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Mein "kleines" Tagebuch (Gedanken, Gefühle etc.)

GeschichteAllgemein / P16
10.09.2018
28.05.2020
108
92.729
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10.09.2018 1.366
 
Wundert euch nicht, warum das Datum des Eintrags nicht zum heutigen passt. Ich habe ein wenig überlegt, ob ich das hier überhaupt machen soll, habe mich dann letztendlich doch dafür entschieden ^^



Ich saß vorhin mit meiner Mutter und meiner Schwester im Wohnzimmer auf der Couch. Meine Schwester war vorher mit ihrer Freundin in der Stadt unterwegs und hat erzählt, dass sie sich über die Schule unterhalten haben. Dabei kam das Thema „Prüfungen“ auf. Sie hat erzählt, dass bei ihr in nächster Zeit viele Prüfungen stattfinden werden. Meine Schwester und meinem Mutter haben sich dann ein wenig darüber aufgeregt, dass nach einem Jahr Spanischunterricht direkt eine Prüfung abgelegt werden soll. Eigentlich ist das ja viel zu früh.
Da habe ich den beiden von meiner ersten Prüfung in Spanisch erzählt: Wir haben viele Redewendungen zu verschiedenen Themen gelernt. Die Partner für die Prüfung durften wir selbst wählen. Ich habe mich natürlich mit der Person, der ich am nächsten stand. Aber wir beide waren uns ziemlich sicher, dass wir nicht alles lernen können, um dann nur einen ausgewählten Teil wiedergeben können. Also habe ich mir Lernzettel geschrieben, die ich dann heimlich in die Prüfung geschmuggelt habe. Wir hatten ca. 15 Minuten Zeit, um einen Dialog zu einem von unserem Lehrer ausgewählten Thema zu schreiben. Als wir uns ganz sicher waren, dass niemand mehr auf dem Flur war, habe ich schnell die Zettel rausgeholt und wir haben alles, was wir brauchten abgeschrieben. Es ist nicht aufgeflogen und wenn ich mich richtig erinnere, haben wir eine gute Note bekommen.
Als ich das meiner Mutter erzählt habe, konnte sie sich vor Lachen nicht mehr halten. Es war das erste Mal in neun Jahren Schule, dass ich einen Spickzettel in einer Prüfung benutzt hatte!
Von der zweiten Prüfung hatte ich nie viel erzählt. Im zweiten Jahr Spanisch wurden wir alle gemischt. Das heißt ich hatte mit meiner Parallelklasse zusammen Unterricht. Und von drei Klassen musste es ausgerechnet die sein, wo die Menschen waren, die mich in der Unterstufe wie den letzten Dreck behandelt hatte. Ich benutze das Wort nicht gern, aber: Sie haben mich gemobbt. Ich will und kann es einfach nicht schönreden. Seitdem hatte ich immer Angst vor dem Unterricht, weil ich Angst vor den Menschen hatte, die mit mir in einem Raum saßen, auch wenn es schon ein paar Jahre her war. Die Angst, diese Panik ist nie verschwunden. Das traurige an der ganzen Geschichte ist, dass ich nur mit einem von ihnen in diesem Kurs saß, der Rest hatte Informatik. Und diese eine Person hat all diese negativen Emotionen und Gedanken wieder so richtig hervorgebracht. (darauf gehe ich vielleicht ein anderes mal noch genauer ein)
Für die zweite Prüfung wurden die Partner ausgelost. Jeder Name wurde auf einen kleinen Zettel geschrieben, gut durchgemischt und dann hat unser Lehrer immer zwei Namen zusammen gezogen. Ich hatte panische Angst. Ich wollte unter keinen Umständen mit einer Person aus der anderen Klasse gezogen werden und schon gar nicht mit diesem einen bestimmten Jungen. Es wurden immer weniger Zettel und mein Name kam einfach nicht. Mein Herz schlug wie verrückt (daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Gerade fühlt es sich nämlich so an, als wäre ich wieder in dieser Situation und das nur, weil ich mich wieder daran erinnere) und ich hatte die ganze Zeit Angst, dass ich jede Sekunde in Tränen ausbrechen würde. Am Ende ist nur ein einziger Zettel übrig geblieben und das war der mit meinem Namen. Ich kann mir gut vorstellen, dass mir das keiner glaubt, aber es ist wirklich so gewesen. Als mein Lehrer das sagte, dass ich mir deswegen einen Partner aussuchen durfte, war ich so erleichtert wie noch nie. Ich habe sogar fast angefangen zu weinen, dieses Mal aber aus Erleichterung. Ich musste mir tatsächlich die Tränen aus den Augen wischen! Ich hatte das riesige Glück, dass meine Klassenkameradin sich bereiterklärt hat, die Prüfung ein zweites Mal mit mir zu machen. Ich habe ihr Wochen im Voraus und im Nachhinein noch dafür gedankt. Selbst am letzten Schultag, als mich von meiner Klasse verabschiedet habe, habe ich mich noch einmal dafür bei ihr bedankt.  
Als der Tag der Prüfungen dann endlich da war, habe ich nervös gewartet, bis ich an der Reihe war. Ich habe mir noch einmal alle Vokabeln angesehen, alle Redewendungen und Szenarien, die wir gelernt haben. Ich habe mich so unheimlich verrückt wegen dieser dummen Prüfung gemacht! Es gibt zwei Dinge, an die ich mich noch bestens erinnern kann: 1. Wir hatten ein Klavier im Atrium stehen. Kurz bevor ich zur Prüfung musste, habe ich mich daran gesetzt und ein wenig gespielt. Es hat mich ein wenig abgelenkt, aber nervös war ich trotzdem. Ich hatte noch nie wirklich vor „Publikum“ gespielt und da hätte mich wirklich jeder hören können! Was mir zumindest ein bisschen Mut gemacht hat, waren ein oder zwei Komplimente, die ich bekommen hatte. Und 2. Als zwei meiner Klassenkameradinnen aus der Prüfung wiederkamen (die haben die Prüfung zusammen gemacht und konnten sich nicht wirklich ausstehen) hat sich meine „Ex-beste-Freundin“ einen kleinen „Spaß“ mit mir erlaubt. Der Partner von dem Jungen, mit dem ich auf keinen Fall zusammenarbeiten konnte, ist krank geworden. Davon hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts gewusst. Ohne mit der Wimper zu zucken hat sie ergänzt, dass ich mit ihm die Prüfung machen sollte, damit meine andere Klassenkameradin sie nicht doppelt machen musste. Ich bin natürlich wieder panisch geworden und habe immer wieder gesagt, dass ich das nicht machen kann. Ich wollte am liebsten nur weinen, bis sie die Situation aufgelöst hat. Das war nicht ernst gemeint. Ich musste die Prüfung nicht mit ihm machen. Und trotzdem hat er mir dann ein wenig leid getan. Er hat die Prüfung allein gemacht, mit unserem Lehrer. Er musste sich mit ihm unterhalten, was ich mir ziemlich schwierig vorstelle.
Bis heute frage ich mich, warum sie mich nicht einfach mit dazu geholt haben. Es wussten zwar beide, dass ich ziemliche Angst davor gehabt habe, mit gerade ihm zu arbeiten, aber trotzdem hätten sie mich „dazu zwingen“ können, die Prüfung mit ihm zu machen. Ich würde gerne wissen, wessen Entscheidung es also war, es nicht zu tun. War es mein Lehrer, der ja genau wusste (ich hatte einige Monate vorher mit ihm gesprochen, mehr oder weniger freiwillig), dass ich es mit ihm nicht schaffen würde? Hat er was dazu gesagt oder hat er einfach seine Planänderung durchgezogen? Oder war es sogar er, der gesagt hat, dass sie es ohne mich machen sollen? Hat er vielleicht an mich gedacht? Hatte er vielleicht selbst Angst, dass er die Prüfung mit mir machen muss? Oder haben sie gar nicht an mich gedacht? Bin ich ihnen vielleicht nie in den Sinn gekommen? Haben sie mich vergessen?
All das sind Fragen, auf die ich wahrscheinlich niemals eine Antwort bekommen werde.
Ich muss zugeben, dass ich mich schon jetzt an nicht mehr ganz so viel aus dem Spanischunterricht und allgemein an die Zeit auf dem Gymnasium erinnern kann. Aber eins weiß ich ganz genau: Es tat weh. Tag für Tag. Ich hatte Angst, in die Schule zu gehen. Und vielleicht kann ich mich aus deswegen nicht so gut erinnern: Weil ich es einfach nicht will, weil es einfach so schrecklich wehgetan hat, weil ich es am liebsten einfach nur vergessen will. Für mich war das ganze, sechs Jahre lang, wie ein Trauma. Vielleicht habe ich deswegen solche Erinnerungslücken.
Aber es gab nicht nur schlechte Zeiten, auch wenn diese leider überwiegen. Es gibt Momente und Personen, an die ich mich gerne erinnere, die ich vermisse. Sehr sogar. Vor allem an einen Jungen muss ich denken. Wir hatten nie wirklich viel miteinander zu tun gehabt, aber gerade am Ende haben wir uns immer besser verstanden. Und am letzten Schultag, als ich mich weinend von allen verabschiedet habe, da hat auch er mich umarmt und gesagt „Es war echt eine schöne Zeit“.
Und sogar jetzt in diesem Moment, über ein Jahr später, weine ich immer noch oder eher schon wieder bei den Gedanken an die Vergangenheit. Weil es so schrecklich wehtat, weil ich einige Menschen so schrecklich vermisse, weil mir einige ihrer Worte so unheimlich viel bedeuten, weil ich eben auch nur ein Mensch bin.
 
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