Icy Breath of Summer

von IamMedea
KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P12
Abbey Bartlet Jed Bartlet
08.09.2018
08.09.2018
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Icy Breath of Summer

Disclaimer: Jed & Abbey gehören NBC/Aaron Sorkin, nicht mir und es war nicht meine Absicht das Copyright mit der unautorisierten Verwendung jener Charaktere zu verletzen.

Gewalt: Nope.

Sex: Schuldig im Sinne der Anklage. Es ist Teil der Handlung, wird jedoch nicht bis ins Detail beschrieben.

Timeline: Vor diesem ganzen Wiederwahl-Debakel, als die zwei sich mächtig in die Haare bekamen, weil Jed den „Deal“ brach. Damit diese FF funktionieren kann, lege ich fest, dass es zwischen der Szene, in der sich Jed im Oval Office nach der Beerdigung von Mrs Landingham mit ihrem „Geist“ unterhält, und der Szene, in der er auf der Presskonferenz seine Absicht kundtut, erneut als Präsident zu kandidieren, ein Zeitraum von einer Nacht besteht, welche ich im Folgenden beschreibe.


°°°

Es ist ruhig. Draußen vor der Schlafzimmertür sind einige gedämpfte Stimmen und leise Schritte auf dem Boden zu hören, aber hier ist es ruhig. Und ich bin dankbar dafür. Nicht viel Zeit bleibt, bis ich etwas tun muss, das mir erst eben klar geworden ist. Es fällt mir nicht leicht, es zu tun, denn es bedeutet, dass ich Abbey wehtun muss. Doch ich vertraue ihr; dass wir auch diesmal einen Weg finden werden, um uns wieder zu versöhnen. Dass sie verstehen wird, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Und wenn nicht, tja – dann weiß ich ganz genau, wer unsere Ehe zerstört hat. Aber ich vertraue ihr... ich vertraue ihr...

Der Raum ist hell, obwohl draußen längst die Nacht über Washington hereingebrochen ist. Überall brennen kleine Lampen, die ihr warmes Licht auf Wände und Boden werfen. Ich stehe vor der großen Fensterfront, doch ich möchte dort nichts sehen. Ich blende alle anderen Geräusche aus und lausche nur dem leisen Rascheln des Buches, in dem sie gerade liest, und ihrem gleichmäßigem Atem – bis mein Atem sich ihrem Rhythmus angeglichen hat. Es ist das einzige, was ich im Moment hören möchte.

Schließlich wende ich mich um und sehe sie genauso, wie ich es mir vorgestellt habe. Abbey sitzt auf dem vorderen Ende des Himmelbettes, inmitten der Laken, die mit ihrem hellen Kimono zu verschmelzen scheinen. Sie hat ihre Beine auf diese bestimmte Weise verschränkt, so wie sie es immer tut, seit wir anlässlich eines Staatsbesuchs in Japan waren. Ich kann diese Art zu sitzen noch immer nicht wirklich bequem finden. Und sie lässt es so leicht erscheinen, ebenso leicht wie das Umblättern der hauchdünnen Buchseiten. Währenddessen spielt das gedämpfte Licht mit dem Weiß ihres Kimonos, dem Kastanienbraun ihres Haares …  

Dies ist einer der Momente, in denen ich bereue, ein Wirtschaftsprofessor zu sein und kein Poet; andernfalls könnte ich ihn mit wundervollen Worten wieder lebendig werden lassen, auch wenn er längst vergangen ist. So aber habe ich dazu nur meine Erinnerung. Und diese kann man nicht teilen.

Sie wirkt entspannt und in ihr Buch vertieft; doch ich weiß, sie ist weder das eine, noch das andere.

„Weshalb fragst du mich eigentlich nie, was ich gerade lese?“, wispert sie, ohne aufzublicken.

Ich antworte nicht sofort, gehe zu ihr und setze mich zu ihr aufs Bett. „Weil du es mir ohnehin erzählst“, sage ich und bleibe ernst dabei, auch wenn ich es nicht so meine.

Nun sieht Abbey mich an. Ihre Augen verweilen kaum merklich länger auf mir und ich weiß, dass es an der Kleidung liegt, die ich trage. Das heißt, meinen Mangel an Kleidung. Ich habe mir lediglich einen Morgenmantel übergezogen, als ich mich bettfertig machte. Keine Pyjamahose, kein Hemd, keine Unterwäsche. Sonderbarerweise – selbst mit allen anderen Dingen, die mir durch den Kopf gehen – ist einer meiner ersten Gedanken, ob es ihr gefällt. Der Vorwurf in ihren grünen Augen, die nun auch vom Licht der Lampen glänzen, bleibt unverändert ernst und ich weiß, sie meint es so.

„Und weil ich es lesen werde.“ Und ich greife nach dem Buch in ihren Händen, um meine Worte sogleich wahr zu machen.

„Ich bin noch nicht fertig." Abbey nimmt mir das Buch wieder ab und klappt es zu. Ich bin überrascht und beobachte sie, der Einband raschelt in ihren Händen.

„Es gefällt mir nicht, wenn du nicht lachen kannst.“ Meine Augen verlassen sie nicht.

„Das geht vorüber.“ Abbey lässt das Buch in ihren Schoß sinken und seufzt erschöpft. Jetzt sehe ich die Müdigkeit in ihren Augen, oder ist es nur das gedämpfte Licht? Mrs Landinghams Beerdigung hat uns beiden viel abverlangt. Aber da ist noch mehr als Müdigkeit -

Ich schiebe die Laken beiseite und setze mich hinter sie. Ich lege meine Hände auf ihre Schultern und beginne die harten Muskeln, die ich dort spüre, zu massieren. Sie hält vollkommen still, sie wird mich gewähren lassen, ich höre nur ein leises Seufzen, das vielmehr ein Ausatmen ist und dann: „Ich fühle mich schuldig ...“

„So?“ Ich muss schmunzeln, denn ich spüre jetzt bereits, wie sich ihre Muskeln unter meinen Händen lockern und wie sie sich in meine Berührungen lehnt. Wahrscheinlich hat sie sogar die Augen geschlossen. „Du machst nicht diesen Eindruck auf mich.“

Diesmal entgegnet mir kein ernster Blick. Stattdessen erhalte ich einen tadelnden Klaps ihrer Hand auf mein rechtes Bein. „Ich meine nur, dass ich … ich habe das Gefühl, dass ich dich heute mit deiner Trauer allein gelassen habe. Ich wünschte, ich hätte mehr tun können, um dir Trost zu spenden, dir beizustehen, aber ich wusste einfach nicht, wie. Verzeih mir.“ Ah, Abbey. Sie hat sich nicht verändert. Und ich bin mir sicher, sie wird es auch nie. Diese Gewissheit erfüllt mich mit Freude.

„Allein deine Gegenwart war mehr als genug“, antworte ich und lege behutsam mehr Gewicht in meine Bewegungen. Ich konzentriere mich auf einen Punkt unter ihrem Nacken, da ich weiß, dass es ihr Erlösung verschafft. Dass sie kurz darauf den Kopf in den Nacken rollt und sich ihre Schultern leicht absenken, sind Zeichen meines Erfolges.

„Wie machst du das?“

Ich höre nicht auf, während ich antworte. „Ich hab dir doch schon vor einer Ewigkeit gezeigt wie.“ Irgendwie erscheint mir ihre Frage sonderbar. Schließlich versteht sie es ihrerseits hervorragend, die Verspannungen aus meinem Körper zu massieren.

„Ich meine, dass deine Hände so warm sind.“

Mein Lächeln bleibt ihr verborgen. Ich lasse ihre Frage unbeantwortet und beuge mich vor, um ihr das angefangene Buch aus dem Schoß zu nehmen. Nachdem ich es beiseitegelegt habe, fahre ich fort. „Verstärkt das deine Schuldgefühle?“

Beinahe meine ich ihre Antwort zu kennen. „Ja.“ Ich bemerke es in ihrer Stimme. „Ist das ein Lächeln?“, frage ich, als würde ich auch die Antwort darauf nicht kennen.

„Ja“, antwortet sie erneut. „Aber das heißt nicht, dass du aufhören sollst.“

Eigentlich würde ich ihr sagen, wie froh ich über dieses Lächeln bin, wie zufrieden es mich macht, aber dazu bedarf es keiner Worte. Fast von selbst gleitet der feine Stoff über ihre Haut, als ich ihn dann von ihren Schultern streiche. Nun kann ich auch ihre Schultern und ihren Rücken erreichen. Ich halte meinen Blick auf ihren Rücken gesenkt, während ich weiter meine Hände darüber führe.

„Was ist das? Es hört sich wunderschön an.“ Abbeys sanfte Stimme lässt mich aufblicken.

„Was meinst du?“

„Du hast etwas gesummt.“ Sie dreht sich leicht zu mir, sieht dann aber wieder nach vorne, da sie mich ohnehin nicht wirklich ansehen kann, ohne sich gänzlich umzudrehen. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich es getan hatte. Nach der ersten Überraschung nehme ich meine Massage wieder auf. „Ein Lied, das... Dolores immer gehört hat. Ich wusste gar nicht, dass ich mich noch so gut daran erinnere.“

„Mmh ...“ Abbey rollt ihren Kopf wieder in den Nacken, um die entspannende Wirkung meiner Massage zu verstärken. „Es ist wirklich schön, summ ruhig weiter. Und ich liebe ... es deine Stimme zu hören."

Das Beben in ihrer Stimme ist mir nicht entgangen Als ich mich besorgt vorlehne, um ihr Gesicht zu sehen, hoffe ich, dort keine Tränen zu erkennen. Doch sie beruhigt mich, bevor ich fragen kann. „Mir ist nur gerade klar geworden, wie sehr das wahr ist.“

Ich kann nichts sagen. Ich lehne mich wieder zurück, meine Hände gleiten über Abbeys Nacken, Rücken, Schultern und ich hinterlasse einen kleinen Kuss auf ihrem rechten Schulterblatt. Nun streicheln meine Hände über ihre Haut - so brauche ich keine Worte - noch ein letztes Mal, dann schiebe ich den seidigen Soff wieder über ihre Schultern.

Diesmal dreht sich Abbey mit dem ganzen Körper zu mir um. „Ich hab über das, was du vor ein paar Tagen gesagt hast, nachgedacht ... ich meine, wenn du es ernst gemeint hast.“  Ihre Augen suchen Bestätigung in meinen.

„Weshalb sollte ich das nicht ernst gemeint haben?“, versichere ich ihr und weiß dabei, was sie meint, kenne die Ursache ihrer Bedenken.

„Ein Urlaub in Louisiana, nachdem deine Amtszeit vorbei ist. Ich fänd's gut ... interessant. Wir könnten den Mississippi herunterfahren, dann sehen wir jeden Tag etwas anderes und wo es uns gefällt, bleiben wir ein paar Tage ...“

„Weißt du, es gibt gefährliche Tiere im Mississippi. Welche, die einen ganzen Menschen verschlingen können.“ Ich grinse. „Wenn so ein Alligator dein Bein oder deinen Arm erst mal in seinem hässlichen Maul hat, dann lässt es nicht mehr los.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Bei unserem Glück wird das unsere geringste Sorge sein.“

Abbey scheint tatsächlich Gefallen an meinem Vorschlag zu finden. Und ich muss lächeln. „Dann ist da nur noch ein Problem ... was ist mit deiner Seekrankheit? Der Mississippi ist lang, wir werden einige Zeit unterwegs sein.“

Beinahe verlegen blickt sie auf ihre Hände. So sehe ich sie nur selten. „Es ist nicht mehr so schlimm ... es wird ja nur ein kleines Boot sein, auf einem Fluss und außerdem können wir ja nachts anlegen und an Land schlafen, richtig?“

„Gut. Hört sich großartig an.“ Auch wenn sie mir vorwirft, nicht lange genug darüber nachgedacht zu haben, so hat sie es doch selbst nicht getan. „Ich bin stolz auf dich, Abbey. Dass du die zwei Wochen auf dem Schiff, die wir bis zum Hafen von New Orleans brauchen, auf dich nehmen willst. Ich dachte, das wäre ein Grund, weshalb du nein sagst." Ich lasse sie meinen liebevollen Spott deutlich spüren.

Sie verzieht das Gesicht und stöhnt, als ihr alles bewusst wird. Dann lässt sie sich nach vorne sinken - beinahe in meinen Schoß - und verbirgt ihr Gesicht in den hell schimmernden Laken. „Oh nein ... daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.“

Ich lege ihr eine Hand auf die Schulter und spüre wie sich der Stoff sofort gegen meine Hand erwärmt. „Es wird schon nicht so schlimm.“

Sie gibt ihre Zuflucht auf und setzt sich auf, doch der Ausdruck in ihrem Gesicht bleibt weiterhin gequält. „Lass dir besser schon mal etwas einfallen, mit dem du mich zwei Wochen lang ablenken kannst.“ Dann lächelt sie. Als würde es kein Morgen geben, an dessen Beginn eine Pressekonferenz stehen würde und deren Ende ungewiss war.

Ich nehme ihre Hand in meine, sie ist tatsächlich kälter. Als ich wieder aufsehe, ist sie unerwartet ernst. „Vielleicht ist es nicht gut, dass wir all diese Pläne machen. Es kommt immer etwas dazwischen und am Ende befinden wir uns mitten in der größten Katastrophe, die man sich vorstellen kann. Jed, ich will nicht, dass das passiert. Ich will ein paar ruhige Wochen nur mit dir, wenn das hier überstanden ist. Ich will soviel Langweile und Nichtstun, bis ich wahnsinnig deswegen werde.“

Ich ziehe sie in meine Arme und halte sie einfach nur fest. Es tut mir mindestens so gut wie ihr. „Ich verspreche dir, du wirst verrückt vor Langeweile werden.“ Es wird einen Weg geben...

Ich höre sie seufzen, lang und tief, und spüre es gleichzeitig. „Wieso habe ich ein ungutes Gefühl, wenn du das so sagst?“

„Weil du zuviel darüber nachdenkst.“ Ich versuche auch mich selbst damit zu beruhigen. Dann küsse ich sanft ihr Haar und halte sie noch einige Momente fest. Sie regt sich und ich lockere meine Umarmung. Abbey lehnt sich zurück, beugt sich vor, küsst mich. Ihre Lippen sind genauso warm wie meine. Ein weiterer Kuss, diesmal sind ihre Lippen geöffnet.

Als ich sie nun betrachte, wirkt sie nicht mehr so niedergeschlagen wie noch wenige Augenblicke zuvor. Ob es meine Umarmung war, meine Worte, oder meine Küsse - es ist mir gleich. Ich fühle nur die Erleichterung darüber.

Die Hand, die auf meiner Schulter geruht hat, sinkt langsam an meinem Brustkorb hinab, mal auf Stoff, mal auf Haut. Und den Ausdruck auf ihrem Gesicht habe ich schon viele Male gesehen. Sie sieht sonderbar konzentriert und vertieft in das, was sie tut, aus, so als erforderte alles gründliche Überlegung und Überwachung. Ihre Berührung ist so federleicht, dass ich sie kaum auf meiner Haut spüre; das Prickeln, das sie verursacht empfinde ich dafür umso intensiver. Nur dort, wo eine kleine Narbe auf meiner Brust ist, verweilt sie unerheblich länger.

Ich hebe meine Hand, um erneut ihre Schulter bloßzulegen. „Wir werden das Bayou auf den Kopf stellen.“ Dies, während meine Finger langsam der Linie ihres Schlüsselbeins folgen. Ihre Haut ist eben.

„Und es wäre nicht das erste Mal.“ Abbeys Stimme ist ernst, wo sie sonst geschmunzelt hätte, und sie zieht mich zu sich heran, um mich erneut zu küssen. Es kommt nicht überraschend. Diesmal lassen wir es so lange dauern, bis der Durst nach Nähe zueinander gestillt ist.

Schließlich stehe ich auf. Es fällt mir nicht schwer mich mit wenigen Handgriffen meiner Kleidung zu entledigen. Der Morgenmantel gleitet vor ihren Augen zu Boden und ich knie mich wieder zu ihr. Ob ich es um ihretwillen oder um meinetwillen tue, als ich ihre Schulter wieder und wieder zärtlich küsse, bleibt für mich unergründet. Es kostet mich nicht mehr als diesen Zeitraum, um ihren Kimono zu öffnen.

„Ich werde gar nicht erst fragen“, höre ich ihre Stimme deutlich tiefer und dicht an meinem Ohr. Ich folge ihr, als sie sich in die nachgebenden Kissen zurücksinken lässt. Die Seidenlaken sind kühl und heiß zugleich auf unserer Haut. Sie hält die Augen geschlossen und atmet tief, während ich mit meinen Lippen erkunde, was ich nur zu gut kenne. Erst als ich kurz innehalte, treffen sich unsere Blicke und dann unsere Lippen für die Dauer von einigen Herzschlägen. Bevor Abbey mich mit sanfter Bestimmtheit auf den Rücken bringt. Nun spüre ich ihr Gewicht auf mir. Ich ziehe sie zu mir herunter, um sie ganz auf meinem Körper zu spüren. Und ihr Herzschlag wird noch deutlicher für mich. Das Meeresgrün ihrer Augen wandert unruhig über mein Gesicht, meinen Oberkörper, bis ihre Hände in meinen Haaren verweilen. Sie hält mein Gesicht in ihren Händen, als wäre es notwendig, damit ich sie ansehe. Doch in Wirklichkeit streicheln sie mich mehr, als dass sie irgendeine Gewalt auf mich ausüben. Unsere Lippen streifen einander. Nur diese Berührung, mehr nicht. Es ist kein Spiel um unsere Lust zu steigern; auf diese Weise sind wir einander nah. Abbey könnte es mit Worten erklären, ich kann es nur erleben.

Ihre Hand hat meine gefunden und ich halte sie fest. Und dann verliere ich mich in ihrem Kuss. Das Licht der Lampen zuckt über erhitzte Haut und wirft Schatten und ich kann an kaum etwas anderes denken, als an die helle Seide auf ihrer bloßen Haut. Nichts darunter, nichts darüber, nichts dazwischen. Es wird etwas verborgen, worum ich doch weiß. Ich brauche alle meine Sinne um sie zu spüren, zu erleben - die Frau, die mein Leben ist.

Ich erwache aus dem leichten Schlaf, in den ich gefallen bin, nachdem sie an mich gedrängt eingeschlafen ist. Ich weiß, ich habe nicht lange geschlafen, eine halbe Stunde oder eine Stunde vielleicht. Ich öffne langsam die Augen, es ist dunkel. Wir haben die meisten Lampen ausgemacht, bevor wir uns schlafen legten, und die verbliebenen spenden nur noch schemenhaftes Licht. Die Schatten kriechen über das leere Laken neben mir. Draußen hingegen zeigt sich nun ein fahler Silberstreif am Horizont, gegen den sich ihre Silhouette abzeichnet. Ich drehe mich auf den Rücken, um sie ansehen zu können. Abbey steht mit dem Rücken zu mir und blickt aus dem Fenster, so wie ich vor einigen Stunden. Sie trägt nun wieder ihren hellen Kimono. „Was tust du?“

„Ich beobachte." Sie rührt sich nicht. Sie ist nicht erschrocken über meine Frage, nicht einmal überrascht, sie muss mein Erwachen bemerkt haben. "Was sich dort unten im Garten bewegt.“

„Und?" Die Laken geben ein Rascheln von sich, als ich meine Position verändere. Womöglich war es das, was mich verraten hat.

„Nichts. Nur ein paar Eulen ... ein Eichhörnchen ...“

„Vergiss die Secret Service Agenten nicht“, sage ich gedankenlos, während ich vom Bett aufstehe. Das Laken schlinge ich mir dabei um den Körper, mehr gegen den frischen Luftzug, als aufgrund von Schamgefühl.

Abbey wendet sich mir zu. „Ich hasse es, wenn du das tust.“ Doch sie sagt es ohne Ärger. Sie dreht sich zum Fenster. „Die Secret Service Agenten versuche ich, absichtlich zu vergessen.“

Ich lächele zufrieden. „Ich weiß, ich konnte nicht widerstehen.“ Eigentlich beschäftigt mich etwas anderes. Vorhin hatte ich angenommen, dass sie schlief, doch scheinbar hatte ich mich getäuscht. „Warum bist du noch wach? Warum schläfst du nicht?“ Ich stehe nun so dicht hinter ihr, dass sich unsere Schultern beinahe berühren. Als sie ihren Kopf zu mir dreht, streift sie mich tatsächlich.

„Ich kann nicht.“ Mein Blick sagt ihr, dass mir das nicht genügt. „Ich hab's versucht, aber ...“

„Aber?“

Wieder blickt sie aus dem Fenster, als würde sie dort versuchen etwas zu erkennen, obgleich es bei solchen Lichtverhältnissen unmöglich ist. „Irgendetwas ist nicht richtig.“

Ich unterdrücke ein Seufzen und ignoriere das flaue Gefühl in meinem Magen. Es wird noch schlimmer werden. Wieder stelle ich mir tausend Fragen, die doch alle bedeutungslos sind. Denn es gibt nur den einen Weg, den ich gehen werde. „Ich sage das eigentlich nie, aber ich hoffe, du hast Unrecht.“ Dort in ihren Augen finde ich ihre Sehnsüchte, die auch meine sind. Und ich hoffe auf ein Danach, in dem ich mich bei ihr für das entschuldigen kann, was ich tun werde. „Ich dusche mich und mache uns dann Frühstück, es dämmert bald, ich hab um 7 Uhr ein Meeting im Oval.“ Schon bin ich beim Bett angelangt und tausche das Laken gegen meinen Morgenmantel.

„Nein, ich kümmere mich ums Frühstück.“ Ebenso wie ich zuvor, wartet sie keine Antwort ab und ich frage mich, ob das etwas ist, das sie von mir übernommen hat, oder ob es schon immer zu ihr gehört hat. Sie zieht sich an und geht aus der Tür.

Noch lange lausche ich den Schritten ihrer Schuhe auf dem Boden, ich kann sie leicht von all den anderen unterscheiden. Dann verlasse auch ich den Raum. Ich werde im Oval auf sie warten, um dort noch eine letzte Sache zu erledigen, bevor ich tue, was ich tun muss. Und so lasse ich den Raum hinter mir ohne zurückzublicken und trage nur die Erinnerungen mit mir.

The End
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