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... and the river runs /// Kaleidoskop Episode 2

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Nick Burkhardt Rosalee Calvert
09.09.2018
29.11.2018
14
37.421
12
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09.09.2018 3.768
 
Hiermit startet der zweite und letzte Teil der Kaleidoskop Geschichte. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen und rätselt ein wenig mit. Lasst mir eure Meinung und oder ein Sternchen da.

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Er fiel. Unaufhaltsam. Nach unten.
Wirklich nach unten? Oder wurde er nach oben gezogen? Es war schwer zu sagen, da alles schwarz und leer war.





Mit abwesenden Gedanken rieb sich Sean über sein rechtes Handgelenk. Die Spuren der Fesseln waren nicht mehr sichtbar, doch immer noch schien es unter seiner Haut zu brennen. Als sollte er daran erinnert werden, welche Ungeheuerlichkeit er getan hatte, um Nick zu entkommen.
Nick und seinem Welpencharme. Seinem unwiderstehlichen Lächeln und seiner bemühten Freundlichkeit, wenn sie aufeinander trafen. Es schien einfacher zu werden, dachte er und sah den Grimm im selben Moment von seinem Stuhl aufstehen. Hank folgte ihm, vermutlich zu einem Tatort oder zu einer Zeugenbefragung. Länger als notwendig sah er den beiden Männern nach und versuchte herauszufinden, ob dieses schmerzhafte Ritual des Blutordens Erfolg hatte. Es sah ganz danach aus. Nick war nach wie vor liebenswert, attraktiv und anziehend, doch weder schlug sein Herz wie verrückt, wenn er ihn sah, noch kam Verlegenheit in ihm auf, wenn sie sich trafen und er konnte zum ersten Mal seit langer Zeit besser einschlafen. Sonst hatte er ewig wachgelegen, jedes Szenario durchdacht, nach Lösungen gesucht, sich über sich selbst geärgert und diese schreckliche Sehnsucht nach dem Grimm gehabt, was wiederrum sein Zauberbiest so aufgebracht hatte, dass ihn das verfluchte Adrenalin hatte nicht schlafen lassen.
Wie man ihm zugesichert hatte, konnte er sich inzwischen kaum noch an diese Halluzinationen erinnern. Sie waren verblasst und hatten das Gefühl mitgenommen, was er für Nick empfunden hatte. Alles war so, wie man ihm versprochen hatte und doch war etwas am Rande seines Blickfeldes, was er nicht recht identifizieren konnte. Eine Ahnung vielleicht, vielleicht der Rest seiner unnötigen Emotionen für einen Mann, der viel zu mächtig war, um ihn lieben zu dürfen.
Er müsste einfach noch ein wenig Geduld aufbringen, damit sich auch noch der Rest seiner absurden Liebe für einen Grimm in Luft auflösen könnte.



Später am Tag kamen Hank und Nick in sein Büro. Hank schloss die Tür hinter sich und das bedeutete, dass es vielleicht auch um Grimm-Angelegenheiten ging.
„Wir haben ein kleines Problem“, begann Nick und sah ihm direkt in die Augen. Er deutete nachlässig auf die Stühle und erfreute sich seiner inneren Gelassenheit bei Nicks Anblick. Gut, der Grimm wirkte ein wenig blass und vielleicht auch besorgt, doch das ging ihn nichts mehr an. Zumindest nicht mehr als notwendig.
„Wir waren gerade an einem Tatort, im Forest Park. Es gibt vier nicht identifizierte männliche Leichen im mittleren Alter. Es sah so aus, als wenn sich alle gegenseitig umgebracht haben. Wichtiger aber ist, irgendwas stimmt da nicht, denn …“ Nick sprach leiser „meine Grimm-Sinne haben Alarm geschlagen! Allerdings haben wir im Umkreis nichts weiter gefunden. Diese vier Kerle sind mit verschiedenen Waffen aufeinander losgegangen, keine Schusswaffen; Äxte, Kampfmesser und es gab sogar eine Machete.“
„Es sah so aus, als wenn sie sich dort getroffen haben, um sich gegenseitig zu töten“, kommentierte Hank nun besorgt.
„Denkst du, es waren Wesen dafür verantwortlich?“, fragte Sean direkt nach und konnte Nicks durchdringenden Blick erfreulich intensiv erwidern, was allerdings zu der seltsamen Situation führte, dass er sich mit Nick fast schon provokant ein Augenduell lieferte, welches völlig unangemessen war.
Schließlich runzelte der Grimm verwirrt die Brauen und sah räuspernd weg.
„Ich denke eher, dass die vier Männer selbst Wesen waren. Ich habe Monroe Fotos geschickt und er will sich mal umhören. Falls ich recht habe, ist da irgendwas ziemlich faul. Seit wann bringen sich denn Wesen gegenseitig um? Auf diese sadistische Art noch dazu?“
„Hast du Angst, dass du arbeitslos wirst?“, fragte Sean zynisch und bekam sogar von Hank einen irritierten Blick. Gut, er musste wirklich darauf achten seine neue, kaltblütige Überlegenheit nicht allzu sehr auszureizen, dachte er alarmiert. Nick sah Hank kurz irritiert an und Renard sagt schnell:
„In Ordnung. Ich werde mich selbst umhören. Vielleicht sind sie in Portland bekannt. Ich habe da so meine Quellen. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich was habe.“ Demonstrativ sah er zur Tür und hob auffordernd die Brauen.
Irgendwie verärgert sah ihn Nick an, stand dann aber auf und ging mit seinem Partner.

Renard sah sich die Fotos der vier Leichen an und beschloss heute Abend mal ein wenig rumzufragen. Im Büro war es schon recht leer und er hatte es endlich geschafft den Finanzierungsplan für das nächste Jahr zu überarbeiten. Jetzt, wo seine Gedanken nicht zwanghaft ständig um den Grimm kreisten, war es um einiges einfacher sich zu konzentrieren und schnell und effektiv zu arbeiten.


Trotzdem zuckte er zusammen, als Nick nach einem kurzen Klopfen eintrat.
„Es gibt weitere Leichen. Zwei Männer und eine Frau im Mt. Tabor Park. Diesmal sieht es wie ein Tierangriff aus, was dafür sprechen könnte, dass es Blutbaden waren, die sich gegenseitig zerfleischt haben. Es gibt Spuren von einem Kampf aber auch hier sieht es so aus, als wenn sie in der Absicht zusammengetroffen sind, sich gegenseitig zu töten.“
Nick hatte die Tür seines Büros geschlossen und sich sofort gesetzt. Offenbar war er nicht gewillt zu gehen, bevor er sich mit seinem Captain auf eine Ermittlungsstrategie geeinigt hatte.
„Hast du von Monroe was gehört?“, fragte Sean und hörte erschrocken, wie desinteressiert er klang. Dabei lagen ihm die Wesen am Herzen.
„Er ist noch dabei ein paar Leute zu fragen, doch er meint, das eine Wesen könnte eine Hyänenratte gewesen sein. Wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass alles Wesen sind und …“
„Stopp!“, unterbrach er den Grimm schroff. Wieder sah ihn Nick auf diese verwunderte Weise an, dass er fast über seinen kindlich erstaunten Gesichtsausdruck gelächelt hätte.
„Was?“
„Keine Spekulationen! Ich werde heute Abend … an einen Ort gehen und mich umhören. Bis dahin gehen wir davon aus, dass alle Opfer sowohl Wesen als auch Menschen sein können“, gab er sachlich vor und sah, dass es Nick nicht recht passte.
„Aber meine Grimm-Sinne …“
„Sind mir gerade egal!“, knurrte er und erschrak ein wenig über seine Unbeherrschtheit. Nick verengte auch sofort verstimmt die Augen, schwieg aber.
„Ich meine, wir sollten in erster Linie kriminalistische Polizeiarbeit machen und aus was besteht die, Detective Burkhardt?“, fragte Sean mit gemäßigter Stimme und hoffentlich einer Prise Nachsichtigkeit im Tonfall nach. Nick blinzelte und Sean glaubte seine Gedanken zu hören: Meinst du die Frage jetzt ernst? Er schwieg und wartete, bis Nick begriff, dass er tatsächlich eine Antwort hören wollte. Immerhin war er Nicks Vorgesetzter und sollte sich vielleicht auch endlich mal wie so einer benehmen.
„Indizien sammeln und Motive suchen?“, fragte Nick nun erstaunlich unsicher. Renard sah ihn nur kurz stumm an und nickte dann ein Mal gönnerhaft.
„So sieht es aus. Jetzt mache Feierabend, du siehst müde aus.“ Er wollte Nick loswerden, denn dessen Miene zeigte eine ziemliche Skepsis.

„Wo auch immer du heute hingehen willst, um herauszufinden, ob die Toten vielleicht Wesen sind, ich komme mit!“, sagte der Grimm nun fest und mit einer Ruhe in der Stimme, die Sean sagte, dass es nicht so einfach werden würde, ihn loszubekommen.
„Wirst du nicht. Niemand wird mir etwas erzählen, wenn ein Grimm dabei ist“, sagte er entspannt. Dieses Argument würde Nick nicht ignorieren können. Eindeutig aufgebracht sah er ihn nun an. Er misstraute ihm, natürlich tat er das. Argwohn war die Essenz ihrer Beziehung. Doch bisher hatte Sean darunter gelitten wie ein Hund. Heute erwiderte er unnachgiebig Nicks provozierenden Blick und schwieg.
„Wie du willst“, sagte Nick knapp. Er stand auf und verließ wortlos sein Büro. Tief holte Renard Luft. Ja, es war absehbar gewesen, dass ihr Verhältnis sich wieder verschlechtern würde, wenn er selbst nicht mehr diese Nachgiebigkeit für Nick empfand, weil er wie ein Teenager in ihn verliebt war. Wenn er selbst nicht mehr so von diesem Kerl eingenommen war, dann könnten sie endlich ernsthaft in Angriff nehmen, was ihm vorschwebt: Eine neue Weltordnung, in der es Platz für Wesen gab und der Grimm sie nicht zwangsläufig töten musste. Endlich könnte er seine Vision durchsetzen. Trotzdem war er dezent von Nicks Dickköpfigkeit überrascht und genervt. Wahrscheinlich war der Grimm zu sehr an sein Wohlwollen gewöhnt, dachte Sean amüsiert.



Später verließ er das PPD und machte sich auf den Weg nach Hause, um sich umzuziehen. In einer Stunde würde er sich mit Roscoe treffen. Roscoe war ein Natterngecko und war einer seiner Informanten in Portland. Er bezahlte ihn, doch das spielte keine Rolle. Roscoe wusste wer und was er war und würde vermutlich auch umsonst für ihn arbeiten. Die Bezahlung beruhigte nur sein eigenes Gewissen.
Zielstrebig steuerte Sean ein kleines Cafe im Sunnyside Bezirk an, welches er als Treffpunkt vorgeschlagen hatte. Roscoe war schon da und blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Ohne Zeit zu verlieren, legte er ihm die Bilder der inzwischen sieben Leichen auf den Tisch.
„Kennst du jemand?“ Roscoe kratzte sich an seiner pickeligen Wange und sah gelangweilt auf die Fotos.
„Hm, der eine Typ ist wohl ein Blutbad und der hier, den habe ich mal im Steinbruch getroffen. Da hat er gerade irgendwas verscharrt. Ich habe damals besser nicht nachgefragt und habe zugesehen, dass ich verschwinde, denn er ist ein beschissener Löwenzahn.“
„Will ich wissen, was du im Steinbruch zu suchen hattest?“, fragte Sean, ohne zu lächeln.
„Nee, willst du nicht. Die anderen kenne ich nicht, doch ich kann mich unauffällig umhören, wenn du willst.“ Sean sammelte die Fotos wieder ein und steckte sie in seine Jacke.
„Nicht damit, das mache ich selbst. Es wäre zu auffällig dich die Fotos herumzeigen zu lassen. Gibt es irgendwelche Gerüchte, die mich interessieren könnten?“, fragte er den jungen Mann nun. Roscoe sah sich nun unauffällig und leider dadurch so auffällig um, dass Renard genervt ein Seufzen von sich gab.
„Na ja, seit Neustem ist so ein seltsamer Haufen irgendwelcher Templer in Portland.“
„Der Blutorden.“
„Du weißt davon?“
„Die Gerüchte, Roscoe!“, forderte er nun scharf.
„Ich habe nur gehört, dass ein paar Wesen wegen kleinerer Problemchen dort waren. Sie haben Hilfe bekommen, auch wenn sie dafür ganz schön viel Kohle abdrücken mussten. Allerdings werden diese Informationen nur unter der Hand weitergegeben.“
„Welche Probleme und welche Informationen?“
„Die Information zum Beispiel, wo der Orden zu finden ist. Angeblich ändert sich der Ort stündlich und zwar durch … Zauberei“, flüsterte Roscoe nun über den Tisch hinweg und hob vielsagend die struppigen Brauen an. Der junge Mann glaubte, was er sagte, das konnte Sean sehr gut sehen.
„Weiter …!“
„Angeblich gibt es wohl einen Trank, den man zu sich nehmen muss, um den geheimen Ort überhaupt zu finden, bzw. zu sehen. Die Hexengeschäfte in der Umgebung müssen ja gerade eine Menge Kohle verdienen, in dem sie den Lumix-Trank herstellen …“, kicherte Roscoe. Sean betrachtete ihn und behielt seine Gedanken für sich.
„Welche Probleme haben die Wesen?“ Als ob er das fragen musste.
„So weit ich gehört habe, die unterschiedlichsten Wehwehchen. Ein Fuchsbau war da, weil sie unbedingt Zwillinge haben wollte. Ein Typ war wohl da, weil ihn sein Boss rausgeschmissen hatte und er Rache wollte. Ein Mädchen wollte von ihrer Drogensucht loskommen, solche Problemchen eben.“
„Und dieser Blutorden hatte Erfolg?“
„Was weiß denn ich? Anscheinend schon, sonst würden die Gerüchte ja nicht die Runde machen, oder?“
„Hör dich weiter um und berichte mir davon. Sonst hast du nichts gehört, was erklären könnte, warum sich Wesen gegenseitig töten wollen?“ Ein wenig erschrocken sah Roscoe ihn nun an.
„Äh … nein. Willst du mir sagen, ich sollte besser mit einem Messer unter dem Kopfkissen schlafen?“
„Ich will damit sagen: Schlafe besser gar nicht ein, wenn du deiner Umgebung nicht sicher bist“, gab er ihm den wichtigen Rat, denn so wie es aussah, gab es wirklich ein nicht unerhebliches Problem in der Welt der Wesen. Ob es tatsächlich mit dem Blutorden zusammenhing, war eine ganz andere Sache.



Sean bezahlte Roscoe und verabschiedete sich dann. Als er in die Nacht trat, hatte er das untrügliche Gefühl beobachtet zu werden. Es begann zu regnen und er schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Als er zu seinem Auto lief, sah er sich unauffällig um, entdeckte aber nichts. Als er zu seiner Wohnung fuhr, hatte er die Augen mehr im Rückspiegel, als auf der Straße. Leider war noch recht viel Verkehr und jeder helle Scheinwerfer hinter ihm, könnte einem potenziellen Verfolger gehören. Er konnte kein Auto ausmachen, was in irgendeiner Weise auffällig war.
Er selbst war beim Blutorden gewesen. Allerdings hatte er eine exklusive Einladung der Ordensbrüder bekommen, denn sie hatten großes Interesse an seinem Wohlwollen. Aber er war nicht allein mit der Absicht dort erschienen, um einen Antrittsbesuch zu machen und seine Macht in Portland zu demonstrieren und zu vertreten. Selbstverständlich hatte er sich erkundigt, was dieser Orden war und auch wenn er es kaum glauben konnte, so ging er davon aus, dass diese uralten Rituale tatsächlich immer noch funktionierten. Vielleicht sogar besser als jemals zuvor. Kein Mensch würde an diese Art Magie glauben und selbst ein Mann wie Nick, dessen Grimm-Gene auch einen übernatürlichen Ursprung hatten, würden die Wirksamkeit derartiger Praktiken für unmöglich halten. Sean aber wusste, dass es funktionieren konnte, wenn man machtvolle Artefakte und längst ausgestorbene Zutaten miteinander verband. Nur sehr einflussreiche und sehr alte Rituale wären dazu im Stande eine Art Magie zu wirken, die extrem nachhaltig verändernd und tiefgreifend war.
Es war schmerzhaft gewesen und er hatte eine Woche gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber seitdem ging es ihm jeden Tag besser. Besser, wenn er es allein darauf bezog Nick emotional distanziert zu betrachten. Seine unnatürliche Obsession für einen Grimm hatte ganz eindeutig nachgelassen, wenn auch immer noch ein seltsamer Nachgeschmack vorhanden war.



Langsam fuhr er in die Tiefgarage seines Wohnkomplexes und ließ sich viel Zeit beim Einparken und Aussteigen. Noch immer war die Präsenz seines Verfolgers gut wahrnehmbar und er würde ihn nicht entkommen lassen. Sean Renard fühlte sich mächtig und kraftvoll wie nie zuvor in seinem Leben.
Innerlich wachsam stieg er aus, ließ aus Versehen seinen Schlüssel fallen, hob ihn langsam wieder auf und war dann mit drei großen und sehr schnellen Schritten hinter dem Betonpfeiler. Er zerrte den Kerl mit der Kapuze heraus und wollte ihm gerade einen Faustschlag gegen die Schläfe verpassen, der ihn vermutlich umgehauen hätte, als er Nick erkannte.
„Du?“, fragte er rau und ganz eindeutig überrascht.
Der Grimm streifte sich die Kapuze vom Kopf und sah ihn böse an. Nicht nur böse, auch ein wenig ertappt, denn seine Wangen waren seltsam gerötet.
„Was hast du erfahren?“
Jetzt war es an Sean irritiert zu blinzeln.
„Deshalb verfolgst du mich? Wir hätten das morgen in meinem Büro besprechen können. Oder du hättest mich einfach anrufen können und dich nicht an mich heranschleichen müssen, wie ein potenzieller …“
„Ich will jetzt wissen, was du rausbekommen hast!“, sagte Nick nun hart und wich seinem Blick nicht aus.
„Hast du Angst, ich enthalte dir etwas vor?“, fragte er bissig und sah, dass er recht hatte. Natürlich war Nick misstrauisch und würde das auch für den Rest ihrer gemeinsamen Zeit bleiben, wie lange die auch immer dauern mochte.
„Hast du jetzt Informationen oder warst du nur kurz Gassi?“, fragte Nick harsch. Seine Augen hatten sich ein wenig verdunkelt. Dieser herausfordernde Blick verursachte in Sean ein heißes Gefühl. Doch war es früher Sehnsucht nach dem Grimm, die wie Feuer in ihm brannte, war es nun Zorn.
„Mach dir klar mit wem du sprichst!“, sagte er nur gefährlich leise und wandte sich ab, um zum Fahrstuhl zu gehen, eher er einer Laune nachgab und Nick doch noch einen Hieb verpassen würde, der sich gewaschen hatte. Aus Nicks Mund kam ein verächtliches Geräusch, dann hörte er seine Schritte, die ihm unmissverständlich folgten. Der Grimm trat zu ihm in den Fahrstuhl und Renard verhinderte es nicht.
„Warum hältst du mich so hin, Captain?“ Sean hörte genau die Anspannung in Nicks Stimme. Der Grimm bekämpfte nicht nur seine Ungeduld und seine Abneigung, sondern auch seinen Ärger.
„Warum interessiert es dich, wenn sich die Wesen gegenseitig abschlachten? Es nimmt dir Arbeit ab“ konterte er kalt. Nick schwieg, starrte ihn aber weiterhin verärgert an.
„Darum geht es nicht. Es geht darum, dass hier in Portland etwas läuft, von dem wir nichts wissen und …“
„Von dem du nichts weißt …“, unterbrach er ihn mit nicht unerheblichem Vergnügen.
„Dann sag es mir!“, fauchte Nick ihn nun erregt an. Es ertönte ein Glockengeräusch und die Fahrstuhltüren öffneten sich leise. Sean trat auf seinen Flur, schloss wenig später seine Tür auf und hielt sie Nick dann sogar mit einem falschen Lächeln auf.


„Dann komm doch rein, sei mein Gast, auch wenn ich dich nicht eingeladen habe“, sagte er liebenswürdig. Nick trat in seine Wohnung, sah ihn jedoch mit stark gerunzelten Brauen an.
„Was stimmt mit dir eigentlich nicht, Captain?“
„Mit mir stimmt etwas nicht? Wer verfolgt mich denn und lungert in der Tiefgarage herum? Wer steht jetzt uneingeladen in meiner Wohnung und fordert auf unhöflichste Weise Informationen? Informationen, die du doch eigentlich gar nicht brauchst, denn die Toten, sind doch nur Wesen und wenn du deine Arbeit als Detective gut machen würdest, würdest du vielleicht auch auf diesem Weg zu einem Ergebnis kommen. Aber du willst es dir einfach machen, indem du mich benutzt, doch eigentlich verabscheust du es mich um Hilfe zu bitten und ich verstehe dich sogar Nick, glaube mir!“
Erschrocken über seinen Monolog, schwieg Sean mit trockenem Mund und ging dann zu seinem Schrank, um sich als Belohnung Nick und seiner unverschämten Art endlich mal die Meinung gesagt zu haben, einen Scotch zu gönnen. Der Grimm schwieg auffällig lange und räusperte sich dann umständlich.
„Gut. Du hast in einigen Punkten sicherlich recht, doch letztlich geht es doch um das Ergebnis. Wie sehen deine Informationen nun aus und was soll ich tun?“


„Knien!“, sagte Sean spontan und erstarrte, weil er geglaubt hatte, dass er diesen absurden Befehl nur gedacht hatte. An Nicks verdutztem Blick sah er aber, dass er es wohl laut ausgesprochen hatte. Fassungslos sah sich der Grimm kurz in seiner Wohnung um, dann gab er ein Geräusch von sich, was ein spöttisches Lachen sein könnte und sagte dann bestürzt:
„Was?“
„Knie dich!“, wiederholte Sean stur seine Forderung an den Grimm. Er hatte keinerlei sexuelle Absichten und auch sonst hatte er kein Interesse an Nicks emotionaler Hingabe oder Opferbereitschaft. Aber er wollte seine Unterwerfung, denn schon viel zu lange hatte er seine Arroganz ertragen müssen. Befreit von seinen Sehnsüchten und Wünschen, sah er den Grimm endlich so, wie er ihn sehen musste. Als ein Instrument, was es galt zu kontrollieren. Wenn er Nick nicht langsam klar machte, wie es hier unter seiner Herrschaft lief, dann würde die Gefahr bestehen, dass der Grimm seine eigenen Wege ging. Wege, die nicht seine Ziele hatten.
Wieder starrte ihn Nick ungläubig an. Sean sah durchaus diesen Welpenblick, doch er löste in ihm nicht mehr dieses Bedürfnis aus diesen Mann in die Arme zu nehmen, zu trösten und notfalls mit seinem Leben zu beschützen. Der Grimm war eine Macht und diese Macht musste sich seiner Herrschaft beugen und zwar jetzt und hier.
„Du meinst diesen Unsinn ernst, oder?“, fragte Nick mit dünner Stimme nach und stemmte empört die Fäuste in seine Hüften. Renard antwortete ihm nicht, hielt nur seinem Blick stand. Er hätte zwar nicht damit gerechnet, dass es so überraschend und auf diese Weise geschah, doch offenbar war der Zeitpunkt gekommen die Fronten zu klären und zu entscheiden, ob man von hier aus in verschiedene Richtungen auseinanderging, oder den Weg gemeinsam beschritt.
Sean hatte sich an seinen Küchenschrank gelehnt, hatte seine Hände in den Hosentaschen und wartete. Dabei sah er Nicholas Burkhardt an. Es war ein schöner Mann, mit einer Ausstrahlung, die andere Menschen in seiner Umgebung schon für ihn einnahmen, ohne, dass er nur etwas sagen musste. Sein Mienenspiel war meistens so offen, dass man ihm im Normalfall seine Stimmung im Gesicht ablesen konnte. So wie jetzt. Nick war verdutzt und doch war ein eigenartiges Glitzern in den Tiefen seiner blauen Augen, das Sean nicht richtig deuten konnte. Vielleicht war es nur unterdrückte Wut? Vielleicht Berechnung oder sogar Enttäuschung. Letztlich war es egal.
Würde Nick nicht knie, würde er seine Informationen über den Orden nicht mit ihm teilen. Ach nein, das hatte er ja sowieso nicht vor, denn sonst könnte Nick herausfinden, was er selbst getan hatte, um seine Liebe für diesen Mann abzutöten. Aber er hätte ihn vielleicht auf eine falsche Fährte gelockt, um alte Feinde zu eliminieren.
Es kostete einiges an Überwindung daran zu denken, dass die sieben Leichen eine Sache des PPDs waren und er als Captain dafür sorgen müsste, dass es aufgeklärt wurde. Selbst wenn sich alle gegenseitig getötet hatten, dann wollte er das wissen, um den Fall abzuschließen. Die Vermutung, dass es eine übernatürliche Ursache gab, war allerdings leider überhaupt nicht unbegründet. Und dann kam der verdammte Grimm ins Spiel, der ihn immer noch ansah. Jetzt war eindeutig Ernüchterung in Nicks Blick.


Als sich Nick unerwartet kniete, war es Sean der ihn entgeistert ansah.
„Ist es das, was du willst? Meine Unterwerfung? Spielen wir jetzt dieses Spiel, Captain?“
Sean stutzte. Spiel?
„Das ist kein Spiel. Das ist notwendig, um weitermachen zu können. Das musst du doch
einsehen, Nick.“
„Alles, was ich sehe, ist ein verblendeter Mann, der aus falschem Idealismus einer Vision hinterherjagt und dabei alles und jeden in seiner Umgebung benutzt, ohne Rücksicht auf Verluste.“
„Und deswegen kniest du jetzt vor mir?“, fragte Renard spöttisch nach. Ein Schatten huschte über Nicks Gesicht, doch er beantwortete ihm die Frage nicht.
„Du kannst aufstehen, ich habe deine Antwort, Grimm!“, sagte er hart. Nick blieb knien und sah ihn nur auf eine so vorwurfsvolle Weise an, dass er zornig wurde.
„Steh auf und verschwinde!“, fauchte er den Grimm ungehalten an. Sein Zauberbiest wogte hoch und unterstrich seine Aufforderung nur noch.
Nick bewegte sich nicht und sagte auch nichts.
„Raus aus meiner Wohnung!“, brüllte er so laut, dass er davon aufwachte.



Sean lag in dieser kargen Mönchszelle und starrte auf das Kreuz an der gekalkten Wand. Vorsichtig und mit immer noch rasendem Puls setzte er sich auf. Schon mehrmals hatte er es versucht, sich meist aber wieder hingelegt, weil der Schwindel unerträglich war. Er konnte sich verschwommen daran erinnern ein paarmal benommen zu der provisorischen Toilette auf allen Vieren gerobbt zu sein. Doch all das war so diffus, wie die Halluzination und die Träume, die er hatte. Schon hatte er die Hälfte vergessen. Nur das eine Bild blieb. Nick, der hartnäckig vor ihm kniete und ihm zu verstehen gab, wie falsch er lag.
Mit wackligen Beinen stand der Captain auf und blieb stehen. Der Schwindel war heute erträglicher. Es ging ihm bedeutend besser und es wurde Zeit nach Hause zu gehen. Nach Portland. Zu Nick. Zur großen Ironie seines Lebens.
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