Myrie Zange - Die Symmetrie der Schneeflocken

GeschichteFantasy, Sci-Fi / P12
06.09.2018
22.09.2018
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Prolog
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Heddra stapfte durch den tiefen Schnee. Der Himmel hatte einen dieser
wundersamen graurötlichen Farbtöne, die eigentlich dunkel wirken, aber
doch leuchten. Man erkannte keine einzelnen Wolken, es war eher eine
einzige diffuse Wolkenschicht, die sich nicht sicher war, wann sie keine
Wolkenschicht mehr war, sondern Himmel. Für jeden Schritt musste sie
eines ihrer fast knietief im hellen Schnee versunkenen Beine aus der
kaltfeuchten Schneemasse heraushieven und durch die angefrorene Schicht
vor ihr wieder hinabsenken. Es gab dabei ein brechendes und dann das
vertraute knarzende Geräusch, wenn der Schnee zusammengedrückt wird. Es
war mühsam und schön.

Das Kind auf ihrem Rücken fand die ganze Aktion nur mäßig gut. Es war
nun zwei Wochen alt und hatte sich in der Zeit genügend über das
Umhergewandere beschwert. Sehr dicht an Heddras Ohr, sehr laut. Und
Heddra, die es gern ruhig hatte, hatte schon nach wenigen Tagen
beschlossen, dass sie die Erziehung eines Kindes zu sehr stressen würde.
Wahrscheinlich war es auch besser für das Kind, wenn nicht sie das tat.
Sie hielt sich nicht für besonders geeignet ein Kind zu erziehen. Sie
zog umher, mochte Abenteuer und die Einsamkeit. Nur gelegentlich mochte
sie mal jemanden besuchen, aber meist war sie lieber für sich.

Der Vater wäre dazu sicher wesentlich besser geeignet. Er war ein
sensibler, warmherziger Mann, der einen einfach sein lassen konnte.
Einer der ganz wenigen, die Heddra gern immer wieder für einige Zeit um
sich hatte. Er erwartete keine Regelmäßigkeiten und keine
Mindestaufenthalte. Er machte keine zynischen Bemerkungen, wie "Ach, du
auch mal wieder hier.". Wenn sie kam, kam sie, und er freute sich, und
wenn sie gehen musste, weil es in ihren Fußsohlen juckte, dann war das
stets in Ordnung.

Heddra liebte ihn und lächelte bei diesem Gedanken.

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Es musste doch hier irgendwo sein, dachte sie. Es war ein wunderschönes
Gebirge, dass sie bisher immer überquert hatte um das Dorf zu erreichen,
in dem der Vater des Kindes lebte. Sie hatte einen sehr ausgeprägten
Orientierungssinn und fand jeden Weg wieder, den sie auch nur einmal
erklommen war oder durchwandert hatte. Dieses mal aber ging sie einen
etwas anderen Weg. Bisher hatte sie deutlich steilere Wege genutzt. Aber
auf eine solche Kletterpartie wollte sie dann doch für das Kind
verzichten und sie nahm stattdessen eine weniger gefährliche Route. Es
wäre allerdings wesentlich angenehmer und einfacher gewesen anders. Auf
den steilen Hängen lang weniger Schnee.

Der Abend dämmerte und violettes Licht zeichnete sich an den Horizont
oberhalb der vollgeschneiten Tannen, deren Äste schwer herabhingen, als
wären sie müde. Ein romantisches Bild. Heddra blieb stehen um es zu
bewundern. Es schneite gerade nicht, das stimmte das Kind etwas
gnädiger.

Als sie oben auf dem nächsten Hügel am Rande des Gebirges angekommen
war, sah sie es endlich. Ein Dorf, vielleicht ein paar mehr als 40
Häuser, ein breiter Bach oder schmaler Fluss, der sich dazwischen
hindurchschlängelte, eine kleine, hölzerne Brücke, die sich darüber
beugte. Eine wirklich schöne Brücke aus dunklem Holz, mit einem
verzierten Geländer, gleichmäßigen Planken, schön gedrechselten
Pfeilern. Das Dorf trug den passenden Namen Byrglingen und der Strom,
der so dahinplätscherte, war die Glukka.

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Als Heddra endlich das Dorf betrat, war es weit nach Mitternacht. Die
Lichter waren erloschen, nichts regte sich. Es war angenehm still.
Heddra ging die Hauptstraße entlang und bog dann in den Holzweg ein.
Dabei ging sie so leise wie es ihr möglich war, um die Stille nicht zu
unterbrechen. Das letzte Haus in der Straße hatte einen Garten, der in
einen wunderschönen Holzzaun eingefasst war. Er war im gleichen Stil
angefertigt, wie die Brücke, die über die Glukka führte. Das Törchen war
dunkel und Reliefs von Tieren waren eingearbeitet. Besonders gefiel
Heddra der detailreiche Drache. Sie hatte erst einmal einen echten aus
der Ferne gesehen und das war auch schon Jahre her. Sie strich mit ihren
Fingern darüber.


Das Holz glänzte vom Beizen und roch dadurch gut. Dieser Geruch zog sich
durch das ganze Anwesen und Heddra liebte ihn. Auch deshalb kam sie hier
immer wieder her. Und auch, weil der Mann, der hier lebte, einen Sinn
für soetwas hatte. Er war ruhig und geduldig und freundlich. Er ließ
sich auf ihre merkwürdigen Eigenarten ein und schwieg, wenn sie es ruhig
haben wollte. Im Sommer war der Garten voll mit duftenden Gewächsen,
Blumen vor allem, aber auch Kräuter.

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Heddra klopfte an die Haustür und es kam ihr vor, als würde sie etwas
des Zaubers zerstören, der auf diesem Anwesen lag. Zu allem Überdruss
reagierte auch niemand. Nach einigen Minuten, bevor der Zauber wieder
zurückkriechen könnte, klopfte Heddra ein weiteres Mal, dieses Mal
energisch. Es brauchte eine Weile, bis Schritte sich der Tür näherten
und sie geöffnet wurde. Und Vadime stand in der Tür. Er reichte Heddra
bis zur Hüfte und legte den Kopf in den Nacken, um ihr ins Gesicht zu
schauen.


"Heddra!", sagte er mit seiner tiefen, weichen Stimme, "Komm rein!"


Er hielt ihr die Tür auf, -- natürlich eine schön gearbeitete Holztür
--, und Heddra bückte sich unter dem Türrahmen hindurch in die
Werkstatt. Es war gemütlich warm hier drin. Die Mauern isolierten gut.
Ein warmes orangenes Leuchten erhellte den Raum von einer Wand gerade
so, dass die Umrisse der Werkbänke und Stühle zu sehen waren und man
sich orientieren konnte. Mit einer Geste regelte Vadime die Helligkeit
ein wenig hoch, sodass Heddra sein Gesicht besser sehen konnte. Vom
Gesicht war dennoch nicht sehr viel zu sehen. Über seinen dunklen Augen
waren buschige, braune Augenbrauen, und seine Stirn verriet, dass er
feste, rötlichbraune Haut hatte. Der Rest war behaart. Sein brauner
Vollbart bestand allerdings nicht aus so festem Haar wie bei vielen
anderen, sondern war ungemein flauschig. Heddra streckte die Hand aus
und fasste hinein. Er war gut gepflegt und fühlte sich einfach
wundervoll auf der Haut an. Vadime griff nach ihren Handgelenken, nicht,
um ihre Hände wegzuziehen. Seine festen Hände waren wundervoll warm und
strichen ihr über ihre Handballen und Unterarme.

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Sie standen eine Weile so da ohne zu sprechen, bis sich das Kind auf
Heddras Rücken durch Wimmern bemerkbar machte. Heddra ließ etwas
bedauernd von Vadimes Bart ab und schnürte das Kind vom Rücken. Sie gab
es Vadime in die Arme, der es sofort leicht wippte und liebevoll ansah.
Es hörte zu wimmern auf und sah ihn aus großen grauen Augen an. Heddra
kramte in einer ihrer Taschen, fischte einen zerknüllten Zettel heraus,
strich ihn glatt und legte ihn auf den Bauch des Kindes in Vadimes
Armen. 'Myrie' stand darauf.

"Myrie", murmelte Vadime leise, doch Heddra schüttelte den Kopf.

"Das ist kein langes i. Der Name hat drei Silben, nicht zwei. Anders als
bei deinem Namen ist das e nicht stumm."

"Myri-je?", fragte Vadime und Heddra nickte.

"Du bist der Vater.", sagte Heddra verlegen, "Wirst du sie groß
ziehen?"

Vadime lächelte sofort.

"Natürlich!", sagte er. Er drückte das Kind glückseelig etwas mehr an
sich und es war ihm deutlich anzusehen, dass er sich freute. Heddra
freute sich auch. Sie hatte schon vermutet, dass es klappen würde. Dass
er das Kind behalten würde. Aber sie hatte nicht unbedingt damit
gerechnet, dass er sich darüber so freuen würde. Er zog bereits drei
andere Kinder groß, und sicher war das eine Belastung. Aber so war es
besser. Und Heddra fühlte sich bestätigt in ihrer Annahme, dass ihr Kind
es hier bestimmt besser haben würde, als bei ihr.

Sie drehte sich um und schritt zur Tür.

"Ich freue mich immer wenn du vorbeikommst!", sagte Vadime. Er machte
keine Anstalten, sie aufzuhalten, aber es klang doch anders, als es
sonst klang, wenn er sie verabschiedete. Und Heddra begriff, dass er sie
schon wieder besser eingeschätzt hatte, als sie sich selbst. Sie würde
so bald nicht wiederkommen. Sie hätte Angst, dass ihr eigenes Kind sie
nicht mögen würde, oder böse auf sie wäre, weil sie es allein gelassen
hätte. So albern diese Ängste auch sein mochten. Heddra hatte sie schon
jetzt. Sie drehte sich noch einmal um und küsste Myrie und Vadime noch
einmal auf die Stirn, sanft und vorsichtig. Voll Liebe. Dann strich sie
Vadime noch einmal durch den Bart und über den Kopf. Mit dem Bart war
sie inzwischen nicht mehr allein. Das Kind hatte längst die winzigen
Hände in Vadimes Bart gestreckt und Vadime musste aufpassen, dass es
nicht daran zog.

Dann verließ sie das Haus, den Garten, das Dorf und verschwand aus
Myries und Vadimes Leben. Es machte sie traurig, aber auf der anderen
Seite freute sie sich, dass es das Kind mit Vadime und Vadime mit dem
Kind sicher gut hatten. Vadime war nicht groß im Vermissen und das Kind
würde sich vermutlich nicht an sie erinnern, und konnte kaum jemanden
vermissen, der nie da war. Vor allem nicht, wenn es ihr an so wenig
fehlen würde, wie bei Vadime.
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