Die Abenteuer der Lyna Mahariel-Gilmore

GeschichteAllgemein / P18
Der Wächter (weiblich) Leliana OC (Own Character) Ser Gilmore Zevran
05.09.2018
05.09.2018
2
5794
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
So, nachdem mich die Muse, nach  langer Abwesenheit, wieder geküsst hat, habe ich die Geschichten, ein wenig überarbeitet, neu eingestellt. Ich hoffe, sie gefallen euch. Viel Spass beim Lesen.

Reviews ausdrücklich erwünscht! Wenn es euch gefallen hat, oder bei Kritik oder Anregungen, lasst mir  einfach ein paar Zeilen da. Ich werde antworten, versprochen!



------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Hast du den Verstand verloren, Lyna?“ verlangte mein Mann zornig zu wissen. Ich hatte gewusst, dass Roland mit meiner Entscheidung nicht einverstanden sein würde. Trotzdem stöhnte ich innerlich: ein halbes Jahr hatten wir uns nicht gesehen, und das erste, was er tat, war, mich anzubrüllen. Andererseits hatte ich durchaus Verständnis für seine Sichtweise, also atmete ich tief durch und antwortete: „Ich bin dagegen, Leute in Sippenhaft zu nehmen. Ich bin kein Mörder, ich kann Nathaniel nicht für die Taten seines Vaters verurteilen.“ Roland wollte mich unterbrechen, ich aber hob die Hand: „Wenn er etwas versucht, stirbt er auf der Stelle, das verspreche ich dir.“ Das schien ihn ein wenig zu beruhigen.
Es war drei Monate her. Ich war gerade angekommen und hatte meine Tätigkeit als Kommandantin der Grauen Wächter aufgenommen, als mich mein Sekretär darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass sich im Kerker ein Gefangener befand, über dessen Schicksal ich entscheiden musste. Ich hatte mich mit meiner Leibwächterin dorthin begeben und der Wache befohlen, mich mit dem Gefangenen allein zu lassen. Dieser saß am Boden: ein Mensch um die 25 Jahre, hellhäutig, dunkelhaarig, gutaussehend. Er erinnerte mich unangenehm an Arl Howe, den Roland und ich in Denerim gestellt und getötet hatten.
„Wer seid Ihr?“ verlangte ich zu wissen.
Er erhob sich: „Ich bin Nathaniel Howe“, war die Antwort. Nun, in Anbetracht dessen, dass er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, war das nicht wirklich eine Überraschung. Ich registrierte, dass er über einen Kopf größer war als ich.
„Was wollt Ihr hier?“ setzte ich mein Verhör fort.
„Um ehrlich zu sein: ich wollte Euch töten, aber als ich hier war, wurde mir klar, dass ich nur ein paar Sachen, die meiner Familie gehören, mitnehmen und dann wieder verschwinden wollte.- Hört zu, ich weiß, was mein Vater Eurem Gatten und den Couslands angetan hat. Aber es ist ungerecht, auch seine Familie zu bestrafen.“
„Er hat das Schloss überfallen und sämtliche Bewohner abgeschlachtet, da ist „angetan“ etwas euphemistisch, oder? Und auch dafür, dass er meinen Mann gefoltert hat, genauso wie andere Überlebende und sogar Kinder. KINDER! Wusstet Ihr eigentlich, dass Euer Vater seine Gemächer in Denerim in die Nähe der Folterkammern gelegt hat?“ Ich war nun wirklich wütend, ein Teil von mir wollte ihn aber auch aus der Reserve locken. Zornig fuhr ich fort: „Ich habe die Leichen der Kinder gesehen, übel zugerichtet. Und die Kinder auf Schloss Cousland, meint Ihr, dass die politische Gegner waren oder so?“ Mir war klar, dass ich ungerecht war, aber ich konnte nicht anders. Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen.
„Wenn Ihr mich fragt, ob ich von seinen Plänen wusste oder etwas damit zu tun hatte, lautet die Antwort nein. Ich war Knappe eines Adeligen in den Freien Marschen. Und so etwas ist nichts für Briefe.“
Ich  traf eine Entscheidung: „Hört zu, Nathaniel, ich kann Euch nicht für die Verbrechen Eures Vaters verurteilen. Ich kann Euch aber auch nicht einfach gehen lassen. Ich werde Euch rekrutieren.“
„Auf keinen Fall“, rief der junge Mann entsetzt.
„Hab ich gesagt, dass ich Euch eine Wahl lasse?“

Und das war der Grund für meinen Streit mit Roland. Dieser beruhigte sich allmählich. Er atmete tief durch, trat zwei Schritte auf mich zu und nahm mich in seine Arme.
„Wie geht es dir?“ fragte er.
„Nicht gut“, erwiderte ich. „Die Zwillinge werden bald ein Jahr alt, ich habe sie seit drei Monate nicht gesehen. Ich vermisse sie schrecklich, sie zu verlassen, war, als würde ich mir das Herz herausreißen. Und ich habe mich noch nicht ganz von der Geburt erholt. Zum einen, weil ich seither nicht eine Minute Ruhe hatte, zum anderen, weil Elfen nun mal zarter sind als Menschen und das menschliche Erbe immer durchschlägt. Ich habe vier Tage in den Wehen gelegen und brauchte weitere vier Tage, bis ich wieder aufstehen und umhergehen konnte.“ Roland machte ein so unglückliches Gesicht, dass ich ihm sofort versicherte: „Das ist doch kein Vorwurf an dich, Liebling! Die Schuld, wenn es eine gibt, liegt genauso bei mir, wir haben unsere Nächte ja… sehr intensiv genutzt.“
Ich fuhr fort: „Das ist aber noch nicht alles. Jeder zerrt an mir herum, ich muss mich mit der menschlichen Politik herumschlagen, und je mehr ich versuche, sie zu verstehen, desto weniger gelingt es mir. Eine meiner Adeligen hat mir von einem Attentatskomplott erzählt. Bann Esmerelle von Amaranthine lässt mir keine Ruhe, die Frau nervt und nervt. Ich muss auch in der Umgebung herumreisen. Varel“, hier sah mich Roland fragend an, woraufhin ich erklärte: „Der Seneschall“, bevor ich fortfuhr: „…nimmt mir das meiste ab, aber alles kann er auch nicht machen, weil für manches eben die Anwesenheit der Arlessa (also meiner Wenigkeit) erforderlich ist. Dabei hab ich für den Scheiß keine Zeit, weil ich den verfluchten Orden auf Vordermann bringen muss. Die orlaisianischen Wächter sind verschwunden, im Knorrigen Wald ist anscheinend ein Einstieg in die Tiefen Wege, glaubst du, ich habe Zeit, mich darum zu kümmern? Oder den Wiederaufbau der Festung? Mir platzt der Schädel, ich arbeite von Früh bis Spät, ohne Land zu sehen. Und dann noch die Sache mit Anders…“
„Ja, das hab ich mitbekommen. Was war da eigentlich los?“
Es war der Tag meiner Ankunft. Mhairi – eine Rekrutin, die den Beitritt nicht überlebt hatte und die mir der Seneschall entgegengeschickt hatte – und ich waren vielleicht noch hundert Meter vor Vigils Wacht, der neuen Wächterfestung, entfernt, als wir von Dunkler Brut angegriffen wurden. Wir metzelten uns durch die Viecher ins Innere der Festung. Auch dort war alles voll von ihnen. Wir öffneten eine Tür, die zu den Arrestzellen der Kaserne führte und prallten zurück: Ein Magier sandte einen Blitz in unsere Richtung! Zumindest scheinbar; er traf dann nicht uns, sondern einige Kreischer, die zwischen uns und ihm aus dem Boden brachen. Erst auf den zweiten Blick bemerkten wir drei Templer, die tot zu Füßen des Magiers lagen. Als der Mann uns entdeckte, versicherte er hastig: „Ich habe sie nicht umgebracht. Das war die Dunkle Brut. Aber ich bin auch nicht besonders traurig, dass sie tot sind“, fügte er hinzu.
„Habt Ihr diese Monster allein getötet?“ fragte ich erstaunt.
„Die meisten. Die Leichen da haben ein wenig geholfen, als sie noch keine waren, aber es hat nicht lang gedauert.“
„Wer seid Ihr?“ wollte ich wissen.
„Ich bin Anders, Geistheiler und, leider, ein gesuchter Abtrünniger“, gab er freimütig zu.
Ich war so müde von der anstrengenden Reise und dem Kampf, dass ich nur erwiderte: „Mir ist egal, wer oder was Ihr seid. Tötet die Monster, heilt uns im Kampf und Ihr seid willkommen.“
„Schön und pragmatisch“, lobte Anders, „so etwas findet man selten.“
Auf Mhairis entsetzten Blick erwiderte Anders: „Ich bin zwar kein Grauer Wächter, aber ich mag die Dunkle Brut ebenso wenig wir Ihr.“ Er sah ihr in die Augen, und schließlich nickte Mhairi: „Kommt, wir müssen den Seneschall finden“, drängte sie.
Dieser steckte (um es gelinde auszudrücken) in Schwierigkeiten, als wir ihn fanden. Er befand sich auf dem Wehrgang, wo ihn die Dunkle Brut, wie es aussah, unter der Anleitung eines intelligenten Artgenossen, der voll der menschlichen Handelssprache mächtig war, gezielt festgesetzt hatte. Vor diesem Kampf fürchtete ich mich: die gewöhnliche Dunkle Brut war fast bar jeglicher Intelligenz, aber trotzdem ein harter Gegner. Und  dann ein intelligentes Exemplar... Das würde hart  werden. Und es wurde hart. Und zäh. Es forderte uns alle bis aufs Äußerste; hätten wir Anders nicht gehabt, wären wir zweifellos draufgegangen.
Kaum hatten wir den Seneschall, der in Abwesenheit eines Arls das Kommando hatte, aus seiner misslichen Lage befreit, traf auch Alistair mit einer Templer-Eskorte ein. Gemeinsam mit der Kommandantin, einer energischen Frau um die Fünfzig, betrat er den Thronsaal. Mhairi sank in die Knie: „König Alistair!“, und auch wir anderen knieten nieder. Alistair bedeutete uns mit einer Handbewegung, uns zu erheben. Es war ihm sichtlich unangenehm. Ich grinste in mich hinein: Nach mittlerweile fast anderthalb Jahren auf dem Thron hatte er sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass man das Haupt vor ihm neigte. Als dem illegitimen Spross von König Maric hatte man ihm schon früh klargemacht, dass er für die Thronfolge nicht vorgesehen war. Dann jedoch war Cailan gegen die Dunkle Brut gefallen, und uns allen war daran gelegen gewesen, den halb wahnsinnigen Loghain (Cailans Schwiegervater) nicht zum König zu machen.
Der Angriff der Dunklen Brut hatte Vigils Wacht verheert, was Alistair natürlich nicht entgangen war. Er erklärte: „Ich wollte die Grauen Wächter persönlich willkommen heißen, aber… wo sind sie?“ Er sah mich an. Ich erklärte: „Du musst Seneschall Varel fragen, ich bin selber erst vor einigen Stunden eingetroffen.“
„Seneschall?“ wandte sich der König an Varel.
„Die Grauen Wächter aus Orlais sind tot oder verschollen. Die Festung hat dem Angriff zwar standgehalten, aber sie ist übel mitgenommen.“
„Tot oder verschollen?“ Alistair seufzte. „Wenigstens ist, wie ich sehe, die Heldin von Ferelden hier.“
„So wie es aussieht, wirst du wohl doch wieder in den aktiven Dienst zurückkehren müssen“, sagte ich zu ihm, eher im Scherz.
„Klingt sehr verlockend, aber vorerst bist du auf dich gestellt, Lyna.“ In seiner Stimme schwang Bedauern mit.
Verdrossen erwiderte ich leise: „Ich weiß, das heißt aber nicht, dass ich dein Schwert nicht verdammt nötig hätte.“
„Weiß ich doch“, erwiderte Alistair und sah mich voller Zuneigung an.
In diesem Moment betraten zwei Templer den Thronsaal, einen widerstrebenden Anders zwischen sich. „Majestät, dieser Mann ist ein gesuchter Abtrünniger und Mörder“, erklärte die Kommandantin der Templer, die den Magier offenbar erkannte.
Mir war nur zu bewusst, was für einen Verlust es für die Grauen Wächter gewesen wäre, wenn Anders hingerichtet würde, also sagte ich: „Ich will diesen Mann für die Grauen Wächter und mache hiermit mein Konskriptionsrecht geltend.“
Empört wandte sich die Kommandantin an Alistair: „Majestät, das könnt Ihr nicht…“  Der König schnitt ihr das Wort ab: „Die Wächter brauchen jeden Rekruten und vor allem jeden Magier. Außerdem steht ihre Autorität hier über der meinen und  der Euren!“ Finster musterte er die herrische Frau.

„Tja, das war die Geschichte mit Anders“, schloss ich.
„Politisch war es unklug“, bemerkte mein Mann.
„Das war es wohl“, gab ich zu. „Es macht mir zu schaffen, das kannst du mir glauben. Mich mit der Kirche anzulegen, wäre normalerweise nicht meine erste Wahl. Ich habe auch einen wütenden Brief von Eamon bekommen, wie ich der Krone das nur antun konnte, aber ich glaube eher, dass er meint, wie ich ihm das antun konnte, also ist es mir ziemlich egal. Wenn sich allerdings die Templer hinter ihn klemmen, haben wir – und auch Alistair – eventuell ein ziemliches Problem. Aber ich kann den Orden, verdammt noch mal, nicht aufbauen, wenn ich nicht rekrutieren kann, wen ich will.“
Eamon war Alistairs Onkel und Regent, den dieser eingesetzt hatte, bis die Dunkle Brut vertrieben wäre. Er hatte, im Gegensatz zu Alistair, den er quasi aus dem Ärmel geschüttelt hatte und den niemand kannte, Rückhalt im fereldischen Adel. Offen konnte er nicht opponieren, dazu hatte Alistair  vor und in der Schlacht um Denerim zu viel Eindruck hinterlassen, aber wer wusste schon, was er im Verborgenen tat…
Ich fuhr fort: „Die Templer haben sogar versucht, Anders eine Falle zu stellen. Sie haben ihm über einen Mittelsmann weisgemacht, einige der Phylakterien aus Denerim würden in Amaranthine aufbewahrt, darunter auch seines, wegen der Zerstörungen während der Verderbnis. Er wollte natürlich hin, ich konnte es ihm zum Glück ausreden. Ich hab schon so was vermutet. Ich bin dann mit meiner Sora nach Amaranthine gereist und habe mich dorthin begeben, wo die Dinger angeblich aufbewahrt wurden. Die Templer haben mich zum Glück erkannt. Angenehm war das Gespräch nicht, sie sind der Meinung, die Autorität der Kirche stünde hier über der der Krone und auch über unserer. Dabei hat ihr Alistair  klar gesagt, dass das  Wort der Wächter hier sowohl über dem der Kirche als  auch über der der Krone steht. Alistair“, fügte ich grummelnd hinzu, „ist ja auch  Wächter und weiß, was auf dem Spiel steht...“ Zustimmend nickte mein Mann.
„Und was war das mit diesem intelligenten Monster?“
„Wenn ich das wüsste…“, ich seufzte: „Ich wünschte, Zev und Leli wären hier.“
Die Rede war von Zevran Airani, einem ehemaligen Mitglied der Krähen, einer, nein, DER berüchtigten Meuchelmörder-Gilde aus Antiva und Leliana, einer orlaisianischen Bardin. Nicht zu verwechseln mit Minnesängern, die Barden sind nämlich Spione, allerdings arbeiten sie, anders als die Krähen, auf eigene Rechnung. Leliana hatte ich in Lothering kennen gelernt, wo sie als Laienschwester im Kloster lebte. Sie hatte sich mir auf eigenen Wunsch angeschlossen. Im Gegensatz zu Zev, der mich in Loghains Auftrag umbringen sollte. Ich hatte ernsthaft überlegt, ihn zu töten, aber die Fähigkeiten eines Assassinen der Krähen… Roland (und, nebenbei gesagt, Alistair) war natürlich überhaupt nicht einverstanden gewesen mit meiner Entscheidung, dazu war er einfach zu rechtschaffen; erst nachdem sich Zev in Denerim im Angesicht eines Überfalls durch die Krähen auf unsere Seite geschlagen hatte, hatte er widerstrebend anerkennen müssen, dass der Assassine vertrauenswürdig war. Natürlich hieß er dessen Mittel und Wege, sein Ziel zu erreichen, immer noch nicht gut, war danach aber immerhin bereit zuzugeben, dass auch Manipulation und Gift zu den gewünschten Ergebnissen führen konnten.
„Lass nach ihnen schicken“, schlug Roland vor.
„Leliana ist von der Göttlichen nach Val Royaux gerufen worden“, erklärte ich, „ich habe bereits einen Brief an sie geschickt, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht ob sie kommen kann. Ich habe ihr die Dinge so detailliert geschildert, wie ich es per Brief gewagt habe, aber…“
„Was ist mit Zevran?“
„Der ist auf der Flucht vor den Krähen und…“, ich wollte weiter reden, da erregten Bewegungen am Tor meine Aufmerksamkeit. Offenbar wollte ein einsamer Reiter das Tor passieren, aber die Wachen ließen ihn nicht durch.
„Das schau ich mir mal an“, sagte ich zu Roland; auf dem Weg zum Tor begegnete ich meiner Adjutantin: „Draußen am Tor…“
„Schon gut, Sora, ich bin unterwegs“, erwiderte ich. „Komm bitte mit.“
Die beeindruckend große Menschenfrau gehorchte. Als wir das Tor erreichten, traute ich meinen Ohren nicht: das war Zevs Stimme, die müde und geduldig erklärte: „Die Kommandantin kennt mich, schickt jemanden zu ihr…“
„Lasst ihn ein!“ befahl ich. „Er hätte Euch im Handumdrehen umgebracht, wenn er das gewollt hätte.“ Die Wachen sahen mich groß an. Ohne mich weiter um sie zu kümmern, begrüßte ich meinen alten Freund und Weggefährten.
„Zev, dich schicken die Götter“, ich fiel ihm um den Hals und winkte ich einen Stallburschen herbei, der ihm das Pferd abnahm. „Sora, das ist Meister Airani, ich möchte, dass ihm hier mit Respekt begegnet wird. Sei so gut, lass ihm Gemächer, ein heißes Bad und etwas zu essen herrichten.“
„Aber…“ wandte die junge Frau ein, offenbar um meine Sicherheit besorgt. Sie ließ mich eben nur ungern allein.
„Hast du nicht gehört, was ich den Wachen gesagt habe? Das gilt auch für mich.“ Langsam wurde ich ungeduldig. Sora schien das zu merken, sie drehte sich um und ging raschen Schrittes in Richtung Burg.
„So, und warum schicken mich die Götter?“ wollte Zev mit dem ihm eigenen Grinsen wissen, als uns Sora allein gelassen hatte. Wie ich dieses frivole Grinsen vermisst hatte!
„Mach dich erst mal frisch, dann erzähl ich dir alles. Was machst du hier? Immer noch auf der Flucht?“
„Ich hatte mir überlegt, dass mir die Grauen Wächter im Austausch für meine Dienste Schutz gewähren könnten.“
„Sie setzen dir zu, oder?“ Das mussten sie, für gewöhnlich hätte Zev nie riskiert, sich länger an einem Ort aufzuhalten.
Inzwischen waren wir im Thronsaal: Zwei Elfen, eine Frau mit dunklem Teint, langen schwarzen Haaren und tätowierten Ornamenten und hellgrauen Augen im scharfgeschnittenen Gesicht. Und ein Mann, der zwar die gleiche Augenfarbe hatte, dessen Haut aber heller und dessen halblange Haare blond waren. Merkwürdigerweise war sein Gesicht weicher geschnitten als meines. Außerdem war Zev für einen Elfen breitschultrig; ich war etwas größer als er, hätte aber von der Körpermasse her zweimal in ihn hineingepasst.
„Wer war eigentlich die bezaubernde Frau an deiner Seite?“
„Das war Sora, meine Adjutantin und Leibwächterin“, erwiderte ich. „Ein gut gemeinter Rat: Lass es, du beißt dir die Zähne  aus. Natürlich nur, wenn du es überlebst.“ Zev sah mich an, eine Braue hochgezogen.
„Sora  ist Chasind“, erklärte ich, als diese uns auch schon entgegenkam: „Meister Airani, Euer Bad ist bereit.“

Zev hatte sich frisch gemacht; wir saßen zusammen im großen Salon, ein gemütliches Feuer flackerte im Kamin. Roland und Varel hatten sich zu uns gesellt. Ein Bediensteter hatte Getränke und Knabbereien gebracht. Ich begann das Gespräch: „Ich habe Euch drei hergebeten, weil ich Euch mit den Aufgaben vertraut machen möchte, die ich für Euch vorgesehen habe. Zunächst einmal hätte ich Euch gerne als meine persönlichen Berater.“ Die Männer sahen sich an. Varel bat: „Kommandantin, wäre es möglich, Euch unter vier Augen zu sprechen?“
„Später, Varel“, versprach ich ihm und fuhr, an ihn gewandt, fort: „ Seneschall, Ihr habt mich bisher im Arling gut vertreten. Könnt Ihr Euch vorstellen, mir weiterhin, mit erweiterten Befugnissen, den Rücken freizuhalten?“
„Selbstverständlich, Arlessa.“
„Des Weiteren möchte ich, dass Ihr Euch das militärische Kommando über die Feste mit Ser Gilmore teilt. Ihn möchte ich als General über die Ordensstreitkräfte, wenn die Wächter wieder einsatzfähig sind. Ser Gilmore ist ein ausgezeichneter Stratege. Ihr habt natürlich weiterhin das Oberkommando über die Soldaten von Vigils Wacht, werdet aber für die Entlastung durch meinen Gatten dankbar sein, wenn Ihr mehr meiner Aufgaben übernehmt.“
Die beiden Männer sahen abwechselnd sich gegenseitig und mich verblüfft an. Ich entschuldigte mich: „Verzeiht, dass ich mich nicht zuerst einzeln mit Euch beraten habe.“ Varel nickte mir zu, als Zeichen dafür, dass er  meine Entschuldigung akzeptierte. Roland sah mich einfach nur liebevoll an.
„Roland, dich möchte ich zu meinem persönlichen Stellvertreter ernennen. Du vertrittst mich im Fall von Krankheit oder Abwesenheit.“
Dann wiederholte ich das, was ich Roland zu einem früheren Zeitpunkt anvertraut hatte und fuhr fort: „Zevran, für dich habe ich im Zusammenhang damit eine… nein, mehrere Aufgaben. Du wirst sozusagen mein Sonderbeauftragter. Du wirst zum einen überprüfen, ob sich Spione hier eingeschlichen haben, egal von welcher Seite. Ich weiß, du könntest Lelianas Unterstützung brauchen, ich habe auch schon nach ihr geschickt, weiß aber nicht, ob sie abkömmlich ist.“ Nachdem ich Varel kurz erklärt hatte, wer Leliana war, wandte ich mich wieder an Zevran: „Außerdem möchte ich, dass du herausfindest, wer in das Attentatskomplott gegen mich verwickelt ist; setz dich mit Ser Tamra in Verbindung. Und ich möchte, dass du Rekruten und Soldaten hier einer Überprüfung unterziehst und sie, wenn sie physisch und psychisch geeignet sind, in den Methoden der Krähen unterweist.“
„Wenn’s weiter nichts ist“, erwiderte Zev trocken.
„Keine Angst, du wirst ordentlich bezahlt“, erwiderte ich. „Zusätzlich zu dem Schutz, den wir dir gewähren.“
Varel war unruhig; ich wusste, er wollte mich sprechen. Ich bat ihn, mir in ein Nebenzimmer zu folgen, da mischte sich Roland ein: „Ich sehe, Ihr macht Euch Sorgen um Meister Airanis Vertrauenswürdigkeit. Das braucht Ihr nicht.“ Varel sah Roland überrascht, fast ungläubig, an. Roland fuhr fort: „Meister Airani hat sich bei einem Überfall der Krähen auf uns in Denerim auf unsere Seite geschlagen, obwohl er das nicht hätte tun müssen. Er ist unserer Kommandantin und den Grauen Wächtern treu ergeben und absolut loyal. Meiner Meinung nach kann er uns unschätzbare Dienste leisten, und es ist mehr als angemessen, dass wir ihm Schutz gewähren.“ Das überzeugte Varel; ich sah meinen Mann dankbar an. Das musste ihn Überwindung gekostet  haben.
„Man müsste jemanden in Denerim haben…“ sinnierte ich.
„Du traust ihm nicht, oder?“ fragte Roland.
„Kein bisschen“, gestand ich. „Schau mal: Alistair wollte den Thron nicht. Eamon hat drauf bestanden. Nimm jetzt die Tatsache, dass unser geliebter König Eamon fast blind vertraut. Und der weiß das.“
„Glaubst du, er wollte mehr Macht? Alistair als Marionette?“
„Für denkbar halte ich es. Zum Glück hat sich Alistair dazu durchringen können, Anora hinrichten zu lassen; wenigstens wegen ihr muss ich mir keine Sorgen machen.“ Anora war Cailans Witwe gewesen, und sie war es gewesen, die in Wahrheit das Land regiert hatte. Verständlicherweise hatte sie sich geweigert, Alistair die Treue zu schwören, nachdem dieser ihren Vater hingerichtet hatte; daraufhin war sie unter Überwachung in ihrem Teyrnir Gwaren festgesetzt worden. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sich Alistair zu der Hinrichtung hatte durchringen können, aber letztlich hatten ihm Hinweise auf Intrigen Anoras gegen ihn keine Wahl gelassen.
Roland schmunzelte: „Und du sagst, du kommst mit menschlicher Politik nicht zurecht!“ Ernster fügte er hinzu: „Wie willst du das anstellen, jemanden in Denerim? Die Wächter müssen neutral bleiben.“
Zev mischte sich ein: „Erinnert ihr euch an Meister Fernando? Ich könnte ihn kontaktieren, inoffiziell natürlich.“ Fernando war der höchste Abgesandte der Krähen in Ferelden und hielt sich in Denerim auf.
„Gut, setz dich mit ihm in Verbindung, finde heraus, was er haben will. Aber bevor du das machst, lass mich Alistair kontaktieren.“
„Hältst du das für klug?“ wollte Zev wissen.
„Wir können jedenfalls nicht hinter seinem Rücken Eamon ausspionieren“, erwiderte ich. „Außerdem hat er mich gebeten, Ausschau zu halten, bis er  sich einen zuverlässigen Geheimdienst aufgebaut hat.  Ich bin zwar sicher,  dass er dabei nicht an Eamon gedacht hat… Ich glaube, ich werde ihm Leliana  vorschlagen, wenn sie einverstanden ist. Sie ist keine Wächterin und muss nicht so vorsichtig agieren wie wir.“

Kaum hatte Lyna fertig gesprochen, als sie lautlos zusammensackte und von ihrem Sessel glitt. Ich sprang erschrocken auf, machte einen langen Schritt und hob sie vom Boden auf. „Lasst nach Anders schicken“, befahl ich Varel.
„Jawohl, Ser Gilmore!“
Ich trug meine geliebte Elfe in ihr Bett. Mit Entsetzen registrierte ich, wie dünn sie geworden war. Überschüssiges Fett hatte sie noch nie gehabt, aber jetzt war sie nur noch Haut und Knochen. Als sie lag, deckte ich sie zu und sah sie an. In ihr scharfgeschnittenes, feines Gesicht hatten sich Linien gegraben, die vorher nicht dagewesen waren, und sie hatte tiefe Schatten unter den Augen. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich ihren Zustand nicht eher bemerkt hatte. Kurz nach meiner Ankunft war ich aber zu aufgebracht gewesen, und danach hatte sie mich auf den neuesten Stand gebracht. Anschließend die Besprechung mit Zevran und Varel… Ich hätte einhaken müssen, als sie mir anvertraut hatte, dass es ihr nicht gut ging und nahm mir vor, die Zwillinge herzuholen, sobald hier alles in geregelten Bahnen lief. Ich vermisste sie ebenfalls, es waren auch meine Kinder. Es klopfte. Anders steckte seinen Kopf durch die Tür.
„Komm rein“, forderte ich ihn auf.
„Was hat sie?“ fragte der Magier, sichtlich besorgt.
„Ich hatte gehofft, das könntest du mir sagen.“
Anders untersuchte Lyna sehr sorgfältig. Er fühlte Puls und Temperatur, hob ihre Augenlider und betrachtete ihr Gesicht eingehend, bevor er sagte: „Wahrscheinlich ist sie nur erschöpft, sie hat sich die letzten Monate ziemlich kaputt gearbeitet. Zur Sicherheit werde ich sie aber noch magisch untersuchen. Erschrick nicht, ihr passiert nichts.“ Damit kniete er sich vor das Bett, schloss die Augen und strich mit den Händen flach durch die Luft, parallel über ihrem Körper. Der Raum dazwischen füllte sich mit einem blauweiß schimmernden Licht; Anders traten die Schweißtropfen auf die Stirn. Schließlich verblasste das Licht, und der Magier schlug die Augen wieder auf. Er richtete sich leicht schwankend auf und erklärte: „Es ist wirklich nichts als Erschöpfung, allerdings geht sie tiefer, als ich dachte. Sie muss als erstes ausschlafen, aber wenn sie wach ist, musst du aufpassen, dass sie sich nicht übernimmt, und du musst dafür sorgen, dass sie regelmäßig rauskommt und genug isst. Auf uns hat sie nicht gehört, was hätten wir tun sollen, sie ist nun mal die Kommandantin. Ich habe die Hoffnung, dass sie auf dich hören wird, du bist ihr Mann.“ Der Magier schwankte wieder leicht. „Ich habe aber auch eine Art innere Erschöpfung gespürt. Woher könnte das kommen?“
„Wir haben Kinder, Zwillinge, die bald ein Jahr alt werden. Lyna vermisst die beiden furchtbar, und sie hat sich von der Geburt noch nicht ganz erholt. Elfen sind zarter als Menschen, und das menschliche Erbe schlägt wohl so gut wie immer durch.“
„Pass ja auf sie auf!“ sagte Anders plötzlich impulsiv.
„Du bist ihr sehr dankbar, nicht?“ fragte ich.
„Wie könnte ich es nicht sein?“ erwiderte Anders leise. „Sie hat mich den Templern vor der Nase weggeschnappt und mir ausgeredet, selber in ihre Falle zu tappen.“ Er sah mich eindringlich an: „Deine Elfe ist freundlich, klug und schön, Roland. Und solltest du ihr wehtun, werde ich dich dafür zur Rechenschaft ziehen. Obwohl ich mich da wohl hinten anstellen müsste...“
Ich lächelte wehmütig: „Ja, sie hatte schon damals die Gabe, Loyalität in anderen zu wecken. Sie ist diejenige, die uns zusammengehalten hat; wir haben teilweise nur aus Freundschaft und Liebe zu ihr Seite an Seite gekämpft und alle persönlichen Differenzen hintan gestellt.“
„Du entschuldigst mich, Roland, ich muss mich ausruhen. Ich werde regelmäßig nach ihr schauen. Wenn irgendeine sichtbare Veränderung eintritt, lass nach mir schicken!“ Mit diesen Worten drehte sich der Geistheiler um und verließ den Raum.
Review schreiben