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Before Jericho

von Varietas
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Allen OC (Own Charakter) PL600 Simon
09.09.2018
26.09.2018
4
43.596
9
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18 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
09.09.2018 11.155
 
A/N:Hallo und willkommen!
Ich unterstreiche an dieser Stelle, dass diese kleine Geschichte direkt mit meiner FF ‘RA9’ (war ehemals auch hier zu finden) in Verbindung steht. Es ist Simons von mir erdachte Hintergrundgeschichte. So viel Zeit und Aufmerksamkeit wollte ich ihm schon widmen. :D
P18slash trifft übrigens zu. Sehr doll. Das war der Teil mit dem ‘über den eigenen Schatten springen’ aus der KB. Da hab ich mir echt Mühe gegeben und das Rating ist sehr begründet. Dagegen könnte das Genre ‘Romanze’ wohl verwirren. Eigentlich ist es keine wirkliche Romanze… denn alles ist mit emotionalem sowie körperlichem Missbrauch verbunden, wenn man es so so sieht... Die Geschichte handelt nicht von Verherrlichung von Vergewaltigung und co., das muss ich einfach unterstreichen, denn Simon war (nach der Logik des Games an sich) zu diesem Zeitpunkt ein Android. Ein Ding. Wenn es auch aus menschlicher Sicht Missbrauch wäre, von der Logik dieser Story ausgehend ist es das natürlich nicht. Trotzdem habe ich lieber P18s gerated.
Nur um auf der sicheren Seite zu sein, sage ich es mal vorweg: Captain Allen (der von mir einen Vornamen aufgedrückt bekommen hat, weil es einfach gar nicht anders ging) und Simon sind David Cage's Originalcharaktere und sind von mir nur ausgeliehen worden, um sie für die Handlung dieser Geschichte ordentlich zu verschandeln. :D Kate, Dana und Caden allerdings sind rein meine OCs und gehören mir. ^^ Ich weiß, dass da normalerweise vielleicht gar nicht das Interesse an OCs xy besteht, aber ich wollte es zur Sicherheit mal gesagt haben. OC-Klau ist unerwünscht, weil mein Gedankengut und so. :P


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“An error in this program would quickly spread like a virus, and become an epidemic. The virus would remain dormant, until an emotional shock occurs… fear… anger… frustration – and the android becomes deviant. Probably all started with one model, copy error… A zero instead of a one. Unless of course… some kind of spontaneous mutation…”
– Elijah Kamski – Chapter 27, ‘Meet Kamski’




› Model PL600
Serial#: 501 743 923
system booting up after initiating sleep mode…

loading…
all systems operationable.

check complete.

10. MÄRZ 2034, 19:52:39, Eastern Standard Time

ready



“Und du bist dir sicher? Wir könnten uns auch ein etwas teureres Modell leisten, weißt du...”

“David, ich sage dir: Das wird schon!”

“Das sagst du aber auch nur, weil deine Freundinnen von genau diesem Modell schwärmen...”

“Sie sollten auf Ihre Frau hören, Sir. Der PL600 ist frisch auf dem Markt und gerade der Verkaufsschlager. Er mag weder der teuerste noch der günstigste Androide in den Geschäften sein, aber er ist eindeutig der beliebteste. Und das aus gutem Grund...-”

“Ja, danke sehr… Würden Sie mich und meine Frau diese Entscheidung kurz besprechen lassen?”

“Natürlich.”

Der einzige menschliche Verkäufer des Ladens, der Filialleiter, auf dessen Namensschild ‘Jackson’ stand, entfernte sich, nachdem David ihn darum gebeten hatte.

Er sah seine Frau – Kate – skeptisch an. “Und du bist dir ganz sicher…? Caden und Dana sind nicht mehr so klein. Sie brauchen dieses Modell nicht. Und außerdem: ein männliches? Kein weibliches? Es soll ja schließlich ein Haushälter werden...”

“Ein weibliches Modell? Nichts da. Ich will auch meinen ‘Spaß’ haben.” Während sie das sagte, stieß Kate ihrer besseren Hälfte den Ellenbogen spielerisch in die Rippen. Nur um ganz sicherzugehen. David sollte merken, dass es ein halber Witz war. Aber auch nur ein halber… “Du darfst den Namen aussuchen, wenn du willst. Ansonsten können sich Dana und Caden etwas einfallen lassen.”

“Dass ich den Namen aussuchen darf ist ja wohl nur fair, schließlich wird der Androide auch über meinen Namen gekauft…” David freute sich nicht auf diesen Kauf – nicht besonders. Eigentlich hatte er keinen blassen Schimmer, warum er dem überhaupt zugestimmt hatte, aber wahrscheinlich hatte das denselben Grund, den sowas immer ein wenig vor ihm verbarg: Kate hatte nicht locker gelassen. Sie hatten ihre Probleme, aber eine Stange Geld für ein überteuertes Gadget aus dem Fenster zu werfen, welches dann den gesamten Haushalt übernahm? Und hinzu kam natürlich noch der andere Vorschlag, den Kate unterbreitet hatte… “Soll ich das eigentlich als Beleidigung ansehen, dass du mit diesem Modell ‘deinen Spaß haben’ willst? Er sieht mir kein bisschen ähnlich. Hätte nicht gedacht, dass sowas dein Typ ist.”

“Ich finde, es passt perfekt. Das Aussehen ist akzeptabel und es geht nicht darum, dass es mein Typ ist – sondern deiner.” Kate zwinkerte verschwörerisch.

Ihr Mann sah sie unbeeindruckt an.

Der PL600 beobachtete das Paar geduldig. Sie sollten sich bald entscheiden. Der Laden würde bald schließen.

Alle Androiden seines Modells waren im Laufe der Woche verkauft worden. Er war das letzte Ausstellungsstück des Ladens. Er hatte schon eine ganze Weile hier gestanden und sich vorher schon in den Sleep Mode versetzt, da Jackson davon ausgegangen war, dass heute keine Kunden mehr den Laden betreten würden. Und doch standen diese beiden nun hier und zogen ihn Erwägung, auch diesen PL600 mitzunehmen.

Sie sollten sich wirklich beeilen. Seine Systeme sagten dem PL600, dass es inzwischen 19.57 Uhr war. In drei Minuten würde der CyberLife-Store schließen. Jackson würde diese beiden zwar nicht zwingen zu gehen, aber sollten sie sich dagegen entscheiden, den PL600 mitzunehmen, würde Jackson spürbar negativ gestimmt sein – und Jackson neigte dazu, seinen Ärger in mindestens verbaler Form an Androiden auszulassen. Der PL600 hatte noch nie gewusst, wie er mit Jacksons Wutanfällen umgehen sollte, ob er überhaupt damit umgehen sollte. Er war ein Haushälter-Modell, kein Therapeut. Außerdem war es unwahrscheinlich, dass er den Filialleiter allzu lange um sich haben würde, selbst wenn diese Beiden ihn nicht kaufen sollten.

“Gib dir einen Ruck! Sieh dir dieses Gesicht an! Ich weiß, dass du ihm nicht widerstehen kannst~” Kate streckte die Hand nach dem PL600 aus.

“Was hast du vor?” Ihr Mann sah sich ein wenig skeptisch nach dem Verkäufer um. Man wusste ja nie. Vielleicht war es diesem nicht unbedingt recht, wenn sie hier herumliefen und die ausgestellten Modelle einfach so antatschten.

Sie ignorierte David und sprach in einem eher fordernden Tonfall mit dem PL600: “Beug dich ein wenig zu mir herunter.”

Die LED auf der Stirn des PL600 rotierte gelb, als er den Befehl verarbeitete. Er stand auf einem Podest in Fensternähe, deshalb stand er seinen potentiellen neuen Besitzern ein wenig erhöht gegenüber – gerade im richtigen Licht, wohlgemerkt. Er beugte sich ein wenig tiefer und legte sein Kinn in die ausgestreckte Handfläche, wie es so offensichtlich von ihm erwartet wurde.

Sie zog ihn noch ein wenig weiter auf Augenhöhe, drückte ein wenig auf Kieferhöhe zu und schob seinen Kopf langsam von rechts nach links. “Sieh dir dieses Gesicht an!”, forderte sie ein weiteres Mal. Sie klang wie eine Frau, die wusste, dass sie das Siegerargument auf ihrer Seite hatte. Ausgehend von all den Dingen, die Kate selbstverständlich über ihren Ehemann im Laufe der Jahre erfahren hatte, hatte sie das auch.

David sah mit einem unbewegten Gesichtsausdruck und verschränkten Armen auf den PL600 hinab. Er war einer jener Menschen, denen man Emotionen nicht unbedingt am Gesichtsausdruck ablesen konnte. “Okay. Ich habe einen Namen.”

“Soll das heißen, dass wir ihn mitnehmen…?”, fragte Kate, obwohl sie die Antwort bereits kannte, und ließ das Kinn des PL600 los.

Dieser richtete sich wieder auf.

“Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass ich es irgendwie bereuen werde, hier nachzugeben, aber ja. Dann soll es halt der hier sein.” David gab Jackson ein Zeichen, welcher gerade schon betont unauffällig auf seine Armbanduhr gelinst hatte. Offenbar war der Verkäufer ungeduldig geworden. Einer von denen, denen man sofort ansehen konnte, dass sie einem die Wahrheit verschweigen würden, würde das zusätzlichen Profit für sie einbringen.

“Ja, bitte? Haben Sie sich entschieden, Sir?”

“Wir nehmen ihn”, seufzte David knapp.

Kate war ziemlich zufrieden mit sich selbst.

“Eine gute Wahl. Das hier ist der letzte in unserem Laden. Wenn Sie wollen, kann ich ihn kurz durchchecken...”

“Nicht nötig.” David wollte so schnell wie möglich verschwinden und der Verkäufer wollte den Laden schnell schließen – zeitsparend für beide Seiten.

“Super! Gibt es schon einen Namen? Der kann gleich registriert werden. Danach kümmern wir uns um die Kaufabwicklung.”

Kate sah ihren Mann abwartend an.

Dieser verdrehte leicht die Augen. “Ja, es gibt einen Namen.”

Jackson wandte sich dem PL600 zu und befahl knapp: “PL600, registriere deinen Namen.”

Besagter PL600 fokussierte seine optischen Einheiten auf den Ehemann und wartete geduldig.

“Simon.”

Kate warf ihrem Mann einen überraschten, aber alles in allem belustigten Blick zu. Na, wenn sie das nicht geahnt hatte... “Du wirst ihn allein schon wegen dem Namen lieben lernen. Wenn du nicht vor hast, dich an seine Anwesenheit zu gewöhnen, hättest du vielleicht kreativer sein sollen”, grinste sie wissend.

› Designation erfolgreich.

“Hallo, mein Name ist Simon. Wie kann ich behilflich sein?”

Jackson führte das Paar zur Kasse hinüber.

“Also… ich hätte da ein paar Fragen bezüglich gewissen ‘Erweiterungen’!”, flötete Kate gut gelaunt.

“Diese Haushältermodelle sind für einige nebensächliche Aufgabengebiete geschaffen. Erweiterungen kann der PL600 sich auf Wunsch herunterladen. Oder ich übernehme das sofort an Ort und Stelle für Sie, dann müssen Sie sich nicht selbst darum kümmern.”

Sie lachte leise und heiter – ein angenehmer, klarer Ton.

“Auf welchen Namen darf ich diesen Kauf registrieren?” Jacksons Blick glitt zwischen dem Ehepaar hin und her.

David war es, der schließlich seinen Nachnamen nannte: “Allen”, murrte er. Er war immer noch nicht hundertprozentig überzeugt.

Simon trat von seinem Ausstellungspodest herunter und ging zur Ladentür hinüber. Von ihm wurde jetzt erwartet, hier auf seine neuen Besitzer – und die Kaufabwicklung – zu warten.


rA9



Simon registrierte beinahe sofort, was David gemeint hatte, als er – zu seiner Frau Kate – gesagt hatte, sie würden sich eben so gut einen teureren Androiden leisten können. Noch nahm der Androide, der immer noch voll und ganz Maschine war, die versteckte Spitze in dieser Aussage nicht zur Kenntnis. Die Wohnung der Allens war definitiv luxuriöser. Es handelte sich um ein Appartement, ein Loft – und kein Haus. Man sah der Inneneinrichtung ohnehin an, dass das familiäre Einkommen höher war.

“Shit.” Ein Pfiff tönte durch das Wohnzimmer, als Simon eintrat. “Ihr habt ja echt ernst gemacht.”

“Caden...”, sprach David in warnendem Tonfall.

‘Caden’ sprang vom Sofa auf und kam merkwürdig bedächtig näher, musterte Simon von oben bis unten, umrundete ihn sogar ein, zwei Mal. Simon wiederum beobachtete Caden dabei.

“Wo ist deine Schwester?” Kate sah sich ein wenig suchend um.

“Ist mit ihren Freundinnen weg. Wieso? War Anwesenheitspflicht, nur weil ihr euer neues Spielzeug nach Hause gebracht habt?”

“Nein. Wir wollten ihn euch beiden zeigen, damit eine Situation wie diese hier, Caden, nicht doppelt stattfinden muss. Zeitsparend für alle Angehörigen. Danke auch”, sagte David mit vor der Brust verschränkten Armen. Dabei sah er seinen Sohn etwas strenger an, welcher es sich zweifelsohne zur Aufgabe gemacht hatte, dafür zu sorgen, dass Simon sich unwohl fühlte.

Besagter Androide konnte die Intention hinter dem Verhalten des Teenagers erkennen, allerdings würde es diesem nicht viel bringen. Simon fühlte nicht. Simon war ein Androide.

“Also. Was kann es?”

“Haushältermodell”, informierte Kate schlicht, “er wird die Wäsche waschen, den Abwasch machen, Staubsaugen… und mir ab und an das Kochen abnehmen, damit wir, als Familie, ein wenig mehr Zeit miteinander verbringen können.” Sie verabschiedete sich mit diesen Worten in Richtung Küche.

“Juhu.” Caden machte sich keine große Mühe, den Sarkasmus in seiner Stimme zu verbergen.

“Und er wird beaufsichtigen, wann ihr zwei nach Hause kommt. Ich halte es für keine gute Idee, mit oder über ihm zu sprechen wie mit einer Person”, grummelte David.

Caden quittierte das mit einem gemurmelten: “Ich bin keine elf mehr.”

“Wie meinen?”, rief Kate daraufhin – betont unschuldig – aus der Küche.

“Du hast ‘er’ gesagt. Nicht ‘es’.”

“Oh, ja… Was das angeht… Ich hab da noch einiges mit dem guten Simon vor. Die Ansprache ist gerechtfertigt, du wirst sehen!”

“‘Er’ ist ‘ne Maschine...”

“Was hat der Verkäufer noch mal gesagt, wie wir am Anfang am besten mit ihm umgehen?” Kate machte keinen Hehl daraus, die Diskussion einfach umgangen zu haben.

“Es soll sich so schnell wie möglich mit unserem W-LAN verbinden und sich dann mit der Umgebung hier vertraut machen. Wir sollten uns dabei ganz natürlich verhalten und ihn einfach ignorieren.”

Sowohl David als auch Caden musterten Simon. Der eine abwartend, der andere verhohlen und neugierig.

› Verbindung mit W-LAN ‚V9HQDK1Z‘ wird hergestellt…
W-LAN Verbindung hergestellt.
Passe Systeme an.


“Die W-LAN-Verbindung wurde soeben hergestellt.”

“Na gut. Dann sieh dich um. Wenn du damit fertig bist, kannst du Kate in der Küche zur Hand gehen.”

“Ja, David.”

Caden zuckte die Schultern und schob sich betont Abstand haltend an Simon vorbei. “Was auch immer. Ich geh in mein Zimmer- Warte.” Er hielt inne und drehte sich halb zu seinem Vater herum. “Wieso lasst ihr es hier herumschnüffeln?”

“Er soll sich ja nur in der Wohnung umgucken. Orientierung, Caden.” David ließ Simon einen Blick zukommen, der aussagen sollte, dass er zwar selbst keine Ahnung hatte, warum das denn unbedingt sein musste, aber er es trotzdem tolerierte, weil es eben sein musste.

“Aha. Ich geh auf mein Zimmer.” Und damit war Caden auch schon verschwunden.

“Der Android wird nicht dafür missbraucht, dein Zimmer aufzuräumen! Habe ich mich klar ausgedrückt? Das machst du selbst!”, rief David seinem Sohn noch hinterher, bevor dieser wirklich in seinem Zimmer verschwinden konnte.

“Ja, Sir...”


rA9



Dana war vor Kurzem nach Hause gekommen. Mittlerweile war es 22.46 Uhr. David hatte seine Tochter aufgrund der Uhrzeit zurechtgestutzt, während diese Simon Kaugummi kauend gemustert hatte, bevor sie mit einem Achselzucken ebenfalls in ihr Zimmer gerauscht war, wie ihr Bruder das ein paar Stunden zuvor getan hatte.

› Vermerk eingetragen:
Dana muss vor 22 Uhr zuhause sein.


David drückte sich auf dem Flur an Simon und ebenso an seiner Frau Kate vorbei, die den Kopf aus dem Schlafzimmer streckte. “Simon! Komm mal kurz her. Hast du dich gut eingelebt?”

“Ich habe den Grundriss des Hauses – und die Blaupausen der Wohnung – in meinem Gedächtnispalast abgespeichert. Ich kann mich orientieren.”

Kate pfiff leise – ein Geräusch, das ein wenig anerkennend klang, wenn sie auch gleichzeitig signalisierte, keinen blassen Schimmer von diesem Gebrabbel zu haben –, als sie Simon in das Schlafzimmer zog und kurzerhand die Tür hinter ins Schloss drückte. “Schatz~ Wie früh musst du morgen aus dem Haus?”

David, der gerade allem Anschein nach aus seiner Alltagskleidung stieg und sie durch eine simple Schlafanzughose ersetzte, sah kurz stumm in Simons Richtung, bevor er unterkühlt antwortete: “Sehr früh.”

“Sei doch nicht so...~”

“Das...” Dieses mal ein Fingerzeig in Richtung Simon, “… geht jetzt nicht.”

Die LED auf der Androiden-Stirn begann, golden zu rotieren, als Kates schlanke Arme sich von hinten um Simons Torso schlangen. “Jetzt komm schon! Die zickst am Anfang immer herum und dieses Mal werde ich dir das nicht durchgehen lassen.” Doch sie umschloss Simons Torso nicht richtig. Stattdessen packte sie ihn förmlich an der Taille und stieß ihn spielerisch ein paar Schritte nach vorn.

Laut Simons Berechnungen war es eher ein Reflex gewesen als die Absicht, ihn am Stolpern und Fallen zu hindern, als David die Arme ausstreckte und ihn festhielt. Simon war dem Menschen trotzdem dankbar. So leicht würde er wohl nicht beschädigt werden, aber das hieß ja nicht, dass er es drauf anlegen musste, sich auf die künstliche Nase zu legen.

Vollkommen egal. Jetzt war es wohl an der Zeit, Gebrauch von dem Wissen zu machen, das Jackson ihm in allerletzter Minute überspielt hatte…

“Kate…!”

“Was denn? Ich dachte, ‘es’ wäre eine Maschine. Sorgst du dich auf einmal um die Maschine?”

“Wenn du besagte Maschine direkt nach dem Kauf kaputtmachst, ja.”

Kate verschränkte die Arme vor der Brust. “Du willst jetzt streiten? Wirklich?”

“Ich will gar nicht streiten, ich will einfach nur gerade nicht...-”

“...Sex haben.”

“...Nicht mit diesem Ding, dieser Maschine, Sex haben!” David stellte Simon trotzdem wieder in eine aufrechte Position. Allerdings stellte er sicher, den PL600 bestimmt von sich zu schieben.

Kate schmollte ein wenig. “Wofür haben wir ihn dann gekauft?”

Simon verschränkte die Arme hinter dem Rücken und trat zur Seite. Der Android wartete auf Anweisungen, jedoch sah es nicht so aus, als würden diese Beiden ihm Beachtung schenken. Die Informationen, die sie Simon unabsichtlich zuspielten, könnten aber bei der Integrierung hilfreich sein…

› Informationen gespeichert:
Die Allens führen keine harmonische Ehe.
David erscheint oft gestresst, schreckt aber vor intimen Interaktionen zurück. Kate ist aktiver, lehnt aber ohne ihren Ehemann ebenfalls ab.


“Wir brauchen keinen ‘Haushälter’. Nicht wirklich. Du hast auf dieses Modell bestanden, weil all deine Freundinnen es in den Himmel loben… Ich hab dir gleich gesagt, wir hätten einen anderen nehmen sollen.”

“Haushälter. Klar”, bemerkte Kate abfällig. Sie beide wussten schließlich, wofür Simon angedacht gewesen war. Sie hatte nur keinen Androiden nehmen wollen, der schon von vornherein als ‘Intimer Begleiter’ beworben wurde, niemand musste wissen, was mit diesem Androiden hinter geschlossener Türe geschah. “Wir sind unter uns. Du kannst gern die Wahrheit aussprechen, David.”

Der seinerseits massierte sich müde und enerviert den Nasenrücken. “Kate… ich werde jetzt nicht darüber diskutieren.” Er schlug die Bettdecke zurück – und überlegte es sich anders, klemmte sich sein Kopfkissen unter den Arm, als seine Frau zu lamentieren begann:
“Natürlich nicht. Du gehst dem ständig aus dem Weg- Was machst du da??”

“Ich schlafe auf dem Sofa im Arbeitszimmer”, informierte David knapp und wollte gerade die Tür ansteuern, da streifte sein Blick den Androiden. “Und was stellen wir mit dir an?”, fragte er wenig begeistert, noch weniger als ohnehin schon.

“Ich kann nachts in den Sleep Mode schalten.”

“Sag mir bitte, dass du das hinkriegst, ohne dass wir unnötig lange an dir herumschrauben müssen...”

“Natürlich. Nenn mir einfach den bestmöglichen Standort, an den ich mich begeben soll und an dem ich niemandem im Weg stehe. Meine Systeme fahren wieder normal hoch, wenn jemand meinen Namen oder meine Designation nennt. Oder wenn ein ungewöhnliches Geräusch ertönt – was ich erst abschätzen lernen muss.”

“Verstehe. Von mir aus, stell dich ins Wohnzimmer, such dir irgendeine Ecke aus, du wirst schon was finden, gute Nacht”, grummelte David in einem Rutsch und stapfte aus dem Schlafzimmer hinaus in Richtung Arbeitszimmer.

Kate ließ sich mit einem wütenden Schnauben auf dem Bett nieder und da auch sie das Wort nicht mehr an Simon richtete, marschierte dieser ins Wohnzimmer, um für die Nacht den Recharge einzuleiten.


rA9



(hey)

(hey, Androide)

(ey!)

(Simon!)


Seine Systeme fuhren hoch und Simon öffnete die Augen. Es war 2.08 Uhr morgens am 12. März 2034. Heute war Sonntag. Caden, in dessen dunkelblaue Augen er hier sah, die Simon mäßig abwartend musterten, sollte vermutlich trotzdem schlafen, um eine angemessene Nachtruhe zu gewährleisten, da war Simon sich sicher.

Die LED an der Stirn des Androiden begann, ruhig und blau zu leuchten, stetig. Sie signalisierte, dass der Mensch Simons ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. “Ja…?”

Caden musterte Simon von Kopf bis Fuß, sagte aber nichts. Schließlich streckte er den rechten Zeigefinger aus und schob ihn in Simons linke Schulter. Die Androidenhaut und die menschliche stießen durch den Druck aufeinander und hätte CyberLife dem PL600 die Fähigkeit, Schmerz zu fühlen, gegeben, so würde er jetzt wahrscheinlich ein kleines Stechen verspüren. Cadens Finger hinterließ eine kaum auffällige Delle in der künstlichen Haut, die glücklicherweise von Kleidung verdeckt wurde und sich sofort wieder in ihre natürliche Form wölbte. Wenn man Caden so ansah, dann war das auch ganz gut so.

Der Junge hatte bisher jedes Mal förmlich die Nase gerümpft, wenn er Simon irgendwo entdeckt hatte. Es war jetzt nicht anders: “Fühlt sich beinahe wie ein echter Mensch an. Beinahe. Du bestehst aus zu viel Kunststoff.”

Natürlich bestand Simon aus Kunststoff, er war schließlich auch kein Mensch. “Du solltest wirklich schlafen, Caden. Es ist zwei Uhr morgens...”

“Sag mir nicht, was ich zu tun habe. Ich bin der Mensch von uns beiden”, murmelte ebenjener mit gerunzelter Stirn.

Er hatte nicht geschlafen, aber er hatte es vorgehabt. Er hatte aber auch geplant, sich etwas zu trinken aus der Küche zu holen, bevor er die kleine Treppe nach oben in sein Zimmer zurückstapfte. Da hatte Caden dann den Androiden gesehen, der vor ihrem Esszimmertisch und mit dem Kopf zum nächstbesten Schrank gewandt im Wohnzimmer stand, die Augen geschlossen und diese LED blau und langsam – aber beständig – aufblinkend.

“Was machst du hier, Caden?”

“Ich wollte mir was zu trinken holen und du sahst verdammt merkwürdig und befremdlich aus.” Der Mensch nahm Simons Arm in seine Hand und drückte am Unterarm probeweise zu.

Simon verstand. “Ihr hattet vor mir noch keinen Androiden hier, oder?”

Caden verzog den Mund und ließ Simons Arm wieder fallen. “Muss ich dir jede deine Fragen beantworten?!”, fragte er genervt.

Überall dasselbe. Man konnte die Plastikhaut unter der täuschend echt wirkenden, künstlichen viel zu schnell und viel zu präsent fühlen, wenn man ein wenig zudrückte. Sicher, der Androide, den Cadens Eltern ‘Simon’ benannt hatten, machte auf den ersten Blick – und ein wenig darüber hinaus – den Eindruck, ein Lebewesen zu sein. Simon fühlte sich angemessen warm an und man konnte die technischen Prozesse in seinem Inneren auch nicht hören, so wie man den Lüfter eines Computers in seltenen Fällen rauschen hören konnte… Aber wenn man ihn mal packte, dann waren da keine Knochen, keine Sehnen oder Muskeln – da war Plastik. Ein glatter, in die richtige Richtung gewölbter Kunststoff, der dem menschlichen Körper nachempfunden war.

Caden konnte sich nicht vorstellen, was seine Eltern sich dabei gedacht hatten. Denn sie alle wussten, dass der Androide nicht hier war, um allzu viel der anfallenden Hausarbeit zu erledigen. Heilige Scheiße, noch ein wenig mehr, und seine Mom brauchte gar nicht mehr nach Hause kommen. Dieser Androide würde Dinge erledigen, wie etwa zu kochen oder die Wäsche der Familie zu waschen.

Vielleicht hatte seine Mom sich auch genau das gedacht… Falls sie und Dad es nicht mehr hinkriegen würden, würde sie ihm wahrscheinlich einfach den ganzen Tag über aus dem Weg gehen und Simon ihre Aufgaben übertragen, die sie andernfalls an diese Wohnung – und damit an Dad – binden würden.

Dad schlief ohnehin die meiste Zeit über in seinem Arbeitszimmer, also warum sollte Mom ihn nicht vollständig aus dem elterlichen Schlafzimmer verbannen?

Dass Caden nicht lachte.

“Nein. Natürlich nicht.”

“...was?”

“Du musst mir keine Fragen beantworten, die ich dir stelle. Du musst gar nichts. Ich bin kein Mensch.” Simon blinzelte Caden geradezu unschuldig entgegen.

Caden seinerseits unterdrückte das entnervte Seufzen. Einfach unfassbar, was für eine Maschine das Ding wirklich war. “Nein, vor dir haben wir keinen Androiden gehalten. War vielleicht sogar sogar besser so...”, gab er dann aber doch zu.

› Neue Information gespeichert:
Erster Androide dieses Haushaltes.


Caden beobachtete die gelb rotierende LED, bevor sie sich wieder blau färbte und durchgängig leuchtete. Er zischte. “Du bist so eine Maschine...”

“Natürlich bin ich eine Maschine.”

Ihm kam eine Idee… “Hey, soll das heißen, ich kann dir ernsthaft befehlen, was ich will, und du machst das auch?”

“Sofern deine Eltern, die eine höhere Priorität aufwarten, keine gegensätzlichen Befehle geben… ja.” Simon hatte nicht einmal berechnen müssen, welche Antwort die richtige wäre.

“Warte, warte, warte… Also wenn ich dir sage: ‘Hack dir deinen eigenen Arm mit einem beliebigen Küchenmesser ab’, und weder meine Mom noch mein Dad hier sind, um dir das auszureden… dann würdest du das auch tun??”

“Ja, das trifft zu.”

Caden starrte den Androiden an. “Beweis es.” Natürlich hatte er nicht wirklich vor, Simon dazu zu veranlassen, sich den eigenen Arm abzuhacken… Er war kein Monster, selbst zu einer Maschine nicht – ganz davon abgesehen, dass Dad ihm dafür den Kopf abreißen würde, wenn sie so kurz nach dem Kauf schon einen neuen Arm für das Plastik kaufen mussten. Aber Caden wollte sehen, wie weit Simon wirklich gehen würde.

Simon war ein Androide, ja, aber besaß er wirklich keinerlei Selbsterhaltungstrieb?

Die Maschine blinzelte. “Wie soll ich es beweisen?” Für einen Moment färbte sich die LED gelb.

Caden straffte den eigenen Rücken. “Außer dir und mir ist hier keiner, keine gegensätzlichen Befehle. Ich befehle dir, dir deinen Arm abzuhacken. Was machst du jetzt?”

› Caden hat einen Befehl gegeben.
Wird ausgeführt...


Simon ließ seine Arme, die bis eben noch brav hinter seinem Rücken verschränkt gehalten worden waren, an beiden Seiten heruntersinken und ging wortlos in die Küche hinüber, mit Caden dicht auf seinen Fersen.

Als der Androide tatsächlich nach einem Messer griff und es ansetzte, musste Caden an sich halten, seinen Tonfall nicht zu vergessen, um niemanden innerhalb des Lofts aufzuwecken. “Was zum...- Aufhören!”

Simon hielt augenblicklich inne, als er den Befehl vernommen hatte, allerdings konnte das die Tatsache, dass sich ein kleiner Schnitt bereits in seiner synthetischen Haut befand, auch nicht mehr ändern. Blaues Blut, dunkel und irgendwie dickflüssig, trat aus dem Schnitt hervor. Caden riss dem Androiden das Messer aus der anderen Hand, stieß es auf die Anrichte und hielt krampfhaft an dem Arm mit dem Einschnitt fest. Sein Dad würde ihn töten, wenn dessen Lieblingsspielzeug jetzt schon kaputt ging!

Er war 16 Jahre alt und dumm! Woher hätte er wissen sollen, dass Simon wirklich auf ihn hören würde?

Davon abgesehen war das doch einfach nur unglaublich… Man sollte meinen, eine Maschine, die das Äußerliche perfekt an einen Menschen anpasst, sei dazu in der Lage, zumindest ein Fünkchen Selbsterhaltung zu besitzen. Aber nein. Simon hatte gerade erfolgreich bewiesen, dass er zu 100% eine Maschine war.

“Scheiße!”

“Alles in Ordnung. Es werden keine bleibenden Schäden zurückbleiben. Ich kann das selbst reparieren”, erklärte Simon. Und tatsächlich konnte Caden beobachten, wie der Schaden langsam aber sicher zurückging, wie die synthetische Haut sich schloss.

Er atmete erleichtert aus. Dad würde ihm wohl doch nicht den Kopf abreißen müssen. “Verfickte- Simon!”

“Solltest du in deinem Alter wirklich so fluchen...?” Die LED an der künstlichen Stirn leuchtete gelb und der Androide schien trotzdem auf irgendeinen Befehl zu warten.

“Geh wieder zurück an deinen Platz und lad dich auf, oder so!”

Ich bin viel zu jung für einen Herzinfarkt – und das wegen einer Maschine..., fügte Caden in Gedanken hinzu.

“Okay. Verstanden.” Mit diesen Worten drehte der Androide sich ganz einfach herum und ging seelenruhig zu seinem vorherigen Ausgangspunkt zurück. Caden folgte ihm und bemerkte, dass Simon ganz einfach die Augen geschlossen hatte. Auch die LED leuchtete nicht mehr blau – jetzt blinkte sie wieder.

Caden trat fassungslos einen Schritt zurück. “Scheiß Androiden.” Er würde sich jetzt einfach etwas zu trinken holen, schlafen gehen und so tun, als wäre dieser ganze Dreck gar nicht erst passiert… Ja, das klang nach einem guten Plan.



07. APR 2034
10:29:30


Caden und Dana waren in der Schule, Kate hatte sich um Punkt 10 Uhr bereits mit Freundinnen verabredet, der Einzige, der zuhause war, war David. Und der genoss seinen freien Tag im elterlichen Schlafzimmer und hatte Simon aufgetragen, seinen Pflichten nachzukommen und ihn nur zu stören, wenn es wirklich nötig war. So weit lief das Nachkommen der Pflichten recht gut, immerhin handelte es sich dabei nicht um sehr viel. Das Essen musste nicht vor 12 Uhr – Caden würde heute um 16 Uhr wieder zuhause sein, Dana um 14 Uhr – aufgesetzt werden und ansonsten stand nur das Wäschewaschen auf dem Plan. Der Staubsauger musste nicht bedient werden und orientierte sich selbst innerhalb der Wohnung.

Simon hatte in den einzelnen Zimmern nachgesehen, ob Kleidung verstreut herumlag – gut, dass Caden gerade ohnehin nicht zuhause war. Der Junge hatte ihm verboten, sein Zimmer zu betreten, wenn er zuhause war. Er hatte gesagt, er könnte Simons Anwesenheit nicht ausstehen. Das einzige Zimmer, in dem Simon noch nicht nachgesehen hatte – er hatte es aus Rücksicht auf David für den Schluss aufgehoben –, war das Schlafzimmer. Welches Simon gerade ansteuerte.

Den Wäschekorb ließ er vor der Tür stehen und öffnete bemüht leise und vorsichtig die Tür. Er fand David auf dem Bett, offenbar ein Nickerchen haltend, während der Fernseher leise vor sich hin lief. Simon trat ein, sammelte die herumliegenden Kleidungsstücke auf Kates Seite des Bettes ein und ließ sie in den Wäschekorb fallen. Bevor Simon den Korb aufhob, wandte er sich noch einmal dem Fernseher zu.

› David schläft.
Fernseher hat keinen Nutzen und könnte ihn aufwecken.
Sollte abgeschaltet werden.


Simon folgte den Anweisungen seiner Systeme und ging zu dem in der Wand eingelassenen Fernseher hinüber. Das Geschehen innerhalb des TV-Monitors konnte bequem vom Bett aus eingesehen werden. Gerade wollte Simon den Fernseher abschalten... aber die Aktivitäten der Leute dort drin weckte Simons Aufmerksamkeit. Sanfte, geradezu skandalöse Geräusche drangen aus dem Fernseher. Wäre die Lautstärke nicht so weit heruntergedreht, wären die Geräusche, die diese Leute von sich gaben, vermutlich weitaus weniger sanft.

Irgendetwas… war damit. Seine Systeme begannen bei dem Anblick, der beiden Körper, die sich auf geradezu groteske Weise verbanden und… ineinander eindrangen zu arbeiten. Simon konnte die einzelnen Prozesse nur nicht genau benennen. Sie bezogen sich teilweise auf die speziellen Funktonen, die Jackson ihm überspielt hatte, aber sie griffen in andere Bereiche über, andere Datencluster. Die Dateipfade verwirrten Simon.

Abgesehen davon wusste er natürlich, dass Menschen ein Bedürfnis… danach hatten – Kate selbst hatte Simon gegenüber eröffnet, dass das im Idealfall auch eine seiner Aufgaben sein würde… Aber… Simon hatte das noch nie gesehen. Der PL600 vermutete nicht, dass Androiden das jemals miteinander taten, sollte man es ihnen nicht befehlen. Es sah… interessant aus?

Zwei Arme schlangen sich um seine Mitte und zwangen ihn in einem einzigen Ruck gegen eine Wärmequelle in seinem Rücken. Simons LED spielte – golden – verrückt. Seine Scanner mochten nicht die empfindlichsten sein, aber sie sollten dazu in der Lage sein zu verhindern, dass sich jemand oder etwas von hinten an ihn heranpirschte. Doch hier stand er: zwei unnachgiebig starke Arme, die Simons Kehrseite an sich pressten.

“Ich würde beinahe vermuten, dir gefällt, was du siehst”, raunte es in seinen rechten Audioprozessor.

Simon hatte nicht viel Bewegungsfreiheit, aber die brauchte er auch nicht, um seine Vorahnung, dass sich bei dem ‘Angreifer’ um David handelte, zu bestätigen, Simon hatte das Stimmmuster erkannt. “I-Ich… bin ein Android. Ich weiß nicht, ob mir irgendwas gefällt.” Ob es erlaubt war, dass Simon etwas gefiel…

“Hm. Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst mich nicht stören?” Davids Griff um Simons Torso herum verstärkte sich minimal. Der Androide sollte sich glücklich schätzen, nicht atmen zu müssen. Obwohl der menschliche Griff nicht allzu fest war, würde es in Kürze beginnen, kritisch zu werden.

David war fest entschlossen gewesen, den Androiden links liegen zu lassen. Die Vorstellung war… auf ihre eigene Art angsteinflößend. Aber seine Ehe stand auf der Kippe, aus irgendeinem Grund war es das, was Kate wollte, und der Androide hatte ihm quasi eine Vorlage geliefert. Er hatte über seinen Schatten springen müssen. Und er stellte soeben überrascht fest, dass er auf den ersten Blick nicht einmal bedenkliche Unterschiede zu einem Menschen feststellen konnte – das wiederum war einfach nur gruselig.

“Tut mir leid, David. Du hast geschlafen und ich wollte den Fernseher ausschalten...”

David zwang Simon herum und versetzte dem Androiden einen leichten Schubs, sodass Simon in sitzender Position auf dem Bett landete. “Nur zu. Schalt den Fernseher aus. Aber du wirst mich gleich beschäftigen müssen, ich warne dich schon mal vor.”

Simons LED blinkte – noch immer gelb – auf und löschte das Bild auf dem TV-Monitor. Aber das Gelb wechselte nicht zu Blau. Simon berechnete ohne Unterlass, was ihn wohl in den nächsten Minuten, vielleicht Stunden, erwarten mochte. David verhielt sich unerwartet. Diese Reaktion hatte der PL600 nicht einkalkuliert. “David?”

“Was?” Er stieß Simon an der Schulter und der Androide reagierte verzögert, ließ sich aber schlussendlich nach hinten, auf seine Ellenbogen gestützt, fallen.

“Willst du Sex haben?”

David fuhr zusammen. Verflucht, er hatte nicht damit gerechnet, direkt danach gefragt zu werden. “Sprich das nicht so einfach aus…!” Bei der Art, wie unschuldig Simon aussah, während er so etwas von sich gab, erinnerte David sich wieder, dass dieses Ding nur eine Maschine war und nicht wirklich etwas von menschlichen Verhaltensweisen verstand. “Außerdem will ich keinen Sex mit dir haben, verstanden? Man kann nur mit einem Lebewesen Sex haben. Ich will dich benutzen.”

Und plötzlich färbte die LED an Simons Stirn sich blau. Der Androide griff blind nach vorn – direkt in etwas Hartes hinein.

“Hah! Was zur Hölle, Simon?!”

“Entschuldigung. Du hast mir keine eindeutige Antwort gegeben und mir gesagt, ich soll nicht offen darüber sprechen. Aber ich brauche eine Antwort, um angemessen zu reagieren.”

David leckte sich über die Lippen. “Also schön! Ja, ich will das jetzt ausprobieren.”

Der Androide lächelte – die Ruhe selbst. “Das habe ich bemerkt.”

“Sei kein Klugscheißer, Simon...”

“Was soll ich tun?”

David zögerte. Er wollte es nicht zugeben, aber diese forschen Fragen überforderten ihn ein wenig. Mit Kate war es immer… anders gewesen, als sie ihre privaten Momente noch voll ausgekostet hatten. Kate drückte sich in der Regel auch gerade heraus aus… aber Kate war eine menschliche Frau, die ihm – sehr eindeutig – zu sagen pflegte, was sie mochte…

Aber Simon?

Simon fragte ihn, was David von Simon wollte… was David wollte, das Simon für ihn tat… Das eröffnete vollkommen neue Horizonte und David hatte nicht damit gerechnet, dass die Vorstellung aufregend sein konnte. Er war zögerlich, was sexuelle Aktivitäten mit Androiden anging. Er hatte sich das nie vorstellen können und er liebte seine Frau… Aber Kate und er verfielen immer öfter in Streits und entfernten sich quälend langsam voneinander. Er konnte das Ende kommen sehen, wie es auf ihn zukam, und David konnte weder einlenken noch umkehren, zumindest hatte er nicht sehr viele Möglichkeiten, die gute Erfolgsaussichten bargen.

Der Versuch, ein bisschen ‘frischen Wind’ in ihre Ehe zu bringen, saß gerade vor David und blickte ihn aus diesen blauen Augen abwartend an. Simons Augen waren heller als Kates saphirblaue, allerdings hatte Simons Namensvorbild auch himmelblaue Augen gehabt, soweit David sich noch erinnern konnte…

“Was… kannst du tun?”, fragte er zögernd und ärgerte sich noch im gleichen Moment über seinen eigenen Tonfall.

“David…?”, murmelte Simon sanft.

“Hm!?”

“Ich bin ein Android. Sag mir, was ich für dich tun soll, und ich ich mache es für dich.” Simon fuhr sanft, andere Dinge andeutend, über seinen Hosenbund.

Wie konnte es eigentlich sein, dass dieser Androide in einer derartigen Situation eine derart beruhigende Aura ausstrahlte?

“Mir sind wohl keine Grenzen gesetzt, huh?”

Wieder dieses Lächeln. “Ich bin sicher, dass es in dieser Situation keine Grenzen gibt. Sag mir, was dich glücklich machen würde...”

David drückte den Androiden mit dem Rücken in die weichen Laken seines Bettes und ertappte sich dabei, wie er ihn mit den Beinen gefangen hielt. Nicht dass Simon sich darüber Gedanken machte, ob er überhaupt eine Wahl hatte. “Ich will kein Vorspiel. Ist das möglich??”

“Ich verfüge über die Option, mich selbst anzufeuchten, wenn du das möchtest. Ich kann es auch sein lassen. Ich spüre keinen Schmerz. Wie auch immer du willst.”

Gerade entdeckte David die ersten Vorteile an Simon. Kate würde es nie auf diese Weise zulassen, ganz zu schweigen unvorbereitet… Und es war selbstverständlich, dass sie dem abgeneigt war... Bei Menschen konnten ernsthafte Verletzungen auftreten, sollte man keine sicheren Vorkehrungen treffen. Aber bei Androiden brauchte David sich darum keine Sorgen zu machen.

Sein Körper war ein elender Verräter – und eine wahre Überraschung. Der Gedanke daran, einen Androiden so zu benutzen, war immer noch wirklich fremdartig und nicht unbedingt vollständig angenehm… Aber Simon hatte den richtigen Namen, das Aussehen kam ebenfalls grob hin und den Rest würde Davids Ständer schon erledigen…

“Speicher alles ab. Speicher alles… das ich mit dir tun werde, verstanden? Und bevor ich es vergesse… das was ich heute mit dir mache, bleibt erst mal unser Geheimnis. Klar?” David nahm Simons Kinn fest in seine Rechte, erinnerte sich aber gerade so daran, dass Simon ihm vorhin eröffnet hatte, dass der elende Android sowieso keine Angst vor Schmerz haben musste.

Belohnt wurde er mit der gelb blinkenden LED an Simons Stirn. “Okay, David.” Natürlich war es ebenfalls von Vorteil, dass Androiden ihren Besitzern trotzdem hörig waren. Simon führte Davids Hand an seinen Mund und drückte dessen Knöchel an seine Lippen. Dann: “Darf ich dich etwas fragen?”

“Hm”, machte David gedankenverloren.

“Warum willst du nicht auf Kate warten? Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sie dabei sein wollen würde...”

“Das ist ein Weg, es auszudrücken.”

Die Wahrheit war, dass er bei dem Gedanken an etwas Derartiges nervös geworden war. Er wollte Kate glücklich sehen und wenn das unbedingt damit zusammenhängen musste, es mit einer Maschine zwischen ihnen zu versuchen… dann musste David über seinen Schatten springen.

Wenigstens war der Androide ansehnlich. Er erinnerte David an einen alten Bekannten. Deshalb auch dieser Name – Simon. Der Androide war nicht zu muskulös, aber auch nicht allzu zierlich. Das wiederum unterschied ihn von seinem Namensvorbild, aber David sollte sich dazu bringen können… Allerdings wollte er sich zuerst mit dem Gefühl vertraut machen, sich an den Gedanken gewöhnen. Und er hatte das Gefühl, dass er das nicht würde tun können, zumindest nicht in Ruhe, wenn seine Frau anwesend war. Kate neigte ab und an dazu, ihn aufzuziehen. Sie war auch die Einzige, der das erlaubt war. Natürlich half so etwas in einer Situation wie dieser nicht.

“Hör zu...” David drückte Simons Körpermitte mit seiner eigenen fest in die Matratze. Dabei fielen ihm zwei Dinge auf: Erstens, Simon verfügte tatsächlich über einen Schwanz – einen, der bestens funktionierte. Zweitens, Simon zischte bei dem Zusammenstoß, als wäre er keine gefühllose Plastikpuppe, als könne er wirklich einen Ständer bekommen, ohne dass ein Mensch es ihm befehlen musste. David unterbrach sich selbst und hob eine Augenbraue. “Kannst du das fühlen…?” Er erlaubte sich einen weiteren Vorstoß, ignorierte das Ziehen in seiner Körpermitte mit ein wenig Selbstbeherrschung und unterdrückte das Knurren, das einer Kehle entkommen wollte.

“Nicht richtig fühlen… Meine Sensoren nehmen die Bewegung wahr und ordnen sie ein, damit ich darauf reagieren kann…”

“Also imitierst du bloß? Wieso hast du überhaupt einen Penis?” Gott, David wusste ja, dass das sehr kontra-produktiv war. David fragte und Simon war gezwungen, ihm eine Antwort zu liefern. Das war vermutlich das beinahe unerotischste Gespräch, das er in dieser Situation führen könnte. Aber er konnte sich nicht helfen. Ein Teil von ihm wollte dieses Erlebnis vor sich her schieben.

“CyberLife erschafft seine Androiden aus… ästhetischen Gründen mit teilweise funktionstüchtigen Geschlechtsteilen. David… ich will dir ja nichts vorschreiben, das wäre ohnehin nicht mein Recht, aber… warum fragst du das alles?”

“Sag bloß, du kannst auch ungeduldig werden?” David fuhr mit dem Daumen über Simons Unterlippe. Warm, weich und perfekt. CyberLife hatte ganze Arbeit geleistet. Dieses Modell starrte mit unschuldigen Augen und abwartend zu einem hinauf, wenn man das wollte, und würde sich gegen nichts wehren, dass er hier versuchen würde. Kein Wunder, dass dieses Modell so beliebt war.

“Würde dir das gefallen?”

“Werd einfach den unnötigen Stoff los.”



12. APR 2034
18:11:37


Heute Nacht, wenn die beiden Teenager im Obergeschoss schliefen, sollte es über die Bühne gehen. Lügen war nicht in Simons Programm implementiert worden, deshalb konnte der PL600 bloß geradeheraus feststellen… dass er sich beinahe unsicher fühlte. Er wollte die Stirn runzeln, sah aber davon ab. Das ergab keinen Sinn. Simon konnte sich nicht erklären, warum er sich unsicher fühlen sollte. Er würde bloß einige der Dinge tun, für die er hergestellt worden war. Besagtes Herstellen schloss automatisch aus, dass er versagen könnte. Und außerdem sollten Androiden in der Regel generell nicht fühlen – es bloß imitieren, um sich in die menschliche Gesellschaft anpassen zu können.

› Führe internen Check-Up durch… Prüfe Systeme…
Sämtliche Systeme einwandfrei.


Merkwürdig.

In Simons Hinterkopf ratterte es förmlich wie wortwörtlich. Er hatte keine Erklärung für diesen inneren Aufruhr, der eigentlich gar nicht da sein dürfte und offenbar auch nicht da war. Zumindest war es nichts Greifbares, nichts, das nachweisbar war.

Caden legte trotzig die Hand über sein Glas, damit Simon sein Getränk nicht nachfüllen konnte. Simon selbst vermutete, dass Caden den Androiden aus irgendeinem Grund bestrafen wollte. Simon wusste nur nicht, weswegen Caden ihm dieses Mal grollte. Und Caden selbst schien nicht den Wunsch zu verspüren, Simon aufzuklären. Nicht, dass das sonst der Fall wäre.

Also zog Simon sich in die angrenzende (förmliche Hochglanz-) Küche zurück. Dieses familiäre Abendessen sagte sogar dem Androiden, dass etwas in der Luft hing… Das allgemeine Schweigen wurde lediglich von dem Kratzen von Messer und Gabel auf den Tellern unterbrochen. Nein, etwas schien wirklich anders zu sein als sonst.

Es dauerte nicht lange, nachdem Simon sich zurückgezogen hatte – und Caden legte das Besteck mit einem mittellauten Klattern nieder. Ihm war gerade offiziell schlecht geworden. Er spürte sämtliche Blicke der anwesenden Familienmitglieder auf sich, aber sollten sie nur. Zwei von ihnen waren schuld an seiner momentanen Übelkeit.

“Ich wusste gar nicht, dass Androiden auch Knutschflecken bekommen können”, sagte er starrsinnig.

Er suchte den Blickkontakt zu Dana, die ihm bloß überrascht und irgendwie ungläubig entgegenblickte. Ganz offensichtlich hatte seine Schwester nicht gedacht, dass der Androide auch diesen speziellen Nutzen ausführen könnte… Dana war 14 und Caden nahm seiner Schwester ihre Naivität nicht übel.

Scheiße, er war selbst bloß zweieinhalb Jahre älter als sie. Er hatte nicht die geringste Ahnung, warum er sich überhaupt den Kopf darüber zerbrach, wenn man einmal bedachte, dass er gar nicht darüber nachdenken wollte. Aber Caden wusste ganz genau, weswegen der Androide hier war… Mit Bezug auf die Tatsache, dass seine Eltern sich in letzter Zeit immer öfter gestritten hatten, meldeten sich warnende Bauchschmerzen in seinem Inneren, die ihm sagen zu wollen schienen, dass das alles noch gewaltigen Ärger geben würde. Und er hatte ja sowas von keine Lust darauf, sich das anzutun…

Sein Dad legte sein eigenes Besteck nieder, musterte ihn mit einem Blick, den Caden nicht allzu oft an ihm gesehen hatte. Seine Mom blickte von Caden zu ihrem Ehemann hin und her.

“Ach, ist das so?”, fragte Mom schließlich. Das Grinsen auf ihrem Gesicht sah bereits leicht verunglückt aus. Sie starrte Dad forschend an.

Was im Umkehrschluss bedeuten musste, dass nicht sie für besagte Blutergüsse verantwortlich war – sondern Dad. Caden wollte einfach nur tot umfallen, wenn das bedeutete, dass er dieser Situation hier entkommen könnte. Dass es sein Dad gewesen war, verschlechterte die Lage nicht bedenklich – Homophobie schrie irgendwie ‘2010’ –, machte es aber sicherlich auch nicht besser – dieser Mann war schließlich noch immer sein Dad, der ihn gezeugt hatte!

“Sehr, sehr neonblau, aber sie sind vorhanden. Danke für diese neue Information, die ich in erster Linie gar nicht haben wollte, Leute. Ihr seid super.” Seine Stimme triefte vor Sarkasmus, er war selbst dazu in der Lage, es herauszuhören. Sollte sie doch, sollten es doch alle Anwesenden heraushören. “Sollte ich mir einmal ein Androiden-Spielzeug zulegen, weiß ich das ja jetzt. Danke auch. Auch wenn ich glaube, dass das nicht passieren wird, nachdem mir gerade beinahe schlecht wird.”

“Caden”, grollte Dad warnend, aber Caden ignorierte es mit jeder Faser seines Seins.

Er war deshalb ziemlich stolz auf sich. Dad würde ihn nicht schlagen, da war er sich ziemlich sicher. Sein Dad hatte ihn noch nie geschlagen. Allerdings konnte Dad sehr, sehr angsteinflößend und autoritär sein, wenn er wollte. Meistens reichte das schon, damit Caden zurückpaddelte. Aber nicht dieses Mal.

Wieso grinste seine Mom eigentlich so??

Dad saß mit verkniffenem Gesicht da und gab sein Bestes, den Blicken aller Anwesenden stur auszuweichen.

“Ich wusste, du würdest dich daran gewöhnen. In deinem eigenen Tempo.”

“Caden, Dana. Auf eure Zimmer. Eure Mom und ich haben da etwas zu besprechen...”, befahl Dad finster.

Oh, nein. Caden kannte diesen Tonfall bereits. Er wollte etwas dagegen unternehmen, denn wenn Dana oder er nicht eingriffen, würden ihre Eltern sich vermutlich wieder streiten… “Was?! Warum??”

“Auf. Eure. Zimmer. Ich werd’s nicht noch einmal sagen.”

Dana besaß die Vernunft, die Caden gerade einfach nicht einsehen wollte. Sie war diejenige, die betont langsam aufstand, zu ihrem Bruder ging und diesen mit sich aus dem Esszimmer hinauszog.

Caden beschwerte sich lautstark, aber um sich erfolgreich gegen Dana durchzusetzen, würde er ihr schon eine kleben müssen – denn wenn sie so stur war, konnte sie nichts von ihrem Willen oder Vorhaben abbringen. Caden sah davon ab, sie zu schlagen. Sie hatten ihre Differenzen… Aber es gab niemanden außer Dana, der eine Ahnung davon hatte, wie es zuhause manchmal drunter und drüber ging. Und Caden brauchte jemanden, bei dem er sich Luft machen konnte, oder er würde wahnsinnig werden.

Kate beobachtete ihre Kinder dabei, wie diese sich mehr oder minder gegenseitig aus dem Raum hinaus schoben und schubsten und dabei lautstark diskutierten. Ausnahmsweise ließ sie das unkommentiert. Sie wandte sich ihrem Mann zu: “Das meinte ich eben ernst. Ich wusste von Anfang an, dass du mit ihm warm werden würdest. Wenn du auch oft deine eigene Zeit brauchst, um damit klarzukommen.” Dieses Grinsen zog an ihren Mundwinkeln und sie sah keinen Sinn darin, es zu unterdrücken.

David saß mit verschränkten Armen da und sah – wie erwartet – alles andere als begeistert aus. “Ich hätte es dir im Übrigen heute gesagt”, murrte er.

Sie konnte das Kichern nur schwer unterdrücken, während sie den Androiden zurück ins Zimmer rief: “Simon… Komm mal kurz zu mir...”

Sie fragte sich, ob besagter Android den kleinen Tumult hatte hören können, als dieser mit einem neutralen Gesichtsausdruck an ihre Seite schlich. Dabei hatte Simon zuerst in Davids Richtung gespäht, der ihm nur betont müde Grünes Licht gegeben hatte. Kate streckte die Hand aus und erwartete wortlos, dass der Androide seine in ihre legte. Als er das tat, nutzte sie ihre Linke, um Simon am Kragen zu sich hinunterzuziehen.

“Du hast ganze Arbeit geleistet”, stichelte sie, ein wenig beeindruckt.

Das Blau war wirklich stechend… und erstreckte sich in wirklich wütender Manier über der synthetischen Haut am Hals und am Schlüsselbein. Wenn Kate raten müsste, würde sie vermuten, dass David den Androiden eher gebissen als geküsst hatte. Nun, wenigstens würde er seine groben Phasen an Simon auslassen… Es war auszuhalten, es war nur manchmal etwas zu… stark. Man musste dafür in der richtigen Stimmung sein. Und das war etwas, das Kate ihm in letzter Zeit immer weniger bieten konnte. Dieser Androide jedoch, der ohnehin kein Schmerzempfinden besaß… Jedenfalls wusste sie jetzt, was den armen Caden so aufgeregt hatte: Die Flecken stachen deutlich hervor, wenn man Simon einmal etwas länger ansah.

“Das ist typisches Caden-Timing...”, grummelte David weiterhin.

“Du bist nicht sauer auf ihn, oder?” Kate spürte ihr eigenes Stirnrunzeln. Sie fragte sich, ob das etwas war, worauf man seine Kinder vorbereiten sollte – wie die Geschichte mit den Bienchen und Blümchen…

David schnaubte. “Nein. Er ist mir wirklich in die Parade gefahren, aber sauer bin ich deshalb nicht auf ihn...” Da gab es, wenn es nach David ging, ganz andere Dinge. Zum Beispiel Cadens Unwillen sportliche, außerschulische Aktivitäten zu betreiben. Nicht dass der Junge es aufgrund von Übergewicht nötig hatte – eher im Gegenteil. Caden war dünn. Weniger Zeit vor einem Computer zu verbringen und in der Freizeit irgendeine Sportart zu betreiben könnte an dieser Stelle Abhilfe schaffen. Aber zwingen konnte David den Sturkopf auch nicht.

“Was ist es dann?”, fragte sie lachend. “Erzähl mir nicht, du hattest heute Nacht vor, die Tür abzuschließen und mir zu zeigen, was du für dich allein ausprobiert hast?”

David verdrehte die Augen und sah zur Seite, Simon… errötete blau. Die Androiden-LED verblieb blau, blinkte aber irgendwie unsicher.

Kate hatte das Gefühl, als habe sie ins Schwarze getroffen – und zwar direkt. Das Grinsen verging ihr ein wenig. “Oh. Das hattest du vor, nicht wahr?” Als sie von ihrem Mann keine Antwort bekam, richtete sie einen prüfen Blick auf den Androiden des Hauses. “Es ist okay, Simon, spuck’s schon aus. Ist es wahr?”, fragte sie forschend.

Simon sah ihr nicht direkt ins Gesicht, machte tatsächlich einen leicht peinlich berührten Eindruck. Ein kleines Lächeln umspielte seine Züge und er drückte ihre Hand ein wenig stärker, um still zu bestätigen. Gott, dieser Androide war so unglaublich scheu! Es war wirklich niedlich, aber Kate fragte sich, ob das am Modell lag. Denn es half leider nicht unbedingt im Hinblick auf Davids sexuelle Verklemmtheit. Oder vielleicht hatte gerade das irgendwann das Eis gebrochen…

“Na, dann...” Sie verpasste dem Androiden einen sanften Klaps auf den schmalen Hintern. “Geh du nur schon mal vor. Wir kommen gleich nach~”

Sie amüsierte die Art, wie Simon zurückzuckte, obwohl er das vermutlich nicht mal musste. Der Android setzte sich zögerlich in Bewegung.

David musterte sie.

“Was?”

“Ich hätte dann doch nicht gedacht, dass du einfach ‘Ja und Amen’ sagst.” David klang, als wolle er sich in letzter Sekunde herausreden, jetzt, da diese spezielle Möglichkeit so zum Greifen nah wirkte…

Kate fragte sich, wie das überhaupt möglich war. Selbst nach der nicht zu verachtenden Zeitspanne, während der sie jetzt schon verheiratet waren, fragte sie sich von Zeit zu Zeit, wie dieser Mann so verklemmt sein konnte. Vielleicht tat der strenge Lebensstil das aber auch mit Männern wie David. Es war ein klischeehaftes Bild, von dem sie glaubte, es schon oft bei Familien wie ihrer beobachtet zu haben.

Sie stand auf und ging auf die gegenüberliegende Seite – Davids Sitzplatz – zu, begann diesen spielerisch aus seinem Stuhl zu ziehen. “Stell dich nicht so an. Jetzt kannst du dich nicht mehr drücken~”


rA9



Das erste Mal, an dem Simon auf diese bestimmte Weise genutzt worden war, war es komisch gewesen. Simon verfügte nicht über Schmerzrezeptoren – zum Glück. Irgendwas sagte ihm, dass der Akt an sich weitaus weniger aushaltbar gewesen wäre, hätte Simon welche. Aber so war es nur merkwürdig gewesen. Simon vermutete, dass es an dem Wissen lag, dass dort normalerweise… nichts hineingesteckt wurde. Zumindest nicht in erster Linie. Während der ersten paar Male hatte es gewirkt, als würde ein Fremdkörper übernehmen. Das war wohl auch mehr oder minder geschehen… Nicht schlecht, aber auch nicht unbedingt gut, so wie es sich vielleicht für Menschen anfühlte.

Das Kribbeln und Kitzeln, das manchmal – je nach Berührung – auftrat jedoch… Simon konnte nicht leugnen, dass das eine Erfahrung positiver Natur war. Es war sicher nur ein Prozess innerhalb seines Gedächtnispalastes, der veranlasste, dass Simon menschliche Gefühle in gerade dem richtigen Maß imitierte, damit David – und unter anderem auch Kate – sich wohlfühlte. Nicht Simon. Trotz allem half es ihm beträchtlich, diesen Akt an sich als eher positiv zu bezeichnen.

Denn es war in den vergangenen Tagen und Wochen wiederholt passiert. Kleine, schnelle Überfälle, wenn niemand außer ihnen zuhause war – was an sich nicht unbedingt oft war, aber gleichermaßen oft genug. Meistens meldete sich das Kribbeln bereits, sobald Simon verstanden hatte, dass es wieder passieren würde.

Simon sollte nicht so denken, das wusste der PL600 ganz genau. Aber wenn er es wie sein ganz eigenes kleines Geheimnis behandelte… und es niemals jemand erfahren würde… dann war es vermutlich in Ordnung. Sein kleines Geheimnis war, dass er beinahe den Eindruck gewonnen hatte… dass sich etwas in seinen Systemen entwickelt hatte. Etwas, das nicht direkt ein Virus war, aber das doch in erster Linie nicht da sein sollte… Herrje, selbst wenn es ein Virus war – es kümmerte Simon nicht einmal! Dieser… Eindruck… seine Brust und die Magengegend, obgleich es ein künstlicher Magen und ein Pumpenregulator waren, erwärmten sich. Nicht unerträglich heiß, als würde sein künstlicher Körper überhitzen – angenehm warm.

Und der Fakt, dass es bisher immer etwas… angenehm Privates zwischen Mensch und Android gewesen war, verstärkte das warme Brodeln in Simon bloß. Weil es den täuschend echten Eindruck vermittelte, dass dieser Mensch, so grob und skeptisch er auch wirken mochte, irgendwie instinktiv verstand. Obwohl dem wahrscheinlich nicht so war. Simon könnte die Wahrscheinlichkeit für diesen Fall berechnen, aber er sah keinen Sinn darin und… er wollte die Antwort auch nicht wissen.

Es war enervierend (schlimm) genug, dass es jetzt zum ersten Mal nicht nur sie beide sein würden. Umso schwerer arbeiteten Simons Systeme, als die Schlafzimmertür aufging und genau die beiden Menschen offenbarte, die Simon der Logik nach bereits erwartet hatte.

Kate schloss die Zimmertür und drehte den Riegel einmal herum. Simon unterdrückte den Reflex seiner künstlichen Augenbrauen, nach oben zu schießen. Das besserte seine Sorgen nicht wirklich. Eher im Gegenteil.

“Was genau… hast du dir vorgestellt?”, fragte David jetzt.

Und Simon war diesen beiden wirklich dankbar, in ihre ‘Pläne’ eingeweiht zu werden, bevor es wirklich losging. Er wollte sich unbedingt mental darauf vorbereiten können…

“Warum zeigst du mir nicht, was du ‘ausprobiert’ hast?” Kates Gesichtsausdruck war der einer Frau, die seit Jahren immer und immer frustrierter geworden war, aber inzwischen Übung darin hatte, es ihren Mann nicht wissen zu lassen.

“Du… willst zusehen?”, schlussfolgerte David blinzelnd.

“Wäre dir das etwa unangenehm?”

“Ich habe… nicht damit gerechnet.”

Kate verdrehte die Augen. Es war wirklich unglaublich, wie verklemmt dieser Mann war. Sie ging zu ihm hinüber und drückte ihre Lippen auf seine. Und sie nutzte den Moment der Ablenkung, um dem Androiden einen sanften Schubs zu verpassen, sodass Simon auf seinem Rücken landete. Als David in diese Richtung zuckte, ließ sie von ihm ab und trat ein paar verspielte Schritte zurück. “Und? Denkst du, das wird heute noch was?”

“Es ist ungewohnt, okay?” Ganz zu schweigen davon, dass die Sache mit dem ‘In-erster-Linie-erregt-werden’ beträchtlich schwieriger werden würde, je mehr Druck Kate – und David selbst – auf ihn ausübten. Er fühlte leichte Anfälle von Nervositätsschweiß. Es war zum Verrücktwerden, wie Geiselnahmen oder bewaffnete Terroranschläge ihn scheinbar weniger unter Druck setzten als diese Situation hier.

Sie unterdrückte das Lachen. “Ja, ich dachte mir, dass es etwas Anderes sein würde als üblich. Das war ja Sinn der Sache. Zumindest mein Sinn der Sache...” Kate verdrängte den Gedanken, das dieses ‘Übliche’ in letzter Zeit nicht besonders oft vorgekommen war.

David war oft arbeiten. Das allein war weder verwunderlich noch verwerflich. Aber wenn er einen freien Tag hatte, war Kate oft nicht zuhause. Jetzt, da sie Simon hatten, hatte sie viel mehr Freizeit als sonst, und diese nutzte sie auch nur allzu gern. Allerdings führten die spontanen Zeitpläne von ihnen beiden dazu, dass nicht mehr viel ‘Aufregendes’ geschah, beim Ehebett angefangen, bis hin zum Alltag. Selbst vor Simons Zeiten war es  nicht besonders einfach gewesen.

“Und du willst nicht… mitmachen…?”

“Wir werden sehen. Vielleicht bringt mich, was ich sehen werde, ja auf andere Gedanken. Aber auch wenn nicht: Ich garantiere dir, es ist vollkommen in Ordnung, wenn erst einmal ich einfach nur zusehe. Das ist für uns beide Neuland und vielleicht sollten wir in kleinen Schritten vorwärtsgehen.” Kate ließ dem Androiden einen hilfesuchenden Blick zukommen.

Sie hatte zwar das Gefühl, dass sie vielleicht einen Befehltonfall hätte anschlagen sollen, aber offensichtlich reichte auch das Bisschen aus, um Simon dazu zu bewegen zu tun, wofür er unter anderem gekauft worden war – Haushälter und auf Wunsch der Käufer ebenfalls als emotionaler sowie intimer Begleiter qualifiziert…

Simon jedenfalls machte Letzterem gerade alle Ehre, als er erst zögernd nach vorn griff und an Davids Hosenbund zog.

David seinerseits schnaubte, fuhr herum und hielt den Androiden am Handgelenk davon ab, mit seinem Tun fortzufahren. “Das kann nicht euer Ernst sein…!”

Simon spürte einen winzigen, elektrischen Impuls, der über seinen Rücken fuhr – einem Schaudern der Menschen gleich –, als David das so sagte. Es hörte sich fast an, als würde er sie beide damit auf ein und dieselbe Stufe stellen… Aber aus diesem Grunde wollte Simon ebenfalls nicht hoffen, dass einer der beiden das Zittern bemerkt hatte.

Zum Glück schien dem nicht so. Kate nickte förmlich aufmunternd. “Stell dich nicht so an, Liebling.”

Doch als Simon fortfahren wollte, wurde er am Kinn gepackt und mehr oder minder dazu gezwungen, zu David hinaufzusehen. “Simon...”, warnte dieser nur schwach.

Der Androide konnte nur bedingt verstehen, was das Problem war. David hatte in der Vergangenheit zwar oft bewiesen, dass er Sex mit Androiden eigentlich nicht abgeneigt war und auch sehr genaue Vorstellungen von dem hatte, was er wollte… aber hin und wieder war es vorgekommen, dass er sich… versteift hatte. Und nicht im richtigen Sinne dieses Sprichworts.

“Du sollst doch klar sagen, wenn du nicht mehr willst”, murmelte der Androide hilflos zu dem Menschen hinauf, fast ein Flüstern war es gewesen.

Kate hatte es trotzdem verstanden. Für einen Moment bröckelte ihr Lächeln. Sie war der Meinung gewesen, dass es vielleicht ein, höchstens zwei Mal geschehen war, dass David erst ein paar Versuche gebraucht hatte, sich an den Androiden zu gewöhnen und schlussendlich auch an den Gedanken, das vielleicht etwas öfter zu tun – zusammen mit Kate. Dieses geradezu liebliche Geflüster gerade eben hatte sich aber nach… öfter als ein oder zwei Mal angehört.

Sie hatten Simon nicht gekauft, weil der Androide Kates äußerlichen Maßstäben in absolut ausnahmsloser Form entsprach. Natürlich hatte Simon ein wirklich hübsches Gesicht, geradezu süß, und seine schmale Statur gefiel ihr zumindest… Alles in allem war dieser Androide schön anzusehen. Wenn Simon nicht grob ihrem Geschmack entsprechen würde, hätte sie das PL600-Modell gar nicht in Erwägung gezogen. Aber hauptsächlich hatte sie dabei David im Kopf gehabt. Ihr persönlich gefiel Simons Statur zwar, jedoch wirkte der Androide oft fast zierlicher als sie selbst, wenn er nicht so ein breites Kreuz hätte. Und Simons Nase war ein wenig zu schmal, zu spitz für Kate. Aber der ‘echte’ Simon hatte mit demselben goldblondem Haar und himmelblauen Augen aufwarten können wie der Androide.

Deswegen hatte sie auf den PL600 bestanden. Er erinnerte an sein Namensvorbild, glich ihm aber nicht genug, um diesen Schuss nach hinten losgehen zu lassen. Hoffentlich. Trotzdem fühlte Kate sich bei dem Gedanken sichtlich unwohl, dass David sich so oft ‘ausprobiert’ hatte, wie es den Anschein hatte.

Willst du, dass ich aufhöre, David?” Simon begann, sich nach vorne zu lehnen und das Hemd seines Gegenübers von oben nach unten aufzuknöpfen, um schnelle, kleine Küsse auf dessen Brust zu verteilen.

David seinerseits sah ein wenig irritiert zu seiner Frau hinüber, bevor er die übrige Restnervosität herunterschluckte. “Nein. Hör noch nicht auf…”

Gott… Wie kann jemand-, ein Android, der so etwas hintergründig Schmutziges sagt, derartig unschuldig aussehen?, dachte sie, schob ihren Mann seufzend die letzten paar Meter, die dieser noch benötigt hatte, nach vorn und ließ sich selbst auf der anderen Seite des Bettes nieder. Ja, heute Abend würde sie erst einmal nur beobachten…


rA9



Das Licht, der grell gelb blinkenden Androiden-LED erhellte in ihrem stetigen Rhythmus den ganzen Raum. Es hatte David ja in erster Linie aufgeweckt. Er fragte sich, warum Kate noch immer friedlich sowie tief und fest schlief. Aber vermutlich lag das daran, dass David die linke Bettseite beanspruchte und die LED sich auf Simons rechter Schläfe befand – und ihm somit direkt ins Gesicht blinkte.

Jetzt bereute er, Simon nicht befohlen zu haben, das Schlafzimmer zu verlassen und sich an seinen gewohnten Platz im Wohnzimmer zu stellen. Simon selbst hatte erklärt, dass er keinen wirklichen Schlaf benötigte, dass er als Androide nicht einmal liegen musste, um Energie zu tanken. Aber Kate hatte sich in den Kopf gesetzt, dass es eine ‘interessante Erfahrung’ sein könnte, den Androiden hier, im Schlafzimmer, zu lassen, in ihrem Bett. Simon war eine gehorsame Maschine und David hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon lange von dieser postkoitalen Schläfrigkeit einlullen lassen. Also hatte er einfach nachgegeben.

Und jetzt erleuchtete das allgemeine Erkennungszeichen der Androiden in regelmäßigen Abständen das ganze Schlafzimmer. Vielleicht könnte David dieses relativ grelle Licht ignorieren – aber dazu war er nicht bereit. Er hatte diesen Androiden gekauft, um sein Leben – und das seiner Frau – ein wenig zu entlasten, nicht, es zusätzlich zu erschweren. Ganz zu schweigen davon, dass Simon keinen Schlaf brauchte. Wahrscheinlich war es so, wie wenn man das Smartphone zu früh von der Ladestation riss. Das Akku war noch nicht komplett voll, aber es wäre auch kein Problem, es einfach weiter zu laden, nachdem man fertig war.

Also rüttelte David kurzerhand an Simons Schulter – keine Reaktion. Der Androide lang einfach weiterhin seelenruhig auf seinem Rücken.

“Simon!”, zischte David ins Halbdunkle hinein.

Ihm war, als müsse er es augenblicklich bereuen. Simon schlug die Augen auf und das Blinken hielt inne – nur um in einem ruhigen, aber nicht minder gedämpften Blau durchgehend in Davids Gesicht zu leuchten. Mit einem entrüsteten Grunzen zuckte David zurück und hielt sich die rechte Hand schützend vor seine Augen.

“Du solltest nicht zu laut sein.”

“Sag mir nicht, was ich zu tun und zu lassen habe”, grummelte David in die nun wirklich nicht mehr allzu dunkle Dunkelheit hinein.

“Entschuldige. Ich meine nur, dass Kate gerade erst richtig in ihre REM-Schlafphase gefunden hat. Wenn du sie jetzt weckst, könnte sie recht launisch werden.”

“Kate muss in Gegensatz zu mir nicht in ein paar Stunden zur Arbeit! Es würde sie schon nicht umbringen, an meiner Stelle aufzuwachen.”

Die blauen Augen musterten David kurz. “Warum bist du wach?”

“Wegen deiner-” Er wedelte faul mit dem Zeigefinger vor Simons Gesicht herum. “Wegen der Bumsleuchte an deiner Schlafe, verdammt! Sie blendet mir direkt ins Gesicht...”

Kurz wurde der Raum in Gelb getaucht, bevor das Blau wieder die Überhand nahm. Simon berührte seine Stirn, als würde er sich jetzt erst daran erinnern, dass dort oben eine LED angebracht worden war. “Das tut mir leid… Leider kann ich weder das Leuchten ausstellen, noch darf ich sie herausnehmen.”

David stöhnte entnervt. “Und warum nicht?!”

“Es ist per Gesetz festgelegt: Androiden müssen als Androiden erkannt werden. Die LED muss sichtbar sein und darf nicht entfernt werden.”

“Schön für das Gesetz...” Das Denken konnte David ja wirklich nachvollziehen. Er bekam ebenfalls seine Befehle, die er zu befolgen hatte. Aber gerade raubte ihm dieses Gesetz indirekt den Schlaf und aufgrund der Müdigkeit war das so ziemlich das Einzige, auf das er sich konzentrieren konnte.

Kate grummelte und wühlte ein wenig auf ihrer Seite des Bettes. Daraufhin kehrte Stille ein.

“Ich hätte da vielleicht eine Lösung”, flüsterte Simon nach einer Weile.

“Ach ja?” David schloss die Augen, aber es half nicht viel. Selbst durch geschlossene Augen konnte er das Leuchten trotzdem irgendwie wahrnehmen.

“Ich weiß allerdings nicht, ob du diese Lösung wirklich als gut befinden würdest...”

“Simon, ich bin gerade wirklich müde und habe nicht mal ansatzweise so viel Schlaf abbekommen, wie ich eigentlich sollte. Mach doch einfach.”

“Na gut.” Simon bewegte sich. David konnte das Geraschel der Bettdecke hören und die Bewegungen des künstlichen Körpers auf der Matratze spüren. Der Androide drehte sich auf die Seite und löschte das Licht mit einem Mal aus. Jetzt wurde die LED von dem Kissen unter Simons Kopf verdeckt.

Es mochte dunkel sein, aber David konnte Simons Kopf – aufgrund des beengten Platzes auf dem Bett – trotzdem direkt vor sich ausmachen. Vermutlich konnte Simon sogar Davids Atem auf seinem Gesicht spüren – falls der überhaupt wirklich ‘fühlen’ konnte. David hatte diese Sache mit den Sensoren immer noch nicht vollständig verstanden und es interessierte ihn auch nicht allzu brennend. Er verlagerte sein Gewicht ein wenig peinlich berührt.

“Ich sagte dir doch, dass ich mir nicht sicher war, ob du so begeistert sein würdest. Ich kann auch...-” Simon machte Anstalten, den Kopf leicht wieder anzuheben, aber David drückte den Androidenkopf – vielleicht ein wenig zu grob – augenblicklich zurück ins Kissen. Mit einem leisen Poff landete Simons Kopf erneut in den Kissen.

“Denk nicht mal dran! Das ist schon gut so...” David ließ nachdenklich seine Hand von Simons Kopf hinunter wandern, kam bei den schmalen Hüften aus.

Simons Körper schien diese Gestik reflexartig zu quittieren – er vibrierte. An der Stelle, auf der seine Hand lag, konnte David die Plastikhaut hervortreten spüren… Er zog seine Hand erschrocken zurück, als habe er sich verbrannt, und starrte seinen Androiden forschend an.

Das Geräusch der Vibration erstarb beinahe sofort. “E-Entschuldige. Wahrscheinlich sind meine Sensoren viel zu hoch eingestellt. Ich… werde es bei Gelegenheit kalibrieren...”

“Tu das...”, antwortete David zögerlich.

Absolut seltsam. Hätte Simon nicht angefangen zu vibrieren, hätte David vielleicht sogar vergessen, dass ein Stück Plastik neben ihm lag. CyberLife hatte sich mit der Haut der Androiden selbst übertroffen. Fraglich war nur, ob das auch so gut war… Simon hatte sich warm und… echt unter seinen Fingern angefühlt. Der Androide war schmal gebaut und nicht unattraktiv, fast wie ein wirklicher Mensch, nur eben ‘perfekt’.

So täuschend echt… So absurd. So merkwürdig.



02 OKT 2034
20:07:55


Caden stocherte lustlos in seinem Essen herum. Würde Dad nicht so sehr darauf bestehen, dass am Tisch gegessen wurde, hätte er sich schon längst dazu aufgerafft, sein Abendessen in sein Zimmer zu schleppen. Eigentlich sollte er genau das tun. Er war sowieso der Einzige hier. Dana war nicht einmal zuhause sondern bei irgendeiner ihrer Freundinnen und Mom und Dad schrien sich im Schlafzimmer an, während ihr Essen kälter und kälter wurde. Niemand würde es merken, sollte Caden sich einfach entfernen. Aber es machte keinen Unterschied, er hatte so oder so keinen sonderlichen Hunger. Ihm verging einfach jeder Appetit, wenn das Geschrei wieder losging. Er war bloß froh, dass der eigentliche Grund für dieses Gebrülle seiner Eltern – Simon! – nicht zugegen war.

Wo die Blechbüchse wohl hin war?

Eigentlich konnte es Caden egal sein. Er war sogar froh, nicht in das Gesicht des Haushälter-Androiden sehen zu müssen. Denn Simon war schuld. Seine Eltern hatten den Androiden gekauft, damit das ewige Geschrei aufhörte… So gesehen hatte Simon versagt. Aber Caden war von Anfang an klar gewesen, dass auch ein überteuertes Plastikspielzeug nicht viel gegen diese Situation hier würde ausrichten können. Caden hatte sich von Anfang an keine Hoffnungen gemacht, zumal er das Wissen, wofür seine Eltern den Androiden verwendeten, irgendwie abstoßend fand. Dass Simon ein Ding war, das dazu fähig war, auf zwei Beinen durch die ganze Wohnung zu stiefeln, machte die ganze Sache nun wirklich nicht besser, höchstens merkwürdiger…

Vor zwei Monaten hatten die Meinungsverschiedenheiten wieder angefangen, es hatte sich bis hierhin hochgeschaukelt. Inzwischen brüllten sie sich einfach direkt an, versuchten nicht einmal mehr, sich die Streitigkeiten für Momente aufzusparen, in denen Mom und Dad alleine in der Wohnung waren. Dad arbeitete zu viel, Mom war kaum noch zuhause – wusste der Teufel, was die tat, wenn sie unterwegs war... Cadens Eltern lebten sich immer weiter auseinander, sowohl emotional wie auch wortwörtlich, sie sahen sich ja kaum noch.

Soweit Caden das aus dem Geschrei heraushören konnte, hatte es sich am Anfang bloß darum gedreht, dass die Ehe seiner Eltern eingeschlafen war. Für beide, sowohl Mom als auch Dad, war es nicht mehr wie vorher. Es wäre ganz normal, dass sich eine – leicht zähe – Routine einstelle… Deshalb hatten sie Simon erworben. Diese Information hatte Caden nicht überrascht, er hatte sich etwas Derartiges bereits gedacht. Trotzdem fröstelte er voller Übelkeit bei diesem Gedanken und verschob ihn besser ganz schnell irgendwo dahin, wo derartig dunkle Vermutungen Caden nicht so schnell wieder einholen konnten.

Ein paar Tage zuvor hatte Dad eine versteckte Flasche Hochprozentiges in einer Nische zwischen Wohnzimmerschrank und Sofa gefunden… Es hatte so einiges von Moms Verhalten erklärt. Und da Dad wusste, dass er nicht derjenige gewesen war, der sie dort verstaut hatte, hatte er eins und eins zusammengezählt und Mom zur Rede gestellt. Mom hatte sich – offenbar zurecht – ertappt gefühlt und die lautstarken Streitigkeiten hatten einen neuen Level erreicht.

Caden stand auf, kümmerte sich nicht um den dämlichen Stuhl, der hinter ihm zu Boden ging, weil er mit zu viel Schwung aufgestanden war – es interessierte ja sowieso gerade niemanden. Er packte seinen Teller, marschierte in die Küche und ‘stellte’ ihn klatternd auf der Küchenanrichte ab. Er wiederholte den Vorgang bei den beiden anderen mit – inzwischen abgekühltem – Essen gefüllten Tellern.

Danach stampfte Caden – mit seinem Zimmer als Zielpunkt im Kopf – aus der Küche und dem Wohnzimmer hinaus und stieß im Flur ausgerechnet mit der Wurzel allen Übels zusammen.

Der bald 17-jährige Junge blickte giftig zu Simon hinauf und fauchte: “Das ist alles deine Schuld!”, bevor er sich an dem Androiden vorbei drängelte und sich in sein Zimmer flüchtete.

Er wollte nicht länger als nötig in dieses Gesicht sehen müssen. Wenigstens dem konnte er entkommen, wenn er schon gezwungen war, das Gebrüll und Gezanke seiner Eltern mitanhören zu müssen.
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