den Mundwinkel, steckte die Münze in die Tasche zurück und suchte nach Argumenten, um Hank auszubremsen. "Schon. Aber das ist nicht das einzige Problem. Vieles kann noch gefährlich sein. Ich möchte keine Konfrontation heraufbeschwören, indem wir, als Androiden, uns unter Menschen begeben."
"Das klingt nach ner ziemlich dürftigen Ausrede, wenn man bedenkt, dass wir beide dauernd in der Stadt unterwegs sind. Zumal, wenn sich jemand verteidigen kann, dann bist das ja wohl du."
"Schon ... "
"Wahrscheinlich könntest du mit deinen Fähigkeiten andere sogar besser beschützen als ich mit meiner Waffe."
"Schon ... "
"Und solange ihr euch nicht in zwielichtigen Gegenden rumtreibt, denke ich, ist die Gefahr auch sehr gering, dass euch überhaupt jemand angreift. Immerhin sind nicht pauschal alle bekloppt da draußen."
"Schon ... "
"Außerdem sollte es ja wohl euer gutes Recht sein, oder nicht? Ihr seid jetzt frei. Und Freiheit bedeutet bestimmt nicht, sich zu verstecken."
"Ja, schon ... "
"Aber?"
Connor biss sich auf die Lippe. Musste Hank derart hartnäckig sein?
Schließlich entschied er sich für die Wahrheit, weil er keine andere Möglichkeit mehr sah (die einzigen anderen Optionen wären ´Schweigen´ oder ´ungehalten reagieren´; beides hatte Hank nicht verdient, und beides trüge den Stempel von Kontrollverlust oder fehlender Reife ...)
"Wir hatten einen Streit", gestand er also seufzend. "An dem Morgen, nachdem ich in Jericho genächtigt hatte." Das er so aus der Haut gefahren war, und das auch noch zu Unrecht, beschämte ihn. "Ich war sehr unfair Simon gegenüber. Ich hatte zwar den Eindruck, dass alles in Ordnung ist, weil er sich ganz normal benimmt, aber ... nun, letzten Endes ist er zu jedem sehr freundlich." Und Connor hatte sich darauf ausgeruht und seine eigenen, harschen Worte verdrängt, um ein unangenehmes Gespräch zu vermeiden ...
"Ich stand unter Stress, aber das ist keine Entschuldigung ..."
"Was war denn los?", fragte Hank neugierig.
"Willst du es hören?", fragte Connor ergeben. "Wort für Wort?"
"Öh", machte Hank. "Ja, klar. Wenn das geht."
Mittlerweile hatten sie sich wieder in Bewegung gesetzt, waren am Haupttor angelangt und machten einem Lieferwagen und einem alten Buick Platz, die aus verschiedenen Richtungen aber kurz nacheinander in Jericho einbogen.
Connor gab den Dialog wieder, während sie über die leere, zugeschneite Straße auf Hanks alten Oldsmobile zugingen und imitierte dabei auch Simons Stimme sowie Stimmlage im Laufe des Streitgesprächs. Als er geendet hatte, sah Hank ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Okay ...", sagte er. "Das war aufschlussreich. Und merkwürdig. Und ein bisschen gruselig."
Connor schmunzelte. "Willst du mir sagen, das überrascht dich noch?"
"Tjaa, nö, eigentlich nicht. Könnt ihr das denn alle? Diese Nachahmung?"
"Nein. Ich denke, es beschränkt sich auf die RK-Reihe. Aber ich weiß nicht, ab welchem Modell. Ob Markus das bereits kann, kann ich nicht sagen."
"Naja, gut, ist ja auch egal. Jedenfalls, ich an deiner Stelle würde mir nicht unbedingt Vorwürfe machen. Mal abgesehen davon, dass du mal wieder völlig unnötig den Pedanten hast raushängen lassen, klingt das nach ner ganz normalen Art von Zoff, den ihr hattet. Überleg doch mal, wie oft ich die letzten Wochen aus der Haut gefahren bin, wann immer du mir auf den Keks gegangen bist mit deinem Dickschädel und deiner überkorrekten Art."
Hank schloss das Auto auf und ließ sich hinter das Lenkrad gleiten; Connor stieg auf der Beifahrerseite ein.
"Ja, natürlich", sagte er zurückhaltend, den Blick zum Fenster hinaus gerichtet. "Wenn andere wütend werden, kann ich das händeln. Ich finde nur noch keinen Umgang damit, wenn ich mich nicht unter Kontrolle habe. Mir ist das unangenehm. Das ist ein äußerst unreifes Verhalten."
"Blödsinn", widersprach Hank. "Dass es mal aussetzt, ist normal. Das hat jeder. Wichtig ist nur, dass du das hinterher gerade biegst."
Connor sank ein Stück in den Sitz ein.
"Was du nicht getan hast?", schlussfolgerte Hank aus dem Schweigen. Er zuckte die Schultern. "Aach, na und wenn schon? Hast du halt einen Fehler gemacht und dich wie ein Sack benommen. Das ist nicht tragisch. Im Gegenteil, wenn man den Fehler dann eingestehen kann, zeugt das von Reife. Mach dich nicht fertig. Wenn du Simon das nächste Mal siehst, nimmst du ihn einfach zur Seite, sagst ihm, dass es dir leidtut, und ich verspreche, dann ist alles wieder im Lot. Ich halte ihn nicht für nen nachtragenden Kerl." Er ließ den Motor an und bog auf die leere Straße ein. "Danach fühlst du dich auch besser."
Kurz betrachtete Connor Hanks Profil, dann lächelte er ein wenig und nickte.
"Warum beharrst du überhaupt darauf, dass ich mich mit ihm treffe?"
Hank zuckte wieder die Schultern. "Ich dachte nur, du könntest auch mal jemanden in deinem Alter gebrauchen.“ Er strich sich über den Bart. „Und ob Tristan schon entspannt genug ist für sowas, da bin ich mir nicht sicher."
Connor schmunzelte. "In meinem Alter?"
"Ja. Du weißt doch, was ich meine. Und ab und zu muss man einfach jemand anderen sehen als immer nur die eigene Fam – " Er brach ab, fuhr sich zerstreut durch die Haare und schaltete das Radio ein; entspannter Jazz füllte die Fahrerkabine, zusammen mit Schweigen.
Connor blickte wieder zum Fenster hinaus, und ein warmes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er wusste, was Hank hatte sagen wollen, und das löste sehr angenehme Gefühle in ihm aus.
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