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Detroit - The Time After

von TammyOaks
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Gavin Reed Hank Anderson PL600 Simon RK800-51-59 Connor RK900
10.09.2018
26.10.2020
65
185.316
30
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95 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
24.05.2020 4.403
 
Mensch, was ist denn da los? O.o Direkt noch zwei neue Empfehlungen :DDD
Wow, vielen Dank dafür! <3<3<3

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Gavin


„Hey, Detective, was haben Sie denn – ?“
Bin im Bad ausgerutscht!“, ätzte Gavin schon zum sechsten Mal an diesem Morgen; der Officer, der gerade von den Toiletten gekommen war und ihm entgegen lief, hob abwehrend die Hände, doch die hochgezogenen Augenbrauen und das schlecht versteckte Grinsen ließen unschwer erkennen, dass er Gavin kein Wort glaubte. Natürlich nicht. Gavin hätte es selbst nicht geglaubt. Aber darum ging es auch gar nicht. Schnaubend bog er in den leeren Pausenraum ein.
Tatsächlich hatte er in der Früh, nach einem Blick in den Spiegel, mit dem Gedanken gespielt, Make-Up (das Riley wohl – vielleicht versehentlich, vielleicht mit Absicht – bei ihm vergessen hatte) aufzutragen.
Dann hatte er sich erinnert, dass er immer noch ein Kerl war, verdammt, und trug stattdessen schon den ganzen Morgen eine düstere Visage vor sich her. Hatte trotzdem niemanden davon abgehalten, ihn nach dem Bluterguss (der mittlerweile so dunkel war, dass es aussah, als wäre ihm über Nacht ein übergroßes Muttermal gewachsen) in seinem Gesicht zu fragen. Seine Antwort war immer die gleiche gewesen.
Zischend und brodelnd spuckte die Kaffeemaschine Kaffee in seine Tasse. Er nahm einen Schluck und fluchte unterdrückt, als die heiße Brühe mit dem aufgeplatzten Teil seiner Lippe in Kontakt kam. Zähneknirschend drückte er sich den Handballen gegen die Wunde, in der Hoffnung, dem fiesen Pochen entgegenzuwirken, und begab sich zurück in den Hauptraum.
Als ob die Schmerzen noch nicht Strafe genug wären, sah er sich dort als erstes der Maschine gegenüber stehen. Er hatte die stille Hoffnung verfolgt, dass die Schrottkiste heute überhaupt nicht erschien, aber natürlich blieb ihm nichts erspart.
Finster funkelte er ihm entgegen, bemerkte aber nur nebenbei, dass das Ding neue Klamotten trug. Was er in erster Linie bemerkte, war der Blick, mit dem er gemustert wurde.
"Detective –", begann der Blechkasten, mit leicht geneigtem Kopf und dem Ansatz einer Falte zwischen den Augenbrauen, die LED gelb rotierend, aber Gavin würgte ihn ab.
"Wenn du fragst, schieß ich dir ins Gesicht", sagte er und meinte das todernst; das schien der Android auch zu bemerken, denn der schloss den Mund.
Es wunderte Gavin, dass das Ding überrascht war; offensichtlich hatte Hank seine „Heldentat“ für sich behalten. Letzten Endes war es aber auch egal. Wortlos ging er an Tristan vorbei, ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder, nippte nochmal, diesmal vorsichtiger, an seinem Kaffee, zupfte den Verband, den er nach wie vor um seine rechte Hand trug, zurecht, und wandte sich seinem  Computer zu.
Sich auf irgendwelche Fälle zu konzentrieren, dafür hatte er heute Morgen noch nicht die Nerven gehabt; allerdings war ihm wieder eingefallen, wen er am Samstag, auf dem Nachhauseweg von der Bar, hatte vorbeifahren sehen. Ein bisschen Recherchieren und ein, zwei Anrufe später hatte er rausbekommen, dass es Randy tatsächlich mittlerweile nach Detroit verschlagen hatte.
Gavin seufzte.
Es mussten jetzt um die zwölf Jahre her sein, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Nach seinem übereilten Auszug aus dem Loft seiner Eltern hatte er zwar nicht die Stadt, aber irgendwie alle Kontakte hinter sich gelassen. Bereut hatte er das bei kaum einem; die meisten, die er gekannt hatte, waren Idioten gewesen. Aber Randy ...
Bevor er jedoch weiter darüber sinnieren konnte, hörte er, wie sein Name ausgesprochen wurde, und als er sich auf seinem Stuhl drehte, sah er Chris vor sich stehen.
"Gut, dass ihr da seid", begann er, "eben ist ein Fall reingekommen, den ihr – whoa!", machte er, als er Gavin ansah. "Scheiße, Gavin, du –"
"Fragen Sie nicht, Officer Miller, sonst schießt Detective Reed Ihnen ins Gesicht", kommentierte Tristan trocken.
Chris blinzelte den Blechkasten an, der neben Gavins Schreibtisch stand, die Hände vor der Hüfte übereinander gelegt, und dann Gavin und schien nach dem Anzeichen eines Witzes zu suchen; als er keinen fand, schüttelte er den Kopf und wandt sich an Gavin.
"Also, ähm, wie gesagt, ein Fall. Eben reingekommen. Eine getötete Androidin. Ihr sollt euch darum kümmern."
Gavin schnaubte. Das war das Letzte, was er wollte. „Warum? Sollen sich die beiden anderen Genies damit auseinander setzen. Machen die doch sonst auch.“
„Schon richtig. Würden sie eigentlich auch – bloß, dass die zwei außer Haus einem Fall nachgehen.“
„Ja klar", erwiderte Gavin sarkastisch. "Bist du sicher, dass Hank sich nicht bloß die Seele aus dem Leib kotzt, während sein Schoßhund ihm die Haare hochhält?“
Chris sagte nichts zu dem Tiefschlag, doch als er weitersprach, klang er ungehalten: „Sie haben in Jericho zu tun. Hank wusste nicht, wann sie wiederkommen.“
"Ach so, ja, sicher. Das hät ich dann auch erzählt."
Genervt schnaubte Chris auf. "Kannst du es nicht einmal gut sein lassen? Bitte?
Ihr seid Kollegen. Ihr müsst ja nicht gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten, aber ein Mindestmaß an Respekt darf doch vorhanden sein."
´Sag das Hank´, dachte Gavin frustriert, während er einen weiteren Schluck Kaffee vorsichtig an der Wunde an seiner Lippe vorbei manövrierte. Dann jedoch flackerte sein Blick für einen winzigen, unkontrollierten Moment zu der Maschine hinüber –
(... bist du soviel besser? ...)
– schnell und kaum merklich schüttelte er den Kopf, wie um einen lästigen Fliegenschwarm zu verscheuchen, stellte seine Kaffeetasse wieder ab und gab sich geschlagen.
„Schön. Übernehmen wir eben den Mist. Gibt ja sonst keine richtigen Fälle, denen man nachgehen könnte, mit echten Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, und nicht bloß dem billigen Abklatsch.“ (Er vermied, Tristan anzusehen.) „Wo geht‘s hin?“
Nachdem Chris ihnen die Straße genannt hatte und Gavin klar wurde, dass es noch gar nicht so lange her war, seit er mit dem Androiden genau dort vorbei gefahren war, wollte sich doch tatsächlich ein mulmiges Gefühl einschleichen. Verbissen drückte er es weg.
„Eine Anwohnerin hat die Getötete heute morgen gefunden“, erklärte Chris weiter.
´Von wegen ´getötet´´, schoss es Gavin durch den Kopf und er verschränkte die Arme. ´Bloß kaputt gemacht.´
„Ein paar Kollegen von der Streife sind schon da. Die vom CSI auch, glaub ich – “
„Wurde Jericho informiert?“, fragte der Blechkasten.
„Ähm“, machte Chris und blinzelte. „Weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Müsst ihr nachfragen.“
„Gut, na dann“, sagte Gavin, erhob sich schwerfällig und streckte sich demonstrativ gelangweilt, „sehen wir uns das mal an.“
„Viel Erfolg“, sagte Chris, und an Tristan gewandt: „Und hey, nettes Outfit.“
„Danke“, gab der Android in seinem gewohnt sachlichen Tonfall zurück.
„Find ich gut, dass ihr euch langsam von euren CyberLife-Klamotten trennt. Aber ein bisschen eingefahren bist du schon in deinem Geschmack, was?“ Chris schmunzelte, als er sein Gegenüber beäugte.
„Wie darf ich das verstehen?“, erwiderte Tristan.
„Ähm, naja, der graue Mantel – “
„Ich habe zuvor ein schwarz-weißes Jackett getragen.“
„Ja, schon, aber es wirkt eben trotzdem … du weißt schon …“
Der Android neigte den Kopf. Offensichtlich wusste er nicht. Und Gavin rollte die Augen.
´Das Ding ist bloß eine Maschine´, dachte er bei sich. ´Was erwartest du?´
Chris versuchte es trotzdem tapfer weiter. „Und der Rollkragenpulli – “
„Ich habe zuvor ein Hemd getragen.“
„Das auch schwarz war. Und genauso hochgeschloss – ach, vergiss es. Steht dir auf jeden Fall.“ Chris grinste, reckte den Daumen und klopfte Tristan im Vorbeigehen kameradschaftlich auf die Schulter. Tristan sah ihm einen Moment hinterher, und Gavin meinte, den Anflug eines Lächelns über dessen Gesicht huschen zu sehen, bevor er wieder zu dem üblichen gleichgültigen Ausdruck zurückfand.
„Das war nett“, sagte er, während sie das Revier verließen.
„Hm“, brummte Gavin. Er selbst hätte Chris am Liebsten eins übergebraten. Freundlichkeiten einer Maschine gegenüber. Was für ein Blödsinn!
Die Fahrt an sich verlief schweigend, und Gavin starrte stur auf die Fahrbahn und nirgendwo anders hin.
Am Tatort angekommen, sahen sie bereits den üblichen Menschenauflauf; die Gaffer versperrten den Zugang zu zwei Gassen, die zwischen drei Gebäuden entlang verliefen. Links und rechts waren es Apartments, die sich Richtung Himmel türmten und in ihrer Mitte nahmen sie eine Lounge in die Zange, die derzeit geschlossen war.
Am Straßenrand standen ein Van vom CSI und zwei Streifenwagen; Gavin konnte die dazugehörigen Officers ausmachen, die die Leute auf Abstand hielten, unterstützt durch ein digitales, gelbes Absperrband.
Gavin parkte auf der anderen Straßenseite; während er ausstieg, die Lücken zwischen den vorbeifahrenden Autos abpasste und versuchte, nicht auf dem Schneematsch auszurutschen, achtete er nicht darauf, ob der Android ihm folgte.
Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte er, auf welche der beiden Gassen er zuhielt, und entschied sich dann für die rechte. Die verdammten Smartphones, die von den Gaffern hochgehalten wurden, hätte er am liebsten zerschossen. Alternativ die Idioten angebrüllt und verprügelt, die sie ausgepackt hatten – aber das würde dann wieder im Internet landen, zu Anzeigen führen, zu Rumheulerei wegen Polizeigewalt, und vermutlich zu seiner eigenen Suspendierung, also ließ er es bleiben.
Die Schaulustigen blickten ihm interessiert entgegen, doch sein Gesichtsausdruck war so missgelaunt – von dem Bluterguss noch unterstrichen – , dass sich ihm niemand näherte. Jedenfalls fast niemand.
Nur zwei waren kühn genug, an ihn heran zu treten.
Der erste war ein Typ mit Flechtzöpfen rund um den Schädel und dieser latent aggressiven Ausstrahlung, die Gavin so gut leiden konnte. "Hast du Spaß daran, dein Volk zu verraten?", zischte er ihm zu.
"Hättest du Spaß an ner Nacht Arrest? Verpiss dich", knurrte Gavin zurück, ohne den Typ weiter zu beachten.
Der zweite war ein Reporter, der ihm ungeniert die üblichen Fragen zurief, darunter auch, ob diese Tat etwas mit den neuesten Erkenntnissen um Red Ice zu tun hatte, doch Gavin ignorierte ihn völlig; der Android schien es auch so zu halten, denn alle Fragen des Mannes liefen ins Leere und verstummten bald, nachdem sie das gelbe Band passierten, das von einer Officerin überwacht wurde, die Gavin knapp zunickte (auch sie betrachtete interessiert Gavins Gesicht); in der Gasse angelangt, sah er, dass das Gebäude, in dem sich die Lounge befand, annähernd dreieckig sein musste, sodass beide Gassen sich weiter hinten zu einer V-Form verbanden.
Gavin erblickte Männer vom CSI und einen weiteren Officer, der bereits auf sie zukam.
"Hey, Gavin", begann er, ein schlaksiger Mexikaner mit Brille, der kaum in der Zentrale des DPD, sondern meist in den Nebengebäuden unterwegs war. Er war ein freundlicher Kerl und wirkte wie ein Weichei, aber da er Gavins Ansichten in Bezug auf die Androiden teilte, mochte Gavin ihn.
"Chucho, wie geht's?" Gavin war sich ziemlich sicher, dass Chucho nur ein Spitzname war, aber er hatte keine Ahnung, wie der Typ richtig hieß. Und es interessierte ihn auch nicht.
Als sie voreinander standen, schlugen sie zur Begrüßung die Hände ineinander.
"Könnte besser sein. Aber – scheiße, wie geht's dir denn? Hast ja ganz schön was abbekommen", meinte er und betrachtete eingehend Gavins Bluterguss und den Verband um dessen Hand.
"Nichts Tragisches", sagte Gavin ausweichend. "Und nichts, worüber ich reden will", fügte er noch hinzu, weil Chucho bereits den Mund öffnete. Der zuckte die Schultern.
"Wie du meinst. Ist deine Sache. Gehn wir gleich durch?", fragte er und deutete mit dem Daumen hinter sich.
Gavin nickte, und langsamen Schrittes begaben sie durch die Gasse, Gavin und Chucho vorneweg, Tristan hinter ihnen.
Chucho streckte sich und rückte seine Brille zurecht. "Als wir vorhin hier angekommen sind, dachte ich echt, die wollen uns verarschen. Ich mein, was ein Scheiß, oder? Da gehst du zur Polizei, um wirkliche Verbrechen aufzuklären, und dann kriegst du sowas vorgesetzt."
Gavin grinste (und war froh darum, das Tristan hinter ihm war, sodass er ihn nicht ansehen musste). "Hab vorhin genau das Gleiche gesagt. Aber wenn die Bosse befehlen, muss der kleine Mann eben buckeln."
"Tja."
Unter ihren Füßen knirschte der festgetretene Schnee, und trotz dessen, dass es erst Vormittag war, schritten sie durch Schatten; die fahlen Lichtstrahlen der Wintersonne reichten nicht bis zum Boden der Häuserschlucht.
"Irgendwann bringt nochmal einer seine aufblasbare Sexpuppe zum Platzen und landet dafür vor Gericht", sagte Chucho kopfschüttelnd. "Verrückte Welt. Aber dich hat's ja richtig übel erwischt, was?" Er sah kurz über die Schulter und beäugte Tristan. Gavins Blick blieb nach vorn gerichtet.
"Ich konnte das erst gar nicht glauben", sprach Chucho weiter. "Da haben die doch allen Ernstes noch einen von diesen Androiden auf unsere Wache gesteckt. Und dann auch noch ausgerechnet zu dir. Mein Beileid, Mann." Mitfühlend klopfte er Gavin auf die Schulter. "Ist der auch so'n Klugscheißer wie der andere? Oder weiß der wenigstens, wo sein Platz ist?"
"Tatsächlich ist der ein noch größerer Klugscheißer. Keine Ahnung, wie die's geschafft haben, ihm das einzuprogrammieren."
"Oh Mann."
"Kann man nicht ändern. Ich mach einfach das Beste draus und seh zu, dass ich ihn richtig erziehe", sagte Gavin und zwang sich zu einem Grinsen. "Mit ein bisschen Geduld und Übung hab ich irgendwann nen braven Blechbimbo, der Sitz macht, wenn ich pfeife. Ist doch auch was."
Er rang sich ein gehässiges Lachen ab, in das Chucho mit einfiel.
(Mit Freundschaftsaufbau hatten solche Sprüche wenig zu tun, das wusste er – aber er konnte gerade nicht anders ... )
"Detective", erklang es plötzlich von hinten, und Gavin hatte den Kopf gedreht, bevor er es verhindern konnte; sie waren stehen geblieben und sahen einander an. Eine unangenehme Stille entstand, während deren der Blechkasten ihn betrachtete, und unter dessen nichtssagender Miene schimmerte etwas durch, dass Gavin so gar nicht in den Kram passte.
Sieh mich nicht so an. Du hast kein Recht, mich so anzusehen. Du bist nicht lebendig!
"Was denn?", schnarrte Chucho.
Noch für ein paar Augenblicke schaute Tristan Gavin mit diesem unterschwellig verletzten, enttäuschten Ausdruck an, und Gavin schaffte es kaum, dem standzuhalten; dann sagte Tristan an Chucho gerichtet: "Sollten Sie uns nicht lieber über dieses Verbrechen in Kenntnis setzen, anstatt sich über Ihre persönlichen Ansichten auszutauschen?"
"Dieses Verbrechen?", gab Chucho ungläubig zurück; er stupste Gavin an und sagte mit einem Grinsen: "Er nennt das ´Verbrechen´, ich nenne es ´nicht ordnungsgemäße Müllentsorgung´."
Tristan ließ sich nicht anmerken, ob ihn der Seitenhieb getroffen hatte, auch wenn Gavin meinte, für einen Sekundenbruchteil ein rotes Leuchten an der Schläfe des Androiden bemerkt zu haben. "Und außerdem muss ich Sie fragen, ob Jericho bereits informiert worden ist."
Chucho schnaubte. "Nö, wieso?"
"Weil das mittlerweile zum Protokoll gehört."
"Zu deinem vielleicht. Ich werd einen Scheißdreck tun und euresgleichen auch noch hinterher telefonieren."
Tristan stieß die Luft aus. "Nun gut, dann werde ich das übernehmen. Entschuldigen Sie mich für einen Moment." Und er ging ein paar Schritte weg von ihnen, mit gelb blinkender LED; kurz darauf hörten sie ihn leise sprechen und eine weitere Stimme noch leiser antworten.
"Scheiße, Mann, ich glaub, ich würd ausflippen mit sowas an meiner Seite. Wie erträgst du das bloß?"
Gavin betrachtete das Profil der Maschine, die Haut, die Haare, Auge, Lippen, Nase, die Finger, die Statur, all das, was so menschlich wirkte ... genauso wie die Emotionen ... die manchmal durchkamen ...
Aber es war nicht menschlich! Es war nur einprogrammiert! Nur eine Kopie! Ein billiges Abziehbild! Und nichts daran war lebendig!
Er sah zur Seite weg. "Weiß ich auch nicht", antwortete er unbestimmt.
Tristan gesellte sich wieder zu ihnen. "Jericho wird einen der ihren hierher schicken. Führen Sie uns jetzt bitte zu dem Opfer?"
Chucho zog die rechte Oberlippe in einer angewiderten Geste in die Höhe, während er Tristan taxierte. "Tse. Das Opfer sagt der – "
"Ich find's auch schwachsinnig", warf Gavin ein, "aber mach doch einfach, umso schneller können wir das hinter uns bringen."
Wieder schnaubte Chucho, doch er gab klein bei, wandte sich um und ging ihnen voran weiter durch die Gasse, bis sie zu ihrer Linken um die Ecke sehen konnten.
"Schön. Hier. Das Opfer." Er setzte das Wort in Anführungszeichen.
Die zerstörte Maschine war unübersehbar. Sie befand sich direkt vor den Müllcontainern, die an der verkürzten Rückwand der Lounge aufgestellt worden waren. Sie lag auf dem Bauch, das Gesicht ihnen zugewandt, mit offenem Mund und leeren Augen. Ihr Genick war restlos zerstört; Thirium sah Gavin keins – das war verflogen – doch die künstliche Wirbelsäule lag blank und verformt, Kabel standen ab, von der Haut waren nur noch Fetzen übrig. Es schien, als hätte irgendjemand in rasender Wut darauf eingeprügelt. Vermutlich mit dem Holzbrett, das daneben lag, und das wohl als Tür zu einem Möbelstück gehörte – jedenfalls ließen der Knauf und die Scharniere daran diesen Schluss zu. Er entdeckte zwar auch an dem Holz kein Thirium mehr, aber eine der Kanten war über eine Länge von etwa fünfzehn Zentimetern eingedrückt und gesplittert, und das reichte ihm als Indiz.
Finster starrte er auf die Maschine herunter. Wie grotesk das war – noch vor gar nicht allzu langer Zeit gehörte ein solcher Anblick zum Stadtbild, das keinen interessierte, und nun war es ein Verbrechen, das polizeilich untersucht werden musste.
"Man hat das Teil irgendwann in den Morgenstunden gefunden", begann Chucho gleichgültig. "Eine ältere Dame, die sich Brötchen oder sowas holen gehen wollte. Sie ist in ihrer Wohnung."
"Habt ihr sie schon befragt?"
"Nö. Die sah so erschrocken aus, ich wollte sie erstmal in Ruhe lassen."
"Gab es noch andere Zeugen? Irgendjemand, der was gesehen hat?"
"Keine Ahnung."
"Die Überwachungskameras?"
Schulterzucken.
"Habt ihr überhaupt schon etwas herausbekommen?"
Chucho verschränkte die Arme und zog eine Augenbraue hoch. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass er keine Lust auf diesen Fall hatte. Gavin verstand ihn. Und trotzdem – ein winziger Teil in ihm (vermutlich der, der mit Leib und Seele Cop war) ärgerte sich über die unmotivierte Haltung seines Kollegen. Er schnaubte und beachtete diesen Teil nicht.
Währenddessen hatte sich Tristan zu dem zerstörten Androiden gehockt und streckte die Hand aus, wollte ihr zwei Finger an die Schläfe legen – und zögerte. Für einen verschwindend geringen Moment flackerte seine LED rot auf, dann presste er die Lippen zusammen, die LED färbte sich wieder blau und er berührte sie. Die Haut an seiner Hand verschwand und ließ weißes Plastik erscheinen.
Kurz wurde es still, doch dann flirrte Tristans LED ein weiteres Mal rot und er riss seine Hand zurück.
"Was ist los?", fragte Gavin. Er taxierte den Androiden. Tristan sah bestürzt aus.
"Wir waren hier", antwortete er. "Wir sind hier vorbeigefahren – "
"Ich weiß. Am Samstag, als wir zu der Kneipe – "
" – acht Minuten, bevor sie umgebracht worden ist."
Gavin schluckte. Er hatte sowas geahnt. Das Pärchen, das er gesehen hatte. Bei dem er nicht hatte feststellen können, ob die beiden stritten oder wild miteinander rummachten.
"Scheiße", murmelte er.  Und dann, lauter: "Kannst du auf ihren Speicher zugreifen?"
Tristan schüttelte den Kopf. "Nicht, wenn sie abgeschaltet ist. Der elektrische Impuls, den ich durch ihren Körper geschickt habe, reicht nur aus, um die Uhrzeit des letzten Protokolleintrages abrufen zu können. Für die Auslesung größerer Datenmengen müsste sie reaktiviert werden."
"Und geht das?"
Tristan antwortete nicht, seine LED leuchtete weiterhin rot.
Schweigen war auch eine Antwort.
"Fuck", murmelte Gavin. Es hätte so einfach sein können ...
Er wandte den Blick ab, betrachtete den Bereich eingehender. Eine Menge Schuhabdrücke hatten den Schnee zu einer kompakten Decke verdichtet. Dort einzelne Spuren herauszufiltern war praktisch unmöglich (jedenfalls für ihn; was der Android würde sehen können, blieb abzuwarten).
Von den gelben Nummerntafeln waren fünf Stück aufgestellt worden – eine direkt neben dem Androiden, die zweite neben der Schranktür, die nur einen halben Meter von dem reglosen Körper entfernt lag; die dritte am Ende der Hauswand, neben einem von seinem Blickwinkel aus durch die Container fast verdeckten und verwitterten Holzschrank, zu dem die Tür augenscheinlich gehört haben musste und dort abgerissen worden war. Die vierte Nummerntafel stand etwa vier Meter hinter ihnen, und als Gavin einen näheren Blick darauf warf, entdeckte er Blut im Schnee – zu wenig, um als Lache bezeichnet zu werden, aber trotzdem mehr als ein paar Spritzer. Er war sich sicher, dass die fünfte Tafel in direktem Zusammenhang mit dem Blut stand – sie befand sich neben einem Fahrradschlauch, der offensichtlich schon länger hier lag, aber durch die Schneedecke fast vollständig zugedeckt – bis jetzt. Es schien, als hätte ihn etwas mit Gewalt aus der festgetretenen Schneedecke gezerrt.
Gavin hockte sich hin und betrachtete den Schlauch näher.
Das sah nach dem klassischen Stolpern aus.
Er blickte sich weiter um. Es gab zwei Eingangstüren, die jeweils zu den beiden Apartmenthäusern gehörten; Fenster aus fünf Etagen zeigten in den Bereich, die meisten davon mit Gardinen behängt und mit Weihnachtsdekoration geschmückt.
Es musste mehr Personen geben, die die Androidin gesehen hatten, nicht nur die alte Frau, die sie gerufen hatte. Aber vermutlich hatten diese Personen ein ebenso ausgeprägtes Bedürfnis nach der Aufklärung dieser Tat, wie Chucho es hatte. Immerhin, der zerstörte Körper lag seit Samstag Abend hier, und nun war es Montag Mittag; Dutzende mussten vorbeigelaufen sein, vielleicht sogar Müll entsorgt haben ... Er konnte sich gut vorstellen, wie die Anwohner über die Androidin hinweg gelatscht waren, ohne sie auch nur richtig wahrzunehmen ...
Für einen kurzen, unkontrollierten Moment verzog er den Mund – doch im nächsten Moment biss er sich gewaltsam auf die Innenseite seiner Lippe.
Hör gefälligst auf, dich über diese Gleichgültigkeit zu ärgern! Du hättest es verdammt genauso gemacht!
Er nickte knapp aber energisch, um die Stimme in seinem Kopf zu bekräftigen, erhob sich wieder, sah nach oben, zu den beiden Kameras, die über ihnen an den Wänden befestigt worden waren.
"Kannst du darauf zugreifen?", fragte er.
Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass auch Tristan sich erhob; an dessen Schläfe leuchtete es nun gelb. Weil eine Antwort zu lange auf sich warten ließ, wandte Gavin sich um. Zwischen Tristans Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet. Gavin konnte sich denken, warum. Trotzdem fragte er: "Und?"
"Die Kameras sind ausgeschaltet worden, kurz nachdem sie und eine weitere Person diesen Bereich betreten haben. Sie ... hat sich selbst eingehackt und die Kameras deaktiviert."
Gavin nickte. "Ich hab die Androidin gesehen, als wir hier vorbei gefahren sind. Sie hat mit irgendwem rumgemacht oder sich gestritten. Ich schätze, sie wollten ihre Privatsphäre haben für ... was auch immer." Er warf noch einen Blick auf den zerstörten Körper. "So oder so, einigen konnten sie sich offenbar nicht."
"Sie haben sie gesehen?"
Gavin nickte.
"Sind Sie sich sicher, dass es diese Androidin war?", fragte Tristan. "Und nicht zufällig ein anderes Pärchen?"
Gavin hob eine Augenbraue. Das lag zwar im Bereich des Möglichen, doch sein Instinkt sagte ihm etwas anderes – und der trügte ihn in der Regel nicht. Bringen tat ihm das trotzdem nichts. Er hatte die andere Person nicht erkannt. Der Körperbau schien männlich gewesen zu sein, das war aber auch schon alles.
"Ist dir denn nichts aufgefallen, am Samstag?", fragte er an den Androiden gewandt.
Tristan sah schuldbewusst drein. Ein ungewöhnlicher Anblick. "Nein", gestand er. "Ich war ... zu beschäftigt mit meinen eigenen Gedanken."
Stimmt. Der Ausbruch, den die Maschine gehabt hatte.
"Und wozu seid ihr dann nütze?", warf Chucho ein. "Da seid ihr schon die CIA auf Beinen, und trotzdem geht euch sowas durch die Lappen, obwohl's direkt vor eurer Nase passiert. Wir hätten uns jetzt um richtige Fälle kümmern können, anstatt uns mit diesem Scheiß rumzuschlagen, wenn du nur anständig aufgepasst hättest. Vielen Dank, Blechsack", murrte er.
Wieder wurde die LED rot. Tristans Hände ballten sich zu Fäusten, doch er sah eher elend als zornig aus, und für den Bruchteil einer Sekunde züngelte in Gavin Wut darüber hoch, dass Tristan sich nicht wehrte – ein Gefühl, das ihn gründlich ärgerte. Was ihn allerdings noch sehr viel mehr ärgerte, war diese unsinnige Scham, die sich dazugesellte. Um dem entgegen zu wirken, setzte er noch eins drauf.
"Guck nicht so blöd, Arschloch. Du hast versagt und jetzt ist die Maschine kaputt. Leb damit."
Tristan atmete schwer. Es schien, als würde sein Kiefer zittern. Gavin wandte den Blick ab. In diesem Moment vibrierte das Smartphone in seiner Jackentasche. Er zog es hervor, blickte auf das Display und runzelte die Stirn, denn die Nummer, die anrief, war bei ihm nicht eingespeichert; trotzdem kam sie ihm bekannt vor. Er drückte den grünen Hörer.
"Hey, Reed. Wie geht's deinem Gesicht?", schnarrte Hanks Stimme in sein Ohr.
"Was willst du denn?", fragte er perplex; der Anruf überraschte ihn so sehr, dass er vergaß, einen dummen Spruch abzulassen.
"Hast du doch gehört. Mich nach deinem Wohlergehen erkundigen. Hast du nen schönen, blauen Fleck? Kaputte Nase? Noch alle Zähne drin?"
"Ich – Du – Fick dich!", fauchte Gavin. Er brachte ein paar Schritte zwischen sich, Chucho und Tristan und zischelte: "Was willst du eigentlich von mir?!"
"Das hab ich dir gestern schon gesagt, aber ich wiederhol's gern nochmal für Blöde: Lass den Jungen in Ruhe, oder du bereust es."
"Was? Den Jungen? Welchen – ?"
"Na, du bist doch mit Tristan unterwegs, oder nicht? Was immer du für einen Scheiß abziehst – lass es sein, sonst lernst du mich richtig kennen, klar?"
Gavin warf einen Blick über die Schulter. Hatte der Bastard gepetzt?!
Aber wann? Wie?
"Woher willst du wissen, was hier – ?!", ätzte Gavin, doch Hank fuhr ihm dazwischen.
"Ich hab telepathische Kräfte, Arschloch. Wenn ich jetzt also auflege, und du benimmst dich weiter wie ein Wichser, krieg ich das mit. Und dann Gnade dir Gott. Hast du kapiert?"
Das musste eine rhetorische Frage gewesen sein, denn im nächsten Moment war die Verbindung unterbrochen; Gavin starrte sein Handy an, als hätte es ihn gebissen.
Das durfte doch echt nicht wahr sein! Da hatte der alte Säufer nicht nur einen, sondern tatsächlich gleich beide Blechdosen adoptiert und spielte Papa! Angewidert verzog Gavin den Mund. Dann schüttelte er den Kopf.
Drauf geschissen.
Er fragte sich zwar immer noch, wie diese Information über Tristans Verfassung bei Hank gelandet war, denn hätte Tristan telefoniert, hätte Gavin das mitbekommen, aber im Endeffekt war es auch egal. Er würde die Maschine jetzt einfach ignorieren, es sei denn, er brauchte ihre Fähigkeiten, und ansonsten seinen Job machen bei diesem bescheuerten Fall.
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