Rusty will kein großer Bruder sein

von Xella Sky
OneshotDrama, Familie / P12
Rusty Beck
02.09.2018
02.09.2018
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Der Oneshot spielt relativ am Anfang von Staffel 5 und versteht sich als eine Art Missing scene.



Rusty packte seine braune Umhängetasche, grub seine Finger in das weiche Leder und drückte sie näher an seinen Körper heran. Er schwitzte in der Nachmittagssonne, die den nicht überdachten Bahnsteig fest im Griff hatte. Staubteilchen tanzten in der Luft. Tauben gurrten. Das Stimmengemurmel der Pendler schloss ihn ein. Alles in allem eine alltägliche Szene. Es gab keinen Grund nervös zu sein, doch er war es. Vielleicht lag es daran, dass er sich an einem Ort aufhielt, den er noch niemals zuvor aufgesucht hatte. Vielleicht auch daran, dass er weder Sharon noch Gus erzählt hatte, wo er sich befand und vor allem, wie er von dort wieder wegzukommen gedachte. Vielleicht aber auch daran, dass er heute von seiner täglichen Routine abgewichen war und seine Studienseminare geschwänzt hatte.
Einfach so. Ungeplant.
Er wollte nachdenken und dabei nicht gestört werden. Am besten konnte man sowas in der anonymen Öffentlichkeit.

Schon den ganzen Tag ließ Rusty sich durch L.A. treiben. Benutzte wahllos öffentliche Verkehrsmittel. Stieg einfach irgendwo ein, ohne darauf zu achten, wo es hingehen sollte. Stieg wieder aus und schlenderte durch die Straßen. Viel im Magen hatte er nicht, doch nachdem er vor Stunden an einem Hotdog-Stand Halt gemacht und der Hotdog sich nach dem Verzehr wie Blei im Magen angefühlt hatte, verzichtete er gern auf weitere kulinarische Experimente.

Der Trageriemen seiner Tasche schnitt ihm in die Schulter, doch Rusty versuchte es zu ignorieren. Er hatte die Seiten schon so oft gewechselt, dass ihm seine Schulter auf beiden Seiten gleichmäßig weh tat und es keine Rolle mehr spielte. Lieber ertrug er allerdings den Schmerz, als seine Tasche auch nur einen Moment abzusetzen. Der Inhalt war ihm zu wertvoll. Sein Studienlaptop und sein Notizbuch befanden sich darin. Er hatte einen Brief an seine biologische Mutter angefangen und versuchte ihr zu schreiben, was er nicht aussprechen konnte.

Das Smartphone in seiner Gesäßtasche vibrierte. Das musste Gus sein.
Rusty angelte es mit seiner rechten heraus und warf einen kurzen Blick auf das Display.
Er hatte richtig geraten. Gus.

„Wo bist du?“, stand da zu lesen.

Rusty war nicht überrascht. Gus kannte seinen Seminarplan und er war inzwischen überfällig.

„Lerngruppe! Wird noch dauern.“

Er tippte diese Lüge ohne viel Federlesens ein und schickte die Nachricht ab.
Normalerweise hatten sie keine Geheimnisse voreinander, doch heute war kein gewöhnlicher Tag. Es war der Tag, an dem er sich daran gewöhnen musste, dass er bald ein großer Bruder sein würde.
Oder auch nicht.
Wenn es nach ihm ging, dann ganz klar nicht.

Gestern hatte ihm Sharon im Büro von Major Crimes eröffnet, dass seine biologische Mutter schwanger war. Er war aus allen Wolken gefallen. Diese Nachricht war eine absolute Vollkatastrophe! Und natürlich hatte seine Mutter es seiner Adoptivmum erzählt, aber nicht ihm. Das ärgerte ihn am meisten. Wenn sie zu ihm gekommen wäre, hätte er ihr was gehustet.
Vermutlich deshalb. Seine Mutter hatte Angst vor seinem Urteil. Zurecht.
Wie konnte sie nur? Wie konnte sie nur nach ihm noch ein Kind bekommen, obwohl sie doch sicher unter den unfähigsten Mums locker in den Top 10 rangierte. Und als ob diese Information nicht schlimm genug gewesen wäre, hatte sie sich als Kindsvater auch noch den übelsten Mann herausgesucht, den man sich nur denken konnte. Rustys ehemaligen Stiefvater.
Nur mit Müh und Not hatte Rusty seine Kindheit und  Jugend überlebt. Er hatte Glück gehabt und das verdankte er nicht seinem Elternhaus. Wenn er nicht auf besondere Menschen bei Major Crimes gestoßen wäre, dann wäre es sicher übel für ihn ausgegangen.

Rusty war so frustriert. Am liebsten hätte er geschrien. Doch sowas verbot sich in der Öffentlichkeit. Natürlich. Sie würden ihn sonst für verrückt erklären. Die negativen Emotionen hielten ihn so stark gefangen, dass er seine Umgebung nur eingeschränkt wahrnahm.

Plötzlich fiel ihm trotz allem eine Bewegung ins Auge. Da war etwas auf den Gleisen. Eine Bewegung, die dort nicht hingehörte.
Ein Kind. Ein kleiner Junge. Höchstens drei Jahre alt.
Er saß auf dem Gleisbett, direkt neben den Schienen und blickte verwundert in die Welt. Vermutlich war er in einem unbeobachteten Moment hinuntergefallen.
Sekunden vergingen, bis Rusty das, was er sah, mit Reaktionsmöglichkeiten in Verbindung brachte, die ihm sein Gehirn sendete.
Ein Kind saß auf den Gleisen!
Und der Zug?
Der Zug war noch nicht zu sehen, aber das konnte sich schnell ändern.

„Hey, Ihr Kind! Ihr Kind ist auf den Gleisen!“ Rusty begann zu brüllen. Menschen auf dem Bahnsteig gegenüber wendeten ihm das Gesicht zu. Darunter auch ein Mann und eine Frau, die bis dahin mit drei Kindern in verschiedenem Alter beschäftigt gewesen waren. Vermutlich die Eltern.
„Ihr Kind ist auf den Gleisen!“, brüllte Rusty ein zweites Mal und deutete wie ein Irrer mit der Hand auf den Jungen.
Noch mehr Leute starrten ihn an, doch niemand reagierte.
Was war denn nur los mit ihnen?
Rusty war kurz davor, in Panik zu geraten. Er musste etwas tun. Die Alarmsirenen, die in seinem Kopf zu schrillen begannen, durften ihn nicht abhalten.
Mit Todesmut – oder war es Dummheit – sprang er auf das Gleisbett. Mehr instinktiv, als dass er es bewusst machte, überwand er das erste Gleis mit einem einzigen großen Schritt. Vorsicht vor einem tödlichen Stromschlag. Nur am Rande seines Denkens sendete ihm sein Gehirn diese Warnung. Er überwand auch das zweite Gleis und war nun bei dem Jungen.
In einer einzigen fließenden Bewegung packte er den Kleinen, hob ihn hoch und warf ihn auf den Bahnsteig. Vor Schreck fing der Junge an zu weinen, doch er war in Sicherheit.
Rusty hingegen noch nicht.
Die Hände auf den Beton gestützt, stemmte er sich hoch und ließ sich auf den Rücken fallen. Er lebte! Und das Kind auch!
Er atmete noch ein paarmal tief durch, dann stand er wieder auf. Die Mutter hatte in der Zwischenzeit den kleinen Jungen auf den Arm genommen und flüsterte ihm tröstende Worte auf Spanisch zu. Der Vater sah noch immer so aus, als wüsste er gar nicht, was gerade passiert war.
„Hey, Ihr Kind war auf den Gleisen!“, fauchte Rusty den Mann an. „Es hätte sterben können!“ In einer erregten Geste fuchtelte er mit seinen Armen und deutete dann noch einmal auf das Gleisbett. „Sie müssen besser aufpassen! Okay?“
Die anderen Kinder der Familie hatten sich an die Mutter gedrängt. Diese drehte sich mit dem Kleinen auf dem Arm weg. Vermutlich um sich von seiner lauten Stimme abzuwenden.
Der Vater nickte nur. Schaffte es nicht einmal, ihm seinen Dank auszusprechen.
„Sie müssen besser aufpassen“, wiederholte Rusty, doch diesmal nur im Flüsterton.
In diesem Moment fuhr der Zug ein.
Rusty wandte sich ab.

Er verließ den Bahnhof und setzte sich vor dem Eingang auf eine Bank. Das Adrenalin pulste noch immer durch seinen Körper. Im Hintergrund hörte er die Durchsage, dass die letzte Chance zum Einsteigen bestand.
Diese Eltern! Diese traurigen, überforderten Eltern! Genau so war seine Mutter. Nur noch zehnmal überforderter.
Er musste ihr sagen, dass sie das Kind nicht bekommen durfte. Es war seine Pflicht. Und er musste es persönlich tun. Ein Brief würde lange nicht so sehr wirken, wie seine direkten Worte.

Langsam beruhigte sich sein Puls. Er zog sein Smartphone hervor und rief den Chat mit Gus auf.

„Ich wäre gerade beinahe vom Zug überfahren worden!!!“

Sein Finger schwebte über dem Senden-Symbol, doch er berührte es nicht. Das war Quatsch. Er durfte Gus so etwas nicht schreiben. Er würde vor lauter Sorgen wahnsinnig werden.
Er löschte das Geschriebene und tippte:

„Habe gerade einem Kind das Leben gerettet!“

Doch auch diese Nachricht verließ sein Display nicht. Das klang nach Heldenkram oder sich wichtigmachen und mit sowas konnte Rusty nichts anfangen.
Er schloss den Chat und rief stattdessen die App von Uber auf. Er würde sich ein Taxi bestellen und nach Hause fahren lassen. Er musste erst einmal unter die Dusche, bevor er sich Gus, Sharon oder seiner Mutter stellen konnte.
Doch dann, dann würde er seine Mission angehen.
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