THE OTHER SIDE

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
08.09.2018
10.05.2019
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Oh … ähm … Hallo!
Vielleicht kennt mich der ein oder andere noch. Ich war hier mal sehr aktiv und dann wurde ich in die Verlagswelt gesogen und plötzlich war dann alles anders. Die Zeit wurde ganz schlagartig sehr knapp und ist sie immer noch irgendwie.

Was ich jetzt hier mache? Ich schreibe tatsächlich mittlerweile ausschließlich für 'die Welt da draußen' (falls man das so nennen kann ^^ ich habe keine Ahnung, wie ich das nun am besten formuliere), aber ich habe noch das ein oder andere Herzensprojekt auf meinem Rechner, das ich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in die Verlagswelt geben will, sondern lieber hier veröffentlichen möchte.
Diese Projekte (so wie THE OTHER SIDE) sind vollständig abgeschlossen, ich werde sie aber dennoch erst nach und nach online stellen, weil ich vorher dann doch gern nochmal drüber lesen will ;-)

Ein Cover gibt's sogar auch:----> hier <----

So und jetzt hab ich genug gequatscht, oder?

Ein Hinweis vielleicht vorneweg für die, die meine Geschichten und FFs hier schon kennen: Ja, der Anfang ist tatsächlich von meiner eigenen Geschichte INTO THE UNKNOWN gemoppst, aber bei dieser einen Szene bleibt es dann auch. Keine Sorge ;-) Diese Geschichte ist und bleibt eine komplett eigenständige.

Und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als euch viel Spaß zu wünschen!




1. Kapitel

Es gibt schlimmere Tage zum Sterben, denkt Rainn, als sie kurz in den lichtblauen Himmel zu der grellen Sonne hinauf blinzelt, die sich, gefiltert durch die hundert Meter entfernte Glasdecke, bricht. Sie presst den Rücken an den Baumstamm, schließt die Augen und atmet gleichmäßig ein und aus, lauscht in die Natur um sie herum. Dabei vernimmt sie deutlich das Rascheln und Surren des künstlich erzeugten Windes an diesem schwülen Sommertag, der nicht einmal annähernd erfrischend wirkt bei der Hitze, die man hier simuliert.
Ein leises Knacken von Ästen auf dem Untergrund, lässt sie aufhorchen. Zu weit weg.
Als Nächstes folgt das Knistern von verdorrten Blättern auf dem Boden. Leichtes Gewicht. Sehr nah.
Rainn öffnet ihre Augen und umklammert den Compoundbogen in ihrer Hand fester. Dann drückt sie sich vorsichtig mit dem Hintern vom Baum weg und greift über ihre Schulter an den Köcher auf ihrem Rücken. Langsam, und so leise wie sie nur kann, zieht sie einen Carbonpfeil heraus und legt ihn nach vorn an den Bogen. Sie späht um den Baumstamm herum. Nur ganz kurz blitzt ihr dunkelblonder Schopf in der Umgebung auf, verschwindet dann wieder ungesehen hinter dem Stamm. Aber es reicht, um den Hasen zu entdecken, der auf dem fast identisch gefärbten Blätterwerk nach etwas Essbarem scharrt.
Sie legt den Pfeil vollständig ein, befestigt den Handgelenkrelease an der Sehne. Es ist mittlerweile so still, dass sie meint, das eigene Herz schlagen zu hören, das das Rauschen des Blutes bis in ihre Ohren trägt.
Schließlich hebt sie den Bogen auf Gesichtshöhe und spannt ihn sorgfältig. Sie fühlt, wie ihre Armmuskeln die Spannung halten, während sie sich umdreht und wieder zu dem Hasen zurücksieht. Er scheint von seinem nahenden Unheil noch nichts zu ahnen, scharrt unbeirrt weiter auf dem Boden herum.
Rainn hat ihn genau im Visier. Er bewegt sich nicht, ist ein leichtes Ziel. Erst recht auf die entspannte Distanz. Doch bis zu diesem Moment wartete sie Minuten lang und hat sich ihm mühsam von Baum zu Baum genähert. Nur um schlussendlich zu merken, wie er wieder davon gehoppelt war, sodass sie sich ihm erneut hatte nähern müssen. Aber jetzt ist der Augenblick gekommen, in dem er nicht mehr flüchten kann. Ihr Bogen ist zu schnell, die Pfeile zu stabil und haben dank des Releases kaum Schwingungen.
Der Hase ist so gut wie tot.
Sie achtet noch ein weiteres Mal auf ihre Atmung und entlässt den Pfeil schließlich beim Ausatmen, als würde sie ihm noch letzte Glückwünsche auf den Weg geben. Nur einen Wimpernschlag später schießt sie um den Baum herum und sucht mit hektischem Blick nach dem Hasen am Boden. Ein triumphierendes Lächeln ziert ihr Gesicht. Den Bogen noch immer fest in ihren Händen, nähert sie sich ihm nun gemächlich und geht neben dem durchbohrten Tier in die Hocke. Vorsichtig streicht sie den, noch warmen, Kopf entlang die langen Ohren hinauf, an welchem ein türkisfarbener Plastikclip steckt. Sie dreht ihn in ihre Richtung, um die eingravierte Zahl lesen zu können.
„Sieh mal an“, murmelt sie fasziniert. „Nummer Dreiundzwanzig. Weißt du eigentlich, dass dieser Clip mal einem deiner Vorfahren gehört hat? Einem echten Gründungsmitglied. Ich hoffe, dir ist bewusst, was es für eine Ehre war, den Clip so lange tragen zu dürfen?“ Sie streicht dem verstorbenen Tier mit dem Daumen liebevoll über den Nasenrücken.
Zu sagen, dass sie Mitleid mit ihm empfindet, wäre wohl nicht ganz wahr. Dafür sind schon eindeutig zu viele Lebewesen durch ihre Hand gestorben. Aber man brachte ihr bereits früh den Respekt vor dem Leben bei. Sie essen schließlich, um zu überleben. Doch Überleben können sie nur, wenn sie in einem ständigen Gleichgewicht existieren. Wenn sie nehmen, müssen sie auch geben. Geben sie zu viel, stürzt alles ins Chaos und nehmen sie zu viel ebenfalls.
Dieses Geschenk in ihren Händen, der Tod des Hasen, schafft Gleichgewicht. Hält sie am Leben. Und hält selbst die Hasen am Leben.
Rainn sieht sich um, kann Milo aber nirgendwo entdecken. Also greift sie nach der Hundepfeife, die um den Hals hängt. Sie bläst hinein und macht sich anschließend an die Arbeit, die Hinterpfoten des Hasen zusammenzubinden. Sie schaut sich nicht noch einmal um, doch das muss sie auch gar nicht. Milo und sie sind ein perfekt eingespieltes Team. Auch, wenn ihr Vater ihr immer wieder eingebläute, dass der Jagdhund kein Freund ist, sondern ein Arbeitsmittel, das man mit strenger Hand führen muss, hat der Weimarer Hund ihr Herz von der ersten Sekunde an erobert. Sie vertraut ihrem Vater für gewöhnlich in jedem Punkt und hört auf so ziemlich alles, was er ihr sagt. Aber in dieser Hinsicht liegt er falsch. Milo ist ein Teil ihrer Familie, kein reines Arbeitsmittel, wie es der Jagdhund ihres Vaters war. Er ist ihr Bruder, den sie nie hatte, und vermutlich der einzige Grund, warum sie keinen Mann in ihrem Leben vermisst. Nicht, dass es ihr ohnehin gestattet ist, so eine Beziehung zu führen, wie es ihre Schwester tut. Zudem es ist auch nichts, was Rainn überhaupt möchte. Ganz sicher nicht.
Sie wirft sich den zusammengebundenen Hasen über die Schulter und erhebt sich in dem Moment, als Milo zwischen den Bäumen auf sie zu geschossen kommt. Sofort schnüffelt er nach Spuren auf dem Boden und widmet sich anschließend akribisch Rainn und dem Hasen, der an ihrem Rücken baumelt. Es wirkt beinahe, als versuche er zu verstehen, was hier ohne ihn geschehen ist.
„Sorry, mein Guter, aber das habe ich gerade noch ohne deine Hilfe geschafft.“ Sie schmunzelt, setzt sich in Bewegung und tätschelt ihm kurz im Vorbeilaufen den Kopf. Der große, graue Hund mit dem samtweichen Fell und den himmelblauen Augen, die Rainns so ähnlich sind, trottet schließlich entspannt neben ihr her, während sie das kleine Waldgebiet wieder verlassen.
Als die Bäume sich lichten, wirft Rainn einen kurzen Blick nach oben. Die Sonne steht hoch und kämpft sich gewaltvoll durch das dichte Blätterwerk des Mischwaldes hindurch. Immer wieder, wenn sie so in den Himmel sieht, versucht Rainn das zu erkennen, was sie alle hier im Gleichgewicht hält. Das, was sie schützt und versorgt. Sie kennt kein anderes Leben, als das hinter der großen Glaskuppel, die sie alle seit so vielen Jahren beherbergt. Selbst ihr Großvater wurde schon hier geboren und kam als eines der ersten Kinder hier in der Biosphäre 5 auf die Welt. In dem Ort, den ihr Urgroßvater geholfen hatte aufzubauen.
Doch auch an diesem Tag kann sie keine Stelle ausmachen, die preisgeben würde, dass sie in einer abgekapselten Welt leben. Kein Riss, keine Spiegelung. Nur ein strahlend blauer Himmel über ihrem Kopf, der aussieht, als müsse sie nur die Hand danach greifen, um ihn zu berühren.
Sie wendet den Blick wieder ab, springt über einen Baumstamm und erreicht daraufhin den befestigten Betonpfad, der den künstlich angelegten Wald begrenzt. Das Lebensmittellager befindet sich glücklicherweise in fünfminütiger Laufentfernung, sodass Rainn die Beute schnell vorbeibringen und noch mal in den Wald zurückkehren kann. Der Lagerkomplex ist das größte Gebäude in der Biosphäre 5 und in verschiedene Bereiche eingeteilt, in die die Lebensmittel, das Handwerkszeug und alles, was sie zum Leben brauchen und herstellen, in akribischer Buchhaltung aufbewahrt wird. Es stehen empfindliche Strafen auf das Stehlen oder Einbehalten der erwirtschafteten Güter. Doch allein der Gedanke an diese Möglichkeit ist absurd und Rainn kann sich nicht vorstellen, dass es irgendjemandem hier anders ergeht. Sie haben doch alles, was sie brauchten. Jeder bekommt die gleichen Rationen, die gleiche Hilfe und Unterstützung. Mehr gibt es sowieso nicht, da reicht nur ein Blick in die Bestände, die jedem Bewohner frei zugänglich sind. Sollte es Engpässe geben, dann werden diese gerecht auf alle Schultern verteilt. Besondere Güter, wie Erdbeeren oder Wassermelonen im simulierten Frühling und Sommer ebenso. Selbst das harte Schicksal der, nicht ganz so beliebten, Kohlernte im Winter teilen sie gemeinsam. Aber dieses Vergnügen liegt zum Glück noch einige Tage in der Zukunft, denn es ist Sommer. Zumindest in ihrer eigenen, kleinen Welt.
Die weiße Stahlkonstruktion der Lagerhalle lässt sich beinahe aus jedem Winkel der Biosphäre 5 erkennen und ragt schneeweiß, aus mehreren rechteckigen Gebäudeteilen bestehend, in die Höhe. Jedes Rechteck ist anderen Gütern zugeordnet und hat eigene Buchhalter, die die Bestände kontrollieren. Rainn jedoch hat es ausschließlich mit Claire zu tun, die den Bereich der leicht verderblichen, tierischen Lebensmittel führt. Frisches Fleisch. Fisch. Milch und Eier.
Claire steht, wie üblich, hinter dem gläsernen Tresen und tippt auf dem dort integrierten Touchscreen herum. Die Brille trägt sie dabei auf der Nasenspitze, als wäre sie uralt und nicht erst Anfang Dreißig. In dem vorderen Bereich des Lagers ist es immer angenehm kühl und riecht leicht steril, wie auf der Krankenstation. Rainn hat hier stets das Gefühl zu stinken und so ganz und gar nicht in diese Welt zu passen. Sie riecht nach Wald, nach Erde und ist dreckig, manchmal sogar noch blutbeschmiert. Im Inneren des Lagergebäudes ist es weiß oder silbern glänzend, alles hat seine Ordnung, seinen Platz. Aber genau diese Gegensätze mag sie so an ihrer Welt. Sie besteht aus allem, was man sich nur vorstellen kann. Eine ganze Welt in nur wenigen Quadratkilometern.
„Oh, hallo Rainn.“ Claire strahlt sofort, als Rainn in den Vorraum der Lebensmittelhalle platzt. „Und hallo Milo.“ Ihr Strahlen wird noch ein wenig größer, als sie den Hund an ihrer Seite bemerkt. Es ist ihnen in B5, wie sie ihr Zuhause verkürzt nennen, grundsätzlich gestattet, Haustiere zu halten. Doch man musste diesen Wunsch bei der Verwaltung anmelden und bekommt dann ein Haustier zugeordnet, wenn man ausgelost wird. Rainn und ihr Vater stellen dabei eine Ausnahme dar. Sie sind Jäger, tragen das Brandmal des Jägers auf ihrer linken Wange und zur Ausübung ihrer Berufung ist ein Jagdhund an ihrer Seite vorgesehen. Ein weiterer Grund, warum Rainn ihren Job liebt.
Milo beginnt mit dem Schwanz zu wedeln, als er Claire bemerkt und steigt auf die Hinterpfoten, um mit den Vorderpfoten auf den Tresen zu gelangen. In dieser Position ist der gutmütige Hund beinahe ebenso groß wie Rainn. Ein Glück, dass er im Grunde recht wenig von seiner eigenen Kraft zu wissen scheint. Claire lächelt verschmitzt, greift in ihre Hosentasche und fischt ein Stück Trockenfleisch heraus, welches sie Milo schnell entgegen schiebt.
„Also, was hast du für mich?“ Claire richtet sich wieder an Rainn, nachdem sie dem vergnügt kauenden Milo noch mal den Kopf tätschelte.
„Ein Hase. Noch nicht ausgenommen, damit Fred auch mal ein bisschen Arbeit bekommt und …“, Sie macht eine Pause, während sie den toten Hasen von ihrem Rücken löst und auf den Tresen wirft, „ … einen interessanten Clip.“
Claire zieht das Tier in ihre Richtung und begutachtet den Clip. „Oh, Dreiundzwanzig? Eine so niedrige Zahl hatten wir schon ewig nicht mehr.“ Sie beginnt sofort den Touchscreen zu bearbeiten und schiebt sich hektisch die Brille zurecht. „Da haben wir’s. Tatsächlich. Das ist der Clip eines Gründungshasen, der seitdem den Besitzer nur zweimal gewechselt hat.“
„Das bedeutet, dass einer der Hasen ziemlich lange irgendwo lag und wohl halb verrottet war, als man den Clip fand. Aber, was noch viel wichtiger ist; was ist Dads Rekord?“
Claire sieht vom Bildschirm auf und schmunzelt. „Vierundfünfzig.“
„Ja, endlich!“, ruft Rainn triumphierend und reckte die Faust in die Höhe. Milo bellt neben ihr laut auf.
„Was hat dein Vater dir versprochen, wenn du ihm eine niedrigere Nummer bringst?“
„Sein Jagdmesser, das einmal meinem Urgroßvater gehört hat. Gott, du glaubst gar nicht, wie lange ich darauf schon scharf bin.“ Rainn greift gierig nach dem Hasen, nachdem Claire den Clip unter den Scanner gehalten und den Hasen im System registriert hat. Nicht gerade liebevoll, reißt sie den Clip vom Ohr und steckt ihn in den Beutel an ihrer Hüfte, in welchem sich noch zahlreiche weitere Clips tummeln.
„Forderst du es sofort ein?“
„Nein, heute Abend erst. Ich muss noch ein paar Lebendfallen kontrollieren, vielleicht werde ich den Clip gleich wieder los, wenn ich einen Hasen ohne Clip erwische.“
„Na dann.“ Claire streicht Milo das letzte Mal über den Kopf und schenkt Rainn ein fröhliches Lächeln. „Weidmannsheil.“

Beschwingt verlässt Rainn das Lager wieder und sieht nach oben, als sich die Welt um sie herum plötzlich verfinstert. Vor die Sonne hat sich eine große, bauschige Wolke über den, ansonsten klaren, Himmel geschoben. Ihre Schritte werden langsamer, während sie noch immer mit zusammengekniffenen Augen nach oben blickt. Auch Milo bleibt stehen und sieht hinauf.
Ob die Wolken eine andere Farbe haben, wenn man draußen ist? Vielleicht sind sie gar nicht weiß, sondern rot, pink oder grün.
Ob die Temperaturen rapide sinken, wenn die Sonne plötzlich fehlt, weil eine Wolke sie verdunkelt? Immerhin wird das Klima in B5 nicht durch die Außenwelt reguliert, so wie das draußen die Sonne und der Wind tun.
Und ob auch die Wolken vollgesogen sind, mit all den verseuchten Stoffen, die die gesamte Welt befielen? Rainn weiß aus dem Unterricht, den sie als Kind erhielt, dass der ganze Boden kontaminiert ist, die Wasserversorgung und die Luft. Aber was ist mit den Wolken, die so rein und unschuldig aussehen? Kann man sie berühren? Wie fühlen sie sich an?
Rainn betritt den Wald, als die Sonne wieder beginnt hervor zu spähen. Doch ihre Gedanken befinden sich noch immer an fernen Orten. Sie denkt oft an das, was außerhalb der Strahlenschutzgläser wartet. Vermutlich ist es nicht viel, denn die Gegebenheiten, die vor knapp siebzig Jahren zur Flucht in B5 führten, ließen kein Leben auf dieser Welt mehr zu. Dennoch fragt sie sich nicht schon zum ersten Mal, ob man sich dessen wirklich sicher ist?
Sie weiß nichts von der Größe der Welt, doch wenn sie am Rand der Glaswand ankommt, hat sie einen unglaublichen Blick in die Wüste Arizonas, in der sie hier leben. Sie erkennt sie rötlich braune Erhebungen, die imposant den Horizont schmücken. Überall sind vereinzelte, verdorrte Büsche und saftig grüne Kakteen. Es fällt ihr schwer, sich vorzustellen, dass die Welt hinter diesen Hügeln noch weitergeht. Aber das muss sie. Sie hat Bilder gesehen in der großen Bibliothek, die sie hier besitzen. Von gigantischen Meeren, weißen Sandstränden, antarktischen Gegenden, gefährlichen Dschungelgebieten und hunderte Meter hohe Berge. Sie kann es einfach nicht begreifen, ist tief drin überzeugt davon, dass das alles nur ein Märchen ist. So wie die Märchen, die ihr ihre Mutter damals vor dem Einschlafen vorlas.
Sie will wirklich glauben, dass all diese wundersamen Dinge da draußen sind und es der Welt gut geht, nachdem die Menschheit sie in ihrem fanatischen Wahn fast vollkommen zerstörte. Aber die Wahrheit ist wohl vielmehr, dass ein Schritt nach draußen den sicheren Tod bedeutet und nichts und niemand mehr dort überleben kann. Genau so, wie man es sie schon als Kind lehrte.
Noch immer in Gedanken versunken, kontrolliert sie ein paar Lebendfallen, findet jedoch nur bereits gechipte Tiere darin, die sie wieder frei lässt. Umso tiefer sie sich in den Wald begibt, umso mehr nähert sie sich dem Ende ihrer kleinen Welt. Aber das tut sie an jedem einzelnen Tag, seit sie den Wald patrouilliert. Sie verweilt dann stets ein paar Minuten vor dem imposanten Glas, welches sich vor ihr, in nicht erkennbare Höhe, nach oben schraubt. So steht sie auch an dem heutigen Tag schließlich am Ende der Welt, nur eine Handbreit entfernt von dem Glas. So nah, dass sie ihren eigenen Atem spürt, ihn auf der Scheibe sehen kann. Es ist mittlerweile später Nachmittag, die Sonne geht in ihrem Nacken unter und haucht diesen Wüstenabschnitt vor ihr in dunkle Schatten. Sie versucht, etwas zu erkennen, Bewegungen auszumachen. Doch da ist nichts, außer dem Wind, der da draußen braune Gräser erzittern lässt. Der echte Wind. Ob er sich anders anfühlt, als ihr Wind, der durch die Turbinen erzeugt wird? Vielleicht ist er zärtlicher. Mit höherer Wahrscheinlichkeit jedoch grausamer. Todbringender. Eine Gänsehaut zieht sich über ihren Körper.
Gerade als sie sich abwenden will, um nach Hause zu ihrem Vater zu kommen, erregt eine Ungereimtheit in ihrem Augenwinkel ihre Aufmerksamkeit. Der Wind draußen hat Sand und Staub gegen das Glas geweht, welches nah am Boden auf der anderen Seite besonders undurchsichtig ist. An dieser Stelle lässt sich für gewöhnlich kaum etwas erkennen, da die Staub- und Sandschicht hier am dichtesten an der äußeren Glaswand haftet.
Rainn geht in die Hocke und hält Milo am Halsband zurück, als die-ser sich sogleich schnuppernd vor sie drängen will. Zögerlich streckt sie die Hand aus, wischt an der Scheibe hin und her. Die darauf fol-gende Erkenntnis lässt sie erschrocken zurückfahren, sodass sie auf dem Hintern aufkommt. Ihr Atem stockt ihr abrupt in der Kehle.
Der eindeutig zu erkennende Handabdruck auf der dicken Staubschicht befindet sich auf der anderen Seite des Glases.
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