A Moment Alone

von Laureate
GeschichteHumor, Romanze / P18
Abbey Bartlet C.J. Cregg Jed Bartlet OC (Own Charakter)
09.09.2018
09.09.2018
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Originaltitel: A Moment Alone

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Autor: MAHC

Charaktere: Abbey und Jed

Kategorie
: Jed/Abbey, Romanze


***


Abigail Bartlet schloss genüsslich die Augen, und für einen Moment schien die Geräuschkulisse um sie herum hochzubranden, eine Flutwelle aus Gesprächsfetzen, aus Gläserklirren, Lachen und Kratzen von Tafelsilber auf edlem Porzellan, untermalt von den leisen Klängen eines Sinatra-Songs, den die Swingband auf der Bühne zum Besten gab. Unzählige Sinneseindrücke wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit, aber sie nahm sie kaum zur Kenntnis, so abgelenkt war sie von Jeds intimen, zärtlichen Berührungen: von seiner Hand, die die ihre fest umschlossen hielt, seinem warmen Atem an ihrem Ohr, seiner breiten Brust, die ihre Brüste streifte. Sie musste ihn nicht sehen, um ihn mit jeder Faser ihres Seins wahrzunehmen – nach mehr als dreißig Ehejahren kannte sie ihn in und auswendig, vom Geruch seines Bay Rum Aftershaves bis zum Schlagen seines Herzens. Wohlige Schauer überliefen sie, als Jed flüchtig an ihrem Ohrläppchen knabberte. Der Akt des Tanzens war ihr noch nie so sinnlich erschienen wie an diesem Abend.

Den Kopf in den Nacken gelegt, schlug sie langsam die Augen auf und sah, dass Jed sie aufmerksam beobachtete. So nahe waren sie einander, dass sie das Gefühl hatte, im Blau seiner Augen zu ertrinken. Himmelblau, gletscherblau, azurblau … Ihre Welt schien nur noch aus diversen Blautönen zu bestehen. Obwohl sie nur ein hauchdünnes schulterfreies Kleid trug, kam ihr der Raum mit einem Mal heiß und stickig vor. Ihr ganzer Körper begann zu kribbeln, ihr Atem kam etwas unregelmäßig, Zeit und Raum verloren jegliche Bedeutung, und dann, endlich, strichen starke Finger ihr das Haar aus dem Gesicht, legten sich sanft in ihren Nacken und zogen sie dicht heran, bis ihre Lippen nur noch Millimeter voneinander getrennt waren. Die Luft zwischen ihnen schien förmlich zu knistern und sie spürte schlagartig, dass Jed erregt war. Er zwinkerte ihr zu, als sie errötete. Blödmann.

Verstohlen warf sie einen Blick in die Runde, musterte die tanzende Paare ringsum auf der Tanzfläche und jene Gäste, die sich weiter hinten an den Tischen tummelten. Hatte irgendjemand etwas bemerkt? Konnten sie die rohe, sexuelle Energie sehen, die das Präsidentenpaar umgab? Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. Alles in ihr schrie danach, der brennenden Begierde nachzugeben, die Jed in ihr entfacht hatte. Es gab da nur ein winziges Problem: Sie waren nicht allein. Ganz im Gegenteil, sie befanden sich im East Room des Weißen Hauses, zusammen mit hunderten anderen Menschen; Männer und Frauen, die sie beide mit unverkennbarem Interesse beobachteten und die zweifellos schockiert wären, sollte die First Lady dem Präsidenten vor aller Augen an die Wäsche gehen.

Der weitläufige, stuckverzierte Saal, in dem sonst zu dieser Stunde tiefe Stille herrschte, hallte von Tritten dutzender teurer Schuhe wider, die über den glänzenden Parkettboden gingen. Eine ganze Armee von weißgekleideten Kellnern bewegte sich geschickt durch die Menge und balancierte große Silberplatten voller Champagnergläser und Hors d’œuvres. Gerade angekommene Gäste mischten sich unter die Regierungsvertreter und die anderen Angestellten des Weißen Hauses, die sich bereits an dem reich gedeckten Büfett gütlich taten. Das warme Licht der Kristalllüster glitzerte auf eleganten Abendkleidern, Diamantenkolliers, goldenen Manschettenknöpfen und Armreifen.

Eine Cocktailparty im Weißen Haus war wie immer das gesellschaftliche Ereignis der Washingtoner Schickeria. Coming-out-Feiern und Wohltätigkeitsessen wurden von der Chance, den Präsidenten und die First Lady einmal mit eigenen Augen zu sehen, auf die hinteren Plätze verwiesen. Obwohl man nur hundert Einladungen verschickt hatte, waren bei der Verwaltungsstelle mehr als zweihundert Zusagen eingegangen.

Abbey, die ein langes burgunderrotes Seidenkleid mit einem Schlitz in der Seite bis hinauf zum Oberschenkel trug, erschauerte in den Armen ihres Mannes. „Jed“, flüsterte sie ihm zu.

„Hm?“ Unter dem Deckmantel des Tanzes rieb Jed sich träge an ihr.

Sie versuchte, sich zu konzentrieren. „Jed, was tust du denn da?“ Sie warf einen erneuten Blick auf die Party und die angeregt plaudernden Gäste, von denen keiner etwas bemerkt zu haben schien.

Diesmal hielt er inne und blickte auf sie hinab. Trotz ihrer zehn Zentimeter hohen High Heels war er immer noch größer als sie – wenn auch nicht viel. „Ich tanze mit meiner Frau“, sagte er mit engelsgleicher Unschuldsmiene.

Dabei sah er so selbstgefällig drein, dass sie nicht übel Lust hatte, ihm eine Kopfnuss zu verpassen. „Oh, du bist ein böser Mann“, raunte sie und stupste ihm – in Ermangelung anderer Alternativen – den Zeigefinger gegen die Schulter. Immerhin konnte sie ihn schlecht in aller Öffentlichkeit schlagen, ohne gleich auf der Titelseite der morgigen Zeitung zu landen.

„Au contrair, ma petite grenouille“, konterte Jed. Seinen sprachlichen Fauxpas schien er nicht einmal zu bemerken. „Du bist hier die Böse. Verführst mich einfach so vor hunderten von Leuten. Und so jemand will ein Vorbild für die amerikanischen Frauen sein.“  

„Hast du mich gerade etwa Fröschchen genannt?“

„Äh. Oui?“ Er blinzelte. „Bevor du etwas sagst, vergiss bitte eins nicht: Ich hätte auch auf meinen umfangreichen Lateinwortschatz zurückgreifen können, aber ich habe mich für Französisch entschieden, denn Französisch ist super sexy und ich will dich anmachen.“

„Damit hättest du mehr Erfolg, wenn du auch Französisch sprechen könntest.“

„Pah. Allein auf den Klang kommt es an. Die Genauigkeit ist da eher zweitrangig.“

Gutmütig lächelnd ließ Abbey zu, dass er sie ein weiteres Mal über die große Tanzfläche führte. Worte waren überflüssig, während sie sich im Takt der Musik bewegten, beide genossen die stille Anwesenheit des anderen und langsam neigten sich ihre Köpfe einander zu. Abbey hörte den donnernden Herzschlag in ihren Ohren, als Jeds verführerischen Lippen ihr immer näher kamen, und war kurz davor, die Augen zu schließen, um die Berührung, die sie den ganzen Abend lang herbei gesehnt hatte, willkommen zu heißen, als die Band plötzlich ihr Stück beendete und sie jäh aus der Intensität des Augenblicks riss. Die Gäste klatschten höflich. Als mehrere von ihnen die zum Tanzen reservierte Fläche verließen, drehte Jed Abbey hastig in seinen Armen herum, so dass sie mit dem Rücken zu ihm stand und die Ausbeulung in seiner Hose verdeckte.

„Lass uns einen kleinen Spaziergang machen. Ich brauche frische Luft“, flüsterte er ihr zu.

„Was verstehst du denn unter einem kleinen Spaziergang?“ Sie sah auf ihre unbequemen High Heels hinab. Ihre Zehen waren längst taub. „Es tut schon weh, wenn ich das Wort nur höre. Das hier sind meine Zwei-Stunden-Schuhe.“

„Und was passiert nach zwei Stunden?“

„Dann schleudere ich sie entweder in die Ecke, oder irgendjemand, vorzugsweise mein Mann, muss mich nach oben in meine Wohnung tragen.“

„Klingt beides ziemlich aufregend. Ich kann dir diverse alternative Transportmittel anbieten, wenn du nicht zu Fuß gehen willst. Kürbis, Limousine, Trage?“

„Du kannst mich ja Huckepack nehmen.“

Jed gluckste kehlig. Dann bahnte er sich, Abbey wie ein Schutzschild vor sich her schiebend, einen Weg durch die festlich gekleidete Gästeschar und führte sie zu dem von zwei großen Kübelpflanzen verdeckten Seitenausgang. Unbemerkt schlüpften die beiden hinaus in den Flur.

„Netter Abgang, Romeo“, lobte sie ihn sarkastisch, doch es schwang auch echte Bewunderung in ihrer Stimme mit.

Sie durchquerten das Haupthaus, bogen am Ende des langen Korridors links ab und traten hinaus auf den ovalen Südportikus, wo Jed dem Secret-Service-Agenten, der dort Wache stand, etwas zuflüsterte. Als der stoisch dreinblickende Mann nickte, bedeutete Jed ihr, sich bei ihm unterzuhaken und zog sie langsam mit sich. Gemeinsam schlenderten sie die von winzigen Scheinwerfern angestrahlte Westkolonnade entlang.

„Hast du schon zu Abend gegessen?“, fragte er nach einigen Metern betont beiläufig.

„Mhm. Ein paar Garnelen, drei oder vier Kräcker mit hauchdünn geschnittenem Roastbeef und eine Handvoll von diesen kleinen Buchweizenpfannenkuchen mit Kaviar. Die Kanapees waren eigentlich schon eine Mahlzeit für sich.“

„Ah. Gut, gut. Ich bin leider zu spät gekommen – tut mir übrigens leid, Leo wollte noch etwas besprechen – jedenfalls waren die wirklich leckeren Häppchen schon weg, als ich eintraf. Sie hatten nur noch so Grünzeug und Käse. Also …“

„Also?“ Sie beäugte ihn leicht misstrauisch.

„Also würde ich dich gerne auf ein Dessert einladen. Und ich weiß auch schon, wo wir hingehen. Es ist gleich hier um die Ecke.“ Dabei starrte er sie an, als hielte er sie für das Dessert.

Der Champagner und die laue Nachtluft machten Abbey kühn, beinahe schon leichtsinnig. Du willst spielen, Jethro?, dachte sie. Also schön. Sie ließ ihn einen Moment zappeln und sagte dann kokett: „Diese Einladung scheint mir ziemlich unangemessen. Ich bin verheiratet, Mr. Bartlet.“

„Stimmt, Ma‘am. Aber ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten.“ Jed wies grinsend auf das Miniatursiegel am Revers seines Smokings. „Zählt das denn gar nichts?“

Sie konnte ihr Lachen nicht länger unterdrücken. Ihr Ehemann war so ein liebenswerter, süßer Trottel. „Jed, du weißt schon, dass mein Vater heute Abend hier ist, oder? Ich glaube nicht, dass er das, was du mit mir vorhast, gutheißen würde.“

Er zog die Augenbrauen hoch in einer fast perfekten Imitation von Sean Connery. Es war seine einzige, dafür aber eine vielsagende Reaktion.

„Jed?“

„Keine Sorge, ich hab C.J. auf ihn angesetzt, sie wird ihn beschäftigen.“

Sie sah ihn schockiert an. „Jed!“

„Was?“ Für einen Moment wirkte er ehrlich verwirrt, ehe ihm die Doppeldeutigkeit seiner Aussage bewusst wurde; er lachte. „O Gott, nein! Himmel, Abbey. Sie zeigt ihm nur den Westflügel. Toby ist auch mit von der Partie soweit ich weiß.“ Er lachte erneut und diesmal hatte sie keine Skrupel, ihn zu schlagen. „Au. Wofür war das denn?“

„Keine Ahnung, aber du hast es eindeutig verdient. Wenn nicht jetzt, dann später.“

Jed grinste. „Damit hast du vermutlich recht. Nun denn, Doktor Bartlet, wollen wir…?“, fuhr er schnurrend fort und ihre Augenbraue wanderte nach oben, als er sie an den großen Steinsäulen vorbei zum dahinter liegenden Rosengarten führte.

Die ganz persönliche Oase der First Family lag still und verlassen, und nur die leisen Geräusche von Insekten waren zu vernehmen. Ein leichter Wind bewegte die Pflanzen in sanften Wellen. Der Weg führte von der Kolonnade weg, ein schmaler, gepflasterter Pfad, von schwachen Glühlampen erhellt, die sich kaum dreißig Zentimeter über den Boden erhoben. Außer Sichtweite von allen, die sich zurzeit im Weißen Haus aufhielten, blieben sie schließlich stehen. Abbeys wunde Füße protestierten vehement gegen die hohen Absätze, und sie verfluchte stumm jeden einzelnen Schuhmacher Italiens. In dem Augenblick, da Jed sie von den Pflastersteinen auf den akkurat gestutzten englischen Rasen zog, schlüpfte sie aus ihren High Heels, und ihre bloßen Füße versanken wohltuend im weichen Gras. Langsam sah sie sich um. Links und rechts von ihr erstreckten sich lange Beete mit roten Rosen in voller Blüte. Sie dufteten so betörend, dass ihr fast schwindelig davon wurde. Dahinter, gesäumt von weiß lackierten Holzbänken, plätscherte munter ein kleiner Springbrunnen. Sie war beeindruckt. So oft sie auch schon hier gewesen war, bei Nacht strahlte der Garten eine geradezu wild-romantische Atmosphäre aus.

„Hatte mich schon gefragt, wie lange du es in diesen Schuhen noch aushalten würdest“, gestand Jed amüsiert.

„Als du von Tanzen gesprochen hast, hätte ich am liebsten losgeheult.“ Sie schüttelte den Kopf. „Absatzschuhe sollte man als Foltergeräte klassifizieren.“

„Wie schade. Du siehst sehr sexy aus mit High Heels.“

„So eine Antwort kann nur ein Mann geben.“ Stöhnend griff sie nach ihren Knöcheln und begann sie zu massieren.

„Was du brauchst, mein Liebling, ist ein wenig Ablenkung.“ Er umfasste sachte ihre Oberarme.

Bevor Abbey wusste, wie ihr geschah, schob er sie auch schon tiefer in die Schatten der Bäume, die den Rosengarten begrenzten, und lehnte sie mit dem Rücken gegen eine der weißen Säulen. Sicherlich hatte er nicht vor –

„Wo war ich? Ach ja…“

Als er seinen Körper an sie schmiegte, spürte sie, wie ihr Puls sich beschleunigte und ihr Magen vor Aufregung und Freude Luftsprünge zu machen versuchte. Er hatte schon immer diese Wirkung auf sie gehabt. Selbst wenn sie sich stritten, hatte sie Schwierigkeiten, nicht auf seine physische Nähe zu reagieren. Und momentan stritten sie sich gewiss nicht. Jed stützte seinen linken Arm neben ihrem Kopf ab und sah sie an, fragend, suchend. Ihre Hand machte sich selbstständig und legte sich sanft auf die Hüfte ihres Mannes, spürte die Hitze, die von ihm ausging, und wanderte langsam hinauf, bis sie über seinem Herzen zum liegen kam. Der flatternde Herzschlag unter ihren Fingern war wie ein stummes Geständnis, und sie erbebte, als auf Jeds Gesicht ein zartes, fast träumerisches Lächeln erschien und er den Kopf anmutig neigte, um sie zu küssen. Es war kein langer Kuss, kaum mehr als eine federleichte Berührung auf ihren Lippen, und doch stellte er mit Leichtigkeit Abbeys ganze Welt auf den Kopf. Jed löste sich ein Stück weit von ihr und atmete tief durch. Blaue Augen erwiderten ihren Blick und ihr stockte der Atem angesichts der tiefen Liebe, die sie dort sah.

„Wow…“

„Allerdings. Was für ein Kuss, hm?“ Er lächelte, schüchtern wie ein kleiner Junge. Jed so charmant und gleichzeitig verlegen zu sehen, machte ihn in ihren Augen nur noch begehrenswerter.

Unfähig, ihm noch länger zu widerstehen, kuschelte sie sich in seinen Arme, an diesen warmen Zufluchtsort, der nur ihr gehörte. Wie gut es sich anfühlte, wie beschützt und behaglich. Sie spürte den gestärkten Stoff seines blütenweißen Hemdes unter ihrer Wange, sog den Geruch von Waschmittel und Aftershave ein, der davon ausging. Jetzt fächelte sein warmer Atem durch ihr Haar, er flüsterte Worte, die nur für ihre Ohren bestimmt waren, drückte seine Lippen gegen ihre Stirn, folgte den Konturen ihres Gesichtes, bis er ihren Mundwinkel erreicht hatte. Sie stöhnte in der Erwartung, dass dieser Kuss ebenso zärtlich sein würde wie der vorherige.

Und das war er auch; es war ein Verschmelzen von Wärme und Seelen. Sie neigte sich zu ihm und spürte seine Arme im Rücken, die sie fest an ihn zogen, sodass es kein Entrinnen gab. Es war ein riskanter Moment. Sie stand kurz davor, sich ganz ihrem Mann hinzugeben, nicht in der Geborgenheit ihres Schlafzimmers, sondern unter freiem Himmel. Schon hatte sie die Arme um seinen Nacken geschlungen, und mit den Händen fuhr sie durch sein dunkelblondes, an den Schläfen bereits ergrautes Haar.

Jed streichelte ihre Brüste, ihren Hals. All der Hunger und die Begierde, die er auf der Tanzfläche geweckt hatte, schienen unter seinen liebkosenden Händen tausendfach verstärkt zu werden. Es war nicht nötig, dass er sie noch enger an sich zog. Sie konnte den harten Beweis seines Verlangens auch so spüren. Und das erregte sie noch mehr.

Sie hatte das Gefühl, in einen herrlichen schwindelerregenden Strudel hinabgezogen zu werden. Für einen Augenblick vergaß sie glatt, wo sie hier waren. Jeds Präsenz hüllte sie ein wie ein dichter Nebel. Erst, als er sich am Reißverschluss zwischen ihren Schulterblättern zu schaffen machte, kam sie wieder zu sich.

„Was tust du da?”, fragte sie unnötigerweise.

Er saugte an ihrem Hals. „Was meinst du?“

Sie kämpfte um ihre Selbstbeherrschung, als seine Lippen zu ihrem Ohr wanderten. „Man kann uns sehen.“

„Niemand kann uns sehen.” Er knabberte sanft an ihrem Ohrläppchen.

„Was, wenn … was, wenn jemand nach draußen kommt?”

„Darum hab ich mich gekümmert.” Mit einem Kopfnicken wies er auf die dunkle Silhouette des Secret-Service-Agenten am anderen Ende des Säulengangs, erkennbar nur an dem Arm, der hinter der Ecke hervorschaute. „Wir sind allein.“

„Du bist verrückt, vollkommen verrückt. Ich habe einen Verrückten geheiratet.“

„Verrückt, ja. Aber nach dir.“

„Jed –“ Ihr halbherziger Protest erstarb wie eine Sandburg im reißenden Strom der Gezeiten, kaum dass seine Lippen ihre Kehle liebkosten.

„Sch.“

„Jed…“, stöhnte sie, diesmal jedoch vor Lust. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass er ihr Kleid geöffnet hatte. Sie wusste nur, dass er gerade noch mit den Fingern über den Stoff gefahren war und im nächsten Moment ihre Nippel durch ihr Korsett hindurch umspielte. Sie bog sich ihm entgegen, wünschte sich nichts mehr, als dass er sie überall berührte. Es war schon so lange her …

Das Dämmerlicht im Rosengarten schien alle Geräusche zu intensivieren, ihren keuchenden Atem, das verheißungsvolle Rascheln von Stoff auf Stoff. Hinter sich hörte Abbey gedämpft den Lärm der Party. Die Band hatte wieder zu spielen angefangen. Sie ließ ihre Hände von seinem Nacken sinken, schob das Smokingjackett von seinen Schultern und es glitt zu Boden, ein formloser schwarzer Fleck. Nur der schwache Schimmer, der von drinnen durch die Fenster des Weißen Hauses drang, erhellte den Garten. Kein grelles Licht, das ihr Tun beleuchtete, keine fremden Augen, die Zeugen ihrer Leidenschaft wurden – wenn man Jeds Beteuerungen Glauben schenkte.

Mit geschickten Bewegungen öffnete sie einen Knopf nach dem anderen, schob das Hemd beiseite, streichelte sein ergrautes Brusthaar, fuhr hinunter bis zu seinem Hosenbund. Dort hielt sie inne, und als er tief einatmete, wusste sie, dass auch er nicht mehr zurückkonnte. Ihre Finger wanderten tiefer und drückten gegen seinen Schritt. Jed grunzte, als sie ihn durch den dunklen Stoff seiner Hose massierte. Kurz darauf stand sein Reißverschluss auch schon offen und sie umfasste sein hartes Glied, welches nun nicht mehr von lästigen Kleidungsschichten eingesperrt wurde.

„Oh, Abbey“, stöhnte er und sie lächelte, als sie spürte, wie heftig er auf sie reagierte.

Irgendwie gelang es ihm, den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern, und sie sah, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten. „Abbey, wir sollten besser aufhören, sonst kann ich für nichts garantieren…“ Seine Stimme war heiser und sein Gesichtsausdruck strafte seine Worte Lügen; die Art, wie er sie ansah, die Art, wie sein Atem schneller und schneller ging, ließ keinen Zweifel daran, dass Aufhören so ziemlich genau das Gegenteil von dem war, was er wollte.

Das war sie also, die letzte Chance zur Umkehr.

Sie musste sich entscheiden. Der Rosengarten gehörte garantiert nicht zu den privatesten Orten des Weißen Hauses. Andererseits hatte Jed dem Secret Service offenbar strikte Anweisungen gegeben, niemanden zu ihnen durchzulassen. Flüchtig fragte sie sich, ob einer ihrer ständigen Begleiter in Schwarz einen klammheimlichen Blick auf sie riskierte. Wussten sie, dass sie kurz davor standen, Zeuge zu werden, wie der Präsident die First Lady an einer Säule im Rosengarten vernaschte?

Abbey überlegte sich ihre nächsten Worte und die möglichen Konsequenzen sehr sorgfältig – und kam zu dem Schluss, dass sie sich den Teufel um irgendwelche Konsequenzen scherte. Sollte doch das ganze Ministerium für Innere Sicherheit zusehen. „Ich kann nicht mehr aufhören“, hauchte sie. „Na, wie sieht‘s aus, möchtest du der erste Präsident sein, der Sex im Rosengarten hat?“

„Woher willst du wissen, dass ich der Erste bin? Mir fallen da spontan mehrere Präsidenten ein, die durchaus in der Lage gewesen wären, mir diese Trophäe streitig zu machen, angefangen bei –“

„Halt den Mund und küss mich, Jed.“

„Okay.“

Sie erwiderte seinen Kuss mit einem hungrigen Verlangen, das sie beide überraschte. Es kam ihr vor wie eine halbe Ewigkeit, seit sie sich zuletzt geliebt hatten. Jetzt, als jede Faser in ihrem Leib zum Leben erwachte, erinnerte sie sich wieder an die vielen erderschütternden Orgasmen, die er ihr im Laufe der Jahre geschenkt hatte, und ihre Lippen suchten die seinen mit der Gier einer Verhungernden. Wie lange hatten sie noch? Wie viele gemeinsame Minuten, bis unweigerlich jemand ihre Abwesenheit bemerkte und sie suchen kam? Sie wollte so viel mehr Zeit, am liebsten eine Ewigkeit, aber das hier war vielleicht alles, was ihnen heute Nacht gewährt wurde. Das Prickeln in ihrem Bauch breitete sich in warmen, köstlichen Wellen in ihr Becken aus und schlagartig verschwendete sie keinen Gedanken mehr an die Leichtsinnigkeit ihres Unterfangens und was schlimmstenfalls passieren könnte. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf ihren Ehemann fixiert und auf das, was zwischen ihnen passieren würde. Nun gab es kein Zurück mehr.

Jeds Finger tänzelten tiefer und schoben ihr Kleid nach oben. Dann stand sie da, ungeschützt seinen Blicken preisgegeben. Seine Augen weiteten sich. „Großer Gott, Abbey. Bist du etwa den ganzen Abend so herumgelaufen?“

Verführerisch lächelnd nickte sie. Sie hatte gewusst, dass ihn das nicht kalt lassen würde – sie trug keinen Slip, nur Seidenstrümpfe und Strapsen. Die laue Nachtluft kühlte ihre Haut, dort, wo seine Lippen eine feuchte Spur hinterlassen hatten. Himmel, sie konnte es kaum erwarten, konnte ihn kaum erwarten. Aber er ließ sich Zeit und kostete es bis zur Neige aus, sie einfach nur anzuschauen. Er beobachtet sie voller Verlangen, wie damals bei ihrem ersten Mal. Als er endlich ihr linkes Bein anhob und sein Becken gegen ihre Mitte presste, ließ Abbey mit einem Aufstöhnen ihren Kopf in den Nacken fallen. Es war dieser heiß ersehnte Kontakt von Haut auf erhitzter Haut, die köstliche Qual, die er ihr bereitete, indem er seine Spitze in das Dreieck aus weichen schwarzen Haaren eintauchte – eine Berührung, die ihre letzten Hemmungen beseitigte. Sie war mehr als bereit für ihn.

„Ich habe den ganzen Abend hiervon geträumt“, flüsterte er. „Dich in meinen Armen zu halten und dich genauso zu berühren, wie ich es jetzt tue …“ Er beugte sich vor und gab ihr einen innigen Kuss auf die Lippen. „Ich will dich, so sehr.“

Leise wimmernd biss sie sich auf die Unterlippe. Am liebsten hätte sie ihn hier und da gepackt und in sich gezogen. Stattdessen ließ sie zu, dass er die Führung übernahm und das Tempo bestimmte. „Ich will dich auch, Jed.“

Er küsste sie erneut. Doch dann hielt er plötzlich inne und flüsterte ihr neckend zu: „Vielleicht sollten wir doch lieber wieder zurück auf die Party gehen …“

„Wage es bloß nicht“, knurrte sie und zerrte an seinen Hüften, versuchte sein Glied in sich einzuführen, aber er gab keinen Millimeter nach, sondern verharrte dicht vor dem Ziel. Also ging sie in die Offensive, ihre Finger strichen über seine Rippen, ihre Lippen nuckelten an seinen Brustwarzen, saugten an seinem Hals. Jeds verschmitztes Grinsen verschwand. Sie beobachtete, wie die Leidenschaft seine Gesichtszüge verdunkelte. Keine Sekunde später packte er sie am Hintern und drang mit einem Ruck in sie ein.

„Gott, Jed…“, stöhnte sie, als er sie vollkommen ausfüllte. Ihr ganzer Körper stand in Flammen und es gab nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der diesen Brand löschen konnte, ihr das geben konnte, wonach sie verlangte, wonach alles in ihr schrie. Ihre freie Hand wanderte zu Jeds Po und presste so seinen Körper noch enger an sich. Beide stöhnten laut und dann, endlich, konnte sie fühlen, wie Jed sein Becken bewegte.

Keuchend klammerte sie sich an seinen Schultern fest, außerstande, sich aus eigener Kraft aufrecht zu halten. Sie spürte, wie ihre inneren Muskeln sich zusammenzogen, ihn nicht loslassen wollten, seine samtige Härte nicht verlieren wollten, als er sich wieder aus ihr zog, doch der Verlust war nur von kurzer Dauer, denn im nächsten Moment stieß er in leicht verändertem Winkel abermals zu, und sie stöhnte bedürftig auf. Er packte ihr anderes Bein, wollte es um seine Hüfte legen, doch sie kam ihm zuvor. Die Steinsäule als Stütze nutzend, schlang sie beide Beine um ihn, wodurch er noch viel tiefer in ihr versank.

„Ahhh“, stöhnte er, zog sich aus ihr und sagte dann im gleichen Atemzug: „Du warst schon immer sehr gelenkig.“

„Ballettstunden“, keuchte sie, als er erneut in sie glitt.

Sein Becken schwang zurück. „Ich sollte mich bei deiner Ballettlehrerin bedanken.“

Noch ein Stoß in sie hinein. „Turnunterricht.“

Raus. „Ich sollte mich bei deinem Turnlehrer bedanken.“ Rein.

„Klavierunterricht.” Raus.

„Ich – Klavierunterricht?“

Sie umfasste seine Pobacken und nahm ihn wieder tief in sich auf. „Vergiss es.“

Jeds Hüften zuckten mittlerweile hektisch gegen sie; sie konnte spüren, wie sich die Muskeln unter ihren Fersen an- und wieder entspannten. „Abbey“, flüsterte er, während er ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Brüste mit heißen Küssen übersäte. „Meine Abbey.“ Seine Worte waren innig wie ein Gebet – nicht an Gott gerichtet, sondern an sie. Sie empfand keinerlei Gewissensbisse, während sie den ältesten Tanz der Welt mit ihm vollzog. Diese Nacht, diesen kurzen Moment, gehört er mir allein, dachte sie, und sie genoss ihren Triumph, als Jed sich stöhnend an sie presste, als sie ihn mit ihren Muskeln massierte, ihn auf die Folter spannte und zugleich anspornte.

Fast war sie versucht, die Augen zu schließen, doch sie zwang sich, sie offen zu lassen, um ihn zu beobachten. Mit den Händen zog sie seinen Kopf nach oben. Sie wollte ihn in diesem intimsten aller Momenten sehen, während er mit ihr eins wurde, wollte sein Gesicht studieren, sein zerzaustes Haar berühren, die Schlagader an seinem Hals nachfahren, die immer stark anschwoll, wenn sich verausgabte. Die Enden der schwarzen Fliege baumelten lose rechts und links von seinem Kragen, sein Hemd stand offenen und flatterte leicht im Wind, und irgendwo hatte er seine Boutonnière verloren. Feine Schweißperlen liefen ihm über die Schläfen und sein Atem kam in abgehackten Stößen. Hätte sie nicht die Ursache von alledem gekannte, hätte sie sich ernsthaft Sorgen gemacht. So aber schickte sein Anblick einen heißen Stich der Erregung durch ihren Körper, von ihren Fingerspitzen und Zehen bis zu ihrer Mitte. Sie hatte ihm das angetan. Sie hatte ihn so hart, so verzweifelt gemacht, dass er seine Gäste und den Secret Service und die sehr reale Möglichkeit, entdeckt zu werden, vergessen hatte. Diese Erkenntnis, zusammen mit seinen fordernden Lippen und Fingern und der unglaublichen Reibung, die sich in ihr aufbaute, drängten sie ganz dicht an den Rand, bis sie so erregt war, dass sie glaubte, jeden Moment in Millionen Stücke zu zerbersten.

„Jed“, keuchte sie. „Oh Jed. Ich …“

Ihr wurde ganz schwindelig von den Wellen der Lust, die über sie hereinbrachen. Jed steckte tief in ihr, als sie sich um ihn zusammenkrampfte, und an der Art, wie er sich anspannte, wie er anschwoll und pulsierte, erkannte sie, dass er jetzt nicht mehr lange durchhalten würde. Sie grub stöhnend ihre Fingernägel in seine Schultern, während er sie und sich selbst dem Höhepunkt entgegentrieb. Und als dieser dann endlich kam, spürte sie, wie sie flog und dann in diesem herrlichen freien Fall in die Tiefe glitt, um irgendwann sanft, oh, so sanft zu landen.

Jed stöhnte ihren Namen, und sie erbebte abermals, als er wieder und wieder in ihr kam. Ihre Sinne konzentrierten sich einzig und allein auf diesen einen exquisiten Punkt, an dem sich ihre Körper vereinigten, fühlten jedes Anschwellen und Pulsieren, jeden Stoß und jedes Zucken, bis er mit einem lauten Keuchen in ihren Armen zusammenbrach.

„Gott, Abbey“, murmelte er, so liebevoll, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb.

Lange Zeit konnte keiner von ihnen sich rühren – nicht, dass sie es gewollt hätten. Irgendwo in der hintersten Ecke ihres Bewusstseins fragte Abbey sich, ob die Secret-Service-Agenten die Gratis-Show genossen hatten. Schließlich löste Jed seine innige Umarmung und trat einen Schritt zurück, seine Wangen waren leicht gerötet und Abbey fand, dass er in seiner Verlegenheit nur noch attraktiver war. Stöhnend ließ sie ihre Beine an seinem Körper hinabrutschen, wobei ihr nicht entging, dass sein Penis nicht vollends erschlafft war. Eine After-Show-Party schien gewiss. Als er seine Hose zumachte, spürte sie, wie die Vorfreude ein warmes Prickeln durch ihren Unterleib schickte, und sie lächelte ihn an. Er grinste zurück. Wie verwegen und jungenhaft er doch aussah, wenn ihm die Haare in die Stirn fielen. So gefiel er ihr deutlich besser: nicht so perfekt.

„Gut gemacht, Mr. President”, schnurrte sie und die Röte auf seinen Wangen verstärkte sich.

„Nun, die First Lady verdient nur das Beste vom Besten“, antwortete Jed und schlang locker einen Arm um ihre schmale Taille, während sie in ihre High Heels schlüpfte.

Sie lehnte sich an ihn und hob die Hand, um sein Haar zurück zu streichen. „Das war es“, flüsterte sie liebevoll. „Wie immer.“ Er erwiderte ihr Lächeln. Dann senkte er seinen Kopf, und nahm ihre Lippen zärtlich gefangen.

„Da seid ihr ja!“

Erschrocken fuhren beide herum und sahen bestürzt zu, wie Dr. Thomas Barrington mit C.J. Cregg am Arm um die Ecke bog. Abbey wusste, dass sie und Jed aussahen, als hätten sie gerade ... nun, genau das getan, was sie getan hatten. Sie lief feuerrot an, als die Pressesprecherin eins und eins zusammenzählte und schockiert innehielt.

„O mein Gott“, wisperte C.J., ehe sie sich hastig abwandte und ein Geräusch von sich gab, das entfernt an einen sterbenden Schwan erinnerte. Abbeys Vater schien jedoch nichts bemerkt zu haben, und kam fröhlich lächelnd auf sie zu. Schnell vergewisserte Abbey sich, dass ihr Korsett richtig saß und ihre Brüste verdeckte. Jeds Hand kroch derweil über ihren Rücken und zog den Reißverschluss dort unauffällig zu.

„Dad, was… was machst du denn hier?“

„Nun, ich wollte nur mal fragen, ob mein kleines Mädchen vielleicht eine Runde mit ihrem alten Daddy tanzen möchte“, sagte ihr Vater.    

Abbey blickte nervös zu Jed, doch dieser gab sich ganz entspannt und lässig. Es frustrierte sie ohne Ende, dass er in einer solchen Situation derart ruhig bleiben konnte.

„Schon ok, geh ruhig“, versicherte er ihr. „Ich komme gleich nach.“

Als sie den Arm ihres Vaters ergriff, schickte sie ein stummes Dankesgebet gen Himmel. Zum allerersten Mal war sie beinahe froh darüber, dass seine Augen nicht mehr die besten waren. Langsam ging sie mit ihm die Westkolonnade entlang, doch kurz bevor sie außer Hörweite waren, drang C.J.s Stimme an ihr Ohr. Die Pressesprecherin hatte sich wohl wieder etwas gefangen, denn sie sagte: „Sie haben da einen Knopf übersehen, Mr. President.“

Abbey konnte nicht widerstehen. Sie warf einen Blick zurück und bekam gerade noch mit, wie Jed bis zum Haaransatz errötete, als er auf sein weißes Hemd hinabblickte und feststellte, dass nur der oberste Hemdknopf im passenden Knopfloch steckte – der Rest seines Oberkörpers, von der Brust bis zum Bauchnabel, war vollkommen nackt.

Wenigstens stand seine Hose nicht mehr offen.

Während Jeds Finger hastig an den Knöpfen nestelten, um sie zuzumachen, ließ C. J. ihn inmitten der Rosenbeete stehen und schloss mit glühenden Wangen zu Abbey und ihrem Vater auf. Aufs höchste verlegen murmelte die Pressesprecherin im Vorbeigehen: „Tut mir leid, es tut mir leid ... so furchtbar leid ...“ Abbey lachte. Sie sah bereits vor sich, wie die Nachricht vom präsidialen Stelldichein im Rosengarten unter den Mitarbeitern des Weißen Hauses die Runde machen würde. Es kümmert sie nicht. Allein C.J.s Reaktion war das Ganze wert gewesen. Um ehrlich zu sein, war sie sogar ein klein wenig stolz auf sich.

Im East Room angekommen, bewies ihr ihr Vater, dass man selbst mit 78 Jahren eine recht gute Figur auf dem Tanzparkett abgeben konnte. Ringsum war die Party immer noch in vollem Gange. Niemandem schien aufgefallen zu sein, dass der Präsident und die First Lady sich für ein paar ungestörte Augenblicke zurückgezogen hatten. Abbey atmete erleichtert auf. Entspannt, ja geradezu aufgedreht, erlaubte sie, dass ein freches Grinsen ihre Lippen zierte, während sie in Gedanken abermals die leidenschaftlichen Momente durchlebte, die sie und Jed soeben geteilt hatten. Jed war so wundervoll gewesen, auf eine unglaublich charmante Art und Weise schüchtern und verspielt, und doch wild und hemmungslos, als er jeden Zentimeter ihres Körper verwöhnt hatte. Noch immer konnte sie die forschenden, unendlich sanften Hände auf ihrer Haut spüren, seine samtige Härte, die sie von der Spannung in ihrem Inneren erlöst hatte, die tiefblauen Augen, die sie angesehen hatten, voller Liebe, voller Wärme…

Fast vom eigenen Vater erwischt zu werden, erinnerte sie an einige ähnliche, wenn auch schon Jahrzehnte zurückliegende Beinahe-Katastrophen im Haus ihrer Eltern. Jed war immer noch genauso eifrig und amourös wie damals, und es hatte sie immer erstaunt, dass ihre Eltern nie Verdacht geschöpft hatten. Wahrscheinlich verbannte ihr Vater selbst jetzt noch jeden Gedanken an das, was sie und ihr Mann im Ehebett taten, aus seinem Kopf. Für ihn blieb sie sein kleines, unschuldiges Mädchen. Väter waren einfach so. Selbst Jed, der sich zu ihrer großen Belustigung vehement weigerte, auch nur in Betracht zu ziehen, dass Zoey und Charlie miteinander schliefen.

Mit einem liebevollen Lächeln blickte sie zu ihrem Vater auf.

Dr. Barrington erwiderte ihr Lächeln. „Hattest du einen schönen Abend, Abigail?“

Sie versuchte, nicht zu erröten, als sie ihm antwortete. „Ja, ich habe mich wirklich gut amüsiert. Was ist mit dir, Dad?“

„O, allerdings. Diese C.J. Cregg ist schon eine klasse Frau!“

Einen Moment lang blickte sie ihn unsicher an. Dann bemerkte sie seine verschmitzte Miene und sie lachte. „Du bist genauso schlimm wie Jed.“  

Gemächlich tanzten sie weiter, wobei Abbey möglichst unauffällig ihre Umgebung betrachtete und Ausschau nach ihrem Mann hielt. Aber nachdem sie sich zum wiederholten Male mitten auf der Tanzfläche regelrecht verrenkt hatte, wusste sie, dass es ihrem Vater aufgefallen war.

„Keine Sorge, er kommt bestimmt gleich“, versicherte er ihr und sie fragte sich flüchtig, wie viel er gesehen hatte. Dennoch war sie nicht darauf vorbereitet, als er sich zu ihr beugte und ihr zwinkernd zuflüsterte: „Sag Josiah, dass er sich das nächste Mal meine Autoschlüssel ausleihen kann. Da seid ihr ungestörter.“

Für den Rest des Liedes tanzte sie in fassungsloser Stille, unfähig, dem amüsierten Blick ihres Vaters zu begegnen. Als der Tanz schließlich endete, spürte sie, wie er Platz machte und sah eine vertraute Hand in ihrem Blickfeld auftauchen.

„Darf ich bitten, Ma’am?“ Die tiefe Stimme floss wie eine warme Welle der Erlösung über ihre Schultern.

„Gott, ja.“ Ohne zu zögern ergriff sie Jeds Hand und legte die andere auf seine Schulter. Sein Smoking saß wieder tadellos, die Fliege war korrekt gebunden, das Hemd faltenfrei in die Hose gesteckt. Auch sein Haar hatte er einigermaßen gebändigt, abgesehen von der Schmalzlocke auf seiner Stirn, die sich hartnächtig weigerte, an ihre ursprüngliche Position zurückzukehren. Die Band begann einen langsamen Walzer, und sie bewegten sich zwischen den anderen Tanzenden, verloren sich zwischen den rauschenden Kleidern und den schwungvoll kreisenden Gestalten. Was für ein wunderbares Gefühl es doch war, von Jed in den Armen gehalten zu werden. Er war nah genug, dass ihr nichts entging, sie konnte spüren, dass er schon wieder bereit für sie war. Langsam strich sie mit der Hand über seine Brust und seine Wange und lächelte, während sie sich mit morbider Neugier fragte, was die Versammelten wohl denken würden, wenn sie wüssten, was soeben zwischen ihrem Präsidenten und der First Lady draußen im Rosengarten vorgefallen war.

Abbey legte den Kopf auf Jeds Schulter und brachte ihre Lippen an sein Ohr, ehe sie ihm leicht beklommen vom Angebot ihres Vaters erzählte. Aber Jed überraschte sie, er warf den Kopf zurück und lachte herzhaft. Sie war sich mit einem Male der Blicke, die auf ihr ruhten, nur allzu bewusst, doch gleichzeitig war sie dankbar – wenn auch ein wenig verlegen – über die aufrichtigen Verehrung, die sie darin sah. Ihre Augen schweiften über Jeds Schulter hinweg durch den Saal. Sie entdeckte C.J., die sich zusammen mit dem Rest des Beraterstabs gekonnt unter die Menge mischte. Die jüngere Frau toastete ihr mit einem Champagnerglas zu und Abbey spürte, wie sie leicht errötete, als sie C.Js verständnisvollen und bewundernden Blick auffing. Ein paar Meter weiter standen Sam und Josh, beide mit einem dümmlichen Grinsen auf dem Gesicht, während sie zusahen, wie ihr Boss seine Frau übers Parkett wirbelte. Was wussten sie? Vielleicht gar nichts. Das konnte man bei Sam und Josh nie so genau sagen.

Sie schmiegte sich enger an Jed. Und plötzlich stieg ihr das Glück zu Kopf wie ein Glas schwerer Wein. Sie fühlte sich so leicht und unbeschwert wie schon lange nicht mehr. Sie hatte das Gefühl zu schweben, als würde ihre Füße nicht einmal den Boden, auf dem sie ging, berühren, und sie wusste, dass sie die ganze Zeit über lächelte, ein glückliches, zufriedenes Lächeln.

Die Glocke schlug Mitternacht, und Jubel ging durch die Menge. Ein Band wurde durchtrennt und aus einem Netz an der Decke schwebten Hunderte von Luftballons. Jed sah ihr in die Augen, und sie wurde von einer Woge der Liebe überschwemmt.

„Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch, Abbey.“

Hier, auf dieser Cocktailparty, umgeben von tanzenden Luftballons und johlenden Gästen, fanden sie trotz allem einen Augenblick ganz für sich allein.


FIN
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